Martin Swelt

Adoleszenzroman

Kapitel 1 - Die letzte Nacht im Kinderzimmer

Martin hasste es, wenn er so früh aufstehen musste. Der Wecker aus buntem Plastik kannte keine Gnade. Unaufhörlich plärrte er mit mechanischer Stimme „Guten Morgen! Aufgewacht! Ein schöner Tag, um die erste Million zu verdienen!“ Martin schlug dem fröhlich grinsenden Dagobert auf den Hut. Jetzt blieben ihm immerhin knapp drei Minuten bis das Ganze wieder von vorn losgehen würde.

In der Nacht war es heiß gewesen, und Martin hatte schlecht geschlafen. Jetzt war er wirklich matt und durfte nicht wieder einschlafen, sonst käme seine Mutter und würde ihn mit Gewalt aus dem Bett holen. Martin hatte Angst, dass seine Mutter ihm wieder mal die Bettdecke wegzog. Es hatte ihr schon mehrfach gesagt, dass er das überhaupt nicht mochte. Aber seine Mutter ließ einfach nicht locker. Es schien ihr geradezu Spaß zu machen. Sicherheitshalber drehte Martin sich auf den Bauch. In letzter Zeit war sein Glied morgens immer so angeschwollen, und er wollte nicht, dass seine Mutter das sah. Sonst hätte sie ihn womöglich zum Arzt geschleppt. Werner, von gegenüber, hatte das gleiche Problem und der hatte gesagt, das sei völlig normal, also gab es keinen Grund seine Mutter mit solchem Kram unnötig zu beunruhigen.

„Martin! Mach, dass du endlich aus dem Bett kommst! Du weißt, ich muss gleich zur Arbeit.“ Martins Mutter stand in der halb offenen Tür schaute nur kurz herein.

„Sofort“, murmelte er und rappelte sich mühsam aus dem Bett. Alles war gut. Martin sah auf die Uhr. In einer halben Stunde musste seine Mutter los, bis dahin sollte er am Frühstückstisch sitzen. Martin zog die Vorhänge zurück. Die Bruckners im Nachbarhaus schienen bereits aufgestanden zu sein. Drüben tauchte Doris am Fenster auf. Sie sah Martin an seinem Fenster stehen und streckte ihm mit einer hässlichen Fratze die Zunge raus. Das tat sie immer, wenn sie ihn sah. Aus irgendeinem Grund schien sie ihn nicht zu mögen. Aber wenigstens ihr Bruder Werner mochte ihn. Werner ging mit ihm in eine Klasse. Doris war eigentlich ein Jahr älter und eine Klasse höher. Jedenfalls bis zu diesem Sommer. Dann war sie sitzen geblieben und seitdem in einer Klasse mit ihrem Bruder und Martin.

Martin reagierte einfach nicht auf die Grimasse, sondern drehte sich um und ging schnurstracks ins Bad. Seine Mutter bestand darauf, dass er jeden Morgen duschte und jeden zweiten Abend badete. Wenn er nicht geduscht und gekämmt am Frühstückstisch saß, bis sie weg musste machte sie einen riesen Aufstand.

Werners Mutter war da ganz anders. Sie tobte und schrie nie. Aber die hatte ja auch Zeit und musste nicht arbeiten gehen. Nur zum Kirchenkreis und dreimal die Woche zum freiwilligen Krankenpflegedienst.

„Hör zu Martin. Ich habe kein Kindermädchen bekommen“, eröffnete ihm seine Mutter während sie ihm einen Teller mit Cornflakes hinstellte. „Aber du kannst das Wochenende über bei den Bruckners bleiben. Ich habe mit Frau Bruckner gesprochen. Das ist dir doch recht, oder?“

Martins Mutter hatte bereits gegessen und war dabei sich nebenbei am Frühstückstisch fertig zu schminken. Das tat sie immer unmittelbar, bevor sie das Haus verließ. Ganz zum Schluss zog sie die Lippen mit einem braunroten Lippenstift nach. Sie kontrollierte alles in dem kleinen Spiegel einer Puderdose. Dann rollte sie die Lippen zweimal ein und aus und machte einen Kussmund. Fertig. Mit flinken Fingern verstaute sie mehr als zehn Schminkutensilien in dem Lederbeutel, der gleich darauf in ihrer Umhängetasche verschwand.

„Du bist am Wochenende weg?“ fragte Martin unkonzentriert.

„Aber darüber hatten wir doch gesprochen!“

„Hab ich vergessen!“

Seine Mutter schüttelte verständnislos den Kopf. „Ich muss zu dieser Computerschulung. Habe ich dir doch erzählt.“

„Ja“, maulte Martin und stocherte geistesabwesend in seinen weicher werdenden Cornflakes herum. „Ich wußte nicht, dass das dieses Wochenende war.“

Seine Mutter seufzte.

„Ich hole dich schon Sonntagmittag wieder ab. Ja? Hier auf dem Küchentisch liegen zwanzig Euro, falls du Geld brauchst. Sonst gehst du nach der Schule mit Werner nach Hause. Ist alles abgemacht. Du hast doch schon öfter dort geschlafen. Ich dachte, du freust dich.“

„Geht so. Doris ist nicht besonders nett zu mir.“

„Ach ja?“ fragte seine Mutter und zog den Reißverschluss ihrer Umhängetasche zu. „Na, Mädchen in diesem Alter sind etwas …, wie soll ich sagen, manchmal eben etwas merkwürdig. Aber wenn du besonders freundlich und zuvorkommend bist, dann wird sie dich bestimmt in Ruhe lassen.“

„Ich bin immer freundlich“, behauptete Martin.

„Na, mein Lieber. Mädchen in Doris Alter erwarten eben etwas mehr als bloße Freundlichkeit. Und schon damit tust du dich ja manchmal schwer.“

„Sie mag mich einfach nicht“, behauptete Martin stur.

„Hör zu Martin, ich möchte, dass du nach Möglichkeit jeden Streit vermeidest. Du weißt, wie schwierig es ist, einen Babysitter zu finden. Und wie teuer so was heutzutage ist“, sagte seine Mutter eindringlich.

„Ich brauche doch keinen Babysitter mehr!“

„Aber du brauchst jemanden, der für dich kocht und nach dir sieht. Jedenfalls noch eine Zeit lang. Es ist ja auch nur einmal im Monat. Also sei bitte …“

„… brav und mach keinen Ärger.“

„Genau! Kann ich mich auf dich verlassen?“

Seine Mutter lächelte. Das war ihr Lächeln, das sie nur für ihn hatte.

„Aber ja.“

Das klang nicht besonders überzeugend. Seine Mutter legte den Kopf etwas schief und sah ihn aufmerksam an. Dann lachte sie wieder. „Gut, ich muss jetzt los. Gib deiner Mutter noch einen Kuss.“

Sie beugte sich über ihn und küsste ihn zum Abschied auf die Wange. Dann kicherte sie wie jeden Morgen und sagte: „Vergiss nicht in die Schule zu gehen und vorher den Lippenstift abzuwischen!“

Das hatte Martin schon mehr als einmal vergessen. Die Mädchen in seiner Klasse hatten ihn eine ganze Woche lang damit aufgezogen. Seine Mutter war soweit in Ordnung, aber sie hatte einige Angewohnheiten, die Martin zur Raserei bringen konnten. Sie musste doch nicht jeden Morgen ihren Lippenstift an seiner Backe testen.

„Komm her, mein Schatz“, sagte sie und wischte ihm das gefärbte Fett von der Wange. Als Martin die Tür ins Schloss fallen hörte, atmete er erleichtert auf. Seine Cornflakes waren inzwischen matschig, aber das störte ihn nicht. Er löffelte in aller Ruhe seine Schüssel leer und dachte darüber nach, ob das Wochenende noch irgendwie zu retten wäre. Doris allein war schon unerträglich. Aber wenn sie mit ihrem Bruder zusammen war, entwickelte sich der Tag fast immer zur Katastrophe.

Kapitel 2 - Schulhofratten

Auf dem Schulhof war es brütend heiß. Das Wetter hatte Martins Laune ein wenig gebessert. In der zweiten großen Pause sah er Doris inmitten einer Gruppe herumalbernder Mädchen sitzen. Doris fächelte sich mit ihrem Rocksaum Luft zu. Martin saß auf der Holzbank, die rum die alte Schullinde gebaut war. Ein begehrter Platz. Aber heute hatte er die Bank für sich allein. Er saß da, im Schatten und beobachtete Doris. Als sie seinen Blick bemerkte, streckte sie ihm natürlich sofort wieder die Zunge raus, hörte aber nicht auf mit ihrem Rock zu wedeln. Vielleicht sogar noch ein Stück höher als zuvor. Man konnte deutlich ihren Slip sehen. Dann sagte sie etwas zu den anderen Mädchen und alle lachten und sahen zu ihm hinüber. Martin wendete sich ab und suchte nach Werner. Der spielte mit den anderen Jungen aus der Klasse Fußball. Eigentlich war es ja nur ein Tennisball und das Tor bestand aus zwei Mülleimern die jeweils einen Pfosten darstellen sollten. Diese Rennerei bei dieser Hitze, das war nichts für Martin. Er legte den Kopf zurück und starrte durch die Blätter in den Himmel.

„Dieses Flittchen“, hörte er plötzlich eine Stimme neben sich.

Dann sah er, wie Frau Möller, die irgendwo im Schatten hinter ihm gestanden haben musste, auf die Mädchengruppe zuging. Frau Möller trug auch bei dieser Hitze schwarz. Sie trug immer schwarz. Und sie schwitzte nie. Nach einem heftigen Wortwechsel ließ Doris ihren Rock in Ruhe. Niemand legte sich gern mit Frau Möller an. Sie war die stellvertretende Direktorin und schien keinen besonderen Wert darauf zu legen, dass sie jemand mochte. Kaum hatte sich Frau Möller wieder abgewendet zog Doris ihren Rocksaum schon wieder bis über den Kopf. Alle Mädchen lachten. Frau Möller war schnell. Aber sie hatte sich nicht schnell genug umgedreht. Doris Rock hing schon wieder dort, wo er hängen sollte. Aber ein Blick von Frau Möller, wie ihn sich Doris jetzt gerade einfing, bedeutete nichts Gutes. Das wusste Martin aus Erfahrung.

„Martin“, sagte Frau Möller, als sie sich wieder in den Schatten des Baumes getreten war. „Steh gefälligst auf, wenn ich mit dir rede.“

Martin stand mühsam auf. Es hatte wenig Sinn sich mit Frau Möller anzulegen. Die rief grundsätzlich gleich bei den Eltern an.

„Du solltest mit den anderen Jungen Ball spielen, aber nicht hier herumlungern und die Mädchen anstarren. Du provozierst sie ja geradezu solche Sachen zu machen.“

Martin widersprach nicht. Es lohnte nicht darauf hinzuweisen, dass er keineswegs die Mädchen anstarrte, sondern, dass er nur darüber nachdachte, wie er Doris aus dem Weg gehen könnte. Und überhaupt, wenn er herüber gestarrt hatte, dann doch wohl nur, weil sie solche Sachen machten. Das Pausensignal verschonte ihn von weiteren Predigten.

„Wie dem auch sei. Nach dem Unterricht möchte ich dich gerne in meinem Büro sprechen“, sagte Frau Möller und zog eine Augenbraue hoch. Das tat sie immer, wenn es auf etwas nichts mehr zu antworten gab.

Wie erwartet wurde der Tag zur Katastrophe. Martin war sich keiner Schuld bewusst, war sich aber sicher, dass seine Mutter am Sonntag eine ganze Liste mit Beschwerden über ihn abzuarbeiten hätte, wenn das so weiter ging.

Auf dem Weg in die Klasse fing ihn Doris ab.

„Alte Petze“, raunzte sie im Vorbeigehen. „Das wird dir noch leid tun.“

„Was hab ich denn getan?“

„Mir die alte Möller auf den Hals zu hetzen, nur weil du mich nicht leiden kannst“, zischte sie wütend.

„Ich kann dich nicht leiden?“ fragte Martin erstaunt. „Das stimmt doch gar nicht.“

„Ach so? Womöglich magst du mich ja?“

„Natürlich mag ich dich“, behauptete Martin naiv.

„Ich bin das netteste Mädchen in der Schule, nicht wahr?“ fragte Doris lauernd.

Das war nicht unbedingt das, was Martin sagen wollte und er überlegte einen Moment, ob es eine unverfängliche Möglichkeit gab, das zu verneinen.

„Sag schon!“ drängte ihn Doris.

„Ja, du bist wirklich nett.“

„Du liebst mich, ja?“

Das wollte Martin nun ganz entschieden verneinen. Natürlich ohne dabei unfreundlich zu sein. Aber in diesem Moment betrat Herr Stanislawski, der Geschichtslehrer, die Klasse und alle stürmten auf ihre Sitzplätze.

„Hab ich’s doch geahnt“, rief Doris und als sie sich setzte fügte sie hinzu: „Du hast es gesagt! Hast du doch?!“

„Guten Morgen“, dröhnte Stanislawskis Stimme dazwischen und auch ohne diese Unterbrechung hätte Martin dazu nichts mehr gesagt. Der Tag entwickelte sich mit solch atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Chaos, dass Martin der Mund vor lauter Staunen auszutrocknen drohte.

Die Unterrichtsstunde war noch nicht halb vorüber, da hatte jeder in der Klasse per Zettelpost erfahren, dass Martin in Doris verliebt war. Diese Tatsache jetzt abzustreiten, würde ihn nur noch mehr der Lächerlichkeit preisgeben. Martin sah zweimal enttäuscht zu Doris hinüber. Wenigstens streckte sie ihm nicht mehr die Zunge raus. Vielleicht kam er so heil durch das Wochenende. Sollten sie sich doch über ihn lustig machen. In solchen Dingen war Martin Kummer gewöhnt.

Nach dem Unterricht erklärte Martin Werner, dass er erst noch zu Frau Möller ins Büro musste. Werner versprach zu warten, wenn es nicht allzu lange dauern würde. Frau Möller hatte als einzige Lehrerin ausser natürlich dem Direktor ein eigenes Büro. Es lag gleich links den Gang herunter neben dem Lehrerzimmer. Im Lehrerzimmer schien Ferienstimmung zu herrschen. Im Vorbeigehen sah Martin einen ausgelassenen Haufen gut gelaunter Lehrer, die laut scherzten und sich gegenseitig ein schönes Wochenende wünschten. Herr Stanislawski war gleich hinter Martin in den Gang gekommen.

„Wohin, junger Mann?“ wollte Stanislawski wissen. Eigentlich hatten Schüler auf diesem Gang hier nichts zu suchen.

„Frau Möller wollte mich sprechen.“

„Was hast du denn ausgefressen?“, fragte Stanislawski fröhlich.

„Keine Ahnung, das hat sie nicht gesagt“, antwortete Martin.

„Sie hat nichts gesagt?“ fragte Stanislawski ungläubig.

Martin schüttelte den Kopf und Stanislawski schien einen Moment angestrengt nachzudenken.

„Na, dann viel Erfolg“, sagte er breit grinsend und bog ins Lehrerzimmer ab.

Bevor Martin die Tür zu Frau Möllers Büro erreichte, hörte er Stanislawski im Lehrerzimmer sagen: „Wir haben einen Nachfolger von Holger Schindler.“

„Wen?“ fragte jemand.

„Martin Bönning glaube ich.“

Martin musste grinsen. Lehrer konnten so dämlich sein. Holger hatte dieses Jahr sein Abitur gemacht, das zweitbeste. Alle Lehrer schienen ihn zu mögen. Er war auch der einzige, den Frau Möller wenigstens nicht zu verachten schien. Holger war ein allseits anerkannter Streber. Er war so ziemlich das genaue Gegenteil von Martin. Martin stand ewig auf der Kippe, und keiner der Lehrer konnte ihn wirklich gut leiden.

Fast gleichzeitig mit dem Klopfen ertönte das „Herein“. Martin zog die von innen schwere bepolsterte Tür auf. Dann die zweite und schloss beide wieder. Von den Geräuschen auf dem Gang war hier drinnen aber auch absolut nichts zu hören.

„Setz dich“, befahl Frau Möller, die hinter dem schweren Eichenschreibtisch mit grüner Lederauflage saß und auf einen der beiden Sessel vor dem Schreibtisch deutete.

Martin hatte das Gefühl, dass jemand die Stuhlbeine ein Stück abgesägt hatte, so tief versank er in dem Sessel. Er konnte so gerade eben noch über die Tischkante sehen, wo Frau Möller von einigen Papieren aufsah und gekünstelt ihr ebenfalls schwarzes Brillengestell zurechtrückte. Sie sah Martin lange und eindringlich an. Martin wurde unruhig. Er hatte keine Ahnung, was da jetzt wieder auf ihn zukam.

„Ich habe hier einmal deine Unterlagen durchgesehen. Das sieht nicht gut aus.“

Sie schien keine Antwort zu erwarten.

„In fünf Fächern ist deine Versetzung gefährdet. Sogar im Sport.“

Wieder machte sie eine kleine Pause.

„Ich will ganz ehrlich sein. Du wirst es nicht schaffen. Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, zur Realschule zu wechseln.“

Bis hierher war Martin nur alarmiert gewesen. Jetzt brach Panik aus. Seine Mutter würde ihn wohl kaum schlagen oder so etwas. Aber er konnte schon ihr Gesicht vor sich sehen. Sie hatte ihm immer wieder gesagt, dass er allen möglichen Unsinn anstellen könne, das täten Jungs eben, aber auf keinen Fall dürfte er die Schule vernachlässigen. Das sei seine Zukunft. Ohne Abitur wäre er ein Nichts.
Frau Möller schien ihm anzusehen, dass es in ihm brodelte. Einen Moment lang hatte Martin das Gefühl, dass sie daran auch noch Gefallen fand.

„Du solltest diesem Vorschlag nicht rundweg ablehnend gegenüber stehen. Es ist wirklich nur gut gemeint. Vielleicht ist es am besten so. Du hast ja nichts davon, wenn du dich unnötig quälst und dann am Ende doch versagst.“

Martins Trockenheit in der Kehle hatte sich inzwischen ins Unermessliche gesteigert.

„Ich denke, ich werde mal mit deiner Mutter darüber sprechen. Sie wird das sicher verstehen“, erklärte Frau Möller mit unterkühltem Tonfall.

„Nein“, krächzte Martin heiser. Seine Zunge klebte irgendwo ganz hinten an seinem Rachen fest.

„Doch da bin sicher. Sie ist doch eine vernünftige Frau. Es ist ja keine Schande …“

„Ich … ich werde mich wirklich anstrengen“, brachte Martin mühsam hervor und versuchte den Schwindel zu unterdrücken, der ihn erfasst hatte.

„Nun, ich glaube wirklich nicht, dass das viel Zweck hat“, sagte Frau Möller mit eisiger Kälte. Sie stand auf und kam um den Schreibtisch herum auf ihn zu.

Martin hatte das Gefühl, dass das Gespräch gleich beendet war und sie ihm den Weg hinaus zeigen wollte.

„Ich werde wirklich alles tun, was ich kann, ich verspreche es …“

„Ja, das ist schon bedauerlich, aber leider ich sehe da gar keine Möglichkeit …“, sagte sie. Inzwischen stand unmittelbar vor ihm. Lang und hager, mit ihrem schwarz gefärbtem Pagenkopf. Martin vermied es, zu ihr hochzusehen. Von hier unten im Sitzen schien sie riesig groß. Martin starrte auf ihre Knie, die plötzlich unter dem Rocksaum hervorzuwachsen schienen und sich wie von Geisterhand übereinander schlängelten. Martin sah nun doch hoch, und stellte fest, dass sie sich auf die Schreibtischkante vor ihm gesetzt hatte. Die Beine hatte sie übereinander geschlagen hatte und sie sah ihn lauernd an.

„Das alles ist um so bedauerlicher, als ich dich schon eine ganze Weile beobachte und festgestellt habe, das es nicht wirklich an deinen geistigen Fähigkeiten liegt. Du bist einfach zu unkonzentriert, und jetzt kommt auch noch dazu, dass du den Mädchen hinterher guckst. Das wird ganz sicher nichts“, behauptete sie kopfschüttelnd.

„Geben Sie mir noch ein Jahr, aber rufen sie nicht meine Mutter an. Wenn …“

„Wozu?“ fragte Frau Möller schnippisch.

Jetzt hätte Martin sie am liebsten erwürgt. Kapierte sie denn nicht, dass es seiner Mutter furchtbar weh täte, wenn er die Schule verlassen musste. Und das letzte was Martin wollte, war, seiner Mutter wehr zu tun. Er sah hinauf in Frau Möllers Gesicht und überlegte, was wohl geschehen würde, wenn er ihr jetzt an den Hals sprang. Sie starrte ihn herzlos durch das dicke Plastikgestell ihrer Brille an und schien genau zu wissen, was er dachte.

„Das hilft gar nichts, wenn du deine Wut an mir auslässt. Das wird dir nur schaden. Und außerdem. Ich sag’s ja ungern, aber ich mag dich und will dir ja helfen. Aber, ich kann das ja nicht einfach so.“
„Wieso nicht?“ fragte Martin, der plötzlich stutzig wurde. Speichel sammelte sich wie aus dem Nichts in seinem Mund. Da war ein Hoffnungsschimmer.

„Du brauchst Nachhilfe vor allem in Latein! Aber als deine Lehrerin darf ich dir diesen Nachhilfeunterricht nicht erteilen. Dann würden die anderen vermuten, dass ich dich bevorteile. Das ist doch wohl klar.“

„Ich kann woanders Nachhilfe nehmen. Meine Mutter würde das Geld sicher aufbringen“ erklärte Martin der einen Seenotrettungskreuzer am Horizont auftauchen sah.

„Na also, wirst du endlich vernünftig. Ich habe ja gesagt, wir müssen mit deiner Mutter sprechen“, sagte Frau Möller zufrieden.

In diesem Moment fühlte Martin sich wie im Netz der schwarzen Witwe. Das hatte er nun nicht gemeint. Er wollte keinesfalls, dass Frau Möller mit seiner Mutter sprach. Das war doch wohl klar, oder?
„Das geht nicht. Auf keinen Fall darf meine Mutter davon erfahren.“

„Sie wird aber doch das nächste Zeugnis sehen“, warf Frau Möller fast schon mitleidig ein. „Spätestens dann, …“

„Bis dahin ist es noch ein dreiviertel Jahr. Und ich kann das bestimmt noch hinkriegen“, erklärte Martin voller Überzeugung.

„Wie?“

Frau Möllers Tonfall hatte sich auffällig verändert. Martin hatte fast das Gefühl, dass sie es wirklich gut mit ihm meinte. Vielleicht hatte er sich ja in ihr getäuscht. Vielleicht wollte sie ihm tatsächlich helfen. Martin wußte nicht, was er denken oder sagen sollte. Nach einer kurzen Pause, sagte er: „Es muss doch irgendwie gehen.“

Frau Möller rieb nachdenklich mit ihrem Zeigefinger unter ihrer Nase. Dann erklärte sie plötzlich: „Also gut, ich weiß das es falsch ist, aber ich werde dir helfen.“

Martin fiel etwas vom Herzen, größer als ein Stein allemal. Sein Angstzustand, der eben noch in Wut und später in totale Resignation umzuschlagen drohte, war mit einem Schlag verflogen.
„Danke“, sagte er ohne weiter darüber nachzudenken. Wenn die Möller ihm half, dann würde er es schon schaffen. Ganz bestimmt.

„Moment, Moment. So einfach ist die Sache nicht!“

Zu früh gefreut, dachte Martin und sein Herz spürte gleich wieder diese ungemein felsige Last.

„Also, das kann mich den Job kosten“, behauptete Frau Möller mit verschwörerischem Tonfall. „Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein. Niemand darf erfahren, dass ich dir Nachhilfe erteile. Deine Mutter nicht, keiner der Lehrer und auch absolut kein Mitschüler.“

„Und wie soll ich das bezahlen?“ fragte Martin irritiert.

„Das brauchst du nicht, schließlich bin ich deine Lehrerin und habe so etwas wie einen pädagogische Auftrag“, winkte Frau Möller ab.

„Klasse“, sagte Martin und das war auch das Einzige, was er in diesem Moment dachte. Alles schien gut auszugehen. Und dieser schreckliche Tag konnte womöglich noch gerettet werden.
„Und du hältst dich genau an die Regeln?!“ Frau Möller zog ein Notizbuch hinter ihrem Rücken hervor. „Also es geht … Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags.“

„So oft?“ fragte Martin verblüfft.

Ein einziger Blick korrigierte Martins Ansicht, dass eigentlich ein oder zweimal die Woche völlig ausreichen mussten.

„Ich meine, vielen Dank. Je öfter desto besser“, korrigierte er sich rasch.

„Also, zwei Stunden sollten reichen. Du bist pünktlich um 15 Uhr bei mir. Wenn du nicht vernünftig mitarbeitest oder dich verspätest, ist sofort Schluss. Ich gehe das Risiko nicht ein, wenn dir die Sache nicht wirklich wichtig ist. Klar?“

„Alles klar“, sagte Martin erleichtert.

„Erste Stunde am Montag. Wir treffen uns heute um 16 Uhr auf dem Parkplatz der Sparkasse, dann zeige ich dir, wo ich wohne. Und denk daran, wenn auch nur das geringste Gerücht an der Schule im Umlauf ist, ist es sofort mit der Hilfe vorbei“, ermahnte ihn Frau Möller eindringlich. „Dann können wir das Problem nur noch mit deiner Mutter besprechen.“

„Ja.“

„Wenn wir uns verstanden haben, dann wünsche ich dir jetzt ein schönes Wochenende, dass heißt wir sehen uns ja nachher noch einmal kurz.“

„Ja, bis nachher dann“, sagte Martin erleichtert und stand auf. An der Tür musste er sich noch einmal umdrehen, während er die innere der beiden Türen hinter sich schloss. Frau Möller stand am Fenster ihres Büros uns starrte gedankenverloren hinaus auf den Sportplatz, der hinter dem Lehrerzimmer lag.

Kapitel 3 - Schönste Doris

Als Martin wieder ins gleißende Mittagslicht des Schulhofs trat, dachte er einen Moment, er würde nicht richtig sehen. Nicht nur Werner hatte auf ihn gewartet, sondern auch Doris stand dort am Tor und unterhielt sich mit ihrem Bruder.

„Hat aber ganz schön lange gedauert“, stellte Werner fest.

„Was hat die alte Ziege von dir gewollt?“ fragte Doris neugierig.

„Meine Zensuren sind ihr zu schlecht. Ich soll mehr arbeiten.“

„Deswegen verschleppt die dich in ihre Folterkammer?“ Werner lachte. „Man, die hat es aber auch wirklich auf dich abgesehen.“

„Da ist er doch selbst dran schuld!“ keifte Doris.

„Was? Wieso bin ich da selber schuld dran?“ fragte Martin verwirrt.

„Das ist deine Art. So, wie du die Leute immer anguckst. Du musst einen ewig provozieren“, behauptete Doris und warf den Kopf in den Nacken.

„Wie bitte? Ich gucke ganz normal, oder etwa nicht? — Werner?“

„Na ja“, druckste Werner, der seiner Schwester nur sehr ungern widersprach, rum. „Manchmal bist du schon etwas komisch.“

„Ich bin komisch? Was hab ich denn gemacht?“

„Na, heute hast du mich zum Beispiel bei der Möller angeschwärzt, nur weil ich deine Gefühle nicht erwidere. So was ist …“

„Erstens habe ich dich nicht angeschwärzt…“, fuhr Martin dazwischen, „… und zweitens habe ich keine Gefühle für dich … Jedenfalls nicht so, wie du das vielleicht meinst!“

„Siehst du! Das meine ich. Jetzt tust du wieder so, als wenn du mich nicht magst.“ Doris stemmte aufgebracht ihre Hände in die Hüften. „Vorhin hast du noch das Gegenteil behauptet. Und du hast auch immer versucht, mir unter den Rock zu gucken“, behauptete Doris ehrlich entrüstet.

„Aber du hast doch …“, wollte Martin sich aufregen.

