Das alte Fernglas war etwas schwach gewesen, aber dieses hier lieferte gestochen scharfe Bilder. Andreas schwenkte von der kleinen Studentin, die immer am PC saß und im Halbstunden-Takt das Heulen anfing, hoch zum Arbeitslosen, der den ganzen Tag vor der Glotze saß und den man selbst über die Straße hinweg mit tiefe Stimme über die Versager von Politiker im Fernsehen schimpfen hörte.

So lange wohnte Andreas noch nicht in diesem Haus, aber er hatte im Arbeitszimmer ein ziemlich exponiertes Erkerfenster im dritten Stock. Von dort aus konnte man die Nachbarn zu allen Seiten hin kennenlernen.

Auf den Geschmack mit dem Fernglas war er durch die Prostituierte im zweiten Stock gegenüber gekommen. In deren Bude war immer reichlich was los. Die gute Frau schien auf einen Ferrari zu sparen. Jedenfalls arbeitete sie die Kunden im Akkord ab und verließ außer zum Einkaufen nur selten das Haus. Bis in die späte Nacht konnte man ihr in verschiedenen mehr oder weniger erotischen Outfits bei der Befriedigung ihrer Kundschaft zusehen. Dieses englische Schulmädchen, das sie bestimmt dreimal am Tag zum Besten gab, war nun überhaupt nicht seine Sache. Obwohl man zugeben musste, dass ihre kräftig trainierten Schenkel in der Strumpfhose unter dem viel zu knappen Faltenrock eine gewisse optische Gravitation hatten.

Aber seine Lieblingsnachbarn waren eindeutig das Ehepaar in der Wohnung darüber. Die passten so gar nicht zu der Hure unter ihnen. Er war offenbar Hausmeister und das nicht nur in dem Haus gegenüber. Der Mann fuhr mehrmals täglich in einem Renault Kangoo mit der Aufschrift „Gebäudemanagement“ los und trug dabei einen hellblauen Kittel mit derselben Aufschrift.

Mutti war durch und durch Hausfrau. Sie war einen guten Kopf kleiner als er, ziemlich pummelig, woran auch ihre morgendlichen Bemühungen sich in viel zu enge, figurformende Wäsche zu zwängen, nichts änderte. Aber es amüsierte Andreas morgens beim ersten Kaffee am Schreibtisch zu sehen, wie sie sich auf dem Bett herum rollte und mit beiden Händen und aller Kraft versucht die Miederhose über ihre fetten Schenkel zu ziehen. Wobei es auch nichts half die Beine die Luft zu strecken, oder auf der Stelle rauf und runter zu hüpfen, so dehnbar war auch dieser inzwischen leicht veraltete Hightech-Stoff nicht.

Dieses Hausmeisterpaar war wie ein Schweizer Uhrwerk. Sie machte ihm morgens pünktlich um halb acht im Morgenmantel das Frühstück. Sein Brot selber schmieren konnte der ansonsten handwerklich mit allen Wassern gewaschene Blaukittel wohl nicht. Jedenfalls schmierte Mutti ihm zwei Brote und stellte dann frischen Kaffee dazu.
Während er dann Zeitung las bereitete Mutti die Lunch-Box vor. Wenn er sich genug gebildet hatte, stand er kommentarlos auf und machte sich auf zur Arbeit. Mutti hielt ihm die braune Ledertasche mit der Lunch-Box und der Zeitung hin. Er nickte und ging. Kaum war er aus dem Haus, begab sich Mutti ins Bad und dreißig Minuten später quälte sie sich dann gewöhnlich ins Mieder. Noch ein bunter Haushaltskittel drüber und sofort begann das erste Saugen. Gegen zehn wurde der Kittel gegen Bluse und Rock getauscht, dann ging es zum Einkaufen. Anschließend Mittagessen vorbereiten. Punkt 13:10 Uhr kommt Vati nach Hause und hängte seinen Kittel an den Haken neben der Küchentür. Das Essen wurde schweigend eingenommen und während Mutti abräumte, legte Vati sich ein Stündchen aufs Sofa. Mit der gleichen Routine holte Mutti sich dann die kleine Fußbank, weil sie ja doch recht klein war, stellte sie vor das Sofa und begann kniend, den kleinen Hausmeister auszusaugen. Anschließend ging sie an den Eisschrank und spülte mit einem Schnaps nach, putzte sich die Zähne und zog den Lippenstift wieder zurecht.

