Salino & die Furien

Kriminalroman

Kapitel 1

Walther sog schmatzend an dem feuchten Ende des Zigarillos. Vor kurzem war er auf schwarze, wie Lakritzstangen aussehende, Tabakröllchen umgestiegen, um seine Lungen zu entlasten. Leider konnte er sich einfach das tiefe Inhalieren nicht abgewöhnen. Statt mit dem bittersüßlichen Rauch zu gurgeln und ihn zu paffen, sog er ihn tief ein wie eine Zigarette. Der Tabak würde ihn irgendwann umbringen, soviel war gewiss.

Gedankenverloren beäugt er die verstreut herum liegenden Papiere auf der schweren, schwarzen Marmorplatte seines Schreibtisches. Irgendwo mitten in diesem Wust steckte der Fehler. Aber so sehr sich Walther bemühte, er fand ihn einfach nicht. Walther kratzte sich am Kopf und studierte aufmerksam seine Randnotizen. Es war zum Verzweifeln. 75 integrierte Bauteile mit der Kennung 63B1401 waren eingekauft worden. Doch in den Unterlagen gab es nicht den geringsten Hinweis, für welche Baugruppe solche Teile überhaupt benötigt wurden.

Vielleicht hatte sie jemand für seinen Privatgebrauch über die Firma bestellt? Wenn ja, dann war das glatter Betrug. Und es ging hier nicht eben um eine Kleinigkeit. Jeder dieser Chips kostete 290,– Euro. Das machte 21.750,– zuzüglich Mehrwertsteuer.

Walther schüttelte nachdenklich den Kopf. Wenn es sich hierbei nicht um eine riesige Schlamperei handelte, womöglich um einen Bestellfehler, dann hatte ihn jemand aus der Firma betrogen. Er überlegte, ob er Webermann, seinen Prokuristen anrufen und herbitten sollte.

Kurz nach neun. Etwas zu spät vielleicht. So groß war die Summe nun auch wieder nicht, dass man dafür jemanden spät abends vom Esstisch zurückpfiff. Andererseits ging es ums Prinzip. Webermann war in diesem Fall der Verantwortliche und Walther würde ihn spätestens morgen früh zur Rede stellen.

Er schob die Papiere zu einem kleinen Stapel zusammen. Jetzt wollte er sich noch die Belege des vorigen Monats ansehen. Walther hoffte stark, dass er nicht auch dort fündig wurde. Das ganze konnte sich leicht als umfangreiches Betrugsmanöver entpuppen. Doch das Telefon hielt ihn vorerst von seinem Vorhaben ab.

Seine Frau! Walther fasste sich erschöpft an die Stirn. Marianne klang nicht gerade begeistert, als er sagte, dass er noch einige Zeit im Büro zu tun hätte. Sie wartete mit dem Essen auf ihn. Vermutlich hatte er vergessen, dass heute sein 21. Hochzeitstag war. Und seine Frau dachte nicht daran, ihn davon in Kenntnis zu setzen.

*

Marianne hatte sich nach allen Regeln der Kunst zurecht gemacht und saß bereits seit zwei Stunden vor einem schön gedeckten Tisch, mit einem inzwischen kalten Braten und verloschenen Kerzen. Es war nicht das erste Mal und es würde auch nicht das letzte Mal bleiben, dass sie vergeblich auf ihren Mann wartete.

Seine Firma ging ihm halt über alles. Marianne seufzte und legte enttäuscht den Hörer auf. Sie würde nicht länger warten. Erfahrungswerte. Das hätte nun wirklich keinen Zweck. Sie zog die Brillanten bestückten Ohrclips ab und warf sie achtlos auf den Tisch. Dann stieg sie wutgelähmt die Treppe hinauf, um ihren Ärger in einem entspannenden Kräuterschaumbad zu ertränken.

*

Walther hatte wohl gespürt, dass seine Frau enttäuscht war. Er hatte sich natürlich gefragt, ob sie dafür einen bestimmten Grund hatte. Früher hätte er sich einfach gesagt, dass wieder mal Alarmstufe Rot angesagt war. Doch darüber war sie, soviel er wusste, längst hinweg. Im Moment war Walther einfach zu beschäftigt, viel zu beschäftigt, um daran übermäßig viele Gedanken zu verschwenden. Es blieb ein Abend der verpassten Möglichkeiten.

Vielleicht, wenn er das feine Gehör einer Fledermaus oder einer Katze gehabt hätte, dann hätte er wenigstens eine geringe Chance gehabt, das Einrasten des Schalldämpfers in den Lauf der vernickelten 45er Automatik zu hören. Zumindest aber das Klacken der Pfennigabsätze auf dem frisch gewischten Linoleum-Fußboden unmittelbar vor der Tür zu seinem Büro wäre ihm nicht entgangen. Aber all das hörte er nicht. Er bekam nicht einmal mit, dass seine Bürotür langsam und leise geöffnet wurde.

*

Michael fror. Die Nacht war feucht und seine Hose bereits klamm. Er hatte gerade noch genug Geld in der Tasche, um sich in der letzten offenen Kneipe zwei Biere zu leisten. Aber was dann? Was, wenn auch die letzte Kneipe schloss?

Gestern Nacht hatte er in dem Eingang eines Supermarktes übernachtet. Seitdem fühlte er sich völlig verdreckt und die Kälte schien aus seinen Sachen gar nicht mehr rauszugehen. Spätestens morgen musste er darüber nachdenken, wie und wo er sich mal duschen könnte. Die Klamotten mussten auch gewaschen werden. Vielleicht könnte er bei Doris klingeln und nach seinen anderen Sachen fragen.

Womöglich waren sie dort aber auch gar nicht mehr. Die meisten Sachen, die etwas wert waren, hatte er selbst bereits beim Pfandleiher versetzt, um seine Mietrückstände zu bezahlen. Doch nach weiteren drei Monaten Mietschulden hatte Doris ihn aus der Wohngemeinschaft gejagt.

Tolle Freunde. Was konnte er dafür, dass er nach der Lehre keine Stelle gefunden hatte? Alle hatten gesagt: „Mach eine Lehre, dann hast du was in der Hand.“ So ein Schwachsinn. Er hätte damals lieber den Job als Animateur in dem Ferienclub auf Ibiza annehmen sollen. Wenn er dort arbeitslos geworden wäre, würde er heute wenigstens nicht frieren. Aber nein, er musste ja auf all die anderen Schlauberger hören und einen richtigen Beruf ergreifen. Zur Belohnung saß er jetzt auf der Straße, fror und wusste nicht wohin.

„Na, keine Lust rein zu gehen?“

Michael sah auf den hell erleuchteten Eingang der Kneipe. Er stand hier schon einige Minuten unschlüssig herum. Dann sah er den Mann an, der ihn angesprochen hatte. Gleichmäßig gestutzter Vollbart, so um die fünfzig, sehr gepflegt, nicht gerade groß, aber er trug eine schwarze Lederweste, die mit diversen silbernen Stickern besetzt war.
„Weiß nicht“, antwortete Michael und zuckte leicht schauernd mit den Achseln.

Der Mann hielt die Tür auf und wollte gerade lächelnd in der Kneipe verschwinden. Doch dann drehte er sich noch einmal um.

„Ist doch viel zu kalt hier draußen. Komm mit rein, ich geb’ dir einen aus.“

„Okay“, sagte Michael, ohne zu zögern. Denn das hieß, sich auf alle Fälle eine Stunde lang kostenlos aufwärmen zu können.

Olaf bestellt ihnen ein Bier und sie setzten sich an den Tresen. Olaf war Lehrer am Ernst Deutsch-Gymnasium. Im Laufe des Abends gab er Michael noch zwei weitere Biere aus, nachdem er herausgefunden hatte, dass Michael arbeitsloser Drucker war und derzeit keine Bleibe hatte.

Früher waren die Lehrer nie nett zu Michael gewesen. Olaf bot ihm sogar an, dass er bei ihm übernachten könne. Eine wahrlich verlockende Aussicht. Ein warmes Bett, eine warme Dusche, und … ein warmer Olaf. Michael hatte bisher die Hand auf seinem Knie nicht so richtig ernstgenommen. Jetzt zögerte er mit einer Antwort. Das war sowieso ein eigenartiger Laden hier. Kaum Frauen. Na ja. Michael fühlte sich ein wenig angetrunken. Er hatte noch nichts gegessen, aber dafür schon drei große Biere getrunken.

„Ich muss mal“, sagte er und schob sich unter Olafs Hand hinweg vom Hocker. Er brauchte ein bisschen Zeit, um sich Olafs Angebot durch den Kopf gehen zu lassen. Vielleicht war er ja zu misstrauisch und Olaf wollte weiter nichts, als ihm ein Nachtquartier anbieten.

Michael starrte auf den Text über dem Pissoir.

„Nur die Harten kommen in den Garten.“

Was sollte das bedeuten? Es war Olaf, der sich am Nachbarpissoir umständlich entblößte. Michael musste nicht hinsehen, um das zu wissen. Man konnte seinen Pimmel beim Pissen auf viele Arten halten. Mit zwei Fingern, mit dreien oder wie auch immer. Aber eines war sicher. Bei einer vollen Blase bedurfte es keinerlei Pumpbewegung mit der Hand, um sich zu erleichtern.

Beiläufig drehte Michael den Kopf. Olaf grinste breit. Michaels Blick wanderte hinunter und wieder hinauf zu Olafs Grinsen. Jetzt war er sicher, dass Olaf ihm mehr als nur eine Möglichkeit der Übernachtung bieten wollte. Michael schaute wieder hinunter zu dem kleinen anschwellenden Olaf. Einen Moment dachte er ernsthaft darüber nach. Er dachte sogar daran, dass er nicht nur ein Nachtquartier, sondern vielleicht auch noch etwas Bargeld mitnehmen könnte. Wirklich schocken tat ihn die Vorstellung in diesem Moment nicht. Aber er mochte dieses siegessichere Grinsen nicht, mit dem Olaf seine Gedanken zu lesen schien. Michael packte ein und ging wieder hinauf an den Tresen. Nur eine Minute später kam Olaf nach.

„Vielen Dank für das Bier“, sagte Michael freundlich. „Aber ich glaube, ich muss jetzt gehen.“

Olaf sah ihn enttäuscht an. „Bist du sicher? Wo willst du denn hin?“

Michael hatte keine Ahnung. Er hatte dieser Frage im Moment noch keinerlei Beachtung geschenkt. Aber nachdem die Frage nun einmal gestellt worden war, wusste er es plötzlich. Er hatte da eine Tante in Höxter. Bis auf seinen Vater, den er bitte nie im Leben wiedersehen wollte, seine einzige Verwandte. Die könnte er ja wenigstens mal für ein paar Tage besuchen. Immer noch besser, als sich von irgendwelchen schwulen Lehrern aushalten zu lassen.

„Zu meiner Tante nach Höxter“, antwortete Michael so prompt, als ob das schon immer sein Plan gewesen wäre.

„Jetzt?“ fragte Olaf und sah ihn verwirrt an. „Es ist fast ein Uhr nachts. Wie willst du denn um diese Uhrzeit nach Höxter kommen? Das sind gut 80 Kilometer.“

Darüber hatte Michael natürlich noch nicht nachgedacht. Die Idee seine Tante zu besuchen, war ihm ja eben erst gekommen.

„Keine Ahnung, wahrscheinlich per Anhalter.“

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst?!“ behauptete Olaf entgeistert.

Doch, das war Michaels Ernst. Entschlossen zog er seine Jacke an, bedankte sich noch einmal bei Olaf und verließ die Kneipe.

*

Draußen war es inzwischen noch kälter und noch feuchter geworden. Es war schon ein gewaltiger Fußmarsch, um auch nur eine der Ausfallstraßen zu erreichen, von der aus er trampen konnte. Michael stand unschlüssig auf der Straße herum. Wahrscheinlich war die Idee tatsächlich nicht besonders gut. Hinter ihm wurde die Tür der Kneipe geöffnet.
„Eine wirklich schwachsinnige Idee“, behauptete Olaf. „Aber wenn du willst, fahre ich dich nach Höxter.“

Michael grinste. Offensichtlich hatte Olaf einen Narren an ihm gefressen. Das musste er wohl ausnutzen. Olaf fuhr einen nagelneuen Rover. Der Wagen war warm und die Sitze bequem und es dauerte nur wenige Minuten, bis sie auf die Bundesstraße nach Höxter einbogen. Michael kämpfte gegen die einsetzende Müdigkeit an. In einer dreiviertel Stunde würde er seiner Tante gegenüberstehen. Die fand es bestimmt nicht amüsant, nachts um 2 aus dem Bett geklingelt zu werden.

*

Die Straßen waren absolut leer. Bald hatten sie mehr als die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht. Vermutlich waren sie die Einzigen, die zu so später Stunde mitten in der Woche unterwegs waren.

Olaf blinkte ordnungsgemäß und bog mitten im Solling, gleich hinter Schießhaus, in einen kleinen Feldweg ein. Wahrscheinlich musste er eine Pinkelpause einlegen. Es war aber wirklich unnötig, sich deshalb mehr als 100 Meter von der Landstraße zu entfernen. Olaf fuhr immer tiefer in den dichten Wald hinein.

„Wo willst du hin?“ fragte Michael übermüdet.

Olaf antwortete nicht, er stoppte kurz und bog rückwärts nach links ein. Offensichtlich wollte er wenden. Wenn er nicht aufpasste, blieben sie hier auf diesem matschigen Wirtschaftsweg stecken. Aber der Rover zog brav seine Spur durch den aufgeweichten Boden. Bis er stehenblieb. Olaf ließ den Motor absterben und schaltete das Licht aus.

„Und was jetzt?“ wollte Michael wissen.

Olaf griff nach einem Päckchen Zigaretten auf dem Armaturenbrett und steckte sich eine an. Dann öffnete er den Reißverschluss seiner Hose.

„Was soll denn das?“

„Willst du von hier aus zu Fuß laufen?“ fragte Olaf mit einem bissigen Unterton.

Michael spürte, wie seine Müdigkeit verflog und heftige Wut in ihm aufstieg. Er blieb stumm im Wagen sitzen.

„Nun mach schon“, forderte Olaf ihn auf.

„Nee.“

Olaf zog den Rauch der Zigarette tief ein und lachte leise. Michael wusste, dass er hier nicht aussteigen würde. Nachts allein im Wald, das war ein Alptraum. Am liebsten hätte er Olaf einfach ein paar in die Fresse gehauen. Aber das brachte ihn von hier auch nicht weg. Langsam griff Olaf nach seiner Hand. Widerwillig ließ Michael sie auf Olafs Schoß ablegen. Dieser kleine Wicht schwoll rasch zu seiner Maximalgröße an, wenngleich das auch nicht viel mehr als eine knappe Handbreit war. Was sollte daran schon so schlimm sein. Lustlos zupfte Michael an Olafs Glied herum. Doch damit war der natürlich überhaupt nicht zufrieden.

Michael ahnte schon, worauf das hinauslief. Er leistete keinen großen Widerstand mehr, als Olaf Michaels Kopf in seinen Schoß drückte. Es war das erste Mal, dass Michael so etwas machte und er fand es wenig erquicklich. Vor allem, dass Olaf seinen Kopf festhielt, während sein weiches Etwas wie eine Zahnbürste durch seinen Mund fegte. Olaf hingegen schien das sehr zu genießen. Er gab während des Rauchens immer wieder halb verschluckte Grunzlaute von sich. Nach kurzer Zeit hatte sich Michael damit abgefunden und setzte alles daran, es möglichst schnell hinter sich zu bringen.

„Was ist das denn?“ fragte Olaf plötzlich. Michael wusste nicht, was er meinte. „Da ist doch jemand!“

Olaf blendete kurz das Fernlicht auf. „Da vergräbt doch jemand was!“ Michael hätte sich das auch gerne angesehen, aber Olaf presste seinen Kopf weiterhin fest in seinen Schoß.

„Was zum Teufel …“ In diesem Moment hatte wohl ein anderer Wagen ebenfalls sein Fernlicht eingeschaltet. Das Innere des Rovers wurde taghell erleuchtet. Olaf hielt sich den Arm mit der Zigarette vor die Augen, um nicht so stark geblendet zu werden.


„Wer ist denn das?“ fragte er und schien ein wenig verunsichert. Michael hörte einen dumpfen Schlag und kleine Bröckchen rieselten auf seinen Kopf hinunter. Olaf wurde offensichtlich von irgendetwas zurückgeschleudert und kippte dann kraftlos nach vorn. Dabei klemmte er Michaels Kopf unglücklich unter dem Lenkrad ein. Aus den Augenwinkeln sah Michael kleine, abgerundete Bröckchen des Sicherheitsglases auf Olafs Hose und ein paar Tropfen Öl.

Nein. Das war Blut. Es tropfte von irgendwo da oben herunter und sammelte sich in einer kleinen Pfütze auf Olafs linkem Bein. Michael hätte jetzt wirklich gerne nachgesehen, was da oben los war. Aber sein Kopf war noch immer eingeklemmt und er bekam kaum noch Luft da unten.

*

So allmählich machte sich Marianne aber doch Sorgen. Immerhin war es jetzt bald 2 Uhr. Sie rief nochmals im Büro an.

Walther nahm nicht ab.

Vielleicht hatte er sich gerade auf den Weg nach Hause gemacht. Dann musste er in spätestens 15 Minuten da sein.

Marianne entschied sich dazu, noch ein wenig abzuwarten. Aber vorsorglich zog sie sich schon mal etwas über. Nachdem weitere zwanzig Minuten vergangen waren beschloss sie, die Strecke bis zur Fabrik abzufahren. Womöglich hatte ihr Mann einen Unfall gehabt.

Marianne nahm den XJS. Mit dem Benz war ja ihr Mann unterwegs. Sie starrte durch die Frontscheibe hinaus in die Dunkelheit. Die Scheinwerfer erleuchteten die Straße und die Gräben auf beiden Seiten des Weges. Nichts.

Sie war schon fast bei der Fabrik, als rechts aus dem Wald ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit heraus auf die Straße schlitterte. Beinahe wäre es Marianne gewesen, die den Unfall gehabt hätte. Der rote Alfa schleuderte ein-, zweimal hin und her und verteilte dabei eine Menge Dreck auf der Straße. Aber kurz bevor er mit Mariannes Wagen zusammenstoßen konnte, fing der andere Fahrer den Wagen ab und verschwand ohne Licht in die Richtung, aus der Marianne gekommen war.

Der XJS kam fast zum Stillstand. Marianne atmete tief durch. Was war das denn? Wer kurvte denn hier nachts ohne Licht durch den Wald? Marianne sah in den Rückspiegel, aber der Wagen war längst hinter der nächsten Biegung verschwunden. Sie hatte sich nicht einmal das Kennzeichen merken können, obwohl der Fahrer unbedingt eine Anzeige verdient hätte.

Langsam kam der Jaguar wieder auf Touren. Mit mäßigem Tempo bog Marianne wenig später auf den Parkplatz des Fabrikgeländes ein. Der Parkplatz war leer. Bis auf den Mercedes. Der stand auf seinem reservierten Platz. Marianne parkte unmittelbar daneben.

Ihr Mann musste noch im Büro sein.

Aber warum ging er nicht ans Telefon?

Womöglich war er über seinen Akten eingeschlafen.

Ein ängstlicher Typ war Marianne nun wirklich nicht. Aber die Stille in dem Fabrikkomplex und die langen, bläulichen Schatten, die das Mondlicht durch die Fenster warf, ließen sie doch ein wenig frösteln.

An der Tür zu Walthers Büro zögerte sie. Wenn die Gerüchte wegen seiner Sekretärin nun doch nicht völlig unbegründet waren, und sie die beiden jetzt in flagranti ertappte? Darauf wäre sie nicht vorbereitet. Sie stimmte sich kurz auf diese Möglichkeit ein und riss dann beherzt die Tür auf.

Nur auf dem Tisch brannte eine kleine Tischleuchte. Ansonsten war es dunkel. Ihr Mann saß in seinem Bürostuhl und man hätte meinen können, dass er schlief. Aber aus dem halb geöffneten Mund kamen aber keine Schnarchlaute und das kleine dunkelblau angelaufene Loch in seiner Stirn ließ viel eher eine andere Vermutung zu.

Und dann waren da noch die Augen. Sie standen weit offen und starrten an die Decke. Marianne war nicht zimperlich. Noch nie gewesen. Sie schrie nicht spitz auf, wie man es von einer Frau erwarten durfte, die ohne Vorwarnung ihren erschossenen Ehemann fand, sondern ging seelenruhig zum Telefon und wählte die Nummer der Polizei.

Nachdem sie die Meldung erstattet hatte, schaute sie wieder nach ihrem Gatten. Vielleicht sollte sie seinen Puls messen?

Unsinn, mit so einem Loch im Kopf hatte man mit Sicherheit keinen Puls mehr. Marianne starrte auf das Loch in der Stirn, das immer größer zu werden schien. Nein, um keinen Preis würde sie ihn anfassen, eher würde sie …

*

Michael stemmte sich mit aller Kraft gegen die Lenksäule. Er zerrte an Olafs Knie herum, bis er endlich freikam. Vorsichtig hob er den Kopf bis an den Rand des Armaturenbrettes. Olafs Hand lag dabei immer noch schlaff auf seinem Hinterkopf. Die Scheibe war gesplittert. Tausend kleine Glasstückchen verhinderten die Aussicht. Vielleicht war das auch ganz gut so.

Olafs Kopf lag auf dem Lenkrad und schaute ihn ziemlich verwirrt an. Aus dem Loch in der Stirn rann ein kleiner Blutbach, der seinen Weg hinunter bis zum Kinn fand und dort irgendwo verschwand. Mehr Blut war nicht zu sehen. Michael schob endlich Olafs Hand beiseite. Draußen blieb alles ruhig. Langsam arbeitete sich Michael bis zu dem Loch in der Scheibe vor. Hier konnte er endlich einen Blick nach draußen werfen. Jemand fluchte laut.

Er sah, wie sich gegen die Scheinwerfer des anderen Wagens deutlich eine Silhouette abhob. Eine Frau stakste offenbar mit hochhackigen Schuhen durch den Schlamm auf den anderen Wagen zu. In der locker herunterhängenden Hand hielt sie eine Waffe mit einem ziemlich langen Lauf.

„Ein Schalldämpfer“, murmelte Michael zu sich selbst.

Hoffentlich hatte er auch wirklich nur gemurmelt. Die Person mit der Waffe hielt einen Moment inne und drehte sich noch einmal um. Sie war jetzt fast bei ihrem Wagen. Noch ein Schritt und sie war hinter den Scheinwerfern verschwunden. Sekunden später erlosch das Licht. Michael sah Sternchen. Er duckte sich und versuchte, sich möglichst schnell an die Dunkelheit zu gewöhnen.

Draußen wurde ein Motor gestartet. Kurz drauf entfernte sich Geräusch. Er wurde wieder still. Unheimlich still.

Michael war allein. Ein Gutes hatte die Sache für ihn. Ein unerfreulicher Höhepunkt im Leben des Lehrers Olaf war ihm somit erspart geblieben. Der Nachteil war jedoch, dass er nun machen konnte, was er wollte. Olaf würde ihn nun nicht mehr nach Höxter bringen. Todsicher nicht.

Er nahm sich eine von Olafs Zigaretten aus der Packung. Eigentlich rauchte er schon seit einem Jahr nicht mehr. Aber diese Zigarette tat ihm jetzt ganz sicher gut.

*

Im Prinzip war die Sache klar. Er war hier allein im Wald und bis zum Morgengrauen würde er mit Sicherheit nicht neben dem toten Olaf im Wagen sitzen bleiben. Michael öffnete die Tür und stieg so leise wie möglich aus. Nichts. Vorsorglich nahm er die restlichen Zigaretten mit. Hier war niemand mehr. Aber so leise, wie es eben noch den Anschein gehabt hatte, war es in dem Wald nicht. Überall knackten Äste, fahles Mondlicht zauberte unendliche Gestalten in die Dunkelheit um ihn herum. Doch die Totenstille in Olafs Wagen erschien ihm mindestens genauso unheimlich.

Beherzt schlug er die Autotür zu. Das war gigantisch laut und verscheuchte mit Sicherheit eine Menge der Gespenster, die hier draußen auf ihn lauerten.

Er war noch keine fünfzig Meter durch den aufgeweichten Boden gestapft, da konnte er den Rover schon kaum noch sehen. Michael riss sich zusammen. Er beschloss, nicht rechts und nicht links zu hören, sondern diesen verdammten Waldweg stur entlang zu marschieren, bis er wieder auf die Landstraße traf.

Besonders lange brauchte er für die paar hundert Meter nicht. Er glaubte schon die Straße sehen zu können, da hörte er ein Geräusch in der Dunkelheit, das eindeutig nicht von einem Tier stammte. Michael blieb stehen. Das Geräusch kam schnell näher. Es wurde lauter und plötzlich zerriss ein blauer Lichtblitz die Dunkelheit. Noch einer. Und noch einer. Michael kauerte sich hin. Der ganze Wald schien blau zu blinken.

Dann wusste Michael plötzlich, was los war. Polizei! So schnell? Wie konnte das sein? Michael dachte nicht lange nach. Im Kopf sah er bereits die Schlagzeilen. Stricher bringt Freier auf Waldweg um. Raubmord! Wegen eines Päckchens Zigaretten musste ein Lehrer sterben! Wie oft hatte er so einen Mist schon gelesen?

Michael sprang auf und rannte kopflos hinein ins Gehölz neben dem Feldweg. Äste krachten. Zweige schlugen ihm ins Gesicht. Er stolperte. Fing sich. Stolperte. Fing sich … nicht. Ein abgestorbener Ast bohrte sich in seinen Arm. Das tat weh. Aber Michael nahm keine Rücksicht darauf. Er rappelte sich auf und rannte etwas vorsichtiger immer tiefer in den Wald hinein.

Die Lichter schienen ihm nicht zu folgen. Michael drehte sich um. Sie fuhren mit hoher Geschwindigkeit an ihm vorbei. Ganz offensichtlich waren sie nicht in den Feldweg eingebogen.

Irritiert blieb Michael stehen. Der Feldweg war doch links hinter ihm, oder? Oder nicht? Michael sah, wie die Blaulichter irgendwo in der Dunkelheit verschwanden. Keine Sirene. Kein helles Licht. Sie waren anscheinend vorbeigefahren. Oder?

„Blödmann!“ schimpfte sich Michael selber aus. Er musste zugeben, dass er sich verlaufen hatte. Er konnte nicht einmal mehr sagen, ob der Waldweg hinter ihm oder vor ihm war. Wo war die Landstraße? Wo war hier überhaupt irgendwas? Michael ließ sich fallen. Seine Hose nahm die Feuchtigkeit des Mooses sofort auf. Am liebsten hätte er jetzt laut losgeheult. Was war das bloß alles für ein Scheiß hier?

*

„Die Tür ist verschlossen“, erklärte der Uniformierte.

Kommissar Bruhns knurrte unzufrieden.

„Haider, brechen Sie die Tür auf“, befahl er seinem jungen Kollegen. Haider drehte sich um, nahm drei Schritte Anlauf und verletzte sich an der Schulter. Bruhns schüttelte fassungslos den Kopf. Der Streifenpolizist lachte. Als er Bruhns Blick sah, eilte er ihm zu Hilfe. Drei Sekunden später hatte Bruhns zwei Kollegen mit verletzter Schulter vor sich.
„Das wäre doch gelacht“, grunzte der 110-Kilo-Partner des Streifenbeamten und zeigte seinen schwächer gebauten Kollegen mal wie man das machte. Ein Tritt mit dem schweren Stiefel gegen die Glastür und … Nichts war passiert.

„Also wirklich.“

Bruhns ging gelassen zu seinem Dienst-Audi und öffnete den Kofferraum. Als er mit dem pneumatischen Handbohrer zurückkam, hielt sich der 110-Kilo-Bulle die Schulter und den Kopf. Bruhns drängte sich an seinen Kollegen vorbei, setzte den Bohrer an und schoss das Sicherheitsschloss geradezu aus der Tür. Dann drückte er mit der freien Hand den rechten Flügel locker auf.

Die Streifenbeamten folgten Bruhns und Haider deprimiert in die Fabrik. Sie hatten einen Mord gemeldet bekommen. Das war hier in der Gegend eher eine Seltenheit. Zwei weitere Streifenwagen tauchten auf dem Parkplatz auf. Diese Show wollte sich keiner der Dienst habenden Beamten entgehen lassen. Wahrscheinlich kämen gleich noch die Streifenwagen aus allen umliegenden Kreisstädten. Bruhns seufzte. Er hielt das Ganze sowieso für eine Ente.

Bruhns und seine Kollegen suchten alle Stockwerke und Flure ab, bis sie endlich auf einen Lichtschein stießen. Haider riss die Tür auf. Am Boden fand er tatsächlich eine Leiche. Haider beugte sich über sie und fühlte den Puls.

„Chef, Chef! Sie lebt noch!“ brüllte Haider erregt und sprang auf.

„Sicher Haider!“ grunzte Bruhns und ließ den Lichtkegel der Taschenlampe langsam herüber wandern, bis auch Haider den Kerl hinter dem Schreibtisch mit dem Loch im Kopf entdeckte.

„Aber …“, stotterte Haider. „Ein Doppelmord?!“

„Haider! Das hier ist die Leiche!“

„Und das hier?“

„Wer hat denn wohl den Mord gemeldet?“

„Die Ehefrau.“

„Und wer liegt dort ohnmächtig auf dem Boden?“

„Eine Frau?“

„Eben die Ehefrau. Holen Sie endlich einen Sanitäter“, schnauzte Bruhns seinen offenkundig minderbegabten Kollegen energisch an.

„Wenn Sie da mal nicht vorschnell kombinieren, Chef“, warf Haider ein und trug nebenbei einem der Streifenbeamten auf, nach einem Sanitäter zu suchen.

Bruhns öffnete einen Beutel Maaloxan und schlürfte ihn aus. Inzwischen war er davon überzeugt, dass seine Behörde Typen wie Haider nur einstellte, um sich bei den höheren Dienstgraden die Pensionen zu sparen. Bruhns witterte da schon seit langem eine groß angelegte Verschwörung.

*

Michael hatte beschlossen, nicht zu erfrieren. Nicht hier und nicht heute. Schweren Schrittes hatte er sich auf den Weg gemacht. Er konnte nicht sagen, ob er im Kreis lief oder nicht. Aber er wusste, dass er nicht oder zumindest aber weniger fror, solange er sich bewegte.

Im Übrigen war es auch gar nicht kalt genug, um zu erfrieren. Es mochten vielleicht zwei Stunden vergangen sein, seitdem die Blaulichter ihn in die Büsche getrieben hatten. Und jetzt endlich sah er wieder Licht. Künstliches, von Menschen erzeugtes Licht.

Offenbar war er wenigstens nicht im Kreis gelaufen. Er stieß auf einen Maschendrahtzaun, ein weiteres Indiz dafür, dass er auf dem richtigen Weg zurück in die Zivilisation war. Der Zaun führte auf das Licht zu. Doch im nächsten Moment verschwand der helle Punkt. Er leuchtete noch einmal kurz rot auf, dann war Michael wieder allein. Egal, Michael folgte einfach dem Zaun. Der musste ja wohl früher oder später zu einer Straße führen. Niemand baute einen Zaun irgendwo in den Wald, ohne dass dort ein Weg hinführte.

Genau genommen führte der Zaun an einer richtig asphaltierten Straße entlang. Wahrscheinlich war das Licht vorhin ein Auto. Erst jetzt merkte Michael, dass gerade mal zwei Meter links von ihm eine gut ausgebaute Strasse war. Kurzentschlossen sprang er über den kleinen Graben und stand auf festem Boden. Er schaute zurück. Gegen das Mondlicht zog der Weg eine gerade Schneise den Hügel hinauf durch den Wald. Eigentlich hätte er schon ein paar hundert Meter auf diesem Weg laufen können, wenn er ihn nur gesehen hätte.

Der Wald war inzwischen sehr viel lichter geworden. Dort hinten schienen sogar die ersten Straßenlaternen zu sein. Ein Ort. Gott sei Dank! Hier musste er an der Stelle sein, wo vorhin ein Auto gestanden hatte. Es war die Zufahrt zu dem umzäunten Gelände. Das Schloss baumelte haltlos von dem Tor hinab. Michael zögerte. Offenbar war hier jemand eingebrochen.

Seine Neugier siegte über seine Vernunft. Er ging ein paar Schritte näher an das Tor heran. Auf dem Gelände hinter dem Zaun konnte man jede Menge aufgestapelter Fässer erkennen. Michael überlegte, ob er das Tor öffnen sollte, um zu sehen, was die Diebe hier gesucht hatten. Seine Hand griff nach dem Tor. Dann überlegte er wieder. Es war ihm nicht ganz klar, was er zuerst wahrgenommen hatte, die Flammen oder den ohrenbetäubenden Knall. Den Gesetzen der Physik nach wohl die Flammen. Das Tor flog wie von selbst auf und die Druckwelle warf Michael wieder zurück über die Straße bis in den Graben auf der anderen Seite.

Verdutzt richtete er sich wieder auf. Ein Flammenmeer erleuchtete alles um ihn herum taghell. Es knisterte und knackte. Weitere kleinere Detonationen folgten. Einige der Fässer, die dort auf dem Gelände gestapelt waren, schossen wie Raketen in den Himmel. Das war nicht gut. Damit wollte er nichts zu tun haben. Michael rappelte sich auf und begann zu laufen. Nicht die Straße entlang, sondern lieber wieder rüber ins Gehölz. Dank des Feuerscheins konnte er diesmal gut sehen, wohin er lief.

Nach einigen Metern stand er unerwartet am Rande eines kleinen Steinbruchs. Feuerwehr und Polizeisirenen ertönten, als er den Steinbruch fast hinunter geklettert war. Unten führte ein marode asphaltierter Wanderweg bis hinab in die nächste Ortschaft und endlich auf eine befahrene Landstraße.

Bei dem ersten vorbeikommenden Wagen hob Michael den Daumen. Es war wohl so gegen vier Uhr, gleich musste es hell werden und alles würde gut.

Als der Wagen anhielt und er die Beifahrertür geöffnet hatte, sah Michael erst einmal nur all das Blut. Er zögerte einzusteigen. Doch die Frau hinter dem Steuer grinste ihn fröhlich an. Was war das bloß für eine Gegend hier? Oder hatte ihm jemand irgendwelche Drogen in sein letztes Bier gekippt? Saß er vielleicht immer noch in der Kneipe? War dort eingenickt und hatte absurde Alpträume?

Genau! Dieser Olaf hatte ihm etwas ins Bier gekippt und war in Wirklichkeit gerade in diesem Moment dabei, ihn bewusstlos in seine Wohnung zu verschleppen. Und dort würde er …

„Steig endlich ein!“ rief ihn die Frau in die Gegenwart zurück.

Michael war doch nicht blöd. Er hatte das ganze Blut an ihrer Kleidung längst gesehen. Er wollte die Tür zuschmeißen und weglaufen. In diesem Moment fiel sein Blick auf die Seitenwand des Kombis. Schweinemeyer, stand dort in großen, weißen Buchstaben und daneben ein glückliches Ferkel. Vermutlich wäre es weniger glücklich, wenn ihm klar gewesen wäre, was sich im inneren des Kombis verbarg. Eine Menge weißer Plastikwannen voller Einzelteile, seiner Spezies.

„Oh, Kerl“, lachte die Frau. „Hast dich erschreckt, was? Ich fahre nur das Fleisch aus, brauchst wirklich keine Angst haben.“

Willenlos glitt Michael auf den Beifahrersitz. Irgendwie glaubte er ihr kein Wort, aber darauf kam es längst nicht mehr an.

„Wohin?“

„Höxter.“

„Kommst aus der Disco, was?“

Michael antwortete nicht. Er sah auf den Tacho. 120. Sie waren gerade an dem Ortsschild Holzminden vorbei gefahren. Irgendetwas würde ihn heute schon noch umbringen. Der Tag hatte das von Anfang an ausgestrahlt.

Womöglich würde ihm diese wahnsinnige Schlachterin ein hässliches Ende bereiten. Wenn nicht mit ihrem Beil, dann läge er irgendwann schwer verletzt inmitten eines Berges von ordnungsgemäß zerlegtem Schweinefleisch mit zerschmetterten Knochen im Straßengraben. Aber wie der Zufall es wollte, fünfzehn Minuten später stieg Michael in Höxter aus dem Wagen. Quicklebendig. Die Schlachterin kicherte labil, als Michael die Tür Schloss.

„Junge, Junge, Typen gabelt man hier nachts auf“, wunderte sie sich. Und hatte den Benz im nächsten Moment schon wieder auf 80 gebracht.

Als Marianne endlich aus ihrer Ohnmacht erwachte, war das Erste, was sie deutlich erkannte, ein Sanitäter, der ein kleines Fläschchen vor ihrer Nase hin und her schwenkte. Was auch immer das war, es stank scheußlich.

„Nehmen Sie das weg!“ brummte sie mit schwerem Schädel.

„Sie kommt wieder zu sich“, rief jemand weiter hinten im Raum. Ein Blitzlicht blendete sie. Sie in diesem Zustand zu fotografieren war nun wirklich kein netter Zug.

„Lassen Sie das Fotografieren!“ befahl Marianne erbost und rappelte sich mühevoll auf. „Sie sollen das Fotografieren lassen!“ wiederholte sie, als erneut ein Blitz aufflammte. Aber niemand schien sich darum zu kümmern. Dann wurde ihr erst klar, wo sie war und was geschehen war. Der Polizist schoss weiterhin unbeteiligt seine Fotos von der Leiche. Ein Anderer von der Kriminaltechnik wanderte mit einem weißen Overall bekleidet um ihren Mann herum und hielt einen Zollstock an diverse Stellen seines saftlosen Körpers.

„Sie sind Frau Weppert?“ fragte ein älterer Beamter mit tiefen Sorgenfalten im Gesicht, der sich aus der Gruppe um den Schreibtisch gelöst hatte.

Marianne nickte.

„Kommissar Bruhns“, erklärte der Mann und hielt ihr seinen Dienstausweis vor die blasse Nase. „Wenn Sie sich wieder fühlen, hätte ich da einige Fragen an Sie.“

Marianne nickte. Allmählich kam sie unsicher auf die Beine und überragte den Kommissar um gut anderthalb Köpfe. Sie strich ihr Kleid glatt und richtete ihre Haare. „Jederzeit.“

„Vielleicht nicht hier“, murmelte Bruhns und sah sich nach der Leiche und den anderen Beamten um. „Besser, wir gehen in ein anderes Büro!“ Bruhns führte Marianne am Ellenbogen hinaus auf den Flur. Dort kam ihnen Haider aufgeregt entgegen gerannt.

„In Holzminden ist eine Bombe hochgegangen!“ rief er seinem Chef schon von weitem zu. „Sollten wir da nicht hin?“

Bruhns stutzte. Soviel kriminelle Energie wie in dieser Nacht gab es in diesem Landkreis sonst das ganze Jahr über nicht. Die Vernehmung von Frau Weppert hatte aber absolute Priorität. Die meisten Kurzschluss-Täter gestanden laut Statistik innerhalb der ersten zwei Stunden nach der Tat. Oder gar nicht. Danach wurde es schwierig, sie zu überführen. Bruhns war unwohl bei dem Gedanken, dass er Haider allein einen Bombenanschlag untersuchen lassen musste.

„Das BKA ist auch schon auf dem Weg“, tönte Haider ausgelassen. „Wir sollten uns wirklich beeilen.“

Bruhns warf einen forschenden Blick auf Marianne. Nein, diese Frau würde nicht gestehen. Die Ohnmacht war mit Sicherheit die einzige Schwäche gewesen, die sie sich für heute leistete. Das wurde Bruhns beim Anblick ihrer Augen intuitiv klar.

„Wir sprechen uns später“, sagte Bruhns knapp. „Bitte fahren Sie nach Hause. Ich werde Sie im Laufe des Tages aufsuchen. Da sind noch einige Fragen offen.“

Marianne nickte und sah dem eigenwilligen Kommissar nach. Er lief so schwerfällig den Gang hinunter, als wenn er Zementsäcke in den ausgebeulten Manteltaschen hätte. Dann ging Marianne zum Telefon im Empfangszimmer ihres Gatten und klingelte ihre Haushälterin aus dem Bett.

*

Das Haus, in dem Michaels Tante wohnte, lag natürlich nicht mitten in der Stadt, sondern ein wenig außerhalb. Zu Fuß war das immerhin über eine Stunde Marsch. Michael war müde, fror und fand seine Idee mit der Tante überhaupt nicht mehr gut.

Am liebsten wäre er einfach umgekehrt. Aber wohin? In einer Bäckerei hatte er einen Kaffee getrunken, sich ein wenig aufgewärmt und sich dann frustriert auf den Weg gemacht.
Zu allem Überfluss ging es auch noch permanent bergauf. Nicht, dass das Weserbergland seinen Namen wirklich zu recht trug, aber die leichte Steigung merkte Michael in seinem angeschlagenen Zustand schon bald in den Beinen. Die wunderschöne Hanglage und den herrlichen Sonnenaufgang über der östlich gelegenen Hügelkette konnte Michael aus verständlichen Gründen nicht wirklich würdigen. Er war einfach nur froh, endlich am Ziel zu sein. Völlig erschöpft schob er das kleine verwitterte Holzgatter, von dem die grüne Farbe absplitterte, auf und schlurfte über den groben Kies hinüber zur Haustür eines ehemaligen Jagdanwesens.

Der Klingelknopf aus Messing aktivierte einen Vierstufen-Gong, bei dem der dritte Ton am tiefsten und lautesten zu sein schien. Man hörte keine Schritte hinter der Tür und daher schrak Michael ein wenig zurück, als sich die Tür plötzlich öffnete. Vor ihm stand eine große, übergewichtige Frau in einer weißen Schürze mit einem Servierhäubchen auf dem Kopf. Seine Tante musste ja ziemlich gut bei Kasse sein, wenn sie sich eigenes Personal leisten konnte.

„Sie wünschen, bitte?“

„Ich möchte zu Frau Bönning!“ sagte Michael und überlegte, ob seine Tante womöglich reich geheiratet hatte und längst einen anderen Namen trug. Denn von Bönning hatte auf der Klingel nichts gestanden.

Die Frau in der Uniform sah ihn neugierig an. Offenbar konnte sie mit dem Namen Bönning nichts anfangen.

„Salino?“ rief sie plötzlich. „Gott, du bist aber groß geworden!“

Salino? Michael hatte diesen Spitznamen schon lange nicht mehr gehört. Aber es stimmte schon, früher hatten ihn alle in der Familie Salino genannt. Früher, als er noch eine Familie gehabt hatte.

„Ähm, ja“, stotterte Michael verunsichert. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihn auch heute noch jemand so nennen würde. Außerdem hatte er seine Tante zwar als große Person in Erinnerung, aber eigentlich eher schlank. Diese Frau, die gerade einen Schritt auf ihn zu gemacht hatte und ihn kräftig, zu kräftig, wenn es nach ihm ginge, an sich drückte, war dick geworden. Eigentlich fast schon fett.

Aber das musste Tante Franziska sein. Niemand sonst würde ihn heute noch Salino nennen. Salino erwiderte die Umarmung halbherzig und wartete, bis Franziska ihn wieder frei gab.

„Was machst du denn hier?“ fragte Franziska und schien sich richtig zu freuen. „Dich habe ich ja schon ewig nicht mehr zu sehen gekriegt!“

„Tja, das ist so eine Sache“, zögerte Salino mit der Tür ins Haus zu fallen. „Kann ich reinkommen?“ fragte er, als seine Tante unschlüssig in der offenen Tür stehen geblieben war.
„Ja sicher“, sagte Franziska. Sie führte ihn durch den Flur und bog noch vor dem Wohnzimmer links in die Küche ab. „Setz dich. Ich habe gerade Kaffee gekocht. Du trinkst doch schon Kaffee, oder?“

„Ja danke.“

Salino wartete, bis seine Tante ihm eine Tasse, Milch und Zucker bereitgestellt hatte. Dann wollte er doch nicht weiter drum herum reden und beschloss, die Sache gleich auf den Punkt zu bringen.

„Ich bin arbeitslos und total abgebrannt“, eröffnete er die Unterhaltung. Damit war das Unangenehmste wohl auf dem Tisch.

Franziska sah ihn sprachlos an. Offensichtlich hatte sie mit so etwas überhaupt nicht gerechnet.

„Ein Dach über dem Kopf habe ich auch nicht!“ fügte Salino zögernd hinzu und rührte den Zucker um. Er war wohl völlig übermüdet. Erst, als er nicht wusste, was er mit dem gebrauchten Löffel anstellen sollte, fiel ihm auf, dass er sonst nie Zucker in den Kaffee tat.

Franziska starrte ihn immer noch entgeistert an. Jetzt wäre eigentlich der Punkt gewesen, an dem sie hätte sagen sollen: „Armer Junge, mach dir keine Sorgen, bis du was findest, kannst du erst mal hier unterkriechen.“ Aber das tat sie nicht.

Salino befiel eine dunkle Vorahnung.

„Tja ich dachte, ich könnte für eine Zeitlang hier unterkriechen, nur solange bis, …“

„Ausgeschlossen“, rief Franziska. „Völlig ausgeschlossen. Das geht nicht.“ Sie schüttelte energisch den Kopf.

Mit einer so schroffen Ablehnung hatte Salino nun doch nicht gerechnet.

„Du siehst doch, wie die Sache liegt“, fuhr Franziska nach einer kurzen Pause fort. „Ich arbeite hier als Haushälterin und habe nur ein kleines Zimmer unter dem Dach. Da kann ich dich beim besten Willen nicht unterbringen. Und auch wenn, müsste ich erst Frau Weppert fragen und die hat im Moment ganz andere Sorgen.“

Salino hatte nicht gewusst, dass seine Tante hier arbeitete. Solange er denken konnte hieß es nur, dass sie in Höxter wohnte. Sein Vater hatte früher immer gesagt: „Ach, die weiß doch gar nicht, was Sorgen sind!“ Also hatte Salino natürlich gedacht, seine Tante sei reich, denn das einzige, worum sein Vater sich damals sorgte, war Geld.

„Nun schau mich nicht so an“, knurrte Franziska. Salino hatte gar nicht gemerkt, dass er sie mit offenem Mund angestarrt hatte. „Ich würde dir ja wirklich gerne helfen, aber es geht nicht!“

„Was geht nicht?“ fragte eine schneidende Stimme scharf.

„Frau Weppert!“

Salino drehte sich um. In der Tür stand eine brünette, für ihr fortgeschrittenes Alter recht gut aussehende Frau. Ihre Haltung verriet, dass sie nicht lange auf eine Antwort warten würde. Ihre Kleidung war ein wenig hausbacken, aber strahlte auch eine gewisse Eleganz aus, wie es Kleidung einer gewissen Preisklasse eigen war. Jedenfalls, sofern man nicht völlig geschmacklos einkaufen ging. Das hier war eindeutig die Herrin des Hauses.

„Sind Sie von der Polizei?“ fragte Marianne den jungen Mann am Tisch direkt. Vermutlich hatte ihr dieser magenkranke Kommissar einen Aufpasser vorbei geschickt.
„Polizei?!“ fragte Salino und es klang wohl mehr nach einer Feststellung, als nach einer Frage.

„Hab ich mir doch gedacht! Und was geht jetzt nicht?“ wandte sich Marianne an ihre Haushälterin.

„Nein, nein!“ Franziska wischte mit der Hand durch die Luft. „Das ist ein Missverständnis, Madame. Das ist mein Neffe, … Salino … Er wollte mich für ein paar Tage besuchen und ich sagte ihm gerade, dass das derzeit nicht möglich ist.“

Frau Weppert warf einen flüchtigen Blick auf Salino, dann auf Franziska. „Machen Sie ihm eines der Gästezimmer fertig, natürlich kann er bleiben.“

Seine Tante schien sich gar nicht zu freuen.

„Aber die … die Beerdigung und all das … Doch nicht jetzt in diesem Durcheinander!“

„Unsinn! Wir haben in Kürze sowieso das Haus voller Gäste. Vielleicht kann Ihnen der junge Mann da etwas zur Hand gehen.“

Für Frau Weppert schien der Fall damit erledigt zu sein. Sie drehte sich auf den Absätzen um.

„Ach, ich erwarte gleich die Herren von der Polizei. Führen Sie sie bitte in die Bibliothek. Sie sollen dort warten, ich muss mich erst mal frisch machen.“

„Ja, Madame.“

Franziska drehte sich ihrem Neffen zu. „Na schön, du bleibst über Nacht und morgen verschwindest du wieder. Hier geht es im Moment wirklich drunter und drüber. Haben wir uns verstanden?“

Salino nickte. Zumindest heute Nacht würde er in einem richtigen Bett schlafen können.