„Ich habe mir nur ein bisschen frische Luft zugefächelt. Siehst du! Ewig unterstellst du mir irgendwelche Sachen. Aber du bist es, der …“

„Hört doch endlich auf zu streiten“, fuhr Werner genervt dazwischen. „Wir sind gleich zu Hause. Und wenn es Streit gibt, dürfen wir nicht schwimmen gehen.“

„Wir streiten ja überhaupt nicht! Er streitet doch wieder. Plötzlich ist wieder alles so, wie er es haben will, und ich soll die Böse sein“, nörgelte Doris eingeschnappt.

„Hört auf! Hört einfach auf! Alle beide! Vertragt euch!“

„Okay“, sagte Martin. „Lass uns die Sache einfach vergessen!“

„Nein!“

„Doris, bitte“, flehte Werner seine Schwester beinahe an.

„Werner, du bist mein Bruder, du musst ja wohl zu mir halten“, behauptete Doris vorwurfsvoll. „Martin kommt nicht immer mit seinem Dickkopf durch. Erstmal entschuldigt er sich jetzt bei mir!“

„Wofür?“ wollte Martin erstaunt wissen.

„Erstens hast du mich beleidigt, und zweitens hast du versucht, mir unter den Rock zu gucken.“

„Hab ich nicht!“

Werner grunzte laut auf. „Hör schon auf Martin, sag ‚Entschuldigung‘ und fertig. Denk daran, dass wir heute schwimmen gehen wollen.“

„Okay, okay. Ich entschuldige mich!“ bog Martin mit dem Gedanken an seine Mutter die Sache ab.

„Und du bist in mich verliebt!“ setzte Doris zickend nach.

„Was?!“

„Sag es! Sag: Ich bin die schönste Frau, die du je gesehen hast.“

„Bitte, hört jetzt auf!“ nörgelt Werner, dem die Sache allmählich auf die Nerven ging.

Martin grinste plötzlich und sagte: „Ich bin die schönste Frau, die ich je gesehen habe. Zufrieden?“

Ihre Hand war so schnell in seinem Gesicht gelandet, dass er eigentlich erst mitbekam was geschehen war, als der Schmerz einsetzte.

„Du Arschloch, das merk ich mir“, schimpfte Doris wütend.

„Hört doch endlich auf“, sagte Werner eindringlich, als sie in die Straße bogen, in der sie wohnten.

„Er soll das jetzt sagen!“

Martin grinste nur breit. Werner sah ihn an und wußte, dass Martin das nicht sagen würde. Er selbst hätte es jederzeit getan. Er wußte ja auch, dass Doris niemals Ruhe geben würde, wenn sie nicht ihren Willen kriegte. Und sie konnte sich sehr böse Sachen einfallen lassen, wenn sie etwas haben wollte.

„Doris, er hat es gesagt.“

„Aber nicht richtig.“

„Das ist doch jetzt egal, denk an das Schwimmen und was ich dir gesagt habe, sonst kannst du das vergessen, verstanden.“ Martin hatte das Gefühl, dass er etwas nicht mitbekommen hatte.
Doris dachte nur eine winzige Sekunde nach, dann schaute sie Martin böse an und zischte: „Du hast das ja nur nicht gesagt, weil jemand dabei ist und du feige bist. Ein richtiger Mann hätte keine Angst, einer Frau etwas Nettes zu sagen.“

Martin grinste noch eine Spur breiter, trotz der roten Fingerabdrücke auf seiner Wange. Er wußte, dass er diese Runde gewonnen hatte.

Kapitel 4 - Kaninchenjagd

Frau Bruckner hatte einen großen, dampfenden Eintopf zubereitet, in dem sich auch ein Kaninchen versteckt halten sollte. Nach dem Tischgebet, das bei den Bruckners Pflicht war, ging die Kaninchenjagd los. Mutter Bruckner teilte aus. Alle schienen ein Stück von dem kleinen Hopser erwischt zu haben, nur auf Martins Teller fanden sich bloß winzige Fetzen undefinierbaren, fettigen Fleisches. Martins Mutter legte großen Wert auf Tischmanieren. Wenn sie aber Herrn Bruckner jetzt gesehen hätte, dessen dritte Zähne sich einsam mit einem Kaninchenknochen balgten, hätte sie vielleicht gedacht, dass dies nicht der richtige Ort für einen jungen, gut erzogenen Mann war. Als es soweit kam, dass Herr Bruckners Kauhilfe völlig losgelöst vom Kiefer in einem Stück Kaninchenrücken steckte, konnte sich Martin nicht mehr halten vor Lachen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er bemerkte, dass das wohl außer ihm niemand wirklich komisch fand.

„Finden Sie das witzig, junger Mann?“ fragte ihn Herr Bruckner vorwurfsvoll, nachdem er seine Dritten wieder eingepflanzt hatte.

Ja, das tat Martin. „Nein“, antwortete er brav und schaute betroffen auf seinen Teller, um nicht weiter der Versuchung zu erliegen laut zu lachen.

„Sicher nicht?“
„Ganz bestimmt nicht“, antwortet Martin und konnte ein weiteres Lachen nicht mehr unterdrücken.

„Der Junge kennt so was doch nicht“, versuchte Frau Bruckner ihren Mann zu beruhigen.

„Der soll mal in mein Alter kommen!“ schrie Herr Bruckner erregt, stand abrupt auf, nahm den angeknabberten Knochen von seinem Teller und warf mit Wucht in den halb vollen Topf zurück, dass der Eintopf auf das weiße, gestärkte Tischtuch spritzte.

„Hermann!“ rief Frau Bruckner.

„Eines Tages wird dieser Bengel gelernt haben, wie unhöflich sein Verhalten ist.“ Bruckner verließ wutschnaubend das Zimmer. Dicht gefolgt von seiner Frau, die sich offenbar alle Mühe gab den Mann wieder zu beruhigen.

„Wenn wir jetzt nicht schwimmen gehen dürfen“, zischte Doris verärgert. „Dann bist du fällig!“ Werner stochert betont unbeteiligt und lustlos in seinem Essen herum.

Frau Bruckner kam allein zurück. Sie sah auf Martins Teller.

„Hast ja gar kein Fleisch mehr, Junge.“ Ihr Tonfall hatte etwas Lauerndes. Sie fischte im Topf herum. „Das reicht eh nicht mehr für morgen.“

Ehe sich Martin irgendwie wehren konnte, landete das Stück Kaninchenrücken auf seinem Teller. Er war sich sicher, dass es das war worin vorhin noch Herr Bruckners Dritte steckten.

„So, wenn ihr aufgegessen habt, dann könnt ihr ins Schwimmbad. Das hattet ihr doch vor?“ Doris nickte.

„Aber erst wird aufgegessen!“ befahl Frau Bruckner mit einem ungewohnt boshaften Blick auf Martin. Mit den leicht über die Kinnlinie herüber hängenden Wangen hatte sie in diesem Moment etwas Ähnlichkeit mit einer Bulldogge, die einen beäugte und in Gedanken abwägte, ob sie einen beißen wollte.

Martin sah auf das Fleischstück auf seinen Teller und dann hinüber zu Doris. Sie hielt ihre Gabel so in der Faust, als ob sie damit jeden Moment zustechen wollte. Sekundenlang schien es keine Ausflucht vor dem Kaninchenrücken zu geben.

„Es tut mir leid, Frau Bruckner“, erklärte Martin zögernd und zerknirscht.

„Ach, ist nicht so tragisch“, winkte Frau Bruckner scheinbar besänftigt ab. „Mein Mann ist manchmal etwas brummig, das meint er nicht so. Esst einfach in Ruhe zu Ende und kümmert euch nicht darum.“

„Vielen Dank, aber es ist so: Meine Mutter hat gesagt, dass ich nicht viel essen darf, bevor ich schwimmen gehe. Sie meint, das sei gefährlich“, versuchte Martin die Gelegenheit zu nutzen und sich geschickt aus der Affäre zu ziehen.

Doris schäumte beinahe vor Wut.

Martin konnte die Gedanken in Frau Bruckners Kopf förmlich kreisen hören. Er beobachtete, wie sie die Möglichkeit in Betracht zog, ihm einfach zu sagen, dass er dann eben nicht schwimmen gehen dürfe. Glücklicherweise lächelte sie auf einmal wohlmeinend und sagte: „Da hat sie recht, das sagt man wohl. Also, esst nicht zuviel. Wenn ihr fertig seid, könnt ihr gehen.“

Doris schien ihm diesen kleinen Sieg ernsthaft übel zu nehmen. Sie stand wutschnaubend auf und verzog sich in ihr Zimmer. Das tat Martin zwar leid, aber nichts auf der Welt hätte Martin dazu bewegen können, an diesem angebissenen Kaninchenknochen zu knabbern.

Als sich Doris, Werner und Martin endlich auf die Räder schwangen und Richtung Badeanstalt fuhren, schien Doris Wut fürs erste verraucht. Martin überlegte, unter welchem Vorwand er die beiden loswerden konnte. In einer halben Stunde musste er auf dem Parkplatz der Sparkasse sein. Allein.

„Hey, wir müssen hier rechts“, rief Martin und hatte angehalten.

„Nein, komm hier lang“, rief Werner über die Schulter zurück.

Martin beeilte sich die beiden wieder einzuholen.

„Was soll das?“

„Wir fahren nicht in die Badeanstalt. Wir fahren zum Ögersee, da kann man viel besser schwimmen“, erklärte Werner. Das durften sie eigentlich nicht. Dort gab es keine Badeaufsicht. Und die etwas älteren Schüler trieben dort allerlei verbotene Sachen. Sie rauchten, tranken Bier und taten alles das, was in der Badeanstalt nicht möglich war.

„Aha!“ sagte Martin steif und überlegte. Bis zum Ögersee war es eine viertel Stunde Fahrtzeit, zehn Minuten, wenn man ordentlich in die Pedale trat. Das konnte knapp werden. Nach der Hälfte der Strecke erklärte Martin plötzlich, dass vergessen hätte, einen Umschlag von seiner Mutter einzustecken. Der Brief musste aber unbedingt noch heute in die Post. Das war sehr wichtig und er hatte ihn schon heute morgen auf dem Schulweg vergessen. Er wollte schnell noch mal zurückfahren und zum Postamt bringen. Dann würde er aber gleich nachkommen.

Doris schien schon wieder sauer zu werden. Sie geriet immer so leicht und ohne erkennbaren Grund aus der Fassung, wenn etwas anders zu laufen drohte, als sie es sich vorgestellt hatte.
„Ihr könnt ja meine Badesachen schon mal mitnehmen, dann geht’s schneller.“

Die beiden waren einverstanden und erklärten ihm noch kurz, wo am See sie in etwa liegen wollten. Dann war Martin sie los und traf fast fünf Minuten zu früh auf dem Parkplatz der Sparkasse ein.
Schlüsselkind

Das sollte aber nicht etwa heißen, dass er warten musste. Frau Möllers roter Ford Fiesta stand ganz hinten am Eingang zum Park. Martin schloss sein Fahrrad ab und ging hinüber. Die Lehrerin saß im Wagen und schien auf ihn zu warten. Ungeduldig trommelten ihre Finger auf dem Lenkrad herum.

„Steh da draußen nicht lange rum und steig ein“, begrüßte ihn Frau Möller, als Martin die Beifahrertür geöffnet hatte. Er war kaum richtig eingestiegen, da fuhr sie auch schon los.

„Schnall dich an!“ kommandierte sie gereizt.

Martin klinkte den Gurt über der Brust ein und ihn zog straff. Wortlos fuhren sie durch die kleinen Gassen der Innenstadt. Einige Querstraßen weiter fragte Frau Möller ihn, ob er überhaupt wüsste, wo sie hier waren. Es war nicht weit weg von seinem eigenen Viertel. Ein Hochhausviertel. Martin dachte immer, dass Frau Möller, wie die anderen Lehrer oben am Hang, in einem der Einfamilienhäuser mit den großen Gärten wohnte. Dort wohnten sonst eigentlich alle Lehrer. Aber jetzt stellte er fest, dass sie in dem Neubaugebiet wohnte. Sie fuhr den Fiesta in eine Tiefgarage.

„Hast du dir die Einfahrt gemerkt?“

„Ja“, antwortete Martin und hatte mit einem Mal das Gefühl in einem Geheimdienstfilm gelandet zu sein.

„Du wirst nur diese Einfahrt benutzen! Ist das klar?“ wies ihn Frau Möller eindringlich an. Martin nickte.

„So“, sagte Frau Möller. Die Garage war riesig groß und verband alle Hochhäuser in diesem Viertel unterirdisch miteinander. Frau Möller hielt an. „7B. Aufgang 7B. Merk dir das!“ Komm mir später nicht damit, dass du dich verlaufen hättest, hier unten.“

„Keine Angst!“ sagte Martin. Sein Ortsinn war gut. Er hatte sich noch nie wirklich verlaufen. „Ich hab mir den Weg genau gemerkt.“

„Hier unten kannst du dein Fahrrad abstellen. Klar?“

„Wie soll ich denn in die Garage kommen? Dazu braucht man einen Schlüssel.“

Das war wohl erste und vielleicht auch einzige Mal, dass er Frau Möller lächeln sah. Zumindest ohne jede Boshaftigkeit. Sie hielt einen kleinen Schlüssel zwischen den Fingern hoch.

„Sehr richtig, darüber habe ich mir auch schon meine Gedanken gemacht gedacht. Hier! Den habe ich eben für dich machen lassen. Wir wollen doch, dass dein Kommen völlig unbemerkt bleibt, oder?“
Martin nickte. Das war auch in seinem Interesse. Denn wenn seine Mutter davon Wind bekäme, müsste er einige unangenehme Fragen beantworten.

„Freut mich, dass du mitdenkst. Also, von 7B aus fährst du mit dem Fahrstuhl in den fünften Stock. Oder besser noch, du nimmst die Treppen. Da triffst du weniger Leute. An der Tür ist kein Namensschild, sonst habe ich womöglich immer mit irgendwelchen Schülerstreichen zu tun. Ich gehe davon aus, dass du meine Adresse an niemanden weitergibst!“

Eigentlich hätte der Blick, mit dem sie ihn bedachte, ihm Angst machen sollen, aber irgendwie fühlte er sich sicher und es gefiel ihm, ausgerechnet mit der Ziege Möller ein Geheimnis zu teilen. Da war ein eigenwilliges Gefühl von Macht, das in ihm aufkeimte. Es fühlte sich irgendwie erwachsen an. Er sah Frau Möller fest in die Augen und nickte bedeutungsvoll.

„Gut“, sagte sie sichtlich zufrieden. „Wenn du dir alles gemerkt hast, sehen wir uns am Montag. Ich bringe dich jetzt zurück und achte bitte genau auf den Weg.“

Wenige Minuten später stand er wieder vor ihrem Auto auf dem Parkplatz der Sparkasse. „Jetzt wünsche ich dir ein schönes Wochenende! Bis Montag also!“

Es klang fast bedauernd, als wenn es sein letztes schönes Wochenende werden sollte. Martin verabschiedete sich und beeilte sich, auf sein Fahrrad zu kommen. Er war ausgesprochen zufrieden mit sich. Die größte aller Katastrophen, die sich an diesem Tag angebahnt hatte, war erfolgreich abgewendet. Jetzt würde er auch mit den Bruckners fertig werden. Gegen Frau Möller war das nur ein Kinderspiel.

Kapitel 5 - Big Ben

Der Ögersee war nicht übermäßig groß. Man brauchte gute 10 Minuten, um ihn einmal mit dem Rad zu umrunden. Genau das tat Martin jetzt schon zum zweiten Mal. Entweder Doris und Werner hatten sich woanders hingelegt, oder er hatte die Beschreibung missverstanden. Martin kannte sich hier auch nicht besonders gut aus. Früher war er ein paarmal mit seiner Mutter hier gewesen. Aber das war lange her. Endlich entdeckte er Werners Fahrrad hinter einem Brombeergebüsch. Besonders viele Leute waren nicht da. 50 vielleicht. Sie saßen irgendwo verteilt in kleinen Gruppen in den Buchten. Manche grillten. Werner hatte sich eine denkbar ungünstige Stelle ausgesucht. Hier waren überall Brombeeren. Nur ein kleiner Pfad führte hindurch. Aber nicht ohne einige Kratzer. Links wurde das Ufer steinig. Kein Wunder, dass hier kaum jemand badete.

„Da bist ja endlich“, begrüßte ihn Doris verärgert. „Wo warst du so lange?“

„Ich habe euch nicht gefunden!“

„Unsinn, du warst bei einer anderen Frau!“ scherzte Doris.

„Spinn nicht rum!“ grunzte Martin, aber fühlte sich auch irgendwie ertappt. Bei einer anderen Frau! Ausgerechnet die Möller. Martin musste bei dem Gedanken grinsen.

„Du brauchst es gar nicht zu leugnen!“

„Doris bitte, wir wollen schwimmen und sonst nichts, ja? Du hast ihn doch eben selbst an der anderen Uferseite gesehen“, mischte sich Werner ein.

Doris zeigte sich ungewohnt einsichtig. „Also los, gehen wir ins Wasser.“ Sie sprang auf und stakste vorsichtig über die Steine in den See.

„Hey, wo sind meine Sachen?“ fragte Martin irritiert.

„Die habe ich unterwegs verloren“, antwortete Doris gut gelaunt.

„Was?“

„Ich dachte, du findest sie vielleicht und bringst sie mit.“

„Werner! Was soll denn das? Wo sind meine Klamotten.“

„Komm endlich ins Wasser“, schrie Doris und begann ihn mit Wasser zu bespritzen.
„Wie denn, wenn du meine Badehose verschlampt hast?“ Es war heiß und Martin hatte sich mit dem Radfahren beeilt. Er wäre jetzt liebend gerne ins Wasser gesprungen.

„Hier ist doch keiner, was brauchst du eine Badehose?“ kreischte Doris und spritzte weiter mit Wasser.

„Komm schon rein“, rief nun auch Werner.

„Ihr habt gut reden“, brummte Martin und wich dem Spritzwasser aus, was bei den ganzen Dornenhecken nicht gerade leicht war.

„Werner zieht seine Badehose auch aus“, verkündete Doris plötzlich.

„Von mir aus“, sagte Werner und trabte gelangweilt die drei wackeligen Schritte wieder an Land.

„Und du?“ fragte Martin.

„Ich bin eine Frau“, kicherte sie albern. „Da gehört sich das nicht.“

„Jetzt stell dich nicht an. Siehst du!“ Werner hatte seine Hose herunter gezogen und auf sein Handtuch geworfen. „Ist ganz einfach.“

„Sehr witzig, ist ja wohl auch deine Schwester.“

„Na und?“ Werner zuckte mit den Achseln und tat so, als ob das keinen Unterschied machte. Wenn Martin sich weiter zierte, würde er sich womöglich lächerlich machen und Doris würde allen Mädchen in der Schule erzählen, wie verklemmt er doch wäre.
„Sag ihr, sie soll weggucken“, forderte Martin.

Doris kreischte. „Auf keinen Fall, das will ich nicht verpassen!“

„Dusselige Kuh“, murmelte Martin leise.

„Was?“

„Nichts“, sagte Martin schnell und zog sich langsam aus. Als er sich wenig später nackt über die Felsen tastet, prustete Doris los: „Pass mit dem großen Köder bloß auf die Fische auf. Nicht, dass du nachher ohne Pimmel wieder an Land steigst!“

Martin blieb auf der Stelle stehen. Nicht nur, dass er nicht daran gedacht hatte, dass in dem See Fische sein könnten, das allein war schon ein Alptraum, nein, jetzt könnten sie ihm sogar sein Ding abknabbern?“

„Hör bloß auf damit, Doris. Der kommt sonst vor lauter Angst nicht mehr ins Wasser“, lästerte Werner.

„Stell dich nicht an. Werner schwimmt doch auch hier.“

Das überzeugte Martin nicht. Vielleicht war diese ganze Familie Bruckner irre, erblich geisteskrank oder kollektiv lebensmüde? Wer wußte das schon. Martin wollte umdrehen. Schwimmen ade. Er trat auf einen glitschigen Stein und rutschte ab. Besser sich rückwärts fallen lassen, als auf einen der Steine am Ufer aufzuschlagen, dachte er. Nach zwei heftigen Armbewegungen war sein Kopf wieder über Wasser und er war im Prinzip zwei Züge geschwommen. Der See war hier ziemlich plötzlich tief geworden, das Wasser war klar und erfrischend und nichts war ihm passiert. Wo er schon mal hier war, konnte er genauso gut zwei, drei vorsichtige Züge schwimmen. Unheimlich blieb ihm die Sache aber trotzdem.

Dann sah er die Kaulquappe, sie war nicht groß, nicht gefährlich, aber sie erschreckte ihn. Kurz darauf bemerkte er, dass er sich in einem ganzen Schwarm von Kaulquappen befand. Das war genug. Das nächste Mal fuhr er, wie alle anderen auch, in die Badeanstalt.

„Mir reicht’s. Ich geh wieder raus“, rief er den anderen zu.

„Was? Wir sind doch gerade erst ins Wasser gegangen.“

„Egal, ich will hier raus.“

„Du bleibst hier und schwimmst jetzt“, schrie Doris.

Martin antwortete nicht, sondern wendete und machte sich daran, die zehn Schwimmzüge rückgängig zu machen, die ihn hierher gebracht hatten. Doris war eine ziemlich gute Schwimmerin und hatte ihn keine fünf Züge später eingeholt. Sie schlang einen Arm um seinen Hals und drückte seinen Kopf unter Wasser. Martin hatte Wasser geschluckt und hustete heftig, als er wieder hochkam.

„Schwimmst du jetzt mit uns, oder was?“

„Was soll das?“ prustete Martin.

Doris sagte nichts weiter. Sie griff ihn an. Nicht, wie erwartete hatte am Hals oder Kopf. Darauf war vorbereitet gewesen. Sie war auch nicht getaucht, so dass er auf einen Angriff von unten gefasst gewesen wäre. Irgendwie hatte sie es geschafft, ihre Beine unsichtbar um seine Hüfte zu schlingen. Er wurde fast widerstandslos von ihr in die Tiefe gezogen. Unter Wasser strampelte er in wilder Panik. Aber Doris Beine hatten sich wie ein bleierner Stahlring um seinen Leib gelegt. Martin kam in seiner Panik nicht auf die Idee, nach den Beinen zu greifen und sich von ihnen zu befreien. Er wollte einfach nur an die Oberfläche und brauchte seine Hände zum hysterischen Paddeln. Für kurze Zeit ließ der Abwärtssog nach und Martin kam mit dem Kopf wieder über Wasser. Aber Doris Beine waren noch um seine Hüfte geschlungen. Sie glich ihre Lage mit kreisenden Armbewegungen aus und lachte gehässig. Das Ganze schien ihr mächtig Spaß zu machen. Martin dachte nur daran Luft zu holen. Alles andere war im Moment nebensächlich.

„Gehen wir jetzt schwimmen?“

Selbst wenn er gewollt hätte, blieb ihm keine Zeit zum antworten. Schon zog sie ihre Beine wieder an, bäumte sich auf. Sofort ging es abwärts und zwang ihn in die Tiefe. Nicht für lange. Aber lang genug, um in richtige Panik zu geraten. Kaum erschien sein stark errötetes Gesicht wieder über dem Wasser, fragte Doris ihn erneut.

„Bin ich die schönste Frau der Welt?“

Martin hatte nicht einmal die Frage richtig verstanden, da war er schon wieder unten. Diesmal mobilisierte er seine letzten Kräfte. Er strampelte mit aller Gewalt, gegen Doris Schenkeldruck an. Dann machte er, ohne es eigentlich geplant zu haben eine Rolle vorwärts. Das drückte Doris unter Wasser und sofort ließen ihre Beine von ihm ab. Er war frei. Und er hatte Luft. Bevor er sein automatisiertes Atemzentrum aus-, und den Verstand wieder einschalten konnte, hing sie erneut an seinem Hals. Sie hielt seine Gurgel gerade so fest, das er bequem atmen konnte, aber er spürte genau, dass sie jederzeit die Möglichkeit hatte zuzudrücken. Martin konzentrierte sich darauf, mit dem Kopf über Wasser zu bleiben. Sie schien ihn auch nicht wieder untertauchen zu wollen. Werner schwamm direkt in seiner Nähe vorbei, griff aber nicht ein. Doris Gesicht war jetzt ganz dich bei seinem Ohr.

„Sag jetzt ja!“ flüsterte sie eindringlich.

Es war ihm egal worum es überhaupt ging. Er hatte Angst. Aber nicht davor, sich in die Hose zu machen, denn er hatte ja keine an. Das ließ zumindest seiner Blase freien Lauf.

„Lass mich in Ruhe“, keuchte er kraftlos und spürte im gleichen Moment das, wovor er noch weit mehr Angst hatte, als vor Doris psychopathischen Ausfällen. Ein riesiger Fisch hatte sich an seinem Schwanz verbissen.

Martin schrie panisch: „Nein!“ Er schlug wild um sich. Dabei musste er Doris im Gesicht getroffen haben. Sie ließ plötzlich ihn frei. So schnell er konnte schwamm er zum Ufer zurück. Unbeholfen und völlig erschöpft krabbelte er auf den ersten Felsen. Er wartet nicht, bis er wirklich an Land war, um den Schaden zu untersuchen. Martin erwartete, einen blutigen Hautrest dort vorzufinden, wo einmal seine Männlichkeit gewesen wäre. Er merkte gar nicht, dass er fortgesetzt nur „Scheiße!“ geschrieen hatte. Deswegen war ihm auch nicht bewusst, dass er verstummte, als er glücklich feststellte, dass dem kleinen Mann rein gar nicht zu fehlen schien.

„Alles noch dran, ja? Davon stirbt man schließlich nicht“, maulte Doris mit einem jammernden Unterton, als sie an ihm vorbei an Land stiefelte.

„Da war ein Fisch dran!“ schrie Martin sie an. „Muss ein riesengroßes Ding gewesen.“
„Klar“, sagte Doris und sammelte seine Sachen vom Boden auf.

Bevor Martin fragen konnte, was das sollte, flogen sie in hohem Bogen in den See.
„Bist du völlig beknackt?“

„Wer ist denn hier beknackt?“ keifte sie wütend. „Du hast mich ins Gesicht geschlagen. Ich hätte gleich wissen müssen, dass du so einer bist.“

„Was?“

Martin sah sie an. Ihre Lippe blutet tatsächlich. Oder war es ihre Nase?

„Du musst das Blut stoppen!“ rief Martin.

„Ach ja? Tut es dir jetzt plötzlich leid, ja?“

„Werner!“

Martin drehte sich um. Aber Werner war weit hinaus geschwommen und winkte nicht einmal. Martin griff nach Werners T-Shirt und wollte es Doris auf die Nase drücken, um das Blut zu stoppen.

„Lass das!“ Doris drängte seine Hand zurück.

„Das Bluten muss gestoppt werden!“ stellte Martin energisch klar.

„Ach ja!“ Es war schon beinahe angetrocknet und es lief nur ein ganz kleines Rinnsal aus der Nase. „Wie wär’s, wenn du es ableckst.“

„Lass den Unsinn, das muss gestoppt werden.“

„Dann tu es! – Aber nicht mit diesem Lappen!“

Martin ließ den Arm sinken. „Du spinnst doch völlig, mach was du willst.“

„Nicht einmal für deine große Liebe würdest du das tun?“

Martin verpasste es wieder, das richtig zu stellen. Wahrscheinlich hätte das auch gar keinen Zweck gehabt. Plötzlich hatte Doris wieder ihren Arm um ihn geschlungen. Sie küsste ihn auf den Mund und verrieb dabei all das Blut in seinem Gesicht. Martin stieß sie weg. Und spuckte den eisenhaltigen Geschmack aus.

Wütend baute Doris sich vor ihm auf.

„Siehst du, was du gemacht hast?“ Sie hielt ihm ihre Hand hin. Das Bluten war wieder stärker geworden. Dann fing sie an zu lachen. Sie lachte über ihn. Und er wußte nicht recht, was das jetzt wieder sollte.