14:30 Uhr ging Vati wieder seiner Erwerbstätigkeit nach. Mutti putzte derweil, nun wieder im Kittel bis Vati um 17:30 wiederkam.

Dann war das Abendessen zwar fertig, aber vor dem Essen nahm sich Vati noch mal, die über den Küchenstuhl gebeugte Ehefrau, vor. Wenn dann die stramme Miederhose wieder über den Hintern gezerrt worden war, aß man zu Abend. Anschließend noch ein wenig fernsehen und dann ging Mutti eine gute Stunde vor ihm ins Bett. Am nächsten Tag das Ganze von vorn. Sie lief das nun schon ab, seit Andreas hier eingezogen war.

Andreas schob die Fertigpizza in den Ofen. Er sah auf die Uhr, sie würde pünktlich fertig sein, um beim Essen Muttis Blasekünste zu bewundern. Andreas vermutete, dass Vati mit Mutti und er mit seiner Pizza in etwas gleichzeitig fertig sein würden. Offenbar begann Andreas seinen Tag mit dem des Nachbarehepaares in gewisser Weise zu synchronisieren. Andreas war auch ein Mensch mit Gewohnheiten, daher ergab sich das fast von selbst.

Als Andreas sich wieder an die Arbeit an seinem Computer machte, sah er den Hausmeister unerwartet in der Wohnung der Prostituierten auftauchen. Offenbar hatte er dort irgendwelche Reparaturen auszuführen. Andreas überlegte, wie es der Frau des Hausmeisters wohl gefallen würde, wenn sie wüsste, wo ihr Mann gerade seinen Schraubenzieher schwang. Während er sich das noch lächelnd vorstellte, sah er, wie sich seine Nachbarin rittlings auf dem Hausmeister zu schaffen machte. Das war ja mal was Neues. Oben stand seine Frau im Schlafzimmer und warf sich gerade wieder in ihren Kittel. Doch sie verharrte plötzlich und schien zu lauschen. Unten schien der Hausmeister gerade dem Höhepunkt entgegen zu streben. Andreas Blick ging mitsamt Fernglas zwischen diesen beiden Wohnungen hin und her. Schnell war klar, dass Mutti sich gerade auf den Weg nach unten machte.

Leider konnte man nicht hören, was gesprochen wurde, oder ob da drüben geklingelt wurde. Der Hausmeister jedenfalls war dabei die Wohnung vorzeitig zu verlassen und die Prostituierte stand unschlüssig irgendwo am Zugang zum Flur herum. Andreas konnte von hier aus nur ihre Beine in den gelben Stilettos sehen. Er wusste aber, dass sie noch ihr lila Korsett mit den Strapsen trug.

Andreas musste eine Rauchen, das war viel zu aufregend. Nun rannte die Prostituierte zurück in ihr Schlafzimmer. Sie schlug die Tür zu und stemmte sich sicherheitshalber dagegen. Die Frau des Hausmeisters kam ihr nach und versuchte die Tür zu öffnen. Andreas glaubte ein Messer in ihrer Hand zu erkennen. Kam jetzt die Szene aus Shining? Jedenfalls hatte die Hausmeistergattin keinerlei Schwierigkeiten die Tür aufzudrücken. Ganz unten schwang sich der Hausmeisterlümmel in den Kangoo. Er schien unverletzt. Oder war auf der Flucht.

Als Andreas das Fernglas wieder auf das Schlafzimmer der Prostituierten gerichtet hatte, hatte er wohl etwas Wesentliches verpasst. Die Frau war verschwunden und nur die pummelige Hausmeisterin stand sinnierend in dem Schlafzimmer. Dann bewegte sie sich schnell in die Küche, die Andreas nicht einsehen konnte, weil ausgerechnet dort Gardinen hingen. Er sah aber, dass es kurz darauf zu einem Gerangel der beiden Frauen im Flur kam. Auch wenn er nur die Beine sah, konnte er aufgrund der Schuhe sehen, dass die Hure irgendwann zu Boden ging. Dann wurde der Kampf wohl wieder in der Küche fortgesetzt.

