Der unkeusche Hirte | Textentertainment

Der unkeusche Hirte

Kurzkrimi

Kommissar Bruhns griff in seine Tasche. Aus der Dose zog er eine dieser kleinen weißen Pille, die seinen Tag in Stunden unterteilten.

„Diese zerstückelten Leichen schlagen mir immer auf den Magen“, erklärte er dem Streifenpolizisten neben sich.

Der nickte verständnisvoll.

„Wer ist das?“ fragte Bruhns weiter und sah auf den blutigen Klumpen am Boden.

„Wer war das?“ korrigierte ihn neunmalklug der Beamte in Uniform und fügte dann nach angemessener Pause hinzu: „Vater Bräutigam.“

„Ein Pfarrer?“

„Ein guter Katholik, sonst hätte ich ihn wohl nicht Vater genannt.“

Bruhns hasste diese klugscheißenden Streifenhörnchen.

„Haider!“ bölkte er zu seinem Kollegen hinüber. „Was ist das dort? Dort hinten in der Ecke!“ Bruhns zeigte mit ausgestrecktem Arm hinüber.

Haiders Blick folgte träge der Armbewegung. Dann griff er leicht angewidert hinter den breiigen Schädel der Leiche und zerrte etwas aus der blutigen Masse hervor.

„Ist das ein Taschentuch?“ fragte Bruhns genervt nach.

Haider streckte ihm das blutige Stück Stoff entgegen. „Ein Damen-Slip“, fügte er erklärend hinzu.

„Ein Slip? Bei einem Pfarrer?“ fragte Bruhns ungläubig.

„Ein Sexualdelikt?“ fragte Haider vorsichtig.

Bruhns griff fassungslos in die Tasche und nahm eine weitere Pille.

„Sie sollten nicht so viel von diesem Zeug nehmen“, belehrte ihn Dr. Martens, der Gerichtsmediziner.

„Schon irgendwelche gewichtigen Erkenntnisse?“ fragte Bruhns, ohne auf seinen Kommentar einzugehen.

„Der Mann ist erschlagen worden“, erklärte Dr. Martens achselzuckend.

„Das sehe ich auch“, nörgelte Bruhns.

„Warten Sie auf meinen Bericht.“ Martens zuckte nochmals mit den Achseln und ging.

„Haider?“ rief Bruhns, bevor er eine weitere Rennie einschmiss. „Vielleicht hätten Sie die Güte, nach weiteren Indizien zu suchen. Vielleicht finden Sie dann auch Hinweise auf eine mögliche Geliebte Bräutigams.“

„Bräutigam hatte eine Geliebte?“ fragte Haider erstaunt.

Bruhns verdrehte die Augen. Seine Hand bewegte sich automatisch in Richtung Tasche, doch dann riss er sich zusammen. „Such!“ brüllte er Haider stattdessen an und der tobte daraufhin auch tatsächlich los.

Die Überreste von Vater Bräutigam wurden gerade in einem schwarzen Plastiksack verstaut. Doch Bruhns stoppte die Kollegen. Etwas in all dem Blut hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Er fummelt es aus der Fleischmasse, die entfernt Ähnlichkeit mit der Hand des Verstorbenen hatte. Dann wischte Bruhns das Blut von der kleinen Aluminiumplatte.

„42“, er las die Nummer auf der Metallmarke laut vor und murmelte dann: „Level 42. Wenn ich ihn nur schon erreicht hätte.“

„Sagen Sie, was könnte das sein?“ wollte Bruhns vom Messdiener Strotzer, der die Leiche gefunden hatte, wissen und hielt ihm das Plättchen hin. Strotzer stockte, war irritiert und starrte stumm auf das Metallplättchen. Dann krächzte er: „Keine Ahnung.“

Bruhns sah ihn misstrauisch an. „Das war wohl ein Schock, als Sie die Leiche hier fanden?“

„Ja“, tönte Strotzer einsilbig zurück. Bruhns ließ ihm Zeit. „Ich wollte Vater Bräutigam zur Abendmesse rufen. Da sah ich ihn hier liegen.“

„Woher wussten Sie das?“

„Was?“ fragte Strotzer noch irritierter zurück.