Kapitel 2

Frederik schluckte trocken, als er das ausgebrannte Lager sah. Nicht eine Sekunde glaubte er an den Unsinn, den ihm dieser Kommissar auftischen wollte. Radikale Umweltschützer, Blödsinn! Die hätten ihm vielleicht einige Molotows über den Zaun geworfen, aber wer auch immer das hier getan hatte, der hatte ganze Arbeit geleistet. Außerdem wusste Frederik etwas, was die Polizei nicht wusste. Er war sich ziemlich sicher, dass er die Leute kannte, die ihm das hier angetan hatten.

Frederik rümpfte die Nase. Er war bloß froh, dass die Fässer mit Phenol heil geblieben waren. Dass es trotzdem im Umkreis von 5 Kilometern tagelang nach einer Mischung aus Waldmeister und Himbeere riechen würde, war vielleicht gerade noch zu verkraften. Er machte sich auf eine Menge Beschwerden gefasst. Die kamen ja schon bei normalen Produktionsabläufen zu Hauf. Aber bei der Menge, die hier ausgetreten und in den Boden versickert waren, konnte das Tage dauern, bis das Aroma einigermaßen verflogen war. Wahrscheinlich musste sogar die oberste Erdschicht abgetragen werden. Er selbst wohnte schließlich nicht weit vom Unglücksort und wollte selbstverständlich auch nicht jeden Morgen in einer Wolke aus künstlichen Aromen aufwachen.

Der Brand schien allmählich unter Kontrolle zu sein. Frederik wandte sich an den leitenden Beamten.

„Ich muss hinunter in mein Büro. Es gibt noch jede Menge zu erledigen. Sie wissen schon, die Aufräumarbeiten koordinieren und so.“

Kommissar Bruhns winkte ihm zu, ohne dabei das Taschentuch von Mund und Nase zu nehmen.

„Gehen Sie, gehen Sie nur!“ nuschelte er durch den Stoff.

Frederik hatte kein Wort verstanden, aber offenbar war er hier überflüssig.

Die Aufräumarbeiten waren in Wirklichkeit sein geringstes Problem. Aber er musste Walther warnen. Der arme Kerl hatte ja keine Ahnung, was ihm blühte. Es war nicht Frederiks Idee gewesen. Von vornherein nicht, aber das machte nun keinen Unterschied mehr. Er hatte Walther da mit hinein gezogen und zwar ohne dessen Wissen. Da war es nur recht und billig, wenn er ihn wenigstens vor solchen Anschlägen warnte. Sicher, vielleicht musste er Walther mehr erklären als ihm lieb war, aber Frederik war kein Schwein und die Sache geriet allmählich außer Kontrolle.

*

Das waren nicht dieselben Beamten wie vergangene Nacht, stellte Marianne erst einmal fest, als sie die Bibliothek betreten hatte. Drei Herren in billigen Anzügen unterbrachen ihr Gespräch und schauten interessiert, fast argwöhnisch zu ihr herüber. Marianne ignorierte ihre Blicke fürs Erste. Sie hatte nicht geschlafen, sie fühlte sich schlaff und ihre Haut hatte über Nacht offenbar jegliche Spannkraft verloren. Auch das kalte Wasser unter der Dusche hatte nichts geholfen. Und obwohl sie sich umgezogen hatte, fühlte sie sich nicht besonders wohl in ihrer Haut.

„Mertens, BKA, mein Kollege Feierabend und Herr Schlottau“, stellte der Älteste von den Dreien sich vor. Offensichtlich war die örtliche Kripo mit dem Fall wohl doch überfordert.
Schade, dachte Marianne. Der komische Kauz von heute Nacht war ihr eigentlich ganz sympathisch gewesen. Sie erwartete, dass Herr Mertens nun einige Fragen an sie hatte, denn zumindest für die Kripo schien sie ja wohl zum Kreis der Verdächtigen zu gehören. Aber es war Herr Schlottau, der sie unerwartet ansprach.

„Machen wir’s kurz“, sagte Schlottau tonlos. „Wir gehen von politischen Motiven aus. Der Tathergang spricht deutlich für eine professionelle Arbeit. Kopfschuss aus mittlerer Distanz. Wahrscheinlich mit einer 45er.“

Mertens räusperte sich. Das sollte wohl den Kollegen davon abhalten, sich allzu sehr in den Details zu verzetteln. Schlottau quittierte die Unterbrechung mit einem vernichtenden Blick. Offensichtlich waren die Kompetenzen hier anders verteilt, als Marianne zunächst angenommen hatte.

„Also gut“, brummte Schlottau unwillig und zog ein Formular aus der Innentasche seine Jacketts. „Das hier ist ein Durchsuchungsbeschluss. Sowohl für dieses Haus, als auch für die Firma ihres Mannes. Wir sind befugt, alle Unterlagen mitzunehmen, die Rückschlüsse auf die geschäftlichen Aktivitäten ihres Mannes zulassen!“

Schlottau ließ Marianne einen Moment Zeit, darauf zu reagieren. Marianne zuckte nur verständnislos die Achseln.

„Politische Motive? Es ist Ihnen schon bekannt, dass mein Mann ausschließlich Bauteile für Haushaltsgeräte produziert?“ fragte sie zynisch. „Was sollte wohl beim Bau einer Kaffeemaschine oder einer Waschmaschine zu politischen Verwicklungen führen?“

Schlottau ging darauf nicht ein. „Wollen Sie Ihren Anwalt hinzuziehen?“

Marianne schüttelte den Kopf. „Nehmen Sie mit, was Sie brauchen.“ Sie wollte diese Leute einfach nur aus dem Haus haben.

Schlottau zog ein Handy aus der Gürtelschlaufe und wählte eine vorprogrammierte Nummer an.

„Es geht los“, sagte er und legte gleich wieder auf. „Während meine Kollegen Ihre Firma durchsuchen, sehen wir uns hier ein wenig um!?“

Das schien keine wirkliche Frage zu sein. Schlottau wartete auch nicht ab, ob Marianne ihn einlud, zu tun, wonach ihm der Sinn stand, sondern machte sich gleich an die Arbeit. Mertens entschuldigte sich bei Marianne für die Umstände und folgte seinen Kollegen zögernd. Ihm war die Angelegenheit anscheinend eher unangenehm.

„Ihre Firma“, dachte Marianne. Bisher war es immer Walthers Firma gewesen. Aber jetzt schien es plötzlich ihre Firma zu sein. Marianne beschlich ein unheimliches Gefühl. Wenn sie genau darüber nachdachte, musste sie zugeben, dass sie überhaupt keinen Schimmer davon hatte, was ihr Mann da geschäftlich so trieb. Sie hatte sich immer damit zufrieden gegeben, dass er Elektrogeräte herstellte. Das war einfach alles, was sie wusste. Hoffentlich kam da jetzt nichts zu Tage, was Marianne auf gar keinen Fall wissen und woran sie noch weniger beteiligt sein wollte. Das Telefon riss sie aus den Gedanken.

„Weppert?“

„Frau Weppert?“

„Ja.“

„Von Boeder hier. Ich war ein Geschäftsfreund Ihres Mannes.“

Marianne dachte nach. Doch, sie kannte die von Boeders. Sie waren sich auf einigen Bällen begegnet. Zuletzt auf dem ADAC-Ball in Hannover.

„Ich habe eben erst gehört, was Ihrem Mann passiert ist“, fuhr die Stimme gehetzt fort. „Glauben Sie mir, das tut mir unendlich leid. Wirklich. Soweit hätte es nie kommen dürfen!“
„Was?“ fragte Marianne neugierig. Da schien es tatsächlich etwas zu geben, von dem sie nichts wusste?

„Ich muss Sie sofort sprechen. Es ist wirklich dringend. Da sind Informationen, die Sie unbedingt haben müssen.“

„Was für Informationen?“

„Nicht am Telefon.“ Es hörte sich an, als ob der Mann am anderen Ende der Leitung sich umschaute. „Ich habe die Polizei im Hause“, erklärte er flüsternd.
„Ich auch“, gab Marianne trocken zurück. „Und darum möchte ich auch schnellsten wissen, …“

„Kloster Corvey“, unterbrach sie der Anrufer. „In einer Stunde.“

„Wo?“ fragte Marianne zur Sicherheit nach. Aber die Leitung war bereits tot. „Auf Wiederhören“, sagte Marianne trotzig, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte. Sie konnte Unhöflichkeiten absolut nicht ausstehen.

*

Salino fand das Gästezimmer, in dem seine Tante ihn untergebracht hatte, einsame Spitze. Es lag im zweiten Stock. Aus dem Fenster hatte man einen herrlichen Blick auf den Teich, der hinter dem Haus im Garten lag. Ein kleiner Pfad führte durch eine dichte Hecke hinunter an den Steg. Offenbar konnte man in dem Tümpel auch baden.

Das Zimmer hatte zwei Betten. Salino entschied sich für das auf der rechten Seite. Beim Anblick des Schrankes fiel ihm ein, dass er keine Kleidung zum Wechseln dabei hatte. Er drückte seine Zigarette auf der Fensterbank aus und schnippte den erloschenen Stummel hinaus. Salino war hundemüde. Zeit für ein kleines Nickerchen. Das Bett schien frisch bezogen zu sein. Salino zog sich aus und legte seine Sachen ordentlich auf den Stuhl am Fußende des Bettes.

Es wurde zwar nicht geklopft, aber dafür die Tür aufgerissen. Ein Mann mit speckigen Lederflicken auf den Jackett-Ärmeln starrte Salino, der nur in Unterhose da stand, an.

„Ich wollte mich gerade ein wenig hinlegen“, erklärte Salino irritiert.

Ein zweiter Mann tauchte hinter dem ersten im Türrahmen auf. Er schaute kurz rein. „Wer ist das?“

Der Mann mit den Lederflicken zuckte hilflos die Achseln. „Keine Ahnung!“

„Nehmen Sie seine Personalien auf und suchen Sie weiter.“

„Polizei“, schoss es Salino durch den Kopf. Natürlich, sie hatten den toten Lehrer im Wald gefunden. Aber wie waren sie so schnell auf seine Spur gekommen?

„Polizei!“, sagte der Mann energisch und hielt ihm seinen Ausweis hin. „Feierabend!“

„Ich war’s nicht!“ behauptete Salino und spürte die Panik wie eine Faust in seinem Magen.

„Wie bitte?“

Wie konnten die bloß so schnell hier sein?

„Ich möchte meinen Anwalt sprechen“, sagte Salino und fing sich wieder. Nur keine Panik. Immer schön die Nerven bewahren. Schließlich hatte er Rechte.

„Hören Sie“, winkte Feierabend ab. „Ich möchte nur wissen, was Sie hier tun und wer sie sind! Wenn Sie sich also bitte ausweisen würden!“

Salino überlegte, wie er um die Ausweiskontrolle herum käme. Das machte sich nicht gut, wenn Sie feststellten, dass er ohne festen Wohnsitz war.

„Also meine Gäste lassen Sie bitte in Ruhe“, kam ihm eine energische Stimme zu Hilfe. „Das ist der Neffe meiner Haushälterin und der ist hier übers Wochenende zu Besuch. Der hat mit der ganzen Geschichte nun wirklich nichts zu tun.“

Feierabend schaute sich hilfesuchend nach seinem Kollegen um.

„Reicht es nicht, dass Sie mir hier alles auf den Kopf stellen? Müssen Sie auch noch meine Gäste belästigen?“ fragte Frau Weppert nochmals eindringlich.

„Lassen Sie nur, Feierabend“, wies Schlottau den jungen Beamten an. „Helfen Sie uns lieber, das Arbeitszimmer zu suchen.“

„Erdgeschoß, dritte Tür rechts“, informierte Marianne den Beamten und sah Feierabend nach. Dann sah sie Salino ernst an. Der schnappte nach seiner Kleidung und begann, sich schnell wieder anzuziehen. Das schien hier kein Ort zu sein, an dem man tagsüber mal ungestört ein kleines Nickerchen machen konnte.

„Ich könnte Ihre Hilfe brauchen“, sagte Frau Weppert leise.

„Gerne.“

„In einer halben Stunde muss ich mich mit jemandem treffen und da würde ich nur ungern allein hinfahren!“

Es gab keinen Grund, so leise zu sprechen. Die Polizei war ins Untergeschoß abgerückt.

„Soll ich mitfahren?“

„Wäre mir lieber.“

Klang nach einer geheimnisvollen Sache. Offenbar war die Polizei tatsächlich nicht seinetwegen hier. Außerdem hatte Salino eh nichts Besseres vor.

„Mach ich gerne“, bot er zufrieden an.

Es war immer gut, solchen Leuten einen Gefallen voraus zu sein, denn die Wahrscheinlichkeit war groß, dass er Frau Wepperts Hilfe später noch gebrauchen könnte.

Frau Weppert nickte ihm verschwörerisch zu und schloss die Tür hinter sich.

*

Salino hatte unten vor dem Jaguar auf Frau Weppert gewartet. Die Polizei schlich noch immer im Haus herum. Es war Salino keineswegs gelungen herauszufinden, wonach die eigentlich suchten.

Mit schnellen Schritten kam Frau Weppert über den Kies gestürmt. Wie schaffte sie es bloß, mit solchen Absätzen in diesem beweglichen Untergrund nicht einzuknicken?

Ein elektronisches Signal und ein kurzes Aufleuchten der Blinker zeigte an, dass die Zentralverriegelung freigegeben war. Salino stieg ein, noch bevor Frau Weppert den Wagen erreicht hatte. Er fragte nicht einmal, wohin die Reise ging, als sie recht flott vom Hof fuhren.

Weit war es nicht, dann lag Kloster Corvey rechts von ihnen an einem leichten Hang. Marianne fuhr langsamer und suchte nach einem Parkplatz.

Salino stellte keine Fragen. Er folgte Frau Weppert über die asphaltierte Bogenbrücke in den Hof des Konventgebäudes. Frau Weppert schaute sich ungeduldig um. Aber es waren nur wenige Besucher hier. Wenn hier jemand auf sie wartete, dann doch eher in der Abtei, wo er nicht sofort von jedermann zu sehen war. Diesen Gedanken hatte wohl auch Frau Weppert, denn sie steuerte unvermittelt auf das alte Gebäude zu. Salino hatte keine Ahnung, warum er eigentlich hatte mitkommen sollen.

Gleich vor der Abtei stand ein älterer Herr in Knickerbockern aus hellem breiten Cord, mit einer sportlichen Schirmmütze aus Wolle. Frau Weppert schien den Mann zu kennen und ging zielsicher auf ihn zu.

„Herr von Boeder?“

„Die Polizei haben Sie hoffentlich nicht mitgebracht“, fragte Herr von Boeder und ließ Salino nicht aus den Augen.

„Wohl kaum. Das hier ist ein guter Bekannter von mir“, log Marianne. „Also!“

„Tja“, sagte von Boeder und schaute Marianne betrübt an. „Ich weiß kaum, wo ich anfangen soll.“

„Vielleicht sagen Sie mir erst mal, in was für Geschäfte mein Mann da verwickelt war! Die Polizei behauptet, dass seine Ermordung politisch begründet war.“

Bei dem Wort „Ermordung“ zuckte von Boeder deutlich zusammen. „Ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Mann keinerlei Wissen von diesen Dingen hatte.“

„Von welchen Dingen?“

„Das versuche ich Ihnen ja gerade zu erklären“, brummte von Boeder ungeduldig. „Hier, das stammt aus der Fabrik Ihres Mannes.“

Von Boeder gab Marianne einen kleinen Chip. Sie betrachtete das Teil, aber konnte nichts Ungewöhnliches daran feststellen. Soviel sie wusste, hatte ihr Mann tausende dieser kleinen Dinger in seinem Lager. Eines sah aus wie das andere.

„Ja und?“

Von Boeder schien sich am liebsten vor der Antwort drücken zu wollen. Unmittelbar neben ihm flogen ein paar Kieselsteine weg. Sie standen hier keine zehn Meter vom Eingang zur Abtei entfernt. Salino starrte dorthin, wo sich die Kieselsteine bewegt hatten. Er überlegte, wie es wohl dazu gekommen war.

Da! Da war es schon wieder passiert. Es hatte ausgesehen, als ob jemand dort einen größeren Stein hingeworfen hatte. Salinos Blick schweifte über das Gelände. An der gegenüberliegenden Seite des Parks stand jemand an einen Baum gelehnt und hielt etwas in der Hand.

„Was ist mit diesem Ding?“ drängte Marianne auf eine Antwort.

Salino brauchte eine weitere Sekunde, um zu verstehen, was vorging. Aber dann schrie er: „In Deckung! Da schießt jemand auf uns.“

Von Boeder sah sich gehetzt um. Marianne schaute Salino verständnislos an. Jetzt war keine Zeit für weitere Erklärungen.

„Da rein!“ Er griff Frau Weppert mit beiden Händen an die Hüfte und schob sie Richtung Eingang zur Abtei. Gott sei Dank sträubte sie sich nicht besonders. Von Boeder folgte den beiden verwirrt mit etwas trägen Schritten. Salino hatte die schwere gusseiserne Klinke noch nicht in der Hand, da war in Kopfhöhe auch schon ein kleines Loch in der schweren Eichendiele. Der Einschlag machte ein Geräusch, als ob jemand mit stählerner Faust angeklopft hätte. Drinnen hallte es wesentlich dünner nach. Keine Frage, man hatte es auf sie abgesehen! Salino riss Frau Weppert in die kühle Dämmerung der Abtei hinein. Eigentlich hatte er vor, nach ihrer Kostümjacke zu greifen, hatte dann aber doch nur den leichtgewebten Stoff ihrer Bluse zu fassen gekriegt.

„Also bitte!“ schimpfte sie empört, als die feine Seide riss.

Von hinten schob sich von Boeder geduckt an ihnen vorbei in Sicherheit.

„Was ist hier eigentlich los?“ wollte Marianne wissen.

„Das sind sie“, zischte Frederik. „Die wollen mich!“

Salino schaute vorsichtig aus dem Türspalt. Die Gestalt hinter den Bäumen war verschwunden.

„Sind sie weg?“

„Ich glaube nicht, dass die so schnell aufgeben“, sagte von Boeder. „Besser, wenn man uns nicht zusammen sieht.“ Er wollte sich nach hinten in den Kreuzgang zurückziehen.
„Nein, Sie bleiben hier! Ich habe noch jede Menge Fragen.“

„Später“, knurrte Frederik. „Jetzt sollten wir erst mal sehen, dass wir hier lebend rauskommen.“ Er wischte Mariannes Hand von seinem Ärmel und lief los.

„Verschwinden Sie!“ rief er noch einmal zurück. „Sehen Sie zu, dass sie hier rauskommen.“

„Er hat recht!“ pflichtete Salino ihm bei. Das Ganze sah wirklich nicht gut aus. Was auch immer hier vorging, man konnte dabei leicht verletzt werden.

„Feigling“, rief Marianne ihm enttäuscht hinterher.

„Kommen Sie! Wir verstecken uns dort hinter den Säulen.“

Frau Weppert zögerte einen Moment, aber dann sah sie ein, dass es keinen Zweck hatte. Frederik von Boeder war weg.

*

Sie waren kaum hinter den ersten rechteckigen Säulen des Westwerkes in Deckung gegangen, da betrat jemand die Abtei. Salino presste sich an den kühlen Sandstein und zeigte mit dem Finger auf den Boden. Langsam ließ er sich hinuntergleiten, bis er fast auf dem Boden saß. Frau Weppert machte es ihm nach. Von hier unten lugte Salino vorsichtig um die Kante der Säule.

Alles was er sah, waren Holzbänke. Und dazwischen ein paar Beine. Metallabsätze schlugen auf tausendjährigem Basalt. Dann sah er die schlanken Waden und Fesseln. Es war noch nicht so lange her, dass er sie nicht sofort wiedererkannte. Als er die locker herunterbaumelnde Waffe mit dem langen Schalldämpfer sah, war er sich sicher.

„Dieser Typ hat Unrecht. Die sind nicht hinter ihm her. Ich glaube, die suchen mich“, flüsterte Salino mit vorgehaltener Hand. Selbst von dem Flüstern entstand ein Nachhall. Der war aber eher wie ein Rauschen. Man konnte wohl kaum heraushören, woher das Geräusch kam. Oder doch? Die Schritte kamen näher.

Frau Weppert sah aus, als ob sie ihn etwas fragen wollte. Salino hielt den Finger auf den Mund. Die Schritte waren verstummt, offenbar lauschte die Frau in der Mitte der Abtei stehend. Dann setzten die Schritte wieder ein.

Vorsichtig krabbelte Salino weiter hinein ins Westwerk hinein. In dem Bogengemäuer waren die Säulen zwar kleiner und rund, aber dafür war es dort viel dunkler. Hinter der nächsten Säule drehte Salino sich um. Marianne war ihm nicht gefolgt. Sie schüttelte nur den Kopf.

Die Killerin war nicht zu sehen, aber Salino war sich sicher, dass sie näher kam. Hektisch winkte er Frau Weppert zu. Sie sollte ihm folgen. Irgendwie mussten sie es schaffen, durch die Säulen an dem Killer vorbei, wieder zur Tür zu gelangen.

Noch einmal winkte er Frau Weppert zu. Die seufzte. Gott sei Dank tonlos. Dann setzte sie sich endlich in Bewegung. Hoffentlich sah die Killerin Frau Weppert nicht. Der Rock schien sie beim Kriechen zu beengen, jedenfalls hob sie ihren Hintern viel zu hoch. Aber sie schaffte es trotzdem, unbemerkt hinter seine Säule zu kommen.

„Sch…“, zischte sie leise. Sie hatte sich beim Kriechgang das Knie aufgescheuert und ihre Strümpfe lösten sich in kleine Kringel auf. Salino lauschte. Der Killer lauschte ebenfalls. Dann hörte er wieder Schritte. Diesmal ein ganzes Stück rechts von ihnen.

Also weiter nach hinten zur nächsten Säule. Frau Weppert folgte ihm widerwillig. Zwei Säulen waren sie weiter gekommen, als Frau Weppert ihm von hinten ins Genick fasste.
„Jetzt ist aber Schluss“, zischte sie ihm ins Ohr. „Hier bleiben wir jetzt.“

Salino wollte etwas einwenden. Aber die Schritte in der Abtei waren schon wieder verstummt. Wahrscheinlich hatte der Killer das Flüstern gehört. Salino und Marianne drängten sich dicht an den Stein. Salino zitterte plötzlich am ganzen Körper. Nur ein kurzes Frösteln war das. Salino hatte genau vor Augen, wie der tote Lehrer über ihm auf seinem Steuerrad gehangen hatte. Er hatte den Namen vergessen. Wie hieß er noch? Olaf. Natürlich Olaf.

Diesmal lauschte die Killerin sehr lange. Am liebsten wäre Salino aufgesprungen und einfach losgelaufen. Aber Frau Weppert mit ihren Hackenschuhen? Was sollte aus ihr werden?

Salinos Puls raste. Frau Weppert hielt ihm ihre Pumps hin. Offenbar hatte sie die Quälgeister ausgezogen. Mit weinrotem Fingernagel zeigte sie in Richtung Eingang der Abtei. Auch sie wollte anscheinend einfach durchbrechen. Salino lächelte amüsiert. Eine blöde Idee. Selbst, wenn er vor einer Minute noch die gleiche gehabt hatte. Schließlich konnte keiner von ihnen so schnell laufen, wie eine Kugel flog.

Auf der anderen Seite der Abtei fiel in diesem Moment laut eine Tür ins Schloss. Das war ihre Rettung. Wahrscheinlich hatte von Boeder einen anderen Ausgang gefunden. Die Metallabsätze hasteten durch die Abtei. Und sie entfernten sich eindeutig von ihnen.

„Jetzt aber“, zischte Frau Weppert und wartete gar nicht erst Salinos Einverständnis ab. Sie lief los in Richtung Ausgang. Salino hatte echte Mühe, ihr zu folgen. Im Ernstfall wäre wahrscheinlich er es gewesen, der sich die erste Kugel eingefangen hätte. Auf dem kurzen Stück Kiesweg schlüpfte Frau Weppert fast im Lauf wieder in ihre Schuhe. Salino sah sich nervös um.

Keine Spur von der Killerin. Keine Spur von diesem Kerl, mit dem Frau Weppert sich getroffen hatte. Sie beeilten sich, über die Brücke zurück zu ihrem Wagen zu gelangen. Endlich in Sicherheit, dachte Salino, als die Wagentüren ins Schloss gefallen waren. An eine Autobombe verschwendete er keinen Gedanken. Frau Weppert ließ den Motor aufheulen. Keine Explosion. Nichts. Alles war gut. Der Jaguar bog auf die Straße ein und Salino beruhigte sich langsam wieder. Er wagte nicht zu fragen, was da vor sich gegangen war. Frau Weppert würde es ihm sowieso nicht sagen. Also schwieg er die ganze Fahrt über und dachte nach.

„Sagen Sie mal, wieso nennt Ihre Tante Sie eigentlich Salino?“ fragte Frau Weppert, als sie schon fast wieder zu Hause waren.

Salino grinste. Das hatte er beinahe schon wieder vergessen. „Ich habe damit laufen gelernt“, sagte er. „Mit dieser Lakritze, diesen rautenförmigen Dingern.“

„Ach ja?“

„Meine Mutter hat mir immer eins nach dem anderen in einer Reihe auf den Laufstallrand gelegt. Und immer, wenn ich eins haben wollte, musste ich einen Schritt machen, um zum nächsten zu kommen.“

„Warum gerade Salinos?“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich habe ich mich nur dafür bewegt.“

„Dann stört es Sie sicher nicht, wenn ich Sie auch Salino nenne!?“

„Nein, gar nicht.“

„Ach, und erzählen Sie Ihrer Tante besser nichts, von dem, was in der Abtei los war. Die macht sich sonst nur unnötige Sorgen!“

„Nein, nein.“

Salino wäre gar nicht auf die Idee gekommen, davon seiner Tante zu erzählen. Genauso wenig wie von Olaf.

„Und noch was“, sagte Frau Weppert, als der Wagen vor der Garage gehalten und sie den Zündschlüssel abgezogen hatte. „Wieso dachten Sie, der Killer wäre hinter Ihnen her?“
Sie hatte es also nicht überhört. Salino ärgerte sich. Warum hatte er nicht den Mund gehalten? „Ich hatte nur Panik“, versuchte Salino sich rauszureden. „Paranoia!“

„Aha“, sagte Frau Weppert ungläubig. „Sie wissen also nichts weiter von dieser ganzen Geschichte?“

„Ich?“ fragte Salino echauffiert zurück. „Ich weiß ja nicht mal, wie der Kerl hieß, den wir in Corvey getroffen haben.“

Frau Weppert grunzte zufrieden. „Dann lassen wir es auch dabei. Ich kriege Ärger mit Ihrer Tante, wenn ich Sie da mit hineinziehe.“

Mit reinziehen war gut. Salino steckte ja schon mitten drin. Auch wenn er nicht wusste, worin eigentlich.

*

Tante Franziska wartete bereits genervt an der Haustür auf Frau Weppert. „Die Herren von der Polizei …“ begann sie.

„Sind die immer noch da?“ wunderte sich Marianne.

„Nein, nein. Jetzt sind es ganz andere, die Sie sprechen wollen!“

Salino wollte der Polizei aus dem Weg gehen. Aber die beiden Beamten warteten am Fuße der Treppe im Flur. Grußlos schob sich Salino an ihnen vorbei. Der ältere der beiden beäugte ihn misstrauisch und sah ihm nach, als er die Treppe hinaufstieg. Aber niemand hielt ihn auf.

„Tja Frau Weppert“, sagte Bruhns. „Das hat ja nun etwas länger gedauert. Eigentlich wollte ich ja schon am Vormittag bei Ihnen vorbeischauen, aber ein weiterer Mord hat uns leider aufgehalten.“

Also, von Boeder konnte das nicht sein, überlegte Marianne kurz. So schnell schossen die Preußen nicht.

„Hat das etwas mit dem Tod meines Mannes zu tun?“ tastete Marianne sich vorsichtig vor.

„Ich glaube kaum. Es sieht aus, als ob sich eine Prostituierte ihres Freiers entledigt hat. Wenngleich …“, Bruhns machte eine Pause. „Die Waffe könnte dieselbe sein, mit der auch ihr Mann erschossen wurde. Zumindest handelt es sich um das gleiche Kaliber.“

„Vielleicht hatte Ihr Mann ja kurz vorher auch Besuch von der Dame!“ mischte sich Kollege Haider gefühlvoll in die Unterhaltung ein.

„Haider! Bitte!“

Bruhns sah Frau Weppert an, als ob er trotzdem eine Antwort auf diese Vermutung erwartete.

„Könnte es denn sein, dass ihr Mann hin und wieder derlei Kontakte pflegte?“

Frau Weppert schaute Bruhns indigniert an. Das lag an der Art, wie er das Wort ‚pflegte’ ausgesprochen hatte. So, als ob es sich dabei um ein lieb gewonnenes Hobby gehandelt hätte. Andererseits hatte dieser Bruhns anscheinend seine Idee, dass sie ihren Mann umgebracht hatte, vorerst auf Eis gelegt. Oder witterte er jetzt Eifersucht als Motiv?

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Mann solche Frauen kannte. Soviel ich weiß, hat er immer zu Hause gegessen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Bruhns verstand schon.

„Na übers Essen reden wir ja gar nicht“, erklärte Haider belustigt. „Kommissar Bruhns wollte wissen, ob Ihr Mann …“

„Haider!“ Haider schreckte zurück, wie ein Hund an dessen Leine plötzlich heftig gezogen worden war.

Bruhns kaute schon wieder eine dieser weißen Pillen. Wahrscheinlich ein Nierenleiden oder so etwas in der Art vermutete Marianne.

„Und Appetit … hat er sich woanders wohl auch nicht geholt?“

Marianne bedachte ihn mit einem Blick, dass er die Frage innerlich sofort zurückzog.

„Also …“ setzte Bruhns an und versuchte das Thema zu wechseln. „Wie Sie vielleicht wissen, liegt Ihr Fall nicht mehr in meiner Hand. Jedenfalls nicht richtig.“

„Das BKA?“ fragte Marianne.

Bruhns nickte. „Aber der Fall mit diesem Lehrer, der erschossen in seinem Auto gefunden wurde, den bearbeite ich. Vielleicht habe ich Glück und es handelt sich in beiden Fällen um die gleiche Tatwaffe, so dass ich …“

„So dass Sie mich auch weiterhin auf dem Laufenden halten können“, vollendete Marianne den Satz.

Bruhns hatte den freundlichen Rauswurf wohl registriert. Er nickte und verabschiedete sich höflich.

„Eins noch“, sagte Bruhns freundlich auf dem Weg zur Tür. „Die Leiche Ihres Mannes ist bereits so gut wie freigegeben. Sie können also, wenn Sie wollen, die Beerdigung in die Wege leiten.“

„Danke“, sagte Marianne.

Bruhns nickte nochmals und zog Haider, der eine sehr amtliche Mine aufgesetzt hatte, mit sich.

„Polizisten!“ grunzte Franziska, als sie die Tür hinten den beiden Columbos für Arme geschlossen hatte.

„Franziska, die Beerdigung …“

„Ist schon alles in die Wege geleitet. Ich fahre noch heute Nachmittag in den Ort und treffe mich mit Kranz. Wenn Sie noch besondere Wünsche haben …“

„Nein, nein. Das machen Sie schon ganz in meinem Sinne. Da bin ich sicher. Und die Gästeliste?“

„Liegt auf Ihrem Sekretär.“

„Wunderbar. Wenn ich Sie nicht hätte.“

„Beruht ganz auf Gegenseitigkeit“, flachste Franziska.

„Und mit Ihrem Neffen …“

„Der ist morgen in der Früh verschwunden!“

„Nein! Er soll ruhig bleiben … Aber er hat sicher keinen passenden Anzug dabei. Wenn Sie ihm also bitte einen besorgen würden.“

„Aber Madame, der Junge …“

„Ist sehr nett. Nur könnte er halt was Vernünftiges zum Anziehen gebrauchen“, würgte Frau Weppert ihre Haushälterin freundlich ab.


„Hören Sie Franziska. Der Junge kann nichts dafür. Ich möchte, dass Sie ihm einen Anzug kaufen und was er halt so braucht.“

Franziska wollte nicht nachgeben. Es war ihr äußerst unangenehm, dass Salino nun Frau Weppert auf der Tasche lag. Aber das war typisch für ihn. Immer wieder schaffte er es, dass sich andere für ihn verantwortlich fühlten. Das war schon früher immer so gewesen. Irgendwann musste damit mal Schluss sein.

„Keine Diskussion“, sagte Marianne, als sie Franziskas Widerwillen bemerkte. „Der Junge ist mein Gast und bleibt, solange er möchte.“

„Das kann sehr lange sein, wenn man nicht aufpasst“, knurrte Franziska.

„Wir werden sehen“, beendete Frau Weppert diese Diskussion. „Ich habe noch einiges für heute zu tun. Erst einmal muss ich unseren Prokuristen Webermann auftreiben. Ich verstehe gar nicht, wieso der sich noch nicht bei mir gemeldet hat. Irgendwie müssen ja auch die Geschäfte fortgeführt werden!“

*

Salino mochte dieses Zimmer wirklich sehr. Hier hätte er für immer bleiben können. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, fühlte er sich sicher und geborgen. Inzwischen war es Nachmittag und die Sonne fiel schräg in das Zimmer hinein. Das Fenster war fast auf Brusthöhe. Er nahm einen Stuhl und kletterte hinauf. Auf der Fensterbank war es nicht sonderlich bequem. Was sollte er nun tun? Noch einmal versuchen, sich aufs Ohr zu legen? Nein, nach seinen bisherigen Erfahrungen glaubte er kaum, dass man in diesem Haus am helllichten Tage Ruhe fand.

Salino zündete sich eine Zigarette an und zog den Rauch tief ein. Und er hatte Recht. Die Zigarette war erst halb aufgeraucht, da klopfte es wieder an seiner Tür.

Unruhig war dieses Haus. Seine Tante hatte offensichtlich schlechte Laune. Sie forderte ihn auf, mit hinunter in den Ort zum Einkaufen zu fahren. Vielleicht war sie von dem ganzen Durcheinander überfordert, jedenfalls sprach sie während der kurzen Autofahrt kein einziges Wort mit ihm.

Zuerst ging es zum Bestatter Kranz. Seine Tante wollte nicht, dass er mit hinein ging. Er sollte draußen warten. Sie gab ihm 5 Euro für ein Eis!

Frustriert schaute Salino ihr nach. Was war er? Ein Kleinkind? Er sah sich um. Auf der anderen Straßenseite war tatsächlich ein Eiskaffee. Stühle und Tische standen, trotz der nicht gerade freundlichen Temperaturen, einladend auf dem Kopfsteinpflaster. Eigentlich wollte Salino sich doch lieber ein Päckchen Zigaretten holen. Gleich neben dem Bestatter war ein Blumenladen. „Kranz für Kranz von Kranz“ stand dort als Werbeslogan in alter Fraktur angeschlagen. Kleinstadthumor dachte Salino. Dann kam ein Bekleidungsgeschäft, aber weit und breit kein Tabakladen. Es wunderte Salino, dass Bestatter Kranz nicht weitsichtiger war. „Zug um Zug zum Kranz“, wäre vielleicht der richtige Slogan für einen Tabakladen gewesen.

Also doch ein Eis? Salino ging über die Straße. An der gläsernen Vitrine im Inneren der Eisdiele stand eine ganz in schwarz gekleidete Frau und suchte sich ein Eis aus. Sie trug einen großen, schwarzen Hut aus Filz mit runder Krempe, die Haare flossen wie schwarzes Gold bis fast hinab zu ihrer Hüfte und ihre Augen verbarg sie hinter einer ebenfalls stark getönten Brille. Vermutlich eine Kundin von Kranz. Eine wirklich elegante und imposante Erscheinung. Das einzige, was noch imposanter war als ihr Erscheinungsbild, war der Hund, der dicht neben ihr stand und mit ruhigem, aber wachem Blick das Treiben hinter dem Glas verfolgte.

Spontan ließ Salino einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen sich und dem schwarzen Kalb. Eine Dogge erster Güte. Phlegmatisch beeindruckend.

„Pistazie, drei Kugeln“, sagte die Frau in Schwarz.

Salino warf einen flüchtigen Seitenblick auf die Hundebesitzerin. Im gleichen Moment, als Salino den Kopf drehte, drehte ihn auch der Hund und sah ihn mit sorgenvollen Falten und noch schlackernden Lefzen an. Ein unheimlicher Hund. Salino wandte den Kopf schnell wieder ab. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass der Hund sich auch wieder auf die Glasvitrine zu konzentrieren schien. Mit langsamer unauffälliger Bewegung drehte Salino wieder den Kopf. Der Hund tat es ihm gleich. Sogar mit derselben Geschwindigkeit. Offenbar mochte er es nicht besonders, wenn man sein Frauchen anstarrte. Ruckartig drehte Salino den Kopf wieder nach vorn und schnell wieder zurück. Der Hund folgte seiner Bewegung. Der Hund war verrückt! Von dem schnellen Hin und Her hatten sich kleine Sabberflecken auf dem Boden gebildet.

„Wotan!“

Der Hund drehte blitzartig den Kopf. Frauchen hielt ihm die Eistüte hin. Ein Haps, ein schlurfendes Geräusch und drei Kugeln Pistazieneis waren verschwunden. Der Hund schluckte nicht einmal. Irgendwie war das Eis einfach weg. Und im nächsten Moment hatte Wotan ihn auch schon wieder im Visier. Sein Frauchen hielt dem Verkäufer die leere Eiswaffel hin. Der schmiss den Biomüll kommentarlos weg.

„Und jetzt bitte drei Kugeln Schokolade.“

Salino ließ sich von den Blicken des Hundes nicht länger einschüchtern. Sein Blick wich nicht mehr von der Frau in schwarz. Sie hielt die zweite Eistüte in der Hand und jetzt lächelte sie ihn sogar an. Ihr Lächeln ließ ihn irgendwie frieren.

„Tor“, rief sie und warf die Eistüte nach ihm. Wenn er etwas bessere Reflexe gehabt hätte, dann hätte er die Tüte vielleicht gefangen. Und dabei natürlich seine Hand verloren. Thor, nicht Tor. Thor musste Wotans Zwillingsbruder sein. Der hatte unbemerkt hinter Salino Position bezogen und machte sich jetzt durch ein „Schnapp“ und das Zerbersten der Eiswaffel bemerkt.

Vor Schreck verlor Salino fast die Kontrolle über seine Schließmuskeln. So fühlt es sich zumindest an. Er wollte ausweichen, aber da war nur die Eisvitrine. Beinahe hätte er sie zertrümmert, so heftig hatte er seine Arme zurückgezogen. Die Reste der Waffel bröselten zu Boden. Der Hund dachte gar nicht daran, sie aufzulecken. Waffeln waren wohl nicht sein Ding.

Wotan und Thor schauten ihn mitleidig an. Ihr Frauchen lachte herzlich und zahlte. „Nur nicht erschrecken“, sagte sie, als sie an Salino vorbei nach draußen ging. „Die Hunde bewegen sich jetzt.“

Und tatsächlich trotteten in diesem Moment die beiden Riesenviecher auf unerhört leisen Sohlen gemächlich hinter ihrer Herrin her ins Freie.

Salino war der Appetit auf Eis gründlich vergangen.

Im oberen Regal neben der Kasse entdeckte er Zigaretten. „Einen Cappuccino und einmal Marlboro.“ Offenbar kannte der Eisverkäufer das seltsame Gespann. Er grinste breit, als er Salino die Zigaretten reichte. „Den Cappuccino bringe ich gleich.“

Salino nickte und setzte sich raus. Seine Hände zitterten immer noch, als er sich eine ansteckte. Was für ein Tag!

*

So hatte sich Marianne das allerdings nicht gedacht. Natürlich wusste sie, dass die Polizei alle Akten beschlagnahmt hatte. Woran sie aber nicht gedacht hatte war, dass die Beamten auch alle Computer und sämtliche Datenspeicher hatten mitgehen lassen. Sogar die Schreibmaschinen, weil bei den modernen Geräten eventuell noch der Speicher auslesbar sein könnte.

„Reine Schikane“, behauptete Marianne und schaute zu den vielen untätigen Angestellten auf den Flur. Was sollten die tun, ohne Computer? Nicht einmal die Ausgangsfrachten konnten abgewickelt werden.

„Reine Schikane“, regte sich Marianne nochmals auf.

„Verdunkelungsgefahr“, behauptete Walthers Sekretärin. Marianne warf ihr einen wütenden Blick zu. Wo hatte ihr Mann denn dieses wasserstoffblonde Dummchen aufgetrieben? 1,90 groß, superschlank, langes gelocktes Haar. Wahrscheinlich war ihre Karriere als Modell nur an ihrer Nase gescheitert. Die sah so aus, als ob sie mehrfach gebrochen war. Oder es war einfach nur eine Schönheitsoperation in die Hose gegangen. Egal! Marianne hatte nicht gewusst, dass ihr Mann sich solche Frauen in sein Vorzimmer setzte. Vielleicht war an dem Appetitholen ja doch was dran? Was hieß das schon, dass sie zwanzig Jahre mit Walther verheiratet war. Von möglichen illegalen Geschäften hatte sie ja schließlich auch nichts gewusst.

„Verdacht auf Straftaten nach StgB §129a, hat der Mann vom BKA gesagt“, flötete das Blondchen. Wäre schön, wenn ich jetzt auch noch wüsste, was das ist: 129a, dachte Marianne. Dann wären wir schon ein gutes Stück weiter. Aber das könnte ihr Webermann ja erklären, der war schließlich Jurist.

„Wo ist denn der Webermann?“ fragte Marianne. „Der ist doch wohl bei der Polizei und sorgt dafür, dass wir unsere Computer bald wiederkriegen, hoffe ich.“

„Das glaube ich nicht“, sagte das Blondchen.

„So?“

„Der ist den ganzen Tag über noch nicht aufgetaucht!“

„Was?“

„Das hat mich auch schon gewundert.“

Dieses einfältige Ding. „Dann rufen Sie ihn mal zu Hause an! Schließlich ist das der Tag, an dem wir einen Prokuristen wirklich brauchen!“ schimpfte Marianne verärgert.
„Habe ich schon mehrfach versucht“, erklärte die Sekretärin. „Weder zu Hause, noch im Fitness Club, nicht mal in seinem Tennisclub ist er.“

Marianne war von dieser Nachricht beunruhigt. Webermann war der Einzige, der ihr sagen konnte, was hier vorging. Warum Webermann mitten in der Woche in seinem Tennisclub sein sollte, war Marianne allerdings schleierhaft. „Finden Sie ihn!“

Blondie hob hilflos die Schultern und legte den Lockenkopf schief. „Ich weiß nicht, wo ich noch suchen könnte.“

Marianne seufzte. „129a! Können die einem nicht wenigstens mal Klartext sagen, worum es überhaupt geht!“ nörgelte Marianne mehr mit sich selbst.

„Oh!“ meldete sich Lockenköpfchen. „Bildung einer terroristischen Vereinigung.“

„Was?“

„129a StgB“, behauptet Blondie.

Marianne schaute das Modell irritiert an. Dann kramte sie diesen Chip aus der Tasche. „Können Sie mir auch sagen, was das hier ist?“ fragte sie eher zynisch als neugierig.
„Ein Computerchip!“

Marianne verdrehte die Augen.

„Darf ich mal?“ fragte eine Stimme von hinten.

„Das ist Dr. Petersen. Der Chefingenieur für Kühlsysteme. Eisschränke und so“, stellte Blondie den Mann vor.

Der kurzsichtige Mann mit Hornbrille nahm den Chip und hielt ihn sich dicht vor seine Gläser.

„Steuerchip“, triumphierte er und gab Marianne den Chip zurück.

„Steuerchip für was?“

„Kann ich nicht sagen, gehört auf alle Fälle zu den Chips, mit denen wir Zeitabläufe programmieren. Ist aber keiner der Standardchips, sonst würde ich ihn kennen.“

„Und weiter?“ fragte Marianne ungeduldig. „Wie kriegen wir das raus, wo der Chip herkommt?“

„Der kommt von unserem Chipbroker, das ist sicher. Wichtiger ist die Frage, wofür er verwendet werden sollte“, erklärte Dr. Petersen belustigt. „Aber das kann ich Ihnen erst sagen, wenn ich die Projektlisten einsehen kann.“

„Ja, und?“

„Die sind im Computer!“

„Und die Computer sind bei der Polizei“, demonstrierte Marianne dem kleinen Besserwisser, dass sie nicht vollkommen blöd war.

„Genau!“ freute sich Dr. Petersen. „Deshalb wollte ich jetzt auch Bescheid sagen, dass ich gehe. Bevor die Rechner nicht wieder da sind, macht es wenig Sinn, dass wir hier alle herum sitzen, nicht wahr?“

Ja, das sah Marianne widerwillig ein. Hier gab es nichts mehr zu tun. Für sie nicht und für die Angestellten auch nicht.

„Gut. Sagen Sie den Leuten, dass sie nach Hause gehen können. Bis auf weiteres ist diese Firma geschlossen“, trug Marianne der Sekretärin auf. „Nur der Hausmeister und das Sekretariat bleiben besetzt.“

Blondie nickte und griff zum Telefon.

„Fein, dann bin ich früh auf dem Golfplatz und werde ein wenig an meinem Handicap arbeiten!“ freute sich Dr. Petersen.

Marianne sah ihn spöttisch an, verkniff sich aber, darauf hinzuweisen, dass er sein persönliches Handicap eigentlich bereits auf der Nase trug.

*

Franziska fand Salino in dem Eiscafé. Der Besuch beim Bestatter hatte ihre Laune keineswegs verbessert. Sie brummte nur: „Fertig?“ und schleifte Salino förmlich zum dem örtlichen Herrenausstatter.

Salino hatte nicht damit gerechnet, dass seine Tante ihm etwas zum Anziehen kaufen wollte. Er fühlte sich überrollt, als sie ihm eine beige Breitcordhose vorhielt und zufrieden nickte. Cordhosen waren nicht seine Sache. Eigentlich wollte er sie nicht einmal anprobieren. Aber um seine Tante nicht weiter zu reizen, tat er ihr den Gefallen. Es fiel ihm nicht schwer, Gründe zu finden, die gegen einen Kauf dieser Hose sprachen. Doch bevor er dazu kam sie anzubringen, erklärte Franziska die Hose als gebongt und stürmte zur Abteilung mit den Hemden hinüber. Als Salino endlich wieder in seiner geliebten, aber verschmutzten Jeans steckte, hatte sie ihm bereits zwei Baumwollhemden in Khaki und Tannengrün ausgesucht.

„Vielen Dank“, sagte Salino vorsichtig. „Aber so etwas trage ich gewöhnlich nicht. Das hier wäre eher etwas!“ Er zeigte auf ein schwarzes Ripshirt von Levis.

„Hm“, murrte seine Tante nur und strafte ihn mit einem Blick, der ein Rumpsteak in der Pfanne schockgefroren hätte. „Ich weiß nicht, wie du es wieder geschafft hast, dass Frau Weppert meint, sie müsse sich um dich kümmern, aber ich habe langsam die Nase voll. Du warst schon früher immer so. Jeder fühlt sich für dich verantwortlich, nur du nicht.“

Franziska war laut geworden. Salino sah sich beunruhigt um. Musste das hier sein? So etwas war doch nur peinlich. Der Verkäufer am Regal nebenan schien so konzentriert, die Ware auszuzeichnen, dass es schon auffiel.

„Und glaub ja nicht, dass ich mir das lange mit ansehe, wie du Frau Weppert auf der Tasche liegst. Du verschwindest wieder. Und zwar so schnell es geht!“

„Ich habe doch gar nicht um eine neue Hose gebeten“, versucht Salino sich zu verteidigen.

„Hast du genug Unterwäsche?“ fragte Franziska plötzlich in normalem Tonfall. Salino schwieg irritiert. Seine Tante griff in den Stapel im Regal und zog fünf Unterhosen in seiner Größe heraus.

„Hier“, sie drückte ihm die Schachteln in die Hand. „Solange du bei Frau Weppert im Haus als Gast bist“, erhob Franziska ihre Stimme sogleich wieder, „wirst du dich anständig benehmen und entsprechend kleiden.“

Salino wusste ohne näheres Hinsehen, dass das nicht die Art von Unterwäsche war, die er gewöhnlich trug. Eigentlich machte es doch gar keinen Unterschied, zumindest nicht bei der Unterwäsche, welche er trug. Warum konnte nicht wenigstens die nach seinem Geschmack sein?

