Der Rosenverkäufer | Textentertainment

Der Rosenverkäufer

Kurzkrimi

“Ich geh dann jetzt zum Kegelabend”, hatte sie gesagt, als sie ihn verlassen hatte.

“Das Essen steht auf dem Herd, musst es nur noch warm machen.”

Hermann lachte still vor sich hin, während er die Stile der Rosen mit dem hochgiftigen Pflanzenschutzmittel einstrich. Als Konzentrat schon bei der Berührung mit bloßer Haut tödlich. Ein Nervengift! Genau das hatte er gesucht.

“Kegelabend, dass ich nicht lache!” Hermann wusste genau, wohin sie jetzt ging.

Zufällig hatte er Rosa gesehen. Vor einiger Zeit. In der Innenstadt. Wie sie mit diesem Kerl Kaffee getrunken hatte. Er hatte die beiden beobachtet. Sie trafen sich immer mittwochs. Rosa verließ die Kegelrunde vorzeitig und dann gingen sie noch essen oder ins Kino. Später dann zu ihm nach Hause. Hermann war ihnen bereits einige Male gefolgt. Jedes Mal platzte er fast vor Wut, wenn sie spät nachts nach Hause kam und sie ihm den neuesten Klatsch ihrer Kegelschwestern erzählte. Alles frei erfunden. Aber er sagte nichts und kochte dabei auf kleiner Flamme vor sich hin. Er hatte einen Plan. Einen mörderischen Plan der Rache und wartete auf die passende Gelegenheit.

Diese Gelegenheit war ihm heute Morgen endlich in den Schoß gefallen, im wahrsten Sinne des Wortes. Als er beim Frühstücken die Zeitung hochgehoben hatte, lag dort Rosas Notizbuch. Sie hatte es wohl verlegt. Schnell hatte er die Seiten durchgeblättert. Unter dem heutigen Datum fand er, wonach er gesucht hatte. Natürlich wäre sie nicht so dumm, ein Rendezvous einfach so zu notieren. Aber einen kleinen Hinweis vielleicht.

“K. M.” Das waren seine Initialen, Hermann hatte es an dem Namensschild seiner Wohnung gesehen. “K. M. 10 Uhr.” Das sollte natürlich 22 Uhr heißen.

“K. M. 1000 Uhr im La Paz.” Nicht weiter auffällig, wenn man bedenkt, dass sie als Kosmetikberaterin tagsüber viele Termine hatte, auch in Gaststätten. Aber dieser Termin war nach dem 18 Uhr Termin eingetragen und es waren diese verräterischen Initialen. Er wusste jetzt, wo dieser Kerl auf sie warten würde und das war alles, was er brauchte, um seinen Plan auszuführen.

Als Hermann die Straße betrat, war er froh, dass es noch so bitter kalt war. Da würden seine schwarzen Gummihandschuhe gar nicht weiter auffallen.

Hermann musste diese Handschuh tragen, denn, wenn das Gift der Rosenstiele seine Haut berührt hätte, wäre er nach wenigen Minuten jämmerlich verendet. Ein scheußlicher Tod, einsetzende Lähmung bis schließlich Herz oder Lunge versagt. Na ja, es dauert nicht besonders lange, dachte sich Hermann und grinste.

Er hatte seine abgetragensten Kleidungstücke angelegt, Sachen die Rosa längst in die Altkleidersammlung gegeben hätte, wenn Hermann sie nicht im Bastelkeller unter Verschluss gehalten hätte. Er musste aussehen wie ein richtiger Rosenverkäufer.

Völlig durchgefroren stand Hermann vor dem La Paz. Immer wieder stierte er durch die halbbeschlagenen Scheiben und hielt nach seinem Nebenbuhler Ausschau. Kurz nach halb zehn. Er musste jeden Moment kommen. Sein Plan war einfach. Wenn der Kerl am Tisch saß, wollte er hingehen und ihm seine vergifteten Rosen andrehen. Ganz bestimmt würde er eine für seine Rosa kaufen. Er war ganz sicher der romantische Typ.

Und wenn er keine kaufen würde? Na, dann musste Hermann ihm eben eine schenken. Das könnte dieser Kerl nicht ablehnen. Wer mit andererleuts Frauen loszieht, der verschenkt auch gerne andererleuts Rosen. Der Kerl würde die Rose in die Hand nehmen und Hermann so schnell er konnte wieder verschwinden. Kurz darauf wäre dann alles vorbei.