„Dass es Vater Bräutigam war. Ich hätte ihn in diesem Zustand nicht erkannt.“

Strotzers Mundwinkel begannen zu zucken. „Ich weiß nicht. Wer hätte es denn sonst sein sollen?“

„Tja, wer hätte es sonst sein sollen?“ wiederholte Bruhns in Gedanken versunken und fischte nach dem Döschen in seiner Tasche.

„Ob der Vater ein Verhältnis, ich meine mit einer Frau, hatte, ist Ihnen nicht bekannt, oder?“ fragte er den Messdiener dann direkt und ohne Strotzer anzusehen.

„Ein Verhältnis? Nein, davon weiß ich nichts. Aber wenn, dann weiß sicher Frau Bader darüber Bescheid. Sie macht ihm den Haushalt. Vielleicht sollten Sie die mal fragen.“

„Vielleicht werde ich das auch tun“, antwortete Bruhns gekränkt, obwohl er genau wusste, dass er das mit Sicherheit nicht tun würde. Er hasste Verdächtige und Zeugen, die ihm allzu deutlich auf die Sprünge helfen wollten. Er hasste überhaupt alle Superschlauen dieser Welt, legte den Kopf zurück und ließ die drei Rennies wirken.

„Ich hab’s“ rief Haider, als er das Zimmer betrat. „Was denn?“ brummelte Bruhns, Ungutes ahnend.

„Ich hab die Haushälterin befragt. Doch die wusste nichts von einer Frau.“

Bruhns stöhnte schmerzverzerrt auf.

„Aber!“ triumphierte Haider weiter. „Dann habe ich ihren Kleiderschrank gefunden.“
„Haben Sie die Sachen an die Spurensicherung weitergeleitet?“ erkundigte sich Bruhns erleichtert.

„Nein.“

„Wieso nicht?“ fragte Bruhns witternd.

„Na, es waren keine Kleider mehr da.“

Bruhns stöhnte auf: „Aber Sie sagten doch ...“

Haider unterbrach ihn: „Im Schuhschrank des Pfaffen habe ich auch nachgesehen.“

„Haider, bitte“, versuchte Bruhns seinen Kollegen zur Ordnung zu rufen. „Da war ein Paar knallrote Pumps“, erklärte Haider strahlend.

„Und?“ Bruhns zitterte bei der Frage bereits.

„Und ... der Kleiderschrank war leer. Ich stelle mir das so vor.“

Bruhns griff nach dem Döschen in seiner Tasche, ließ Haider aber ausreden.

„Sie haben sich wohl getrennt, und sie hat alles mitgenommen. Aber sie hat die Schuhe vergessen. Das hat sie verraten.“

„Verraten?“ fragte Bruhns kopfschüttelnd. „Und den Slip hat sie natürlich auch vergessen.“

„Genau.“ Haider strahlte übers ganze Gesicht.

„Dann müssen wir ja nur nach DNA-Spuren in den Schuhen und dem Slip suchen und dann ist die Frau überführt.“

„Guter Plan, Chef! Soll ich die KTU ... „

„Haider?“

„Ja, Chef?“

„Haider, wer ist denn nun diese Frau und warum hat sie den Pfarrer wohl umgebracht? Haben wir da eine Idee?“ fragte Bruhns genervt.

Angestrengt dachte Haider nach. „Ich weiß nicht, Chef. Vielleicht wollte er ihr den Slip nicht wiedergeben?“

„Haider, wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass Sie Ermittlungen leiten, hätte er Sie zum Kommissar gemacht.“ Leise fügte Bruhns noch hinzu: „Und wenn er mich hätte in den Wahnsinn treiben wollen, wären Sie jetzt mein Vorgesetzter.“

Bruhns spielte gedankenverloren mit dem Metallplättchen, das er der Leiche entwendet hatte.

„Haben Sie mal daran gedacht, dass die Schuhe vielleicht der Haushälterin gehören könnten?“

„Aber nicht Größe 44. Frau Bader ist eine zierliche Person“, erwiderte Haider stumpf und beobachtete das Spiel mit der Münze. Plötzlich wurde Haider wach. „Ach, die muss ich wohl verloren haben“, rief er und griff nach dem silbernen Plättchen. Bruhns starrte ihn irritiert an, hielt aber das Metallstück fest. „Wie kommen Sie darauf?“ fragte er Haider verdutzt.