„Da rüber! Zu den Anzügen!“

Dieses Hin und Her von normalem Tonfall zum beinahe keifenden Gezeter verwirrte Salino so sehr, dass er außerstande war, seine Argumente bezüglich der Unterwäsche anzubringen.

„Also! Ich will jetzt keine Diskussion um die Sachen hören, die ich dir kaufe, klar!? Wenn du selber zahlst, kannst du von mir aus kaufen, was du willst!“

Salino war sprachlos. Franziska nahm ihm die Sachen vom Arm.

„Wir brauchen einen schwarzen Anzug. Für die Beerdigung. Probier mal den da an.“

Ohne jeden Kommentar nahm Salino den Anzug vom Bügel und probierte ihn an. Doch gerade beim Anzug war Diskutieren scheinbar erlaubt. Salino musste sieben Stück anprobieren, bis Franziska sich für einen entschieden hatte.

Als sie das Bekleidungsgeschäft verließen, fühlte sich Salino vorgeführt. Wie ein trotziger, kleiner Junge trabte er Franziska zum Wagen hinterher. Es war schon ziemlich lange her, dass er sich sagen lassen musste, was er anzog oder kaufte und was nicht.

*

Abendessen gab es um halb acht. Gewöhnlich aß Marianne mit ihrem Mann im Esszimmer und Franziska in der Küche. Doch aufgrund der veränderten Umstände hatte Marianne beschlossen, dass von nun an gemeinsam gegessen wurde.

Die Cordhose war zwar bequem, aber ungewohnt weit und der Stoff fühlte sich irgendwie zu dick an. Ganz anders als seine Jeans. Außerdem passte die Hose Salinos Meinung nach überhaupt nicht zu den Turnschuhen, die er meistens trug.

„Sieht gut aus“, stellte Frau Weppert zufrieden fest. „Andere Schuhe vielleicht noch.“

Salino setzte sich schnell an den reichlich gedeckten Tisch.

„Vielen Dank für den Anzug“, sagte er höflich.

„Na, Sie konnten ja nicht wissen, dass Sie einen brauchen.“

Salino wollte nach dem kalten Hühnchen greifen. Sein Blick kreuzte den von Franziska und er entschied sich doch lieber für ein Brot mit Leberwurst. Seine Tante schien zufrieden.

„Was machen Sie eigentlich beruflich?“

„Ich bin gelernter Drucker“, sagte Salino. Tante Franziska schien durch diese Frage in höchste Alarmbereitschaft versetzt zu sein.

„Und jetzt haben Sie Urlaub?“ fragte Marianne ohne jedes Anzeichen eines besonderen Interesses weiter.

„Ich glaube, wir brauchen noch Tee. Salino, gehst du bitte mal in die Küche und setzt noch ein wenig Wasser auf!“ unterbrach Franziska die Unterhaltung schnell. Salino wollte sofort aufstehen.

„Ach was“, sagte Marianne. „Die Kanne ist ja noch halb voll und ich trinke keinen mehr.“

Franziska überlegte einen Moment, schien dann aber darauf zu setzen, dass Frau Weppert ihre Frage schon wieder vergessen hatte.

„Wie lange haben Sie denn Urlaub?“ nahm Marianne den Faden jedoch unbeirrt wieder auf.

„Ich habe keinen Urlaub“, antwortete Salino wahrheitsgemäß. Die Augen seiner Tante sprühten Feuer. Was auch immer sie gerade im Mund hatte, es war mit Sicherheit innerhalb von Sekunden gegart. Salino ignorierte ihren Blick. Das alles hatte ja wenig Sinn. „Ich bin arbeitslos.“

„Oh“, stellte Marianne erstaunt fest. „Das tut mir leid.“

„Und eine Wohnung habe ich auch nicht“, fügte Salino, ohne von seinem Teller aufzusehen, an.

Frau Weppert ließ ihre Gabel sinken und sah Salino erstaunt an.

„Ach, dann sind Sie hier, weil Sie von Ihrer Tante Hilfe erwarten?“

Franziska nahm ihm die Möglichkeit zu antworten ab.

„Ich habe ihm gesagt, er kann ein oder zwei Tage hier bleiben. Aber dann muss er selber sehen, wie er zurechtkommt.“

„Aber es ist doch Ihr Neffe?!“

„Hier kann er nicht bleiben, das weiß er auch.“

Franziska sah ihn auffordernd an und Salino wollte sie keineswegs noch mehr verärgern.

„Ja, ja“, sagte Salino. „Nur ein oder zwei Tage, dann bin ich weg. Ich finde schon einen neuen Job!“

„Aber …!“

Bevor Frau Weppert die Situation noch durch ihre Freundlichkeit weiter verschlimmern konnte, klingelte es an der Tür. Franziska passte das in diesem Moment überhaupt nicht, aber sie erhob sich unverzüglich und ging öffnen.

„Hm. Ich will mal sehen, ob ich etwas für dich tun kann“, sagte Frau Weppert, als Franziska außer Hörweite war. „Das geht ja nun nicht, dass du auf der Straße sitzt und nicht weißt wohin.“

„Das müssen Sie aber nicht! Ich komme schon zurecht.“

„Keine Widerrede! Deine Tante gehört für mich praktisch zur Familie.“

Es fiel Salino erst jetzt auf, dass Frau Weppert ihn plötzlich duzte. Seitdem sie wusste, dass er arbeits- und obdachlos war schien ihr das Sie wohl unangemessen zu sein.

„Eine Frau Winter möchte Sie sprechen. Sie wartet in der Bibliothek“, sagte Franziska und nahm wieder Platz.

„Ich kenne keine Frau Winter“, stellte Marianne nach kurzem Überlegen fest. „Dann wollen wir die Frau lieber nicht warten lassen.“ Sie erhob sich und ging in die Bibliothek.
„Ich hätte große Lust, dich übers Knie zu legen und deinen kleinen Schnorrerhintern grün und blau zu prügeln“, zischte Franziska wütend, kaum dass sie mit Salino allein war. „Große Lust, wirklich!“

Einen Augenblick lang sah es so aus, als ob sie damit jeden Moment ernst machen wollte.

„Kommst hier reingeschneit und machst es dir einfach bequem wie die Made im Speck!“ regte sie sich immer mehr auf.

Salino fand das ungerecht. Gut, er wollte hier für ein paar Tage unterkriechen, aber sonst hatte er um nichts gebeten. Wenn er nicht arbeitslos wäre, hätte er sie doch auch besuchen können. Was hatte er schon verlangt? Salino stocherte lustlos im Essen herum. Der Appetit war ihm gründlich vergangen.

„Aber das sage ich dir! Darüber sprechen wir noch, darauf kannst du dich verlassen!“ drohte seine Tante und nahm sich das letzte Stück von dem kalten Huhn. „Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“

*

Frau Weppert war erstaunt. Sie hatte keine Ahnung, wer diese Frau Winter sein könnte. Aber dass es sich dabei ausgerechnet um diese blonde Dumpfbacke von Sekretärin handeln könnte, darauf wäre sie im Leben nicht gekommen. So eine hätte Marianne nie im Leben mit einem Namen in Verbindung gebracht.

„Ja bitte …“ sagte Marianne distanziert.

„Tut mir leid dass ich störe, aber ich dachte, es sei vielleicht wichtig.“

Was war wichtig? Was konnte schon wichtig sein? Marianne hoffte inständig, dass klein Barbie jetzt nicht mit einem Geständnis herüber kam. Wenn sie tatsächlich ein Verhältnis mit ihrem Mann gehabt hatte, wollte Marianne das jetzt nicht mehr wissen. Und wenn Blondie ihr Gewissen erleichtern wollte, war das mit Sicherheit der unpassende Moment.

„Hier!“ sagte Monika Winter und kramte aus ihrer Tasche eine große schwarze Kartusche.

„Was ist das?“ fragte Marianne. Das rechteckige Ding aus Plastik war groß genug, um darin Fotos aufzubewahren. Womöglich ein Videofilm mit ihr und Walther.

„Ein Streamer Tape!“

„Ein was?“

„Ein Backup! Die Kopie der Daten aus der Firma“, erklärte Monika, die Frau Weppert vom Gesicht ablesen konnte, dass sie ihr nicht folgen konnte.

„Was soll ich damit?“ fragte Marianne. Es war ihr ausgesprochen unangenehm, ausgerecht vor diesem Dummchen ohne einen Funken von Ahnung dazustehen.

„Ich habe immer nach Feierabend eine Kopie der Daten vom Server mitgenommen. Ihr Mann wollte das so. Er hat gesagt, ihm sei wohler, wenn er wüsste, dass noch eine Kopie aller Daten existierte. Irgendwo, Hauptsache nicht in der Firma.“

Marianne verstand die Welt nicht mehr. „Er hat Ihnen seine gesamten Firmenunterlagen anvertraut?“ fragte sie entgeistert.

„Ja“, sagte Monika, so als ob sie Mariannes Verwunderung darüber gar nicht nachvollziehen konnte. „Ich bin schließlich seine persönliche Sekretärin.“

Marianne starrte die schwarze Plastikbox von allen Seiten an und erwartete, dass ihr jeden Augenblick ein Licht aufgehen musste.

„Warum haben Sie das heute Morgen nicht gesagt?“

„Ich wollte nicht, dass sich das rumspricht. Wenn die Polizei davon Wind gekriegt hätte, wäre das Band jetzt wahrscheinlich auch weg.“

Allmählich machte sich Marianne ernsthafte Sorgen. Die Kleine war blond, aber nicht blöd. Und ihr Walther hatte dieser Frau offenbar uneingeschränkt vertraut. Wenn er was mit ihr gehabt hatte, dann sicherlich keine harmlose Affäre. Marianne betrachtete nochmals den Datenträger.

„Wie kriege ich raus, was auf diesem Ding gespeichert ist?“

Es war ihr schon klar, dass sie in diesem Moment ihre völlige technische Unzulänglichkeit preisgab. Aber darauf kam es jetzt nicht mehr an.

„Sie bräuchten einen Computer.“

„Und jemand, der ihn bedienen kann.“

„Sicher, aber das kriege ich hin. Ich habe die Backups ja selber gemacht.“

„Fein, und ein Computer? Woher kriegen wir einen Computer?

Moni schien angestrengt zu überlegen. „Also den Server hat die Polizei ja nicht mitgenommen. Aber alle Platten.“

Marianne wartete, Monika schien zu glauben, dass ihr das irgendetwas sagte.

„Und?“ fragte Marianne dann.

„Wir bräuchten eigentlich nur eine Festplatte!“

Marianne wurde ungeduldig. Wenn sie das richtig verstand, hatten sie doch keine Platte.

„Ich habe da eine Idee“, strahlte Monika.

„Ja.“ Diese Frau machte einfach zu viele Denkpausen zwischen den Sätzen.

„Ist nicht ganz legal. Aber es gibt eine Firma, die genügend redundante Platten in einem ähnlichen System hat wie wir. Das weiß ich von einer Freundin, die da mal gearbeitet hat.“

„Ich verstehe nicht ganz“, sagte Marianne.

„Redundante Platten sind Festplatten, die sich während des Betriebes entfernen lassen, ohne dass das System die Arbeit unterbricht.“

Na gut, Marianne hatte zwar gedacht, dass ihr Blondchen sich nur gestelzt ausdrücken wollte und überflüssige Platten meinte, aber: „Das meinte ich nicht. Ich hatte das so verstanden, dass Sie mir vorgeschlagen haben, wir sollten diese Platten stehlen?“

Monika sah die Frau ihres Chefs, ihres ehemaligen Chefs, mit großen Augen an.

„Ja natürlich, davon spreche ich. Wo sollten wir sonst so eine Festplatte herkriegen?“

Marianne lachte. „Können wir nicht einfach eine kaufen?“

Monika schüttelte den Kopf.

„Wir brauchen 20 Terrabyte. Mindestens. So was kauft man nicht einfach. Das muss man bestellen. Auf Lager hat das niemand. Und dann könnten wir auch gleich warten, bis die Polizei unsere Platten herausrückt.“

Das war natürlich ein Argument. Marianne hatte sich das so gedacht, dass sie morgen in einen Laden gehen und so was einfach kaufen könnten. Sie fing an zu grübeln.
„Wenn Ihnen das zu gefährlich ist“, bot Moni an. „Dann mach ich das im Alleingang, kein Problem.“

Soweit kam es gerade noch. Zu gefährlich? Wollte die Kleine sie etwa herausfordern? Marianne schüttelte den Kopf.

„Das schaffe ich schon.“

„Aber ich muss sie sowieso begleiten. Oder meinen Sie, Sie finden die richtigen Platten und können sie auch ausbauen?“

Nein, das konnte Marianne natürlich nicht. Sie stufte Moni in Gedanken von dumm zu nervtötend auf.

„Also gut, wann soll es losgehen?“

Monika zuckte naiv mit Schultern: „Jetzt!“

*

Salino war gerade mit dem Essen fertig. Aber er traute sich nicht so recht, einfach aufzustehen. Franziska begann unterdessen den Tisch abzuräumen. Vielleicht sollte er ihr dabei helfen. Doch bevor Salino sich dazu aufraffen konnte, ging die Tür wieder auf.

Gleich hinter Frau Weppert betrat ein Traum in Blond das Zimmer. Sie trug hohe Emma Peel Stiefel, an denen sie morgens sicherlich eine halbe Stunde zu schnüren hatte. Dazu einen knallroten Minirock und einen grünen, hautengen Rollkragenpullover aus Polyester. Ihre Brüste stachen wie zwei angespitzte Kaffeefilter vor und hielten ein schweres silbernes Medaillon davon ab, ihren Bauch zu berühren.

Krass, dachte Salino und starrte die Frau mit offenem Mund und betäubten Augen an. Echt krass!

„Franziska! Es kann heute spät werden, aber ich und Frau Winter müssen noch einmal weg.“

Salinos Tante warf einen langen, abschätzenden Blick auf Frau Winter.

„Wir könnten gut noch Hilfe gebrauchen“, sagte Frau Winter. Ihre Stimme war samtig weich und ihre Augen hatten etwas von einer Katze. Sie waren grün. Aber mit ihrer Nase stimmte jedoch etwas nicht, fand Salino.

Frau Weppert schaute zu Salino herüber. „Hättest du nicht Lust auf ein kleines Abenteuer?“

Eigentlich hatte Salino für heute genug Abenteuer erlebt. Aber noch keines mit einer so attraktiven Frau. Salino war noch immer wie betäubt.

„Ja klar“, hörte er sich sagen und hatte dabei sicherlich eine andere Art der Vorstellung von dem Wort „Abenteuer“, als die beiden Frauen vor ihm.

„Ist aber nicht ganz legal!“ sagte Moni.

„Ich bin über 18“, behauptete Salino abwesend.

Frau Winter verstand nicht, worauf er hinaus wollte.

„Wollen wir?“

Die Frauen drehten sich um und verließen das Zimmer.

„Kommst du?“ fragte Frau Weppert aus dem Flur.

Salino kam endlich wieder zu sich und stand auf. Er hatte noch nicht einmal gefragt, worum es überhaupt ging. Aber eigentlich war ihm das auch egal. Wichtig war im Moment nur noch, wer mit von der Partie war.

Kapitel 3

Nicht ganz legal war reichlich untertrieben. Der Wagen fuhr an einem gut gesicherten Fabrikgelände entlang und Frau Winter hielt offensichtlich Ausschau nach einer guten Möglichkeit, den Stacheldrahtzaun zu überwinden. Salino wurde klar, dass die beiden Frauen in den Firmenkomplex auf der anderen Seite des Zaunes einbrechen wollten. Das war ohne Frage höchst illegal.

„Da!“ sagte Frau Winter.

Marianne steuerte den Jaguar auf den Seitenstreifen und stellte den Motor ab. Salino konnte es kaum fassen, die wollten da tatsächlich einbrechen.

„Hat eigentlich jemand eine Drahtschere mit oder wollen wir über die Rolle Natodraht einfach so hinweg klettern?“ scherzte Salino.

„Ich denke, wir steigen einfach durch das Loch da vorn!“

Frau Winters Stimme hatte da so einen spöttischen Unterton. Hielt die blonde Schönheit, ihn, Salino, für vertrottelt? Aber er musste leider zugeben, dass er das Loch im Zaun bisher nicht bemerkt hatte. Salino war gar nicht wohl bei der Sache. Das Loch war frisch geschnitten worden. Ganz saubere Kanten. Es fiel Salino nicht schwer, die Ecken so hoch zu halten, so dass die beiden Frauen bequem hindurch schlüpfen konnten.

Dieses Loch hatten keine vandalierenden Jugendlichen geschnitten. Das war eine Profiarbeit. Die Frauen schien das überhaupt nicht zu kümmern. Sie traten einfach durch das Gebüsch auf den betonierten Weg, der zu der Lagerhalle führte. Natürlich sahen sie weder den Bewegungsmelder, noch die Kameras.

Salino hätte sie gerne darauf hingewiesen, aber er wollte sich nicht schon wieder lächerlich machen. Bei genauerem Hinsehen stellte er sowieso fest, dass der Bewegungsmelder mit irgendeinem Farbstoff besprüht war und an der Kamera klemmte ein Gegenstand, der die Linse verdeckte. Das war zwar Glück für sie, aber es beruhigte Salino nun überhaupt nicht. Er hatte so etwas im Fernsehen gesehen und war sich nun ganz sicher, dass sie hier im Fahrwasser eines Profis einbrachen. Da schien ihm der Ärger vorprogrammiert.

Und er hatte Recht. Gerade, als sie an der Lagerhalle vorbei zur Rückseite des Hauptgebäudes schlichen, sah er sie. Eine schwarze, kaum erkennbare Gestalt stand unweit des Haupteinganges an einen Baum gelehnt. Salino brauchte nicht mehr als diese Haltung zu sehen, um zu wissen, um wen es sich dabei handelte.

Die Person schien den Parkplatz und den Haupteingang zu beobachten. Deshalb merkte sich wohl gar nicht, dass Salino und die beiden Frauen hinter der kleineren Halle verschwanden. Salino sagte Frau Weppert nichts von der Killerin, die da hinten in der Dunkelheit lauerte. Er hoffte einfach, dass die Frau sie auch weiterhin nicht bemerken würde.

An der Rückseite des Verwaltungsgebäudes gab es keine Möglichkeit einzudringen. Frau Weppert und Frau Winter waren ratlos. Salino lächelte. Wie sich Frauen das auch immer vorstellten. Als wenn man in einen Sicherheitsbereich einfach so rein marschieren könnte. Warum hieß das wohl Sicherheitsbereich? Nur eine Feuertür war auf dieser Seite des Gebäudes. Monika rüttelte daran. Dieser grenzenlose Optimismus! Salino bewunderte das beinahe. Natürlich war die Tür fest verschlossen.

„Was nun?“ fragte Frau Weppert und schaute zur Antwort in zwei ratlose Gesichter.

„Psst“, zischte Monika. „Da pfeift jemand.“

Sie stand immer noch an der Feuertür und lauschte.

„Da kommt jemand!“ stellte sie dann erschreckt fest.

Frau Weppert und Monika flohen hinter die Hecke, die den Grünstreifen hinter diesem Gebäude abgrenzte und den Zaun verbarg.

Es sah so aus, als ob Salino wertvolle Zeit mit nachdenken vertrödelte. Die Frauen winkten ihm hektisch zu. Dann reagierte er endlich. Er kauerte sich unter die drei Stufen, die vor dem Notausgang waren und hielt die Luft an. Wenig später wurde die Tür auch schon aufgestoßen. Ein junger Nachtwächter trat laut pfeifend ins Freie. Die Stöpsel in seinem Ohr waren nicht die vom Sprechfunk, sondern von seinem Walkman. Salino konnte deutlich das rhythmische Hämmern der Bässe hören. Allzu ernst nahm der Kerl seinen Job Gott sei Dank nicht. Er ließ die Taschenlampe einmal in die Runde über die Büsche gleiten. Die Frauen hatten dabei noch Glück, dass der Trottel sie nicht zufällig entdeckte. Dann ließ der Nachtwächter die Tür zufallen und stieg die drei Stufen hinab. Salino hatte geistesgegenwärtig, bevor die Tür in Schloss fallen konnte, einen Schuh ausgezogen und über seinem Kopf hinweg in den Türrahmen geschoben.

Der Wächter hatte nichts bemerkt. Trällernd trottete er über den Rasen Richtung Lagerhalle ab. Salino war gespannt, ob er auf die Killerin stoßen würde und wie diese Geschichte wohl ausginge. Aber dafür reichte die Zeit nicht. Das musste er morgen in der Zeitung lesen.

Kaum war der Wächter um die Ecke der Halle, da kamen die beiden Frauen aus ihrem Versteck.

„Das war knapp“, stöhnte Monika.

„Warum bist du nicht zu uns in Deckung gekommen?!“ schimpfte Frau Weppert.

Salino stieg die drei Treppen hinauf und zog die nicht eingerastete Feuertür auf. „Deshalb!“

Monika lachte. Sie zwackte ihn in die Wange, als sie an ihm vorbei ins Innere des Gebäudes ging und sagte: „Schlaues Kerlchen!“

Salino brauchte einige Zeit, um seinen Schuh wieder anzuziehen. Als er die Frauen wieder einholte, standen sie ratlos vor einer elektronisch verriegelten Glastür und starrten in das blinkende, von Computerkram überhäufte Innere.

Salino schaute sich das kurz an und ging zehn Meter zurück. Der Krach war ohrenbetäubend, als das Glas der Tür zerplatzte. Mitten drinnen kreischten zwei Frauen, als wenn sie ihrem kleinen Freund, dem weitverbreitetsten Nager der Welt von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Der Feuerlöscher, den Salino durch die Glasfront geschleudert hatte, trudelte auf dem Fußboden einsam aus und schlug dann mit einem satten „Klong“ gegen den Metallfuß eines der Arbeitstische.

Stille. Wenn diesen Krach niemand gehört hatte, dann war hier auch niemand und der Nachtwächter würde frühestens in einer Stunde wiederkommen, schätzte Salino.

„So geht das natürlich auch“, kommentierte Monika. Sie warteten noch einen Moment, ob sich irgendetwas tat, aber alles blieb still. „Also los.“

Von Computern hatte Salino kaum Ahnung. Alles, was er in der Druckerei damit zu tun gehabt hatte, hatte ihm diese Geräte eigentlich keinen Deut näher gebracht.

Da waren Geräte hinter Glas, die permanent vor sich hin blinkten. Monitore die fortgesetzt Meldungen von sich gaben, die niemand las. Ein Mysterium. Frau Weppert schien es ähnlich zu gehen. Nur Frau Winter fühlte sich hier scheinbar zu Hause. Sie setzte sich an eines der Terminals und gab unverständliches Zeug mit der Tastatur ein.

Salino sah sich um. Kalt war es hier. Er ging zu der Glastür zurück und lauschte. Er lauschte angestrengter. Da draußen war doch was! Er glaubte, leise Schritte zu hören. Auf dem Flur war nichts zu sehen.

Monika war an ihren Bildschirm gefesselt. Nur nicht die Pferde scheu machen, dachte Salino und ließ die beiden Frauen hier zurück. Er schlich den Flur entlang. An der nächsten Ecke meinte er, die Schritte noch deutlicher wahrgenommen zu haben. Es waren nicht eigentlich Schritte. Es klang einfach nicht nach Schuhen. Womöglich die Frau mit der Pistole, die sich auf speziellen Kreppsohlen, an ihre nächsten Opfer heranschlich. Er hockte sich hin. Nichts mehr zu hören. Er zählte innerlich bis drei, dann schaute er vorsichtig um die Ecke.

Dieses Geräusch kannte er. Er hatte es heute schon einmal gehört. Eine Art Schmatzen. Auch diese Lefzen kamen ihm sehr bekannt vor. Zumal er das sabbernde Maul der Dogge genau vor der Nase hatte. Das Mistvieh schien hier hinter der Ecke auf ihn gelauert zu haben. Was hatte ihn bloß geritten, sich hinzuhocken? Genau genommen überragte ihn die Dogge jetzt noch um einen halben Kopf.

Salinos Herz setzte für einen Moment aus. Er wusste ganz genau, dass er puren Angstschweiß verströmte. Hunde fuhren da drauf unheimlich ab. Angstschweiß war für sie ein Pheromon. Salino hatte noch genau vor Augen, wie die Eiswaffel verschwunden war, in diesem Maul, das sich gleich mit einem „Schnapp“ um seinen Kopf schließen würde. Doch die Dogge starrte ihn nur aufmerksam und interessiert an. Jetzt nur keine schnelle Bewegung machen!

„Thor?“ fragte er unsicher. Vielleicht hatte er Glück und der Hund erkannte ihn wieder.

„Wotan!“ antwortete die Stimme, die Salinos Erinnerung nach zu dem Frauchen gehören musste. Salino drehte vorsichtig den Kopf. Richtig da stand sie. Schwarz, lang und ehrfurchtgebietend. Thor an ihrer anderen Seite.

„Was treiben Sie hier auf dem Fußboden meines Flures? Und dann noch außerhalb der Arbeitszeit?“

Salino wusste nicht recht, was er ihr antworten sollte.

„Salino! Wir sind gleich fertig!“ rief Frau Weppert aus dem Computerraum. Wahrscheinlich wunderte sie sich, wo er abgeblieben war. Die schwarze Frau schaute interessiert an Salino vorbei den Flur hinunter.

„Ist da eine Party, von der ich wissen sollte?“ fragte sie eisig.

Salino blieb stumm.

„Ist mein Mann auch da?“

Salino zuckte mit den Schultern. Woher sollte er wissen, wer ihr Mann war?

„Stehen Sie auf und kommen Sie mit!“

Die Frau wartete nicht ab, ob Salino ihrem Befehl Folge leistete. Scheinbar kam sie gar nicht auf die Idee, dass jemand das nicht tun könnte. Salino zögerte einen Augenblick. Schon aus Prinzip. Thor folgte seiner Herrin auf den Fuß. Wotan behielt derweil den Fremden im Auge.

„Schon gut, schon gut“, sagte Salino leise und erhob sich vorsichtig. Wotan folgte ihm in kurzem Abstand. Diese Hunde waren Salino wirklich unheimlich. Sie schienen ausschließlich von den Gedanken ihrer Herrin gelenkt zu werden.

Als Salino mit der schwarzen Frau und ihrer vierbeinigen Leibgarde den Computerraum betrat, war Monika gerade dabei, ein schweres, klobiges Metallteil aus einem der Schränke zu ziehen, was der Computer mit einem kurzen Signal quittierte. Für Salino war nicht klar, ob der Computer daran etwas auszusetzen hatte oder einfach nur erleichtert war.

„Was wird das hier?“ fragte die Herrin der Hunde energisch.

„Ich …“, wollte Monika antworten, merkte dann aber, dass die Frage nicht von Marianne, sondern jemandem anderes gestellt worden war.

„Frau Weppert?“ fragte die schwarze Frau und zeigte zum ersten Mal so etwas wie eine Spur von Irritation.

„Frau von Boeder!?“

„Was tun sie hier?“ fragte Frau von Boeder.

„Wir … wir leihen uns eine Festplatte von ihrem Mann!“ erklärte Marianne mit einer hilfesuchenden Armbewegung.

„Sieht nicht so aus, als ob mein Mann davon weiß!“ stellte Frau von Boeder seelenruhig, mit einem beiläufigen Blick auf den Feuerlöscher und die herumliegenden Scherben auf dem Fußboden, fest.

„Das ist so …“ wollte Frau Weppert zu einer sicherlich phantastischen Erklärung ansetzen.

„Halt! Erklären Sie mir nichts“, winkte Frau von Boeder ab. „Geschäftliches hat mich noch nie interessiert.“

Salino war enttäuscht, die Erklärung, was sie hier eigentlich trieben, hätte ihn nun wieder brennend interessiert.

„Machen Sie was sie wollen! Ich suche eigentlich nur meinen Mann.“

„Hier ist er nicht!“ behauptete Frau Weppert. „Ich habe mich heute Mittag mit ihm in Corvey getroffen, seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.“

„Sie haben sich mit meinem Mann in Corvey getroffen?“

Die Frage kam scharf. Chön charf. Daran konnte sich Frau Weppert ganz schnell die Finger und mehr verbrennen.

„Geschäftlich“, erklärte sie schnell. „Es ging indirekt um eben diese Festplatte.“

„Das will ich alles gar nicht wissen.“

Frau von Boeder machte eine Handbewegung wie mit einem Wischmob. „Geschäfte!“ schob sie zur Bekräftigung noch verächtlich nach. „Was ich wissen will ist: Wo ist mein Mann? Er ist heute nicht zum Essen erschienen!“

„Vielleicht ist ihm etwas zugestoßen“, vermutete Frau Weppert vorsichtig.

In Anbetracht der Tatsache, in welcher Situation sie Herrn von Boeder das letzte Mal gesehen hatte, schien das keineswegs abwegig.

„Das wäre besser für ihn. Denn außer einem plötzlichen Tod wüsste ich keinerlei Entschuldigung, die sein Nichterscheinen bei Tisch auch nur annähernd rechtfertigen würde.“ Frau von Boeder warf ihren Hunden einen kurzen Blick zu. „Sie kommen doch allein zurecht, ja?“

„Sicher, sicher“, behauptete Frau Weppert schnell. „Keine Frage, wir kommen zurecht.“

„Hmm“, brummte Frau von Boeder. Sie drehte sich ohne weitere Worte zu verlieren um. Thor und Wotan folgten ihr ohne ersichtliches Kommando und verschwanden mit ihrer Herrin in der Tiefe des Flures.

„Ich glaube, ich habe mir in die Hose gemacht“, sagte Monika. Sie war kreideblass und die schwere Festplatte zitterte in ihrer Hand.

Am liebsten hätte Salino laut „Hah!“ geschrien. Jetzt würden sie sich wohl nicht mehr über ihn lustig machen, weil er mal ein Loch im Zaun übersehen hatte. Aber er hielt lieber den Ball flach, bis sie wieder in Sicherheit waren.

„Weg hier!“ sagte Frau Weppert. „Bloß weg!“

„Ich habe eine Scheiß Angst vor Hunden“, erklärte Frau Winter auf dem Weg zur Feuertür.

„Das waren doch Hunde, oder?“ fragte sie verunsichert.

Salino nickt und nahm ihr die schwere Platte ab.

„Der arme von Boeder!“ flüsterte Frau Weppert, als Salino auf ihrer Höhe neben der Lagerhalle war. „Der ist bestimmt tot.“

„Glaube ich nicht!“ sagte Salino.

„Was dann?“

„Keine Ahnung. Aber auf dem Hinweg habe ich diese Killerin aus dem Kloster Corvey gesehen. Sie hat da hinten zwischen den Büschen gelauert. Das hätte sie doch nicht getan, wenn sie ihn schon erwischt hätte.“

Frau Weppert schaute sich erschreckt in die Richtung um, von der Salino gesprochen hatte. Aber die Gestalt, die vorhin noch in den Büschen gehockt hatte, war verschwunden.

*

Inzwischen glaubte Marianne besser zu verstehen, warum ihr Mann so eine Frau wie Moni eingestellt hatte. Sie musste zugeben, dass sie sich in dem Blondchen gewaltig geirrt hatte. Moni schien genau zu wissen, was sie tat. Sie hatte eine Menge Ahnung von Computern, war bildhübsch und das wichtigste, sie war äußerst loyal. Schließlich war sie mit dem Einbruch und der Zurückhaltung von Beweismaterial ein hohes Risiko eingegangen und das, obwohl sie keinen Nutzen daraus ziehen konnte. Nach dem Tode von Walther schien ihre Loyalität einfach auf Marianne übergegangen zu sein, obwohl sie die Frau ihres ehemaligen Chefs ja kaum kannte.

*

Salino war wenig begeistert davon, schon wieder in einem klimatisierten Raum mit all dieser Elektronik zu sitzen. In klimatisierten Räumen war die Luft immer eine Spur zu trocken. Gelangweilt schaute er zu, wie Monika auf den Tasten des Computers von Elektro Weppert einhämmerte. Ob nun hier oder dort, alles sah gleich aus und überall waren die Räume stark unterkühlt. Salino fröstelte leicht.

„Wir müssen jetzt eine ganze Zeitlang warten“, erklärte Moni, „bis die Daten von dem Band auf die Festplatte gespielt worden sind.“

„Wie lange?“ fragte Salino.

„Das kann gut und gerne ein bis zwei Stunden dauern.“

Salino machte es sich auf dem Stuhl bequem. Er zündete sich eine Zigarette an. Da waren zwar etliche Rauchverbotsschilder an der Wand, aber er hatte neben der Kaffeemaschine einen Aschenbecher gefunden. Gott, war er müde! Seit drei Tagen hatte er nur wenig bis gar nicht geschlafen.

Marianne stieß Moni in die Seite und lächelte. Salino hing, den Oberkörper aufgestützt, auf dem Schreibtisch, die Augen geschlossen, die Zigarette halb verglüht im Mundwinkel hängend. Er war eingeschlafen. Marianne nahm ihm vorsichtig die Zigarette aus dem Mund und drückte sie aus. Salino merkte davon nichts mehr.

Die beiden Frauen weckten ihn auch nicht, als der Computer drei Becher Kaffee später mit einer kurzen Melodie bekannt gab, dass der Job erledigt wäre.

„Den Chip?“ forderte Moni.

Marianne legte ihn auf den Tisch.

„Wir suchen jetzt nach der Typenbezeichnung. Dann sollten wir zumindest erfahren, wer diesen Chip bestellt hat und wozu.“

Monika tippte die Zahlen ein. „IC 63B1401“, las sie laut vor und drückte Enter.

„Dauert jetzt wieder eine Stunde?“ vermutete Marianne.

Aber der Computer hatte den Datensatz bereits gefunden.

„Hier“, sagte Monika. „Bestellt von: Webermann höchstpersönlich. Aber kein Projekteintrag.“

„Ist das ungewöhnlich?“ fragte Marianne in der Hoffnung, endlich einen Anhaltspunkt gefunden zu haben.

„Nein, eigentlich nicht. Kann ein neues Projekt sein. Und wenn hier steht, dass Webermann persönlich bestellt hat, heißt das eigentlich nur, dass er diese Baureihe genehmigt hat. Ist ab einem bestimmten Preis üblich. Da finden sich Tausende von Einträgen, obwohl Webermann mit der Chipbestellung nichts zu tun hat.“

„Dann wissen wir immer noch nicht, wer diesen Chip bestellt hat! Der ganze Einbruch war umsonst!“

„Nun mal langsam“, beruhigte Moni Frau Weppert. „Wir suchen jetzt in der Projektdatenbank. Irgendwo muss der Chip ja eingebaut worden sein.“

Leider gab die Projektdatenbank nicht viel her. Also suchte Moni in der Entwicklungsabteilung. Gott sei Dank hatte Walther ihr sein Passwort anvertraut, mit dem sie den gesamten Datenbestand abfragen konnte.

Aber: Nichts.

Dieser Chip, den von Boeder ihr gegeben hatte, war zwar in Walthers Firma gekauft, aber offensichtlich nie für irgendetwas benutzt worden.

„Das ist nun aber komisch“, wunderte sich Moni. „Ich meine, wir haben davon immerhin 75 Stück gekauft und das für 21.750,– Euro. Aber es ist nie einer dieser Chips benutzt worden.“

Das fand auch Marianne höchst seltsam.

„Ich suche einfach noch einmal die gesamte Festplatte durch, nicht in den Datenbanken, sondern als Volltextrecherche.“

Gleich nachdem Moni den Befehl dazu gegeben hatte, tauchte der schon bekannte Datensatz wieder auf. Sonst nichts.

„Nichts“, sagte Moni enttäuscht. Aber am oberen Bildschirmrand, zeigte ein kleines rotierendes Symbol an, dass der Computer noch tätig war. Monis Finger suchte ungeduldig nach der Abbruchtaste. Doch in diesem Moment war der Computer fündig geworden.

„Das ist ein Ding“ behauptete Moni verblüfft.

„Was?“ fragte Marianne neugierig. Sie konnte auf dem Bildschirm nichts Ungewöhnliches entdecken.

„Dieser Chip taucht in von Boeders Datensätzen wieder auf. Ich habe die alten Daten nicht gelöscht, sondern einfach unsere dazu gespielt. Die Platte war groß genug und ich dachte, das spart uns Zeit.“

Dass der Chip in von Boeders Datenbank auftauchte war allerdings nicht zu erwarten, aber was bedeutete das nun?

„Da ist eine Textdatei, wahrscheinlich der Anhang einer Email“, erklärte Monika. „Sehr interessant. Eine lange Liste von Gegenständen und mittendrin ist unser kleiner Chip versteckt.“

„Worum geht es?“

„Keine Ahnung. Projekt „Furie“, mehr steht hier nicht. Dann kommt eine Auflistung. Und das war’s.“

„Suchen Sie nach dem Projekt Furie!“

Monika gab den Begriff in die Suchmaske ein. Kein Erfolg.

„Ich glaube, diese Datei hat jemand vergessen zu löschen. Ich werde sie ausdrucken. Vielleicht kriegen wir anhand der Liste heraus, worum es geht.“

Der Drucker surrte los. Die drei Seiten lagen im Nu in dem Ausgabefach. Monika machte sich noch eine Kopie.

„Ich werde mal schauen, ob ich herausfinde, was das für ein Projekt sein könnte“, sagte sie.

„Aber für heute machen wir Schluss“, behauptete Marianne. Unsanft weckte sie Salino. Es wurde Zeit ins Bett zu gehen, Marianne fühlte sich mehr als ein wenig ausgelaugt. Gewöhnlich brauchte sie acht Stunden Schönheitsschlaf. In den letzten beiden Tagen war es dazu aber bei weitem nicht gekommen.

*

Frederik von Boeder war sich sicher, dem Killer entkommen zu sein. Stundenlang war er kreuz und quer durch das Weserbergland gefahren, weil er sich immer wieder verfolgt gefühlt hatte. Sie waren hinter ihm her. Daran bestand kein Zweifel. Warum nur hatte er sich auf solche Geschäfte eingelassen? Das Geld hatte er doch eigentlich gar nicht gebraucht.

Dieser verdammte Webermann war daran schuld. Der hatte ihn dazu überredet. Und jetzt? Jetzt stand er plötzlich alleine da. Von Webermann weit und breit keine Spur. Was sollte er tun? Kontakt mit Yuissep aufnehmen? Ihn fragen, was schief gegangen war und weshalb er ihm einen Killer auf den Hals gehetzt hatte?

Und wo sollte er hin? Nach Hause konnte er wohl kaum. Dort würden sie ihn schon erwarten. Geschäfte mit der Hamas, was für ein Schwachsinn! Und dann noch illegale Geschäfte. Mit solchen Brüdern hatte man am besten gar nichts zu tun. Noch besser, man kannte solche Typen noch nicht einmal.

Frederik hasste sich dafür, dass er Webermanns Drängen nachgegeben hatte. Aber was hätte er tun sollen? Zum Schluss hatte Webermann ihm ja sogar gedroht. Ihm! Er wollte ihr Verhältnis offenlegen. Mein Gott, wenn seine Frau erfahren hätte, dass er seit drei Jahren eine Beziehung mit einem Mann unterhielt … Frederik schoss ein Gedanke durch den Kopf. Vielleicht hatte seine Frau ja längst davon erfahren und sie war es, die den Killer beauftragt hatte!? Blödsinn, wischte Frederik den Gedanken sogleich wieder beiseite. Erstens machte es dann keinen Sinn, den alten Weppert umzubringen und zweitens hätte seine Frau sich wohl kaum das Vergnügen entgehen lassen, in so einem Fall selbst Hand anzulegen. Letzteres war entschieden das gewichtigere Argument. Also, was war da nur passiert? Was zum Teufel hatte da schiefgehen können?

Das konnte eigentlich nur Webermann wissen. Frederik hatte schon mehrmals versucht, Frank telefonisch zu erreichen, aber niemand war an den Apparat gegangen. Er hatte es auch mit der Handynummer versucht. Der Teilnehmer war vorübergehend nicht erreichbar. Vielleicht hatten sie Frank ja längst erwischt. Womöglich lag er eingegraben in einem Fundament. Ein Betonsarg. Da wäre sein Handy in der Tat nicht erreichbar. Frederik beschloss es zu riskieren, in Franks Wohnung nachzusehen. Einen Schlüssel hatte er ja.

*

Im zweiten Stock brannte Licht. Also war er wohl zu Hause. Frederik stieg die Stufen hoch und lauschte. Dann drehte er den Schlüssel im Schloss. Wer auch immer in dieser Wohnung war, er hatte sein Eintreten nicht bemerkt. Aus dem Schlafzimmer kamen undefinierbare Geräusche. Vorsichtig schob Frederik die Tür weiter auf. Immer bereit, jeden Moment kehrt zu machen und davon zu laufen.

Doch das war nicht nötig. Die Person im Schlafzimmer bemerkte ihn auch jetzt nicht. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und packte hektisch zwei Koffer. Das war nicht Webermann. Aber wohl auch niemand, der ihm gefährlich werden konnte. Der Mann war schmächtig und kam Frederik irgendwie bekannt vor. Als der Kerl sich umdrehte, um etwas aus dem Schrank zu holen und Frederik in dem Türrahmen entdeckte, stieß er einen spitzen, tuntigen Schrei aus.

„Herr Engelbrecht?“ fragte Frederik erstaunt.

„Herr von Boeder! Oh Gott!“ Engelbrecht hielt sich das Hemd, das er gerade in der Hand hielt, vor den Mund.

Engelbrecht war einer der Chemiker, die für Frederik arbeiteten. Natürlich nicht irgendeiner. Er war derjenige, der das Sonderprojekt ‚Furien’ betraute. Der Einzige außer ihm selbst und Webermann, der in die Einzelheiten eingeweiht war.

„Was tun Sie denn hier?“ wollte Frederik von seinem Angestellten wissen.

„Oh Gott, ich ähm … ich …“

„Ja was?“

„Herr Webermann hat mich gebeten, ein paar Sachen für ihn zu holen.“

„Wo ist Webermann?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen!“

„Er schwebt aber in höchster Gefahr, ist Ihnen das eigentlich klar?“

„Deswegen darf ich ja auch niemandem sagen, wo er ist.“

Frederik schaute auf den Koffer. Das waren nicht Franks Sachen, jedenfalls nicht ausschließlich. Frank rasierte sich nass. In dem linken Koffer lag ein Elektrorasierer.

Allmählich dämmerte es Frederik. Es war Frank. Vielleicht hatte er versucht, das Geschäft mit einem anderen Käufer abzuschließen, einem, der mehr zahlte. Oder er selbst hatte den Killer beauftragt, um alle Spuren zu beseitigen. Frank wollte sich mit den 10 Millionen absetzen. Das war Frederik jetzt klar.

„Ich habe damit nichts zu tun!“ verteidigte sich Engelbrecht hysterisch fiepsend und hob abwehrend die Hände.

Und diese kleine Schwuchtel war mit von der Partie. Die und Frank! Die beiden wollten ihn auflaufen lassen. Frederik wurde schwindelig bei dem Gedanken. Er liebte Frank, auch wenn es ihm schwerfiel, weil Frank ja ein Mann war. Frederik war noch lange nicht so weit, sich eingestehen zu können, dass er schwul war. Mit dem Geld wollten sie sich absetzen und irgendwo unter fremder Identität ein ganz neues Leben anfangen. Nur deshalb hatte Frederik sich auf diese Geschichte eingelassen. Nur Frank zu Liebe. Und jetzt wollte der ihn abservieren und mit dieser kleinen Chemikerschlunze durchbrennen.

Das Blut pochte in Frederiks Schläfen. In diesem Moment versuchte Engelbrecht an ihm vorbeizuhuschen und auszubrechen. Frederik hielt ihn mit der Kraft des eifersüchtigen Gatten fest und schleuderte ihn brutal zurück auf das Bett. Engelbrecht kreischte.

„Wo ist Frank?“

Drohend ging Frederik auf seinen ehemaligen Mitarbeiter zu.

Der griff plötzlich hinter sich und warf mit dem Elektrorasierer nach ihm. Frederik bekam das Gerät an die Schulter. Aber es schmerzte nicht einmal. Die Schwuchtel fing an mit allem zu werfen, was in dem Koffer war. Frederik lachte nur. Er wich den fliegenden Kleidungsstücken nicht einmal aus. Dann packte er Engelbrecht, zog ihn hoch und schüttelte ihn kräftig.

„Wo?“ fragte er nur.

Engelbrecht stand die Panik ins Gesicht geschrieben, aber er sagte kein Wort. Er würgte höchstens an etwas, das wohl in seinem Hals zu stecken schien. Frederik musste sich nicht groß überwinden und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.

Engelbrecht wimmerte. Er versuchte sich zu wehren. Aber drei, vier harte Schläge brachten Engelbrecht fast um. Spätestens jetzt wurde klar, warum Engelbrecht Chemiker und nicht Möbelpacker geworden war. Mit Frank hätte Frederik nicht so leichtes Spiel gehabt. Frank war durchtrainiert und stand voll im Saft. Wütend schlug Frederik zu. Wieder und wieder. Engelbrechts Wimmern wurde langsam leiser.

„Lass mich“, sagte er dann. „Ich sag’s dir ja.“

Wie konnte Frank nur so einem Weichei trauen? Es war doch klar, dass Engelbrecht alles ausplaudern würde.

Frederik hatte nur Verachtung für dieses jämmerliche Etwas übrig. Einen Moment später erkannte er den weißen Seidenschal um Engelbrechts Hals. Den hatte er Frank zu ihrem zweiten Jahrestag geschenkt.

Jetzt, wo Frederik nichts mehr zu verlieren hatte und wusste, wo Webermann sich aufhielt, gab es keine Grenzen mehr für ihn. Frederik zog den Schal an beiden Enden zu. Er sah nicht hin, als Engelbrechts Augen langsam hervortraten, seine Haut begann sich blau zu verfärben. Er hörte auch nicht auf, als Engelbrechts Gurgeln aussetzte. Er zog dieEnden des Schals so lange zu, bis er sicher war, dass Engelbrecht tot war. Mord aus Eifersucht endet eben meist im Overkill.

Dann stand Frederik erschöpft und innerlich ausgebrannt auf und machte sich auf die Suche nach Frank. Wenn er ihn erledigt hatte, war es ihm egal, was dann mit ihm geschah. Sein Leben war bereits mit diesem Betrug zu Ende gewesen. Dazu brauchte es keinen Killer mehr und auch keine Frau, die wütend zu Hause mit dem Essen auf ihn wartete.

Kapitel 4

Salino fühlte sich toll. Er streckte Arme und Beine aus. Endlich mal wieder ausgeschlafen in einem sauberen Bett aufzuwachen! Das hatte er früher kaum zu würdigen gewusst. Das Leben konnte umwerfend sein. Er sprang förmlich aus den erhitzten Laken und riss das Fenster auf. Die Luft strömte erfrischend kühl herein. Er spürte geradezu, wie sie ins Zimmer floss und seine Beine umspülte. So, genau so, sollte es jeden verdammten Tag sein.

Fröhlich zog Salino sich ein T-Shirt über und ging hinüber ins Bad. So ein sauberes und großes Badezimmer hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Rechts eine Wanne und eine Dusche. Links Toilette, BD, und vorne zwischen den Fenstern zwei Waschbecken. Salino dachte nicht lange über die beiden Türen nach, die rechts und links waren. Er verschloss die Tür zum Flur und schwang sich unter die Dusche.

Das Wasser war perfekt regulierbar. Die Duschkabine hatte keine Tür, sondern war nur durch zwei Trennwände vom restlichen Bad abgesondert. So, wie man es aus Schwimmbädern kannte. Es gab auch zwei Brauseköpfe an der Wand. Hier konnte man bequem zu zweit drunter duschen. Salino griff nach einem Handtuch und trocknete sich noch in der Dusche ab. Er wollte nicht den ganzen Boden nass machen, schließlich war er nur Gast hier.

Während er sich abtrocknete, nahm er plötzlich ein surrendes Geräusch wahr. Er dachte sich erst nichts dabei und verließ die Kabine.

Vor dem Spiegel über dem Waschbecken stand Frau Weppert und putzte sich mit einer elektrischen Zahnbürste die Zähne. Sie trug geradezu mittelalterliche Unterwäsche. Weiß, steif und unpraktisch, so wie in den Sechzigern, die offensichtlich ihre leicht übersättigte Figur mit Mühe zusammenhielt.

Mit großen Augen schaute sie Salino im Spiegel an. Er stand wie angewurzelt da. Dann fiel ihm ein, dass er absolut nackt war. Schnell schlug er das Handtuch um und murmelte: „Entschuldigung.“

Aber warum eigentlich? Er war doch zuerst im Bad gewesen.