In dem Tumult, wenn der Kerl röchelnd am Tisch zusammenbrach, würde sich niemand mehr um den Rosenhändler kümmern. Niemand ahnte ja, das der Ärmste nicht an einem Infarkt, sondern an einer vergifteten Rose gestorben wäre. Niemand würde sich später an den Verkäufer erinnern. Er war einer von vielen.

Hermann starrte zufrieden durch das Fenster. Jeden Moment konnte es soweit sein. Doch plötzlich hörte er eine fremdsprachige Stimme. Direkt hinter ihm. Er merkte erst gar nicht, dass jemand mit ihm sprach. Hermann verstand nicht, was die beiden Männer sagten, die da hinter ihm standen.

“Ist nicht dein Revier hier!” rief der eine, nachdem er bemerkt hatte, dass Hermann nur Deutsch sprach.

“Verschwinde!” schnauzte ihn der andere an.

Hermann überlegte, was die beiden von ihm wollten.

“Chef sagt: Nur wir verkaufen Rosen in dieser Kneipe.”

Hermann verstand immer noch nicht.

“Verschwinde!” Sie zeigten ziellos in die Gegend. “Geh woanders!”

“Das geht nicht”, wollte Hermann einwenden, doch schon schubsten ihn die beiden gegen die Wand. “Ich bin doch nur heute …”

Die beiden wollten von alledem nichts wissen.

“Hau ab!” Ihre Stimmen wurden wütend.

“Nein!” rief Hermann. So kurz vor dem Ziel wollte er keinesfalls aufgeben.

Die beiden schauten sich fragend an. Dann stürzten sie sich auf Hermann, der sich verbissen wehrte. Er bekam Schläge ins Gesicht. Wild schlug er zurück, verteidigte sich mit aller Kraft. Doch sie stießen ihn zu Boden, und entrissen ihm die Rosen. Entsetzt sah ihnen Hermann seinen Rosen hinterher. Gott sei Dank, die Kerle trugen Handschuhe.

“Hau ab, jetzt!” riefen sie noch mal.

Hermann taten alle Knochen weh, er konnte sich nur mit Mühe rühren. Doch dann traf es ihn wie ein Schlag. Wenn die zwei jetzt seine Rosen an die ahnungslosen Gäste verkauften? Dutzende Tote könnte es geben. Er würde als Massenmörder dastehen. Nein, das wollte er nicht. So war das nicht geplant. Er wollte nur diesen verdammten Kerl. Aber Unschuldige? Nein, niemals.

Hermann riss sich zusammen. Er rappelte sich hoch und wankte auf die Tür zu. Mit einem Blick erfasste er die Situation. Noch war alles in Ordnung, keine Rose verkauft. Aber der kleinere Verkäufer, der Hermanns Bündel im Arm hatte, wollte gerade ein Geschäft abschließen. Hermann sah, wie er das schon Geld einsteckte und eine Rose aus seinem Bündel zog.

“Neeein!” schrie Hermann gellend und stürzte auf den Verkäufer los.

Alle Gäste schauten ihn verblüfft an. Der kleine Verkäufer drehte sich um und erkannte Hermann. Er holte mit dem Bündel Rosen aus und traf Hermann im Gesicht. Hermann achtete nicht weiter darauf. Er schaffte es gerade noch, den Verkäufer mit zu Boden zu reißen und ihn dort festzuhalten. Hermann wusste, was in wenigen Sekunden geschehen würde, wenn das Gift der Rosen zu wirken begann. Eigentlich war er schon tot. Sein Blick glitt hinauf, zu dem Gast an dem Tisch. Der würde ihm später wohl dankbar sein. Schließlich hatte ihm Hermann gerade das Leben gerettet. Doch da war nur dieser Kerl, der Liebhaber seiner Frau, der irritiert auf Hermann hinab sah.

“Verdammt”, dachte Hermann, während er mit aller Kraft versuchte, ein letztes Mal durchzuatmen. “Es hätte funktioniert! Und der Mistkerl hätte die Rose sogar noch bezahlt.”

Der Rosenverkäufer (80) - © Copyright bei Ingolf Behrens, Hamburg, 1997. Alle Rechte vorbehalten.