„Na, das sieht aus, wie eine meiner Wäschemarken.“

„Wäschemarke?“ wiederholte Bruhns abwesend. Doch dann hatte er verstanden. „Gut, Haider, wir fahren jetzt zu Ihrer Wäscherei. Und wenn wir für diese Marke tatsächlich eines Ihrer Kleidungsstücke erhalten, verhafte ich Sie wegen Mordes“, schnaubte er voller Genugtuung. „Dieses Stück Metall habe ich nämlich dem Toten aus der Hand gerungen.“

Haider schluckte erschreckt, doch schon zog ihn Bruhns hinter sich her zum Auto.

„Nein, nein. Das gehört mir nicht“, schrie Haider, als Bruhns in der Wäscherei ein übergroßes rotes, in Plastik gezogenes Kleidungsstück in Empfang nahm.

„Sind Sie ganz sicher?“ brüllte Bruhns in an und hielt ihm den Bügel mit dem Plastiküberzug unter die Nase. „Sind Sie wirklich sicher? Sie haben es doch noch nicht einmal ausgepackt.“

„Ich bin ganz sicher“, schrie Haider an der Grenze zur Hysterie zurück. „Ich bringe hier doch nur Bettwäsche hin. Und die ist immer getigert.“

„Aha“, grunzte Bruhns zufrieden und wiederholte laut und genüsslich: „Getigert!“

Erst wollte Haider in den Boden versinken, doch dann riss er die Verpackung auf und breitete das Kleidungsstück auf der Theke aus.

„Der rote Tod“, murmelte er ehrfürchtig und zeigte auf den dunkelroten Talar. „Der Pfarrer – er war der rote Tod.“

Der ›rote Tod‹ geisterte seit einiger Zeit durch die Presse. Eine Serie von Sexualdelikten wurden ihm zugeschrieben und seinen Namen hatte er von einer Zeugin erhalten, die sich seinen Fängen in letzter Sekunde entwunden hatte und fliehen konnte. Sie berichtete, dass ein kräftiger Mann, mit einem roten Talar bekleidet, ihr ein Messer an den Hals gesetzt hatte. Dann musste sie sich auf den Boden knien, um das ›letzte Abendmahl‹ zu empfangen, wie er es nannte. Doch das endete immer tödlich, mit einem Einstich etwas versetzt unterhalb der achten Rippe, und einem blutigen Kreuz, das er den Frauen anschließend in die Brust schnitt.

Wieder auf dem Revier versuchte Bruhns, die wahrscheinlich gar nicht vorhandenen kleinen grauen Zellen des Kollegen anzuregen: „Haider, wenn Vater Bräutigam der ›rote Tod‹ war, weshalb ist er dann jetzt tot?“

„Rache“, hauchte Haider. „Eines der Opfer hat ihn erkannt und sich bitter gerächt.“

„Und anschließend hat die Mörderin ihm ihr Höschen über den Kopf gezogen und ihre Pumps in seinem Schuhschrank versteckt, um den Verdacht von sich abzulenken.“

„Genau!“ zischte Haider. „Chef, Sie sind ein Genie!“

„Ein Depp sind Sie, ein absoluter Depp“, herrschte Bruhns ihn an, dem langsam der Geduldsfaden riss. „Haben Sie das hier gesehen? Das ist wirklich interessant“, fuhr er dann ruhiger fort.

Haider schaute gelangweilt in die Akte, die Bruhns ihm hinhielt. „Das ist der Bericht des Gerichtsmediziners. Bräutigam starb an einer Schnittwunde unterhalb der achten Rippe. Sagt Ihnen das was?“

„Ja, aber das sage ich doch. Er musste genauso sterben wie seine Opfer.“

„Und warum wurde er hinterher so zugerichtet, dass nur ein Gerichtsmediziner die Wunde erkennen konnte? Das passt nicht.“

„Vielleicht waren es zwei Täter?“

„Haider, tun Sie mir einen Gefallen, gehen Sie runter in die Apotheke und holen Sie mir irgendwas für meinen Magen.“

„Irgendetwas?“, erkundigte sich Haider. „Ja, völlig egal was. Ich muss nachdenken, das kann ich ohne Magen nicht.“

„Aber ja, wir haben zwei solcher roten Talare“, bestätigte Frau Bader eifrig und Haider notierte es gewichtig, derweil Bruhns eine Tablette nachwarf. „Wenn einer benutzt wurde, dann bringt ihn der Messdiener zur Reinigung und holt den sauberen wieder ab ...“

„Sie meinen Messdiener Strotzer, ja?“

„Genau, das macht immer der Strotzer.“

„Und es ist immer dieselbe Wäscherei?“ fuhr Bruhns freudig fort. „Natürlich, wir bekommen dort doch Rabatt. Man muss heutzutage ...“

„Einen Moment, so schnell kann ich nicht schreiben“, funkte Haider dazwischen.