„As s mmeen ba!“ nuschelte Frau Weppert. Dann spukte sie die Zahncreme aus und wiederholte es in Klartext. „Das hier ist mein Bad!“

„Was?“

„Dein Bad ist auf der anderen Seite. Vierte Tür links, ganz hinten!“ erklärte sie leicht genervt

„Entschuldigung!“

Salino hatte nicht einen Gedanken daran verschwendet, dass es in diesem Haus mehrere Badezimmer geben könnte.

„Alles auf dieser Seite gehört zu meinem Bereich“, erklärte Frau Weppert. „Alles auf der anderen Seite des Flures ist für Gäste!“

Salino fiel es wie Schuppen von den Augen. Natürlich, deshalb die beiden Türen, das waren die Schlafzimmer von Frau und Herrn Weppert.

Salino säuselte nochmals: „Entschuldigung!“ Dann griff er nach seinem T-Shirt und wollte die Tür öffnen. Die hatte er vorsorglich verschlossen. Fast wäre ihm das Handtuch runter gerutscht, bei dem Versuch den Schlüssel umzudrehen. Frau Weppert war nicht wirklich böse, sie lachte vielmehr, als Salino diskret die Tür hinter sich schloss.

Hoffentlich erzählte sie Tante Franziska nichts von seinem Faux Pas. Die hatte für so was sicherlich kein Verständnis.

*

Franziska war auch heute nicht besonders gut gelaunt. Sie stellte Salino wortlos einen Becher Kaffee auf den Tisch in der Küche und schob ihm einen Korb mit zwei Brötchen, etwas Butter und Marmelade hin.

„Du musst aus deinem Zimmer raus“, stellte Franziska nörgelnd fest. „Wir brauchen das für die Gäste.“

Das war Salino gar nicht recht. Er mochte dieses Zimmer. Es war ihm bereits nach drei Stunden ans Herz gewachsen. Wo sollte er denn hin?

„Unter dem Dach ist noch ein kleines Zimmer. Aber das muss erst mal entrümpelt werden. Das kannst du ja heute Vormittag tun!“

„Unter dem Dach?“ fragte Salino enttäuscht.

„Ja, das ist da oben, wo ich wohne. Ach, und benutz die Treppe hier in der Küche.“

Franziska öffnete eine Tür in der Küche, die Salino für eine Speisekammer gehalten hatte. Aber in Wirklichkeit verbarg sich dahinter eine kleine, viel zu eng gewundene Wendeltreppe.

„Ich will nicht, dass du ewig durch die privaten Räume von Frau Weppert läufst, schon gar nicht, wenn Gäste im Haus sind.“

An der Tür, die zum Garten führte tauchte plötzlich Frau Winter auf und winkte durch das Glas. Franziska öffnete ihr.

„Ist Frau Weppert schon zu sprechen?“

Heute trug Moni einen knielangen, schwarzen Lackrock und eine wallend weite, rosa Rüschenbluse. Und natürlich wieder diese unglaublichen Schnürstiefel. Wahrscheinlich ließ sie die einfach immer an, um sich das ewige Schnüren zu sparen.

„Ich erwarte sie jeden Moment zum Frühstück im Salon. Soll ich ein Gedeck mehr auflegen.“

„Gerne, wenn es Ihnen nichts ausmacht?“

Moni ging freundlich nickend an Salino vorbei.

„Na, schon ausgeschlafen?“

Es war Salino unangenehm, dass er gestern einfach eingeschlafen war.

„Topfit“, sagte er gutgelaunt.

Franziska begleitete Moni zum Esstisch im Salon. Warum durfte die Sekretärin an dem schönen Tisch essen und er nicht? Außerdem gab es keinen Grund für Franziska, zu ihr netter zu sein als zu ihrem eigenen Neffen. Na vielleicht verschaffte Frau Weppert ihm ja einen Job, dann wäre er endlich nicht mehr der Ausgestoßene, als der er sich im Moment fühlte.

*

Marianne war angenehm überrascht, Frau Winter so schnell wieder zu treffen. Von ihren einstigen Vorurteilen gegenüber der Sekretärin ihres Mannes war nicht viel übrig geblieben.

„Ich bin die ganze Liste durchgegangen und habe mir den Kopf darüber zerbrochen, was man aus diesem ganzen Kram wohl herstellen könnte“, erklärte Moni und legte die untere Hälfte des Brötchens wieder in den Korb zurück. Offensichtlich hatte sie vor, nicht mehr als ein halbes Brötchen mit Butter und ein Ei zu sich zu nehmen.

„Und?“ fragte Marianne nahm sich eine angemessene Portion frisch gebratenen Bacon zu ihrem Ei.

„Tja, ich habe da nur eine wirklich sinnvolle Möglichkeit gefunden.“

Was spannte die Frau sie so auf die Folter? Marianne sah sie auffordernd an.

„Es muss sich dabei um eine Art Waffe handeln.“

„Was? Wie kommen Sie darauf?“

„Nun Bodoco stellt eigentlich Geschmacksstoffe und Farbstoffe her. Aber die Chemikalien, die in der Liste aufgeführt sind, werden eigentlich nicht zur Herstellung von Farbstoffen verwendet. Mangan zum Beispiel wird als Dünger eingesetzt und QL ist ein alkyliertes Salz. Beides Stoffe, die an sich nicht besonders toxisch sind. Aber zusammengemischt ergeben sie ein gasförmige Substanz mit dem Namen VX.“

„Ist das nicht ein Nervengas?“

„Eines der tödlichsten. Es dringt über die Haut in den Körper ein und hemmt die Freisetzung der Neurotransmitter. Das führt zu einem hässlichen und nervtötenden Ende der kontaminierten Person.“

„Und an so was soll mein Mann mitgearbeitet haben?“ fragte Marianne verunsichert. Das wollte ihr eigentlich nicht in den Kopf.

„Das glaube ich nicht“, behauptete Monika. „Wenn dem so wäre, hätte ich bestimmt davon gewusst.“

Das schien Marianne einleuchtend. Wenn Monika kein Problem damit hatte, nachts irgendwo einzubrechen und Computerfestplatten zu stehlen, hätte sie ihren Chef wohl auch in einer solchen Angelegenheit gedeckt. Also hätte Walther ihr mit Sicherheit davon erzählt.

„Aber was hatte er dann damit zu tun?“

„Gar nichts, glaube ich. Wahrscheinlich war er nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Anscheinend sind in unserer Firma ja auch die Steuerkomponenten für diese Waffe gebaut worden. Aber ich bin sicher, dass Herr Weppert davon nichts wusste. Dieser Chip ist übrigens ein hochkomplexes kleines Kerlchen. Solche Bausteine werden gewöhnlich in GPS Empfängern verwendet. Und das kleine Stückchen Plastik kann weit mehr, als über Satellit seine genaue Position zu bestimmen.“

„Woher wissen Sie das eigentlich alles?“ wundert sich Marianne.

„Oh, das war nur einfache Recherche. Ich wollte früher unbedingt Journalistin werden, aber da kam mir meine Sportkarriere in die Quere. Und als die dann vorüber war, war ich zu lange heraus aus dem Job.“

„Was für eine Sportkarriere“, fragte Marianne neugierig.

„Kickboxen. Ich war zweifache Weltmeisterin.“

Marianne warf einen unkontrollierten Blick auf Monikas Nase.

„Entschuldigung“, sagte sie schnell, als Monika ihren Blick bemerkte.

„Das ist schon in Ordnung“, winkte Monika lachend ab. „Als sie zum vierten Mal gebrochen ist, habe ich sie nicht mehr richten lassen. Ich dachte, ich warte bis zum Ende meiner Karriere, um mir unnötige Kosten und Schmerzen zu sparen. Aber da hatte ich mich dann schon an meine Nase gewöhnt.“

„Die Herren von der Polizei möchten Sie nochmals sprechen“, fuhr Franziska dazwischen. Sie war unbemerkt in den Salon gekommen.

Marianne nickte und Franziska hielt Kommissar Bruhns und seinem Kollegen Haider die Tür auf.

„Frau Weppert …!“

„Möchten Sie etwas frühstücken? Setzen Sie sich!“ unterbrach Frau Weppert den Beamten und brachte ihn damit sofort aus dem Konzept.

Bruhns und Haider setzten sich und Franziska holte ihnen ein Gedeck aus der Küche.

„Frau Weppert! Ich habe seit gestern versucht Ihren Prokuristen …“

„Webermann“, half Haider seinem Chef aus.

„Ja, genau Webermann. Ich versuche ihn seit gestern zu erreichen.“

Bruhns schien etwas aufgeregt zu sein.

„Ich würde gern selbst ein paar Worte mit ihm reden“, sagte Marianne. „Aber ich habe leider keine Ahnung, wo er steckt.“

„Ja, das wollte ich eigentlich von Ihnen essen, äh wissen? Danke.“ Bruhns schob den Teller, den Franziska ihm hingestellt hatte, ein wenig beiseite. Stattdessen legte er eine kleine Pillendose auf den Tisch. „Ich war also heute Morgen in seiner Wohnung.“

„Ach? Und war er da?“

„Leider nicht. Wir haben uns Zutritt verschafft, aber er war nicht da.“

Haider griff unterdessen frech nach dem restlichen Bacon. Bruhns schien schon beim Anblick des fetten Bacons Sodbrennen zu bekommen und warf mechanisch eine Maaloxan ein.

„Aber jemand anderes war dort. Herr Engelbrecht nämlich! Sagt Ihnen der Name vielleicht etwas?“

Marianne dachte ernsthaft nach. Aber nein, der Name sagte ihr absolut nichts.

„Herr Engelbrecht war Chemiker. Angestellt bei Bodoco. Die Firma, in der vorgestern Nacht der Brandanschlag verübt wurde.“

„Ach“, staunte Marianne. „Was tut ein Chemiker von Bodoco in der Wohnung meines Prokuristen?“

„Er liegt tot auf dem Boden und wartet auf den Leichenbeschauer“, grunzte Haider vorwitzig und biss krachend in den Speck.

Bruhns warf Haider einen routiniert genervten Blick zu.

„Das, wollte ich eigentlich von Ihnen wissen.“

Marianne schüttelte den Kopf.

„Also, wie mein Kollege Haider bereits so unpassend bemerkte, Herr Engelbrecht ist tot. Genau genommen wurde er übel zugerichtet und dann erdrosselt. Die ganze Wohnung sah aus wie ein Schlachtfeld.“

„Sagen Sie mal, haben Sie kürzlich an einem Kampf teilgenommen?“ fragte Haider einer plötzlichen Intuition folgend Frau Winter.

„Nein“, antwortete Monika verärgert. „Aber wenn ich das Training wieder aufnehme, sage ich Ihnen Bescheid. Ich könnte Sie mir sehr gut als Sparringspartner vorstellen.“

Haider konnte mit dieser Auskunft wohl nicht viel anfangen.

„Was reden Sie da wieder für einen Unsinn, Haider?“ fragte Bruhns ihn konsterniert.

„Die Nase Chef!“ flüsterte Haider viel zu laut. „Haben Sie die Nase denn nicht gesehen?“

„Ja und?“

„Wir haben doch eine Leiche, die deutliche Spuren eines Kampfes zeigt.“

Bruhns sah Haider entgeistert an. Dann sah er zu Monika hinüber, die gerade vor Wut rot anzulaufen drohte. Bruhns nahm eine weitere Maaloxan und steckte die Packung energisch wieder in die Jackentasche. Offensichtlich hatte er sich mit diesen Tabletten inzwischen ein Limit gesetzt.

„Entschuldigen Sie die Störung, Frau Weppert“, sagte Bruhns und stand auf. „Es waren in den letzten Tagen einfach ein paar Leichen zu viel für meinen jungen Kollegen hier.“

Haider hatte noch einen Streifen Speck auf seinem Teller und schien nicht im Traum daran zu denken, diesen zurück zu lassen.

„Haider, stehen Sie sofort auf! Wir gehen.“ Einen Moment sah es so aus, als ob Bruhns ihn am liebstem am Ohr aus dem Zimmer geschleift hätte. Aber Haider stand widerwillig von selbst auf. Er ging zwei Schritte. Dann sah er voller Sehnsucht zurück zu dem Stück Speck. Ein rascher Griff und er hatte den krossen Streifen in der Hand. Beinahe triumphierend hielt er ihn hoch. Bruhns platzte fast vor Wut. In diesem Moment brach der Speck in Haiders Hand und fiel zerbröselt zu Boden. Haider schaute verdutzt auf die Krümel zu seinen Füßen.

„Haider!“ Bruhns schrie jetzt fast.

Haider riss sich von dem am Boden liegenden Speck los, entschuldigte sich murmelnd und ließ sich unsanft von Bruhns aus dem Zimmer schieben.

Moni und Marianne schauten sich verblüfft an. Dann konnten sich nicht mehr halten vor Lachen.

In Columbo-Manier tauchte Bruhns allein nochmals im Türrahmen auf. „Eins noch! Von einem Einbruch bei Bodoco wissen Sie sicher auch nichts?“

Wie auf Kommando schüttelten beiden Frauen den Kopf.

„Hatte ich erwähnt, dass der Besitzer von Bodoco, Herr von Boeder als vermisst gemeldet wurde?“

Wieder schüttelten beide Frauen den Kopf.

„Habe mir schon gedacht, dass Sie mir da nicht weiterhelfen können. Aber ich sage Ihnen, das alles hängt irgendwie an einem Faden. An einem einzigen Faden, davon bin ich überzeugt!“ Bruhns entschuldigte sich nochmals für die Störung und verabschiedete sich endgültig.

„Da hat er recht“, sagte Marianne, als Bruhns verschwunden war. „Irgendwie hängt das mit diesem Furienprojekt zusammen.“

„Ich vermute mal, dass Webermann Geschäfte hinter dem Rücken Ihres Mannes gemacht hat.“

Marianne gab ihr Recht. Irgendwie mussten sie Webermann oder von Boeder finden. Die beiden waren der Schüssel zu alledem.

*

Ein Urlaub war das nicht gerade, dachte Salino, als er endlich die letzten beiden schweren Umzugskartons auf den Dachboden gewuchtet hatte. Wenn man im Urlaub schwitzte, dann doch wohl eher von der Sonne, die einem im Angesicht des Meeres, auf den Pelz brannte.

Das kleine Zimmer unter dem Dach war jetzt fast leer. Ein Bett ein Schrank, das war alles. Nicht einmal eine Lampe gab es hier. Und gründlich geputzt werden musste hier auch noch. Salino hatte sich eigentlich nur deshalb so beeilt, weil er hoffte, Moni noch anzutreffen. Aber er hatte Pech. Als er endlich seiner Tante vermelden konnte, dass er alles erledigt hatte, war Monika bereits verschwunden. Statt einen sättigenden Blick auf diesen blonden Engel der Lust zu werfen, starrte er frustriert auf Besen, Eimer und Lappen, die Franziska ihm hinhielt.

„Eine alte Deckenleuchte findest du auf dem Dachboden. Schraubenzieher ist im Keller!“

„Ja, danke“, sagte Salino pampig.

Franziska funkelte ihn an. Bevor sie sich jedoch dazu durchringen konnte, ihn am Ohr zu fassen und ihm die Leviten zu lesen, griff er nach den Putzutensilien und machte sich auf den Weg in sein neues Reich.

Die Luft war abgestanden und muffig. Salino riss die Fenster auf. Es gab keine Fensterbank und nur sehr kleinen Butzenscheiben auf Kopfhöhe. Um herauszugucken, musste Salino sich eigentlich auf die Zehenspitzen stellen. Wenn er die Wahl gehabt hätte … Salino seufzte still. Irgendwie hatte er eine Ahnung, dass, auch wenn die Gäste wieder aus dem Haus wären, er nicht mehr auf die Gästeetage zurückkehren würde.

Die Deckenleuchten, die Salino auf dem Dachboden fand, waren allesamt grausam hässlich. Er entschied sich nach einigem Überlegen für einen pompösen Kronleuchter, den er nur mit Mühe in sein neues Zimmer schleppen konnte. Wenn schon Kitsch, dann aber auch richtig. Hoffentlich fiel er nicht mit diesem Ding von der Leiter. Wenn der Leuchter erst einmal an der Decke hing, dann dominierte er mit Sicherheit den ganzen Raum. Salino war zufrieden. Er ging hinunter in den Keller, um sich eine Trittleiter und einiges an Werkzeug zu besorgen. Bisher war er noch nicht in dem Keller gewesen. Die einzige Treppe, die hinunter führte, war die in der Küche. Gleich hinter der eisernen Stiege war eine schwere Holztür mit Beschlägen. Das Licht war wie so oft eher dürftig. Vereinzelte nackte Glühbirnen an den feucht aussehenden Wänden warfen scharfe und lebendig wirkende Schatten um sich. Salino fröstelte und das nicht nur wegen der Kälte. Keller waren noch nie seine Heimat gewesen.

Rechts waren verschiedene Boxen mit billigen Holzpanelen abgetrennt. Man konnte gut erkennen, was sich dort so alles stapelte. Jede Box hatte eine eigene Beleuchtung. Auf der anderen Seite befand sich eine Werkbank und Regale mit Lacken, Verdünnungsmitteln und sonstigem Bastelbedarf. Salino schaltete die Neonröhre ein, die über der Werkbank angebracht war. Der Starter summte, Lichtblitze flackerten durch den Raum und dann erlosch die Leuchtstoffröhre. Salino wollte den Schalter gerade wieder auf AUS schalten, da sprang sie wieder an und hielt konstant ihr Licht. Jedenfalls für eine Minute, bevor sie doch wieder ausging. Das war noch unheimlicher als ganz ohne Licht. Salino drückte auf den Schalter. Ein Phasenprüfer und etwas Isolierband waren schnell gefunden. Eine Lüsterklemme fand er in einer alten Blechdose, in der sich unsortiert diverse alte Schrauben tummelten.

Nach einer Leiter suchte Salino hier allerdings vergebens. Von dem recht großen Kellergewölbe gingen zwei Gänge ab. Salino entschied sich für den Richtung Norden. Der Keller schien von der Fläche her viel größer zu sein als das Haus darüber. Rechts von dem Gewölbegang gingen verschlossene Kammern ab. Salino öffnete einer der Türen. Er fand einen Lichtschalter. Der Weinkeller. Hier lagerten wohl an die 800 Flaschen oder mehr. Auch richtige Lampen gab es hier. Da war auch noch eine Speisekammer und eine Räucherkammer. Am Ende des Ganges war eine Tür. Salino stand unerwartet in der Garage. Die Garage war ein ganzes Stück vom Haus weg. Der Gang führte also unter dem Vorgarten durch. Wahrscheinlich bot sich so eine Bauweise an, weil das Haus selbst ja auf einem kleinen Hügel lag. Salino fand eine Leiter. Sie hing an der Stirnseite der Garage. Nun wollte er aber auch wissen, wo der andere Gang hinführte. Salino stellte die Leiter an Treppenaufgang zur Küche ab.

In dem anderen Gang befand sich eine große Waschküche. Zwei beinahe leere Lagerräume, die offenbar zum Trocknen der Wäsche benutzt wurden. In einem der Räume stand außerdem ein altes Mofa. Eine Velosolex, um genau zu sein. Garantiert fahruntüchtig. Offenbar hatte jemand versucht, den Motor wieder in Gang zu bringen. Der Auspuffdeckel lag neben dem Krad. Außerdem war der Zylinderkopf abgeschraubt und die Reifen waren platt. Von dem Rost und der mangelnde Farbe mal ganz abgesehen. Das konnte man aber wohl alles wieder in Ordnung bringen. Salino überlegte, ob er Franziska bitten sollte, ihn das Mofa reparieren zu lassen.

Am Ende führte der Gang hinaus in den Garten. Vom Haus aus war die Tür nicht zu sehen. Sie befand sich zwischen zwei Blumenbeeten und war ein ganzes Stück in den Hang eingelassen. Das war ein idealer Fluchtweg, falls man mal einen brauchen sollte. Der Ausgang befand sich auf halber Höhe zwischen dem Haus und dem Teich, der am südlichen Ende des Gartens in einer Senke lag. Von hier aus waren es vielleicht noch hundert Meter den Hügel hinunter bis zum Bootssteg. Salino beschloss, am Abend den Teich näher in Augenschein zu nehmen.

Als Salino die Leiter endlich hinauf in sein Zimmer gewuchtet hatte, war der Kronleuchter verschwunden. Einfach weg.

„Das war ja wohl nicht dein Ernst“, behauptete Tante Franziska schwer atmend. Offenbar hatte sie den Kronleuchter zurück auf den Dachboden geschafft. „Hier, das ist wohl eher etwas.“ Sie hielt Salino eine potthässliche grüne Emaille-Schirmlampe hin.

„Was? Wieso nicht den Leuchter?“

„Der war doch viel zu groß. Wie sieht denn das aus!“

„Ist doch wohl mein Zimmer?“

„Dein Zimmer?“ fragte Franziska mit leicht angehobener Tonlage. „Das wollen wir doch mal klarstellen: Das ist nicht dein Zimmer, sondern ein Notgästezimmer. Ich warne dich!“ rief Franziska erregt und hob drohend den Zeigefinger. „Versuch nicht, dich hier einzunisten!“

Salino nahm ihr knurrend die Lampe ab. Er verstand überhaupt nicht, was seine Tante ewig für ein Problem hatte. Hier gab es alles im Überfluss und Frau Weppert war doch sehr nett. Nichts, aber auch gar nichts sprach dagegen, hier eine Zeit lang unterzuschlüpfen. Wenn seine Tante nicht andauernd herumzicken würde, wäre das doch alles kein Problem. Wegen des Mofas fragte er im Moment wohl besser nicht. Genervt machte er sich an das Putzen der Fenster. Die Lampe anzubringen, danach stand ihm im Moment nicht der Sinn.

*

Frau von Boeders Garten war wohl kaum noch als Garten zu bezeichnen. Park wäre die richtigere Umschreibung gewesen. Einzeln stehende Eichen und Linden säumten den asphaltierten Weg, der sich durch die Anlage in zwei sanften Kurven zum Haus hin schlängelte. Auf dem gut gepflegten Rasen, der von kleinen Inseln mit Sträuchern und Blumen durchsetzt war, hätte man bequem fünf Fußballfelder unterbringen können. Marianne staunte. Sie war selber nicht unbedingt knapp bei Kasse, aber das hier war selbst für ihre Verhältnisse verschwenderisch. Das eigentliche Haus wirkte in diesem Umfeld eher schmucklos. Ein Neubau, der sich so gar nicht an den alten Baumbestand anpassen wollte. Groß sicherlich, aber eben neu. Marianne hielt vor einem der fünf Carports. Einen Moment zögerte sie mit dem Aussteigen. Ob einer dieser riesigen Hund hier draußen frei herumtollte? Womöglich hatte er sie bereits entdeckt. Sie sah sich nach allen Seiten um. Weit und breit kein Hund zu sehen. Dann stieg sie aus.

Nachdem sie eine schrille, billig klingende Klingel ausgelöste hatte, erwartete sie Hundegebell. Aber im Inneren blieb alles ruhig. Wahrscheinlich war niemand daheim.
Frau von Boeder selbst öffnet die Tür. Einer der Hunde stand wie eine Bronzestatue neben ihr. Der andere hatte unbemerkt hinter Marianne Position bezogen. Sie sah den anderen Hund nicht, aber sie wusste genau, dass er irgendwo hinter ihr sein musste. Diese Hunde hatten etwas Unheimliches an sich, fand Marianne. Sie waren so, … so still.

„Ja bitte?“

Marianne hatte sich nicht genau überlegt, was sie Frau von Boeder eigentlich sagen wollte.

„Ich bringe Ihnen Ihre Festplatte zurück“, stotterte Marianne verunsichert. Sie hob die Pappschachtel hoch, in der sie die Platte verpackt hatte. Frau von Boeder schaute indigniert. Offenbar hatte sie erst gedacht, Frau Weppert hätte ihr einen Kuchen mitgebracht. Jetzt schien sie nicht zu wissen, was sie machen sollte.

„Mathilda!“ rief sie ohne sich umzudrehen. Aus dem Haus hörte man Geschirr klappern. „Kommen Sie doch rein!“

Marianne spürte, dass sie das eigentlich ablehnen sollte. Es war die Art, wie Frau von Boeder das doch aussprach, dass sie an diesem Angebot ernsthaft zweifeln ließ. Aber warum ins Bockshorn jagen lassen?

„Danke“, sagte Marianne knapp und schob sich vorsichtig an der Dogge vorbei ins Haus. Der Hund hatte wohl genau mitgekriegt, dass sein Frauchen eigentlich keinen Besuch erwartete. Er wich jedenfalls keinen Zentimeter zur Seite, um Marianne durchzulassen.

Der Flur war voller Jagdtrophäen. Kitschig. Auch die Möbel. „Ihr Mann ist wohl leidenschaftlicher Jäger.“

„Ich nehme ihn manchmal als Treiber mit, oder um die Hunde zu halten“, sagte Frau von Boeder mit einem verächtlichen Blick. „Mathilda!“ rief Frau von Boeder sehr energisch.
Aus einer der Türen kam eine junge Frau, so schnell sie konnte herbeigeeilt. Besonders schnell war das allerdings nicht. Vielleicht wäre es erheblich schneller gegangen, wenn ihre Schuhe 12 Zentimeter weniger Absatz oder wenigsten der knöchellange Schlauchrock einen Schlitz gehabt hätte.

„Nimm das!“ kommandierte Frau von Boeder in einem Ton der einem Feldwebel Beine gemacht hätte. Mathilda streckte beide Hände vor und nahm die Tortenschachtel in Empfang.

„Vorsicht! Das ist schwer“, warnte Marianne die junge Frau.

„Bring das ins Arbeitszimmer“, trug Frau von Boeder Mathilda auf. Die Angestellte machte sich ohne ein Wort zu sagen sofort auf den Weg. Marianne zwang sich, der hektisch über den Natursteinfußboden trippelnden Frau nicht länger als nötig nachzusehen.

Sie folgte Frau von Boeder in das großzügig verglaste Wohnzimmer. Italienischer Marmor auf dem Fußboden, schwere rote Samtvorhänge und eine bunte Mischung von Möbeln aus drei Jahrhunderten. Marianne konnte sich ein unauffälliges Kopfschütteln einfach nicht verkneifen.

„Da wäre noch etwas“, sagte Marianne, bevor Frau von Boeder Gelegenheit hatte ihr etwas anzubieten. „Es geht um Ihren Mann, ich muss ihn dringend sprechen.“

„Gerne“, grunzte Charlotte von Boeder. „Wenn er es wagen sollte, hier noch einmal aufzutauchen, werde ich ihn zu Ihnen schicken. Gleich nachdem ich mit ihm fertig bin.“

Frau von Boeder schien tatsächlich zu glauben, dass ihr Frederik freiwillig zurückkehren würde. „Ihr Mann hat von Arabern gesprochen, mit denen er wohl geschäftlich zu tun hatte. Vielleicht wissen Sie etwas darüber? Wie gesagt, ich muss Ihren Mann unbedingt finden, es ist wirklich sehr wichtig.“

„Ich kümmere mich nicht um Geschäftliches“, sagte Charlotte und goss sich ein Whiskeyglas Dreiviertel voll. „Aber da war ein Araber“, fuhr sie nachdenklich fort. „Yuissep! Yuisepp al Fasah!“

“Yuiseep al Fasah!” wiederholte Marianne und notierte sich den Namen. „Und wissen Sie auch, wo ich den Mann finden kann?“

„Natürlich nicht“, sagte Charlotte entsetzt. „Gewöhnlich merke ich mir die Namen von jedem Hans oder Franz nicht. Das war jetzt reiner Zufall. Der Kerl hatte doch die Unverschämtheit besessen, hier zweimal nach 22 Uhr anzurufen. Schon beim ersten Mal hätte ich mit dem Kerl sprechen sollen, aber mein Mann war an den Apparat gegangen. Beim zweiten Mal habe ich ihm aber meine Meinung gesagt. Der hat seitdem nicht noch einmal angerufen. Das können Sie mir glauben.“

„Na, das kriege ich schon irgendwie raus“, machte sich Marianne selbst Mut. „Wenn ich ihn gefunden habe und Ihren Mann treffe, dann sage ich ihm, dass Sie ihn sehnsüchtig erwarten.“

„Wie kommen Sie darauf, dass mein Mann bei diesem al Fasah ist?“ fragte Charlotte irritiert.

„Ich glaube, das Verschwinden Ihres Mannes und der Tod meines Mannes hängen irgendwie zusammen. Und dieser al Fasah könnte der Schlüssel zu dem ganzen sein.“

Charlotte stellte nachdenklich ihr Glas ab. Wahrscheinlich machte sie sich nun doch ernstere Sorgen um ihren Gatten.

„Irgendwo in der Firma müssen ja Unterlagen sein. Vielleicht steht die Adresse in seinem Notizbuch. Ich setze mich mal mit seinem Sekretär in Verbindung, vielleicht weiß der etwas.“

„Das wäre wunderbar.“

„Wenn ich etwas herauskriege, melde ich mich bei Ihnen“, sagte Frau von Boeder und konzentrierte sich wieder auf ihr Glas.

Damit war Marianne wohl entlassen. Sie verabschiedete sich und beeilte sich, nach Hause zu kommen. Die Gäste für die Beerdigung mussten jede Minute eintreffen. Marianne war sich nicht ganz sicher, ob Frederik noch lebte. Aber wenn ja, dann war ihr absolut klar, weshalb er sich zu Hause nicht meldete.

Kapitel 5

Frederik fror. So kalt war es eigentlich gar nicht. Aber er stand nun seit über einer Stunde still hinter diesem Holunderstrauch am Rande des Rollfeldes und suchte mit dem Fernglas die Umgebung ab. Er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Wenn er sich selber jagen würde, würde er genau hier auf sich warten.

Die Killer der Hamas waren vielleicht etwas naiv, aber nicht unbedingt blöd. Sie mussten wissen, dass er ein Flugzeug und einen Pilotenschein besaß. Wenn er abhauen würde, dann doch wohl am einfachsten mit seiner eigenen Maschine. Eigentlich fand er diese Idee selber nicht gut. Vielleicht sollte er lieber einen Linienflug nehmen oder die Bahn. Sein Flugzeug stand vollgetankt und startbereit vor dem Hangar. Er hatte vor einer Stunde angerufen und die Maschine für einen Geschäftsflug vorbereiten lassen. Nun wartete er darauf, dass der Killer irgendwann seinen Beobachtungsposten verließ und sich an der Maschine zu schaffen machte. Aber es geschah rein gar nichts.

Allmählich wurde er nervös. Endlos Zeit hatte er auch nicht, wenn er Yuissep und Frank noch vor der Geldübergabe erwischen wollte.

Frederik seufzte. Er verließ seinen Beobachtungsposten und näherte sich langsam dem Flugzeug.

Der kleine Flughafen war um diese Zeit beinahe ausgestorben. Nur im Tower und am Lufthansa Terminal brannte noch Licht. Drei kleine Linienflieger unterhielt die Lufthansa hier. Es wurde Zeit für den letzten Flug nach Berlin. Die sechs Fluggäste gingen über das Rollfeld auf den Cityhopper zu. Sie trugen ihr Gepäck selbst. Der Co-Pilot stand an einer der Frachtklappen und nahm den Reisenden die Koffer ab, um sie zu verstauen.

Frederik ging auf sein Flugzeug zu. Einer der Fluggäste hatte sich wohl verspätet. Er rannte über das Rollfeld hinter den einsteigenden Passagieren her. Typisch Frau. Wahrscheinlich hatte sie so lange für ihr Make-up gebraucht. Frederik grinste, er war jetzt fast bei seiner Maschine. Die schusselige Kuh lief auch noch auf das falsche Flugzeug zu. Das da war doch seins. Der Cityhopper stand mit deutlich erkennbarem Kranich-Logo am Leitwerk, dreihundert Meter weiter rechts. So wird sie ihren Flug mit Sicherheit noch verpassen.

Frederik stutzte. Die Frau hatte gar kein Gepäck und schien ihren Irrtum immer noch nicht zu bemerken. Sie war jetzt nur noch knapp hundertfünfzig Meter von ihm entfernt. Und, genau genommen kam sie eigentlich eher auf ihn zu gelaufen, als auf sein Flugzeug. Frederik blieb versteinert stehen.

Auf einmal ging die Frau zum Spurt über. Sie hob den Arm. Eine halbe Schrecksekunde und Frederik wusste, dass das nichts Gutes bedeutete. Er drehte sich um und rannte los. Zurück in die Büsche, so schnell er konnte. Für einen gutgezielten Schuss war sie zu weit weg. Außerdem lief sie. Nichts desto trotz erwischte sie Frederik am linken Arm. Die Kugel schlug durch den Ellenbogen, gerade als er mit dem Arm Schwung holte. Fast hätte ihn der Einschlag herumgerissen. Frederik verstolperte zwei Schritte, musste sich abstützen und … lief weiter.

„Dieses Miststück“, fluchte Frederik, als er sich in die Büsche geschlagen hatte. „Dieses verdammte Miststück!“

Seine Hand griff nach der Stelle, wo er getroffen worden war. Die Hand war voller Blut. Er musste sich den Arm abbinden. Bald. Aber zuerst musste er in Sicherheit. Sein Wagen stand gut fünfhundert Meter weiter an der Böschung.

Hinter ihm hörte er der Zweige brechen. Sie hatte noch nicht aufgegeben. Frederiks Puls erreichte langsam seinen Grenzwert. Alles darüber war auf Dauer ungesund. Aber zu langsames Laufen könnte in diesem Fall ebenso den verfrühten Tod bedeuten. Seine Lunge schmerzte. Noch ein paar Meter und er bekäme Seitenstiche. Der Autoschlüssel war in der linken Hosentasche. Ausgerechnet. Ungeschick fischte Frederik im Laufen mit seiner rechten Hand nach dem Bund. Endlich. Er drückte schon ein paar Meter vor dem Wagen auf den Knopf für die Zentralverriegelung. Alle vier Blinker signalisierten: „Okay!“ Und im gleichen Moment zersplitterte die Heckscheibe.

Frederik drehte sich gehetzt um. Die Killerin hockte auf der Straße und zielte sorgfältig. Er wusste auch auf was. Nicht etwa auf ihn, sondern auf den Tank. Wenn er jetzt in sein Auto springen würde, ginge er bestimmt Sekunden später mit ihm zusammen hoch.

In Bruchteilen von Sekunden berechnete Frederik seine Chancen. Negativ. Aber sein Vorsprung war wieder angewachsen. Die Schützin hatte Zeit verloren, weil sie sich zum Zielen hingehockt hatte. Ohne zu überlegen rannte er an seinem Wagen vorbei. Rannte weiter und weiter und hatte gut daran getan. Er war noch keine fünfzig Meter entfernt, als sein Wagen mit einer gewaltigen Stichflamme explodierte. Allmählich ging ihm die Puste aus. Er sparte die Kraft sich umzudrehen. Er brauchte eine Idee. Jetzt!

Die Idee kam von rechts die Landstraße hinunter getuckert. Ein Bus. Frederik wusste, wo die Haltestelle war. Gleich da vorn hinter der Biegung. Er war dort früher mal ausgestiegen, als er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Flughafen wollte und den falschen Bus erwischt hatte.

Grob schätzte Frederick die Entfernung ab. Das wird ein Kopf an Kopf Rennen, dachte er sich. Für gleichmäßiges Atmen beim Laufen bliebe nun keine Chance mehr. Seitenstiche hin oder her, er schnappte nach so viel Luft wie er konnte. Die Stiche wurden schlimmer, aber er gab nicht nach. Gemeinsam mit dem Bus erreichte er die Biegung. Der Bus zog an ihm vorbei. Jetzt waren es noch zwanzig Meter. Endspurt.

Die letzten Fahrgäste waren bereits ein und ausgestiegen, als Frederik die hintere offene Tür erreichte. Keuchend sprang er auf die Trittstufe und riss sich am Mittelgeländer in den Bus. Gleich hinter der Tür ließ er sich auf einen der Sitze fallen. Er sah, wie ihn der Fahrer im großen Rückspiegel skeptisch musterte. Wahrscheinlich dachte er, dass Frederik keinen Fahrschein hatte.

„Nun fahr schon los!“ brüllte Frederik in Gedanken. Der Fahrer dachte gar nicht daran. Wertvolle Sekunden verstrichen, während der Fahrer überlegte, ob er nach hinten kommen und den Fahrschein des Passagiers überprüfen sollte. Frederik hielt dem Blick des Fahrers eisern stand. Unauffällig versuchte er seinen blutenden Arm dabei zu verbergen. In Gottes Namen faahr!

Das schien zu wirken. Zischend schlossen sich die hydraulisch betriebenen Türen. Ein letzter Blick in den Rückspiegel und … der Bus ruckelte. Sie bewegten sich, Gott sei Dank.

Nun erst wagte Frederik einen Blick aus dem Rückfenster zu werfen. Nein. Noch nicht. Noch nicht. Jetzt. Jetzt erst bog die Killerin um die Biegung. Zu spät, der Fahrer legte bereits den zweiten Gang in. Aber wie es weitergehen sollte, darüber hatte Frederik noch nicht im Geringsten nachgedacht.

Sein Instinkt sagte ihm, dass er einfach hier im Bus sitzen bleiben sollte, um weiter und weiter von der Killerin weg zu kommen. Aber diese Idee hatte keinen Bestand. Schließlich musste die Frau ja irgendwie zum Flughafen gekommen sein. Wahrscheinlich hatte sie also ein Auto. Im Geiste sah Frederik, wie sie sich auf den Rückweg machte. Bestimmt hatte sie eine blendende Kondition. Vier bis fünf Minuten vielleicht. Dann säße sie in ihrem Wagen. Und dann? Dann fuhr sie dem Bus nach. Irgendwann musste Frederik ja aussteigen. Das war doch klar. Umso länger er hier im Bus blieb umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn einholte. Also raus hier. Raus so schnell es ging.

Der Fahrer schaute noch argwöhnischer, als der seltsame Fahrgast schon bei der nächsten Station wieder aus dem Bus sprang. Aber was half das? Wenn er keinen Fahrschein gehabt hätte, und er hatte schließlich keinen, dann war es jetzt für eine Kontrolle eh zu spät. Frederik atmete erleichtert auf. Er entfernte sich schnell von der Straße.

Als die Landstraße endlich außer Sicht war, versorgte seine Wunde. Ein Teil seines Ärmels musste zum Abbinden herhalten.

An diesem ganzen Mist war nur Webermann schuld. Wehe, wenn er den Kerl zwischen die Finger kriegte. Die Sonne würde bald untergehen. Was nun? Sich zu Fuß bis zur nächsten Stadt durchschlagen? Das war ziemlich weit. Diese Landbusse legten von Station zu Station ganz schöne Entfernungen zurück. Trampen, kam es Frederik in den Sinn. Aber nicht auf dieser Straße. Viel zu unsicher. Er sah sich um. 1.000, höchstens 2.000 Meter über das Maisfeld hinweg, war eine kleinere, weniger befahrene Straße. Dort könnte er sein Glück versuchen.

Die knapp 2 Kilometer brachte er ungewohnt gutgelaunt hinter sich. Er hätte laut pfeifen können. Wahrscheinlich hatte die Todesangst so viele Stresshormone freigesetzt, dass er die nächsten zwei Stunden auf rosa Wolken schweben würde.

Die kleinere Landstraße hatte nicht nur weniger Verkehr. Faktisch gesehen ging hier überhaupt nichts. Frederik schaute nach rechts und links. Im Prinzip war es ihm wurscht, in welche Richtung es ging. Hauptsache er kam irgendwo an einem Bahnhof.

*

Das erste Auto kam von links. Frederik überquerte schnell die Fahrbahn und hob den Daumen. Ein Golf. Eine Frau am Steuer. Erschreckt zog er den Daumen zurück. Die Frau brauste ohne auf ihn zu achten an ihm vorbei. Für eine Sekunde hatte Frederiks Herz ausgesetzt. Nun fing es laut blubbernd wieder an zu schlagen. Das war Wahnsinn. So ein Risiko einzugehen. Wer wusste schon, wer hier so alles unterwegs war. Der Wagen verschwand, ohne seine Fahrt auch nur im Mindesten zu drosseln, hinter der nächsten Hügelkuppe. Aber sie konnte natürlich jederzeit um drehen. Vielleicht wollte sie ihn nur in Sicherheit wägen. Hitchcock war ein Schwein. Er verfluchte den Meister für dieses Szenario. Frederiks Blick suchte automatisch den Himmel ab. Nie wieder würde er sich einen Hitchcock Film ansehen. Erst hatte der Mistkerl ihm das Duschen vermiest und jetzt das Trampen.

Frederik beschloss seiner Angst nachzugeben. Er verließ die Straße und ging neben ihr auf dem Feld Richtung Stadt zurück. Wenn mal wieder ein Wagen vorbeifuhr ging er vorsorglich in Deckung. So schlimm konnte das nicht sein. 10 bis 15 Kilometer vielleicht. Also drei bis vier Stunden. Das war zu schaffen. Glücklicherweise hatte er seine Papiere, Kreditkarten und ausreichend Geld dabei. Mit etwas Glück kam er unterwegs an einem Imbiss oder einer Gaststädte vorbei, von wo aus er sich ein Taxi rufen könnte.

Und er hatte Recht. Eine kleine Waldpension war nur vier Kilometer entfernt. Frederik hatte etwas gegessen und sich dann ein Taxi rufen lassen. Erst hatte er überlegt, ob er jetzt noch einmal versuchen sollte, sein Flugzeug zu besteigen. Das erwartete die Killerin ganz sicher nicht. Andererseits, bislang war sie ihm immer einen Schritt vorausgewesen. Besser nicht.

In Paderborn mietete Frederik sich ein Zimmer und schaffte es gerade noch, sich im Kaufhaus ein paar Sachen und etwas Verbandszeug zu kaufen. Dann zog er sich auf sein Hotelzimmer zurück, kümmerte sich um seine Verwundung und ruhte sich aus. Morgen würde er in aller Frühe den Zug nehmen und wenn alles gut ging, könnte er schon am späten Mittag dem guten Frank Webermann gegenüberstehen. Die Zeit der Abrechnung war nahe.

Am nächsten Morgen um 10 fand die Beerdigung statt. Salino hatte sich bereits in Schale geworfen. Gestern Abend noch hatte er die Befürchtung gehabt, bald eine Livree tragen zu müssen. Franziska hatte ihn gnadenlos mit eingespannt, um die Gäste zu bewirten. Er selbst hatte in der Küche einen kleinen Happen gegessen, aber das war kaum der Rede wert. Nur zwischen dem Hauptgericht und der Nachspeise blieb dafür Platz. Sonst hieß es Gedecke auftragen. Geschirr abräumen. Geschirr in die Spülmaschine, jedenfalls das spülmaschinenfeste. Von dem Gänsebraten und dem Roastbeef blieben gerade mal Schnipsel über und die musste er mit dem Mädchen, das für den Abwasch hinzugekommen war, teilen.

Tante Cecilie und Onkel Ferdi waren die besten Esser. Salino wettete, dass die allein die halben Braten weggemümmelt hatten. Außerdem waren noch Herr Wepperts Bruder Hannes und zwei Cousins von Frau Weppert gekommen. Und natürlich Corinna Seifert.

Salino hatte nicht herausbekommen, wie sie verwandtschaftlich zur Familie Weppert stand. Corinna war eine kleine, verschmitzt vor sich hin grinsende Klavierlehrerin, die Salino bei jeder Gelegenheit aufdringlich zuzwinkerte. Für Corinna gab es außer dem Thema Sternzeichen und ihre Bedeutung für den Alltag nur noch die Musik als universelle Sprache. Vorzugsweise der Liebenden versteht sich. Steinbock, passte angeblich gut zu ihrem Wasserzeichen. Salino war beunruhigt. Als Steinbock war er ansonsten immer gut gefahren. Steinböcke passten eigentlich zu überhaupt nichts und Frauen mit einem Sternzeichenfimmel waren ihm eh ein Gräuel. Vorsorglich hatte Salino seine Zimmertür über Nacht verriegelt. Man wusste ja nie, mit welchen Konjunktionen man rechnen musste, wenn so eine esoterisch hochgetunte Lehrerin ihre drolligen fünf Minuten kriegte.

*

Es war schon ziemlich lange her, dass Salino zum letzten Mal eine Krawatte gebunden hatte. Er versuchte es rechts rum und links rum. Aber irgendwie wollte es einfach nicht. Vielleicht lag es an dem Spiegel, dass er sich immer verhaspelte. Er probierte es ohne Spiegel und war mit dem Ergebnis zufrieden, bis … er wieder in den Spiegel sah. Mit diesem Knoten konnte man jemanden aufhängen, aber elegant sah das beim besten Willen nicht aus. Glücklicherweise klopfte in diesem Moment seine Tante Franziska an seine Tür.

„Kannst du mir mal helfen?“ fragte Salino, kaum dass sie hereingekommen war. Sie nahm ihm die Krawatte ab und band sie ihm mit wenigen geübten Griffen um. Eigentlich hatte Salino erwartet, nun wieder einen Kommentar nach dem Motto, „Kannst du überhaupt mal irgendwas selbständig machen“, zu hören. Aber es kam nichts. Statt dessen legte Franziska etwas um ihre Taille, dass wie zwei von Schnürsenkeln zusammengehaltene Spoiler aussah.

„Schnür mir das mal hinten zu bitte“, sagte Franziska betont freundlich und drehte ihm den Rücken zu.

Salino starrt ratlos auf die lose herunterbaumelnden Schnüre. „Was?“ fragte er.

„Ziehen“, brummte seine Franziska genervt. „Du musst die Schnüre ordentlich stramm ziehen.“

Salino griff nach beiden Enden und zog eher unmotiviert daran herum.

„So doch nicht“, maulte Franziska. „Fang unten an. Und warte bis ich ausgeatmet habe, klar!“ Franziska hielt sich am Türrahmen fest. Sie holte tief Luft, wartete eine Sekunde und stieß sie zischend aus. Hastig zog Salino die untere Schnürreihe fest an.

„Noch fester!“ kommandierte Franziska. Aber das ging nicht. Eher hätte er Franziska von den Beinen gerissen.

„Gott, manchmal bist du aber auch ungeschickt!“ Der Schnürriemen hatte wieder nachgegeben. „Nochmal! Stemm dein Knie an mein Steißbein und dann ziehst du mit aller Kraft, klar? Und verankere die Schnur bloß in der Öse bevor ich wieder Luft hole!“

Salino schüttelte den Kopf. In mancher Hinsicht hatte seine Tante nicht mehr alle beieinander. Er machte es aber so, wie sie gesagt hatte.

„Gut“, sagte sie gepresst, als die erste Reihe verankert war. „Jetzt die nächsten.“

Das waren gut zwanzig Stück bis ganz nach oben. Also immer wieder dieselbe Prozedur. Die fünf oberen Reihen gingen jedoch erheblich leichter und schneller.

„Sehr schön“, seine Tante lächelte zufrieden, als er fertig war. Sie strahlte ihn an und schien auf einen Kommentar von ihm zu warten.

Salino fasste es nicht. Seine Tante war schlicht gesagt zu fett für so etwas. Gut, vorher hatte sie einfach nur ausgesehen wie ein großer, kompakter Schrank. Aber alles, was dieses Schnürmieder nun brachte, war, dass der Hintern noch größer erschien als zuvor. Schlanker sah sie jedenfalls nicht aus. Man hatte eher das Gefühl, dass sie nunmehr auf ihre Beine zur Fortbewegung verzichten und notfalls auf ihren Hinterbacken durch die Gegend rollen konnte. Warum Franziska sich dieser Tortur unterzog, war Salino völlig schleierhaft. Vielleicht hatte sie ein Auge auf einen der Cousins geworfen. Wahrscheinlich auf den mit dem grünen, englischen Sportwagen. Egal, das ging ihn nichts an und es war Zeit, sich mit seiner Tante gut zu stellen.

„Sieht toll aus“, log Salino ohne rot zu werden.

Franziska war glücklich. Sie lächelte selig und verließ mit einem etwas eckigen Gang sein Zimmer.

*

Die Kapelle war überfüllt. Salino musste die knappe Stunde Gottesdienst stehen. Was dort vorne in der ersten Bank mit den Angehörigen vor sich ging, konnte Salino nicht wirklich erkennen. Aber anscheinend hielt Frau Weppert sich tapfer. Der Sarg stand wie eine permanente Bedrohung neben den Pfarrer, der die gesamten Anwesenden, außer mit der üblichen Lobeshymne über den Verstorbenen, mit dem möglichen eigenen Sterben konfrontierte. Wahrscheinlich eine persönliche Bereicherung seines Gefühlslebens. Was der Geistliche sich da vorn zusammenreimte, hatte zumindest auf Salino keinerlei tröstende Wirkung. Er empfand es eher als martialische Erschütterung seines eigenen Seelenfriedens.