„Martin, Martin! Dein kleiner Pimmel regt sich!“ In dem Durcheinander hatte Martin völlig vergessen, dass er nackt war. „Kleiner Pimmel, was sag ich. Hah, ich werde ihn Big Ben nennen. Genau, von jetzt an heißt er Big Ben!“ Sie kreischte fast vor Vergnügen und Martin hätte sich am liebsten sofort eingegraben. Leider hatte sie recht. Das dümmliche Ding war auf dem besten Wege anzuschwellen. Ausgerechnet vor dieser dämlichen Doris musste ihm das passieren. Er griff nach der Badehose die Werner hatte liegen lassen und zog sie hastig über.

„Das hilft auch nichts. Du hast einen Ständer, und ich sehe ihn auch jetzt noch wachsen!“ kreischte Doris völlig aus dem Häuschen und sprang vor Freude von einem Bein auf das andere. Martin setzte sich mit angewinkelten Knien ans Ufer und hoffte, dass all das möglichst schnell vorbei ging.

„Siehst du! Du bist doch in mich verknallt!“ triumphierte Doris, als sie sich wieder etwas beruhigt hatte.

Totaler Blödsinn, dachte Martin. ‚Ich bin ja auch nicht in meine Matratze verknallt.‘ Aber Martin hielt den Mund. Sonst hätte er ihr ja sagen müssen, dass er jeden Morgen so geschwollen aufwachte.

„Warte, bis ich das Werner erzähle.“

„Untersteh dich!“

„Wie willst du das denn verhindern?“

Martin schwieg. Er wartete, bis Werner wieder an Land kam und Martins Sachen mitbrachte. Ihn selbst hätten keine zehn Pferde mehr ins Wasser gebracht. Sie legten die Sachen zum Trocknen auf die Felsen. Es war schon spät, die Sonne war lau und seine Jeans waren noch reichlich klamm, als sie zu Hause ankamen. Den Rest des Nachmittags hatte Doris sich schweigend und ohne jeden weiteren Ärger gesonnt. Irgendwie schien sie für den Moment zufrieden, und Martin hatte endlich seine Ruhe.

Kapitel 6 - Nächtlicher Abgang

Herr Bruckner erschien nicht zum Abendessen. Martin wußte nicht, ob er immer noch wegen seines Lachens beleidigt war. Frau Bruckner hatte jedenfalls keine besonders gute Laune.

„Was ist mit deiner Nase?“

Doris Nase war sichtlich geschwollen.

„Ich hab mich am Beckenrand gestoßen“, log sie gleich zweifach, ohne von ihrem Essen aufzusehen. Ihre Mutter brummte etwas unverständliches und schmierte eine zweite riesige Scheibe Graubrot mit Mettwurst fertig. Dann trug sie beide Scheiben auf einem Teller hinaus. Beim Essen wurde nicht viel gesprochen, und Martin hatte einen Bärenhunger.

Nach dem Abendbrot saßen alle noch ein wenig auf der Terrasse und genossen die Abendsonne. Doris las eine Frauenzeitschrift für Frauen unter 18. Werner und Martin spielten Schach und tranken eisgekühlte Limonade. Herr Bruckner saß in einem Liegestuhl und löste ein Kreuzworträtsel. Als Frau Bruckner mit dem Abwasch fertig war, verlangte Werners Vater noch ein Bier. Frau Bruckner holte ihm eins aus Küche, und er mischte es in einem großen Glas mit Sekt.

„Brandstifter mit vier Buchstaben“, fragte er unvermittelt in den Raum.

Frau Bruckner seufzte nur und sah nicht einmal von den Socken auf, die sie gerade stopfte. Keiner kümmerte sich darum, dass Herr Bruckner etwas gefragt hatte.

„Das solltet ihr beide eigentlich wissen“, grunzte Herr Bruckner. „Ihr geht doch schon lange genug zur Schule. Aufs Gymnasium! Was bringen die euch da eigentlich bei?“

Martin sah vom Schachspiel auf. Herr Bruckner schien nicht wirklich auf eine Antwort zu warten.

„Mutter!“ Seine Stimme wurde eine Spur lauter. „Hast du denn auch keine Ahnung? Brandstifter mit vier Buchstaben. Das kann doch so schwer nicht sein.“

Frau Bruckner seufzte schon wieder und sagte resigniert: „Ich weiß nicht, Feuerteufel vielleicht.“

„Mit vier Buchstaben, du dusselige Kuh. Ihr habt aber auch wirklich gar keine Ahnung. Nicht mal bis vier zählen könnt ihr. Was habt ihr eigentlich im Kopf? Kein Interesse an Allgemeinbildung. Wenn es nach euch geht, besteht die Welt nur aus essen, beten und … und schwimmen. – Doris, was liest du da wieder für einen Schund. Zu meiner Zeit hat man die Klassiker gelesen. Ein bisschen Kunst und Kultur könnte euch beim besten Willen nicht schaden.“

Herr Bruckner hatte sich langsam zu einem Fortissimo gesteigert und fiel jetzt ab zu einem resignierten, fast wirren Genuschel.

„Martha! Noch ein Bier.“

„Findest du nicht, dass es genug Bier für heute ist, Hermann?“

„Was genug ist und was nicht, bestimme in diesem Haus immer noch ich. Geh und hol mir ein Bier!“

Martin hatte eigentlich erwartet, dass die Situation jetzt zu einem handfesten Familienkrach ausartete, aber Frau Bruckner legte nur ihr Stopfgarn beiseite, seufzte und holte gehorsam das Bier.

„Du bist am Zug“, sagte Werner. Er schien das ganze Theater überhaupt nicht wahrgenommen zu haben, und Doris fühlte sich wohl ebenfalls nicht angesprochen. Martin setzte die Dame zwei Felder vor und sah in diesem Moment, dass sie dort hoffnungslos verloren war. Zu spät.

Herr Bruckner stellte erneut seine Sekt- und Biermischung zusammen und nahm einen großen Schluck.

„Eine ganz einfache Frage. Brandstifter mit vier Buchstaben. Und von euch kommt nichts“, fing Herr Bruckner gleich wieder an.

„Nero“, sagte Martin, während er zusah, wie Werner seine Dame vom Brett nahm.

„Nero“, wiederholte Herr Bruckner Martins Tonfall nachäffend. Nach einer kleinen Pause fuhr er dann fort. „Wenigsten kommt da mal was. Aber von euch hätte ich doch wirklich mehr erwartet.“

Nach diesem letzten Einwurf blieb es ruhig. Bis Herr Bruckner sein nächstes Bier verlangte. Diesmal war Doris dran mit Holen.

„Wolltet ihr nicht diesen Film gucken?“ fragte Frau Bruckner, als ihre Tochter mit dem Bier wiederkam.

„Ach ja, Startreck III. Wollen wir?“ Werner hatte die Frage an Martin gerichtet. Martin nickte. „Diese Runde geht sowieso an dich.“

„Startreck. Wieder so ein Unsinn. Warum schaut ihr nicht mal was anständiges in der Glotze. Den Länderspiegel, da lernt ihr wenigstens was.“ Offensichtlich war Herr Bruckner wieder aufgewacht.

„Besser ihr geht oben fernsehen!“ sagte Frau Bruckner.

„Wollten wir sowieso!“ Werner stand auf.

„Sie bleiben noch mal hier, junger Mann, ja?“ mischte sich plötzlich Herr Bruckner ein.

Doris und Werner schauten sich mitleidig um. „Ihr könnt ruhig vorgehen. Ich habe mit dem jungen Mann noch ein Wörtchen zu reden.“

Sie zögerten nicht und Martin stand auf einmal alleine mit den Eltern Bruckner auf der Terrasse.

„Ich weiß, dass sie keinen Vater haben, junger Mann“, legte Herr Bruckner los. „Daher scheint es in ihrer Erziehung auch einige Lücken zu geben. Die eine oder andere Tracht Prügel hätte da sicher Wunder bewirkt.“

„Hermann, bitte, der Junge ist bei uns zu Gast.“

„Eben. Deshalb sollte er sich auch so benehmen. Dazu gehört, das er nicht über Gebrechen anderer lacht und sich vorlaute Bemerkungen erspart. Unter meinem Dach bestimme nur ich, wie der Hase läuft. Merk dir das, sonst rasseln wir beide mal kräftig aneinander!“

„Hermann, ich glaube der Sekt ist alle. Ich hole dir mal eine neue Flasche. Und lass doch den Jungen, der kann doch nichts dafür“, versuchte Frau Bruckner ihren Mann zu besänftigen.

„Ja, ja, du hast immer für alles eine Entschuldigung. Aber im Leben kommt es nicht auf gute Entschuldigungen an, sondern darauf, dass man erst gar keinen Grund hat sich zu entschuldigen. Mit Entschuldigungen hätte ich mein Examen nicht bestanden“, predigte Herr Bruckner weiter und atmete tief durch. „Also, haben wir uns da verstanden? Keine Vorwitzigkeiten in meinem Haus und niemand wird hier ausgelacht!“

„Es war nicht meine Absicht …“

„Ich will gar nicht wissen, was deine Absicht war“, fuhr Herr Bruckner sofort dazwischen. „Ich will wissen, was deine Absicht ist. Hast du jetzt die Absicht, dich anständig zu verhalten, oder nicht?“

„Natürlich!“

„Natürlich! Ich hoffe ich habe mich da klar ausgedrückt.“

„Völlig!“

„Der Junge hat das sicher verstanden. – Geh jetzt hoch zu anderen“, sagte Frau Bruckner und schob in sanft durch die Tür ins Wohnzimmer. Als sie bei der Treppe waren sagte sie noch: „Du darfst das nicht böse nehmen. Vater trinkt abends zu viel Bier und Sekt durcheinander. Und er hat nicht gern fremde Leute in seinem Haus. Da ist er immer etwas schwierig. Ich sorge schon dafür, dass ihr euch nicht mehr in die Quere kommt.“

Der Film hatte bereits angefangen. Doris und Werner hockten oben auf dem Bett und starrten gebannt auf den kleinen, portablen Fernseher, der auf einer alten Teekiste stand. Martin setzte sich auf den mit kleinen Plastikkugeln gefüllten Sack, der als Sessel diente. Niemand sagte etwas, bis der Film um kurz nach zehn zu Ende war. Während der Abspann lief, öffnete Frau Bruckner die Tür und sagte ‚Gute Nacht‘. Doris verschwand ziemlich prompt und ohne weitere Gehässigkeiten in ihr Zimmer. Werner half Martin die Bettdecke zu beziehen. Früher war dies das einzige Kinderzimmer und Werner schlief immer oben in dem Etagenbett. Unten lag normalerweise alles voller Klamotten, die Werner nun einfach im Kleiderschrank verstaute.

„Der Alte hat ’ne Macke. Da kann man nichts machen.“

Wenigsten kriegte Werner, jetzt wo seine Schwester die beiden Jungen endlich mal allein gelassen hatte, den Mund auf.

„Hier oben haben wir aber Ruhe vor ihm. Er kommt selten hoch. Sein Knie. Eine Kriegsverletzung. Kann die Treppen nicht steigen“, erklärte Werner.

„Er kann keine Treppen steigen?“

„Kann nicht, will nicht? Ist doch egal, jedenfalls taucht er hier oben so gut wie nie auf.“

Werner kletterte rauf in sein Bett. „Mach das Licht aus, wenn du fertig bist.“

„Werner?“ fragte Martin in die Dunkelheit, nachdem er das Licht gelöscht hatte.

„Warum hasst Doris mich eigentlich. Ich habe ihr doch nichts getan.“

„Keine Ahnung“, brummte Werner und nach einer kurzen Denkpause fügte er hinzu: „Mädchen sind komisch. Und Doris ganz besonders. Ich hab schon lange aufgegeben mit ihr zu streiten. Du solltest das auch lassen. Es hat überhaupt keinen Zweck.“

Wieso hieß es immer, dass er es war, der mit Doris stritt? Doris war es doch, die ewig Streit anfing. „Aber ich mache doch gar nichts“, behauptete Martin abwehrend.
„Darum geht es nicht. Irgendwie scheint sie sich über dich zu ärgern. Und wenn sie will, dass du sagst, dass sie schön ist, dann tu es einfach. Das erspart einem eine Menge Ärger.“

„Aber, wenn ich doch nicht in sie verliebt bin?“

„Sie will doch nur, dass du das sagst. Wahrscheinlich weiß sie, dass dich das ärgert, so etwas sagen zu müssen, und nun will sie sehen, wer von euch beiden den größeren Dickschädel hat.“

Martin hörte, wie Werner sich oben auf die andere Seite drehte.
„Du hättest mir heute im See ruhig helfen können.“

„Was?“ fragte Werner irritiert. „Ach, mein Gott, sie hätte dir doch nicht wirklich was getan. Das war doch nur Spaß.“

„Für Spaß habe ich aber ‘ne ganze Menge Wasser geschluckt.“

„So schlimm war es nun wirklich nicht.“

„Ach nein? Und dann noch dieser widerliche Fisch“, empörte sich Martin, den der bloße Gedanke an den Fisch schon wieder erschreckte.

Werner seufzte laut. „Blödsinn, sie hat dir Angst gemacht und du hast dir das eingebildet. So große Fische gibt es in dem See nicht, und wenn, würden sie so was nicht machen. Die haben viel zu viel Angst.“

„Das habe ich mir nicht eingebildet, ganz bestimmt nicht!“ beharrte Martin.

„Ist aber doch nichts passiert, oder?“

„Nein“, musste Martin zugeben. Wirklich passiert war nichts.

„Na, also“, stellte Werner abschließend zufrieden fest.

Martin schwieg und dachte über den vergangenen Tag nach. Rückwirkend besehen, war dies vielleicht der chaotischste und schlimmste Tag in seinem Leben. Aber er hatte es irgendwie überstanden. Ein Grund stolz zu sein. Er hoffte, dass dies auch für lange Zeit der schlimmste Tag seines Lebens bleiben würde.

Kapitel 7 - Die schönste Frau der Welt

Bei den Bruckners wurde auch Samstags zeitig gefrühstückt. Wieder fehlte Herr Bruckner. Martin fragte nicht, wo er war. Es war ihm ganz recht so.

„Also Kinder. Ich muss noch einkaufen gehen. Wenn ihr fertig seid, räumt ihr ab und geht raus oder nach oben. Macht hier unten bloß keinen Lärm, solange Vater noch schläft.“

Kaum hatte Mutter Bruckner mit einem kleinen, runden Weidenkorb und mehreren Jutetaschen das Haus verlassen, war Doris auch schon mit ihrem Frühstück fertig.

„Komm mit Martin!“ kommandierte sie. „Ich muss dir was zeigen. Werner kann ja abräumen.“

Martin hätte lieber noch in Ruhe weiter gefrühstückt, denn er war noch gar nicht richtig wach. Für einen Samstag war es noch viel zur früh für seinen Geschmack. Schließlich war Wochenende und da durfte man ausschlafen. Aber hier galt diese Regel offensichtlich nur für den alten Bruckner.

„Martin!“ rief Doris energisch.

Noch war Doris einigermaßen freundlich gestimmt. Doch schon nistete sich bei Martin gleich wieder die Angst ein, dass sie jeden Moment wieder wütend werden konnte und ihr übliches Theater abziehen würde. Zögernd stand er auf und ließ das letzte halbe Brötchen auf dem Teller zurück.

Doris war wie ausgewechselt. Sie konnte ihre freudige Erregung kaum unterdrücken. Martin fragte sich was sie wohl vorhatte. Eine innere Stimme sagte ihm, dass Doris gute Laune nichts Gutes bedeuten konnte.

„Komm schon“, rief sie fröhlich und nahm immer zwei Stufen auf einmal. Oben auf dem Flur öffnete sie die Tür zu dem Zimmer gleich neben dem Bad. Es war das Schlafzimmer der Bruckners, oder nicht wirklich. Dort stand ein viel zu kleines Bett drin. Martin sah sich flüchtig um. Im Schlafzimmer seiner Mutter stand noch das große Doppelbett, aus der Zeit, als sein Vater noch bei ihnen gelebt hatte. Der war, als Martin vier war, von Zuhause weggezogen und hatte sich scheiden lassen. Was dann aus ihm geworden war, hatte Martin nie wirklich interessiert. Das Bett hier war zwar etwas größer, als ein normales Einzelbett. Aber nur unwesentlich. Wahrscheinlich lag das dran, dass Herr Bruckner ja irgendwo im Untergeschoß schlief.

„Was ist denn?“ fragte Doris ungeduldig, als Martin an der Schwelle stehen geblieben war. Es behagte ihm nicht, in fremder Leute Zimmer einzudringen.
„Ich finde das nicht richtig“, stellte Martin klar.

„Komm rein, ich will dir was zeigen!“ forderte Doris ihn ungeduldig auf. Zögernd betrat Martin das Zimmer.

„Lass die Tür auf, dann hören wir, wenn meine Mutter zurück kommt“, erklärte Doris. Das verstärkte bei Martin nur noch den Eindruck, dass es falsch war, was er hier tat.
„Warum muss ich denn hier rein? Das gibt doch nur Ärger“, warf Martin ein.

„Ach was. Komm jetzt und setzt dich hier aufs Bett!“ befahl Doris.

Es blieb ihm nichts anderes übrig als sich auf die Kante des Bettes zu setzen, denn ihre Stimme hatte schon wieder diesen leicht zornigen Untertun. Doris zog eine Schublade unter dem Spiegelschrank auf und kramte vorsichtig darin herum. Mit einem triumphierenden Grinsen drehte sie sich um und hielt ein Heft in der Hand.

„Da! Schau dir das an! So etwas hast du bestimmt noch nicht gesehen!“ freute sie sich. Martin nahm das Heft. Und Doris schien voller Spannung jeden seiner Gesichtszüge beim Betrachten des Umschlags genau zu beobachten. Auf der Titelseite war ein nackter Mann mit einem geschwollenen Glied, an dem sich eine Frau mit der Hand zu schaffen machte.

„Was soll das?“ fragte Martin und wollte ihr das Heft zurückgeben.

„Schlag es auf!“

„Keine Lust“, wehrte Martin ab.

Doris riss ihm das Heft aus der Hand und schlug es auf, dann hielt sie es ihm geöffnet entgegen. Da waren zwei Frauen, von denen die eine die Beine angewinkelt weit auseinander hielt. Die andere den Kopf auf ihren Bauch gelegt und schaute Martin direkt an. Mit den Fingern zog sie die Schamlippen der auf dem Rücken liegenden Frau auseinander.

Das war eindeutig nicht für ihn bestimmt. Martin wurde rot. Er hätte jetzt einfach aufstehen und weggehen sollen. Aber irgendwie versagten ihm die Beine den Dienst. Doris drückte ihm das Heft in die Hand. Sie hatte die Lippen zusammengekniffen und es sah aus, als wenn sie sich heftig darauf biss.
„Schau es dir an!“

Martin blätterte eine Seite weiter. Eine Frau kniete auf dem Bett. Wieder schaute sie Martin an. Ein Mann hockte gleich dahinter und hielt ihren Hintern mit beiden Händen fest. Zwischen den beiden sah man ein Stück von seinem Penis, das irgendwo, zwischen den Beinen der Frau zu verschwinden schien. Martin wurde blass, sein Blut schien sich auf einmal in seinem Bauch und dann etwas tiefer zu versammeln. Seine Leistengegend fing an zu brennen. Schnell schlug er eine Seite weiter, in der Hoffnung, dass dort weniger schlimme Dinge zu sehen sein würden.

„Da!“ rief Doris begeistert. „Das nennt man französisch.“

Martin starrte auf das Bild und konnte es erst nicht fassen. Seine Beine fühlten sich plötzlich taub und kraftlos. Am liebsten hätte er sich hinten rüber fallen lassen und die Beine angezogen. Sein Unterleib brannte jetzt nicht mehr, aber jede Berührung mit seiner Unterhose schien ihn zu kitzeln.

„Das erregt dich, ja?“ Doris schien plötzlich heiser geworden zu sein oder sie verstellte irgendwie ihre Stimme. Martin achtete nicht weiter auf sie. Doris hätte sagen können, was sie wollte, er starrte nur noch auf das Bild.

„Denkst du jetzt an mich?“ fragte sie neugierig.

Martin antwortete ihr nicht. Plötzlich riss Doris ihm mit der Linken das Heft weg und ihre rechte Hand griff fast gleichzeitig nach seiner Hose. Martin erschreckte sich so sehr, dass er einen Augenblick lang dachte er hätte sich in Hose gemacht. Alles fühlte sich warm und wohlig an. Ihr Tasten war ihm nicht wirklich unangenehm.

„Denkst du dabei an mich?“ wollte sie noch einmal wissen. Ihre Stimme war jetzt wieder eindringlicher geworden. Offenbar war sie wieder kurz davor wütend zu werden. Martin grunzte verärgert und stieß ihre Hand weg. Warum zeigte sie ihm so etwas. Er hatte sie nicht darum gebeten.

„Lass das!“

„Blödmann!“, zickte Doris.

Werner stand plötzlich in der Tür. Offensichtlich war er mit dem Abräumen des Frühstückstisches fertig. Er sah das Heft auf dem Boden liegen, ging wortlos darauf zu und hob es auf. Dann nahm er es ohne jede Erklärung mit ins Badezimmer.

Doris sah ihm nach. Plötzlich wurde sie wütend. Sie stürmte hinterher, doch die Badezimmertür war bereits abgeschlossen. Sie klopfte leise. Schließlich wollte sie ihren Vater nicht wecken.

„Werner mach die Tür auf!“

Werner antwortete ihr nicht.
„Werner mach sofort auf!“ befahl sie mit gedämpfter Stimme auf dem Flur.

Martin saß wie betäubt auf dem Bett und verstand das alles nicht. Er tastete in seine Hose herum. Gott sei Dank war sein Glied wieder abgeschwollen, aber irgendwie feucht und glitschig.

„Mach auf! Werner, du bist ein Schwein!“

Doris kam wieder zurück. Sie kochte vor Wut. Sie hob den Arm, doch diesmal hatte Martin aufgepasst. Er hielt ihren Arm zurück, bevor sie ihm eine kleben konnte.
„Ihr seid Arschlöcher. Alle beide!“ behauptete sie erbost.

Martin wollte endlich das Zimmer verlassen. Das alles war nicht seine Sache.

„Warte!“ rief Doris gefährlich schneidend. „Ich sage meiner Mutter, dass du an ihrer Schublade warst.“

„Das warst du doch. Du warst doch da dran. Ich wußte doch gar nichts von dieser Schublade“, verteidigte sich Martin empört.

„Ich sage: Ihr beide wart da dran. Sie wird mir glauben, und Werner widerspricht mir bestimmt nicht.“

‚Vermeide Streit‘ und ‚tu einfach was sie sagt‘ schoss es Martin durch den Kopf. Wenn Doris das ihrer Mutter erzählte, wäre das wohl für beide peinlich. Schließlich waren das ihre Hefte. Martin überlegte, ob Frau Bruckner davon seiner Mutter erzählen würde. Wahrscheinlich nicht. Aber wenn doch?

„Ich kann auch noch ganz andere Sachen sagen: Dass du mich geschlagen hast zum Beispiel. Oder: Dass du wolltest, dass ich deinen Penis in den Mund nehme“, setzte Doris drohend nach.

Martin sah Doris abschätzend an. ‚Damit könnte sie durchkommen und das wäre eine Katastrophe‘, dachte Martin.

„Werner hält zu mir, das ist sicher!“ triumphierte sie.

„Also gut, was willst du?“ fragte er resigniert.

„Erstmal will ich, dass du am Montag jedem in der Schule erzählst, dass du in mich verliebt bist.“

„Sonst noch was?“

„Das ich die schönste Frau der Welt bin!“

„Das hatten wir schon.“

„Richtig“, sagte Doris und schien sich plötzlich an etwas zu erinnern. „Du bist ja die schönste Frau der Welt!“ erinnerte sie sich. „Dann will ich, dass du dich auch so anziehst.“
Doris riss die Türen des Kleiderschrankes auf und begann Kleidungsstücke von Frau Bruckner auf das Bett zu werfen.

„Los zieh dich an, wie die schönste Frau der Welt.“

„Schon gut. Also gut. Du bist die schönste Frau der Welt.“

„Nee, nee, so nicht. Das werden wir gleich sehen. Zieh das hier an, dann werden wir ja sehen, wer uns beiden die schönste Frau der Welt ist“, forderte Doris stur. Wenn sie erstmal auf eine Idee gekommen war, ließ sie so schnell nicht mehr locker.

„Das ist doch nicht dein Ernst!“ fragte Martin verzweifelt. Wußte aber längst, dass das einzige was Doris fehlte, jede Art von Humor war.

„Oh, doch“, knurrte sie.

„Ich kann keine Frauenkleider tragen, schon gar nicht in dieser Größe“, behauptete Martin.

„Wollen wir wetten?“

„Ich will das nicht“, wehrte Martin müde ab.

„Mein Vater wird durchdrehen, wenn er hört, dass du mich geschlagen hast, weil ich dein Ding nicht in den Mund nehmen wollte!“

„Hör endlich auf mit dem Mist“, forderte Martin sie verzweifelt auf.

„Mein Vater war im Krieg, er hat noch eine Pistole in seinem Schreibtisch!“ steigerte sich Doris nur immer weiter in ihre fixe Idee hinein. Martin schüttelte den Kopf. Es blieb ihm letztlich gar kein Ausweg. Gegen Doris Boshaftigkeit kam man einfach nicht an.

„Also gut“, willigte er zögernd ein. „Aber du erzählst es niemandem! Absolut niemandem!“

„Mal sehen“, sagte sie und legte den Kopf abwägend schief.

„Nein, entweder du versprichst es, oder …“, widersprach Martin energisch.

„Versprochen! Hier das zuerst“, freute sich Doris, als ob sie Geburtstag hätte.

„Das ist Unterwäsche!“

„Deswegen musst du sie zuerst anziehen.“

„Oh Mann, du gehst mir echt auf die Nerven“, stellte Martin klar. „Aber meine Unterhose behalte ich an.“

Doris grinste und hielt ihm ein hautfarbenes Mieder hin. Das sollte eigentlich eng sitzen, aber Martin rutschte es, wie ein Sack, bis fast auf die Knie. Doris kreischte unterdrückt vor Vergnügen.

„Jetzt den Rock“, kommandierte sie.

Martin zog den Rock bis knapp unter die Brust. Er hielt auch nur, weil er noch eine weiße Bluse darunter zog und den Gürtel im allerletzten Loch schloss. Aber einige heftige Bewegungen und alles würde verrutschen.

„Strümpfe! Hier du brauchst noch Strümpfe.“

„Wozu sind diese Clipdinger hier?“ fragte Martin.

„Da machst du die Strümpfe dran fest. So!“

Alles schlabberte an ihm herunter. Sogar die Strümpfe warfen Falten. Schuhe Größe vierundvierzig.

„Ohrclips!“ Doris hielt sie ihm hin. „Diesen Hut hier.“ Dann schloss sie die Schranktüren. In den Spiegeln sah Martin aus wie Mrs. Doubtfire in Säcke gehüllt.

„Eigentlich müssten wir dich ja noch schminken“, überlegte Doris.

„Nein, jetzt reicht‘s.“

„Also, wer von uns beiden ist die hübschere Frau?“

Die Frage war weiß Gott nicht schwer zu beantworten. Werner brach in schallendes Gelächter aus, als er den Raum betrat.

„Mann o Mann, du siehst vielleicht albern aus!“

Er lachte immer noch, als er das Heftchen sorgfältig wieder in der Schublade verstaute.

„Pscht!“ Doris lauschte. „Die Tür.“

Werner lauschte kurz und verdrückte sich dann immer noch lachend in sein Zimmer.

„Los beeil dich!“ hetzte Doris plötzlich.

Das brauchte Doris ihm nun wirklich nicht zweimal zu sagen.