„Hören Sie schon auf damit. Holen Sie mir diesen Strotzer ran“, befahl Bruhns.

Beleidigt zog Haider ab.

„Und Sie sind sich sicher, dass Sie nicht wissen, wem die roten Pumps dort im Schrank gehören“, versicherte sich Bruns noch einmal und wies auf den Schuhschrank.

„Natürlich weiß ich das“, entrüstete sich die energische Mittvierzigerin. „Aber Sie sagten doch ...!“

„Ich sagte nur, dass Vater Bräutigam keine Frau hier hatte, das weiß ich bestimmt. Und nur danach wurde ich ja von Ihrem Kollegen gefragt.“

„Und die Schuhe?“ staunte Bruhns fassungslos.

„Die Schuhe und die ganzen Sachen, die in dem Schrank waren, gehörten meiner Vorgängerin. Aber warum Vater Bräutigam sie aufgehoben hat, weiß ich wirklich nicht. Vielleicht dachte er, sie würden irgendwann noch einmal abgeholt.“ Bruhns zählte nervös die Pillen in seiner Schachtel, das Ende war nahe.

„Na Strotzer!“ empfing ihn Kommissar Bruhns triumphierend. „Erkennen Sie das nun wieder?“

Er hielt ihm erneut die Wäschemarke vor.

„Sie brauchen nicht zu antworten. Sie haben mich angelogen. Sie wussten, was das für eine Marke war. Das hätten Sie auch unter Schock erkennen müssen.“

Bruhns machte eine Atempause, fing den bewundernden Blick von Haider auf und wendete sich angewidert dem Messdiener zu.

„Sie wussten auch, was wir dort finden würden.“

Bruhns ließ die Worte wirken, doch Strotzer schwieg steif.

„Sie sind der ›rote Tod‹, nicht wahr? Strotzer?“ fragte Bruhns nachdrücklich. „Es ist vorbei! Ein Blut-Test wird Sie überführen! Geben Sie auf!“ Bruhns beobachtete, wie es in Strotzer arbeitete. Er hatte keine Eile und dieser Strotzer wurde mit jeder vergangenen Sekunde unruhiger.

„Ja“, seufzte er schließlich niedergeschlagen nachdem er die Decke eine Zeitlang nach einer wohl unsichtbaren Fliege abgesucht hatte. „Ja, ich war es. Auf dem Weg in den Waschsalon überkam es mich. Immer wieder. Ich musste es tun, und was war schon dabei? Die Sachen wurden ja gleich danach wieder gewaschen.“

Bruhns entspannte sich und schob das Pillendöschen etwas tiefer in die Tasche.

„Und warum der Pfarrer?“ fragte Haider völlig desorientiert.

„Er war ein Tier“, erleichterte sich Strotzer. „Er trug Frauenkleider. Ich hatte ihn nicht erkannt. Als ich ihm nach dem ›letzten Abendmahl‹, das Kreuz auf die Brust zeichnen wollte, stellte ich fest, dass sie behaart war. Eklig. Dann erkannte ich ihn. – Also musste ich ihn so zurichten. Was, wenn die Zeitungen erfahren hätten, dass so ein Unwürdiger von mir das letzte Abendmahl erhalten hatte? Widerlich, nicht wahr?“

Die Abscheu Strotzers war sicherlich nicht gespielt.

„Tja“, lächelte Bruhns den entgeisterten Haider an. „Sehen Sie Haider: Es gibt halt auch so etwas wie eine Perversen-Ehre. Skurril nicht wahr, Kollege?“

Haider war dermaßen geschockt, dass Bruhns den Beamten, der Strotzer in die Untersuchungshaft brachte, selbst hereinrufen musste. Einen kurzen Moment lang genoss Bruhns noch den sprachlosen Haider, dann beschloss er die restlichen Rennies in einem schönen kühlen Pils aufzulösen.

Der unkeusche Hirte (71) - © Copyright bei Ingolf Behrens, Hamburg, 1994. Alle Rechte vorbehalten.