Frau Weppert tupfte sich einige Male die Augen mit einem Taschentuch, das Franziska ihr gereicht hatte. Franziska hatte tatsächlich einen Platz in der ersten Reihe. Irgendwie fand Salino das ungerecht. Er stand sich schließlich auch hier hinten die Füße platt. Gleich neben … wie hieß der Kerl noch? Bruhns, genau. Salino schaute die Bankreihen ab. Wahrscheinlich waren hier genauso viel diensttuende Beamte wie Trauergäste.

Haider schob sich auf leisen Sohlen an seinen Chef heran. Offensichtlich bekam ihm die Luft hier drinnen nicht. Sein fahles Gesicht passte nicht so recht zu dem bunten Lichterspiel, das durch die Kirchenfenster, mit all diesen heiligen Figuren und biblischen Szenarien, fiel.

„Wenn ich noch einmal das Wort „verblühter Leib“ oder „nutzlose irdische Hülle“ oder sonst einen Mist höre, muss ich kotzen, Chef!“ zischte Haider ungewöhnlich scharf.

Bruhns wollte seinen Kollegen zurechtweisen, aber ein Blick in sein Gesicht sagte ihm, dass Haider durchaus Ernst machen würde. Inzwischen kannte er seinen jungen Kollegen, der nahm immer alles wörtlich. „Gehen Sie bloß raus!“

Salino nutzte die Chance und entfernte sich dezent in Haider Geräuschschatten. Draußen strahlte die Sonne. Keine Spur von verwesten, irdischen Gütern, an die man sich besser nicht klammern sollte, wenn nicht auch noch die Seele ihr jähes Ende finden sollte. Haider sah sich vom Sonnenlicht geblendet um. Er entdeckte die kleine Bank gleich neben dem Eingang zu Kapelle. Salino gesellte sich zu ihm und zündete sich eine Zigarette an.

„Auch eine?“ fragte er Haider, obwohl ihm keineswegs an dessen Gesellschaft gelegen war.

Haider fingerte sich mit zittrigen Fingern eine Marlboro aus der Schachtel. Dann nuschelte er etwas, das entfernt nach „Danke“, klang. Konnte genauso gut „Anker“ gewesen sein. Aber das machte wohl in dieser Situation keinen Sinn.

Salino nickte und gab ihm Feuer. Dem Husten nach zu urteilen, war Haider eigentlich Nichtraucher. Nach dem ersten Husten starrte Haider die Zigarette an, als ob er gar nicht glauben konnte, dass dieser kleine Glimmstängel eine solche Wirkung auf sein Atmungssystem haben konnte. Dann sollte er erst mal warten, welche Wirkung gleich bei seinem Kreislauf einsetzen würde, wenn das Nikotin die ansonsten intakten Blutgefäße mit einem Schlag verengte. Und Bingo. Haider ließ sich ohne Ankündigung wie ein Stein auf die Bank plumpsen. Er atmete tief durch und schaute die Zigarette noch verwirrter an als zuvor. Jetzt entschuldigt er sich gleich und schmeißt die Zigarette weg, vermutete Salino.
Weit gefehlt. Kaum hatte Haider sich ein wenig gefasst, nahm er einen weiteren Zug. Nur noch ein leichter unterdrückter Hustenreiz.

„Ist meine erste Zigarette!“ erklärte Haider.

„Überhaupt?“

„Ja, ich habe bisher noch nie Sinn darin gesehen, diesen Qualm einzuatmen. Ich dachte, der stinkt nur.“

Salino wusste plötzlich, dass er jemanden vor sich hatte, der ein unerweckter Suchtraucher war und es bislang einfach nur noch nicht gewusst hatte. Jedenfalls hatte sich seine Gesichtsfarbe erholt und Haider schien angenehm entspannt das schöne Wetter zu genießen. Salino fühlte sich wie ein Pfadfinder, auch wenn er Haider dabei die nikotinöse Unschuld geraubt hatte.

Das Gebimmel im Glockenturm deutete darauf hin, dass die Messe zu Ende war. Die Türen wurden von zwei Ministranten aufgestoßen, dann folgten der Priester und die Sargträger in ihren Talaren. Salino sah zu, dass er sich unauffällig hinter die Tür schob, um sich später unbemerkt wieder in den Trauerzug einzugliedern. Er war nicht katholisch und es war ihm keineswegs klar gewesen, dass die Trauergemeinde die Kapelle in geordneter Marschformation verließ. Haider hatte sich entschlossen, seinem Beispiel zu folgen. Bevor er sich am Ende dem Zug anschließen konnte, fragte Haider ihn nach einer weiteren Zigarette. Salino hielt ihm lachend eine hin. Dafür hätte er eigentlich von der Zigarettenindustrie eine Prämie verdient. Vielleicht sollte er Philip Morris mal anschreiben.

So ganz klar war Salino nicht, warum hier so viele Bullen aufmarschiert waren. Aber Haider vertraute ihm an, dass Bruhns glaubte, der Täter käme in 98 Prozent der Fälle zur Beerdigung seines Opfers. Einerseits, um sich nochmals zu versichern, dass seine Arbeit von Erfolg gekrönt war. Und andererseits, käme er getrieben von seinem schlechten Gewissen, um dem Opfer wenigstens die letzte Ehre zu erweisen.

„Das da vorne“, erklärte Haider stolz. „Das sind die Kollegen vom BND, Schlottau. Ich sage Ihnen, ein ganz heißer Hund.“

Haider hob verschwörerisch den Finger. „Aber wir sind diesmal dichter dran. Das wird jetzt mal unser Fall. Mein Chef ist zwar manchmal ein bisschen langsam, hier oben meine ich“, flüsterte Haider und zeigte auf seinen Kopf, „aber er ist immer am Ball. Und zur Not bin ich ja auch noch da.“


„Und die da?“ fragte Salino und zeigte auf zwei Herren, die parallel zum Trauerzug in vielleicht fünfzig Metern Entfernung gingen.

„Ach, das sind die Kollegen vom BKA“, sagte Haider verächtlich und winkte ab. „Sesselfurzer!“

Salino hätte gern noch mehr von Haider gehört, aber der Zug hatte angehalten und die Trauergäste begannen, sich im Halbkreis um das offene Grab zu versammeln. Haider und Bruhns stellten sich etwas abseits. Schon begann der Priester wieder mit einer seiner Litaneien. Frau Weppert sah mit ihrem Schleier ausgesprochen attraktiv aus, dachte Salino. Vielleicht sollte er hin und wieder bei Hochzeiten und Todesfällen auflaufen, wenn sich die Frauen so schick zurecht machten. Gerade auch mit dem Schleier, das war schon eine nette Sache. Hochzeiten waren wohl weniger effektiv. Aber hier waren etliche Frauen mit einem Schleier. Schick! Ob unter einem der Schleier die Killerin versteckt war? Blödsinn. Der Bruhns spann doch. Nie wäre der Mörder so blöd, hier am Grab aufzutauchen. Und selbst wenn! Wie wollte Bruhns seinen Killer erkennen?

Aber Salino konnte den Killer identifizieren. Schließlich hatte er sie bereits gesehen. Sie stand in der Pose, die Salino inzwischen im Schlaf hätte zeichnen können, ein paar Grabreihen weiter an einen Baum gelehnt. Das gab’s doch nicht. Sie war tatsächlich da! Da stand sie! Gleich da vorn! Salino schwitzte nicht nur wegen der prallen Mittagssonne und seines schwarzen Anzugs.

Er wusste nicht, was er tun sollte. Seinem neuen Kumpel Haider einen Tipp geben? Aber was sollte er sagen? Woher wusste er, dass die Frau da hinten die Mörderin war? Nein, das war keine Lösung, damit schaufelte er sich lediglich sein eigenes Grab. Bestimmt fänden sie seine Fingerabdrücke oder sonst etwas in Olafs Wagen und dann könnte er sich nicht mehr rausreden. Dann würden sie ihn drankriegen, weil er Olaf kalt gemacht hätte. Seine Unschuld könnte er niemals beweisen, selbst wenn das juristisch gar nicht nötig wäre.

Plötzlich schaltete etwas in Salino auf Heldenmut um. Töricht, aber die einzige Möglichkeit. Er musste die Frau mit der schallgedämpften Waffe dazu bringen, nervös zu werden und zu fliehen, dann würden Bruhns und die anderen Polizisten von selbst auf sie aufmerksam. Wenn die Polizei sie dann festnahm und die Personalien überprüfte, käme dabei schon irgendetwas heraus. Das war zumindest eine Chance.

Salino löste sich aus der Trauertraube und ging langsam auf die Killerin zu. Und wenn sie nun nicht die Nerven verlor, sondern ihn einfach geräuschlos abknallte? Bis die Bullen merkten, woher der Schuss gekommen war, wäre die Frau längst über alle Berge. Salino ging stur weiter, das Risiko musste er einfach eingehen. Wieso eigentlich? Es konnte ihm doch völlig egal sein, wen die Frau dahinten umbrachte, solange sie ihn nur in Ruhe ließ. In Salino arbeitete es heftig, er schwankte bei jedem Schritt nicht nur nach rechts und links, sondern auch zwischen Sinn und Unsinn seines Tuns.

Endlich war Haider auf Salino aufmerksam geworden. Er sprach mit Bruhns. Die Polizisten wurden mit einem Schlag alle unruhig. Salino hatte Glück. Die Killerin wurde nervös, sie zog sich hinter den Baum zurück und wollte sich wohl aus dem Staub machen. Jetzt habe ich sie, dachte Salino und rannte los.

„Er flieht“, schrie jemand aus den Reihen der Polizei. Jetzt waren die Beamten in höchster Alarmbereitschaft und setzten sich in Bewegung. Der Priester hatte aufgehört mit dem Paradies zu drohen und die Trauergemeinde hatte sich von dem Sarg abgewandt und verfolgte das Schauspiel.

„Da ist er. Haltet ihn!“ schrie ein Polizist, den Salino mühelos als Haider identifizierte. Gott, Polizisten waren wirklich begriffsstutzig. Das war doch eine Frau! Sahen die das denn nicht?

Na gut, Salino musste zugeben, dass die Frau längst Deckung in den Büschen gesucht hatte und von den Polizisten kaum noch zu sehen war. Dennoch setzte er große Hoffnungen darin, dass die Polizei den Friedhof schon irgendwie abgeriegelt hatte. Salino hatte nun den Baum erreicht, wo die Killerin noch vor kurzem den Schatten genossen hatte. Da hinten zwischen den zwei Gräbern hindurch führte ein kleiner Trampelpfad durch die Rhododendron-Büsche. Wahrscheinlich war das ein Schleichpfad für lauffaule Besucher zum Parkplatz.

Salino wollte gerade um den Baum herum sprinten und der Frau in das Buschwerk aus glänzenden Blättern und wunderschönen purpurnen Blütenbällen nachsetzen, da prallten zwei schwere Körper gegen ihn. Bevor er noch verstand, worum es überhaupt ging, hatte ihm jemand die Füße weggeschlagen und hockte auf seiner Brust. Was hielten ihn denn diese Trottel auf? Wollten Sie ihn beschützen? Vor herannahenden Kugeln in Deckung bringen? Warum? Er hatte keine Angst und er war so dicht dran an der Killerin.

„Zugriff erfolgt!“ meldete einer der BKA Leute.

‚Was?’ dachte Salino. ‚Sie haben die Frau schon? Na, dann war ja alles gut.’ Der Bulle, der auf seiner Brust hockte, tastete ihn mit flinken Händen ab.

„Der Kerl ist unbewaffnet!“ verkündete er dann routiniert.

„Moment mal!“ rief Salino. Ihm wurde plötzlich klar, dass da irgendetwas ganz fürchterlich schief gegangen war. „Ich …“ Überleg jetzt gut was du sagst, schoss es Salino durch den Kopf. Also schwieg er besser. Handschellen rasteten ein und Salino wurde von kräftigen Armen hochgezerrt.

„Ich wusste gleich, dass mit dem etwas nicht stimmt!“ behauptete Haider prustend. Auch Bruhns war leicht außer Atem, aber er hatte an der Verfolgungsjagd nicht wirklich teilgenommen. Bruhns schien nicht ganz sicher zu sein, ob das hier alles seine Ordnung hatte. Er betrachtete Salino neugierig und schien zu überlegen.

„Mitnehmen“, befahl einer der BKA-Leute. Offensichtlich der höchste Vorgesetzte.

„Das ist mein Mann, Schlottau!“ mischte sich Bruhns brummend ein. Die Beamten des BKA schien diese Kompetenzrangelei überhaupt nicht zu interessieren. Sie griffen Salino unter die Arme und wollten ihn zum Wagen zerren.

„Moment, Moment!“ rief Salino hektisch. „Ich habe da etwas gesehen …“

Bruhns hielt einen der Beamten am Arm fest.

„Da war jemand!“ behauptete Salino vorsichtig. „Hier hinter den Büschen hat jemand gestanden und die Beerdigung beobachtet.“

„Warum haben Sie das nicht gemeldet?“ wollte Bruhns wissen.

„Das ist doch eine Schutzbehauptung“, warf Schlottau ein. „Nehmt ihn mit!“

„Ich war nicht sicher, ob das was bedeutet. Aber als ich auf den Busch zugegangen bin, ist die Person geflohen.“

„Hat jemand hier eine weitere Person gesehen?“ fragte Bruhns. Alle Beamten schüttelten den Kopf. Was waren das für blinde Nasen?

„Was soll der Unsinn? Abführen!“ Diesmal griffen die Beamten hart zu und schleppten Salino zu ihrem Wagen. Weitere Einwände hatten wohl keinen Sinn. Er saß in der Falle.
Bruhns sah Schlottau und seiner Verhaftung nachdenklich hinterher. Er sah hinüber zu den Büschen. Dann ging er langsam darauf zu. In der frisch aufgeschütteten Erde und den Rhododendren sah er einen Schuhabdruck. Hier konnte tatsächlich jemand gestanden haben. Von den schweren Schuhen seiner Beamten waren diese Abdrücke nicht. Es waren eher grazile Füßchen, die sich in dem weichen Boden tief eingedrückt hatten, so als ob sich jemand hier abgestoßen hätte. Vielleicht um los zu sprinten.

„Ich glaube nicht, dass das unser Mann ist“, brummte Bruhns. Haider lächelte vielsagend. Sein Chef sah den Wald vor lauter Bäumen nicht. Aber das war schon immer sein Problem gewesen.

*

Franziska war sauer. Richtig sauer. Dieser Spinner von Neffe brachte sie von einer unmöglichen Situation in die nächste. Sie hatte zwar nicht mitbekommen, worum es da gegangen war, aber er war es natürlich wieder gewesen, der für Unruhe gesorgt hatte. Ein Tumult ohne Gleichen. Während der Beisetzung! Polizisten waren herumgerannt, hatten geschrien und sich auf ihn geworfen. Schließlich hatten sie ihn sogar in Handschellen abgeführt. Die wenigen Gäste, die nicht wussten, dass es sich bei dem Störenfried um ihren Neffen handelte, hatten das bald herausgekriegt. Und das ganze Getuschel machte Frau Wepperts Trauer eigentlich zur Nebensache.

Franziska war einfach sauer. Sie stopfte eine Gabel mit herrlich frischem Butterkuchen in sich hinein und verfluchte diesen Unrat von Neffen. Sollte er doch in der Hölle schmoren. Sie würde keinen Finger krumm machen, um ihm aus der Scheiße zu helfen.

„Frau Weppert hat mich gebeten, mal zu sehen, was ich für Ihren Neffen tun kann“, flüsterte ihr Monika ins Ohr. Franziska schluckte. Sie hatte nun wirklich besseres zu tun, als …

„Was könnten wir da tun? Ich fürchte der Junge braucht einen Anwalt!“ wiegelte Franziska ab.

„Deswegen hat Frau Weppert ja mich gebeten!“

Franziska schaute Monika groß an. Also, hinter dieser Wasserstofffassade steckte weiß Gott mehr als man in seinen kühnsten Träumen hätte vermuten können.

„Sie sind Anwalt?“ fragte sie erstaunt.

„Mehr oder weniger. Ich praktiziere ja nicht, aber ich habe mein Jurastudium abgeschlossen. Nebenbei, abends!“

„Donnerwetter!“ staunte Franziska unverhohlen.

„Ich dachte, Sie möchten mich vielleicht begleiten.“

„Natürlich. Gerne.“ Franziska ließ ein weiteres Stück Butterkuchen auf ihren Teller gleiten.

„Ich denke, wir sollten Salino nicht länger als unbedingt nötig warten lassen“, bemerkte Monika mit einem Blick auf den Teller.

„Ein bisschen Ruhe kann dem Jungen gar nicht schaden“, behauptete hingegen Franziska. Sie dachte gar nicht daran, jetzt aufzustehen und den schönen Butterkuchen hier vertrocknen zu lassen, um diesen Quälgeist aus dem Gefängnis zu befreien.

Monika lächelte sie an. Zauberhaft. Es bedeutete so viel wie: „Na komm schon, Lass es uns angehen.“ Franziska sah auf den Kuchen. Auch der lächelte irgendwie, aber nicht ganz so verlockend. Sie nahm schnell noch eine Gabel und stand auf.

„Gut, meinetwegen, gehen wir. Aber verdient hat der Kerl das nicht!“

*

Marianne Weppert sah ihrer Haushälterin nach. Was hatte der Junge bloß angestellt? Sie verstand nicht, warum man ihn verhaftet hatte. Doch eigentlich kam ihr dieser Tumult ganz gelegen. So blieb es ihr wenigstens erspart, sich vor all den Leuten mit dem Tod ihres Mannes auseinander zu setzen. Während der Messe hatte sie einige Male sein Gesicht vor Augen gehabt. Auch das kleine Loch in seinem Kopf, aus dem sein Leben herausgeflossen war. Sie schüttelte sich und versuchte, den Gedanken daran möglichst schnell loszuwerden. Sie wusste, dass da noch einige Bilder in ihr schlummerten, die nur auf einen freien Moment warteten, um Kontrolle über ihr Bewusstsein zu übernehmen. Aber das musste nicht jetzt sein. Nicht vor all der Mischpoke.

„Schön, dass Sie gekommen sind“, sagte Marianne, als Charlotte sich neben sie setzte. Sie sah sich nach den Hunden um.

„Die sind im Auto. Ausnahmsweise!“ sagte Frau von Boeder, die den suchenden Blick Mariannes schon verstanden hatte.

Onkel Ferdi, der sich nur eben erkundigt hatte, ob es auch anderen Kuchen als Butterkuchen gäbe, stand wie Falschgeld vor seinem Platz herum. Nach kurzem Zögern entschied er sich dazu, die schwarzhaarige Frau, die seinen Stuhl besetzt hatte, besser nicht anzusprechen. Irgendwie vermutete er, dass sie das nicht gewollt hätte.

„Ich habe die Telefonnummer von diesem Al Fasah“, sagte Charlotte kurz und bündig.

„Und?“

„Ich habe auch gleich dort angerufen. Aber der Teilnehmer war leider nicht erreichbar.“

Frau von Boeder schob unvermittelt den Teller mit dem Kuchenrest, der vor ihr stand beiseite. Offenbar duldete sie keinen Kuchen in ihrer Nähe.

„Ich habe es mehrmals probiert. Eine Handynummer. Von E-Plus, wenn der Sekretär meines Mannes das richtig interpretiert hat.“

„Sonst keine Adresse? Straße oder so was?“

Charlotte schüttelte den Kopf. Langsam und beherrscht, wie alle ihre Gesten. Es lag eine unausgesprochene Drohung in diesem Nein. Eigentlich fühlte man die Drohung schon, wenn Charlotte einen nur anlächelte.

„Wenn Sie mir die Nummer aufschreiben, könnte ich sehen, ob ich mehr herausfinde“, schlug Marianne vorsichtig vor.

Charlotte zog einen vergoldeten Füller aus ihrem Handtäschchen und notierte die Nummer auf einer ihrer Visitenkarten. Mit einem letzten Schwung zog sie eine Linie wie einen Peitschenschlag unter die Nummer.

„Wenn Sie etwas herausfinden, sagen Sie mir Bescheid“, forderte Charlotte und das hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit einer Bitte oder einem Vorschlag. „Ich denke, es wird Zeit, dass ich mich um meinen Mann kümmere!“

Marianne bedankte sich und steckte die Nummer ein. Charlotte stand auf.

„Ich freue mich wirklich, dass Sie Zeit hatten vorbeizuschauen“, sagte Marianne noch einmal höflich.

„Keine Ursache. Ich bin sicher, ich werde mich in Kürze revanchieren können und Sie ebenfalls auf ein Stück Butterkuchen einladen.“

Sie nickte noch einmal unverbindlich und verschwand. Eine wirklich interessante und beeindruckende Person, fand Marianne. Aber wohl niemand, mit dem man ernsthaft Freundschaft schließen konnte.

„Keine Angst Ferdi, sie hat deinen Kuchen nicht angerührt“, sagte Marianne. Aber Onkel Ferdi hatte sich längst zwei weitere Stücke gesichert.

*

Zur Feststellung der Personalien konnte die Polizei Salino 24 Stunden festhalten. Sonst lag doch wohl nichts gegen ihn vor. Salino überlegte. Er versuchte es zumindest, aber er konnte sich nicht konzentrieren. Sein Blick wanderte unruhig die kahlen Wände entlang und blieb regelmäßig an der schweren, grauen Metalltür kleben, die ihn daran hinderte, diesen kalten, feuchten und unfreundlichen Ort zu verlassen.

Eine Stunde oder länger saß er jetzt schon auf dieser zerkratzen Holzbank und wartete. An Lektüre hatte es nur eine zerfledderte Bibel mit schief heraushängenden Seiten. Schließlich war das hier ein Gefängnis und keine Bibliothek. Er musste aktiv werden. Vielleicht änderte er wenigstens mal die Stellung. Die Pritsche gegenüber war hart. Er schaute nach, ob dort überhaupt Federn unter der Matratze waren. Negativ. Dafür fand er einige notdürftig zusammengehaltene Seiten eines Pornomagazins. Klasse. Genau danach stand ihm jetzt der Sinn. Er versteckte die Seiten wieder dort, wo er sie gefunden hatte. Vielleicht gab es Gefangene, die damit etwas anfangen konnten. Eine Bibel und ein Pornomagazin. Er starrte an die monoton graue Decke. Das war also der Untersuchungsknast.

Salino überlegte, wie dieses Heft wohl unter die Matratze gekommen war. Ein Gefangener, der es hereingeschmuggelt hatte und nach dem Verhör keine Gelegenheit gefunden hatte, es wieder an sich zu nehmen? Vielleicht hatte er es auch für die anderen da gelassen, als er entlassen wurde? Ein barmherziger Samariter? Wie lange mochte das Heft hier liegen? Womöglich hatten Generationen von Untersuchungshäftlingen ihre Freude daran. Oder war es vielleicht ein Wärter, der das Heft hier regelmäßig deponierte, um die Gefangenen zu motivieren, seiner eigenen voyeuristischen Lust zu dienen? Alles war möglich. Man wusste schließlich nicht, ob und wann man hier beobachtet wurde. Nicht nur durch das Guckloch in der Tür. Es gab heute kleinste Kameras, die sich selbst unter dem Klodeckel unbemerkt positionieren ließen.

Salino sah eine entsprechende Internetseite vor seinem Auge auftauchen. Live Cam: Onanierende Strafgefangene. Oder: Strafgefangene Intim. Live und 24 Stunden. Salino spürte einen leichten Anflug von Paranoia. Skeptisch betrachtete er den Klodeckel. Irgendwann musste er. Ein Moment auf den vielleicht zehntausende Internetuser nur warteten.

Ein entsprechendes Bedürfnis stellte sich auch prompt ein. Nein! Salino versuchte den Gedanken zu unterdrücken. Aber er wuchs förmlich an seinem Widerstand. Was machte das schon, wenn ihm Zehntausende beim Pinkeln zusahen? Bei diesem Gedanken wusste er, dass er bereits verloren hatte. Salino stand auf. Er wollte die Klobrille nicht anfassen, aber er sah sich alles aufmerksam an. Wie kam das rüber? Sahen jetzt Zehntausende einen Typen, der mit blödem Gesicht und verzerrter Optik in eine Toilette starren. Salino beschloss darauf zu … Jetzt, wo er auf die Mitte des Beckens zielte, merkte er plötzlich, dass er gar nicht musste. Das war wohl nur Einbildung gewesen.

Das Schloss der Zellentür wurde lautkrachend geöffnet.

„Zur Vernehmung!“ sagte der Wärter knapp und unfreundlich. Er musste gerade noch gesehen haben, wie Salino seine Hose geschlossen hatte.

„Eh, eh!“ sagte er mit erhobenem Zeigefinger, als Salino an ihm vorbei auf den Flur gehen wollte. „Spülen! Wir wollen doch alles so schön sauber hinterlassen, wie wir es vorgefunden haben!“

Salino starrte den Mann an. Er wollte ihm erklären, dass er gar nichts gemacht hatte. Aber er fürchtete die Frage, was er dann mit offener Hose in der Zelle getrieben hatte. Also drückte er gehorsam den Hebel und spülte. Ohrenbetäubend rauschte das Wasser durch die Porzellanschüssel. Das war so eine Spülung, die keinen Wasserkasten hatte, dafür schoss das Wasser mit viel Lärm und Druck durch die Leitung.

„Geht doch!“ sagte der Wärter zufrieden und ließ Salino auf den Kellerflur treten. Es kam wie es kommen musste. Das Geräusch der Spülung zeigte Wirkung. Jetzt musste Salino wirklich. Als sie den zweiten Stock erreichten, sah Salino ein Hinweisschild auf eine Toilette. Beschämt fragte er en Wärter, ob er hier gerade noch mal aufs Klo könne.

Der schüttelte den Kopf. „Pennälerblase!“ Aber er zeigte sich unerwartet einsichtig und ließ Salino die Toilette aufsuchen. Offenbar war eine Blasenschwäche kurz vor einem Verhör nichts Ungewöhnliches.

„Michael Mertens!“ stellte Schlottau zufrieden fest. Seine Personalien hatten sie wohl bereits festgestellt. Zeit ihn frei zu lassen, dachte Salino. Das Büro, in dem Salino vernommen wurde war offenkundig in den Sechzigern eingerichtet worden und seitdem nur verstaubt, aber niemals renoviert worden. Sogar die Telefone auf den Schreibtischen waren museumsreif. Nur die beiden Computer störten das Bild. Sie gehörten hier einfach nicht her. Wenn sie ihn blenden wollten, hätten sie auf die wenig lichtstarken Schreibtischlampen zurückgreifen müssen. Bei den schweren Metallschirmen war der Lack an einigen Stellen abgesprungen und wo er noch drauf war, wirkte er reichlich stumpf. Das war hier tiefste Provinz.

„Also“, setzte Schlottau an. „Wenn ich das richtig sehe, sind seit Ihrem Eintreffen in Höxter einige Menschen zu Schaden gekommen. Meinen Sie nicht auch, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte?“

„Seit meinem Eintreffen wurden in Höxter auch einige tausend Brötchen gebacken, meinen Sie nicht auch, dass da …“

Schlottau war dicht an ihn herangetreten und zischte ihm feucht ins Gesicht: „Wenn Sie mir komisch kommen, dann komme ich Ihnen auch gleich komisch!“ Anscheinend hatte Schlottau keinen Humor.

Die Tür wurde geöffnet. Schlottau sah gar nicht hin und schrie: „Raus hier!“

„Das ist immer noch mein Büro!“ grunzte Bruhns und schloss die Tür hinter sich.

„Und das hier ist mein Verhör!“

Bruhns hob die Achseln und deutete an, dass ihm das egal war. Er legte eine Akte auf seinen Schreibtisch, nahm sich einen Kaffee und setzte sich an seinen Schreibtisch.

„Herr Kollege, muss ich Sie daran erinnern, wer hier …“

„Nicht nötig“, konterte Bruhns gelassen. „Das steht draußen dran. Das ist mein Büro.“

„Und meine Verhaftung!“

„Kann schon sein. Aber dann nehmen Sie den jungen Mann mit und verhören ihn in ihrem Büro!“

„Das geht wohl kaum, weil …“

„Weil Sie eigentlich gar keine Verhaftung vornehmen dürfen!“ vollendete Bruhns triumphierend. „Und Ihre Freunde vom BKA haben an dem jungen Mann gar kein Interesse geäußert.“

Salino war verwirrt. Schlottau war nicht vom BKA? Was wollte der Kerl von ihm.

„Amtshilfe!“ nörgelte Schlottau knapp.

„Nur zu!“ sagte Bruhns fröhlich. „Fahren Sie fort. Lassen Sie sich durch mich nicht stören.“

Schlottau kochte vor Wut. Dann wendete er sich wieder Salino zu.

„Also! Die Beerdigung. Sie haben angeblich jemanden gesehen, den wir alle nicht gesehen haben, richtig?“

Salino hatte keine Angst mehr vor Schlottau. Seitdem er wusste, dass dieser Bruhns irgendwie auf seiner Seite war.

„Wer sind Sie eigentlich?“ wollte Salino selbstbewusst wissen.

„Ich stelle hier die Fragen. Sie …“

„Das ist Kollege Schlottau, vom BND“, erklärte Bruhns ungerührt. „Er hat einige Fragen an Sie, aber wenn Sie nicht antworten wollen, bitte … Dann wird Herr Schlottau sicherlich keine Schwierigkeiten haben, das BKA um eine Vorladung zu ersuchen.“

So wie Bruhns das sagte, war Salino ziemlich sicher, dass er das so nicht meinte. Er griff die Gelegenheit beim Schopf.

„Nein, ich möchte keine Fragen beantworten.“

„Bitte“, sagte Bruhns gelassen. „Das BKA hat keine Anklage erhoben. Also …“

Schlottau stand unmittelbar vor einem Tobsuchtsanfall. Seine Nasenspitze war kalkweiß und seine Wangen glühten rot.

„Das wird ein Nachspiel haben! Darauf können Sie Gift nehmen!“

Bruhns griff geübt in seine Jackentaschen, ließ eine Magentablette aus dem Röhrchen gleiten und warf sie ein.

„Ich werde mich bei Ihrem Vorgesetzten beschweren!“ polterte Schlottau und schlug die Tür hinter sich zu.

„Kann ich jetzt gehen?“ fragte Salino nach einer angemessenen Pause.

„Grundsätzlich schon“, sagte Bruhns, „aber ich würde mich freuen, wenn Sie mir noch einige Fragen beantworteten.“

Salino war unschlüssig. Aber er schuldete Bruhns etwas. Schließlich hatte der ihm diesen Kläffer vom Hals gehalten. Also nickte er.

„Sehr gut“, freute sich Bruhns entspannt. „Das erspart mir viel Papierkram. Ich hasse diese Formulare. Das geht doch auch alles ohne Vorladung. Also …“

Bruhns lehnte sich entspannt zurück. „Kaffee?“

„Gerne!“

Bruhns zeigte mit dem Daumen hinter sich. „Milch und Zucker stehen gleich rechts daneben.“

Salino stand auf und bediente sich. Die Verhörsituation war sofort vergessen. Salino fühlte sich fast wie zu Hause.

„Diese Person, die sie hinter dem Gebüsch sahen, können Sie mir die irgendwie beschreiben.“

Salino dachte nach. Es konnte kein Fehler sein, zu sagen, dass er eine Frau gesehen hatte.

„Eine Frau?“ Bruhns nickte zufrieden. „Haben Sie diese Frau schon einmal gesehen?“

Das war eine tödliche Frage. Salino dachte angestrengt nach und schwieg. Wenn er jetzt zugab, dass er sie schon mal gesehen hatte, dann musste er auch sagen wo.

„Eine Frau auf einer Beerdigung ist nichts Ungewöhnliches. Nicht mal, wenn Sie etwas abseits steht. Könnte zum Beispiel eine Geliebte sein. Warum ist sie Ihnen verdächtig vorgekommen?“

„Ich weiß nicht, vielleicht die Art, wie sie dagestanden hat“, wich Salino aus.

Bruhns war unzufrieden.

„Wissen Sie was? Ich denke, Sie haben diese Frau schon einmal gesehen. Und ich glaube, Sie hängen in dieser Geschichte irgendwie mit drin.“

Salino schwieg. Er brauchte einen Anwalt, der ihm sagen könnte, was nun zu tun sei.

„Sie belasten sich selbst, wenn Sie aussagen stimmt’s?“ bot Bruhns ihm im kameradschaftlichen Tonfall an.

Salino machte eine vorsichtige Geste, die sowohl ja als auch nein bedeuten konnte. Was sollte er tun? Er konnte nichts sagen, ohne Frau Weppert und Monika mit reinzuziehen.

„Hören Sie, ich will Ihnen nichts“, erklärte Bruhns. „Ich suche einen Mörder. Wenn Sie das nicht sind, helfen Sie mir.“

Die Tür wurde vorsichtig aufgeschoben.

„Der Anwalt von Herrn Mertens ist da und möchte sofort mit seinem Mandanten sprechen!“ erklärte Haider durch die halbgeöffnete Tür.

„Soll reinkommen“, seufzte Bruhns frustriert, der seine Chance, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, unerwartet verblassen sah.

Die Tür wurde vollständig geöffnet.

„Monika Winter!“ stellte sich seine Anwältin vor. Salino war überrascht. Nicht nur, dass er einen Anwalt hatte, sondern auch, wer es war.

Bevor Monika zu irgendeinem Schlag gegen Bruhns ausholen konnte, knickte der ein. „Ihr Mandant ist vollkommen freiwillig hier. Er kann jederzeit gehen.“

„Ist das wahr?“ fragte Monika.

Salino nickte.

„Gut, dann gehen wir jetzt!“

Bruhns wollte etwas einwenden. Aber Salino war schneller.

„Kann ich kurz mit meiner Anwältin allein sprechen?“

„Aber sicher!“ freute sich Bruhns, der wieder Morgenluft wittert. Vielleicht bekam er wenigstens noch einen Happen, der ihn in diesem Fall irgendwie weiterbrachte.
Als Bruhns die Tür hinter sich geschlossen hatte, erzählte Salino Monika die Geschichte mit Olaf und wie er da hineingerutscht war. Er wollte die Sache irgendwie ins Reine bringen, bevor er sich noch weiter in ihr verstrickte. Monika hörte sich alles interessiert an. Dann rief sie Bruhns wieder herein.

„Mein Mandant hat ein juristisches Problem“, eröffnete sie dem Kommissar. „Ich allein kann ihm da nicht weiterhelfen. Es möchte einen professionellen Ratschlag von Ihnen.“

Bruhns hörte interessiert zu.

„Wir sind doch kein Auskunftsbüro. Im zweiten Stock ist die kostenlose Rechtsberatung“, erklärte Haider, der mit Bruhns ins Zimmer gekommen war.

Bruhns verdrehte die Augen. „Haider! Bitte suchen Sie mir doch mal die Akte Möhring raus!“

„Die liegt im Archiv. Der Fall ist vor drei Jahren abgeschlossen worden.“

„Mir sind aber gerade gewisse Zweifel gekommen, ob wir damals alles Menschenmögliche in Betracht gezogen haben. Also holen Sie die Akte und bringen Sie auch die Beweisstücke mit!“

Haider hatte schon immer gewusst, dass sein Chef geistig verwirrt war. Und tablettensüchtig. Aber das behielt er kollegial für sich. Möhring hatte Selbstmord begangen, das war so klar wie Kloßbrühe gewesen. Was gab es da jetzt wieder aufzurollen?

„Das ist ’ne Menge Papierkram. Die nächste Stunde sehen wir meinen Kollegen leider nicht wieder“, brummte Bruhns zufrieden. „Bedauerlicherweise müssen wir unser kleines Problem also allein lösen.“

„Gut“, sagte Monika. „Keine Aufnahme?“

„Keine Aufnahme“, bestätigte Bruhns.

„Gut, mein Mandant wird Ihnen jetzt ein völlig fiktives Problem schildern und Sie um einen Rat bitten, wie sich jemand in einer solchen Situation verhalten sollte.“

Bruhns nickte und platzte fast vor Neugier.

„Also ich bin getrampt und …“

„Nein, nein, nein“, unterbrach Monika ihn sofort. „Was mein Mandant sagen wollte ist: Nehmen wir mal an, jemand trampt und …“

„Alles klar“, sagte Salino. „Also. Angenommen jemand trampt und der Fahrer fährt plötzlich von der Hauptstraße herunter und …“

Der Fall war schnell geschildert. Und Bruhns war sichtlich zufrieden.

„Also“, sagte Bruhns, als er sich alles in Ruhe angehört hatte. „Wenn jemand sich vom Tatort entfernt und sich nicht als Zeuge zur Verfügung hält, macht er sich letztlich der Beihilfe strafbar. Dieser Jemand sollte eigentlich aussagen.“

„Aber das bringt auch eine Menge Ärger mit sich“, warf Monika ein. „Zumal er ja gar nichts getan hat.“

„Aber er könnte den Täter identifizieren!“

„Wenn das mal nötig würde, könnte man darüber ja nochmal diskutieren.“

„Wie hätte denn die Person mit der Waffe ausgesehen?“

Salino konnte dazu kaum etwas sagen. Entweder die Frau war zu weit weg oder er hatte sie nur nachts gesehen. Dennoch beschrieb er sie so gut er konnte. Das einzige was er auf dem Friedhof gesehen hatte, war, dass sie rote Haare hatte.

„Ich kann nicht versprechen, dass ich nicht noch mal auf diese Geschichte zurückkomme“, sagte Bruhns.

„Kein Problem“, behauptete Monika. „Aber vergessen Sie nicht, dass wir hier von einem völlig frei erfundenen Fall gesprochen haben. Und im Notfall bliebe uns noch das Recht der Zeugnisverweigerung.“

Das wusste Bruhns nur zu genau. Aber wenigstens hatte er einige Informationen erhalten. Nun hatte er zumindest einen Anhaltspunkt, wonach er suchen musste.

Für Monika war die Angelegenheit damit beendet. Sie hakte Salino unter und zog ihn förmlich aus dem Dienstzimmer.

Haider kam gerade mit den angeforderten Beweisen und Akten aus der Asservatenkammer zurück. Er schloss die Tür hinter den beiden.

„Manche Leute spinnen aber auch. Wollen hier eine kostenlose Rechtsberatung? Hoffentlich haben die Sie nicht allzu sehr gelangweilt, während ich weg war“, tröstete Haider seinen Chef.

„Genau Haider. Manche Leute sind einfach eine Zumutung. Aber das bringt dieser Beruf halt mit sich.“

„Käffchen Chef?“ fragte Haider, um seinen Vorgesetzten bei Laune zu halten.

*

Eigentlich hatte Salino erwartet, dass seine Tante toben würde. Aber das tat sie nicht. Sie war geradezu gut gelaunt, wenn man mal davon absah, dass sie kein Wort mit ihm wechselte. Und das, obwohl sie gerade zweieinhalb Stunden auf einem Polizeirevier herumgesessen hatte, um ihren unfähigen Neffen aus dem Knast zu holen. Das war schon ungewöhnlich. Die gesamte Rückfahrt über plauderte sie mit Monika über Gott und Diäten, während sich Salino auf dem Rücksitz nicht viel anders fühlte, als noch vor etwas über einer Stunde in seiner Zelle.

Als sie endlich auf den Vorplatz von Frau Wepperts Domizil fuhren, war die Beerdigungsfeier bereits in einem Stadium fortschreitenden Vergessens. Frau Weppert hatte groß Auftischen lassen und der Alkohol war in Strömen geflossen. Ein nicht unerheblicher Teil der Trauergäste befand sich bereits jenseits von Gut und Böse. Onkel Ferdi machte sich nicht mehr die Mühe, sein Cognacglas immer wieder nachzufüllen. Er hatte sich längst mit der Flasche in der Hand unmittelbar neben dem Büffet postiert, wo er sporadisch die besten Stücke abgriff. Seine Frau Cecilie versuchte wenigstens, einigermaßen Haltung zu bewahren. Es war aber nicht zu übersehen, dass sie unter ihrem gut gefüllten Teller noch einen weiteren leeren hielt. Offenbar hatte ihr die Zeit gefehlt, den abgegrasten Teller beiseite zu räumen. Die beiden Cousins von Frau Weppert spielten lautstark Skat mit einem Gast den Salino noch nicht kannte.

„Da ist ja unser Liebling wieder!“ kreischte die esoterische Klavierlehrerin und stürzte mit ausgebreiteten Armen auf Salino zu. Salino wollte hinter seiner Tante Deckung suchen, aber die war längst zusammen mit Monika abgetaucht.

„Wir haben uns ja schon Sorgen gemacht!“ trompetete Corinna und schmatzte ihm einige Quarkreste auf die Wange. Salino versuchte, sich unauffällig die Quarkbröckchen mit dem Ärmel abzuwischen.

„Aber so ein Steinbock setzt sich schon durch. Das wusste ich gleich!“ plapperte Corinna unbeirrt weiter. Dann zog sie ihn an seinem Ärmel mit sich, Richtung Flügel im Nebenzimmer. Sie setzte sich und zog ihn mit auf die kleine Klavierbank.

Offensichtlich sollte das die amerikanische Nationalhymne sein, die ihre flinken Finger da aus den Tasten kitzelten. Salino war wenig beeindruckt. Er versuchte, sich höflich zu entfernen, aber Corinna hielt ihn fest. Kleine dürre Frauen konnten einen mit unerwarteten Kräften überraschen. Salino sah sich hilfesuchend um. Ihm stand jetzt mehr der Sinn nach einem kleinen Plausch mit Monika. Sie war zwar heute mal dem Anlass entsprechend gekleidet, aber auf die hohen Schaftstiefel mit metallenen Pfennigabsätzen hatte sie auch an einem solchen Tag nicht verzichten können. Endlich hörte Corinna auf zu spielen.

„Ich hätte jetzt gern ein Glas Sekt!“ sagte sie mit einem hochalarmierenden Lächeln.

Salino nahm die Möglichkeit wahr, sich verdrücken, möglichst bevor sie auf die Idee kam ‚As time goes by’ zu spielen. Er war noch nicht ganz bei der Getränkeausgabe, als er die ersten Takte vernahm.

Er bestellte bei der gestressten, aber bemüht freundlichen Bedienung ein Bier. Zeigte sich geduldig, wurde mit einem Extralächeln belohnt und zog sich rasch in die Küche zurück. Hier war mit Corinna wohl kaum zu rechnen.

Frau Weppert stand am Küchentisch und hielt ihrem Schwager ein Taschentuch hin. Der schluchzte leise. Seine glasigen Augen rührten nicht ausschließlich von den Tränen her.

„Wenn du doch mich geheiratet hättest?“ wiederholte er säuselnd dreimal hintereinander.

Wie angewurzelt blieb Salino stehen. Frau Wepperts Blick deutete ihm an, wo die Tür war. Salino seufzte und zog sich unauffällig zurück. Das Klavierspiel war inzwischen verstummt. Er sah weder nach rechts noch links und ging schnurstracks hinaus auf die Terrasse.

Hier draußen war zwar etwas kühl, aber angenehm ruhig. Das hysterische Gegacker und Gekicher der Gäste war nur gedämpft zu vernehmen und die sternenklare Nacht ließ ihn endlich ein wenig zur Ruhe kommen.

„Ist das nicht romantisch!“

Inzwischen hatte Corinna sich inzwischen wohl selbst ein Glas Sekt besorgt. Salino hätte sich in den Arm beißen können. Die Klavierlehrerin hockte auf der kühlen Balustrade aus Bruchsteinen, die die Terrasse umschloss, und genoss die Sterne, die vorbei zogen.

„Prost“, rief sie und hielt ihm ihr Glas hin. Es wäre sicherlich zu unhöflich, in diesem Moment auf dem Absatz kehrt zu machen. Er ging die fünf Schritte auf sie zu und stieß mit ihr an.

„Wird Zeit, dass wir Brüderschaft trinken. Du gehörst ja jetzt fast zur Familie!“ behauptete sie verschmitzt.

Salino war nicht einmal sicher, ob Corinna zur Familie gehörte und wenn, zu welcher Familie? Doch er ergab sich missgelaunt seinem Schicksal. Whatever will be will be.

Sie stießen erneut an. Diesmal über Kreuz. Dem drohenden Kuss auf den Mund entging Salino knapp, indem er den Kopf ruckartig abwendete, weil er sich offensichtlich beim Anstoßen mit Sekt bekleckert hatte. Nun gut, jetzt konnten sie sich duzen. Was machte das schon?

„Komm mit“, sagte sie und zog an seinem Arm.

„Wohin?“ fragte Salino vorsichtig.

„Komm mit!“ wiederholte sie stur und drängend.

„Ich will nicht“, wehrte Salino hilflos ab.

„Sei nicht so ein spröder Steinbock!“

Das genau war es, was er gegen diesen ganzen Sternzeichenkram hatte. Sie wurden immer gegen ihn eingesetzt. Immer auch als Waffe. Corinna zog ihn, obwohl er mit jedem Schritt seinen Unwillen bekundete, die Stufen hinunter, bis sie sich durch die Dunkelheit bis zu dem kleinen See vorgearbeitet hatten. Sie zog ihn weiter mit auf den Holzsteg und ließ sich an dessen Ende zu Boden sinken. Salino stand unschlüssig herum, doch dann setzte er sich ebenfalls.

„Ist das nicht herrlich romantisch?“

So, wie sie ihn dabei anblinzelte, hätte sie die bezaubernde Jeani sein können. Aber das war sie nicht. Und es wäre ihm auch lieber gewesen, wenn er das in diesem Moment gewesen wäre. Dann hätte ein einziges Blinzeln genügt, um diese anstrengende Lehrerin gegen seine liebste Monika auszutauschen. Andererseits, wenn Corinna hätte zaubern können, wer weiß, was … Salino würgte dem Gedanken daran sofort den Saft ab.

„Steinböcke müssen ihre Gefühle immer verbergen“, resümierte sie, als Salino stumm auf das Wasser starrte. „Ich finde es herrlich“, freute sie sich und ließ sich demonstrativ spontan auf den Rücken fallen.

So dunkel war es nicht, dass Salino nicht merkte, wie erwartungsgeballt sie ihn anschaute. Ihre Hand glitt wie unabsichtlich über ihre Hüften, den Bauch und … Na ja, das sollte wohl aufreizend wirken. Glaubte sie ernsthaft, dass er jetzt über sie herfallen würde? Salino zählte leise bis zwanzig. Dann wäre die Anstandsfrist gewahrt, ihm könnte kalt sein und er müsste gehen.

Er kam bis fünfzehn. Sie hatte sich auf die Seite gerollt und ihre Hand auf seinen Oberschenkel gelegt. Fünfzehn reichte notfalls auch. Jetzt war entschieden der richtige Moment zu gehen. Er stand auf.

„Mir ist kalt.“

Corinna seufzte und drehte sich wieder auf den Rücken. Sie schien ihn nicht aufhalten zu wollen. Fast wäre er darauf reingefallen und geblieben. Er ließ nur ungern jemanden, der zu viel getrunken hatte, nachts, allein auf einem hölzernen Steg an einem See zurück. Aber er wollte nun wirklich nach Monika sehen.

Die ersten Gäste waren inzwischen aufgebrochen. Nun war das hier ja auch keine Party, auf der man bis spät in die Nacht tanzen konnte. Wenn man angetrunken und vollgefressen war, dann wurde es auch Zeit zu gehen.

Bei der ausgedünnten Gästeschar sollte sich Monika leicht finden lassen. Aber Irrtum! Auch sie war wohl schon gegangen. Salino war schwer enttäuscht. Auch seine Tante hatte sich längst zurückgezogen. Frau Weppert schien noch in der Küche zu sein und Onkel Ferdi ließ sich gerade eine neue Flasche Cognac geben. Natürlich nur, um seine Trauer zu ertränken. Seine Frau musste ihm helfen, die Flasche zu öffnen. Das Personal des Partyservices begann, einen Teil der Ausstattung zu verpacken. Salino warf einen Blick auf seine Lieblingskellnerin. Gegen ein kleines, erotisches Abenteuer hätte er heute wirklich nichts einzuwenden. Beerdigungen schrieen förmlich nach Fortpflanzung, schließlich wurde einem der entstandene Mangel recht plastisch vor Augen geführt.