Er hätte fast alle Knöpfe von der Bluse gesprengt, als er sie zu öffnen versuchte. Doris räumte unterdessen die Sachen wieder ein. Wenigsten ließ sie ihn in diesem Outfit nicht allein hier stehen. Ein letzter Rest von Anstand schien selbst Doris noch zu haben. Martin wollte gerade, die Strümpfe von den Clips zu trennen, da rief Frau Bruckner von unten: „Werner!“

Doris lauschte kurz und Martin hielt die Luft an. „Der Arsch antwortet nicht! Sie kommt hoch!“ behauptete Doris. Jeden Moment würde die Katastrophe ihren Lauf nehmen. Wie sollte er wohl Frau Bruckner erklären, was er hier in ihrer Unterwäsche trieb.

„Nimm deine Klamotten und lauf rüber in Werners Zimmer!“ befahl Doris energisch.

Martin dachte nicht weiter nach und rannte los. Doris verstaute noch schnell die Schuhe und kam hinterher gehastet.

Werner platzte fast vor Lachen, als Martin in dem Mieder mit einem Strumpf in sein Zimmer gestolpert kam.

„Gott, du hast echt Stil“, kreischte Werner und schlug sich lachen auf den Schenkel.

„Hör auf zu lachen!“

Martin fummelte den übrig geblieben Strumpf los und warf in Werner zu.

„Wow!“

„Sie kommt“, rief Doris und schloss leise die Tür. „Lass das an, verdammt. Hier, zieh einfach die Hose und ein T-Shirt drüber.“

Martin schaute sie an.

„Sie kommt!“

Es blieb ihm einfach nicht die Zeit für irgendwelche Alternativen. Die Hose war schnell angezogen, das überhängende Mieder darin verstaut. Das T-Shirt gerade übergezogen, da wurde auch schon die Tür geöffnet.

„Hört mal Kinder, geht doch bitte ein bisschen raus. Vater steht gleich auf und ich möchte nicht, dass er schlechte Laune kriegt, wenn er nicht in Ruhe frühstücken kann.“

„Wir sind doch leise“, warf Doris ein.

„Trotzdem. Hier habt ihr zehn Mark. Geht in die Stadt und esst ein Eis, ja.“

„Gleich, Martin muss sich erst noch Socken und Schuhe anziehen.“

Frau Bruckner blieb an der Tür stehen und wartete darauf, dass Martin sich fertig angezogen hatte.

„Macht zu. Martin komm, bitte.“

Eine Minute später standen sie auf der Straße. Offensichtlich musste jeder in dem Hause Bruckner auf die Launen des Vaters Rücksicht nehmen.

„Wie fühlst du dich in dem Mieder?“ wollte Werner belustigt wissen.

„Halt den Mund“, maulte Martin. „Lass uns sehen, dass wir da vorn durch den Park gehen, ich muss das Ding loswerden.“

„Willst du es dann mit dir herumtragen?“ fragte Doris. „Was glaubst du, was meine Mutter sagt, wenn du damit in der Hand nach Hause kommst?“

„Ich zieh es aus und lass es einfach dort irgendwo liegen, fertig.“

„Das tust du nicht“, sagte Doris sofort. „Was, wenn meine Mutter es vermisst? Dann muss ich ihr wohl alles erzählen. Alles!“

„Aber ich muss es wenigstens richtig in die Hose stopfen, das knittert und zwackt mich überall.“

Nach ein paar Metern im Park verschwand Martin hinter einem Gebüsch und ordnete seine Kleidung. Jetzt zwackte es zwar nicht mehr so, aber dafür konnte man nun diese dämlichen Strumpfclips sehen, die sich durch die Hosenbeine abzeichneten. Außerdem fühlte sich seine Oberkörper mit dem leeren BH-Teil an wie aufgepumpt. Auch seine Hüfte war plötzlich breiter und er hatte eine angeschwollene Brust und einen Rettungsring um die Hüfte. Nicht wirklich, natürlich. Wenn er mit dem Finger hinein drückte, gab der Stoff nach und kräuselte sich unnatürlich.

„Habt ihr keine Toilette zu Hause?“ fragte Heike, als Martin wieder hinter dem Busch hervorkam. Ausgerechnet das größte Lästermaul in ihrer Klasse. Was Heike wußte, wussten alle.

„Schwache Blase“, erklärte Werner, der heute für seine Verhältnisse ungewöhnlich gesprächig war.

„Wie hältst du es bloß mit dem unter einem Dach aus, Doris?“

„Er ist nunmal Werners Freund und außerdem ist halt verliebt in mich. Da muss man als Frau durch.“

Doris stieß Martin in die Rippen. Es war noch nicht Montag. Aber je früher je besser, dachte Martin sich.

„Hoffnungslos verliebt. Kann nichts mehr dran ändern“, erklärte Martin lapidar. Doris kicherte zufrieden und Werner schaute seinen Freund fragend an. Heike schien bestürzt.

„Du bist geschmacklos und abstoßend, Martin Bönning. Wie kannst du darüber einfach so vor anderen Leuten reden?“

„Och, wenn wir allein sind sagt er noch ganz andere Sachen“, stellte Doris schnell klar. „Gerade heute morgen hat er festgestellt, dass ich die schönste Frau der Welt bin.“

„Nein!“ staunte Heike.

„Doch! Nicht wahr?“ behauptete Doris lauernd.

„Absolut! Die schönste Frau der Welt“, behauptete Martin trocken.

„Bist du ein Schleimer! Warum lässt du dich von so einem einwickeln?“ fragte Heike ihre Freundin voller Mitleid.

„Tu ich doch nicht. So was nehme ich gar nicht ernst. Aber wenn er nunmal so denkt. Vielleicht ist er ja als Freund ganz brauchbar. Als Mann kommt er natürlich nicht in Frage.“

„Aber als Freundin macht er eine gute Figur!“ freute sich Werner und schlug Martin kräftig auf den Rücken. Der fand das gar nicht lustig. Auch Doris konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

„Geht doch schon mal vor. Ich muss mit Heike noch ein kurzes Gespräch unter Frauen führen.“

Heike schwitzte die Neugier förmlich aus jeder Pore. Martin und Werner gingen allein weiter zur Eisdiele und verfraßen die ganzen zehn Mark, denn Doris sahen sie an diesem Vormittag nicht wieder.

Kapitel 8 - Die Waschküche

Mittagessen gab es spät. Es war eher Mittag- und Abendessen in einem. Es gab Brote, Suppe, heiße Würstchen und Martin trug noch immer das Mieder. Es hatte sich bis zum späten Nachmittag keine Möglichkeit ergeben, das Ding endlich los zu werden. Martin saß leicht vorgebeugt bei Tisch, damit niemand seine aufgepumpte Brust bemerkte und womöglich dumme Fragen stellte.

Vater Bruckner aß nur Suppe. Taktisch geschickt, dachte sich Martin. Und nach wenigen Löffeln schien er auch schon satt zu sein.

„Was habt ihr heute angestellt? Wart ihr Jungs wieder schwimmen, oder habt ihr etwas gebastelt?“

Das übliche Spiel. Niemand antwortete. Auch Martin starrte nur stumpf auf seinen Teller. Offensichtlich war das die beste Strategie, um sich nicht mit Vater Bruckner anzulegen.

„In eurem Alter haben wir Flugdrachen konstruiert. Große Konstruktionen aus Holz und Seidenpapier. Nicht solche Plastikstäbchenflieger fix und fertig, wie man sie heute hat. Das ist was für Nieten.“

Es lag Martin auf der Zunge, darauf hinzuweisen, dass nur ein Vollidiot an einem sonnigen Augusttag versuchen würde, einen Drachen steigen zu lassen. Und überhaupt waren sie für so etwas bei weitem zu alt. Aber er verkniff sich die Antwort. Es machte Vater Bruckner offensichtlich Freude, jedem in seiner Umgebung zu sagen, dass er ein Versager sei.

„Was habt ihr gemacht? Ich habe euch etwas gefragt.“

„Wir waren in der Stadt. Ein Eis essen und sind ein wenig spazieren gegangen“, antwortete Werner widerwillig.

„Herumgegammelt habt ihr. Weiter nichts. Ihr Jungs seid verweichlicht. Nichts als bessere Mädchen. Als nächstes tragt ihr noch Röcke und Ohrringe.“

Doris spuckte den Löffel Suppe zurück auf den Teller. Werner würgte ebenfalls an einem Lachreiz. Martin musste dieses Mieder loswerden. Endgültig und sofort.

„Das ist nicht so albern, wie ihr denkt. In meine Praxis kommen immer wieder Kerle, die Ohrringe tragen, manche sind sogar geschminkt. Widerlich ist das. Widerlich und verweichlicht. Die wollen sogar beim Zahnstein entfernen eine Spritze haben. Weil sie die Schmerzen nicht ertragen! Die wissen doch überhaupt nicht, wovon sie reden. Die brechen wahrscheinlich heulend zusammen, wenn ihnen der Feind mit dem Bajonett Aug in Aug gegenüber steht und winseln dann um Gnade.“

Wieder brach der Redefluss ab und versiegte glücklicherweise für den Rest des Essens.

„Doris bring mir ein Bier und eine Flasche Sekt auf die Terrasse.“

„Geht das schon wieder los!“ brummte Frau Bruckner und räumte den Tisch ab. „Werner, du hilfst mir beim Abwasch.“

Martin wollte keinen weiteren fröhlichen Abend auf der Terrasse.

„Ich warte oben, ja?“, sagte er und verabschiedete sich. Jetzt war endlich die Gelegenheit, das Ding los zu werden. Im Flur stieß er fast mit Doris zusammen, die das Bier aus dem Keller geholt hatte. Und plötzlich stand Frau Bruckner hinter ihm. „Doris hilf deinem Bruder mit dem Geschirr. Ich hab vergessen die Hemden für Vater zu bügeln und im Keller liegt noch ein ganzer Berg Wäsche. Frau Bruckner stieg die Treppe hoch. Martin war verzweifelt. Dann fiel ihm der Berg Wäsche ein. Im Keller. Alle waren beschäftigt, der Vater hasste Treppen und dort konnte er das Mieder auch bequem los werden.

Martin schlich die Treppen runter. In der Waschküche lag tatsächlich ein Berg Kleidung vor der Maschine. Martin lauschte. Nichts. Jetzt schnell. Er zog das T-Shirt aus und ließ die Hose bis auf die Knie rutschen. Gerade als er das Mieder über den Kopf zog, hörte er Schritte. Er schaffte es gerade noch das Mieder auf den Wäscheberg zu werfen. Aber er schaffte es nicht mehr, seine Hose wieder hoch zu ziehen, als Frau Bruckner vor ihm in der Waschküche stand. Auf dem Arm hatte sie noch einige Wäschestück, die wohl in die Maschine sollten. Sie starrte Martin, der mit runter gelassener Hose und ohne T-Shirt vor ihr stand, entgeistert an. Dann ging sie energisch an ihm vorbei und stopfte die Wäsche in die Trommel, während Martin sich hektisch wieder anzog.

„Ich weiß, ihr seid in einem schwierigen Alter. Du solltest öfter kalt duschen. Keine Ahnung, ob das hilft, aber mach es trotzdem“, sagte Frau Bruckner mitfühlend. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und ging hinaus.

Als sie an der Tür war sagte sie noch: „Ich habe hier unten nichts gesehen, aber sieh zu, dass mein Mann das nicht mitkriegt, sonst ist hier die Hölle los.“

Martins Herz schlug zu schnell. Er wartete, bis er glaubte, dass sie weg war und Puls wieder unterhalb der Schallgrenze war, dann schlich er wie ein getretener Hund hinauf in Werners Zimmer. Er konnte nicht fassen, dass er schon wieder in so eine peinliche Situation gerutscht war. Es war nicht seine Schuld, dachte er. Aber ändern tat das nichts. Was Frau Bruckner jetzt wohl von ihm dachte? Und wieso sollte er wohl kalt duschen. Wahrscheinlich damit er zumindest in dieser Zeit keinen Unsinn anstellte.

Kapitel 9 - Nachtwache

Der Abend verlief zäh und schleppend. Doris verbrachte die Zeit auf dem Fenstersims und lauschte dem Vogelgezwitscher in dem Birnbaum unter dem Fenster. Werner und Martin schauten fern. Doris war sauer. Eigentlich war heute Geburtstagsfeier bei Sabine. Martin wäre da sicher auch hingegangen. Aber Doris Vater erlaubte nicht, dass seine Kinder, insbesondere seine Tochter am Abend das Haus verließen. Also musste auch Martin bleiben. Doris war gerade 16 geworden. Alle anderen in der Klasse waren erst 15. Und ausgerechnet als Älteste durfte sie abends nicht weg. Das ist keine Frage des Alters, hatte ihr Vater gesagt, sondern eine Frage ob du hier wohnst oder nicht. Solange du hier wohnst, wird das so gemacht, wie ich es sage.

Martin störte es nicht wirklich, dass die Party ohne ihn stattfand. Aber Doris wurde von Minute zu Minute unruhiger und verärgerter. Schließlich stieg sie vom Fensterbrett herunter und flüsterte Werner etwas ins Ohr.

„Das geht nicht!“ behauptete Werner.

Doris flüsterte ihm erneut etwas ins Ohr, und Werner schien jetzt bereit zu sein nachzugeben.

„Also, ihr Trantüten, ich gehe rüber und höre Musik, viel Spaß noch.“

„Was wollte sie?“ fragte Martin, als Doris gegangen war.

„Nichts wichtiges. Wollen wir auf Fußball umschalten“, wich Werner aus.

„Von mir aus.“ Martin hatte nichts übrig für Fußball und Werner wußte das. Nach ein paar Minuten wurde es Martin zu langweilig und er begann in Werners Chemiebuch zu lesen. Chemie gehörte zu den fünf Fächern in denen seine Versetzung gefährdet war.

„Wirst du jetzt zum Streber?“ spöttelte Werner.

„Ich muss, sonst schaffe ich das Abi nicht.“

„Das sind noch Jahre Zeit.“

„Ich will aber nicht sitzen bleiben, auf keinen Fall.“

Gegen halb elf kam Frau Bruckner herein und wünschte den Jungen eine gute Nacht. Die Geschichte im Keller schien sie total aus ihrem Gedächtnis gestrichen zu haben. Martin wußte nicht genau, was sie von sie davon gehalten hatte, aber er war froh, dass das jetzt auch nicht wichtig zu sein schien.

Es war so gegen zwölf Uhr, als Martin aus dem Halbschlaf gerissen wurde. Werner war von seinem Hochbett herunter geklettert und rüttelte Martin sanft an der Schulter.
„Sei leise und komm mit!“ flüsterte er.

„Wohin?“ fragte Martin unterdrückt zurück.

„Siehst du gleich! Aber sei bloß leise!“

Martin war vom Schlaf noch ein wenig benebelt und trottete willenlos hinter ihm her. Lautlos öffnete Werner die Tür. Auf Zehenspitzen ging es über den Flur, bis vor der Tür zu Doris Zimmer standen. Werner schob die Tür ohne anzuklopfen auf. In ihrem Zimmer brannte nur eine Kerze auf ihrem Nachttisch. Doris selbst saß mit dem Rücken die Wand gelehnt auf ihrem Bett.

„Was machen wir denn hier?“ wollte Martin wissen.

„Psssch!“ zischte Doris, lauter als er geflüstert hatte. „Ihr müsst vor allem leise sein. Kommt hierher ins Licht.“

Werner stellte sich gleich neben die Kerze, vors Bett. Martin stellte sich daneben.

„Was ist los?“ flüsterte Martin noch mal.

„Gut! Jetzt holt sie raus“, sagte Doris leise.

„Wie bitte?“

Werner zog seine Schlafanzughose bis zum Knie herunter.

„Was soll denn das jetzt wieder?“

„Halt endlich den Mund, sie will uns doch nur vermessen“, erklärte Werner zischend.

Mit einem breiten Grinsen zog Doris ein Maßband und ein Notizbuch unter ihrer Bettdecke hervor.

„Ihr seid verrückt!“ behauptete Martin verblüfft.

„Ich hab’s ihr versprochen. Jetzt mach nicht wieder so einen Aufstand“, versuchte Werner ihn zu beruhigen, während Doris das Maßband an seinem Glied ausrollte.
„11,3“, flüsterte Doris. „Umfang 3,9.“ Beides notierte sie in dem Buch. „Jetzt Martin“, kommandierte sie. „Warte: Ich muss erste eine neue Spalte anfangen.“

„Zieh die Hose runter!“ nörgelte Werner.

Martin schüttelte den Kopf. Aber er hinderte Doris nicht daran, seine Hose runter zu ziehen. Dann näherte sie sich seinem Glied mit dem Maßband.

„Heh, erst unausgefahren!“ zischte sie verärgert.

Martin zuckte mit den Schultern und sah zu, wie sein Penis sich Millimeter für Millimeter in die Waagerechte vorarbeitet.

„Anfänger“, schimpfte Doris. „Na gut, also dann nur ausgefahren.“

Doris fasste mit beiden Händen zu und sofort schwollen beide Glieder zu voller Größe an. Dann rieb sie noch ein wenig daran. Und machte sich wieder mit dem Maßband ans Werk.

„18,4.Und 5,1. Das ist nicht schlecht. Aber leider ohne Vergleichswert.“ Doris notierte Martins Werte. „Und 14,6 und 4,2.“

Buch und Maßband verschwanden wieder unter der Bettdecke. Doris hüpfte zurück und lehnte sich wieder an die Wand.

„Runter holen müsst ihr sie euch schon alleine“, quiekte sie vergnüglich. „Es reicht ja wohl, wenn ich das messen übernehme.“

Martin sah, wie Werner seinen Penis mit der Hand umschloss und langsam auf und ab zu reiben begann.

„Du auch, Martin!“

Martin stand nur da und sah Werner zu. Das alles schien ihm nicht richtig zu sein. Die Bruckners hatten eindeutig einen an der Waffel. Aber er fand es auch nicht wirklich schlimm. Es war viel mehr erstaunlich, was hier so alles vor sich ging.

„Ich glaube ja wohl nicht, was ich hier sehe!“ knurrte eine tiefe Stimme leise aber eindringlich. „Seid ihr jetzt völlig verrückt geworden. – Martin!“

Martin fuhr herum. Frau Bruckner! Diesmal gab es keinerlei Ausflucht. Das hier war eindeutig nicht richtig. Und seine Mutter würde davon erfahren. Martin erstarrte zu Eis und glotzte Frau Bruckner fragend an. Was sollte er jetzt tun oder sagen?

„Zieh deine Hose hoch, Martin“, forderte Frau Bruckner ihn enttäuscht auf.

Werner hatte daran natürlich längst gedacht und sofort reagiert. Außerdem stand er von der Tür her gesehen verdeckt hinter Martin. Jetzt sah es wieder mal so aus, als ob er es gewesen wäre, der …

„Ich habe ja wirklich einiges an Verständnis“, wetterte Frau Bruckner leise drohend los. „Aber das kann ich beim besten Willen nicht dulden. Nicht unter meinem Dach. Und Werner, du stehst da und schaust zu! Wenn Vater davon erfährt, der bringt uns alle um. Das ist wirklich ein Sündenpfuhl. Los in euer Zimmer, aber ganz schnell.“

Werner sah bedrückt zu Boden und war blass geworden. Ohne jeden Widerspruch oder eine Erklärung machte sich auf den Weg in sein Zimmer. Doris lag plötzlich ganz normal im Bett, schaute wie ein angeschossenes Reh zu ihrer Mutter hoch. „Ich kann nichts dafür, die sind einfach zu mir rüber gekommen“, behauptete sie mit unschuldiger Mine.
„Schon gut jetzt, keine Diskussion. Es ist ja wohl nichts passiert, oder?“

Doris schüttelte den Kopf.

„War ja nur Spielkram. Das kommt in euerm Alter halt vor. So jetzt will ich hier aber Ruhe haben und schlafen.“

Martin wollte sich gerade an Frau Bruckner vorbei drücken und in Werners Zimmer verschwinden, als sie ihn festhielt.

„Warte hier, aber leise!“

Sie verschwand kurz in Werners Zimmer und kam gleich darauf mit seinen Sachen wieder heraus. Sie hielt den Finger vor den Mund und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Dann winkte sie ihn herein und schloss hinter sie hinter ihm ab.

„Martin, es ist dir doch wohl klar, dass das nicht geht, oder!“

Martin nickte.

„Ich kann auf keinen Fall zulassen, dass ihr hier nachts so einen Unfug treibt. Ich will aber auch nicht, dass das an die große Glocke gehängt wird. In euerem Alter, da kommt so was halt vor, da muss man keinen Wind darum machen, oder?“

Wieder fühlte Martin sich unvermittelt sicher. Er wußte, was auch immer jetzt kam, es würde keinen Ärger geben. Ab einem gewissen Alter schienen die meisten Probleme ebenso schnell wieder zu verschwinden wie sie aufgetaucht waren. Vor zwei Jahren, als er bei den Bruckners die Küchenscheibe mit dem Ball zerschossen hatte, musste er sich dreimal bei Herrn Bruckner dafür entschuldigen. Einen großen Teil seines Taschengeldes musste er opfern, und von seiner Mutter hatte er eine ganze Woche lang Hausarrest bekommen. Wenn man es genau nahm, war es ja sowieso Werner gewesen, der geschossen hatte. Er hatte Martin am Kopf getroffen, und von dort war der Ball gegen die Scheibe geprallt. Aber so schien es ja immer zu sein. Frau Bruckner öffnete die Tür zu ihrem Schlafzimmer und schob ihn sanft hinein.

Das, was anscheinend aber endlich mal ein Ende hatte, war, dass alle naselang jemand zu seiner Mutter lief und sich über ihn beschwerte. Jetzt, wo er wirklich Angst hatte, seine Mutter könnte etwas erfahren von irgendeinem Unsinn, den er gemacht hatte, schienen plötzlich alle darüber schweigen zu wollen und die Probleme lösten sich ganz einfach so in Luft auf.

„Das alles ist ja sicher in ein paar Monaten vorbei. Dann habt ihr euch beruhigt und alles geht wieder seinen Gang. Es ist doch nur nötig, dass ihr euch ein bisschen zusammenreißt. Ich weiß, das kann schwer sein. Und wenn du damit solche Schwierigkeiten hast, dann geh den Dingen halt aus dem Weg.“

Frau Bruckner stand in einem langen geblümten Nachthemd und Filzpantoffeln vor ihm und suchte in seinem Gesicht nach Einverständnis. Auf dem Kopf hatte sie eine eigenwillige Haube, wie aus Papier. Sie sah wirklich zum Fürchten aus.

„Verstehst du, was ich meine?“

„Ich denke schon.“

„Also, wie gesagt, ich kann nicht zulassen, dass du hier nachts herumgeisterst. Macht es dir etwas aus, hier zu schlafen?“

Martin schüttelte den Kopf. Und beobachtete argwöhnisch wie Frau Bruckner die verschloss.

„Die Tür schließe ich ab. Nicht, weil ich dir nicht traue, sondern, weil ich nicht will, dass Vater das aus Versehen mitkriegt. Was soll ich dem denn erklären, wieso du nicht bei Werner im Zimmer schläfst. Dann käme ja alles raus und der hat gar Verständnis für solche Kindereien.“

Martin nickte.

„Gut. So kann ich ruhig schlafen und niemand braucht etwas zu erfahren. So, leg dich da ins Bett.“

Martin legte sich hin.

„Ach je, ich habe die andere Decke vergessen. Würde wohl auch zu eng werden“, dachte Frau Bruckner laut nach. Es war auch ohne zweite Decke schon eng genug. Das Bett war zwar breiter als normal, aber Frau Bruckner eben auch.

„Hast du genug Decke?“ fragte sie, nachdem sie ihm ein gutes Stück davon übergeworfen hatte.

„Ja.“

„Dann schlaf jetzt“, grunzte Frau Bruckner und schaltete das Licht aus.

Das war leichter gesagt als getan. Martin war hellwach. Er lag erst auf dem Rücken, dann auf der Seite. Fast wäre er aus dem Bett gefallen. Frau Bruckner wälzte sich auf die Seite. Am bequemsten konnte er liegen, wenn in der gleichen Blickrichtung neben ihr lag. Aber dann berührte sein Becken ihren Hintern. Sie schien das nicht zu stören. Aber Martin fiel plötzlich das Heft in der Schublade ein, und er spürte schon wieder das Schwellen. Es suchte seinen Weg wie auf dem Foto, bis es verschwinden würde. Martin drehte sich abrupt um. Jetzt lag er Hintern an Hintern mit Frau Bruckner. Nicht gerade angenehm. Frau Bruckner grunzte. Sie grunzte noch mal, dann fing sie an zu schnarchen. Sie schlief.

Martin betastete sein Glied. Er umfasste es. Es schien ihm dicker als je zuvor. Langsam begann er daran zu reiben, so wie es Werner vorhin in Doris Zimmer getan hatte. Das fühlte sich gut an. Aufmerksam lauschte er auf das Schnarchen. Bei jeder Unregelmäßigkeit hielt er inne. Noch einmal ließ sie ihn sicher nicht davon kommen. Unverbesserlichkeit war unentschuldbar. Aber nach einigem hin und her, stellte er fest, dass seine Angst erwischt zu werden, immer mehr zurückwich. Ein neues Gefühl kam auf. Wie bei dem Heftchen, als seine Beine taub zu werden schienen. Er dachte an das Heft und plötzlich war es ihm tatsächlich egal. Das Gefühl war wieder da, die schleimige Nässe war wieder da. Er ließ sein Glied wieder in die Hose gleiten, aber ohne es loszulassen und war fast im gleichen Moment eingeschlafen.

*

Am Sonntag gingen ihm die Schwierigkeiten aus dem Weg. Genau genommen Werner und Doris. Offenbar hatte die nächtliche Aktion wohl doch Konsequenzen nach sich gezogen, von denen Martin nichtsmitbekommen hatte. Er verbrachte den halben Vormittag auf der Terrasse. Mit dem Aufstehen von Herrn Bruckner war nicht vor 3 Uhr zu rechen, und bis dahin hätte ihn seine Mutter sicher schon abgeholt.

Martins Mutter kam wirklich früh. Schon vor dem Mittag stand sie plötzlich vor ihm auf der Terrasse. Martin hatte keine Klingel gehört. Als er seine Mutter plötzlich vor sich sah erschreckte er sich. Ihm fielen all die Dinge ein, von denen sie besser nichts erfahren sollte, und er war sich nicht mehr sicher, dass das alles wirklich gut ging und ihr nichts zu Ohren kommen würde.

„Ich hoffe, er hat sich anständig benommen?“ erkundigte sich seine Mutter.

Martin wartet gespannt auf Frau Bruckners Antwort.

„Martin hat überhaupt keine Schwierigkeiten gemacht“, behauptete sie mit einem kurzen Blick auf den Jungen.

„So, da bin ich anderes gewohnt.“ behauptete seine Mutter. „Aber wenn Sie’s sagen.“

„Ach, ein paar Kabbeleien unter den Kindern. Nichts ernstes. Sonst hat er sich tadellos benommen.“

„Wie geht es ihrem Mann?“

„Gut soweit. Kleine Erkältung, aber auch nichts ernstes. Er ist nur vorsorglich im Bett geblieben, damit er am Montag wieder fit ist“, log Frau Bruckner ohne sichtbares Erröten. Eigentlich hätte ihre Nase spätestens jetzt wachsen müssen, wie es bestimmte Körperteile von Martin in den unpassendsten Momenten immer taten.
„Ja, dann bedanke ich mich nochmals und hoffe, er hat ihnen wirklich keine Mühe gemacht.“

„Überhaupt nicht, er ist immer ein gern gesehener Gast. Auch mein Mann freut sich, wenn mal Besuch kommt.“

Erwachsene konnten lügen und dabei ganz echt lächeln, das war ihr großer Vorteil. Sie wussten einfach, dass man ihnen glaubte. Sie hatten keinen Zweifel und deswegen konnten sie weit besser lügen als Kinder. Das war eine Lektion. Martins Mutter verabschiedete und nahm ihren Sohn mit rüber in ihr Haus.