Es dauerte lange, dann stellte Andreas fest, dass die Frau des Hausmeisters wieder in ihrer Wohnung war. Sie stand am Waschbecken in ihrer Küche und versuchte wohl Flecken aus der weißen Bluse zu waschen. Dank des neuen Fernglases erkannte Andreas gut, dass die Bluse vorne komplett mit Blut getränkt war. Die Hausmeisterin gab ihren Versuch bald auf, zog die Bluse und den Rock aus und stopfte sie in die Waschmaschine.

„Amateur“, grunzte Andreas, der sein Geld mit dem Schreiben von Krimis verdiente. „Das Blut kannst du nicht rauswaschen.“

Doch die Hausmeisterin stapfte seelenruhig in ihrer champagnerfarbenen Miederhose und dem Monster-BH, der bis zum Bauchnabel ging in ihr Schlafzimmer und zog sich andere Sachen an. Dann fing sie an die Wohnung zu putzen.

„Und was ist mit der Leiche?“ fragte Andreas so laut, dass sie es eigentlich drüben hätte hören müssen. „Die finden sie doch irgendwann. Und dann sind da Spermaspuren von deinem Mann und überall sind deine Fingerabdrücke, du dumme Nuss!“ Andreas regte sich über so ein amateurhafte Gehabe mächtig auf.

Unten klingelte ein Freier, den Andreas schon kannte. Jetzt wurde es spannend. Aber der gute Mann zog nach zehn Minuten unverrichteter Dinge wieder ab. Die Prostituierte von drüben hatte noch nie ihre Mitarbeit verweigert. Jetzt war Andreas sicher, dass sie tot war. Oder zumindest schwer verletzt.

Machte er sich gerade der unterlassenen Hilfeleistung schuldig? Darauf stand Gefängnis, das wusste er. Und das machte in mächtig nervös.

Andreas starrte rüber in die Wohnung. Die Frau tauchte einfach nicht wieder auf. Ein zweiter Kunde zog frustriert wieder ab. Jetzt wurde es Andreas zu viel. Wenn die ihn drankriegten, das konnte er nicht riskieren.

Andreas wählte die Nummer der Polizei. Eigentlich wollte er den Mord anonym melden, aber wie sollte er erklären, warum er glaubte einen Mord beobachtet zu haben?

Minuten später hielten zwei Streifenwagen vor der Tür. Drei Beamte betraten das Nachbarhaus. Einer klingelt bei ihm.

Andreas erzählte von dem fremdgegangenen Hausmeister, seiner Frau, dem Kampf, der Bluse, dem Blut und der Waschmaschine. Der Beamte notierte alles und dann folgte er seinen Kollegen ins Nachbarhaus. Drüben waren schon zwei Beamte damit beschäftigt, die Waschmaschine anzuhalten und auszuräumen. Ein weiterer tauchte in dem Wohnzimmer der Prostituierten auf und zeigte hinüber zu Andreas, der die Angelegenheit mit seinem Fernglas verfolgte. Plötzlich tauchte die Prostituierte neben dem Polizisten auf und schaute auch zu ihm hoch. Auch die rundliche Hausmeisterin starrte in diesem Moment zu ihm rüber. Offenbar gab es jede Menge Motive, jede Menge Gelegenheiten, aber leider keine Leiche.

Der Polizist, der ihn vorhin schon befragt, hatte klingelt bei ihm: “Leider falscher Alarm“, erklärte der Beamte. „Da wurde nur im Streit eine Flasche Ketschup geworfen und die ist kaputtgegangen. Die ganze Küche sieht gesprenkelt aus und ihre Nachbarin versucht schon seit einer Stunde die Tapete wieder sauber zu kriegen. Ging wohl um den Mann, war aber auch nicht das erste Mal. Gott wenn er halt mal zur Abwechslung zu einer Professionellen geht, ... aber was geht mich das an.“

Der Polizist lupfte die Mütze zur Verabschiedung und damit war die Sache für ihn wohl erledigt.

„Ach ja, eins noch: Es liegen zwei Strafanzeigen wegen Spannens gegen Sie vor. Aber da wird sich die Staatsanwaltschaft dann noch mit Ihnen in Verbindung setzen. Schönen Tag noch.“