Das schien selbst dem Priester nicht anders zu gehen, obwohl dies sein tägliches Brot sein musste. Er war sehr eifrig bemüht der hübschen Bedienung beim Zusammenräumen ihrer Sachen zu helfen. Würde Salino gar nicht wundern, wenn er sich später noch anbot, sie nach Hause zu bringen. Im Moment hatte er gute Karten, dachte Salino, doch der Blick des Mannes der den Braten an dem anderen Büffettisch aufgeschnitten hatte, ließ nichts Gutes ahnen. Das war entweder ihr Vater oder jemand, der aus anderen Gründen gut auf das Mädchen Acht gab.

Salino beschloss, noch in Ruhe das eine oder andere Bierchen zu trinken und sich dann ebenfalls schlafen zu legen. Er hielt sich möglichst weit von dem Skattisch entfernt. Nur für den Fall, dass der dritte Mann unerwartet ausstieg. Und er mied den hinteren Raum mit dem Klavier. Küche und Terrasse kamen ebenfalls nicht in Frage. Was blieb, war der Ohrensessel am Fenster. Dort konnte sich wohl auch niemand neben ihn setzen.

Später sah er noch einmal Corinna, die sich an der Bar eine Flasche Sekt geben ließ und sich damit auf ihr Zimmer zurückzog. Das hatte er also auch hinter sich. Sein letztes Bier öffnete er, als der letzte Gast den Skattisch verlassen hatte. Die Cousins zeigten Tante Cecilie und Onkel Ferdi den Weg zu ihren Zimmern und das Personal belud den Lkw. Endlich Ruhe. Was für ein Tag. Prost!

*

„Nein Hannes! Lass das!“

Das kam aus der Küche. Frau Weppert! Die hatte Salino völlig vergessen. Salino stellte sein Bier auf dem kleinen runden Beistelltisch ab. Sah die wertvollen Holzintarsien, überlegte es sich und stellte die Flasche auf den Boden.

„Hannes!“

Mit schnellen Schritten war Salino an der Tür zur Küche und stieß sie auf.

„Hannes verdammt noch mal!“

Hannes hielt Frau Weppert umklammert und schien ihr etwas ins Ohr flüstern zu wollen. Mit Sicherheit etwas, was Frau Weppert nicht hören wollte. Sie versuchte, sich aus der Umarmung zu befreien. Salino war eine Sekunde später bei ihr und riss Hannes herum. Er holte aus und hatte genug Wut im Bauch, um den aufdringlichen Kerl mit einem Schlag niederzustrecken.

„Halt!“ schrie Marianne. „Ich mach das schon!“ Salino hielt inne. „Hannes, es wird Zeit, dass du ins Bett kommst!“

Hannes sah sie tieftraurig an.

„Du hättest damals mich heiraten sollen“, behauptete er wieder weinerlich.

„Ja, ja, das hatten wir alles schon. Du gehst jetzt ins Bett!“

Frau Weppert hakte ihn unter. Salino nahm vorsorglich die andere Seite und gemeinsam schoben und zogen sie Hannes hinauf zu seinem Zimmer.

„Hilf mir mal!“ forderte Marianne.

Sie zogen Hannes bis auf die Unterwäsche aus. Hannes wehrte sich nicht großartig, trotzdem war das kein einfaches Unterfangen. Hannes konnte anscheinend nur einen einzigen Satz sagen, den dafür jedoch beliebig oft. Die ständige Wiederholung machte zwar auch nicht mehr Sinn, ging einem aber umso mehr auf die Nerven.

Einige Male musste Frau Weppert ein energisches „Nein“ einwerfen, wenn Hannes wieder versuchte sie küssen. Dann lag der Kerl endlich im Bett und war zugedeckt.

„Hat ihn schwer mitgenommen, der Tod seines Bruders“, sagte Frau Weppert auf dem Weg nach unten. „Die waren ein Herz und eine Seele, das kannst du mir glauben.“

Ganz nüchtern war Frau Weppert wohl auch nicht mehr. Salino hoffte nur, dass sie ihre Gefühle noch im Griff hatte. Im Trösten war er nicht besonders gut. Wie gesagt, er war ein Steinbock. Aber seine Sorge war unnötig. Frau Weppert griff sich ein Bier, öffnete es und trank gleich aus der Flasche.

„Da ist mir jetzt nach“, erklärte sie. „Eins trink ich noch, dann ist Schluss.“

Salino hatte in diesem Moment längst beschlossen, dass er mindestens noch eins trinken würde.

„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte Frau Weppert nach einer kurzen Pause. „Solange du noch keinen Job gefunden hast, könntest du für mich arbeiten, wenn du willst.“

Salino war überrascht. „Was soll ich tun? Ich bin Setzer. Von Elektronik habe ich keine Ahnung.“

„Ach Gott, nein. Ich meine Rasenmähen und solche Sachen. Hier am Haus ist jede Menge zu reparieren und zu erledigen. Deine Tante allein kann sich nicht um alles kümmern.“

Salino war nicht sicher, ob er einen Job als Hausmeister suchte.

„Denk drüber nach“, sagte sie und hatte ihr Bier mit einem gewaltigen Schluck geleert. „Du hättest wieder ein Dach über dem Kopf. Deine Tante hätte nichts mehr zu nörgeln. Du verdienst ein paar Euro. Und das Essen ist auch gut.“

„Ja okay“, sagte Salino.

„Überleg es dir. Ich würde mich jedenfalls freuen.“

„Ich mache das!“ Salino wunderte sich, wie leicht ihm diese Entscheidung gefallen war. Aber im Ernst, was gab es in seiner Lage da zu überlegen? So gut wie hier würde er es im Leben nicht wieder haben. Wenn man mal von seiner Tante absah.

„Ja?“ fragte Marianne skeptisch.

„Ja, mache ich sogar gerne“, sagte Salino.

„Nun gut! Aber wie gesagt, du kannst es dir ja überlegen.“

Wenn man einmal von dem Wort Hausmeister absah, gab es da nichts zu überlegen.

„Gute Nacht dann“, sagte Frau Weppert eine Spur zu abrupt und drehte sich auf dem Absatz um. Plötzlich drehte sie sich zurück, beugte sich herunter und küsste Salino auf die Stirn. „Gute Nacht“, sagte sie noch einmal und ging.

Die gute Frau hatte doch mehr getrunken, als man im ersten Moment bemerkte, dachte Salino und lachte. Er nahm sich noch ein Bier mit hinauf in sein Zimmer. Wenn er hier unten blieb, könnte womöglich noch irgendetwas passieren, an dem er lieber keinen Anteil gehabt hätte.

Alles im Haus war still. Trotzdem spürte Salino, dass es voller Gäste war. Die Türen zum Flur schienen irgendwie fester verschlossen zu sein als sonst. Vielleicht bildete er sich das aber auch nur ein, weil er wusste, dass überall hinter den Türen jemand schlief oder irgendwelchen Unsinn machte. Salino öffnete die Tür zu seiner Dachkammer besonders leise. Seine Tante wäre sicher nicht begeistert gewesen, wenn er sie geweckt hätte.

Etwas in seinem Zimmer war anders, als er es verlassen hatte. Auf dem Stuhl lagen irgendwelche Klamotten. Wahrscheinlich hatte seine Tante ihm etwas herausgelegt, das er morgen tragen sollte. Salino seufzte genervt. Sein Seufzen hatte ein Echo. Salino stutzte.

Bislang hatte er ja nur diese schäbige Deckenleuchte in dem Zimmer. Er schaltete sie ein, um zu sehen was los war. Das Licht war grell und Corinna nackt. Sie stöhnte auf und hielt einen Arm vor das Gesicht, weil sie geblendet wurde. In der anderen Hand hielt sie eine Sektflasche fest, die sie wohl zu zwei Dritteln ausgetrunken hatte.

„Mach das Licht aus!“ grunzte sie. Offenbar hatte sie bereits geschlafen. Salino zögerte einen Moment und knipste das Licht wieder aus.

„Was machen Sie hier?“

Corinna antwortete nicht, sondern nahm stattdessen einen hörbaren Schluck aus der Flasche.

„Ihr Zimmer ist unten!“ versuchte es Salino noch einmal. Er wusste, dass es falsch war, jetzt zu argumentieren. Besser wäre es, einfach hinunter zu gehen und das Zimmer zu tauschen. Aber er ahnte, dass sie ihm folgen würde. Und wenn er erst mal in ihrem Zimmer wäre, konnte sie jederzeit Rabatz machen. Wenn dann jemand käme, um zu sehen was los wäre, hätte er ganz schlechte Karten. Dann sähe es nämlich so aus, als ob er versucht hätte, sie zu belästigen. Hier in seinem Zimmer dagegen hatte er den Heimvorteil.
„Soll ich Ihnen zeigen wo Ihr Zimmer ist?“

Als ob sie das nicht wüsste?!

Schließlich hatte sie ihren Koffer dort.

Corinna nuschelte etwas. Es klang unzufrieden und sie nahm lieber noch einen Schluck Sekt. Was sollte er tun? Salino ging zu dem Stuhl hinüber, auf dem ihre Sachen lagen und schob sie einfach hinunter. Dann setzte er sich, öffnete sein Bier, das er mit hoch genommen hatte und steckte sich eine beruhigende Marlboro an. Vielleicht hatte er Glück und sie wäre eingeschlafen, bevor er sein letztes Bier ausgetrunken hatte. Er beschloss, die Situation einfach auszusitzen.

Corinna schien aber nicht ans Schlafen zu denken. Sie schien mit jeder Minute wacher zu werden.

„Soll ich es jetzt vielleicht mit der Flasche hier treiben oder kommst du endlich hier rüber?“

Oha, was waren das denn für böse Worte Jungfer Corinna, dachte Salino und lachte leise.

„Ich glaube es ist wirklich besser, wenn Sie jetzt auf Ihr eigenes Zimmer gehen!“ behauptete Salino. Bei dem schwachen Licht, das in die Kammer fiel konnte Salino schlecht sehen, aber ihre Augen blitzten manchmal hell auf. Nachts sind alle Katzen grau, schoss es Salino in den Kopf. Das waren genau die Sätze, die derlei Unglücke einzuleiten pflegten. Er beschloss, diesen Satz als nicht gedacht zu betrachten.

„Komm schon rüber. Ich tu dir doch nichts!“

Sie hatte wirklich einiges an Sekt getrunken. Man merkte das daran, dass sie alle zwei bis drei Worte eine längere Pause machte, so als ob sie einen Schluckauf unterdrückte.

„Komm schon!“ Es war nur konsequent, dass die Sätze nun kürzer wurden.

„Komm.“

Salino kicherte plötzlich albern. Einen Satz von Adorno hätte er um diese Zeit auch nicht fehlerfrei zustande gebracht. Schon deshalb nicht, weil dafür die Zeit zwischen zwei Gängen zur Toilette nicht ausgereicht hätte. Salino spürte, dass ihm das Bier allmählich auf die Blase drückte. Er ging aufs Klo.

Das Bad hier oben war akzeptabel, nicht so groß wie unten, aber es war okay. Nur es war eben auch völlig von seiner Tante mit Beschlag belegt. Eigentlich war es ja ihr Badezimmer. Überall lagen Klamotten, Schminksachen und Pflegedöschen von ihr herum. Auf der Ablage vor dem Spiegel lag ihr Schmuck, den sie heute getragen hatte.

Als er sich gerade die Hände wusch, stutzte Salino. Das waren nicht nur ihre Sachen. Das Medaillon kannte er. Das hatte Monika getragen. Die konnte das unmöglich hier oben verloren haben. Was hätte sie hier unter dem Dach auch zu suchen gehabt? Ihn? Und vor allem wann?

Salino überlegte, was das jetzt wieder bedeuten konnte. Er wusste natürlich längst, was das bedeutete, aber er überlegte lieber weiter. Die Antwort wollte er eigentlich gar nicht finden. Er war gleich der Meinung gewesen, dass seine Tante ungewöhnlich nett zu Frau Winter war. Aber Monika? Was sollte sie an seiner Tante finden. Das war doch alles Unsinn.

Als Salino das Bad verließ, warf er einen wütenden Blick auf die Tür seiner Tante. Er hatte eine ziemlich genaue und abscheuliche Vorstellung davon, was sich in diesem Moment hinter dieser Tür abspielte.

Trotzig war er noch dabei eine andere Erklärung zu suchen, als er wieder sein Zimmer betrat. Corinna hatte sich nicht in Luft aufgelöst. Er steckte sich noch eine Zigarette an, das sollte seine Denkfähigkeit steigern und er stand gedankenverloren mitten im Raum herum. Unschlüssig. Er merkte aber schon, dass Corinna auf dem Bauch wie eine Schlange aus dem Bett geglitten kam und sich an seiner Hose zu schaffen machte. Sie hatte ihn längst in der Hand. Die Nacht endete für Salino in einem bestenfalls unentschiedenen Ringkampf.

Corinna war für ihren brustlosen, schmächtigen Körper ganz schön kräftig. Und sie war weit unersättlicher als er konditionsstark. Genau genommen wurde es alles in allem anstrengend und wenig entspannend. Er ahnte schon, dass es nicht ohne blaue Flecken abgehen würde. Pausenloses Stakkato war gefordert. Schließlich hatte er schon ihr Klavierspiel bewundern dürfen. Für seinen Geschmack hackte sie eher unrhythmisch auf den Tasten herum, als dass sie melodiengewaltig darüber hinweg glitt. Von ihren unausgefeilten Grundtechniken mal abgesehen, hatte sie dann aber doch ein gewaltiges Repertoire.

Kapitel 6

Die Wunde hatte aufgehört zu bluten. Ein Streifschuss, weiter nichts. Dennoch musste Frederik die Zähne zusammen beißen, als er die festgeklebte Mullauflage wechselte. Das war weit schmerzhafter, als die Kaltwachsstreifen runter zu reißen mit denen er seine Bein- und Brustbehaarung entfernte.

Seine Frau hasste behaarte Männer. Anfangs hatte er das für einen Witz gehalten, doch dann hatte er bald gemerkt, dass es ihr damit reichlich ernst war. Inzwischen fand er selbst es sogar angenehm, keine Haare mehr auf der Brust zu haben. Die reißende Bewegung lag ihm eigentlich längst im Blut. Er riss und schrie. Kleinere Stellen waren sofort wieder aufgegangen.

Frederik war froh, dass er allein war und genoss, es alle erdenklichen Klagelaute von sich geben zu können. Ein wenig Desinfektionsspray. „Brennt nicht“, stand darauf. Wahrscheinlich meinte der Hersteller damit, dass es nicht leicht entflammbar sei.

Die Sprühflasche zischte bei jedem Druck auf den Pumpknopf. Mit etwas Verzögerung zischte auch Frederik und zwar durch die zusammengebissenen Zähne. Wenn seine Frau ihn jetzt so sähe, würde sie ihn eine Memme schelten und ihm noch Salz in die Wunde streuen. Diese Frau zu heiraten, war der letzte gut gemeinte Rat, den er von seiner Mutter angenommen hatte. Danach kamen die Ratschläge nämlich nur noch von seiner Frau.

Eigentlich hätte es ihm klar sein müssen, worauf er sich da einließ. Seine Mutter und Charlotte hatten nicht nur die gleiche Vorliebe für Doggen, nein, sie waren auch noch entfernt verwandt. Eigentlich war Charlotte eine Cousine zweiten Grades von ihm. Sollte sie doch mit ihren Tölen glücklich werden. Für ihn führte kein Weg zurück zu dieser Frau.

*

Geschafft. Frederik betrachtete die Wunde. Den Rest seines Lebens würde er eine hässliche, breite Narbe auf dem Oberarm tragen. Aber das beunruhigte ihn nicht weiter. In seiner derzeitigen Situation konnte der Rest seines Lebens ein ziemlich kurzes Abenteuer sein. Vorsichtig zog Frederik das Hemd über den frisch angelegten Verband. Wenn es zum Showdown mit Webermann kam, wäre er reichlich gehandicapt. Er überlegte, ob noch ausreichend Zeit bliebe, sich eine Waffe zu besorgen. Ein Blick auf die Uhr. Keine Zeit mehr. Webermann war um 12 Uhr im Euston Plaza mit Engelbrecht verabredet. Der würde Augen machen, wer ihn stattdessen dort erwartete.

Frederik nahm sich ein Taxi. Von seiner Absteige in der Nähe des Waterloo Bahnhofs kämpfte sich der Chauffeur durch das Gewimmel der Autos. Über den Trafalgar Square, vorbei an der Nationalgalerie und am British Museum. Normalerweise hätte Frederik den Sehenswürdigkeiten nicht viel Beachtung geschenkt. Aber heute war das anders. Er war nicht das erste Mal in London, aber vielleicht das letzte Mal. Deshalb drückte er seine Nase fast ungebührlich an den Seitenfenstern des Taxis platt. Der Fahrer begann mechanisch die Sehenswürdigkeiten am Rande der Strecke zu benennen und zu kommentieren. Wahrscheinlich hielt er seinen Fahrgast für einen Touristen, der das erste Mal London bereiste und hoffte auf ein erhöhtes Trinkgeld. Auf der Höhe des British Telecom Towers verstummte der Mann endlich. Frederik hatte seine Erklärungen bislang einfach ignoriert. Das war vielleicht unhöflich, aber effektvoll. Der Mann konnte schließlich nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass Frederik ausreichend Englisch sprach.

Trinkgeld gab Frederik aber trotzdem reichlich, als der Fahrer ihn vor dem Euston absetzte. Kurz nach zwölf. Die Lobby war elegant aber einfallslos. Frederik orientierte sich kurz an den farbigen Wegweisern und vermied jeden Blickkontakt mit dem Hotelpersonal. Keinesfalls wollte er angesprochen werden. Womöglich könnte ihn später jemand identifizieren, wenn man Webermanns Leiche entdeckt hatte. ‚The Terrace’ links. Frederik betrat einen mit Pflanzen vollgestopften Raum. Eher ein Gewölbe. Die Glasdecke schwebte von gusseisernen Säulen getragen luftige 12 Meter über den Köpfen der Gäste. Es war gar nicht so leicht, hier jemanden zu finden.

Große, an Palmen erinnernde Büsche versperrten die Sicht und bildeten eine Art Separee um jeden Tisch. Frederik ging an der Glasvitrine vorbei, hinter der der Küchenchef unaufdringlich die Köstlichkeiten des Tages feilbot. Es ließ sich nicht vermeiden, dass Frederik die Schüsselpastete mit Blätterteighaube entdeckte. Er hatte allerdings Wichtigeres zu tun, als sehnsuchtsvoll seiner Leibspeise nach zu starren.

Webermann saß weit hinten an einem der wenigen Fenster, die einen Blick nach draußen zuließen. Er war in die FAZ vertieft und vor ihm stand unbeachtet ein Glas Rotwein.

Unbemerkt hatte Frederik sich an seinen Tisch gesetzt. Was sollte er jetzt sagen? „Hallo, ich bin’s?“ Webermann las unbeirrt weiter. Erst wenn er die Seite umblätterte, würde er bemerken, dass noch jemand an seinem Tisch saß. Frederik nahm einen Schluck von dem Wein.

„Merlot?!“ stellte er fragend fest.

Die Zeitung raschelte, als Webermann sie heftig beiseite nahm. Er schaute Frederik mit offenem Mund an. Statt etwas zu sagen, schwirrte sein Blick plötzlich hektisch durch den Raum.

„Keine Sorge, ich bin allein“, bemerkte Frederik gelassen und stellte den Wein wieder ab.

„Ach ja?“ sagte Webermann und fuhr fort sich nervös umzusehen.

„Gilbert ist verhindert!“ behauptete Frederik beiläufig. Er überlegte und fügte dann noch hinzu. „Aber ich glaube, er lässt dir Grüße ausrichten.“

Webermann sah ihn skeptisch an. Er witterte irgendein Unheil, aber was genau er von dieser Situation zu halten hatte, schien er nicht zu wissen. Frederik winkte den Ober heran. Er genoss das immer noch verblüffte Gesicht Webermanns. Es war viel zu selten, dass Frederik das Gefühl hatte eine Situation wirklich unter Kontrolle zu haben. Sollte ihn der Ober ruhig wiedererkennen, wenn er mit Webermann fertig war, wäre ihm sowieso alles andere egal. Frederik bestellte einen Merlot.

„Wie hast du mich gefunden?“ fragte Webermann, der sich in diesem Moment zu fangen schien.

„Gilbert“, antwortete Frederik knapp. „Er konnte den Mund nicht halten. Aber keine Sorge. Jetzt hat er gelernt den Mund zu halten.“

Webermann überlegte mit 10.000 Gigaflops.

„Frederik, ich …“

Frederik winkte sofort jeden Erklärungsversuch ab. Er hatte nicht die weite Reise gemacht, um sich von Webermann einlullen zu lassen.

„Ich dachte, wir wären Partner!“ sagte er scharf.

„Aber das sind wir doch!“

„Ach ja? Und wieso versucht mich dann jemand umzubringen.“

„Ich kann das erklären.“ Webermann hob beinahe beschwörend die Arme. „Ich schwöre dir, das ist nicht meine Schuld.“

„Ach nein?!“ Frederiks Stimme war etwas zu laut und etwas zu hoch.

„Es sind die verdammten Palästinenser, glaub mir doch. Ich … ich selbst bin doch auf der Flucht.“

„Ach ja? Dann haben die wohl ihre Lieferung nicht erhalten, oder wie soll ich das verstehen? Ich habe jedenfalls Mangan und QL geliefert. In ausreichender Menge. Genau wie vereinbart. Und, hast du die Steuerelektronik geliefert?“

Webermann zögerte. „Noch nicht.“

„Noch nicht!“ Frederik schlug gedämpft auf den Tisch, der Merlot zog konzentrische Kreise um ein fiktives Epizentrum. „Was soll das heißen? Warum nicht?“

Webermann druckste herum.

„Warum nicht?“ fragte Frederik nochmals eindringlich.

„Da gaab es noch einen weiteren Kunden“, erklärte Webermann zögernd.

„Einen weiteren Kunden? Was soll das heißen? Habe ich die Chemikalien etwa umsonst geliefert?“
„Sagen wir mal so. Dieser Kunde möchte verhindern, dass die Hamas in den Besitz der Waffen kommt. Sie zahlen mehr als das doppelte, wenn wir die Steuereinheit nicht an die Palästinenser ausliefern.“

Frederik sah Webermann fassungslos an. Der lächelte, als wenn das jetzt alles erklären würde.

„Sag mal Frank, bist eigentlich bescheuert?“

Webermann stutzte.

„Die bringen uns um, du Idiot. Die haben bereits Weppert umgebracht. Was haben wir denn von dem Geld, wenn wir uns den Rest des Lebens verstecken müssen?“

Webermann schien darin wohl kein Problem zu sehen.

„Was heißt verstecken? Meinst du der Mossad lässt uns in Ruhe die Kohle verprassen? Was hast du denn geglaubt was hier läuft?“

Webermann schien sich über Frederiks Naivität ernstlich aufzuregen. „Meinst du der Mossad schaut seelenruhig zu, wie wir die Palästinenser mit Giftgasbomben ausrüsten, die ferngesteuert an jedem Ort der Welt gezündet werden können? Das war doch von vornherein klar! Und von wem würdest du lieber gejagt, von einem Haufen ärmlicher Terroristen oder dem besten Geheimdienst der Welt, hä? Überleg doch mal!“

Frederik fiel es wie Schuppen von den Augen.

„Das war von Anfang an dein Plan! Als ich die Chemikalien geliefert hatte, bist du zu den Israelis gerannt und hast Ihnen davon erzählt.“

Webermann lachte. „Ich habe Ihnen ein Angebot gemacht, dass sie nur schwerlich hätten ablehnen können.“

„Du bist ein Schwein. Du hast uns alle in ein offenes Messer laufen lassen!“

„Unsinn. Ich konnte nicht wissen, dass die Palästinenser so schnell reagieren. Der Plan ist perfekt. Wir kriegen die Kohle und werden vom Mossad beschützt. Und das allerbeste ist, dass wir uns nicht mal Vorwürfe machen müssen, weil die Bomben ja nie eingesetzt werden können. Wir haben nicht mal moralisch was verbrochen!“

Darüber musste Frederik erst mal nachdenken. Er nahm einen Schluck Merlot und überlegte.

„Hör zu!“ sagte Frank eindringlich. „Das ist mehr als genug Kohle für uns beide.“

„Und Gilbert?“

„Ich dachte, Gilbert ist aus dem Rennen.“

Das war er auch. Aber Frederik dachte daran, dass zuvor wohl er selbst aus dem Rennen gewesen war. Frank schien ihm nicht mehr vertrauenswürdig. Er war attraktiv, aber Frederik konnte ihm nicht mehr vertrauen. Es kam ihm aber der Gedanke, dass das Geschäft an sich ein guter Zug sein könnte. Ein Zug, den er vielleicht lieber selber machen sollte. Allein.

„Wann und wo ist die Übergabe?“

Webermann schaute ihn misstrauisch an. Etwas an Frederiks Ton schien ihm zu missfallen.

„Morgen früh in einem kleinen Dorf in Schottland“, antwortete er vage.

„Wo genau?“ wollte Frederik wissen.

„Sind wir Partner?“ fragte Frank immer noch skeptisch.

„Diesmal will ich genau wissen, worauf ich mich da einlasse.“

„Ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann!“ warf Webermann ein.

„Kann ich dir denn trauen?“

„Schon, aber ich verrate dir nicht, wo die Übergabe stattfindet. Das ist meine Lebensversicherung.“

Frederik überlegte kurz, dann schlug er vor: „Gut, dann gib mir die Steuereinheiten. Ich behalte die Steuereinheiten und du weißt, wo wir hinmüssen, um sie zu verkaufen.“

„Und wenn nicht?“

Frederik zuckte mit den Achseln. Er wusste nun genau, dass er Webermann nicht trauen konnte.

„Dann lasse ich dich jetzt sofort auffliegen. Ich habe nichts zu verlieren. Wusstest du übrigens, dass die Polizei dich sucht, weil sie einen toten Gilbert in deiner Wohnung gefunden haben?“

Das war Webermann eindeutig neu.

„Musste das sein?“

„Ich lasse mich nicht gerne verarschen“, sagte Frederik trocken.

„Schon gut, schon gut“, seufzte Frank. „Du kriegst die Zünder. Hätte nicht gedacht, dass du so weit gehen würdest.“

Frederik antwortete darauf nicht, er fand es besser, seine neu gewonnene Stärke einfach so im Raum schweben zu lassen.

Nachdem sie ausgetrunken und bezahlt hatten, gingen Frederik und Webermann nach oben auf das Zimmer, wo Frank ihm den Koffer mit den Zündern übergab.

*

Körperlich fühlte Salino sich eher gerädert. Mental aber war er ziemlich entspannt. Er hätte das Frühstück ganz sicher auch genießen können, wenn diese dusselige Corinna nicht ewig so ein vielsagendes Grinsen zur Schau getragen hätte. Abgesehen davon begnügte sich Corinna damit nicht, sondern machte fortwährend kaum falsch zu verstehende Andeutungen über die Wohltat nächtlicher Entspannung. Ja, ja, sie hatte so tief und fest geschlafen, wie schon lange nicht mehr. Und sie betonte das tief und fest mehrfach. Kicher, kicher, kicher.

Salino fand das wenig erheiternd. Corinna entwickelte sich gerade zum Alptraum seiner schlaflosen Nächte. Warum seine Tante so gut gelaunt war und sich um Corinnas Anspielungen nicht die Bohne kümmerte, wollte Salino lieber gar nicht genauer ergründen. Dafür warf Frau Weppert ihm einige missmutige Blicke zu. Offensichtlich stießen Corinnas nächtliche Freuden bei ihr auf wenig Verständnis.

Die einzige Person am Tisch, die sich verhielt wie immer, war Frau Winter. Sie sah Klasse aus und benahm sich unaufdringlich. Frau Wepperts Verwandtschaft schien durchweg angeschlagen und Schwager Hannes war noch nicht einmal aufgestanden.

„Alles ausgebucht“, sagte Monika, die noch vor dem Abräumen telefonieren gegangen war. „Das früheste Flugzeug, das zu kriegen war geht übermorgen Vormittag. Ich habe drei Plätze reserviert.“

Frau Weppert nickte, schien aber von der Aussicht nicht gerade begeistert zu sein. „Na gut, dann müssen wir wohl Geduld haben.“

„Soll ich mich nach einem Zug erkundigen? Geht vielleicht schneller, jetzt wo der Tunnel …“

Frau Weppert schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Ich werde mal rüber zu den von Boeders fahren und Frederiks Frau informieren. Salino!“ Frau Wepperts Stimme klang ungewohnt scharf. Offenbar hatte Salino sie unbewusst verärgert. „Du begleitest mich. Hier stellst du doch nur Unsinn an.“

Salino nickte nur. Es war sicherlich nicht klug, jetzt etwas Dummes zu sagen. Und außerdem war er froh, wenn er einiges an Entfernung zwischen sich und Corinna bringen konnte.

*

Auf der Fahrt schwieg Frau Weppert spröde. Von Boeders Haus fand Salino beeindruckend. Viel zu spät realisierte er, dass er sich auf dem Heimatterrain zweier überdimensionaler Doggen befand. Er erinnerte sich erst an Thor und Wotan, als die beiden unmittelbar hinter Frau von Boeder in der Tür erschienen. Frau von Boeder war unangenehm überrascht. Sie empfing wohl nicht gerne unangemeldeten Besuch. Trotzdem ließ sie die beiden eintreten. Im Salon musste Salino sich auf einen ihm zugewiesenen Stuhl setzen und Frau von Boeder ermahnte ihn, bloß nichts anzufassen. Als ob er das vorgehabt hätte! Wenigstens erfuhr Salino nun, worum es ging.

„Wir haben diesen Al Fasah ausfindig gemacht. Er befindet sich im Craigmonie Hotel in Inverness. Das ist in den schottischen Highlands.“

„Danke, ich weiß, wo Inverness liegt“, zickte Frau von Boeder sofort.

Frau Weppert war geknickt. Offenbar war diese Frau die Ausgeburt an Unhöflichkeit.

„Wie dem auch sei. Al Fasah hat sich dort einquartiert und befindet sich nach Aussagen seiner Sekretärin auf Geschäftsreise. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch Ihr Mann dort zu finden ist.“

Die Klingel an der Tür verhinderte, dass Frau von Boeder zu einer weiteren Unhöflichkeit ausholte.

„Was ist hier eigentlich los? Sind wir hier auf dem Rummelplatz?“ motzte Frau von Boeder wütend und ging zur Tür.

Hilfesuchend sah Frau Weppert zu Salino hinüber. Offenbar hatte sie ihm schon verziehen, was auch immer er getan haben mochte. Salino lächelte freundlich zurück und hob nur vielsagend, hilflos die Arme.

„Nein, vielen Dank verschwinden Sie …“ ließ Frau von Boeder von der Tür her laut vernehmen. Das schien zunächst nicht ungewöhnlich, sie hatte halt einen rüden Ton am Leib. Aber etwas anderes alarmierte Salino. Er stand auf und machte sich einem spontanen Impuls folgend auf den Weg zur Tür. Frau Weppert folgte ihm verunsichert. Was Salino so irritiert hatte, war das Knurren der Hunde. Die hatten noch nie irgendeinen Laut von sich gegeben. Salino war sicher, dass da etwas nicht in Ordnung sein musste. Und er hatte Recht.

Gerade als er den Flur zur Haustür betrat, sah er, wie drei Männer mit karierten Kopftüchern sich Zutritt verschafft hatten.

Der eine hatte Frau von Boeder am Hals gefasst und wurde in diesem Moment von einem der Hunde angegriffen. Ein zweiter wurde von dem anderen Hund attackiert und der dritte hatte gerade genug Zeit, eine Waffe zu ziehen.

Offensichtlich besaß Frau von Boeder einen Hund zu wenig. Aber da war ja noch Salino. Der arabisch aussehende Mann zielte auf den Kopf des Hundes, der seinen Kameraden in den Arm gebissen hatte. Salino warf sich ohne nachzudenken nach vorn. Er erwischte den Arm mit der Waffe und konnte ihn gerade noch einige Zentimeter wegdrücken, bevor der Kerl abdrückt.

Der Knall machte Salino fast taub. Der Hund jaulte auf. Offenbar war der doch getroffen. Von dem Schwung ging Salino zu Boden. Er hatte noch den Arm des Schützen im Griff. Gleich nach ihm stürzte Thor oder Wotan auf ihn. Das Vieh war mordsschwer. Selbst jetzt noch hoffte Salino, dass das Vieh bloß nicht sabberte. Salino blieb unter dem Gewicht der gestürzten Dogge die Luft weg. Er bekam panische Angst, dass das Vieh jetzt nach ihm schnappen würde, statt nach dem Bösen. Doch die Panik gab ihm die Kraft, die Hand des Gegners festzuhalten und den Lauf der Waffe dadurch auf den Boden zu richten. Er konnte jedoch nicht verhindern, dass der Araber noch zwei Mal abdrückte. Die Kugeln prallten vom Boden ab und pfiffen unkontrolliert durch die Luft. Dann kam Frau Weppert. Sie hatte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf den vorgebeugten Schützen geworfen. Der Mann konnte ihr nicht groß widerstehen und knickte ein. Sekunden später lag er platt gepresst auf dem Boden, die Hand eingeknickt unter seinem Körper, wenn er jetzt abdrückte, würde er sich höchstens selbst verletzen.

Der zweite Araber, der nun von dem am Boden liegenden Hund befreit war, zog ebenfalls eine Pistole. Salino hätte gern etwas unternommen, aber seine Hände waren unter dem ersten Schützen eingeklemmt. Doch der angeschossene Hund hatte sich wieder gefangen. Er regierte rasend schnell. Beim Absprung stieß er sich mit einer Pfote von Salinos Magen und mit der anderen von seinen Weichteilen ab. Salino machte ein unfreiwilliges Klappmesser. Erst als sein Kopf wieder zurückgeschnellt und dabei unsanft auf dem Boden aufgeschlagen war, sah er, dass der Hund die bewaffnete Hand des Arabers erwischt hatte. Irgendetwas knackte, als der Hund mit aller Gewalt zubiss. Offenbar war die Dogge echt wütend. Der Kerl ließ die Pistole fallen und schrie. Seine Hand verschwand fast vollständig im Maul des angreifenden Tieres. Und die Dogge schien keinesfalls zufrieden mit dem Ergebnis. Sie ließ unvermittelt los und schnappte stattdessen nach dem Oberschenkel.

„Schluss jetzt mit diesem Theater“, schrie Frau von Boeder. Es war das erste Mal, dass Salino in ihrer Stimme etwas wie Hektik entdeckte. Das Wort Angst kam ihm in den Sinn, aber es schien ihm besser, nur an Hektik zu denken. Der dritte Angreifer hatte Frau von Boeder losgelassen. Salino sah auch warum. Der Mann fürchtete um seinen Familienschmuck. Desgleichen der andere. Der Biss in den Oberschenkel war wohl nur eine Finte gewesen.

Frau Weppert griff geistesgegenwärtig nach der fallengelassenen Pistole und stand vorsichtig, ächzend auf. Sie hielt die Pistole auf den am Boden liegenden Mann gerichtet.

Der erhob sich langsam. Salino kam als Letzter auf die Beine. Irgendwie stank es ihm, dass es im Moment den Anschein hatte, als hätte er sich übertölpeln lassen. Er war der einzige, der niemanden in Schach hielt. Wütend griff er nach der Pistole. Als der Araber etwas zögerte, schlug Salino ihm ohne Vorwarnung ins Gesicht. Eigentlich war das nicht seine Art. Aber dann hätten sie ihn nicht so eine blöde Figur machen lassen sollen.

Die Hunde hatten wieder zu ihrer alten Gelassenheit zurückgefunden. Das hieß aber wohl nicht, dass ihr Biss auch nur eine Spur lockerer wurde. Die Gesichter der beiden Araber zeigten deutliche Spuren von Schmerzen und ihr Kamerad schien froh zu sein, dass es nur eine Frau mit einer Pistole war, die ihn in Schach hielt.
Frau von Boeder war blass. Das war sie eigentlich sowieso. Aber jetzt war sie irgendwie blasser als gewöhnlich.

„Also!“ sagte Frau von Boeder und schlug dem Kerl, der ihr an den Hals gegangen war, erst mal fünf oder sechs schnelle Ohrfeigen von rechts und links. So schnell konnte Salino ehrlich gesagt gar nicht zählen. Salino hob drohend die Waffe, aber keiner der beiden anderen hatte die mindeste Lust, sich da einzumischen.

„Was wollten Sie von meinem Mann?“

Ihre Verhörmethoden waren ausgesprochen erfolgreich. Der Geschlagene wollte unverzüglich antworten. Das hätte er auch sicher getan, wenn Frau von Boeder ihm zwischen zwei Ohrfeigen mal Zeit gelassen hätte. Im Hintergrund war inzwischen Verstärkung eingetroffen. Offenbar das Dienstmädchen von Frau von Boeder. Sie schaute sehr entschlossen über die doppelläufige Schrotflinte, die sie nur mit Mühe halten konnte. Hoffentlich war ihr klar, dass sie mit diesem Kaliber sie alle erwischte, so dicht, wie sie hier im Flur beieinander standen.

„Wir wollten gar nichts von ihrem Mann!“ behauptete der Araber und es klang bereits wie eine weinerlich vorgetragene Entschuldigung.

„Was?“ fragte Frau von Boeder und witterte sofort die Lüge.

„Das stimmt!“ rief der andere Araber, der wohl nicht mehr mit ansehen konnte, wie die Ohrfeigen nur so auf seinen Kameraden niederprasselten. Er befand sich ja auch in der deutlich günstigeren Position. Auf ihn waren nur zwei Pistolen und eine Schrotflinte gerichtet.

„Ach ja? Und warum wollten Sie dann von mir wissen, wo sich mein Mann aufhält?“ Diese Frage schien Salino durchaus berechtigt. Dieser brutalen Logik könnten sich wohl auch die Araber nur mit Mühe entziehen.

„Weil …“, der Araber, der sich fest im Griff des Hundes befand, zögerte. „Wir suchen einen Geschäftsfreund, Yuissep al Fasah, und wir glauben, dass ihr Mann weiß, wo er sich aufhält.“

„Und warum sollte er das wohl wissen?“ fragte Frau von Boeder interessiert.

„Weil er letzten Mittwoch einen Termin mit Ihrem Mann hatte. Und seitdem ist Yuissep verschwunden.“

Diese Erklärung war jetzt aber überaus einleuchtend, fand Salino. Das sollte ausreichen, um Frau von Boeder ein wenig milder zu stimmen.

„Ist das ein Grund in mein Haus einzudringen? Noch dazu bewaffnet! Und auf meine Hunde zu schießen?!“ Da war wieder dieser Anflug von Aufgeregtheit in ihrer Stimme. Allerdings mit einem leicht veränderten Tremolo.

„Sie wollten uns ja unsere höflich gestellten Fragen nicht beantworten. Sie wollten, dass wir verschwinden, bevor wir auch nur …“

Damit hatten sie sicherlich Recht. Frau von Boeder hatte im Umgang mit Gästen durchaus ihre Eigenarten. Aber es war gar nicht klug, das so zu sagen. Das merkte der vorlaute Araber recht schnell. Frau von Boeder hatte zwar recht feingliedrige Finger, ungewöhnlich feingliedrig geradezu, und ihr Punch war sicherlich nicht der härteste auf dieser Welt, aber eine blutige Nase war allemal das Ergebnis.

„Sollten wir nicht die Polizei rufen?“ fragte Salino vorsichtig. Er hatte das Gefühl, dass Frau von Boeder jederzeit eine Dummheit begehen könnte.

„Auf keinen Fall! Erstens hasse ich schlecht rasierte, nach Zigarren stinkende Männer in billigen Anzügen in meinem Haus und zum Zweiten behalte ich mir das Recht einer Bestrafung grundsätzlich selber vor“, sagte sie energisch. Es war sicherlich besser, wenn man ihr jetzt nicht widersprach. „Schließlich ist das hier mein Grund und Boden. Mathilda!“

Mathilda nahm das Gewehr herunter und verschwand im Inneren des Hauses.

„Raus jetzt!“ kommandierte Frau von Boeder. Die Hunde ließen ihre Opfer synchron los. Salino war erleichtert. Er hatte dieser Frau durchaus zugetraut, dass sie die drei umbrachte.

„Nach rechts!“

Die Araber waren eigentlich schon auf dem Weg zu ihrem Wagen. Frau von Boeder pfiff sie zurück. „Nach rechts! Da an die Bank! Ich will nicht, dass ihr meinen schönen Fußboden vollblutet.“

Die drei Araber standen unschlüssig vor der steinernen Bank am Rand des Petunien-Beetes. Die Hunde sprungbereit zu ihren Seiten. Offensichtlich konnten sie nicht fassen, wo sie da rein geraten waren. Salino beruhigte sich erst mal damit, dass wirklich harmlose Geschäftsleute gewöhnlich keine Pistolen trugen. Aber was hier vorging, konnte er weiß Gott nicht gut heißen.

„Wo kommt ihr her?“ fragte Frau von Boeder mit fast freundlicher Stimme.

„Jordanien“, sagte der, der bislang am wenigsten gelitten hatte zuversichtlich.

„Na, dann wisst ihr ja was euch als Strafe erwartet! Die Hemden ausziehen!“ Die drei schauten sich verwirrt an, taten dann aber lieber, was ihnen gesagt wurde. „Salino!“

Salino schreckte mechanisch zusammen. Was hatte er mit alledem zu tun.

„Bind ihnen die Hemden als Augenbinden um!“ Sie nahm Salino die Pistole ab und Salino gab sich alle Mühe, den Arabern die Hemden so um den Kopf zu binden, dass sie nichts mehr sahen. Dann trat Frau von Boeder an den ersten heran. Sie hielt ihm die Waffe an den Kopf und befahl ihm, sich über die Bank vorzubeugen. Auch die anderen beiden sollten sich über die Bank beugen.

Eine Exekution?! Das ging nun wirklich zu weit. Salino wollte etwas sagen. Auch Frau Weppert schaute sich verunsichert um.

Salino lag es auf der Zunge: „Halt das geht nicht. Lassen Sie das!“ Aber er brachte kein Wort heraus. Frau von Boeder trat einen Schritt zurück.

„Für das Eindringen in mein Haus und die Beleidigung, die ihr mir zugefügt habt. Dreißig Stockhiebe.“ Sie ließ sich von Mathilda, die unbemerkt wieder aufgetaucht war, einen dünnen Bambusstock geben.

Erst war Salino erleichtert, als der Stock auf den Rücken des ersten Arabers klatschte. Doch seine Erleichterung ließ nach, als der das Ergebnis von dreißig Hieben sah. Der Haut am Rücken war an etlichen Stellen aufgeplatzt und was morgen nicht grün und blau sein würde, wäre sicherlich in zehn Tagen noch nicht richtig verheilt.

„Vierzig dafür, dass du mich angefasst hast.“

Dann war der zweite dran. Salino wendete seinen Blick ab. Frau Weppert schien mit dem Hinsehen weniger Probleme zu haben. Einen Moment lang dachte Salino sogar, dass er einen Schimmer von Faszination in ihren Augen gesehen hatte. Aber selbst wenn das stimmte, wollte er das nicht gesehen haben.

Fünfzig Stockhiebe erwarteten den, der bislang am besten weggekommen war. Den Hund zu verletzen war ein sehr, sehr ernster Fehler gewesen. Wie ernst merkte Salino, der nicht hingesehen hatte, erst, als die beiden Männer ihren Kameraden zum Auto schleppten. Flüchtig sah Salino den Blut überströmten Rücken und sah sofort wieder weg. Das musste doch wohl nicht sein! Es zappelte schon wieder in seinem Gaumen. Er wollte etwas sagen, traute sich aber nicht. Frau von Boeder war eine echte Psychopatin.

„Und Lasst euch hier nie wieder sehen!“ rief Frau von Boeder den Männern nach. Aber das war wohl überflüssig. „Jetzt brauche ich einen Schnaps!“

Salino folgte den Frauen ins Wohnzimmer, wo Mathilda einige Schnäpse eingoss. Eigentlich mochte Salino keinen Gin, aber niemand hatte ihn gefragt und er wäre auch nicht in der Lage gewesen, eine Meinung zu äußern. Er hatte sich wieder stumm auf seinen Platz gesetzt und starrte gedankenverloren vor sich hin.

„Bitte kümmern Sie sich um die Hunde, Mathilda!“

Salino sah auf. Die beiden Doggen standen nur wenige Meter von ihm entfernt. Der Schuss war an dem Kopf des Hundes vorbeigegangen, jedenfalls fast. Es hatte sein Ohr erwischt. Wenn sie hochstanden konnte man ein fast kreisrundes Loch sehen, durch das Licht fiel. Es sah ziemlich eigenwillig aus und machte diese Kreatur noch eine Spur unheimlicher. Bluten tat es nicht besonders. Eigentlich wirkte der Hund topfit.

Die Doggen trotteten hinter Mathilda her. Dann geschah etwas Eigenwilliges. Bevor Thor, Salino wusste plötzlich, dass es Thor sein musste, den Raum verließ, sah er sich nochmal um und schaute Salino tief in die Augen. Sein Blick sagte: „Das vergesse ich dir nicht!“ Dann zischte der Kopf wieder nach vorn und Thor trottete aus dem Zimmer.
„Ich werde Ihnen das nicht vergessen“, sagte Frau von Boeder und Salino merkte erst gar nicht, dass er gemeint war, „dass sie Wotan gerettet haben.“

Wotan also, dachte Salino müde. Nun, von jetzt an könnte er die Hunde wenigstens auseinanderhalten. Wotan gleich Loch im Ohr. Salino grinste zufrieden vor sich hin und merkte gar nicht, wie er ohnmächtig vom Sessel rutschte.

*

Das muss der Gin gewesen sein, dachte Salino, als er die Augen wieder aufschlug. Er wusste nicht, wie lange er eingeschlafen war, aber es konnten wirklich nur Sekunden gewesen sein. Fast hätte er hysterisch aufgeschrien. Über ihm war riesig groß das Gesicht von Frau Boeder, die ihm ein paar Ohrfeigen verpasste. Das musste ein Alptraum sein. Aber das war es nicht. Und die Ohrfeigen taten überhaupt nicht weh, sie sollten ihn nur wieder zu Bewusstsein bringen. Sicher bekam er ein oder zwei mehr als nötig gewesen wären. Aber das lag wohl in Frau von Boeders Natur.

„Was ist?“ stammelte er und Frau von Boeder stellte ihre Wiederbelebungsversuche prompt ein.

„Weicheier“, hörte er sie noch zischen, dann tauchte Frau Weppert mit einem Glas Wasser in seinem Gesichtsfeld auf.

„Ich muss eingeschlafen sein!“ sagte Salino und rappelte sich wieder auf. Frau von Boeder gab einen spitzen zynischen Lacher von sich.

„Setz dich wieder. Ist nicht schlimm“, tröstete sie ihn mütterlich. Dafür war er dankbar, aber es machte ihn natürlich erst recht zu einem Weichei.

„Also!“ setzte Frau von Boeder an. „Unter den gegebenen Umständen bin ich der Meinung, dass wir zusammen nach Schottland fliegen sollten. Ich möchte keinesfalls, dass noch mehr von diesen unrasierten Schmutzfinken in meinem Haus auftauchen. Diese Sache muss endgültig geklärt werden.“

„Das ist sicherlich richtig“, stimmte Frau Weppert zu. Aber ihr schien es nicht wirklich recht zu sein, dass Frau von Boeder sie auf ihrer Reise nach Schottland begleitete. „Doch vielleicht ist es angebracht, dass wir unsere Kräfte verteilen. Wir wissen ja nicht genau, ob sich ihr Mann in Schottland aufhält.“

„Selbst wenn nicht“, sagte Frau von Boeder. „Dann bleibt immer noch dieser al Fasah und mit dem würde ich mich auch gerne ein paar Takte unterhalten.“

Wie dieses Gespräch aussah, konnte Salino sich nur allzu gut vorstellen.

„Es ist allerdings schwer, einen Flug zu bekommen. Wir haben mit Mühe drei Plätze gekriegt und das erst übermorgen.“

„Das kommt sowieso nicht in Frage“, lehnte Frau von Boeder kategorisch ab. „Die Engländer und ihre panische Angst vor Tollwut. Die lassen meine Hund da mit einem normalen Flug gar nicht rein!“

„Ihre Hunde?“ fragte Frau Weppert erstaunt. „Sie wollen Ihre Hunde mitnehmen?“

„Selbstverständlich! Glauben Sie etwa, ich fahre ohne meine Hunde?“

Das hätte Salino ihr auch sagen können. Natürlich fuhr Frau von Boeder nirgends ohne ihre Hunde hin. Soviel hatte er inzwischen begriffen.