„Wirklich alles in Ordnung?“ fragte sie Martin noch einmal, als sie allein waren. Martin lächelte. Er wußte, dass seine Mutter ihm niemals abnehmen würde, dass alles völlig reibungslos abgegangen war. „War ganz okay. Nur Doris hat mich manchmal genervt.“

„Warum bist ihr nicht aus dem Weg gegangen?“

„Ging nicht. Aber hinterher ist Frau Bruckner dazwischen gegangen. Von da an hatte ich Ruhe.“

„Na, schön. Wollen wir noch etwas zusammen machen. Ich bin extra so früh wie möglich zurückgekommen. Wollen wir auf den Rummel fahren?“

„Wo ist den Rummel?“

„Nicht weit von hier. Hab ich auf der Fahrt gesehen.“

Eigentlich hätte er lieber in seinem Zimmer gesessen und seine Freiheit genossen. Aber Rummel war auch nicht schlecht, und seine Mutter freute sich darauf.

Kapitel 10 - Nachhilfe

In der Schule war Martin den beiden Bruckner-Kindern aus dem Weg gegangen. Martin hatte keine Lust, über die Vorkommnisse von Samstag Nacht zu sprechen. Auch Doris und Werner schienen ihn zu schneiden und Martin war froh, als das Signal die letzte Unterrichtsstunde beendete.

Er hatte noch knapp eine Stunde Zeit, dann begann sein Nachhilfeunterricht bei Frau Möller. Martins Mutter würde gegen 17 Uhr nach Hause kommen. Aber es war kein Problem, wenn er etwas später zu Hause erschien. Meist traf er sich mit Freunden und war selten vor 18 Uhr da. Martin überlegte einen Moment. Er konnte es knapp schaffen etwas zu essen und zu Frau Möller zu fahren. Seine Mutter stellte ihm immer etwas hin, das er nur in die Mikrowelle schieben musste.

Martin verspürte keinen Hunger. Er beschloss sich lieber eine halbe Stunde in der Stadt herumzutreiben, bevor er sich auf den Weg machte. In dem größten Kaufhaus, schaute er nach den neuesten Videogames, dann kaufte er einen Schokoriegel, setzte sich auf eine Bank in der Einkaufspassage und genoss die Mittagssonne.

In der Tiefgarage war es angenehm kühl. Die Einfahrt hatte er ohne Schwierigkeiten gefunden, aber den Aufgang 7B musste er in dem Gewirr der Einfahrten und Ausgänge lange suchen. Er war trotzdem noch 5 Minuten zu früh, als er die Klingel betätigte.

Frau Möller riss die Tür auf.

„Etwas zu früh!“ schimpfte sie als Begrüßung los. „Aber immer noch besser, als zu spät.“

Irgend etwas an Frau Möller war anders als noch Stunden zuvor auf dem Schulhof. Sie trug den gleichen schwarzen Rock, den gleichen schwarzen Rollkragenpullover, aber andere Schuhe. Es waren kurze Stiefelchen aus einem hochglänzenden, schwarzen Material. Ihre Schritte verursachten ein lautes Klacken auf den weißen Fliesen im Flur. Das lag wohl dem silbernen, metallischen Absatz. Es war ein ziemlich hoher und spitzer Absatz. Deshalb ging sie wohl auch etwas staksend. Martin trabte hinter ihr her durch den Flur, in einen Raum, der eigentlich das Esszimmer sein sollte. Aber dort war eine Tafel, ein kleines Holzpult und zwei uralte Schulbänke rechts und links. Es war wie ein kleines aber sehr altes Schulzimmer. Die Wände waren karg, auf der einen Seite hing eine Landkarte, auf der anderen mehrere anatomische Skizzen des menschlichen Körpers. Der Raum selbst hatte kein Fenster, aber man konnte durch die halb offene, angegliederte Küche mit Theke, nach draußen in den Innenhof sehen.

„Wie du siehst, bin ich auf Nachhilfestunden gut vorbereitet. Setz dich!“

Martin wollte sich auf die linke Bank setzen, weil man von dort besser durchs Fenster in der Küche sehen konnte.

„Rechts!“

Also zog Martin um, legte seine Tasche ins Seitenfach und quetschte sich zwischen Holzbank und Tisch, die aus einem Stück gefertigt war.

„Grundsätzlich“, sagte Frau Möller, „ist es richtig früher, als später zu kommen. Aber ich brauche die Zeit bis 15 Uhr, um mich vorzubereiten. Es wäre also angebracht, nicht so sehr viel früher hier zu erscheinen.“

„Ja.“ Martin hatte noch etwas entdeckt, Frau Möller schien dunkler als sonst geschminkt zu sein und um ihren Hals baumelte ein schweres, silbernes Kruzifix.

„Das bringt uns gleich zum nächsten Punkt. Wir sind hier nicht in der Schule, hier wird nicht lapidar geantwortet. Das heißt ‚Ja, Frau Möller‘ oder von mir aus ‚Ja, Madame‘. In meiner eigenen Wohnung darf ich wohl etwas mehr Respekt erwarten.

„Ja, Frau Möller.“

„Fangen wir gleich an. Konjugiere mir folgende Verben …“

Damit begann für Martin eine ganz neue Dimension von Schule.

Kapitel 11 - Guten Morgen

Seit zwei Wochen ging das mit dem Nachhilfeunterricht schon und auch die ersten Erfolge hatten sich bereits eingestellt. Eine unangenehme Folge der nachmittäglichen Stunden war jedoch, dass Martin seine Hausaufgaben meist erst spät Abends erst in Angriff nehmen konnte. Deshalb war er morgens oft nur schwer aus dem Bett zu kriegen. Als seine Mutter ihn an diesem Donnerstag, wie so oft, dreimal vergeblich gerufen hatte, kam sie und riss ihm wie sie es eben manchmal tat, seine Bettdecke weg. Martin, der bleischwer im Halbschlaf dämmerte, hatte das erst gar nicht mitbekommen. Als seine Mutter ihn aber nicht wie gewöhnlich antrieb, jetzt auch wirklich aus dem Bett zu kommen, bemerkte er, dass etwas nicht in Ordnung sein musste. Er riss die Augen auf und konnte gerade noch sehen, wie seine Mutter still wieder das Zimmer verließ. Sie war wohl sauer. Martin sah die Schwellung in seiner Hose und ahnte warum.

Heute war seine Mutter nicht in Eile. Sie wartete am Frühstückstisch auf ihn. Martin setzte sich und begann zu essen.

„Ich glaube, ich sollte von jetzt an deine Privatsphäre mehr respektieren“, begann seine Mutter. „Es tut mir leid, eine Mutter merkt immer zuletzt, dass die Kinder erwachsen werden.“

„Ich kann da nichts zu. Das ist morgens immer so. Ich weiß nicht warum, ich habe überhaupt nichts gemacht“, verteidigte sich Martin sofort.

„Oh mein Kleiner!“ rief seine Mutter, stand auf und strich ihm übers Haar. Martin war das nicht recht. Irgendwas ging hier nicht in Ordnung.

„Du hast keine Schuld. Das ist ganz normal. Ich wußte nur nicht, dass es schon so weit ist. Das braucht dir wirklich nicht peinlich zu sein.“

Seine Mutter redete mit einer Spur von Bedauern auf ihn ein. So, als wenn er die Wahrheit nicht vertragen und in Wirklichkeit doch unheilbar krank wäre. Martin blieb misstrauisch.

„Hör zu, wir reden da heute Abend noch einmal drüber. Ich muss jetzt leider wirklich los.“ So, wie sie das sagte, hatte es mehr den Charakter einer Drohung. „Einverstanden?“
Martin nickte.

Sie küsste ihn kurz auf Stirn, strich ihm noch einmal übers Haar und ging.

Martin wurde schlagartig wieder müde. Er war allein. Und das jetzt schon seit zwei Wochen. Martin war noch nie so einsam gewesen. Er hatte kaum noch Zeit für seine Freunde, und selbst die Bruckners hatten nicht wieder mit ihm gesprochen. Es wurde Zeit, dass er etwas unternahm. So konnte das nicht weiter gehen. Alles war plötzlich so anstrengend geworden. Martin dachte an die Zeit, als er die Stunden nach der Schule für sich hatte. Und so sollte es seiner Meinung nach auch wieder sein.

Kapitel 12 - So einfach nicht

Für heute hatte Martin sich fest vorgenommen, mit Frau Möller zu sprechen. Er war auf die Minute pünktlich, nachdem er exakt 12 Minuten in der Garage gewartet hatte. Das nur, um sie schon mal milde zu stimmen. Er hatte Glück, sie war in unerwartet guter Stimmung. Nachdem er sich gesetzt hatte, beschloss er es nicht unnötig hinauszuzögern und die Aussicht schon morgen Nachmittag wieder sein eigener Herr zu sein beflügelte ihn.

„Frau Möller“, begann er freundlich. „Ich habe ein Problem mit den Hausaufgaben.“

„So?“ In ihrer Stimme lag noch keinerlei Gereiztheit, das war ein positives Signal.

„Ja“, fuhr Martin so normal wie möglich fort. „Ich schaffe die Aufgaben nicht mehr, wenn ich jeden Tag Nachhilfe habe.“

„Ach ja?“ Jetzt war die Katze aus dem Sack. Ihre Stimme hatte wieder diesen diamantenen Tonfall, der einem die Stimmbänder durchtrennen konnte.

„Es ist einfach nicht genug Zeit.“

„Aber du hast doch immer alle Aufgaben, oder nicht?“

„Ja, aber … aber es bleibt keine Zeit mehr zum Spielen!“ wand der sich, als ob sie schon zugestochen hätte. Dabei war ihrem Ton noch keine wirkliche Drohung zu entnehmen. In diesem Moment war sie dicht, sehr dicht zu ihm herüber gekommen. Sie stand so dicht an seiner Bank, gleich neben ihm, dass sie ihn fast berührte.

„Zum Spielen?“ Sie schien sich darüber lustig machen zu wollen, doch plötzlich änderte sich ihr Ton und wurde böse. „Was glaubst du eigentlich, warum wir das hier machen? Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir spreche!“

Martin, der bis eben noch zur Tafel gesehen hatte, wußte das es mit morgen Nachmittag nichts wurde. Er sah zu ihr hinauf. Sie stand so dicht neben ihm, dass er ihr Gesicht kaum erkennen konnte, eigentlich sah er nur ihre Augen und das silberne Kruzifix dazwischen. Diesen Anhänger trug sie auch nur zuhause. In der Schule hatte er sie nie damit gesehen. Mit den spitzen Schuhen allerdings auch nicht.

„Habe ich mir diese ganze Mühe gemacht, von dem Risiko, das ich deinetwegen eingegangen bin, mal ganz zu schweigen, nur damit du mir nach zwei Wochen erklärst, dass du nach der Schule lieber spielen möchtest?“

Martin wollte es ihr erklären.

„Halt jetzt bloß den Mund! Glaubst du, mir macht das hier Spaß? Glaubst du, ich hätte nichts besseres zu tun“, keifte sie.

Plötzlich schwenkte ihre Laune wieder um. Sie war zwei Schritt zurück getreten. „Gut. In Ordnung. Du wirst ja sehn.“

Sie ging zu ihrem Pult zurück und wandte sich einem Buch zu.

Martin saß ratlos auf seiner Bank und wartete ab.

Plötzlich zuckte Frau Möllers Kopf hoch.

„Du kannst gehen! Ich halte dich nicht auf. Ich habe dich nicht um Hilfe gebeten. Auch wenn du das schon vergessen hast, ich erinnere mich gut, dass du es warst, der diese Stunden haben wollte. Wir werden ja sehen, wie weit du alleine kommst.“

Ihr Ton war erfrischend kühl an diesem heißen Tag, aber die diffuse Drohung ließ sich leider nicht überhören.

„Ich …“, setzte Martin an, verstummte aber, als er ihren Blick streifte. Dann packte er seine Sachen zusammen und ging. Schon in der Tiefgarage, überlegte er, ob er noch einmal hoch gehen und sich entschuldigen sollte. Doch dann schien draußen die Sonne, klar und hell und er beschloss, sich lieber einen schönen Tag zu machen.

Kapitel 13 - Unerforschtes Terrain

Ein wirklich schöner Tag war es geworden. Martin war schwimmen gewesen und hatte seine halbe Klasse in der Badeanstalt getroffen. Die Drohung von Frau Möller war in einer heftigen Keilerei im Wasser untergegangen.

Als Martin nach Hause kam wartete seine Mutter schon auf ihn. Sie hatte einen seltsam beobachtenden Ausdruck im Gesicht. Sofort kam Martin Frau Möller wieder in den Sinn. Sie konnte doch unmöglich, sofort nachdem er gegangen war, seine Mutter angerufen haben? Oder doch? Martin bereute seine Entscheidung und beschloss, sich gleich morgen wieder bei Frau Möller zu melden.

„Du bist spät!“

„Es war so schönes Wetter. Ich war Schwimmen und …“, setzte Martin zu einer Erklärung an.

„Ist ja nicht schlimm. In der Küche steht dein Essen.“

Seine Mutter setzte sich zu ihm. Entweder hatte sie schon gegessen oder sie hatte keinen Hunger. Jedenfalls saß sie da und beobachtete still, wie Martin sich Stück um Stück das Gulasch einverleibte. Schwimmen machte ihn immer fürchterlich hungrig.

„Ich habe den ganzen Tag nachgedacht“, begann seine Mutter plötzlich. Frau Möller wollte ihm den Appetit verderben, Martin beeilte sich, die letzten Bissen vom Teller zu schaufeln, bevor eine Arie von Vorwürfen auf ihn nieder prasseln konnte.

„Mit der Liebe ist das so eine Sache“, setzte seine Mutter mit unsicherer Stimme fort.

‚Mit der Liebe?‘ Martin stockte. Dann erinnerte er sich an heute morgen. Frau Möller hatte gar nicht angerufen. Noch nicht! Es blieb Martin noch Zeit, die Sache wieder gerade zu biegen.

„Ich erinnere mich noch, wie es war in deinem Alter. Alles schien irgendwie in Bewegung zu geraten. Und ich habe so vieles falsch gemacht.“ Dabei sah sie ihn merkwürdig lächelnd an. „Aber wirklich bereuen tue ich glaube ich nichts. Die Liebe findet schon zueinander. Dazu brauche ich dir wohl nichts sagen.“

Martin war unsicher, worauf seine Mutter da eigentlich hinaus wollte. Irgend etwas schien er falsch zu machen. Doch was?

„Aber es gibt auch einen …, man kann fast sagen technischen Aspekt in der Liebe. Und ich glaube, dazu sollte ich dir einiges sagen.“

Sie schwieg, schien aber von Martin keine Antwort zu erwarten.

„Ich sollte dir dazu etwas sagen, ich weiß aber einfach nicht, wie ich es anstellen soll. Ich dachte ich könnte, … Ich dachte, ich wüsste alles darüber und könnte es dir einfach erklären, wenn es soweit wäre. Aber jetzt …? Vielleicht kam es einfach zu überraschend. Also habe ich mir folgendes überlegt“, sagte sie, stand auf und ging in den Flur.

Martin war erleichtert. Er hatte wohl nichts falsch gemacht. Es war ihr einfach nur peinlich darüber zu sprechen. Sie machte ihm keinen Vorwurf. Alles war in Ordnung. Ihr war es peinlich, ihm war es peinlich, also war das Thema Gott sei Dank bald erledigt.

Aus dem Flur brachte seine Mutter eine Plastiktüte mit. Sie griff hinein und zog vier dicke überformatige Bücher heraus. Sie legte ihm die Bücher neben den Teller.

‚Die menschliche Sexualität!‘ Auf dem Titelbild ein nacktes Paar, dass sich an den Händen hielt und dabei möglichst offen und normal in die Kamera schaute.

„Damit solltest du alle deine Fragen beantworten können! Falls du noch weitere Fragen hast oder etwas nicht verstehst, kannst du mich natürlich fragen.“

Martin starrte auf die Bücher und wußte nicht recht, was er damit tun sollte.

„Nimm sie mit hinauf und lies sie in Ruhe durch.“

Martin zögerte.

„Ich werde von jetzt an auch nicht mehr morgens in dein Zimmer kommen. Du bist alt genug und musst lernen von selber aufzustehen.“ Damit schien für Martins Mutter die Sache erst einmal erledigt zu sein.

Die Bücher hatte Martin mit nach oben genommen. Sie waren auf dem Schreibtisch gelandet, und er hatte sie nicht weiter beachtet. Dann versuchte er, seine Hausaufgaben zu machen. Kaum hatte er jedoch das Heft aufgeschlagen, drängten sich die Bilder von den Heftchen bei Bruckners in sein Bewusstsein. Er überlegte, ob in den Büchern ähnliche Bilder waren. Der Gedanke ließ ihm bald keine Ruhe mehr und schließlich gab er nach. Er begann die Bücher durchzublättern. Dort gab es keine solchen Bilder, jedenfalls nicht genau solche. Aber er fand eine Aufriss-Zeichnung des Penis, eine farbige Darstellung der Schwellkörper und einen schematischem Funktionsablauf der Erektion. Er betastete seine Schwellkörper und stellte fest, dass sie voller Blut gepumpt sein mussten. Ein ganz natürlicher Vorgang. So weit so gut, aber kein Wort davon, wie man dieses natürliche Verhalten steuern konnte. Er durchforstete alle vier Bücher. Die Erektion stellte sich automatisch beim Zustand der Erregung ein. Also war man irgendwie doch daran schuld. Aber wie stellte man sie ab? Ganze Seiten beschäftigten sich mit der Frage, wie man diese Schwellung erzeugen konnte, wenn sie nicht von selbst kam. Kein Wort davon, was man tat, wenn sie kam und nicht kommen sollte. Wie zum Beispiel im Moment. Etliche Seiten über die Natürlichkeit und den Nutzen von Masturbation. Schön und gut, aber er konnte ja nicht immer onanieren, wenn er eine unerwünschte Erektion hatte. Morgens schien eine Erektion in den meisten Fällen vorprogrammiert zu sein. Sie ließ aber nach dem Aufwachen nach. Bei ihm aber auch nicht immer. Und irgendwas musste doch schließlich die anderen Erektionen verursachen?

Martin las und las. Er hatte die Zeit völlig vergessen. Und seine Mutter hatte sich auch nicht noch mal gemeldet. Wahrscheinlich war er jetzt auch alt genug, um auch zu wissen, wann es Zeit wäre schlafen zu gehen. Und das alles nur, weil sein Körper eine Erektion zustande brachte? Das Leben war schon eigenwillig. Die Hausaufgaben hatte er nicht mehr gemacht und es war spät in der Nacht, als Martin sich endlich hinlegte. Technisch gesehen war er jetzt einigermaßen gut informiert, aber die eigentlich Frage des ‚Warum’s‘ blieb irgendwie ungeklärt. Dafür hatte sich aber geklärt, dass es durchaus okay war, wenn man an sich rieb, bis es einem wohlig warm wurde und man einschlafen konnte.

Kapitel 14 - Von allen guten Geistern

Außer der Tatsache, dass Martins Penis um einige Zentimeter größer als der Durchschnitt war, hatten die Bücher auch noch eine weitere wichtige Erkenntnis gebracht. Es war Martin klar geworden, dass ‚Spielen‘ nicht alles auf der Welt sein würde. Um so wichtiger erschien es ihm, heute die Sache mit Frau Möller wieder in Reine zu bringen.

Die Geschichtsstunde lief schlecht an, als Frau Möller ihn tadelte, weil er keine Hausaufgaben gemacht hatte. Sie fragte ihn vor der Klasse, was denn gestern so wichtig gewesen wäre, dass sich keine Zeit mehr für die Aufgaben gefunden hätte. Diese Frage konnte Martin natürlich nur mit einer Lüge beantworten oder sich lächerlich machen. Er wählte die Lüge und behauptete, dass er mit seiner Mutter hätte zum Arzt gehen müssen. Frau Möller sagte, dass er ja wohl von allen guten Geistern verlassen sein müsste, wenn er versuchte ihr einen solchen Bären aufzubinden.

Nach dem Unterricht versuchte Martin, mit Frau Möller zu sprechen, aber sie hatte keine Zeit und musste in eine Konferenz. Also fuhr Martin, wie an den anderen Tagen auch, pünktlich zum Nachhilfeunterricht. Aber auf sein Klingeln hin blieb die Tür verschlossen. Martin sah in der Tiefgarage nach. Ihr Wagen war da. Er ging noch einmal hinauf und klingelt. Wieder wurde nicht geöffnet. Plötzlich wurde Martin klar, dass Frau Möller ihn fallen gelassen hatte. Ganz klar, sie würde ihn vernichten. Sie brauchte nicht einmal seine Mutter anzurufen, dafür würde sie sich einen besonderen Zeitpunkt auswählen. Jetzt würde sie erst mal dafür sorgen, dass er in diesem Schuljahr durchfiele. Und mit den nicht gemachten Hausaufgaben hatte er ihr bereits eine erste Handhabe gegen ihn in die gegeben.

Eigentlich war Martin die Schule nicht besonders wichtig. Trotzdem stellte sich bei dem Gedanken daran, dass er sie wahrscheinlich nicht schaffte, ein flaues Gefühl ein. Denn er wußte, wie wichtig seine Mutter die Schule nahm. Das flaue Gefühl steigerte sich nach einem dritten Klingelversuch zu einem Ansatz von Panik und Wut.

Martin postierte sich in der Garage neben dem Auto. Er gab sich zwei Stunden. Die wollte er warten. Länger zu warten schien ihm sinnlos. Schließlich musste Frau Möller ihre Wohnung erst wieder am Montag verlassen. Bis dahin konnte er unmöglich hier stehen und warten.

Er brauchte aber nur eine halbe Stunde in der Garage herumzulungern. Seine Wut hatte sich nur unwesentlich gelegt, als er Frau Möller aus dem Fahrstuhl steigen sah. Sie ging direkt auf ihren Wagen zu und schien Martin gar nicht zu bemerkten. Nicht einmal, als sie nur zentimeternah an ihm vorbeiging, um ihre Tür aufzuschließen.

„Frau Möller!“

„Was willst du hier?“ fragte sie ohne ihn anzusehen.

„Ich … wollte mich entschuldigen. Das … das war nicht so gemeint. Ich … ich möchte wieder Nachhilfe von ihnen haben“, stammelte er verunsichert.

„So? Schon genug gespielt?“ fragte sie sarkastisch und sah ihn immer noch nicht an. Am liebsten hätte Martin sie geschüttelt und umgedreht, damit sie ihn endlich mal ansah. Er ignorierte ihren bissigen Ton und seine Wut und versuchte es lieber mit Bitten. „Es kommt nicht wieder vor. Es tut mir leid. Ich brauche die Nachhilfe.“

„Und du meinst, du kommst hier einfach so an und alles ist wieder in Lot, ja? Ich riskiere meinen Job für dich und du dankst es mir so.“

„Ich habe mich doch entschuldigt!“

„Soll ich so eine Entschuldigung ernst nehmen? In einer Woche hast du dann doch wieder mal keine Lust.“

„Das kommt nicht wieder vor, ganz bestimmt nicht, ich schwöre es“, versprach Martin demütig.

Endlich sah Frau Möller ihn über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg an. Skeptisch. Und dann mit einem gehässigen Funkeln in den Augen. „Ich weiß nicht!“ sagte sie und schob den Schlüssel ins Schloss der Fahrertür.

„Was soll ich denn noch tun?“ Martins Wut war längst Verzweiflung gewichen. Wieso war sie nicht mehr umzustimmen? Eigentlich war er doch nur einmal nicht zum Nachhilfeunterricht erschienen. So schlimm konnte das doch wohl nicht sein.

„Entschuldige dich so, dass ich es ernst nehmen kann“, erklärte Frau Möller.

„Wie?“ Martin zuckte vor Hilflosigkeit die Achseln.

„Küss meine Schuhe!“ sagte sie schnell und tonlos.

„Was?“

„Du hast schon verstanden“, sagte sie schneidend.

„Hier?“

Sie ließ den Blick einmal rund durch die Garage streifen. „Jetzt und hier!“

„Was soll denn das? Ich kann doch nicht …“

„Es hat wohl wirklich keinen Zweck!“ Der Schlüssel klackte hallend durch die Stille der Tiefgarage und die Verriegelung sprang mit einem muffigen Geräusch auf.
„Okay, okay“, sagte Martin und konnte nicht mehr unterscheiden, ob seine Hände vor Verzweiflung oder vor Wut angefangen hatten zu flattern. Jedenfalls zuckte seine Handmuskeln ohne erkennbaren Grund. „Okay, ich mach’s“ wiederholte er noch einmal etwas leiser, als ob er Angst hätte, dass irgend jemand hier oder womöglich er selbst hören konnte, was er gerade gesagt hatte. Frau Möller hatte inne gehalten und sich ihm zugedreht.

Widerstrebend kniete Martin zu Boden und berührte Frau Möllers Schuhspitzen mit dem Mund.

Als Martin wieder aufgestanden war, sah er in ein triumphales Lächeln.

„Und du machst nie wieder einen Rückzieher?“ wollte sie zur Sicherheit noch einmal wissen.

„Nein, bestimmt nicht“, erklärte Martin mechanisch.

„Du wirst von nun an genauestens tun, was ich dir sage?“

„Ja.“

„Sonst … Na ich denke, du weißt schon was sonst passiert, nicht wahr?“

Martin nickte. Frau Möller schien in Eile zu sein.

„Dann sehen wir uns Montag.“

Sie stieg in den Wagen und fuhr davon. Martin war einfach an Ort und Stelle stehen geblieben. Seine Beine hatten etwas verweichlichtes. Er ließ sich auf den Boden sinken und saß einfach nur einige Minuten da, wo noch vor kurzem Frau Möllers Auto gestanden hatte und versuchte zu begreifen was hier eigentlich los war. Wieso hatte er seiner Lehrerin die Schuhe geküsst? Das war doch wohl nicht normal.

Kapitel 15 - Der Wahnsinn hat Methode

Das Wochenende über war Martin kaum aus dem Haus gegangen. Er hatte keine Lust mehr, seine Schulkameraden zu treffen. Er wagte kaum daran zu denken, was geschehen würde, wenn die jemals erführen, dass er seiner Lehrerin die Schuhe geküsst hatte. Die paar Streber in der Schule waren schon verhasst. Aber wenn das rauskäme, dann wäre er mehr als erledigt. Der einzige Lichtblick war, dass er an diesem Montag keinen Unterricht bei Frau Möller hatte. Es blieb ihm also noch ein wenig Zeit bis zum Nachmittag, bis er ihr wieder gegenüber treten musste.

Frau Möller war gut gelaunt. Martin brachte außer dem Notwendigsten kein Wort heraus. Er saß auf dieser elenden Holzbank fest und das schien ihm egal zu werden. Heute hatte er nicht das Gefühl etwas zu verpassen, wenn er hier saß statt zu spielen.

„Haben wir einen schlechten Tag gehabt“, fragte Frau Möller nach einiger Zeit ungewöhnlich freundlich.

„Nein“, grunzte Martin ohne sich für die plötzliche Freundlichkeit erkenntlich zu zeigen.

„Warum dann so einsilbig? Wenn du Kummer hast …?“

Das hatte gerade noch gefehlt! Ein echter Anflug von Fürsorglichkeit drang aus jeder Pore von Frau Möller.

„Nein, nein, es ist nur … nur sehr heiß!“

Frau Möller sah ihn ernsthaft besorgt an.

„Wir haben doch keine Dummheiten im Sinn?“ fragte sie noch eine Spur besorgter.

„Dummheiten? Nein.“

„Ist es wegen der Schuhe?“ Sie zeigte auf ihre Lackpumps mit dem Metallabsatz, die sie heute wieder trug.

Martin schwieg.

„Es wird niemals jemand erfahren und … es war nur, weil du mich so wütend gemacht hast! Das siehst du doch ein?“

Martin sah das keineswegs ein, wußte aber, dass diese Frage nur mit einem „Ja“ beantwortete werden sollte. „Ja, Frau Möller“, antwortete er also zu ihrer vollsten Zufriedenheit.
„Nun, das war ja wohl auch nicht so schlimm. Du darfst mich halt nur nicht wütend machen, dann passiert so etwas auch nicht“, erklärte sie zufrieden.