„Ja, dann weiß ich nicht …“

„Mein Mann hat ein eigenes Flugzeug. Ich weiß nur nicht, ob wir so schnell einen Piloten finden!“ erklärte Frau von Boeder schroff.

„Nun vielleicht ist er selbst mit der Maschine unterwegs“, warf Marianne Weppert ein.

„Das hätte er mir gesagt!“ behauptete Frau von Boeder. Sie sah den Blick von Frau Weppert und es wurde ihr schlagartig klar, dass ihr Mann ihr in letzter Zeit wohl nicht alles gesagt hatte. Wutschnaubend ging sie zum Telefon. Sie sprach mit jemandem am Flughafen.

„Die Maschine ist da“, sagte sie triumphierend. „Aber einen Piloten kriegen wir erst morgen Nachmittag.“

Frau Weppert schien plötzlich Gefallen an der Idee zu finden.

„Einen Piloten hätte ich vielleicht. Wenn Sie die Maschine startklar machen lassen, komme ich in einer Stunde mit dem Piloten dorthin.“

Zufrieden nickte Frau von Boeder.

„Gemacht“, sagte sie unerwartet lässig.

Salino beschlich das ungute Gefühl, dass sich dort gerade zwei Frauen miteinander anfreundeten, die das seiner Meinung nach besser nicht tun sollten.

„Du bleibst hier und fährst mit Frau von Boeder zum Flughafen! Das geht doch, oder?“

Frau von Boeder nickte. Salino schüttelte den Kopf.

„Doch, das muss sein. Du bist viel zu geschwächt. Du bleibst jetzt hier und ruhst dich ein wenig aus und dann treffen wir uns alle am Flughafen.“

Salino schüttelte wieder den Kopf. Er wollte nicht, dass Frau von Boeder mitbekam, dass er keinesfalls hier mit ihr, den Hunden und diesem wahrscheinlich stummen Dienstmädchen allein bleiben wollte. Ein Blick aus den Augenwinkeln zu Frau Boeder sagte ihm, dass sie sein Kopfschütteln sehr wohl bemerkt hatte.

„Keine Widerrede“, sagte Frau Weppert und hatte plötzlich einen ziemlich ähnlichen Ton am Leib wie Frau von Boeder. „Das wird jetzt gemacht und Schluss!“

Frau Weppert nickte noch einmal Frau von Boeder zu und verließ das Wohnzimmer. Salino war starr. Am liebsten wäre er ihr einfach nachgelaufen. Aber er war kein Kind mehr und was sollte ihm bei der bösen, bösen Tante von Boeder schon passieren? Sie würde ihn schon nicht fressen, oder?

*

„Sie hatten recht Chef“, trompete Haider lautstark in Bruhns Büro. Der Kommissar sah genervt von der Akte vor sich auf. So sehr er sich auch freute, dass Haider ihm Recht gab, so sehr ärgerte er sich, dass Haider ihn beim Denken unterbrach.

Na ja, man musste für den jungen Kollegen Verständnis haben, dachte Bruhns und klappte den Deckel zu. Wie sollte Haider erkennen, dass er Bruhns gerade nachdachte. Dazu hätte Haider den tieferen Sinn des Wortes Denken begreifen müssen. Bruhns lächelte also freundlich.

„Womit hatte ich recht?“ fragte Bruhns seinen ihm anvertrauten Tunichtgut.

„Er hat die Kreditkarte benutzt!“ rief Haider erregt.

„Wer?“

„Nach wem suchen wir denn die ganze Zeit? Na, dieser von Boeder!“ erklärte Haider neunmalschlau.

Bruhns hätte Haider eine ganze Liste von Personen geben können, nach denen sie derzeit händeringend suchten. Und ganz vorne an stand ein gewisser Webermann. Es wäre ihm wirklich lieber gewesen, wenn der seine Kreditkarte mal benutzt hätte.

„Und?“ fragte Bruhns in einem pädagogisch aufmunternden Tonfall.

„Nun raten Sie mal, wo der ein Hotelzimmer bezahlt hat?“

Bruhns griff zu der Pillendose mit den Maaloxan, dann erst schrie er innerlich: Das war hier doch kein Quiz.

„Ich gebe Ihnen einen Tipp Chef!“ machte Haider fröhlich weiter. Die Grimassen seinen Chefs ignorierte er oder er sah sie gar nicht. „Kondome!“

„Paris?!“ fragte Bruhns erstaunt.

„Falsch, Chef!“ Haider lachte wiehernd auf. Was war daran so komisch? „Einen Versuch haben sie noch.“

Aber nicht mit mir, dachte Bruhns. Er stand seelenruhig auf. Er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite.

„Denken Sie doch mal nach, Chef! Konndooomé!“

Bruhns hatte bereits nachgedacht, er machte noch den letzten Schritt auf Haider zu und … riss dem überraschten Untergebenen die Mappe aus der Hand. „Her damit und Schluss mit den Spielchen!“

Haider schaute seinen Chef verwirrt an. Kein Wunder, dass der Mann Probleme mit dem Magen hatte. Der Mensch hatte einfach keinen Humor.

„London!“ staunte Bruhns.

„Ja genau. London, gefühlsecht, verstehen Sie Chef?“ Haider kicherte sofort wieder frohgemut drauf los. „Verstehen Sie Che…“

Bruhns hatte drohend den Zeigefinger gehoben und sein Magen bebte vulkangleich. Er musste sich jetzt entscheiden. Haider auf die Schnauze hauen. Losschreien, bis man ihn in eine Zwangsjacke steckte oder einfach nur heulen. Nach Heulen war ihm eigentlich am meisten zumute.

Auch wenn Haider nie viel mitbekam, aber dieser Zeigefinger, den Bruhns da drohend hochhielt und sein knallroter Kopf ließen ihn auf wundersame Weise verstummen. Bruhns beruhigte sich. Er klappte den Deckel auf und las. Das Zimmer war für zwei Nächte gebucht. Also bis morgen früh. Wenn sie am Abend den Flieger nahmen, würden sie von Boeder vielleicht noch zu fassen kriegen.

Glücklicherweise war die Behörde geizig, nein sparsam. Wenn er einen Eilantrag stellte, bekäme er sicher nur einen Flug, dann könnte er mindestens 24 Stunden ohne Haider agieren. Bruhns lebte auf. Allein diese Tatsache konnte ausschlaggebend sein. Womöglich wäre der Fall dann gelöst. Genau. Eigentlich kam er in diesem Fall ja nur nicht weiter, weil Haider ihn keine zehn Minuten zum Nachdenken ließ.

Bruhns klappte hochmotiviert den Deckel zu.

„Auf nach London!“ rief er gut gelaunt und machte sich sogleich auf den Weg, um einen Reiseantrag bei seinem Vorgesetzten einzureichen.

*

Dr. Bloom war ein verständiger Mann. Bruhns hatte ihm die Lage geschildert und Bloom reagierte sofort. Eine Reisegenehmigung ins Ausland kam hier in Höxter nicht häufig vor. Umso wichtiger war es ihm, seinen besten Mann zu unterstützen. Seine Abteilung würde von nun an international operieren, wie Dr. Bloom sich ausdrückte. Mit so viel Enthusiasmus hatte Bruhns gar nicht gerechnet. Egal, Hauptsache er kam hier für einige Zeit raus.

„Ergebnisse! Aber ich erwarte Ergebnisse!“ betonte Dr. Bloom und griff zum Hörer. Hoffentlich überschätzte Bloom nicht die Möglichkeiten, da jetzt international zu operieren, dachte Bruhns. Aber er wollte den Mann keinesfalls verunsichern. Schlimmstenfalls gäbe es hinterher eine Rüge.

„Ja genau! Sie haben richtig verstanden. Zwei Flugtickets nach London, sofort. … Was heißt, wenn noch Flüge frei sind. Notfalls alarmieren sie die Flugbereitschaft, der Luftwaffe! … Wie bitte? Sie behindern eine internationale Polizeioperation! … Was heißt hier, woher ich anrufe? Aus Höxter, natürlich! … Was gibt es denn da zu lachen! Geben Sie mir doch bitte mal ihre Dienstnummer, ja!“

Bruhns wurde bei dem Gespräch etwas mulmig, aber Bloom nickte ihm aufmunternd zu. Er hielt die Sprechmuschel zu und flüsterte: „Das wollen wir doch erst mal sehen.“ Dann verlangte er den nächsten Vorgesetzten. Das Gespräch dauerte noch einige Zeit und Dr. Bloom lehnte sich für Bruhns Geschmack tödlich weit aus dem Fenster. Im übertragenen Sinne natürlich.

„Geschafft“, sagte Dr. Bloom erleichtert. „Zwei Flüge nach London, heute Abend. Genehmigt.“

„Zwei Flüge“, fragte Bruhns vorsichtig.

„Natürlich! Denken Sie, ich lasse Sie alleine fliegen? Nehmen Sie Haider mit, zur Unterstützung. Der soll ruhig mal ein bisschen internationale Fahndungsluft schnuppern. Das tut dem jungen Kollegen gut.“

Bruhns war sprachlos. Nicht vor Dankbarkeit, wie Dr. Bloom hoffentlich vermutete. Er bedankte sich tonlos.

„Ach und noch etwas“, hielt Dr. Bloom ihn zurück. „Dieser Schlottau vom BND ist ebenfalls in England. Er verfolgt in der gleichen Angelegenheit eine Spur in Schottland.“

Schottland ist nicht England, dachte Bruhns und überlegte, was sein Chef ihm damit sagen wollte.

„Ich hoffe“, fuhr Bloom nach einer kurzen Pause fort, „dass wir diesen Provinzlern aus Pullach diesmal einen guten Schritt voraus sind und Ihre Informationen besser sind als deren.“

Das hoffte Bruhns auch, sonst war es mit seiner Karriere Essig. Er machte sich auf die Suche nach Haider. Einen Moment dachte er sogar daran, Haider die Geschichte einfach zu verschweigen. Aber dann kam ihm in den Sinn, dass es genug Ärger geben würde, wenn er mit leeren Händen zurückkäme. Da wäre es schon ganz praktische, eine zweite Schulter zu haben, der man die Last der Verantwortung mit aufbürden konnte.

Kapitel 7

Salino hatte die ganze Zeit über steif auf dem Sessel gesessen. Von wirklicher Entspannung konnte da wohl kaum die Rede sein. Frau von Boeder hatte unterdessen ihre Reisevorbereitungen getroffen. Mathilda trug zwei kleine Taschen zum Wagen.

„Du solltest dich wenigstens noch rasieren“, sagte Frau von Boeder, die sich anscheinend langweilte. „Das sieht verboten aus. Komm mit, Rasierzeug liegt oben.“

Normalerweise hätte Salino darauf hingewiesen, dass das ja wohl seine Sache wäre, ob und wann er sich rasierte. Aber entweder war er zu müde für eine Auseinandersetzung oder er traute sich einfach nicht. Jedenfalls stand er wortlos auf und folgte Frau von Boeder die Treppe hinauf. Der obere Flur war karminrot gestrichen, an den Wänden hingen gemalte Portraits von Doggen, wahrscheinlich die Vorfahren von Wotan und Thor. Für Salino sahen die Viecher alle gleich aus. Zumindest bei der schwachen Beleuchtung durch die nachgemachten, elektrischen Kerzen. Bestimmt waren die gedimmt.

Frau von Boeder öffnete eine Tür. Dahinter befand sich das Badezimmer. Schwarzer Marmor auf dem Fußboden, die Wände im oberen Teil über den Kacheln waren ebenfalls Karminrot, die gleichen Pseudokerzen und die Wandkacheln in einem matten Grauton. Das Bad wirkte kaum weniger düster als der Flur. Die Armaturen der Badewanne und der Waschbecken waren vergoldet. Das wirkte reichlich kitschig. Frau Boeder zeigte auf ein kleines Spiegelschränkchen, ebenfalls reich mit goldenem Kunststoff verziert und öffnete es.

„Hier ist das Rasierzeug“, sagte sie, dann drückte sie einen kleinen Schalter. „Und hier ist mehr Licht.“

Salino öffnete mühsam den Mund und presste ein „Danke“ hervor.

„Ach und noch etwas. Wenn aufs Klo gehst, hinsetzen! Wie du mit dem BD umgehst weißt du ja?!“

Salino nickte zuversichtlich.

„Und keine Haare in den Waschbecken. Und auch nicht im BD, klar.“

Da Salino nicht reagierte, schaute sie ihn noch einmal eindringlich an und entschied, dass er das wohl verstanden hatte. Als er endlich allein war, überlegte Salino, ob er die Tür lieber abschließen sollte. Aber die Tür war nicht verschließbar. Kein Schlüssel, kein Riegel. Irgendwie hatte er das erwartet. Damit schied jeder Gang zur Toilette in diesem Haus für ihn aus. Außer der Möglichkeit, dass Frau von Boeder jederzeit hereinkommen konnte, wenn er gerade vor der Kloschüssel stand, waren da auch noch die Hunde. Und Salino war sich sicher, dass die Viecher jede Tür im Haus öffnen konnten. Sitzen kam schon deshalb überhaupt nicht in Frage.

Als Salino mit dem Rasieren war fertig und peinlich darauf geachtet hatte, dass keine Haare im Waschbecken liegen geblieben waren, machte er sich auf den Weg hinunter. Er überlegte, ob er aus reiner Neugier eine der Türen, die von dem düsteren Flur abgingen öffnen sollte. Seine Neugier war wirklich stark, aber die Ahnung, dass er das, was er hinter einer der Türen fände, ihm gar nicht gefallen würde, hielt ihn dann doch ab.

Frau von Boeder erwartete ihn schon am Fuß der Treppe.

„Komm her“, sagte sie mit dem typischen Tonfall eines Feldwebels. Dann strich sie mit ihrer Hand, die genauso kalt war wie ihre dunkelbraunen Augen, über seine Wange.

„Sehr schön.“

Vielleicht bekam er jetzt einen Frolic-Snack? Oder sie würde ihm anerkennend auf die Rippen klopfen. Nein, sie beließ es dabei. Ein einfaches Lob.

Keine Ahnung, was Wotan und Thor ihm voraushatten. Wahrscheinlich sabberte er nicht genug. Dabei wäre er dazu durchaus in der Lage gewesen. Ein wenig Spucke aus seinen Mundwinkeln laufen zu lassen, war keine echte Herausforderung für ihn. Salino musste bei dem Gedanken lächeln. Frau von Boeder verstand das wohl als ein Zeichen der Zufriedenheit und Dank für ihre positive Verstärkung. Bestimmt lächelten die Hunde auch, wenn sie gelobt wurden.

„Es wird Zeit.“

Natürlich fuhr Frau von Boeder einen Kombi. Einen ziemlich großen S-Klasse Benz. Womöglich eine Spezialanfertigung. Salino hatte in dieser Größenordnung noch nie einen Kombi gesehen. Rücksitze gab es in dem Wagen nicht. Stattdessen ging die Ladefläche bis kurz hinter die Vordersitze. Eine Ladefläche war das eigentlich auch nicht. Eher eine gut gepolsterte Liegewiese für Hunde. Thor und Wotan lagen brav nebeneinander. Die Ladefläche war durch eine Wand abgetrennt, die oben an der Decke mit einer Art Fangnetz abschloss. Salino lugte neugierig hinüber zu den Hunden. An der Trennwand entdeckte er zwei eingravierte Schriftzüge. „Jumbo-Airbag.“ Die Hunde hatten eigene Airbags? Salino drehte sich zufrieden um und schnallte sich an. Wenigstens würden ihm die tonnenschweren Viecher bei einem Auffahrunfall nicht ins Genick klatschen.

*

Frau Weppert und Monika warteten am Flughafen bereits auf sie. Monika schmiegte sich beim Anblick der Hunde plötzlich dicht an Salino. Offenbar suchte sie Schutz. Das war das erste Mal, dass die Doggen Salino etwas wie Wohlwollen abringen konnten. Vor allem jetzt, wo er das Gefühl hatte, dass Wotan ihm etwas schuldete.

„Der Pilot kommt gleich. Aber wir können schon mal in die Maschine“, erklärte Frau Weppert.

Es war ein kleiner Flughafen. Nur wenige Flugzeuge standen herum und sie mussten selbst über das Rollfeld gehen, um zu ihrer Maschine zu gelangen.

Erst jetzt wurde Salino klar, dass sie gleich fliegen würden. Daran hatte er bislang noch gar keinen Gedanken verschwendet. Er hatte zwar keine explizite Flugangst. Das konnte aber durchaus daher rühren, dass er noch nie geflogen war. Wenigstens war das Flugzeug nicht ganz so klein, wie die anderen, die auf dem Rollfeld herumstanden. Eine Piper Cheyenne III mit elf Sitzen. Gerade genug für vier Personen und zwei Hunde, wenn man ihn fragte.

Im Inneren des Flugzeugs ging es nicht gerade geräumig zu, aber ein kleines chemisches Klo befand sich im Heck. Das war eine Tatsache, die Salino im Moment durchaus zu würdigen wusste.

„Salino!“ Frau Weppert zeigte auf das Cockpit. „Wir haben keinen Co-Piloten. Vielleicht setzt du dich nach vorne, falls etwas ist.“

Falls etwas ist? Was sollte Salino dann tun? Bescheid sagen, wann sie aufschlugen?

„Äh, ich habe überhaupt keine Ahnung vom Fliegen!“

„Nein, ich meine, wenn der Pilot etwas haben will. Zu essen oder zu trinken. Außerdem kannst du ihn etwas unterhalten.“ Der Pilot sollte fliegen und nicht plaudern. Frau von Boeder schien dieser Idee aber zuzustimmen. Gut, dann musste er wenigstens nicht hinten bei den Hunden sitzen. Salino ging nach vorn zum Cockpit.

Verwirrend viele Instrumente und Anzeigen. Schalter und Knöpfe. Es kostete einige Mühe, sich auf den Sitz zu zwängen, ohne etwas zu berühren. Aber als er erst mal saß, fand es faszinierend. Von hier hatte man eine gute Sicht und wenn es so war wie beim Autofahren, wo einem nur hinten schlecht wurde, dann war er hier bestens aufgehoben. Salino starrte auf die Instrumente und versuchte ihre Bedeutung zu ergründen. Er merkte kaum, dass noch jemand an Bord gekommen war. Wahrscheinlich der Pilot. Jemand zwängte sich ächzend auf den anderen Pilotensitz. Das war doch reichlich eng hier.

Nein, es war nicht der Pilot. Es war Tante Franziska.

„Fliegst du auch mit?“ fragte er gutgelaunt.

„Ja“, sagte seine Tante und schnallte sich umständlich an. Na, dann war es wohl Zeit, dass er sich nach hinten verzog. Schade, inzwischen hatte er sich darauf gefreut, hier vorne zu sitzen. Aber seine Tante hatte ja immer gern den besten Platz.

„Also sollst du jetzt vorne sitzen?“ fragte Salino.

Seine Tante sah ihn an, als ob er verblödet wäre. „Natürlich.“

Salino seufzte und wollte sich losschnallen.

„Sag mal, hältst du das für schlau, an den Knöpfen herumzuspielen?“ fragte Salino. „Nachher verstellst du etwas?“ Klar, dass man seine Tante nicht bevormundete, aber Salino fand es gefährlich, hier im Cockpit irgendetwas zu verstellen.

Seine Tante sah ihn an und grinste breit. „Wenn ich das nicht tue, hebt der Vogel wohl kaum ab.“

„Aber …“, Salino wollte noch etwas Vernünftiges einwenden, aber dann wurde ihm schlagartig klar, wer hier der Pilot war.

„Du kannst fliegen?“ fragte er stattdessen erstaunt.

„Traust du mir das nicht zu?“

„Doch, doch.“ Das zweite ‚doch’ ging in dem Lärm der anspringenden Turboprop-Motoren unter. Bis eben war er nicht sicher gewesen, ob das Fliegen ihm Angst machte oder nicht. Jetzt zog er den Gurt so fest, dass ihm fast die Luft wegblieb. Seine Tante fummelte ungerührt weiter an den Instrumenten herum. Salino musste zugeben, dass das auf Dauer irgendwie sinnvoll aussah. Jetzt bewegte sich auch noch wie von Geisterhand die Lenksäule vor ihm.

„Fass das bloß nicht an!“ rief Franziska ihm zu. Dann hielt sie ihm einen Kopfhörer hin und zeigte ihm, wie er den internen Sprechfunk benutzte. Salino brauchte einige Zeit, bis er das Kehlkopfmikrophon richtig angelegt hatte. Inzwischen hatte Tante Franziska sich die Startfreigabe geholt. Salino atmete tief durch. In seinem Magen ruckelte ein schwerer Backstein. Aber nein, Moment, das war das Flugzeug. Es bewegte sich. Salino bildete sich ein, dass er sein Herz in dem Sprechfunk schneller schlagen hörte. Mit einer Hand griff seine Tante an seinen Kopfhörer und schaltete den internen Funk ab. Sein Herz setzte aus.

Gut, bis jetzt war alles wie beim Autofahren. Nur lauter. Franziska bog ohne zu blinken auf die Startbahn ein. Die breite, asphaltierte Straße sah von hier aus fast unendlich aus. Salino beruhigte sich fürs erste. Dann trat Franziska aufs Gas. Salino entdeckte etwas, was gut der Tacho sein konnte. Er zeigte nach ziemlich kurzer Zeit 280 an. Ein Blick auf die Straße vor ihm offenbarte das Unglück. Dahinten war die Straße zu Ende und Franziska dachte gar nicht daran zu bremsen. Sie beschleunigte noch mehr. Zu spät, viel zu spät zum Bremsen. Sie glitten über das Ende der Straße hinweg. Nein, die Straße war verschwunden. Sie mussten bereits auf dem Acker sein. Salino trat automatisch dorthin, wo er das Bremspedal vermutete. Das Flugzeug schmierte nach rechts ab. Franziska schrie: „Nimm den Fuß vom Pedal!“ Salino gehorchte erschreckt. Und die Maschine fing sich rasch wieder.

„Lass die Füße bloß von dem Seitenruder weg, klar?“

Nichts lieber als das. Salino zog die Füße ganz an seinen Sitz heran und seine Hände verkrampften sich an seinem Sitz. Sie flogen. Es war nichts als Himmel zu sehen. Vorsichtig drehte Salino den Kopf und wagte einen Blick aus dem Seitenfenster. Tatsächlich. Gerade durchbrachen sie ein Wolkenband und der Flughafen verwand im Nebel unter ihnen. Die Zeiger der Instrumente bewegten sich scheinbar geordnet in eine bestimmte Richtung, das war beruhigend. Noch beruhigender wirkte die Gelassenheit, die Franziska ausstrahlte. Offenbar hatte sie alles im Griff.

Aus dem Fenster konnte man nur Wolken sehen. Es war wie in einem Wattebausch. Sicher. Salino war froh nun zu wissen, dass er keine Flugangst hatte. Denn bis Inverness waren es fast drei Stunden Flugzeit. Zu lange für jemanden, der eine Panikattacke hatte.

Während des Fluges war seine Tante nicht gerade gesprächig. Und Salino traute sich auch nicht, aufs Klo zu gehen. Er hatte Angst, dass, wenn er sich aus dem Sitz quetschen würde, er das Flugzeug womöglich dabei zum Absturz brachte. Also blieb er leicht verkrampft dort, wo er war.

Alles lief gut, bis kurz vor Aberdeen. Dabei war Salino zu diesem Zeitpunkt fast eingeschlafen. Aber ohne jede Vorankündigung brach die Wolkendecke auf. Ganz plötzlich. Salino konnte es erst gar nicht fassen. Unter ihnen war Land. Genau genommen hatte er das Gefühl, dass es näher kam. Offenbar waren sie soweit gesunken, dass sie schon wieder durch die Wolken gestoßen waren. Seine Tante studierte den Navigationscomputer. Sie sah gar nicht hin. Offenbar hatte sie die Kontrolle verloren. Keine Frage, sie stürzten ab. Es war wieder einer dieser Momente, in denen Salino seiner Intuition folgte und alles ganz klar vor sich sah. Wenn er nicht sofort reagierte und die Maschine hoch zog, wären sie alle verloren. Er griff beherzt nach der Lenksäule und zog sie fest sich heran.

„Hey!“ fluchte seine Tante war überrascht.

Die Maschine reagiert prompt und die Nase zeigte wieder in den Himmel. Aber statt ihm zu helfen, schien seine Tante die Maschine nun runter drücken zu wollen.

„Verdammt was tust du? Lass die Lenksäule los!“ schrie sie ihn an. Die Instrumente rotierten.

„Merkst du nicht, dass wir abstürzen“, schrie Salino zurück. Hinten aus der Kabine hörte er die Hunde jaulen. Die haben Angst, dachte Salino belustigt. Ein rotes Blinklicht leuchtete auf und eine mechanische Stimme, quäkte: „Stall, stall, stall.“

„Du überziehst die Kiste, verdammt, Lass endlich los!“

Salino wollte ja loslassen aber er konnte nicht, solange nicht klar war, dass die Maschine wirklich nach oben flog.

Ein Handrücken klatschte ihm ins Gesicht. Seine Tante hatte ihn geschlagen. Er hob die Hände zur Abwehr. Aber es kam nichts mehr. Seine Tante hatte alle Hände voll zu tun, die Maschine wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Piper kam ins Trudeln. Salino sah, wie die Erde kreiselnd auf sie zuraste. Die Hunde jaulten ohrenbetäubend. Oder waren das die Motoren? Salino wollte eingreifen. Die Maschine musste hochgezogen werden.

„Wag es ja nicht!“ schrie Franziska. „Ich schlag dich grün und blau!“ Ihre Stimme überschlug bedrohlich. Die Frau war hysterisch.

Irgendetwas war hier ganz falsch. Jetzt wusste Salino, was es war. Die Erde war am oberen Rand des Fensters. Sie hatte aufgehört sich zu drehen, aber sie gehörte seiner Meinung nach an den unteren Rand des Fensters. Die Erde gehört nach unten, wiederholte er in Gedanken. Unter uns muss sie sein. Dann kapierte er. Sie flogen auf dem Kopf. Im nächsten Moment vollzog die Maschine eine halbe Rolle und die Erde war wieder im oberen Rand des Fensters. Salinos Mageninhalt hatte die Drehung allerdings nicht so schnell nachvollziehen können. Er spürte kleine Bröckchen in seinem Hals. Ein Brechreiz drohte. Schnell schluckte er. Zwei Sekunden später war alles vorbei. Die Maschine flog wieder ruhig über Aberdeen weg.

„Wenn du Scheißkerl hier noch irgendwas anfasst, dann nagele ich dich ganz persönlich ans Kreuz, ist das klar!“

So sauer hatte er seine Tante noch nie erlebt. Salino saß steif da und würgte an dem Mageninhalt, von dem sich immer noch ein Rest in seinem Hals zu befinden schien. Eins war ihm klar. Bis zur Landung in Inverness würde er nicht mehr einen Finger rühren. Sollten sie doch abstürzen.

*

Haider gehörte zu den glücklichen Menschen, die absolut keine Flugangst hatten. Wie auch? Was sich da tonnenschwer in die Lüfte erhob, lag deutlich außerhalb der Reichweite seines Verstandes.

Trans-Jordan-Air? Bruhns fluchte innerlich. Lufthansa, okay. Aber das? Wenn die Kameltreiber da vorn im Cockpit nun kein Englisch konnten und die Anweisungen des Towers oder der Flugsicherheit falsch verstanden? Womöglich wollte einer der Kerle plötzlich Allah sehen und nahm sie alle mit auf die andere Seite. Bruhns machte sich völlig überflüssige Sorgen und er wusste das. Das waren mit Sicherheit gut ausgebildete Piloten. Und sein Anflug von Rassismus ärgerte ihn. Er argumentierte gedanklich mit Notwehr.

Haider war nach zwei Minuten eingeschlafen und wachte erst auf, als sie landeten. Es war der ruhigste Flug, den Bruhns jemals erlebt hatte. Nicht einmal von der Landung hatte er etwas gespürt. Er war gar nicht überzeugt davon, dass sie wirklich wieder festen Boden unter den Füßen hatten, bis die ersten Passagiere aufstanden und ihr Handgepäck aufnahmen. Womöglich waren sie gar nicht in Heathrow. Wenn jetzt gleich die Türe aufgingen, müsste Bruhns feststellen, dass sie noch in Hannover auf dem Rollfeld standen und der Flug aus unerfindlichen Gründen abgebrochen worden war.

Aber nein, überlegte Bruhns, dann hätten sie sicherlich keinen Imbiss serviert.

Eins musste man diesen Arabern lassen. Fliegen konnten sie. Wahrscheinlich die tausendjährige Erfahrung mit dem einen oder anderen handgewebten Teppich.

Das Taxi zum Hotel war fast teurer als der Flug und der Portier sturer als ein Maulesel. Der Mann wies zu Recht darauf hin, dass der Ausweis, mit dem Bruhns herum gewedelt hatte, nicht einmal lesbar, weil in einer fremden Sprache, war. Gut, das Bild stimmte, aber was auf dem Dokument stand, war dem Portier egal. Recht hatte der Mann.

Also, bei Scotland Yard angerufen und um Amtshilfe gebeten. Das Telefonat musste Bruhns natürlich bezahlen, schließlich konnte er sich nicht als Kriminalbeamter ausweisen. Haider faselte etwas von englischem Humor. Bruhns ignorierte seinen Kollegen einfach., denn es war unübersehbar, dass der Portier Inder war.

Alles wäre viel einfacher gewesen, wenn von Boeder noch Gast in diesem Hotel gewesen wäre. Aber der Herr war abgereist. Der Portier wusste zwar wohin, weil er zufällig ein Gespräch mit angehört hatte, aber diese Information waren seiner Meinung nach vertraulich. Haider hatte vorgeschlagen, dem Mann mit etwas Trinkgeld auf die Sprünge zu helfen. Doch das lehnte Bruhns ab. Nach den Erfahrungen mit dem Taxi ahnte er, dass diese Art Trinkgeld sein Spesenkonto sprengen würde.

Ein Inspektor Nielson tauchte nach etwa anderthalb Stunden auf. Bruhns und Haider hatten sich die Zeit in der Lobby mit einem sündhaft teuren Orangensaft vertrieben. Die Worte „Frisch gepresst“ nahm er Haider wirklich übel. Bruhns würde dafür sorgen, dass kein deutscher Beamter diese Worte im vereinigten Königreich je wieder in den Mund nahm.

Inspektor Nielson erfasste kurz die Situation und verhörte dann knapp und erfolgreich den Portier. Es stellte sich heraus, dass von Boeder nach Inverness abgereist war. Bruhns schwante Böses. Offensichtlich waren die Informationen, über die Schlottau verfügte, wesentlich aktueller. Sie lagen weit zurück und das bei diesem sich anbahnenden Spesenberg. Bruhns sah sich bereits wieder Streife fahren, mit Haider eingepfercht in einen Opel Vectra. 9 Stunden am Tag. Ein Alptraum. Was auch immer es kostete, sie mussten Schlottau zuvor kommen.

Bruhns bedankte sich bei Nielson und rief Haider zu sich. Haider war ungewohnt friedlich. Zuviel Neues gab es hier zu sehen, da blieb wenig Zeit für dumme Bemerkungen. Bruhns schob Haider in ein Taxi.

„Wir müssen nach Schottland“, erklärte er ihm. Doch Haider interessierte sich für alles Mögliche um ihn herum, nur nicht für das, was Bruhns sagte. Er staunte wie ein kleines Kind und Bruhns beneidete ihn zum ersten Mal für seine Naivität. Die Tür des Taxis wurde wieder aufgerissen. Nielson zwängte sich in den Wagen.

„Mein Chef hat gesagt, ich soll mich Ihnen anschließen.“

„Was? Wieso?“

„Erstens, weil Sie hier so oder so keinerlei Befugnis haben und zweitens glaubt er, dass die Sache heiß ist, an der Sie da dran sind.“

„Es geht nur um eine Befragung“, wiegelte Bruhns ab.

„Ich weiß. Aber mein Chef sagte irgendetwas von Internationaler Fahndungskooperation. Wichtig. Das macht was her.“

Diese Worte kamen Bruhns doch vertraut vor. Vielleicht sollte er Nielsons Chef die Telefonnummer von Bloom geben. Dann könnten die sich mal so richtig international austauschen. Sozusagen auf höchster Ebene.

„Keine Sorge wegen Ihres Chefs“, sagte Nielson und quetschte sich zwischen Bruhns und Haider auf den Sitz. „Mein Chef ruft ihren Chef an.“

„Kommunikation auf höchster Ebene“, vermutete Bruhns spontan.

Nielson sah ihn an und Bruhns wusste, dass er einen Leidensgefährten gefunden hatte. Er hoffte nur, dass er Nielsons Partner nie kennenlernen musste. Er ahnte schon, was das für ein Typ sein musste.

Den Transport nach Inverness übernahm die British Airways. Viel unbürokratischer übrigens als in Deutschland. Nielson zeigte nur seinen Ausweis vor und sie bekamen in der nächsten Maschine drei Standby Plätze, die extra für solche Gelegenheiten freigehalten wurden. Luxus konnte man da natürlich nicht erwarten. Aber es waren die zwei Plätze gleich hinten neben dem Klo. Und Haider musste auf einem klappbaren Notsitz Platz nehmen. Soviel zum Thema Rangordnung, dachte Bruhns zufrieden. Was die British Airways anging, war Bruhns sicher, dass die Verbundenheit britischer Kapitäne mit der See für das sanfte Schaukeln verantwortlich war. Ganz offensichtlich machten die Piloten das mit Absicht. Eine Art Tribut an die Zeiten der königlichen Seemacht. Die Nähe zum Klo machte sich für Bruhns bald bezahlt.

Offensichtlich war die Reisegeschwindigkeit für Haiders Hirn zu hoch. Als sie in Inverness im Taxi saßen, fragte er mit einem verstörten Gesichtsausdruck: „Sind wir immer noch in England?“

Bruhns beschloss auf die Feinheiten nicht weiter einzugehen und bejahte einfach. Das wurde von Nielson mit einem verständnisvollen Lächeln quittiert.

Der erste Weg führte die Beamten zum Örtlichen Polizeirevier. Sie wussten zwar, dass von Boeder sich in Inverness aufhielt, aber sie hatten keinen Anhaltspunkt, wo. Also beschlossen sie, der Sache mit gründlicher Polizeirecherche auf den Grund zu gehen. Meldeverzeichnisse von Hotels und Pensionen mussten durchforscht werden. Irgendeine Spur würden sie dann schon finden.

*

Frederik beäugte Webermann misstrauisch. Den ganzen Flug über hatte er sich bemüht, die Handschellen, mit denen der Koffer an seinem Handgelenk befestigt war unter seiner Jacke zu verbergen. Aber niemand außer ihm schien sich daran zu stören, dass jemand mit einem angeketteten Koffer im Flugzeug saß. Frank hatte nicht gesagt, wie es in Inverness weiter gehen sollte. Also trottete Frederik hinter seinem Ex-Liebhaber her auf den Parkplatz. Frank schien an alles gedacht zu haben. Ein Wagen stand bereit. Wahrscheinlich ein Leihwagen. Als sie durch die Stadt Richtung Norden fuhren, glaubte Frederik, in einem vorbeifahrenden Taxi diesen dusseligen Kollegen von Bruhns gesehen zu haben. Frederik erinnert sich nicht mehr, wie der Mann hieß. Aber das konnte ja auch gar nicht sein. Wie sollte der hierher gelangen und warum sollte er seine Nase am Seitenfenster eines Taxis plattdrücken und Grimassen schneiden? Offensichtlich gingen ihm die Nerven durch. Frederik litt unter Verfolgungswahn. Kein Wunder, schließlich war ihm die Rolle eines polizeilich gesuchten Mörders neu.

Webermann steuerte den Wagen aus der Stadt hinaus. Sie passierten die Brücke über den Firth of Inverness und fuhren weiter nach Norden. In der Nähe von Balblair hielten sie vor einem adretten, restaurierten Cottage. Sie waren am Ziel. Vorerst. Frank schien sich hier auszukennen. Er hatte sogar einen Schlüssel an dem Bund. Frederik las das Namensschild an der Tür. Henry Goldsmith. Henry war Franks zweiter Vorname. Das hatte er ihm mal anvertraut. Webermanns leiblicher Vater war Schotte, daran erinnerte sich Frederik jetzt. Einer der in Deutschland stationierten Briten der Rheinarmee hatte damals ein Verhältnis mit Webermanns Mutter. Aber statt sie irgendwann zu heiraten, hatte der Kerl sich versetzen lassen. Auf die Falklands. Und da hat es ihn später wohl auch erwischt. Soweit erinnerte sich Frederik an die Geschichte.

Draußen ging die Sonne unter. Viel Licht fiel in diese Cottages mit den kleinen Fenstern nicht gerade. Aber es war ein angenehmes Licht. Frank ging sofort daran, Feuer im Kamin zu machen. Es war ein gemütliches kleines Zuhause. Aus dem Fenster nach hinten heraus konnte man über ein kleines Stück Steilküste hinweg das Meer sehen.

„Setz dich doch“, fordert Frank seinen Gast auf. „Möchtest du einen Kaffee oder lieber noch einen Wein?“

„Wein“, sagte Frederik und lauschte auf das Knacken des Holzes im Kamin. Frank verschwand in der Küche. Setzen wollte Frederik sich nicht. Es war wunderschön hier und er konnte seinen Blick einfach nicht von diesem herrlichen Sonnenuntergang losreißen.

„Hier sollten wir uns niederlassen“, frohlockte Frederik, ohne sich umzudrehen.

„Das werde ich auch“, sagte Webermann, der aus der Küche zurückgekehrt war.

Freudestrahlend drehte Frederik sich um. Es war kein Wein, den Frank aus der Küche mitgebracht hatte. Eher ein Jagdgewehr mit Zielfernrohr.

„Hast du wirklich gedacht, dass ich mit dir teile?“

„Frank was soll das jetzt?“ fragte Frederik mit einem Beben in der Stimme.

„Und da ist noch etwas. Du hättest Gilbert nichts tun sollen!“ fuhr Frank ungerührt fort.

„Nimm das Gewehr runter und sei vernünftig.“

„Ich bin vernünftig“, behauptete Frank. „Du warst unvernünftig. Mit mir hier raus in die Einsamkeit zu fahren. Das war eine riesen Dummheit. Aber nicht deine einzige.“

„Was hast du vor?“ fragte Frederik, weil ihm nichts Sinnvolles einfiel.

„Ich werde dich töten, dir den Koffer abnehmen und deine Leiche im Meer hinterm Haus versenken.“

„Das kannst du nicht machen!“

„O doch. Du glaubst, du kannst im letzten Moment meine Pläne durchkreuzen, aber nicht mit mir.“

„Was für Pläne? Was soll das? Wir wollten das Geld teilen und uns damit eine neue Existenz aufbauen. Das können wir doch immer noch!“

„Ich habe mir bereits eine neue Existenz aufgebaut. Das hier ist mein Cottage. Ich bin von nun an Henry Goldsmith. Und der Mossad hat dafür gesorgt, dass mich hier niemals jemand finden wird. Ich muss ihnen nur noch den Koffer bringen, dann ist alles gut.“

„Und ich?“ jammerte Frederik, der einfach nicht glauben konnte, dass Frank das ernst meinte. „Was ist mit mir? Ich habe doch alles getan, damit wir zusammen kommen können!“

„Du warst schon immer ein Idiot“, grunzte Webermann. „Es gab nur zwei Dinge, die gut an dir waren. Deine glatt rasierten Eier und die Chemikalien, die du mir besorgen konntest. Ansonsten warst du eine echte Niete. Nicht nur im Bett, auch mit deiner dusseligen Kuh von Frau. Ich weiß nicht, was du willst? Wenn ich dich erschieße, tue ich dir genau genommen einen Gefallen!“

Frederik begriff, dass seine Lage ausgesprochen ernst wurde. Er hob den Koffer vor die Brust. Wenn du auf mich schießt, könntest du den Koffer treffen. Wenn die Steuerteile kaputt sind nützen sie dir nichts“, behauptete er verzweifelt und versteckte sich so gut es ging hinter dem nicht gerade großen Alu-Koffer.

Einen Moment schien Frank dieses Argument zu durchdenken und die Stabilität des Koffers im Geiste zu berechnen. Dann lächelte er und ließ die Waffe sinken. Frederik entspannte sich etwas. Im gleichen Moment löste sich der Schuss. Die Kugel durchschlug Frederik Schienenbein. Er schaute Webermann verblüfft an. Der hatte tatsächlich auf ihn geschossen. Der zweite Schuss traf sein anderes Bein. Es zog Frederik die Beine weg. Den Koffer immer noch schützend vor sich haltend ging zu Boden. Frederik konnte es nicht fassen. Er schlug hart mit dem Becken auf. Nein, das war eine weitere Kugel, die dort irgendwo eingeschlagen war. Jetzt erst setzten die Schmerzen ein. Sie wurden rasend schnell stärker. Aber noch war es nicht vorbei. Er musste Webermann zur Vernunft bringen. Das war doch alles Wahnsinn. Er zog den Koffer ein Stück hinunter und schaute über den Metallrand hinweg. Direkt in den Lauf des Gewehres. Dahinter das hämisch grinsende Gesicht Webermanns.

„Du Idiot“, sagte Frank und drückte ab.

*

Die Landung war grauenhaft. Die Leuchtfeuer kamen näher und näher. Der Asphalt wurde größer und breiter. Irgendein Instrument piepte rhythmisch. Salino saß wie versteinert da.

„Reiß dich ja zusammen“, zischte Franziska.

Salino dachte gar nicht daran, sich zu bewegen. Nicht einen Millimeter. Die Lenksäule tanzte vor ihm auf und ab, rechts und links. Aber Franziska brachte die Maschine wirklich heile hinunter. Das war also Fliegen. Vielen Dank! Die Maschine parkte auf einem Platz etwas abseits des eigentlichen Flughafens, der für Geschäftsreisende mit Privatmaschinen und Hobbyflieger reserviert war.

„Wie kriegen wir die Hunde hier unbemerkt hinaus?“ fragte Frau von Boeder.

„Monika und ich gehen rüber zum Flughafen und besorgen einen Leihwagen. Vielleicht können wir damit bis hierher kommen, um das Gepäck abzuholen“, schlug Frau Weppert vor. Das schien Salino kein größeres Problem zu sein. Das hier war kein Internationaler Großflughafen. Das hier war eher ein Hobbyflugfeld. Die hatten kaum einen Zaun um das Gelände. Außerdem war es fast dunkel und niemand würde die gut getarnten Vierbeiner vom Tower aus sehen können.

Einige Minuten später kamen Monika und Marianne mit gleich zwei Wagen zurück. „Die hatten keinen Kombi, deshalb haben wir gleich zwei Wagen genommen.“ Das war auch gut so. Sollte sich Frau von Boeder doch mit ihren Tölen in einen eigenen Wagen quetschen.

Inverness war eher eine kleine Stadt. Insgesamt erinnert es eher an ein Collegecampus. Neubauten gab es kaum. Der Stadtkern war uralt und wunderschön Alle 100 Meter stieß man auf die Überreste mittelalterlicher Bausubstanz. Die Market Hall Arcade sah aus wie ein Rathaus, voller modern ausgestatteter Geschäfte. Am Rande der Stadt lag ein beindruckendes Schloss, auf einer leichten Anhöhe von Wasser umgeben. Und dann war dort noch die Saint Andrews Cathedral. Die Türme waren nicht im Krieg verlustig gegangen, sondern den Bauherren war seinerzeit einfach das Geld ausgegangen. Das Beeindruckendste war aber, dass sie hier nur einen Fußmarsch weit vom legendären Loch Ness entfernt waren. Monika schien ein wandelndes Lexikon zu sein.

Gut, dass momentan keine Saison war. Sie fanden relativ leicht Unterkunft im Felstead Guest House. Es lag direkt am River Ness mit einer Allee davor. Salino mochte das Haus auf Anhieb. Es war zweigeschossig aus rötlichem Felsstein, mit einem runden Erker zur Straßenseite hin. Er hoffte auf ein Zimmer im Erker. Salino liebte Erker.

Die Zimmer waren nicht wirklich modern eingerichtet. Es gab zwar Satteliten-Fernsehen, aber ansonsten war es eher plüschig, irgendwie britisch. Vor allem der karierte Teppich in dem Erkerzimmer stieß bei Salino auf wenig Gegenliebe. Alle anderen Zimmer waren mit neutralem grauen Velours ausgestattet. Die Aufteilung der Zimmer stellte ein weiteres Problem da. Einzelzimmer waren aus. Frau von Boeder schnappte sich daraufhin das Erkerzimmer mit dem karierten Fußboden. Ein Familienzimmer mit einem Doppelbett und einem Einzelbett. Diskussionsbedarf bestand an dieser Entscheidung ihrer Meinung nach nicht. Monika und Franziska nahmen den angrenzenden Raum mit dem Doppelbett. Irgendwie wunderte Salino das nicht wirklich. Also blieb für ihn und Frau Weppert nur noch das andere Familienzimmer. Das einzige mit Blick auf den Garten, anstatt auf den Fluss. Kein karierter Fußboden, aber Überdecken deren Blümchenmuster sich auf der Tapete exakt wiederholte. Wenn man schielte, wusste man nicht, wo das Bett anfing und die Wand aufhörte.

Vernünftigerweise waren alle Teilnehmer des Expeditionscorps genauso hungrig wie Salino. Das Esszimmer wirkte beengt, aber gemütlich. Ein großer Kamin mit Holzverkleidung war da, aber er funktionierte nicht. Dafür wiederholte sich das Blümchenmuster. Diesmal auf dem Porzellan. Das Essen darauf war englisch, aber es machte satt. Nach dem Essen machten sich Frau Weppert und Monika auf, um sich im Craigmonie Hotel nach diesem al Fasah zu erkundigen.

Frau von Boeder ging ein wenig mit den Hunden spazieren. Salino zog sich auf sein Zimmer zurück und schaute fern. Er war reichlich müde und schon fast eingeschlafen, als Frau Weppert unverrichteter Dinge zurückkehrte. Al Fasah war nicht da. Sie mussten es morgen früh noch einmal versuchen. Gott sei Dank! Weitere Aktionen wären Salino jetzt auch zu viel geworden. Frau Weppert verschwand im Bad und als sie wiederkam, war Salino bereits endgültig eingeschlafen.

Kapitel 8

Bruhns und Nielson hatten die ganze Nacht geschuftet. So viele Übernachtungsmöglichkeiten gab es hier nicht. Das war eher eine Kleinstadt. Aber die Ermittlungen arteten in Fußarbeit aus. Der Inspektor und er mussten jede Übernachtungsmöglichkeit abklappern und Einsicht in die Bücher nehmen. Die Schotten waren ein ungemein stures Volk. Nicht einmal Nielsons Ausweis brachte die Wirte dazu, ihm Einblick in die Gästeliste zu geben. Bei jedem zweiten Wirt bedurfte es der Hilfe eines örtlichen Kollegen, der dem Wirt bekannt war.

„Das ist Schottland, nicht England“, entschuldigte sich Nielson immer wieder mit einem spöttischen Achselzucken. „Die hassen hier englische Beamte.“

Besonders genervt war Bruhns, als sie die Gästeliste des Millwood Houses einsehen wollten. Der Wirt weigerte sich beharrlich. Über eine viertel Stunde brauchten sie, um ihn weich zu kriegen. Dann aber stellte sich heraus, dass in den immerhin drei möglichen Gästezimmern nicht ein einziger Gast war. Für das gehässige Lachen, das der Wirt den Beamten nachwarf, hätte Bruhns ihm in Deutschland die Gewerbeaufsicht auf den Hals gehetzt.

„Das ist Schottland, nicht Deutschland“, sagte er zischend zu Nielson. Nielson lachte. Kein Wunder, dass die Briten so einen eigenwilligen Humor hatten. Den brauchten sie hier auch. Bruhns überlegte, ob der den Kollegen um eine Magentablette bitten sollte. Sein Vorrat ging langsam zu Ende und es würde ihn nicht wundern, wenn Nielson damit gut versorgt war. Britische Apothekenpreise wollte Bruhns lieber nicht kennenlernen.

Haider schlief auf dem Rücksitz des Dienstwagens. Diese Fragerei war ihm einfach zu langweilig. Außerdem verstand er nur die Hälfte. Es war weit nach Mitternacht, als Bruhns endlich fündig wurde. Sie waren jetzt fast durch mit den ganzen Hotels und Pensionen, als Bruhns Finger auf dem Namen von Boeder innehielt. Leider war der Erfolg nicht hundertprozentig, denn es handelte sich keineswegs um den gesuchten Frederik von Boeder, sondern um seine Frau Charlotte. Wenn das kein Zufall war?