Sie stand schon wieder so dicht bei ihm. Diesmal direkt vor ihm.

„Hör zu. Ich mache dir einen Vorschlag. Wenn du Schwierigkeiten hast, deine Hausaufgaben zu schaffen, dann machen wir die hier. Im Zusammenhang mit der Nachhilfe!“
Warum war sie jetzt wieder freundlich zu ihm? Es wäre ihm lieber gewesen, er hätte sie einfach nur hassen und vergessen können. Er wollte keinen Gefallen von ihr. Er war wütend.

„Nein, das geht schon“, antwortete er höflich und gab seinem Gefühl nach, obwohl er wußte, dass es ein Fehler war.

„Bist du sicher? Ich will nur dein Bestes. Es liegt wirklich nicht in meinem Interesse, dass du Schwierigkeiten kriegst. Dafür nehme ich immerhin ein großes Risi…“

„Ja“, presste Martin hervor und glaubte sein Kopf müsste gleich in tausend tödliche Splitter zerspringen. „Ja“, sagte er noch einmal und atmete tief ein. „Sie haben recht. Vielleicht mache ich die Hausaufgaben lieber hier. Ist wohl besser.“

„Siehst du, allmählich wirst du vernünftig“, stellte Frau Möller triumphierend fest. „Also fangen wir gleich an: Mathe?“

Martin zog sein Buch und ein Heft hervor.

Natürlich war die ganze Angelegenheit damit nicht etwa endgültig vergessen. Als die Stunde zu Ende war und Martin gehen wollte, pfiff sie ihn zurück.

„Du hast wie so oft vergessen, dich zu bedanken“, sagte sie lauernd und vorwurfsvoll. „Das ist wirklich nicht nett.“

Martin stand mit der Tasche in der Hand vor ihr. Darauf kam es nun auch nicht mehr an. „Vielen Dank, Frau Möller.“

Sie sagte nichts und schien auf etwas zu warten. Sie hatte die Arme verschränkt und sah ihn unbeweglich an. Sie sah aus, als ob sie in Gedanken mit ihren Fingern auf einer Tischplatte trommelte. Martin wußte, dass er jetzt nicht einfach gehen konnte. Irgend etwas war nicht in Ordnung. Er bemerkte, dass sie auf der Schreibtischkante saß und ihre Beine leicht vorgestreckt waren. Dann registrierte er den Blick, mit dem sie ihn bedachte, als sie seine Augen auf ihren Füßen wußte. Es war ihm sofort klar was sie erwartete. Martin wollte ‚nein‘ sagen, aber statt dessen entwickelte sich nur ein stummes Blickduell. Sie schien ihn nicht wirklich dazu auffordern zu wollen, aber es war Martin völlig klar, dass sie es von ihm erwartete. Unaufgefordert! Das war die Botschaft, die ihre Augen ihm in glasiger Härte hinüber funkten.

Nachdem er ihrem Blick eine ganze Weile stand gehalten hatte, gab er auf. Das hätte er früher oder später sowieso getan. Also, dann schon lieber früher. Wortlos ging er auf die Knie und küsste ihre hochglänzenden Lackschuhe. Er hatte es einmal getan, in einer Garage, also im Prinzip vor aller Welt. Was hatte er da noch zu verlieren. Es war nur ein weiteres Ritual, das sie hatte einführen können, weil er so dumm gewesen war, sie zu provozieren. Er durfte ihr in Zukunft keine Gelegenheit mehr geben, so etwas zu tun. Mit ihren Schuhen musste er jetzt leben, daran war wohl nichts mehr zu ändern.

Kapitel 16 - Kellerkinder

Nach einigen Wochen war es wieder einmal an der Zeit, dass Martins Mutter auf Fortbildungsreise musste. Ein weiteres Wochenende bei den Bruckners stand an, und es gab nichts, worauf Martin sich diesbezüglich freuen. Doch etwas war da. Die Magazine in Frau Bruckner Schublade. Sie gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf und die Aussicht, vielleicht noch einmal einen längeren Blick darauf werfen zu können, machte ihm das kommende Wochenende einigermaßen erträglich. Es war seltsam, die gesamte Familie Bruckner schien ihm aus dem Weg zu gehen. Freitag nach der Schule warteten weder Werner noch Doris auf ihn. Als er bei den Bruckners klingelte, waren die beiden anscheinend schon zum Schwimmen gefahren. Das war ihm eigentlich ganz recht, denn so konnte jeder weiteren unangenehmen Situation aus dem Weg gehen. Selbst Herr Bruckner war nirgends zu sehen und Frau Bruckner musste einkaufen. So kam es, dass Martin gleich am späten Freitag Nachmittag allein im Haus der Bruckners war. Er zögerte nicht lange, sondern schlich vorsichtig aus Werners Zimmer hinüber ins Schlafzimmer der Bruckners. Dort öffnete er den Schrank. Die Hefte waren noch in der Schublade. Schon auf der ersten Seite verspürte Martin den Ansatz einer Erektion. Es war klar, die Erektion ging von den Bildern aus. Martin blätterte die Seiten flüchtig durch. Seine Angst erwischt zu werden trieb ihn dazu, die Heftchen bald wieder in der Schublade verschwinden zu lassen und sich in Werners Zimmer zurück zu ziehen.

Er überlegte, ob er jetzt onanieren sollte. Entschied sich aber dagegen. In einem fremden Haus und jederzeit könnte jemand kommen. Er schaltete den Fernseher ein und sah sich eine Folge von Star Trek an. Die Erektion ließ nach. In der ersten Werbepause schlich er wieder hinüber und betrachtete nochmals die Hefte. Schuld an seiner Erektion war nicht er selbst, sondern der Anblick der Posen und Geschlechtsteile dieser Leute. Es schien feste Regeln zu geben. Man war nicht wirklich dafür verantwortlich. Wenn Menschen sich in bestimmter Art und Weise darstellten, bekam man eine Erektion. Es lief darauf hinaus, dass die anderen die Schuld an seiner Erektion hatten. Sie provozierten diese körperliche Reaktion. Dieser Teil seines Körpers unterlag nicht wirklich seiner Kontrolle. Es blieb nur noch zu klären, ob sie das mit Absicht taten. In dem Heft ganz sicher. Aber in den anderen Fällen?

Martin verzog sich wieder zu seiner Folge von Star Trek. Kurz vor Ende der Serie kamen Werner und Doris nach Hause. Werner setzte sich eine Zeit lang zu Martin und sah sich das Ende von Star Trek mit an. Dann schaltete er den Fernseher aus und sagte.

„Komm mit, ich muss dir was zeigen.“

Sie gingen hinunter in den Keller. Auf der Waschmaschine saß Doris und schien auf sie gewartet zu haben.

„Na endlich!“ rief sie und sprang herunter.

In dem Kellerraum neben dem Waschraum standen einige Vorratsregale und eine Tür führte nach draußen in den Garten. Doris schloss sie auf. Dann drehte sie sich um. Werner stand unmittelbar hinter Martin.

„Was fällt dir eigentlich ein“, schrie Doris in einigermaßen gedämpfter Lautstärke. „Du gehst uns aus dem Weg. Willst wohl nichts mehr mit uns zu tun haben, ja?“

„Was?“ regte sich jetzt auch Martin auf. „Ihr habt doch kein Wort mehr mit mir gesprochen seit, … seit …“ Martin stockte. Wie sollte er das benennen.

„Seit was?“

„Seit diesem Abend“, zog sich Martin geschickt aus der Affäre.

„Ich dachte, du wärest unser Freund!“

„Was hat das denn damit zu tun?“

„Unter Freunden hat man keine Geheimnisse?“ stellte Doris klar.

„Ich habe keine Geheimnisse. Was soll denn das jetzt wieder?“

„Bist du unser Freund oder nicht?“ wollte Doris jetzt endlich wissen.

„Natürlich.“

„Also!“ rief sie und hatte flott wieder ihr kleines Büchlein aus der Tasche gezogen.

„Nein“, sagte Martin nüchtern. „Nicht schon wieder, dass ist doch alles totaler Blödsinn!“

„Entweder du bist wie all die anderen, oder du bist unser Freund. Dann gehört auch dazu, dass wir alles teilen“, stellte Doris kategorisch fest.

Martin seufzte. Er fand dieses Messen einfach lächerlich und hatte keine große Lust dazu. Aber, wenn sie dann alle wieder befreundet waren. „Okay, aber mach schnell, ja.“

Werner fingerte plötzlich an seiner Hose herum und hatte sie ihm kurz drauf ausgezogen. Die Unterhose zog Martin lieber selber runter. Schon war Doris mit dem Maßband an ihm zu Gange.

„13,4 und 4,0, 4,1. Und …“ Sie hielt sein Glied so lange fest bis sich ganz aufgerichtet hatte. „18,6 und 5,1“ Doris notierte die Zahlen.

„Und Werner?“ fragte Martin, ohne wirkliche Neugier.

„Den habe ich heute morgen schon vermessen“, sagte Doris so ernst, als ob es sich dabei wirklich um lebensrettendes, wissenschaftliches Experiment handelte.

Martin lachte und wollte seine Unterhose wieder hochziehen. Doch Doris riss sie ihm aus der Hand und ganz hinunter. Sie begann mit der rechten sein Glied fest zu umfassen und langsam auf und ab zu reiben.

„Wir müssen noch die Samenmenge bestimmen“, sagte sie sehr leise. Es war eigentlich mehr ein krächzen.

„Jetzt hör aber auf!“ Martin wollte nach ihrer Hand greifen, doch Werner hielt ihn an beiden Armen fest.

„Lass sie!“ zischte er, und es klang nicht besonders freundlich.

„Werner! Was soll das denn jetzt wieder?“

Doris war in ihre Aufgabe vertieft und brummte etwas abwesend: „Danach gehörst du dann auch richtig zu uns.“

Martin überlegte noch, ob er sie das wirklich machen lassen wollte, als oben die Kellertür zuschlug. Während Martin das Geräusch noch richtig einzuordnen versuchte, waren die beiden Geschwister bereits auf dem Weg zur Hintertür hinaus. Martin versuchte ihnen folgen und sich während des Laufens die Hose hoch zu ziehen. Aber er stolperte und fiel. Sein Kopf schlug mit der Schläfe an der Türkante auf. Er wurde nicht ohnmächtig, aber ihm fehlte doch kurzzeitig etwas die Orientierung.

„Ach du meine Güte“, hörte er Frau Bruckner von irgendwo rufen. Er konnte nicht genau erkennen, wo sie war. Irgend etwas war ihm ins Auge gelaufen. Zwei starke Arme griffen nach ihm und drückten ihn zu Boden. Martin hätte am liebsten laut geschrieen. Warum musste es denn immer nur ihn erwischen? Das konnte doch nicht wahr sein. Schon wieder ertappte Frau Bruckner ihn bei etwas, dass verdächtig nach onanieren aussah und die Bruckner Kinder waren natürlich nirgends zu sehen. Wenn das so weiterging, würde es ihm irgendwann wohl nicht mal mehr peinlich sein. Spätestens dann würde er wohl ärztliche Hilfe brauchen.

„Bleib bloß liegen, Junge!“ herrschte Frau Bruckner ihn an. „Du hast dir ganz schön den Kopf gestoßen.“ Dann drückte sie ihm etwas auf die schmerzende Stelle an der Stirn. „Das sieht übel aus. Hört gar nicht auf zu bluten. Blieb ja liegen!“ befahl sie noch einmal.

Martin hatte auch gar nicht vor aufzustehen. Am liebsten wäre er hier einfach liegen geblieben und achselzuckend in Koma gefallen. Seine Hand fischte nach der Hose. Sie schien weg zu sein. Martin hätte schon wieder schreien können. Weniger vor Schmerz, als vor Wut, dass Frau Bruckner ihn erneut so im Keller vorfand.

„Nimm die Hand da weg, du schmierst ja alles voll Blut. Halt lieber das hier fest“, kommandierte sie in einem fürsorglichen Ton. Sie drückte seine Hand auf den Stofflappen an seinem Kopf.

Seine Hose hatte sie längst mit geübter Hand hochgezogen.

„Das ist ja wirklich ein dickes Ding!“ rief sie. „Ich glaube das muss genäht werden.“

Vorsichtig half sie ihm aufzustehen. „Geht’s? Kannst du stehen?“

Martin nickte. Das war keine gute Idee, denn ihm wurde sofort schwarz vor Augen. Dann begannen kleine, farbig leuchtende Sterne durch die Finsternis zu hüpfen.

„Ganz langsam!“ sagte Frau Bruckner mit besorgter Stimme und hielt ihn mit kräftigen Armen fest. „Ich bringe dich jetzt ins Krankenhaus. Dann werden wir weitersehen.“

Sie stützte Martin während sie sich Stufe für Stufe direkt die Hintertreppe zur Garage hoch arbeiteten. Dann setzte sie ihn vorsichtig ins Auto und brachte ihn auf die Unfallstation.

Sieben Stiche waren nötig die kleine Platzwunde an der Schläfe zu nähen. Der Arzt riet ihm, heute alles etwas ruhiger angehen zu lassen, da der Blutverlust nicht gerade unerheblich gewesen war.

Frau Bruckner schien diese Sache wirklich sehr ernst zu nehmen. Schließlich war ja sie verantwortlich für Martin und musste seiner Mutter womöglich lang und breit erklären, wie es zu dieser Platzwunde gekommen war.

Der Rest der Familie Bruckner saß bereits am Tisch, als Frau Bruckner mit Martin nach Hause kam. Sie trug ihren Kindern auf, sich um den Vater und das Geschirr zu kümmern. Sie selbst hätte jede Menge damit zu tun jetzt erst einmal Martin zu versorgen. Sie schleppte Martin gleich ins Bad und begann ihm die Sachen auszuziehen. Martin wehrte ab.

„Das kann ich schon allein.“

„Hör mal zu junger Mann, ich werde nicht zulassen, dass du in meinem Badezimmer ohnmächtig wirst, noch mal mit dem Kopf aufschlägst und ich deiner Mutter ein totes Kind zurückbringen muss.“ Frau Bruckner machte ihm ziemlich deutlich, dass sie in diesem Fall keinerlei Widerspruch duldete.

„Aber …“

„Kein aber! Du bist voller Blut, das muss abgewaschen werden. Gründlich. Glaub bloß nicht, dass ich noch nie einen nackten Jungen gesehen oder gebadet hab. Darin habe ich reichlich Übung. Das kannst du mir wohl glauben.“

Inzwischen stand Martin zum dritten Mal nackt vor ihr und auf das Abschrubben kam es jetzt auch nicht mehr an. Zumal ihm gerade in diesem Moment tatsächlich wieder leicht schwarz vor Augen wurde.

Er hockte sich also folgsam in die Badewanne und ließ sich mit einem kräftigen, warmen Wasserstrahl abbrausen.

„Mist!“ rief Bruckner. Sie stellte das Wasser ab und wischte sich einige Tropfen aus dem Gesicht. „Meine gute Bluse wird ganz nass.“

Sekunden später hatte sie die Bluse sauber zusammengefaltet und beiseite gelegt. Das Wasser floss wieder und mit einem Waschlappen bewaffnet schrubbte sie Martins Oberkörper ab. Dabei wogten zentnerschwere, nur von weißer Spitze getragene Brüste vor seinen Augenwinkeln auf und ab. Martin schloss die Augen. Aber er fühlte gleich, dass es zu spät war. Er sah die Brüste selbst mit geschlossenen Augen vor sich. Und zwar genauso real wie mit offenen Augen. Da war gar kein Unterschied. Schon wurde ihm wieder schwindelig. Wahrscheinlich deshalb, weil sich das eh schon knappe Blut dort versammelt, wo es momentan am wenigsten gebraucht wurde.

Das hatte wohl auch Frau Bruckner bemerkt und der Wasserstrahl, der seinen Kreislauf nun vollends in Wallung brachte, schien direkt aus dem Eismeer importiert zu sein.
„Ich habe dir ja gesagt, du sollst kalt duschen“, rief sie, als er laut stöhnte, weil er mit kalten Wasser nicht gerechnet hatte. „Du bist wirklich ein schlimmer Finger. Das reicht ja wohl für heute. Glaub jetzt bloß nicht, dass ich deswegen meine beste Bluse ruiniere“, sagte sie und schaltete das Wasser ab. Sie warf Martin ein Handtuch über. „Abtrocknen kannst du dich wohl selbst. Ich bleibe hier, falls etwas ist.“

Frau Bruckner grinste breit und machte sich daran vor dem Spiegel ihren BH umständlich zurechtzurücken, bevor sie ihre Bluse wieder überzog. Martin versuchte, sie nicht dabei zu beobachten, sondern sich auf das Abtrocknen zu konzentrieren. Doch sein Blick streifte immer wieder unruhig zu dem Spiegel und zurück. Sie beobachtete genau, was er tat, und Martin lief rot an. Das konnte er sogar in dem Spiegelbild der hellblauen Kacheln erahnen.

„Fertig“ sagte Martin und hoffte sie würde jetzt gehen.

Aber Frau Bruckner nahm ihm das Handtuch ab und half ihm aus der Wanne. Martin glaubte auf ihren vorwurfsvollen Blick etwas entgegnen zu müssen.

„Kaltes Wasser hilft auch nicht immer“, sagte er entschuldigend.

„Na ja“, brummte Frau Bruckner. Sie holte ihm einen Schlafanzug aus Werners Zimmer und half ihm auch beim Anziehen. „So, jetzt legst du dich ganz brav ins Bett und dann bringe ich dir etwas zu essen. Eine heiße Brühe wird dir gut tun, denke ich.“

Martin wollte auf dem Flur in Werners Zimmer abbiegen, aber Frau Bruckner hielt ihn sanft zurück.

„Darüber hatten wir doch schon gesprochen. Du glaubst wohl nicht, dass ich dich hier nachts herumgeistern lasse. Und heute Nacht schon gar nicht. Mit einer genähten Platzwunde am Kopf! Du bleibst schön bei mir im Zimmer, wo ich dich im Auge habe“, sagte sie und schob ihn ohne Widerrede in ihr Zimmer.

Eine gute Stunde später kam Frau Bruckner mit einem Tablett und brachte außer heißer Suppe, etliche belegte Brote, geräucherte Forellenfilets und Tee. Das war weit mehr als Martin selbst bei größtem Hunger hätte vertilgen können. Schnell wurde ihm klar, dass dies auch gar nicht alles für ihn gedacht war. Vor dem kleinen Fernseher wurde es recht gemütlich. Mit all dem guten Essen, neben Frau Bruckner, die als das Tablett leer war, fragte, ob er, zu den Straßen von St. Francisco, auch noch eine Portion Eis haben wollte, fühlte er sich bald ziemlich wohl.

Nachdem sie auch noch den Rest einer uralten Folge von Quincy gesehen hatten, stand Frau Bruckner auf und verschwand im Bad. Auf dem Rückweg hatte sie noch einmal nach Doris und Werner gesehen.

„Alles ruhig“, sagte sie als, sie die Tür hinter sich schloss und verriegelte.

„Zeit zum Schlafen.“

„Mmhm“, stimmte Martin zu, obwohl er nicht sicher war, dass dies als Frage gemeint war. Eigentlich war es für ihn noch etwas zu früh.

Zum zweiten Mal zog Frau Bruckner ihre Bluse aus und dann den Rock. Sie trug einen ähnlichen Miedergürtel mit Strümpfen, wie Doris ihn damals Martin aufgezwungen hatte. Nur bei ihr saß er natürlich straff und sah irgendwie besser aus. Im Spiegel des Schlafzimmerschrankes sah Martin, dass Frau Bruckner sich über irgendwas zu amüsieren schien.

„Pustekuchen“ sagte sie. Martin verstand nicht genau, worauf sich das bezog. Jedenfalls zog sie ein langes, geblümtes Nachthemd hervor und streifte es über. Dann entfernte sie unter wahrhaft akrobatischen Verrenkungen den BH, und die restlichen Wäscheteile. Sie legte alles ordentlich auf dem Stuhl zusammen und grinste immer noch breit, als sie das Licht ausschaltete.

Das Bett war einfach nicht geeignet für Frau Bruckner und noch etwas, was neben ihr lag. Nicht mal ein Dackel hätte hier bequem Platz gehabt. Ihr breiter Rücken schien ihn Stück für Stück aus dem Bett zu drängen. Zu guter letzt lag er kerzengerade nach außen gewandt direkt auf der Bettkante. Ein Bein hing bereits leicht über den Rand. Er überlegte, ob er etwas sagen sollte. Vielleicht könnte sie wenigstens noch ein kleines Stück auf die andere Seite rücken. Dann versuchte er es lieber indem er ein wenig dagegen drückte. Das brachte tatsächlich ein paar Zentimeter, aber gleich darauf lag er wieder an der Kante. So konnte er die Beine nicht anziehen. So konnte er nicht schlafen. Und jetzt schnarchte Frau Bruckner auch schon wieder. Vorsichtig drehte Martin sich um. So konnte er wenigstens die Beine anziehen. Aber er musste seinen Penis mit der Hand abdecken. Frau Bruckner lag einfach viel zu dicht an ihm. Kaum hatte er sich da unten aber berührt, begann das Mistding auch schon wieder zu wachsen.

Martin wollte sich gerade umdrehen, als Frau Bruckner um einige Zentimeter abrückte. Er blieb still liegen, aber das war’s. Martin rutschte ein Stück tiefer, da war mehr Platz. Nun hätte er sogar sein Glied loslassen können, aber er wußte kaum wohin mit der Hand. Inzwischen war es zu voller Größe hart geschwollen und berührte mit der Spitze gerade den Oberschenkel von Frau Bruckner.

Martin verharrte in dieser Position. So hätte es gehen können, aber auf einmal bemerkte Martin, was es für ein angenehmes Gefühl war, wenn seine Penisspitze sich einige Millimeter an dem Bein rieb. Martin lauschte. Frau Bruckner schnarchte. Was störte, waren die Knöpfe an der Schlafanzughose. Martin wußte, dass er sich jetzt wieder in Teufelsküche reiten würde. Aber was sollte ihm das schon noch ausmachen und er spürte, dass er sowieso nicht widerstehen konnte. Vorsichtig öffnete er Knopfleiste und ließ sein Glied ins Freie. Sie schnarchte noch immer. Außerdem war sie selbst schuld. Schließlich hatte sie ihn irgendwie, in diese Lage gebracht. Langsam steuerte seine Hand das Glied sanft am Stoff des Nachthemdes auf und ab. Der Stoff war weich und glatt. Martin macht eine Pause. Er hatte Angst, dass er Flecken hinterlassen würde, die ihn verrieten.

Martin sah die technischen Zeichnungen in seinen Büchern und die leibhaftigen Darstellungen dazu aus den Heften vor sich. Ihm wurde schwindelig. Der drohende Kreislaufabgang oder seine Gedanken, begannen ihn zu erschrecken. Der Strudel zog ihn fort, es war jetzt nicht aufzuhalten.

Seine Hand dirigiert den Stab in Richtung des Spalts den ihr Beine bildeten. Dort presste er ihn leicht hinein. Nichts geschah. Martin liefen bereits kleine Schweißtropfen von der Stirn. Er rückte ein Stück höher, nun war sein Glied genau unterhalb ihres Hinterns. Hier irgendwo musste es sein. Was, wenn er es gefunden hatte? Er dachte lieber nicht weiter. Millimeterweise presste er sein Glied vorwärts zwischen ihre Backen. Dann wurde der Widerstand größer. Langsam drückte er weiter.

Frau Bruckner grunzte und machte mit dem Becken einen kleinen Satz nach vorn.

Martin lauschte. Schon schnarchte sie wieder. Wieder pirschte er sich heran. Wieder grunzte Frau Bruckner und schnarchte. Das Spiel begann Spaß zu machen. Dreimal grunzte Frau Bruckner noch. Dann hatte Martin auf alle Fälle genug Platz zum schlafen. Er zögerte, ob er es jetzt nicht gut sein lassen solle. Aber um den Platz ging es ihm ja gar nicht mehr. Erneut drückte er sein Glied gegen den unteren Teil ihres Hinterns. Wieder grunzte Frau Bruckner, konnte ab wohl nicht weiter rücken. Statt dessen hatten sich ihre Beine kurz geöffnet und sofort wieder geschlossen. Martin hielt die Luft an, Frau Bruckner atmete rasselnd aus. Sie schlief noch, aber Martins Glied klemmte zwischen ihren Beinen fest. Er zog es leicht zurück. Es ging. Er hätte es wieder raus ziehen können. Statt dessen aber schob er es wieder weiter zwischen ihre Schenkel. Da blieben gut drei Zentimeter Bewegungsfreiheit. Rein und raus, jedes mal scheuerte der Stoff des Nachthemdes über die Peniskuppe. Nach ein paar mehr Bewegungen war es ihm egal, ob er Flecken hinterließ oder nicht. Seine Hand berührte ihren kräftigen Oberschenkel. Jetzt war es ihm auch egal, ob sie aufwachen würde. Er zog den Oberschenkel fest an sich heran. Wenn sie jetzt aufwachte würde er trotzdem, … Aber sie war nicht aufgewacht. Sie hatte nur wieder gegrunzt. Schnell zog er seinen Penis zurück. Er wollte ihn in die Hose stopfen. Da grunzte sie schon wieder. Sie schnarchte nicht mehr. Plötzlich drehte sie sich herum auf andere Seite und begrub seinen Kopf fast mit ihrer Brust.

Martin schrie unvorsichtiger Weise auf, da sie seine Naht getroffen hatte.

„Was ist? Kannst du nicht einschlafen?“ fragte Frau Bruckner schläfrig.

Martin rollte sich schnell auf die andere Seite. Seine Schläfe pochte, aber das war nicht wichtig. Er musste nur seinen Pimmel wegstopfen und hoffen, dass sie die Feuchtigkeit nicht bemerkte.

„Doch“, versicherte er leise.

„Gut“, erwiderte sie, wobei das ‚t‘ schon wieder konturlos in ein Schnarchen überzugehen schien.

„Geht es dir heute besser“, fragte Frau Bruckner, als Martin sehr spät am Morgen in die Küche kam. Die anderen hatten schon gefrühstückt und waren an den Baggersee gefahren. Martin befühlte seinen Kopf und sagte: „Alles wieder in Ordnung, denke ich.“

„Gut, Doris und Werner sind schwimmen gefahren. Ich glaube nicht, dass es klug wäre, mit der Wunde ins Wasser zu gehen, oder?“ Frau Bruckner holte die Butter aus dem Eisschrank und stellte sie ihm hin.

„Ich wollte jetzt gleich eine Freundin besuchen fahren. Wenn du aber lieber nicht allein bleiben möchtest?“

„Nein, nein. Es ist wirklich alles in Ordnung.“

„Dann fahre ich also.“ Frau Bruckner nahm die Schürze ab und legte sie beiseite. „Du brauchst nur den Tisch abzuräumen. Wenn du weggehen willst, ich habe die Kellertür aufgelassen. Dann musst du nicht klingeln und kannst wiederkommen, wann du willst. Natürlich vor dem Abendbrot.“

Martin nickte und frühstückte in Ruhe weiter. Frau Bruckner schaute nach einigen Minuten noch einmal rein, sie hatte den geblümten Arbeitskittel gegen ebenso bunt geblümtes leichtes Sommerkleid und einen Strohhut getauscht. Dann war Martin allein. Nicht ganz allein natürlich. Irgendwo im Haus musste noch Herr Bruckner herumgeistern. Wahrscheinlich in Begleitung einer Flasche Sekt und einem Glas Bier. Und ... wahrscheinlich einer Pistole. Martin hatte nicht die geringste Lust, ihn zu treffen. Er beeilte sich mit dem Frühstück und verließ das Haus. Ziellos schlenderte er eine Zeitlang durch den Park hinter der Sparkasse. Dann kaufte er sich ein Eis und setzte sich eine Weile in den Schatten und beobachtete die Leute die vorbeigingen. Sie alle sahen so normal aus. Martin fragte sich, ob sie auch solche Sachen machten, wie er heute nacht mit Frau Bruckner. Und ob sie auch so dachten wie er.

Er sah eine Gruppe Gleichaltriger, die mit einem Frisbee spielten. Früher hatte er auch Frisbee gespielt. Er überlegte, warum er im Moment keine Lust dazu verspürte. Nicht weit von ihm lag eine junge Frau und sonnte sich mit bloßem Oberkörper. Ihre Brüste schienen rechts und links von ihrem Oberkörper rutschen zu wollen. Mit geschlossenen Augen betastete sie fortwährend ihren Bauch, so als wenn sie nach einem Schalter suchen würde. Dann setzte sie sich auf einmal aufrecht hin und begann sich einzucremen. Auch ihre Brüste. Martin erwartete eine Reaktion. Sie war hübsch, aber nichts geschah. Martin starrte auf die Brüste und stellte sich vor, dass er es wäre, der sie eincremte. Aber das reizte ihn auch nicht wirklich. Er stand auf und ging weiter. Diese Sache beunruhigte in zunehmend. Er war sich sicher gewesen, dass ihn allein der Anblick der Brust erregen musste, aber das tat er nicht zuverlässig. Also traf er eine Auswahl. Natürlich ohne es wirklich zu wissen. Er bestimmte also letztlich, was ihn erregte, und damit trug er für seine Erregung schlussendlich doch wieder die Verantwortung.

Es war ein langer Samstag und die Läden waren noch geöffnet. Martin schlenderte durch das einzige wirkliche Kaufhaus der Stadt. Er wollte nichts kaufen. Er wußte einfach nicht wohin. Am Zeitschriftenstand sah nach den Comics und nebenbei in die oberste Reihen mit den Herrenmagazinen. Er ließ seinen Blick entlang der Titelblätter schweifen. Die meisten beeindruckten ihn nicht, aber bei einem Magazin blieb sein Blick hängen. Er wendete sich ab und ging zur Plattenabteilung. Seine Gedanken kreisten um die Tatsache, warum ihn dieses Bild erregte und die anderen nicht, jedenfalls nicht so. Das Bild unterschied sich nicht wesentlich von den anderen. Er sah es vor sich. Die anderen Bilder waren gleich wieder verschwunden. Martin verließ das Kaufhaus und wanderte durch die Einkaufspassage. Er musste herauskriegen, was dieses Bild von den anderen unterschied. Die Suche nach Details wurde überlappt von dem Bild von Frau Bruckner, die vor dem Badezimmerspiegel ihren BH zurecht rückte. Martin spürte, wie dieses Bild alles andere zu verdrängen begann.

Er wischte seine Gedanken mit dem Schweiß von Stirn weg. Es war so, dass man einfach einige Frauen hübscher fand als andere. Sofort sah er wieder Frau Bruckner vor sich. Nein, das konnte nicht sein. Er fand Frau Bruckner nicht hübscher als die Frau vorhin im Park. Im Gegenteil. Frau Bruckner war alt und dick. Da konnte man wohl kaum von hübsch sprechen. Es musste noch etwas anderes geben. Frau Bruckner hatte es wohl irgendwie provoziert. Es war ihre Schuld. Aber die Frau auf dem Titelblatt vorhin, hatte ihm eindeutig nichts getan. Es war eine Photographie wie jede andere. Sie konnte nicht schuld sein.

Martin drehte sich im Kreis. Inzwischen war er auch wieder in dem kleinen Park gelandet. Er beschloss nach Hause zu gehen. Zu sich nach Hause. Schließlich hatte er einen Schlüssel.

In seinem Zimmer schlug er die Bücher auf, die seine Mutter ihm gekauft hatte, in der Hoffnung eine Antwort darauf zu finden. Aber er fand keine. Dort stand lediglich, dass jeder seine sexuellen Vorlieben hatte und alles erlaubt sei, was beiden Spaß macht. Was beiden Spaß macht! Hatte es Frau Bruckner Spaß gemacht? Sie wußte es doch gar nicht. Wie war das, wenn einer davon gar nichts wußte? Mit Sicherheit war das nicht okay. Es war alles nicht okay. Martin beschloss die Sache zu vergessen und lieber fernzusehen. Er verbrachte den ganzen Nachmittag vor dem Fernseher. Da musste man wenigstens nicht dauernd nachdenken und wurde mit einer Flut von Bildern versorgt, von denen sich keines wirklich lange einprägte.

Gegen 18 Uhr ging Martin wieder rüber zu den Bruckners, um zu Abend zu essen. Er war etwas zu früh und er half Frau Bruckner beim Auftragen. Dann saßen sie alle am Tisch. Auch Herr Bruckner. Martin war froh, dass Herr Bruckner ihn überhaupt nicht wahrzunehmen schien. Früher mochte er Herrn Bruckner nicht, aber jetzt schämte er sich vor ihm, was seine Abneigung eher noch zu verstärken schien.

„Wie lange dürfen wir heute Abend“, fragte Doris unvermittelt.

Herr Bruckner schaute das erste Mal von seinem Teller auf. Sein Blick traf Martin. Ein Frösteln durchlief Martins Körper. Es war seine erste Begegnung mit dem puren Hass. Herr Bruckner hasste Martin, und er hätte lieber ihn als die Fleischwurst auf seinem Teller in kleine Scheibchen zerschnitten. Martin wußte nur zu gut warum. Seine Blase meldete sich.

„Bis elf, keine Minute später!“ zischte Herr Bruckner und sah dabei immer noch Martin an.

„Oh nein, wir hatten gesagt bis zwölf!“

„Elf“ sagte Herr Bruckner.

„Hermann!“ Frau Bruckner hatte für diese Gelegenheiten einen bestimmten Tonfall. Sie sprach nicht laut, aber es hatte etwas endgültiges.

Herr Bruckner schnitt eine Scheibe Wurst ab. Eigentlich hackte er sie ab.

„Also gut.“ Herr Bruckners Stimme bebte vor Wut. Er schien sich schwer zusammenzureißen. „Aber du! Du lässt die Finger von meiner Tochter, verstanden!“ Herr Bruckner zeigte drohend mit der Messerspitze auf Martin. Dem blieb vor Schreck, ein Stück Brot im Hals stecken.

„Hermann!“ meldete sich Frau wieder. Diesmal eine Tonlage höher.

„Ich sag’s ja nur!“ Herr Bruckner feuerte das Messer auf den Tisch, stand auf und verschwand mit einem Bier aus dem Kühlschrank.

„Ich geh mich umziehen“, sagte Doris und verschwand ebenfalls.

„Kommst du mit?“ fragte Werner.

„Wohin?“

„Zu Franziskas Geburtstag natürlich.“

Den hatte Martin völlig vergessen. Sie hatten in Schule darüber gesprochen, aber Martin hatte zu viele andere Dinge im Kopf gehabt.

„Ich weiß nicht“, antwortete Martin unsicher.

„Wenn es deinem Kopf besser geht, kannst du ruhig gehen“, sagte Frau Bruckner und begann den Tisch abzuräumen.

Da war es wieder. Diese eigenwillige Unsicherheit. Martin dachte einen Moment daran, dass er lieber nicht gegangen wäre. Wenn Frau Bruckner nun gesagt hätte: ‚Du bleibst zuhause, mit deinem Kopf‘ und ‚Ich mache uns ein Eis und wir setzen uns schön vor den Fernseher.‘ Dann hätte Martin damit kein Problem gehabt. Sollte Martin jetzt einfach sagen: ‚Nein ich bleibe hier und esse mit deiner Mutter Chips und Schokolade vorm Fernseher?‘ ‚Und anschließend reibe ich meinen Pimmel an ihrem Bein!‘ schoss es ihm durch den errötenden Kopf.

„Geht schon!“ nahm Frau Bruckner ihm die Entscheidung ab. „Punkt zwölf seid ihr aber wieder hier.“

„Ach Martin“, hielt Frau Bruckner ihn zurück, als Werner hinauf ging um sich umzuziehen. „Du darfst das meinem Mann nicht übel nehmen. Er ist ein bisschen empfindlich, wenn es um seine Tochter geht.“

„Aber ich tue doch …“, wollte Martin entgegnen.

„Das weiß ich ja“, sagte Frau Bruckner und ihr durchdringender Blick formte in Martins Kopf die Worte: ‚Aber wir wollen doch beide, dass er besser das denkt, als etwas anderes, nicht wahr?‘

Martin musste nun endlich aufs Klo. Als er vor dem Becken stand, konnte er sich nicht entscheiden, ob er Wasser lassen, oder sich übergeben musste. Vielleicht hatte er etwas falsches gegessen, aber das trockene Würgen im Hals ließ nach wenigen Minuten wieder nach.

Kapitel 17 - Partytime

Doris hatte sich geschminkt. Sie trug kurzen schwarzen Lackrock und Stiefel mit Absätzen. Auch Werner sah irgendwie anders aus, aber Martin konnte nicht genau erklären, was er mit sich gemacht hatte. Solange sie im Haus der Bruckners waren trug Doris einen langen, leichten Leinenmantel darüber. Wahrscheinlich sollte ihr Vater nicht sehen, wie sie sich für die Party zurecht gemacht hatte.

Frau Bruckner setzte sie direkt vor Franziskas Haus ab. Die Musik, die nach draußen drang war verhalten. Doris begann auf der Straße stehend an ihren Haaren herum zu zupfen. Damit hielt sie die Jungen solange auf bis der Wagen ihrer Mutter endlich außer Sicht war.

„Das ist zu früh“, sagte sie dann.

Werner nickte und zeigte nach links. Keine zwei Häuser weiter befand sich ein Spielplatz.

„Okay“, sagte Doris und die beiden gingen Richtung Spielplatz.

„Komm schon mit“, rief Werner.

„Ey, nicht schon wieder so eine Scheiße, ja“, rief Martin, den sofort ein ungutes Gefühl beschlich.

„Sei kein Arschloch. Wir wollen nur nicht so früh auf der Party auflaufen.“

Martin traute Doris nicht, ging dann aber trotzdem mit.

Der Spielplatz lag hinter einem kleinen Wall aus Hagebuttensträuchern. Von außen war er nur schlecht einsehbar. Doris und Werner gingen ohne zu überlegen auf ein Klettergerüst aus Holz zu. Sie stiegen auf den überdachten Turm. Die Brüstung ging Martin kaum bis zur Hüfte. Dort setzten sie sich auf den leicht sandigen Holzboden.

„Und jetzt?“ wollte Martin mit mäßiger Neugier wissen.

„Wir warten“, sagte Doris.

Werner hatte ein Feuerzeug hervorgeholt. Martin wußte, dass die beiden hin und wieder rauchten. Aber Werner kokelte nur an einem kleinen Stückchen Dreck herum. Dann kratzte er die leicht verrußte Stelle sauber und ließ das Abgebröckelte vorsichtig auf seine Zigarettenschachtel fallen. Tolle Beschäftigung, dachte Martin und schaute gelangweilt um. Jetzt saßen sie hier auf einem Kinderspielplatz und warteten darauf, dass sie nur nicht die ersten auf der Party waren.

Plötzlich holte Werner ein kleines silbernes Rohr aus der Tasche und zog es auseinander. In das dicke gebogene Vorderende stopfte er einige Teile von dem Dreck. Dann reichte er es Doris, die sich das Rohr in den Mund steckte. Martin erkannte in der Dämmerung, dass es sich um eine Art Pfeife zu handeln schien. Doris zündete den Kopf an und sog den süßlichen riechenden Rauch tief ein.

„Was soll das jetzt wieder?“ fragte Martin verwirrt.

„Reg dich nicht auf, das ist nur Dope“, erklärte Werner. „Völlig harmlos.“

„Ihr spinnt doch“, stellte Martin verärgert fest. Die beiden würden in doch schon wieder in die Scheiße reiten.

„Hör mal, wenn du uns verpfeifst …“

„Macht er nicht“, sagte Werner und stopfte den nächsten Kopf. „Hier!“

Martin zögerte die Pfeife zu nehmen.

„Mach schon“, drängte Doris, „das ist wirklich gut.“

Einige in der Schule schienen dieses Zeug zu rauchen und Martins Neugier siegte letztendlich. Er sah noch einmal zu Doris hinüber. Es schien ihr nichts ausgemacht zu haben, dann setzte er die Pfeife an und zog. Er konnte den Rauch nur ganz kurz drin behalten. Dann spuckte seine Lunge die ungewohnte Gasmischung wieder aus. Das Husten kam nicht nur aus der Lunge, auch sein ganzer Hals brannte fürchterlich. Die Geschwister lachten, und als Martin endlich der drohenden Erstickung entgangen war, hielt Werner ihm schon die nächste Ladung hin. Martin winkte ab, aber Werner sagte, dass es keinen Sinn machte, wenn er jetzt aufhörte. Beim nächsten Mal hustete er schon etwas weniger und beim dritten Mal konnte er den Rauch sogar einige Zeit innehalten.

Martin lehnte sich zurück, bislang war ihm nur schwindelig von dem Husten. Er schien eine Ewigkeit auf irgendeine Wirkung gewartet zu haben und nichts war geschehen. Alles war ganz normal. Werner hatte den Kopf an der Balustrade angelehnt und starrte in den Himmel.

„Irgendwie kann man sehen, wie die Sterne sich bewegen“, behauptete Werner. Doris und Martin legten den Kopf ebenfalls zurück und folgten seinem Blick. Der Himmel hatte einen wunderschönen Verlauf von buttercremeorange bis tiefblau. Wo er tiefblau war konnte man bereits einzelne Sterne sehen. Martin beobachtete sie und musste Werner nach einiger Zeit recht geben. Sie bewegten sich. Wenn man genau hinsah, kamen sie sogar auf einen zu. Martin musste plötzlich kichern.

„Ich glaube einer fällt gerade herunter. Kann sich wohl nicht mehr halten.“

„Joou“, sagte Werner. „Der kommt genau auf uns zu.“

Martin konzentrierte sich. Das stimmte, der eine da drüben kam genau auf sie zugeschossen. „Der dritte von rechts neben dem Baum! Ich sehe ihn auch.“

„Nein der zweite. Der zweite. Der ist viel schneller.“

Martin sah zu dem zweiten hinüber.

„Verdammt ist der schnell.“

„Ehh, die kommen alle auf uns zu“, sagte Doris.

Martin fixierte einen Stern nach dem anderen. Das stimmte. Nach einer Zeit konnte er sehen, wie sie auf ihn zu rasten.

„Das ist beängstigend“, sagte Doris und lehnte ihren Kopf an Martins Schulter.

Jetzt hatte Martin keinen besonderen Stern mehr im Blick. Er betrachtete das All da draußen als ganzes.

„Der Himmel fällt uns auf den Kopf“ sagte Martin. Er hörte, wie Doris leise kicherte und spürte ihre Hand schon wieder da, wo sie nichts zu suchen hatte. Aber sie hatte sie nur dort hingelegt und tat nichts weiter. Martin fand den Himmel zu faszinierend und störte sich nicht an Doris, die dafür keinen Blick zu haben schien. Außerdem fühlte er sich wohl. Einfach wohl und zufrieden.

„Warp 9!“ rief Werner plötzlich und macht ein leises Motorsummen nach.

Martin starrte in den Himmel und wirklich, Werner hatte Recht, die Sterne fielen gar nicht herunter, sonst wären sie ja schon da. Nein, nein, sie standen kurz vor der ‚Warp‘ Grenze und rasten durch das All, fernen Galaxien entgegen.

„Es wird Zeit“, sagte Werner plötzlich ganz trocken.

Da hatte er recht. Sie saßen bestimmt schon zwei Stunden hier, statt auf die Party zu gehen.

„Rauchen wir noch einen?“

„Ja!“ sagte Doris sofort.

Martin hatte auch nichts einzuwenden, obwohl er keinerlei Wirkung verspürte, fand er, dass es zumindest nicht schaden könnte.

Die Uhr in der Diele zeigt halb neun. Um acht hatte Frau Bruckner sie abgesetzt.

„Ist nicht so leicht mit der Sommerzeit!“ sagte Martin und zeigte kichernd auf die Uhr.

Franziska schaute ihn verständnislos an. Und Doris machte ein Zeichen mit den Fingern.

„Aha“, grunzte Franziska und schloss die Tür.

Die Party schien noch nicht so richtig in Schwung gekommen zu sein. Einige Leute hinten in den Sitzgarnituren und unterhielten sich. Ansonsten … Da entdeckte Martin die Batterie mit Cola Flaschen … und Chips! Er hatte sich noch nie so sehr nach einem Schluck Cola gesehnt, wie in diesem Moment. Er hätte dem Erfinder von Coca Cola sofort die Füße küssen können. Martin kicherte sinnlos, weil ihm in den Sinn kam wem er statt dessen die Füße geküsst hatte. Er scherte sich gar nicht erst um die Pappbecher, sondern nahm gleich eine ganze Flasche und eine volle Schale Knabberzeug mit in eine Ecke. Er konnte wirklich nicht genug kriegen von dem Zeug und kümmerte sich vorerst um nichts anderes mehr.

Irgendwann saß plötzlich Franziska neben ihm.

„Hast ja einen gesunden Appetit“, sagte sie. „Aber es gibt auch noch was richtiges zu essen. Kartoffelsalat und Frikadellen, Sala…“

„Kartoffelsalat!“

Martin sprang auf und stürmte in die Küche. Kartoffelsalat war jetzt genau das richtige. Er hätte dem Erfinder von Kartoffelsalat die F... Schon wieder kicherte er. Das wurde noch zur Manie.

„Kann den mal einer vom Freß-Flash runterholen“, rief jemand.

„Willst du noch was rauchen?“ fragte Franziska, die ihm nachgekommen war und ihm einen Teller hinhielt.

Martin hörte auf, den Kartoffelsalat direkt aus der Schale zu naschen.

„Ja klar. Rauchen ist cool“, sagte Martin unkonzentriert.

„Dann komm mit“, sagte Franziska und stellte den Teller zurück. Bevor er ihr jedoch folgte, packte er sich vorsorglich den abgestellten Teller voll. Man wußte ja nie, ob später noch etwas da war, von dem köstlichen Zeugs.

Ihr Zimmer im oberen Stock, bestand nur aus einem gusseisernen Bett, einem alten Kiefernschrank und etlichen Postern an der Wand. Als Dekoration hatte sie ihre Anziehsachen überall zerstreut und ein rotes Tuch über eine Stehlampe aus den fünfziger Jahren gehängt. Martin schmiss einen Pullover vom Bett auf Fußboden und ließ sich darauf fallen und naschte weiter von seinem Kartoffelsalat. Franziska setzte sich neben ihn und begann Zigarettenblättchen zusammenzukleben. Sie sagte nie viel und so saßen sie schweigend und kauend auf dem Bett. Martin sah ihr beim Bau der Tüte zu. Franziska trug gerne weite lange Röcke. Ihre dunkelblonden Haare hatte sie meist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und mit zwölf hatte sie eine Auszeichnung für ihr Violinenspiel an der Musikhochschule erhalten. Franziska war Geigerin. Sie kam viel rum, weil sie in einem Jugendorchester spielte und oft auf Tournee ging. Das war eigentlich alles, was es über Franziska zu sagen gab.

Endlich war der Joint fertig und wurde geraucht.

„Freut mich ehrlich, dass du gekommen bist“, sagte Franziska zwischen zwei Zügen und reichte im die Rolle weiter.

Martin musste wieder husten. Die Mischung mit dem Tabak, machte das Rauchen noch schwerer.

„Ja“, sagte er nach einer heftigen Hustenattacke.

„Ehrlich. Hätte nicht gedacht, dass du kommst“, sagte Franziska noch einmal.

„Ja.“ Was ritt sie denn so auf diesem ‚ehrlich‘ herum?

„In letzter Zeit sieht man dich kaum noch.“

„Hmm“, brummte Martin und hatte andere Sachen im Kopf, als sich um Franziskas Gerede zu kümmern. Sein Blick fiel auf den Teller mit dem Rest Kartoffelsalat, den er auf dem Fußboden neben dem Sofa abgestellt hatte. Ach, er war jetzt nicht in Lage sich vorzubeugen und ihn aufzuheben. Er wäre jetzt man an der Zeit, dass dieses Zeug endlich mal eine Wirkung zeigte. So langsam wurde Martin ungeduldig. In seinen Gliedern setzte ein kurzes nervöses Kribbeln ein.

„Du rauchst nicht oft, nicht?“

„Nein“, entgegnete Martin einsilbig und begann sich unmotiviert am Hals zu kratzen. Mitten in der Bewegung hielt er inne und stellte fest, dass es überhaupt keinen Grund gab sich am Hals zu kratzen.

„Ich eigentlich auch nicht“, sagte Franziska und erdrückte den halben Joint im Aschenbecher. Dann sah sie ihn erwartungsvoll an. Offensichtlich verspürte sie auch keine Wirkung. Martin wurde müde. Es war zu schummerig hier und er hätte sich sofort hinlegen und schlafen können. Also machte er es sich bequem. Sie rückte ein Stück näher. Nach einigen Minuten hatte sie den Kopf an seine Schulter gelehnt, genau wie Doris vorhin. Das Zeug schien auf Frauen tatsächlich zu wirken. Ihr Kopf schien zu schwer für ihre Schultern zu werden. Martin kicherte. Franziska auch. Unten dröhnte die Musik. Jemand hatte Boney M. aufgelegt.

„Lass uns tanzen!“ rief Franziska.

„Tanzen?“

„Ja, tanzen.“

Franziska war aufgesprungen und zog an Martins Arm. Sie wollte nach unten.

Im Wohnzimmer der Eltern hüpften eine Menge Leute laut kreischend zu Musik aus den 70ern auf und ab. Martin gewöhnte sich bald an die rhythmischen Bewegungen und sie begannen ihm Spaß zu machen. Nach einer halben Stunde war er in Schweiß gebadet. Die Musik wurde ruhiger, und Franziska hing um seinen Hals. Er sah sich nach Doris und Werner um. War es nicht bald Zeit zu gehen. Die beiden waren nirgends zu sehen.

„Wie spät ist es?“

„Zehn vor elf“, antwortete Franziska. „Warum?“

„Um zwölf muss ich zuhause sein.“

„Ehrlich?“

„Ja, ehrlich!“ antwortete Martin und amüsierte sich über das erneute ehrlich.

Franziska schien sich eine Spur enger an ihn zu schmiegen. Martin hatte Schwierigkeiten, ihr nicht auf die Füße zu treten oder mit seinem Knie ihre Kniescheibe zu treffen. Sie sah zu ihn hoch und zog seinen Hals leicht hinunter und küsste ihn. Erst leicht auf den Mund, dann intensiver, bis sie er ihre Zunge spürte. Das war angenehm. Seine Ohren wurden lang wie die von Spock und begannen zu glühen.

„Lass uns hoch gehen, wir müssen uns unterhalten“, sagte sie und löste sich von ihm.

Martin hatte wenig Lust, sich zu unterhalten. Er wollte hier inmitten der Musik stehen bleiben und weiter küssen. Doch Franziska zog ihn mit sich. Sie schloss die Tür ihres Zimmer und Martin setzte sich wieder aufs Bett. Er fühlte sich völlig fehl am Platz. Er hatte null Bock sich jetzt zu unterhalten. Aber da war ja immer noch ein Rest Kartoffelsalat. Franziska stand vor dem Bett und zog mit einem Schwung ihr T-Shirt über den Kopf. Sie hatte kleine runde Brüste mit tiefroten Brustwarzen, die weit vorstanden. Martin schaute hypnotisiert. Sie stand nur einige Sekunden so vor ihm, dann ließ sie sich nach vorne auf ihn fallen und sie begannen wieder zu knutschen. Martin wurde heiß. Sie befreite auch ihn von seinem T-Shirt. Die Brüste fühlten sich weich, aber auch irgendwie prall an. Martin betastete sie rundherum, dann küsste er vorsichtig ihre Brustwarzen. Das schien sie gut zu finden. Sie atmete schwer durch den offenen Mund. Sofort zog sie ihn wieder an sich, und das Knutschen ging von neuem los. Martins Erregung schmerzte in der harten Jeans. Sie fasste ihn aber nicht an, nicht wie Doris. Martins Hose schien sie nicht weiter zu kümmern. Ihr Rock war ein wenig hoch gerutscht und Martin begann ihre Beine bis hinauf zum Oberschenkel zu streicheln. Er öffnete den Reißverschluss seiner Jeans und befreit sein Glied aus dem engen Gefängnis. Er hatte das nicht getan, damit sie sich darum kümmerte, sondern um die Schmerzen zu lindern.

Franziska hatte das Knutschen unterbrochen. Sie schaute hinunter zu seiner Hose, hielt ihn aber weiter in dem Arm. Dann küsste sie ihn wieder und ihre Hände strichen über sein Glied und umschlossen es mit sanftem Druck. Das war weit angenehmer, als wenn Doris das tat. Seine Hände fuhren ihren Oberschenkel hinauf bis zum Saum ihres Höschens. Martin wollte jetzt wissen, wie sich das bei Frauen anfühlte. Er versuchte seine Hand hinein zu schieben, da zuckte Franziska zurück und flüsterte leise „Nein“. Martin ließ seine Hand, wo sie war. Auf ihrem Bauch. Er verstand nicht recht was sie jetzt meinte, aber schon küsste sie ihn weiter. Martin versuchte es erneut, vielleicht war es vorhin irgendwie zu früh gewesen.

Wieder sagte sie nein. Sie wollte ihn weiter küssen. Doch das machte ihm plötzlich nicht mehr den gleichen Spaß.

„Das geht nicht“, versuchte sie ihm zu erklären, als sie merkte, dass er nicht mehr bei Sache war. „Das will ich noch nicht.“

Martin versuchte das zu verstehen und forschte in ihrem Gesicht nach einer Erklärung. Ihr Blick war eigenwillig glasig, aber erklärte nichts.

Vor der Tür rumpelte es. Jemand kicherte. Es war Doris Stimme. Dann wurde die Tür aufgerissen. Franziska reagierte schneller als er und hatte eine Decke über sich geworfen.
„Sieh mal an! Unser Unschuldslamm.“ Sie schloss die Tür wieder, kam zum Bett und ließ auf dem Rand nieder.

„Sehr schön! Zieh dich an. Wir müssen nach Hause. Ich hab keine Lust, deinetwegen Hausarrest zu bekommen.“

„Geh raus, Doris. Und mach die Tür von außen zu“, rief Franziska.

„Ach Gott. Seinen Pimmel habe ich schon öfter gesehen als du“, keifte Doris. Sie stand auf und riss mit aller Gewalt die Decke weg. Martin hatte inzwischen seine Hose geschlossen, stand auf und zog sein T-Shirt über. Franziska war ebenfalls aufgestanden. Wie gesagt, sie war mehr ein stiller Typ. Es gab auch nur ein dezentes Klatschen, als sie Doris eine Ohrfeige verpasste.

Doris schrie und holte ebenfalls aus. Doch Martin bezog zwischen den beiden Stellung, obwohl er es gerne gesehen hätte, wenn Franziska ihr noch ein paar gescheuert hätte.

„Hört auf!“

Doris kochte vor Wut. Franziska war ganz ruhig.

„Geh schon vor. Ich komme sofort nach.“

„Blöde Kuh.“

„Tut mir leid“, sagte Martin, als Doris das Zimmer verlassen hatte.

Franziska stand immer noch mit bloßem Oberkörper vor ihm, sie küsste ihn noch einmal und sagte: „Vergiss es, ich höre nicht auf ihr eifersüchtiges Geschwätz.“

Martin überlegte, ob er dazu noch etwas sagen sollte.

„Wir sehen uns in der Schule, ja?“

Martin nickte, natürlich würden sie sich in der Schule sehen, schließlich waren sie in derselben Jahrgangsstufe.

Für den Rückweg brauchten sie gute 15 Minuten. Werner schwieg die ganze Zeit. Doris beschimpfte Franziska und machte Martin Vorwürfe, weil er sich mit so einer eingelassen hätte. Die ganze Geschichte nervte Martin. Erstens war er sauer auf Doris. Was ging der ganze Kram sie an. Dann wußte er nicht, was das mit Franziska sollte. Irgendwie reizte sie ihn, andererseits auch wieder nicht. Und dann war da noch die Tatsache, dass Franziska ihn dazu gebracht hatte, etwas von ihr zu wollen, was sie ihm dann nicht erlaubt hatte. Das ärgerte ihn besonders. Er fühlte sich irgendwie verarscht. Das einzige wirklich angenehme an diesem Abend waren die Sterne und auf die konzentrierte er sich für den Rest des Heimweges.