Aber es kam noch besser. Dieses Gästebuch las sich wie sein persönliches Adressbuch. Frau Winter, Frau Weppert und Frau Bönning, was, wenn er sich richtig erinnerte, der Name von Frau Wepperts Hausangestellter war. Ach, und dann noch Michael Mertens, der junge Mann, der Zeuge bei der Ermordung dieses Lehrers war. Das war nun doch ein bisschen dick alles.

Bruhns überlegte, ob er die Bagage jetzt gleich aus den Betten klingeln sollte. Eigentlich lag gegen keinen der Anwesenden etwas vor. Ärger hatte er schon genug am Hals. Und da die alle bestimmt nicht zufällig hier waren, witterte er eine heiße Spur. Nein, er würde diese Leute nicht verschrecken. Er beschloss, weiterhin auf gute alte Polizeiarbeit zu setzen. Bruhns informierte Nielson. Eine Übernachtung im Auto war für einen guten Polizisten nichts Ungewöhnliches. Haider schlief ja eh schon. Nielson und er entschieden sich die Schichten zu teilen. Haider wollten sie beide nicht mit der Observation betrauen. Sie waren sich einig, dass es am besten sei, ihn einfach schlafen zu lassen.

*

Es war gar nicht so leicht gewesen, Frederiks Leiche loszuwerden. In seinem Haus fand sich nichts, was annähernd schwer genug war, um eine Leiche dauerhaft unter Wasser zu halten. Schließlich hatte Frank seinen Rasenmäher geopfert.

Auch die Erdbeeren im Garten mussten dran glauben. Webermann brauchte die Plane, um die Leiche darin einzuwickeln. Dann war alles recht glatt gegangen. Erst sah es so aus, als ob der Rasenmäher doch nicht schwer genug war. Doch nach ein paar Minuten Blubbern war die Leiche untergegangen. Frank hatte heiß gebadet und sich ordentlich abschrubbt. Schwächen durfte er sich jetzt nicht erlauben, aber sein Alltagsgeschäft war das Töten nicht und das würde es wohl auch nicht werden.

Den Wecker hatte er auf 5 Uhr gestellt. Um halb sieben würde er seinen Kontaktmann vom Mossad treffen. Er frühstückte reichlich und trank zwei Tassen Tee. Bei diesem Treffen musste er hellwach sein. Noch bestand eine geringe Möglichkeit, dass der Mossad ihn linken wollte. Obwohl er nicht daran glaubte, kontrollierte er seine alte Walther P9. Er hatte sich bestens auf die Übergabe vorbereitet.

Webermann trank den letzten Schluck Tee, zog seine Jacke fest, denn draußen war es so früh noch ziemlich frisch. Vor allem in den Ruinen von Urquhart Castle. Aber zu dieser Zeit war es dort auch noch einsamer als sonst. Die Ruinen konnten ihm im Ernstfall gute Deckung bieten. Nach Möglichkeit wollte er als erster dort sein, um die Gegend zu erkunden. Wenn die Gegenseite ihm eine Falle stellte, hatte er eine gute Chance, ihr zu entgehen.

*

Salino wachte viel zu früh auf. Es war erst halb sechs. Aber im Nebenzimmer hatte ein Telefon geklingelt. Das war das Einzelzimmer. Salino wollte sich umdrehen und weiterschlafen. Aber auf der anderen Seite der offenbar recht dünnen Wand, wurde laut und ausländisch diskutiert.

Salino hatte keine Ahnung, welche Sprache das war, aber es war eindeutig mehr als eine Person in dem Zimmer. Salino hatte so schon Schwierigkeiten wieder einzuschlafen, wenn er erst einmal aufgewacht war. Aber bei dem Theater im Nebenzimmer war das ein aussichtsloses Unterfangen. Leise stand er auf und schlich zur Tür. Auf dem Flur war alles ruhig. Er trat hinaus und sah zu der Tür des Nebenzimmers. Da war Licht. Vorsichtig arbeitete er sich zur Tür und schaute durchs Schlüsselloch. Zwei halbbekleidete Männer diskutierten lautstark und zogen sich dabei an. Beide hatten frische Verbände um den Oberkörper. Es bedurfte keiner großen Überlegung, wen er da vor sich hatte.

Schnell sah er zu, dass er wieder in sein eigenes Zimmer kam. Er musste die anderen wecken! Da kam doch etwas in Gang! Salino trat an Frau Wepperts Bett und rüttelte sie an der Schulter.

„Hey!“ flüsterte er.

Frau Weppert knurrte nur.

„Hey, hey aufwachen.“

Frau Weppert knurrte nochmal und schlang den Arm um seinen Hals. „Na gut, kannst in meinem Bett schlafen.“

Salino zog den Kopf erschreckt zurück.

„Hey!“ rief er laut und zog den Kopf aus der Schlinge. Nun war Frau Weppert wach.

„Was fällt dir ein!“ fuhr sie ihn an.

„Pssst!“

„Was …“

„Psst!“ machte Salino noch einmal. „Da drüben sind die Araber!“ Salino zeigte auf die Wand zum Nachbarzimmer. „Da ist irgendwas los.“

Frau Weppert lauschte.

„Welche Araber?“

„Die bei Frau von Boeder aufgetaucht sind“, erklärte Salino.

Sie schlug energisch die Bettdecke zurück, richtete sich auf und lauschte. Es war nicht besonders hell hier. Aber Salino wich ein gutes Stück zurück, als er den BH sah. Vielleicht war es auch eine Art Hemd, jedenfalls ging die Brustpanzerung bis zum Bauchnabel. Bestimmt war das auch notwendig, um die Stützarbeit zu leisten, die Frau Wepperts gewaltige Brüste wie zwei leicht gestauchte Schultüten aussehen ließ.

„Geh die anderen wecken!“ zischte Frau Weppert, die plötzlich hellwach war. „Mach schon.“

Salino riss seinen Blick von dem technischen Wunderwerk modischer Ingenieurskunst los und verließ das Zimmer. Bestimmt waren es prämierte Brückenbauingenieure, die für solche Arbeiten von Bekleidungsherstellern abgeworben wurden.

Die anderen hatten einen weniger tiefen Schlaf. Es genügte ein Türklopfen und jemand antwortete. Salino erklärte nicht viel, sondern rief einfach nur: „Wir müssen los, schnell!“

Offenbar gaben sich alle damit zufrieden.

„Was machen wir jetzt?“ fragte Salino, als er wieder in seinem Zimmer war. Frau Weppert stand gestiefelt und gespornt da und lauschte.

„Kommt darauf an, was die machen!“ erklärte Frau Weppert.

Fünf Minuten später klingelte erneut das Telefon. Gerade waren Monika, Franziska und Frau von Boeder in Salinos Zimmer eingetroffen. Alle lauschten gespannt, aber von drüben war nur ein wildes Gezeter zu hören.

„Die hauen ab!“ sagte Frau Weppert plötzlich. Und richtig, auf dem Flur waren laute, schwere Schritte zu hören. Dann polterten zwei Männer die Treppe hinunter. Salino dachte noch über die Spesensätze der Araber nach. Warum sollten die sich wohl ein Einbettzimmer teilen, wenn noch Doppel- und Familienzimmer frei waren.

„Hinterher!“ trompetete Frau Weppert und es klang wie das Signal zur Fuchsjagd.

Unten krachte die Haustür. Wer auch immer noch in diesem Haus wohnte, jetzt war er wach. Die beiden Doggen nahmen die Treppe eindeutig am elegantesten und leisesten. An der Haustür hielt Frau Weppert, die voraus gelaufen war sie auf. Sie schaute durch die kleine Butzenscheibe nach draußen. Die beiden Araber standen unschlüssig auf der Straße herum. Dann hielt plötzlich ein Wagen mit quietschenden Reifen. Die Araber sprangen hinein.

„Los jetzt!“ kommandierte Frau Weppert.

Sie alle rannten zu ihren Wagen, die rechts und links von der Rostlaube mit den beschlagenen Scheiben standen. Als Frau Weppert das Gaspedal des Rovers völlig durchtrat, sah Salino gerade noch, wie eine Hand in dem parkenden Wagen die Scheiben reinigte.

*

„Was zum Henker ist denn das?“ fluchte Bruhns.

Nielson hatte ihn geweckt und auf die beiden Araber die vor Felstead Guest House standen hingewiesen. Bruhns hatte sich eben den Schlaf aus den Augen gewischt, als die Kerle auch schon in einen Mini Cooper sprangen und davon rasten. Verwirrt sah Bruhns ihnen nach.

Gleich darauf wurden hinter und vor seinem Wagen die Motoren gestartet. Bruhns wischte mit der Hand die beschlagene Scheibe frei. Das waren sie! Sie flohen! Zumindest aber hatten sie es verdammt eilig.

„Hinterher!“ befahl Bruhns.

Er hatte vergessen, dass es nicht Haider war, der da neben ihm saß. Nielson hatte den Motor längst gestartet. Aber er kam mit der Revolverschaltung des alten Renaults nicht klar und würgte den Motor ab.

„Ein Geschenk aus Frankreich“, sagte er entschuldigend. „Internationale Zusammenarbeit.“

Beim zweiten Versuch klappte es besser. Als Polizeiwagen war ein R4 denkbar ungeeignet. Aber Gott sei Dank war um diese Uhrzeit auf den Straßen von Inverness nicht viel los. Trotzdem fand Bruhns die Kurvenlage des Wagens bedrohlich. Die Engländer schienen eine unheilvolle Affinität zum Schaukeln zu haben. Selbst Haider wurde von dem Schwanken wach.

„Kann die Karre nicht schneller“, schimpfte Bruhns. Die anderen waren schon fast außer Sicht.

„Wenn ich die Kollegen richtig verstanden habe, fährt den Wagen normalerweise die Gemeindeschwester“, erklärte Nielson.

„Lassen Sie mich raten“, scherzte Bruhns. „Weil der Wagen für Verfolgungsjagden denkbar ungeeignet ist.“

„Nein, eigentlich, weil sein Spritverbrauch so hoch ist.“

„Ach!“ sagte Bruhns ehrlich erstaunt.

„Und so zahlt’s die Kirche!“

„Warum verschrotten die die Karre dann nicht?“

Nielson sah Bruhns zweifelnd an.

„Weil die Verschrottungsgebühr von der Kirche nicht übernommen wird“, beantwortete sich Bruhns die Frage selbst.

„Der Wagen ist ein Politikum“, gab Nielson belustigt zu und trat voll in die Eisen. Der Wagen der Araber war links ran gefahren und hatte gehalten. Die beiden Verfolger mit gebührendem Abstand hatten dasselbe getan, also hielt auch Nielson überrascht an.

„Und nun?“ fragte Bruhns.

„Da ist ein Hotel“, bemerkte Haider. „Gleich da drüben. Da kriegen wir sicher was zum Frühstück.“

Bruhns sah zum Craigmonie Hotel hinüber.

„Soll ich gehen, Chef?“

Haider hatte die Türklinke schon in der Hand.

„Bleib sitzen Haider!“ schnauzte Bruhns.

Da drüben auf dem Parkplatz tat sich was. Noch ein Araber stieg in einen Wagen und fuhr los. Fasziniert beobachtete Bruhns, wie sich der ganze Zug Stück für Stück wieder in Bewegung setzte. Erst nahmen die beiden Araber die Verfolgung auf. Denen folgten folgte der Wagen von Frau Weppert und dann der mit Frau von Boeder. Mit geringem Abstand, wegen unterlegener Motorleistung folgte dann Nielson. Der Mann war gut. Bruhns brauchte ihm keine Anweisungen geben. Der wusste, was zu tun war.

Plötzlich zeigte ein ausgestreckter Arm zwischen Bruhns und Nielson nach vorn auf die Windschutzscheibe. „Folgen Sie dieser Autoschlange!“ kreischte Haider vom Rücksitz und ließ sich schenkelschlagend zurück auf den Sitz fallen.

Bruhns sagte nichts und spendierte eine Runde Maaloxan. Nielson sah kurz auf die Packung und nahm dankend an. Nielson war ein echter Partner.

*

Es war wirklich verdammt kalt. Nebelschwaden zogen vom Loch Ness zu den Überresten von Urquhart Castle herauf. Die beiden höchsten Turmruinen schauten wie Fangzähne aus der Suppe. Von hier oben konnte Webermann über Nebel hinwegsehen. Das war eine fantastische Aussicht. Es wäre der geeignete Augenblick für Nessie, den Kopf aus Wasser zu strecken und einen tiefen, röhrenden Ruf auszustoßen. Webermann hatte eine Ader für Romantik. Aber nicht jetzt. Er sah zum Parkplatz hinüber. Kein Wagen in Sicht. Er war wohl wie geplant der erste.

Langsam stieg Webermann den Hügel herab. Er tauchte in den Nebel ein und ging auf dem breiten asphaltierten Weg, der für Touristen gebaut worden war durch das westliche, noch einigermaßen erhaltene Tor. Dann hielt er sich links, wo eine kleine Hügelkuppe war. Das war der ideale Ort. Wenn etwas schief ging, konnte er gleich hinunter zu dem großen Turm fliehen. Von dort am Seeufer entlang zu seinem Wagen. Den hatte er nämlich klugerweise nicht auf dem Touristenparkplatz abgestellt.

„Webermann!“ rief eine Stimme aus dem Nebel, als er gerade den Hügel erklommen hatte. Offensichtlich war er nicht der einzige, der seinen Wagen woanders geparkt hatte.
Aus dem Nebel am Fuß des Turmes traten zwei Gestalten hervor. Der Mann trug in der Hand einen Koffer.

„Ich dachte, Sie sind allein?“ rief Webermann zurück.

Noch machte er sich aber keine Sorgen. So etwas hatte er erwartet. Es war nur eine Frau, die sich mit geschmeidigen, fast katzenartigen Bewegung neben dem Mann mit dem Geldkoffer her bewegte.

„Zuviel Geld“, rief der Mann zurück. „Das verlangt nach etwas Sicherheit.“

„Ich habe die Ware“, rief Webermann und hielt den Koffer hoch.

„Gut, gut.“

Die beiden waren jetzt bis auf zehn Meter an Webermann herangekommen. Bis hierher war alles klar. Webermann hatte gedacht, man tauschte die Koffer einfach aus. Weiter hatte er darüber noch nicht nachgedacht. Aber jetzt sagte ihm eine Stimme tief drinnen, dass er in keinem Fall näher an die beiden da drüben herangehen sollte.

„Stellen Sie den Koffer dort ab und gehen Sie zehn Schritte zurück!“ forderte Webermann sein Gegenüber auf.

Der Fremde schnalzte nur mit der Zunge.

„Nicht doch, nicht doch! Sie müssen sich noch einen Moment gedulden, bis wir vollzählig sind.“

Webermann fühlte Panik. Was meinte der Mann mit vollzählig? Wer kam denn noch und warum? Vorsorglich umfasste er seine Walther in der Jackentasche etwas fester und entsicherte sie. Webermann versuchte sich umzusehen, ohne die beiden dabei aus den Augen zu lassen.

An dem Abhang, wo es zum Parkplatz ging waren Schritte zu hören. Kurz darauf war ein Mann zu sehen. Er trug einen Koffer in der Hand, sah sich kurz um und kam dann auf den Hügel zu. Das gefiel Webermann gar nicht. Er nahm die Waffe aus der Tasche und hielt sie hinter seinem Rücken verborgen. Der Mann war Yuissep al Fasah. Er stand jetzt vielleicht acht Meter neben ihm und Webermann konnte ihn deutlich erkennen. Die drei Männer mit den Koffern bildeten ein Dreieck.

„Ich brauche Sie wohl einander nicht vorzustellen“, rief der Käufer zu Webermann hinüber. „Das ist sozusagen unser Mann aus Istanbul.“

Für dumme Witze hatte Webermann im Moment rein gar nichts übrig.

„Was soll das?“

„Ganz ruhig. Es ist Ihnen doch sicher klar, dass der Inhalt dieses Koffers nur an den Überbringer der vollständigen Waffe geht. Nun, die beiden Komponenten sind hier. Sie haben die Zünder und Yuissep die Chemikalien. Wie sie sich einigen, meine Herren, bleibt Ihnen selbst überlassen! Sie können sich das Geld teilen …“

Webermann warf einen hektischen Blick nach rechts, wo Yuissep stand. Yuissep hatte bereits den Arm gehoben und zielte auf Webermann. Ganz offensichtlich dachte der Araber gar nicht daran zu teilen.

*

Bruhns hasste es, wenn er nicht durchblickte. Und von hier aus blickte er so gar nicht durch. Er lag im frostigen Gras hinter einem Gebüsch und starrte auf eine kleine Anhebung inmitten einer schottischen Schlossruine. Was ging da unten vor sich? Wer war dieser Araber und was machten diese drei anderen Araber, die sich etwa vierzig Meter von ihm entfernt hinter dem gleichen Wall versteckten, wie er selbst? Und was wollte die Weppert hier? Die Gruppe um Frau Weppert hatte Position in der Mitte des Walls bezogen. Und dann waren da noch ein Kerl mit einem Koffer und eine Frau. Den einzigen Menschen, den Bruhns überhaupt erkannte, war Schlottau. Er stand dicht neben dieser Frau und sprach mit den beiden anderen.

Bruhns konnte nicht verstehen, worum es ging, aber der Araber zog plötzlich eine Waffe und schoss auf den anderen mit dem Koffer. Egal was da vor sich ging, es war höchste Zeit, einzuschreiten. Bruhns griff nach seiner Waffe. Er griff ins Leere. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er seine Waffe abgegeben hatte. Das Tragen von Waffen in Flugzeugen war verboten. Es sei denn, man gehörte einer Bundesbehörde an.

„Was sollen wir tun?“ fragte Nielson. Er hatte seine Waffe gezogen und wartete auf gute Vorschläge.

Da unten spitzte sich die Situation zu. Der Araber hatte vorbeigeschossen und der andere Mann war in Deckung gesprungen. Er schoss zurück und der Araber flüchtete mit einem der Koffer den Hügel hinunter. Jetzt stürmten von der anderen Seite die drei Araber herunter. Auch sie schossen. Es war nicht ganz klar, auf wen eigentlich. Egal, dachte Bruhns, wenn sie Schlottau nicht zur Hilfe eilten, würde der Kerl den ganzen Erfolg für sich verbuchen.

„Sie bleiben in Deckung“, kommandierte Salino. Noch hatten sie die beiden Pistolen, die sie den Arabern abgenommen hatte. Salino nahm die eine und Frau Weppert die andere. Langsam schob Salino sich auf dem Bauch nach vorn über den Wall. Da unten war eine wilde Schießerei losgebrochen. Hinten am Turm saß dieser üble BND-Typ fest.

„Da ist Webermann“, rief Frau Weppert Salino zu.

Sie zeigte auf das westliche Tor, wo sich einer der Männer mit einem Koffer verschanzt hatte. Das war Salinos Ziel.

Die Araber waren den Wall hinunter gestürmt und hatten sich dann doch besser wieder in Deckung begeben. Sie riefen unverständliches Zeug, das al Fasah wohl weniger gefiel. Denn er verschoss ein ganzes Magazin in ihre Richtung.

„Ich hole mir diesen Webermann“, teilte Frau von Boeder mit. Ihre Hunde liefen ein Stück zurück und fingen an, geschickt um den Wall herum zu robben. Frau von Boeder folgte ihnen in einer weniger elegant gebückten Haltung. Salino, Frau Weppert und Monika robbten auf die Araber zu. Mit denen waren sie schließlich schon einmal fertig geworden.

Bruhns musste tatenlos mit ansehen, was dort vor sich ging. Jetzt robbten auch noch die verrückte Weppert und ihre Sippschaft da den Wall hinunter. Waren die denn alle verrückt? Da wurde geschossen! Haider schaute zu seinem Chef hinüber. Er hatte wohl Lust, aktiv zu werden.

„Wir bleiben in Deckung“, zischte Bruhns. „Zumindest bis sich geklärt hat, wer hier gegen wen ist.“

Haider und Nielson waren nicht dieser Meinung. Sie begannen sich langsam nach links auf das West-Tor vorzuarbeiten. Bruhns fluchte und folgte ihnen.

Al Fasah hatte sein Magazin schneller gewechselt als die drei Araber vor ihm vermutet hatten. Diesmal zielte er sorgfältiger. Einer der heranstürmenden Araber ging getroffen zu Boden. Die anderen beiden warfen sich schnell wieder in Deckung.

Salino war jetzt nur noch 15 Meter von der Gruppe entfernt. Von hier aus konnte er die beiden leicht erledigen. Er zielte und drückte ab. Nein, er drückte nicht ab. Er zielte immer noch. Sein Finger musste eingefroren sein. Salino befahl dem Finger, den Abzug zu betätigen, aber der Finger gehorchte ihm nicht. Frau Weppert lag gleich neben ihm. Sie zielte ebenfalls. Aber sie drückte auch ab. Einen der Araber erwischte es am Bein. Die beiden schauten irritiert zu Salino herüber. Dann rollten sie schnell etwas weiter über den Fußweg hinweg in die Büsche. Dort waren sie kein so leichtes Ziel mehr.

Salino sah sich um. In ihrem Rücken war das West-Tor. Da stand Webermann. Er hätte sie leicht von dort aus erledigen können. Aber das tat er nicht. Er schoss lieber Richtung Turm, wo Schlottau in Deckung gegangen war.

Gut, von dem war also nichts zu befürchten. Al Fasah lag in einer Kuhle direkt vor ihnen. Seine erste Sorge galt wohl den Arabern. Er war sowohl vor ihnen, als auch vor Salino gut gedeckt. Nicht aber vor der katzengleichen Gestalt, die gerade mit behänden Schritten den Hang hinter ihm herunter schlich. Salino erkannte sie sofort.

„Das ist sie“, rief er Frau Weppert zu und schoss mehrfach in ihre Richtung. Frau Weppert war seinem Blick gefolgt und schoss ebenfalls.

Nielson und Bruhns hatte sich an der Mauer des West-Tores entlang geschlichen. Der Schütze stand unter dem Torbogen. Er war zum Greifen nahe.

„Polizei!“ brüllte Haider los. „Legen Sie die Waffe weg und kommen Sie mit erhobenen Händen heraus.“

Bruhns blieb nicht einmal mehr die Zeit zu denken, dass Haider ein lebensmüder Vollidiot war. Der Mann mit dem Koffer schoss ein halbes Magazin in ihre Richtung. Eine Kugel durchschlug Bruhns Mantel auf Höhe der Hüfte, bevor er sich hinschmeißen konnte. Eine andere traf Nielson am Bein. Aber Nielson feuerte noch zurück. Nielson war ein guter Mann. Er ging in Knie. Aber er feuerte weiter. Er fiel auf den Bauch und er feuerte dennoch, bis das Magazin leer war. Ein guter Mann, wirklich. Und er hatte Erfolg. Der Schütze war am Arm getroffen. Er ließ die Waffe fallen und flüchtete.

Nielson drehte sich auf dem Boden liegend um. Er zielte mit der leeren Waffe auf Haider und sagte: „Peng!“

Haider schrie ihn an: „Sind Sie verrückt? So was kann ins Auge gehen.“

Nielsons Antwort war ein: „Peng, peng, peng!“

Bruhns hatte das nicht gesehen. Er verstand den englischen Kollegen nur allzu gut. Haider könnte sich auf den Kopf stellen, aber Bruhns hatte das nicht gesehen.

„Haider!“ ächzte Bruhns. „Verfolgen Sie den Mann.“

„Chef haben Sie gesehen …?“

„Haider, in Gottes Namen verfolgen Sie den Mann!“

Haider bewegte sich endlich und nahm mit vorsichtigen Schritten die Verfolgung auf. Nielson lachte hysterisch.

„Gut, dass wir nicht in Deutschland sind“, sagte er. „Sonst hätte der Kerl womöglich eine Waffe.“

Haider bückte sich und hob die Walther auf, die Webermann im Torbogen fallengelassen hatte.

„Volle Deckung“, stöhnte Nielson und rollte sich wieder auf den Bauch.

Die Killerin hinter al Fasah war wie eine Marienerscheinung verschwunden. Vielleicht hatten sie sie erwischt. Aber das hatten sie nicht.

Kaum hatte Frau Weppert aufgehört zu schießen, tauchte die Frau wieder auf. Dann sprang sie über den Rand der kleinen Mulde und arbeitete sich auf die Araber zu. Warum erschoss al Fasah die Frau nicht? Oder, wenn er auf ihrer Seite war, warum gab er ihr keinen Feuerschutz? Salino nutzte die Gelegenheit, in Richtung Mulde zu kriechen. Frau Weppert direkt in seinem Fahrwasser. Monika orientierte sich weiter rechts zu den Arabern.

Was sollte das? Warum blieb sie nicht in Deckung? Sie konnte ohne Waffe wohl kaum etwas ausrichten. Die Killerin war weiter Richtung Ufer in die Büsche eingetaucht. Salino befand sich jetzt am Rand der Mulde. Vorsichtig schaute er hinein. Al Fasah hatte ein Loch im Kopf und neben ihm lag der Koffer. Frau Weppert hatte sich auf gleiche Höhe vorgearbeitet. Auf der anderen Seite der Mulde tauchte noch jemand auf. Schlottau. Er schaute in die Mulde hinab, hob seine Waffe und schoss mehrfach auf Salino. Salino reagierte schnell genug. Er drückte sich flach auf den Bauch. Die Kugeln schlugen dicht neben ihm im Gras ein. Ohne hinzusehen schoss Salino zurück. Frau Weppert blieb klugerweise in Deckung. Als es einige Sekunden ruhig blieb, hob Salino wieder vorsichtig den Kopf. Schlottau war in die Mulde gekrochen und versuchte den Koffer zu erreichen. Salino erhob sich und zielte sorgfältig. Diesmal drückte er auch ab. „Klick.“ Leer. Schlottau hatte das Geräusch gehört. Er riss die Waffe hoch. „Klick.“

„Ich habe noch Munition!“ behauptete Frau Weppert und richtete sich ebenfalls auf.

Schlottau war unsicher. Frau Weppert zielte auf ihn. Er forschte in ihren Augen und begriff, dass sie nicht log. Schlottau hob die Arme und ergab sich.

„Hier“, rief Nielson. Er warf Bruhns seine Waffe und ein neues Magazin herüber. Bruhns richtete sich auf. Die Kugel hatte nur den Mantel durchschlagen und seinen Rettungsring um die Hüfte gestreift. Es blutete, aber er konnte sich fast schmerzfrei bewegen. Bruhns lud die Waffe nach und verschaffte sich einen Überblick. Bis eben war noch geschossen worden. Jetzt war alles ruhig. Seine Augen suchten die Gegend ab. Der Nebel hatte sich etwas gelichtet. Hinter dem Hügel konnte er jemanden im Gras liegen sehen. Er wusste nicht, ob sie tot war oder nicht. Aber es war die einzige Person, die sah. Also schlich er vorsichtig auf sie zu.

Haider war umsichtig vorgegangen. Ein kleiner Weg führte hinunter an den See. Haider ließ kein Geräusch unbemerkt. Webermann würde ihn nicht in eine Falle locken. Hinter jedem Busch witterte Haider Gefahr. Das hier war die Wildnis. Da galt keine Unschuldsvermutung. Langsam arbeitete er sich bis an den See vor. Er hielt sich in Deckung. Sein Chef wäre stolz auf ihn gewesen. Er ließ sich nicht anschießen.

Vor sich hatte Haider ein lichtes Stück, ohne jede Deckung. Er übersah das Gelände. Da stand der Kerl. Und einen Partner hatte er auch dabei. Zwei gegen einen. Haider war kein Angsthase. Er pirschte sich vor, bis er die Unterhaltung der beiden Personen am Ufer fast belauschen konnte. Dann sprang er überraschend auf und rief: „Polizei.“

Der Mann hob eine Hand. Jetzt sah Haider den riesigen Hund, der den Mann zwischen den Beinen gefasst hatte. Die Frau, die eben noch auf Webermann eingeredet hatte drehte sich ebenfalls um. „Halten Sie sich da raus!“ rief sie Haider zu.

Haider schwenkte seine Pistole und zielte auf die Frau. Kein Knurren warnte ihn vor. Ein schwarzes Monster schoss auf ihn zu. Haider ließ vor Schreck die Pistole fallen. Ein riesiges Maul schlang sich um seinen Hals.

„Bleiben Sie ganz ruhig. Es passiert Ihnen nichts, wenn sie sich nicht bewegen“, erklärte Frau von Boeder. Haider hatte keineswegs vor, sich zu bewegen. Das sabbernde Maul hatte sich wie ein glibberiger Schal um seinen Hals gelegt. Es hätte vielleicht sogar angenehm sein können, wenn der Griff nicht so fest gewesen wäre und die dornenartigen Zähne nicht so piksen würden.

„Also“, fragte Frau von Boeder Webermann erneut. „Wo ist mein Mann?“

Webermann lachte kehlig. „Als ich die Hunde gesehen habe, wusste ich gleich wer sie sind.“

„Wo ist mein Mann, will ich wissen?“ beharrte Frau von Boeder.

„Ihr Mann ist bei den Fischen und ich wette, er fühlt sich dort wohler, als er es bei Ihnen jemals getan hatte.“

Webermann stöhnte. Offenbar hatte der Hund den Biss etwas verstärkt.

„Er ist tot mein, Gott“, jammerte Webermann. „Reicht das?“

„Tot?!“ Frau von Boeder schien mit der Antwort weniger zufrieden.

„Ja, tot.“

„Was ist passiert?“

„Er war zu gierig und hat sich eine Kugel eingefangen.“

„Wer hat ihn erschossen?“

Webermann schwieg. Frau von Boeder fragte noch einmal. Doch Webermann dachte gar nicht daran zu antworten.

„Thor!“

Die Schmerzensschreie mussten bis zu den Schlossruinen zu hören sein. Haider gurgelte nervös. Webermanns Hose wurde feucht. Dunkle Flecken deuteten an, dass der Hund tatsächlich zugebissen hatte. Thor ließ los, sprang auf und schnappte nach Webermanns Kehle.

Frau Boeder ging dichter an Frank heran.

„Deine Eier hast du schon verloren. Wenn du mir jetzt nicht sagst, was ich wissen will, dann …“

„Schon gut“, jammerte Webermann. Es war erstaunlich, der Hund ließ ihm genau so viel Luft, dass er sprechen konnte, aber Webermann wagte keinen Befreiungsversuch. „Ich war’s. Ich habe ihn umgebracht.“

„Wo ist er?“

„Tot! Das habe ich doch gesagt“, kreischte Webermann.

„Die Leiche?“

„Hinter meinem Haus. Ins Meer geworfen!“

Frau von Boeder war mit der Antwort zufrieden. Sie ging zu der Stelle, wo Haider die Waffe hatte fallen lassen und hob sie auf. Wenige Schritte später stand sie wieder vor Webermann und zielte auf seinen Kopf.

„Verdammte Schlampe!“ gurgelte Webermann verzweifelt.

Das hätte er besser nicht gesagt. Frau Boeder zog ohne mit den Wimpern zu zucken den Abzug durch.

„Oh Gott, oh mein Gott“, stöhnte Webermann, als er das Klicken hörte. Die Waffe war leer. Frau von Boeder schaute die Waffe enttäuscht an und warf sie weg. Ein Wort hätte genügt und Thor hätte Webermann zerfetzt.

„Thor, Wotan!“ Die beiden Hunde ließen los und trabten zu ihrer Herrin. Sie selbst wäre gerne dafür ins Gefängnis gegangen, wenn sie das Schwein erledigt hätte. Aber Thor hätte man womöglich eingeschläfert, wenn sie den Hund hätte zubeißen lassen. Dieses Opfer war Webermann wirklich nicht wert.

Haider rappelte sich mühsam hoch. Er sah zu der Frau, dann zu Webermann und wusste nicht, was er tun sollte.

„Nehmen Sie den Mann fest“, befahl Frau von Boeder. „Sie haben doch gehört, dass er einen Mord gestanden hat.“

Da war etwas dran. Bruhns würde stolz auf ihn sein. Er brachte einen Mörder mit nach Hause.

*

Am Westtor verlor Bruhns immer mehr den Überblick. Frau Weppert bedrohte seinen Kollegen Schlottau mit einer Pistole. Sein Verstand forderte von ihm, dass er Schlottau zur Seite stand. Aber seine Intuition sagte ihm, dass Frau Weppert, warum auch immer, im Recht war. Noch schwankte er, als die schwarze Gestalt mitten dazwischen sprang.

Diesen Schlottau hatten sie dingfest gemacht. Salino jubelte innerlich. Er achtete nicht auf seine Umgebung, daher wurde er von dem plötzlichen Auftauchen der Killerin völlig überrascht. Sie war wie aus dem Nichts am Rande der Mulde aufgetaucht und zielte auf Frau Weppert, die Schlottau in Schach hielt. Salino wusste, dass sie nicht eine Sekunde zögern würde zu schießen. Die nicht.

Es war zu spät, Frau Weppert zu warnen. Salino warf sich schreiend in die Schussbahn. Die Kugel traf sein Schulterblatt, wurde ablenkt und durchschlug auch noch den Trizeps seines linken Oberarmes. Frau Weppert fing ihn auf. Aber er glitt an ihr hinab, wie ein nasser Sack. Das war Glück. Die zweite Kugel, die die Killerin auf sie abfeuerte, traf nicht Salinos Schulterblatt, sondern sie bohrte sich durch die Rippen und blieb irgendwo in ihm stecken. Salino konnte es nicht fassen, er war tot. Er sah hinauf zu Frau Weppert, deren Gesicht starr vor Schreck war. Er sah noch ihre Sorgenfalten, während er langsam und kraftlos an ihr hinabglitt. Dann setzte die Dunkelheit ein.

Salino bekam nicht mehr mit, dass Monika ihm das Leben rettete. Bevor die Killerin einen weiteren und mit Sicherheit tödlichen Schuss abgeben konnte, war Monika aus ihrer Deckung aufgesprungen und hatte der Frau mit einem gezielten Tritt die Waffe aus der Hand getreten. Die rothaarige Frau schaute sie verblüfft an, reagierte aber viel schneller, als Monika jemals erwartet hatte. Der erste Fußtritt landete in ihrem Magen, der zweite auf ihrer Nase.

Unterdessen versuchte Schlottau nach der Waffe zu greifen, die gleich neben seinen Füßen gelandet war. Doch Bruhns hatte endlich den Überblick.

„Das würde ich nicht tun!“ schrie er energisch und zielte auf Schlottaus Kopf. Auch Frau Weppert hatte ihre Waffe wieder aufgehoben und zielte auf ihn. Schlottau rührte sich nicht. Bruhns schob sich, ohne den Gegner aus den Augen zu lassen bis zu Schlottau vor und hob dessen Waffe auf. Schlottau wusste, wann man verloren hatte. Obwohl, ganz vorbei war es noch nicht.

Monika war von den ersten Schlägen überrascht worden. Die Frau war topfit und Monika völlig aus der Übung. Doch allmählich fand sie sich wieder ein. Sie verpasste der Killerin ein paar harte Schläge aus ihrem Kickbox Repertoire. Dann setzte sie eine vierfache Trittkombination an. Damit hatte sie schon so manchen Kampf für sich entschieden. Die Tritte kamen blitzschnell und exakt. Zum Abschluss traf sie mit voller Wucht den Kehlkopf ihrer Gegnerin. Das war das Ende. Monika stand ruhig da. Sie war so verblüfft, dass diese Schläge keinerlei Wirkung zeigten, dass sie einen Moment lang vergaß, sich zu wehren. Die Rothaarige nutzte die Gelegenheit und setzte ihrerseits eine Schlagkombination an. So heftig war Monika noch nie getroffen worden. Ein Trommelfeuer von Hieben und Tritten ging auf sie nieder. Sie hatte keine Chance zur Deckung mehr. Sie wusste nicht mehr welcher Schlag es war, aber sie ging eindeutig k.o.

Die Rothaarige stand ruhig da und versuchte die Situation einzuschätzen. Bis zu Bruhns waren es sechs Meter, vielleicht zehn bis zu Frau Weppert. Frau Weppert schien ihr aber bei weitem der gefährlichste Gegner. Nichts war gefährlicher als eine Mutter, die ihr Junges verteidigte. Und genau diesen Ausdruck sah die Rothaarige in Frau Wepperts Augen. Sie wusste, dass das Spiel vorbei war. Einen Haken hatte die Sache. Sie galt als Namenlose. Es gab keine Fingerabdrücke von ihr, keine Gebissabdrücke, nichts, was irgendwelche Rückschlüsse auf ihre Identität zuließe. Sie war ausgebildet worden, Aufträge aller Art auszuführen und ein Versagen kam nicht in Frage. Schon gar keine lebendige Gefangennahme. Sie stieß keinen Schrei aus. Sie griff nur blitzartig und leise an.

Alles ging wahnsinnig schnell. Eben stand sie noch dort, im nächsten Moment war sie drei Meter näher an Frau Weppert herangekommen. In einer anderen Situation wären die Gegner vielleicht vor Überraschung erstarrt, wenn jemand, obwohl er von zwei Pistolen bedroht wurde, auf einen zu stürmte. Aber hier lief das anders. Bruhns Hüfte tat weh und er hatte endlich den Überblick. Und Marianne Weppert hatte geradezu auf so etwas gewartet.

Die Killerin war in Sekundenschnelle drei Meter dichter an Frau Weppert herangesprungen. Doch danach ging es nur noch rückwärts. Bruhns und Marianne leerten gleichzeitig und äußerlich regungslos ihre Magazine. Die einschlagenden Kugeln warfen die Rothaarige Meter für Meter wieder zurück. Zu guter Letzt blieb sie mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken liegen. Ein diskretes Stöhnen und Aushauchen war das Letzte, was man von ihr hörte. Dann entspannten sich ihre Muskeln und sie streckte alle Viere von sich.

Schlottau nutzte die Gelegenheit Bruhns einen kräftigen Haken zu verpassen und zu fliehen. Er rannte den Weg runter zum Turm. Bruhns schüttelte sich und wollte hinterher.

„Lassen Sie! Der kommt nicht weit“, rief Frau von Boeder, die inzwischen oben auf kleinen Anhöhe aufgetaucht war. Bruhns sah die Hunde. Die waren schneller als er und vor allem eleganter.

Schlottau schaffte es gerade noch, die steinerne Wendeltreppe der fünfstöckigen Turmruine zu erreichen, als er die Hunde bemerkte. Wohin sollte er nun entkommen? Hinauf? Und dann? Bevor er sich diese Frage beantworten konnte, waren die Hunde neben ihm. Aber sie fielen ihn nicht an, wie er zunächst befürchtet hatte. Sie standen nur da und beobachteten ihn. Schlottau versuchte gar nicht mehr zu entkommen. Er bewegte sich vorsichtig in Richtung Bruhns. Die Hunde folgten ihm.

„Chef, schauen Sie mal hier!“ posaunte Haider.

„Wer ist das?“

„Der Mörder!“ frohlockte Haider. „Tja Chef, ich stehe nicht mit leeren Händen da.“

„Ich auch nicht“, knurrte Bruhns genervt. In diesem Moment kam Ex-Kollege Schlottau im Geleit der beiden Doggen auf den Hügel marschiert.

„Toll Chef, aber das ist einer von uns. Erinnern sich nicht mehr, das ist Schlottau vom BND.“

„Wir brauchen einen Krankenwagen, aber schnell“, unterbrach Frau Weppert den Disput der beiden Männer. Aus der Ferne waren Sirenen zu hören. Das musste Nielson gewesen sein. Der tapfere Mann hatte sich zum Wagen zurückgeschleppt und Verstärkung gerufen.

Bruhns sah sich um. Monika war nicht ernsthaft verletzt und kam gerade wieder zu sich. Hinter dem Gebüsch abseits der Kuhle fand Bruhns die anderen beiden Araber mit einem sauberen Loch in der Stirn. Bruhns nickte anerkennend mit dem Kopf. Saubere Arbeit! Er ging zurück.

„Wer das hier war, werden wir wohl nie erfahren“, sagte er und zeigte auf die Rothaarige. „Aber dafür haben wir ja Sie, Schlottau!“

Kapitel 9

Als Salino die Augen wieder aufschlug, befand er sich da, wo er seiner Meinung nach im Moment auch hingehörte. Im Krankenhaus. Er war allein in dem Zimmer. Hinter ihm summten und piepten die Instrumente der Intensivmedizin.

Die erste erfreuliche Entdeckung war, dass er keinen Tubus im Hals stecken hatte. Die Vorstellung, eines Tages aufzuwachen und eine dicke Kunststoffröhre in der Kehle zu spüren gehörte zu den Erfahrungen, auf die er in seinem Leben gerne verzichtete. Einige Schläuche und Kabel waren aber schon an seinen Körper montiert. Salino überlegte, ob er es wagen könnte, sich zu bewegen. Ein kleiner Versuch, den Fuß zu bewegen konnte nicht schaden. Es fühlte sich nicht so an, als ob sich irgendetwas bewegte. Womöglich war er querschnittsgelähmt. Er erinnerte sich dunkel, wie ihn etwas am Rücken getroffen hatte. Und die anderen, schoss es ihm durch den Kopf. Hatten die anderen auch überlebt?

Die Tür wurde geöffnet. Jemand betrat das Zimmer mit schlurfenden Schritten. Eine leuchtend weiße Gestalt beugte sich über ihn und ein rundes, etwas pausbäckiges, fröhliches Gesicht fragte ihn auf Englisch. „Na sind wir endlich wach?“

Die Schwester hatte nette Augen. Salino wollte antworten, als er merkte, dass er wohl doch noch schlief und phantasierte. Die Schwester hatte etwas mit seinem Kopfkissen gemacht und direkt vor Salinos Augen sprang ihr Kittel auf. Die obersten beiden Knöpfe waren nicht verschlossen gewesen. Darunter fanden sich ein paar herrliche, prallrunde und feste Brüste. Selbst in England gab es nicht solche Krankenschwestern. Na, wenn das nur ein Traum ist, dachte Salino. Und hob die Hand, um nach den Brüsten zu greifen. Im Traum war das ja kein Problem. Ähnlich wie der Fuß, bewegte sich auch der Arm nicht. Das Wort Tantalus schoss Salino durch den Kopf.

„Hey. Wir wollen mal nicht komisch werden“, rief die Schwester lachend und schob seine Hand da weg. „Scheint Ihnen ja schon viel besser zu gehen.“

Nein, nein, das hatte er nicht gemacht. Höchstens im Traum, dachte Salino. Aber das hier war doch kein Traum.

„Fühlt sich alles noch ein bisschen taub an, nicht? Das liegt an dem Morphium. Sie haben ganz schön Rabatz gemacht, als Sie das erste Mal aufgewacht sind.“

Salino Schloss die Augen. Das konnte nur ein Traum sein.

„Na, doch noch nicht“, hörte er die Schwester sagen.

Salino öffnete die Augen wieder. Die Schwester war noch da. „Was nun? Wach oder nicht?“

„Wach“, sagte Salino krächzend. Sein Hals war trocken. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal was getrunken hatte. „Wasser.“

Die Schwester holte ein Glas Wasser und kam zurück. Sie legte einen Arm um seinen Hals und hob ihn vorsichtig an.

„Nur kleine Schlucke!“ warnte sie und setzte das Glas an seine Lippen. Das Wasser tat gut. Und die Brüste waren echt und näher als je zuvor. Alles hier war echt. Und Salino fühlte sich echt krank.

Als er genug getrunken hatte, ließ die Schwester ihn zurück aufs Kissen gleiten.

„Zeit für Besuch“, sagte sie und verließ das Zimmer.

Das Piepen hinter ihm wurde wieder langsamer. Salino hoffte, dass das nicht sein Herzfrequenzmonitor war. Die Schwester hätte sich sonst wohl ihren Teil gedacht.

Kurz darauf wurde die Tür wieder geöffnet. Frau Weppert beugte sich über sein Bett.

„Na endlich, wir haben uns schon Sorgen gemacht.“

Sie küsste ihn auf jede Wange zweimal und einmal auf die Stirn. Dann tauchte ein weiteres Gesicht auf. Nicht wirklich. Es war eher eine Art Mumie.

„Ich bin’s, Moni“, sagte Monika.

Salino starrte auf die Verbände in ihrem Gesicht.

„Du weißt ja, die Nase. War ja zertrümmert. Sie haben mir das Nasenbein rausgenommen. Der Arzt sagt, wenn alles verheilt ist, ist die Nase so biegsam, dass da nie wieder was passiert.“

„Und wie sieht das dann aus, so ohne Nasenbein?“ krächzte Salino.

„Normal! Hat der Arzt gesagt.“

„Der Arzt?“

„Sieht bestimmt nicht schlimmer aus als vorher“, tröstete Monika sich selbst.

„Und die anderen?“ fragte Salino

„Alles wohl auf“, begann Frau Weppert zu erzählen.

„Dieser Schlottau arbeitete in Wirklichkeit für den Mossad. Und al Fasah war Schlottaus Strohmann. Er sollte das Geschäft über die Bühne bringen. Es sollte so aussehen, als ob die Hamas die Bomben gekauft hätte. Aber dann hat Webermann versucht, mit den Israelis direkt zu verhandeln. Daraufhin war Schlottaus Plan hinüber. Niemand sollte jemals herausfinden, dass in Wirklichkeit der Mossad die Bomben gekauft hatte. Also hat Schlottau die rothaarige Frau beauftragt, alle Spuren zu beseitigen. Mein Mann hatte einfach Pech, weil er von alledem nichts wusste. Aber die Israelis dachten, dass er der Hauptverantwortliche und Partner von Webermann war. Und dieser Lehrer im Wald hätte die Rothaarige besser nicht dabei beobachten sollen, wie sie den Sprengsatz für von Boeders Fabrik aus dem Versteck holte. Bleibt für mich eigentlich nur noch die Frage, was dieser Lehrer dort im Wald überhaupt zu suchen hatte?“

„Und Frau von Boeder?“ fragte Salino, der darauf nicht eingehen wollte und den Ausführungen auch nur mühsam folgen konnte.

„Ihren Mann haben sie zwei Tage später aus dem Meer gefischt. Webermann hatte ihn umgebracht und hinter seinem Haus versenkt.“

„Die Polizei?“

„Bruhns und Haider? Die sind befördert worden. Jetzt arbeiten die beim BKA, wegen ihrer großen internationalen Fahndungserfolge. Ach und du bist fein raus. Wegen des Lehrers brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Da Schlottau alles gestanden hat, braucht Bruhns keinen Zeugen mehr. Ich soll dir von ihm ausrichten, wenn du überhaupt etwas gesehen hast, solltest du die Sache einfach vergessen. Ich weiß nicht genau, was er damit meinte?“

Monika wusste es schon, aber sie schwieg.

„Und wie geht es dir?“ fragte Frau Weppert ihn sorgenvoll. Salino erinnerte sich, dass er diesen Ausdruck in ihrem Gesicht schon mal gesehen hatte.

„Ich weiß nicht genau“, murmelte er. Wirklich weh tat ihm eigentlich nichts. Aber wie gesagt, das war wohl das Morphium.

„Das wird schon wieder“, tröstete ihn Monika.

„Die Kugeln mussten sie rausholen, aber sie haben nichts Lebenswichtiges getroffen. Die eine war ein glatter Durchschuss. Das Schulterblatt hat einen Sprung, zwei Rippen sind gebrochen und innen drin hast du ein paar Nähte, aber ansonsten bist du kerngesund.“

Salino guckte Frau Weppert an, als ob sie nicht ganz dicht wäre. Sie lachte.

„Immerhin hast du mir das Leben gerettet. So was geht nicht ohne Blessuren ab“, scherzte sie.

Und wenn sich in ihren Augen nicht ein Ozean von Mitgefühl widergespiegelt hätte, hätte Salino sicherlich wenig Verständnis für diese Art von Humor gehabt. Obwohl er nicht viel spürte, soviel wusste er doch. Es ging ihm gelinde gesagt scheiße.

„Hör zu“, sagte Frau Weppert und wurde plötzlich ernst. „Ich bleibe hier, bis es dir besser geht. Und sobald du transportfähig bist, nehme ich dich mit nach Hause.“

„Nach Hause?“

„Ja natürlich. Da kannst du dich dann erst mal richtig erholen.“

Allein das Wort Zuhause klang in Salino mit einem verhaltenen Echo nach. Er merkte nicht, dass sich seine Augen wieder geschlossen hatten und er vor Erschöpfung wieder eingeschlafen war. Alles woran er noch dachte, war, dass er nach Hause fahren würde. Bald.

Ende

Salino & die Furien (5) - © Copyright bei Ingolf Behrens, Hamburg, 2004. Alle Rechte vorbehalten.