Kapitel 18 - Hitze der Nacht

Doris musste wirklich eine Heidenangst vor ihrem Vater haben. Exakt zehn vor Zwölf standen sie vor Bruckners Haus. Martin hatte immer noch nicht erkannt, worin die Wirkung von Hasch liegen sollte, aber das Rauchen und die Sterne, waren Sachen, die sich bei ihm irgendwie verbunden hatte. Er verspürte große Lust, sich noch die Sterne anzusehen. Der Himmel war tiefschwarz und der Eindruck müsste jetzt noch stärker sein.

„Hast du noch was von dem Zeug“, fragte er Werner.

Werner zeigte ihm ein kleines, altes Filmdöschen.

„Oh nein“, sagte Doris. „Ich gehe rein.“

„Gut. Wenn jemand fragt, wir sind im Garten.“

Es war eines der wenigen Male, dass Werner seiner Schwester widersprach. Martin erwartete eine hysterische Auseinandersetzung, aber Doris sagte keinen Ton und ging stumm ins Haus.

Er und Martin setzten sich in den Garten und zogen jeder zwei Pfeifchen. Dann machten sie sich auf Gras lang und starrten mit Warp 4 in fremde Welten.

„Wir sollten nicht zu spät kommen“, sagte Martin irgendwann.

„Ist doch scheißegal“, grunzte Werner.

„Was macht ihr hier?“ Das war Frau Bruckner, sie stand da und schaute auf sie hinunter. Martin wollte aufstehen.

„Wir gucken noch bisschen in die Sterne.“ Werner machte keine Anstalten aufzustehen.

„Ihr habt getrunken!?“

Martin wollte ruhigen Gewissens verneinen.

„Ein klein bisschen“, gab Werner zu.

„Aber es geht euch gut, ja?“

Werner und Martin bejahten.

„In einer halben Stunde spätestens seid ihr im Haus, klar?“

„In Ordnung“, sagte Werner, ohne sich umzusehen.

Aus diesem Winkel, und so von dem nächtlichen Restlicht angestrahlt, wirkte Frau Bruckner, wie ein gewaltiger, steinerner, südamerikanischer Fruchtbarkeitsgötze. Nicht direkt bedrohlich, aber unheimlich. Martin konnte sein Lachen nicht zurückhalten.

„Oh Gott, kotzt mir ja nicht in die Petunien.“ Dann war sie wieder in der Dunkelheit untergetaucht.

Martin hatte keine Ahnung, ob es wirklich nur eine halbe Stunde gewesen war, die sie draußen im Gras zugebracht hatten. Jedenfalls sagte Frau Bruckner nichts, als sie zehn Lichtjahre später hereinkamen.

Heute Nacht war es weit heißer und drückender als an den vergangenen Tagen. Frau Bruckner hatte natürlich auch heute nacht keine Ausnahme gemacht. Martin schwitzte sich neben ihr in dem engen Bett zu Tode. Auf seiner Haut entstand eine dünner, feuchter Film, der, sobald er die Decke beiseite schlug, anfing zu verdunsten. Davon kühlte er kurzfristig aus und deckte sich dann lieber wieder ein wenig zu. So ging es schlaflos hin und her. Auch Frau Bruckner schwitzte. Martin hatte die Decke so weit es ging von sich geschoben. Diesmal blieb sie auf Distanz zu Martin. Aber sie konnte wohl nicht einschlafen und wälzte sich ebenfalls hin und her, bis auch sie nur noch zur Hälfte unter der Decke lag. Martin überlegte, ob er das Fenster öffnen sollte. Er sah hinüber, es war bereits offen.

In der Ferne rumste es. Kurze Zeit später zuckte ein Blitz quer über den Himmel. Der Schlafanzug klebte Martin auf der Haut. Die Matratze wirkte wie in Schwamm. Sie fühlte sich schon feucht an und die Nacht hatte gerade erst begonnen. Die Luft in dem kleinen Zimmer wurde allmählich knapp und Martin wäre am liebsten wieder hinaus in den Garten gegangen. Wenigstens das Schlafanzugoberteil musste weg. Ein leiser Luftzug fuhr über den Schweißfilm auf seinem Oberkörper und sorgte ein wenig für Kühlung.

„Hoffentlich kommt das Gewitter bald“, grunzte Frau Bruckner. Sie hatte noch nicht geschnarcht und Martin war froh, dass sie auch nicht schlafen konnte.

„Es ist verdammt heiß“, sagte Martin.

„Ja. Viel zu feuchte Luft. Man kann ja kaum atmen. Aber versuch einfach trotzdem zu schlafen“, sagte sie mitfühlend, aber schob gleichzeitig die Decke wieder weiter zu ihm hinüber. Die Hitze nahm zu, statt ab. Am liebsten hätte er die Decke genommen und aus dem Fenster geworfen.

Fünf Minuten später stand Frau Bruckner knurrend auf und ging hinaus.

„Das ist wirklich ein entsetzliches Wetter“, schimpfte sie, als sie zurückkam. Sie stellte Martin ein Glas hin, schüttete etwas Wasser hinein und trank selbst direkt aus Flasche. Dann stellte sie sich ans Fenster, öffnete beide Flügel und starrte hinaus in die Dunkelheit.

„Komm schon“, sagte sie leise und es klang nicht wie eine Bitte, sondern eher wie eine Drohung.

Martin nahm einen Schluck aus dem Glas. Noch einen und trank es in einem Zug leer. Frau Bruckner stand noch immer am Fenster und schien auf etwas zu warten. Martin stellte er sich schräg hinter sie an die Fensterbank. Hier war es deutlich kühler. Weit hinten am Himmel zuckte unmotiviert ein Sommergewitter.

„Komm hierher!“ befahl Frau Bruckner eindringlich. Doch, ob das Wetter ihr gehorchte blieb fraglich.

Martin grinste und setzte sich wieder auf die Bettkante. Er trank noch einen Schluck. Der Wettergötze hatte es tatsächlich geschafft. Die Blitze schienen näher zu kommen und einer lauer Regen setzte leise prasselnd ein.

„Na also“, knurrte Frau Bruckner zufrieden.

Es sah gespenstisch aus, wie sie dort, vor der Gewitterfront stehend, auf Erlösung wartete. Es gab Gewitter, die diese Erlösung brachten und solche die nur viel Lärm um nichts machten. Dies war ein eher trockenes Gewitter, kaum Regen, kaum Abkühlung, nur Krach. Und das Gewitter hielt einen wach. Bis vor kurzem hatte Martin eine Mattigkeit verspürt, die plötzlich verflogen war. Mit der Wachheit kam auch wieder Leben in andere Körperteile. Frau Bruckners Nachthemd war während jedes Blitzes, für eine Sekunde durchsichtig. Wie bei einer Röntgenaufnahme. Irgendwie erdrückte ihn alles in diesem Zimmer. Er folgte dem Impuls und zog den Rest des Schlafanzuges auch noch aus. Es würde Frau Bruckner schon nichts ausmachen, wenn er nackt schlief.

„Das hilft nichts, es wird nicht kühler. Wir müssen wohl so schlafen.“

Frau Bruckner hatte sich umgedreht. Martin lag lang gestreckt auf dem. Sie stutzte eine Sekunde und schüttelte sanft den Kopf.

„Du bist wirklich unmöglich“, schimpfte sie, aber ihr Ton war nicht ernstlich böse.

„Deck dich wenigstens ein bisschen zu.“

Martin gehorchte. Sie nahm die andere Seite der Decke und bedeckte sich ebenfalls halb.

„Ihr Kinder seid wirklich verrückt. Schämst du dich denn gar nicht?“

Martin fiel auf, dass er sich eben nicht geschämt hatte. Etwas in ihm hatte ihn sicher gemacht, dass er sich jetzt keineswegs zu schämen bräuchte.

„Ich weiß nicht“, antwortete er unsicher.

„Du weißt doch, dass man so etwas nicht macht.“

„Was denn?“ fragte Martin, obwohl er genau wußte was sie meinte.

„Sich hier einfach so nackt hinzulegen.“

„Aber es ist so heiß.“

„Trotzdem gehört sich das nicht. Man kann nicht …“, plötzlich wurde ihr Ton doch böse. „Zieh wenigstens eine Unterhose an.“

Martin stand auf und suchte seine Unterhose.

Es gab einiges, was er nicht verstand. Zum Beispiel, wieso eine Erektion einerseits normal und andererseits etwas war, für das man sich schämen musste. Martin wußte, dass sie nicht wirklich böse auf ihn war. Es war wie bei seiner Mutter. Es war ihr unangenehm. Also stellte er die Frage, was an einer Erektion war, dass man sich schämen musste.

Erst grunzte sie und schaute ihn fast so etwas wie erschreckt an. Dann schwieg sie einen Moment und sagte sie: „Wenn du eine Freundin hast, und dann passiert so was, ist es richtig. Aber bei anderen Leuten bekommt man einfach keine … Erektion.“ Das Wort Erektion buchstabierte sie fast, so zäh sprach sie es aus.

„Aber“, wandte Martin vorsichtig ein. „Mir passiert das andauernd.“

Frau Bruckner seufzte. „Das ist das Alter. Deine Hormone spielen verrückt. Wenn du erstmal verliebt bist, legt sich das schnell.“

„Wenn es nur die Hormone sind, dann brauche ich mich doch nicht zu schämen, oder?“

„Eigentlich nicht“, gab Frau Bruckner wenig überzeugt zu. „Es ist ja auch nicht so schlimm. Nur, wenn du mal älter bist, verstehst du, dass jemand der das sieht, dazu neigt, es auf sich zu beziehen. Man weiß ja nie, ob es wirklich nur die Hormone sind. Und deswegen solltest du es verbergen. Jedenfalls, wenn du nicht willst, dass die anderen darauf womöglich reagieren.“

„Wieso auf sich beziehen?“ Martin hatte Spaß daran, wie Frau Bruckner sich bemühte seine Fragen sachlich zu beantworten. Irgendwie schien sie sich aber unter jeder Frage ein wenig zu winden, so als ob ihr jemand auf die Füße trat. Daher beschloss Martin, jetzt nicht locker zu lassen.

„Na ja, die Leute glauben halt, dass sie es sind, die dich in diesen Zustand versetzen und darauf reagieren sie eben“, erklärte Frau Bruckner mit einem genervten Tonfall.

„Wie reagieren sie?“

„Kindchen, entweder sie lachen dich aus und weisen dich ab, oder sie … sie werden eben selber erregt.“

„Woran erkennt man denn, dass eine Frau erregt ist.“

„Sie wird … Hör zu, besorg die so ein Buch, da steht dann alles darüber drin“, blockte sie weitere Fragen ab. Martin merkte, dass er kurz davor war ihr zu sehr auf die Nerven zu gehen.

„Ich habe vier solcher Bücher und verstehe die wichtigsten Sachen trotzdem nicht“, behauptete er einlenkend.

„Das kommt schon, wenn es soweit ist. Das klärt sich alles von selbst, glaub mir. Schlaf jetzt, sonst kommst du morgen nicht aus dem Bett.“

Das schien Martin gelogen zu sein. Nichts würde sich von selbst erklären. Er hätte jetzt gerne noch gefragt, warum er seine Hose anziehen musste, wenn sie doch wußte, dass es nur seine Hormone waren, die sich da regten. Aber er ließ es lieber sein.

Draußen tobte weiterhin das Gewitter. Lichtblitze zuckten durchs Zimmer. Martin merkte, dass sich seine Erektion nicht von selber regeln würde. Aber er konnte nichts tun, solange Frau Bruckner nicht endlich einschlief. Danach sah es nicht aus. Ihre Haut glänzte bei jedem Blitz feucht auf. Martins Arme und Beine wurden nervös. Er wäre am liebsten jetzt einfach raus in Regen gelaufen. Frau Bruckner schwitzte ruhig vor sich hin. Martin musste sich bewegen. Er begann langsam mit den Beinen zu strampeln und sich auf der Stelle hin und her zu winden.

„Kannst du nicht ruhig liegen?“

„Geht nicht!“

„Hast du Angst vor dem Gewitter?“

Martin hatte noch nie Angst vor Gewittern. Er verstand gar nicht, was diese Frage sollte.

„Na komm her“, brummte sie mütterlich und schlang ihren Arm um seinen Hals und zog ihn dicht an sich heran.

„Du brauchst keine Angst haben, nicht vor dem Gewitter und vor allem anderen auch nicht. Das geht alles vorbei“, flüsterte sie leise in sein Ohr und warf noch mehr Decke über ihn.

Sekunden später fühlte sich Martin wie Hänsel in dem Backofen. Aber er wagte nicht mehr sich zu bewegen. Wo sie Haut auf Haut lagen, hatte sich sofort ein feuchter Film entwickelte. Martins Knie glitt wie geölt über ihre angewinkelt Kniescheibe. Martin ignorierte die Hitze. Sie machte ihm nichts mehr aus. An schlafen war jetzt eh kaum mehr zu denken. Sie schien sein Knie völlig zu ignorieren. Nein, das tat sie nicht. Ohne Vorwarnung klafften ihre Beine auseinander und ihre linker Arm griff blitzschnell um seine Hüfte und riss ihn förmlich nach vorn. Dann schlang sich ihr linkes Bein über seine Beine. Daraufhin zog sie die Decke bis knapp über sein Ohr und fragte: „Hast du jetzt immer noch Angst.“

„Nein.“

Er hatte sein Knie zwischen ihren Oberschenkeln. Probeweise bewegte er es, sie schien das nicht zu stören. Er glitt Zentimeter für Zentimeter höher mit dem Knie. Dann stieß er an eine haarige Grenze. Das war es. Er wartete auf eine Reaktion. Es kam keine. Er drückte sein Knie ein wenig fester dagegen. An seinem Bein schien die Feuchtigkeit nur so herunter zu laufen. Er griff nach ihrem Schenkel und fuhr ihn mit der Hand auf und ab. Entweder schlief sie oder …

Er hätte jetzt gerne sein Glied an ihrem Schenkel gerieben, so wie gestern Nacht, nur vielleicht noch etwas tiefer. Aber da war diese Unterhose im Weg. Er versuchte sie herunterzuziehen, aber es gelang ihm nicht. Wenn er diese Position jetzt verließ, würde er bestimmt nie wieder in seinem Leben so dicht heran kommen. Es half nichts. Entweder oder. Er versuchte sich zurückzuziehen. Die Beine gaben ihn sofort frei. Er schlüpfte unter der Bettdecke hervor und riss sich die Hose herunter.

Als er zurück unter die Decke kroch, musste er feststellen, dass Frau Bruckner jetzt fast auf dem Rücken lag. Er hatte verspielt. Doch ihr Arm schlang sich gleich wieder um ihn und sie drehte sich leicht zu ihm hin. Er drückte sich so dicht an sie, wie möglich. Sein Bauch klatschte gegen ihren. Etwas war anders. Er versuchte vorsichtig nach ihrem Bauch zu tasten. Ihr Nachthemd war verrutscht. Alles lief optimal. Er legte seinen Kopf ihre Schulter, auf den Wulst des Nachthemdes, das bis fast unter die Achseln gerutscht zu sein schien. Langsam schob er sein Bein zwischen ihre. Kein Widerstand. Seine Hand schob sich den glitschigen Bauch herunter, bis er auf die ersten Haare stieß. Martin war es egal ob es nur die Hitze war, die das schwere Atmen in diesem Raum verursachten. Seine Beine schmolzen davon und sein Gehör schien kurzfristig nachzulassen. Er hielt inne, gewöhnlich ließ seine Erektion gleich nach. Er betastete sein Glied. Es blieb hart. Seine Hand ging zurück. Ohne Zwischenstopp dahin, wo sie schon vor Stunden hätte das erste Mal hin fassen sollen. Er fühlte nicht viel. Nasse weiche Hautfalten und Haar. Sonst eigentlich nichts. Er dachte nicht weiter nach. Dies schien ihm der ideale Ort für sein Glied, irgendwie musste er es unauffällig dort hin bugsieren.

Er rollte sich ein wenig mehr über ihr rechtes Bein und hing jetzt halb auf Frau Bruckners Körper. Wenn sie etwas dagegen hätte, würde sie es doch wohl sagen. Sie zog ihr rechtes Bein weit nach außen und Martin rutschte förmlich dazwischen. Sein Glied steckt jetzt fast in ihrem Bauchnabel. Martin löste sich aus ihrem Arm und lag gleich drauf gänzlich auf ihrem Bauch. Sie sagte nichts, sondern nahm ihre freien Arme und drückte ihn bestimmt ein wenig herunter. Sein Kopf lag nun zwischen ihren Brüsten und sein Penis steckte irgendwo vor ihrem Schambein. Er schlang die Arme um ihren Oberkörper, sonst wäre er glatt von ihr herunter gerutscht. Martin war nicht mehr zu koordinierten Handlungen fähig, er hing auf ihr wie ein nasser Sack. Plötzlich bewegt sie sich unter ihm. Schob sich hin und her, zog ihre Beine an. Jetzt wollte sie ihn wohl los werden. Aber Martin hielt sich fest. Da war ihre Hand an seinem Glied. Aber sie rieb nicht daran herum, wie er erwartet hatte, sondern schien es nur an eine bestimmte Stelle zu bringen. Da ließ sie auch schon wieder los. Martin wartete, was passierte. Nichts passierte, es war wie mit dem Dope. Viel Rauch um nichts.

Jetzt griff Frau Bruckner mit beiden Händen nach seinem Hintern. Sie zog ihn kurz mit kräftigem Druck an sich heran. Martin gab nach und rutschte ein Stück hoch. Dann war es passiert. Es fühlte sich an wie ein Flutschen, dann spürte er, wie sein Glied langsam irgendwo in ihr verschwand. Warm und weich war es dort. Viel weicher noch als zwischen ihren Oberschenkeln. Jeder Millimeter Schwanz schien das mitzubekommen und seinem Hirn Meldung zu erstatten.

Frau Bruckner legte eine Hand auf seinen Kopf und die andere blieb knapp über seinem Hintern liegen. Weiter tat sie nichts.

Martin begann sein Glied hin und herzubewegen. Es ging phantastisch. Das war wie geschaffen für ihn. Seine Bewegungen wurden heftiger. Er war jetzt sicher, dass Frau Bruckner gegen gar nichts etwas einzuwenden hätte. Zweimal zog sie die Decke wieder hoch, die herunter gerutscht war. Sonst verhielt sie sich still. Er schaffte es dreimal, seine Beine taub werden lassen. In den kleinen Pausen die er dazwischen machte, weil sein Schwanz, die Bewegung nicht mehr zu verkraften schien, schaute er nach Frau Bruckner. Sie lag nur mit geschlossenen Augen da und tat nichts. Nach dem dritten Mal rollte er sich seitlich von ihr herunter. Sie ließ ihn los. In dem Moment, als er auf dem Rücken lag und die Decke starrte, wußte er das er etwas sehr, sehr falsches getan hatte. Frau Bruckner drehte sich kurz um und sah ihn an. Er schaute nicht hin. Womöglich konnte sie seine Gedanken erraten.

Dann streichelte sie ihm über die Haare, was ihm jetzt unangenehm war und flüsterte: „Du brauchst dich nicht zu schämen. Das waren nur die bösen Hormone. Niemand wird das jemals erfahren.“

Als er nichts antwortete, fügte sie noch hinzu. „Es hat mir nichts ausgemacht, wirklich nicht. Ich weiß, wie schwer man es in deinem Alter haben kann.“

Dann drehte sie sich um und rollte sich halb in die Decke ein.

Martin wollte jetzt nicht darüber nachdenken, was er gerade gemacht hatte. Er wußte Frau Bruckner würde ihn nicht verraten, aber das war sowieso nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, er hatte richtigen Sex mit ihr gemacht. Warum?

Der plötzlich einsetzende Schlaf ersparte ihm die Antwort.

Kapitel 19 - Alt genug

Martin wartete nicht bei Bruckners bis seine Mutter ihn abholte. Heute nicht. Er hatte ja den Schlüssel. Er ging ohne zu frühstücken und sah Frau Bruckner nicht in die Augen, als er sich verabschiedete. Er wollte keinen von diesen Bruckners je in seinem Leben wiedersehen.

Am späten Nachmittag sah Martin, wie seine Mutter vor dem Haus aus dem Auto stieg. Frau Bruckner fing sie ab und die beiden sprachen mehr als zehn Minuten miteinander. Dann kam seine Mutter hoch in sein Zimmer. Sie sah besorgt aus.

„Du bist an der Kellertreppe ausgerutscht? Zeig mal her. … Oh Gott, das sieht ja schlimm aus! Wie konnte den das passieren?“

„Ich einfach ausgerutscht und hingefallen.“

„Du hast dich nicht mit Werner geprügelt?“ fragte seine Mutter misstrauisch.

„Nein, wie kommst du denn da drauf?“

„Frau Bruckner hat gesagt, dass du dich mit den Geschwistern nicht mehr verstehst. Entweder ihr streitet euch, oder ihr geht euch aus dem Weg.“

„Ja, das stimmt schon“, gab Martin zu. „Du hast doch selbst gesagt, ich soll dem Ärger aus dem Weg gehen.“

„Aber ihr habt euch nicht geprügelt?“ fragte seine Mutter zur Sicherheit noch einmal.

„Nein, wirklich nicht.“

„Außerdem hat Frau Bruckner gesagt, dass du ihrer Meinung nach alt genug bist um am Wochenende allein zu bleiben. Und dort drüben ginge es halt nicht mehr, weil ihr euch andauernd nur streitet.“

„Hmm.“

„Hör zu Martin“, sagte seine Mutter nach einer Pause. „Ich weiß, es ist eine schwere Zeit für dich, aber du bist seit Wochen so verändert. Ziehst dich von allem zurück. Das ist nicht gut. Wenn da noch etwas ist … ich meine außer den üblichen Problemen in deinem Alter, dann kannst du mir das sagen.“ Seine Mutter sah ihn gespannt an. „Ist da noch etwas?“ fragte seine Mutter, als er nicht antwortete.

Da war noch jede Menge, aber nichts von dem hätte er jemals seiner Mutter sagen können.

„Nein, es ist alles in Ordnung. Wirklich.“

„Gut, dann mach ich uns jetzt was zu essen. … Aber wenn etwas ist, sagst du es mir, versprochen?“

„Versprochen.“

Am Dienstag sprach Franziska ihn in der Schule an. Sie war sauer auf Martin, auch wenn er erst nicht recht verstand, worum es eigentlich ging.

„Warum gehst du mir aus dem Weg?“ wollte sie wissen.

Martin ging ihr nicht aus dem Weg, er hatte noch nie viel mit ihr zu tun gehabt. Warum sollte sich das jetzt auf einmal geändert haben?

„Ich habe darauf gewartet, dass du dich mal bei mir meldest!“ fuhr sie vorwurfsvoll fort.

„Tut mir leid“, sagte Martin. „Ich wußte nicht, dass wir verabredet waren.“

„Verabredet? Was denkst du eigentlich? Ich dachte, du wärst alt genug für eine richtige Beziehung. Und jetzt! Jetzt schneidest du mich, nur weil, … weil ich dich nicht sofort ran gelassen habe?“

Es gab da zwei Dinge, die Martin beunruhigten: Das eine war das Wort Beziehung und das andere die Formulierung: ‚ran gelassen‘. Wenn er sich recht erinnerte, hatte sie mit dem Knutschen angefangen und von etwas anderem war auch gar nicht die Rede gewesen.

„Ich glaube, ich verstehe das nicht ganz“, sagte er vorsichtig.

„Ach. So sieht das aus. Du machst Schluss, weil du nicht sofort deinen Willen kriegst. Weißt du“, stellte sie ehrlich empört fest, „ich glaube inzwischen, du wolltest nur mit mir ins Bett, und das war’s dann.“

Martin war ernstlich bestürzt. Er sah sie prüfend an und sagte: „Nein, das wollte ich nicht. Ganz bestimmt nicht!“

„Ach. Also willst du mich jetzt nur bestrafen, weil ich mich geweigert habe?“

„Nein!“ behauptete er.

„Was willst du dann?“ fragte Franziska verunsichert.

Martin überlegte einen Moment und stellte dann fest: „Nichts.“

Sie schaute ihn stumm und dumm an.

„Ich wollte überhaupt nichts“, begann er zu erklären, weil sie das offensichtlich erwartete. „Du hast doch angefangen.“ Er prüfte noch einmal genau Franziskas Anblick. Nichts an ihr fand er irgendwie erregend und die Vorwürfe, die sie ihm machte, gingen ihm auf den Wecker. „Ich habe nie gesagt, dass ich dich toll finde“, fuhr er fort. „Oder, dass ich irgend etwas von dir will. Du hast mit mir geknutscht! Das hat mir gefallen, okay. Aber mehr war doch gar nicht!“

Inzwischen hatte Martin etwas dazugelernt. Er sah in ihren Augen bereits die Hand, die in seinem Gesicht landen würde, bevor sie überhaupt den Arm gehoben hatte. Er machte ein vorsorglichen Schritt zurück, hob beide Arme und warnte sie: „Lass das, ich habe keine Lust mich mit Mädchen zu prügeln!“

Ihr halb erhobener Arm sank widerwillig.

„Es ist aus!“ sagte sie dramatisch und machte auf dem Absatz kehrt. „Du bist echt ein Riesenarschloch.“

Die Szene auf den Schulhof, war natürlich nicht unbemerkt geblieben. Martin entdeckte Doris in einem Pulk von Mädchen, die die Szene breit grinsend und voller Genugtuung beobachtet hatten. Schlimmer aber wog die Tatsache, dass ausgerechnet Frau Möller Pausenaufsicht hatte. Er suchte den Hof nach ihr ab. Sie stand vor dem Eingang zum Lehrerzimmer und als sich ihre Blicke kreuzten wußte er, dass er sich gerade eine neue Regel eingeheimst hatte.

Martin hasste Frauen, diese dusselige Kuh Franziska, die erst mit ihm rum knutschen wollte und glaubte, sie seien deshalb so gut wie verheiratet. Doris die seinen Schwanz nicht in Ruhe lassen konnte und dann noch Frau Möller, die keine Gelegenheit ausließ, ihn mit irgendwelchem Unsinn zu quälen. Ach ja, und Frau Bruckner, die … die ihm eigentlich nichts getan hatte. Aber er hasste sie trotzdem, weil sie … Martin dachte nach. War ja auch egal. Martin beschloss, in Zukunft einfach allen Frauen aus dem Weg zu gehen. Frauen machten nur Ärger.

Es bewahrheitete sich natürlich genau so, wie Martin es hatte kommen sehen. Kaum saß er bei Frau Möller auf der Bank, ließ sie auch schon die Katze aus dem Sack. Natürlich nicht, ohne Martin eindringlich ins Gewissen zu reden.

„Der eigentliche Grund für die mangelnde Produktivität von Männern im allgemeinen und Jungen deines Alters im Besonderen liegt in ihrer Unfähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sie lassen sich allzu leicht von Nebensächlichkeiten, besonders von Frauen, ablenken“, dozierte sie erhobenen spitz gefeiltem Zeigefinger.

Sie machte eine kurze Pause, um Martin Gelegenheit zu geben ihren Gedanken zu folgen. „Ich habe heute wieder einmal beobachtet, dass du den Mädchen auf dem Schulhof hinterher schaust. Na ja, wenn du es beim Anschauen belässt, ist das vielleicht noch in Ordnung. Aber mein Gefühl sagt mir, das dem leider nicht so ist. Was du im einzelnen da treibst, will ich gar nicht wissen.“

Martin hätte ihr unter Androhung der Todesstrafe nichts erzählt und ersparte sich konsequent jede Erklärung.

„Zugegeben, es ist für einen Mann etwas schwierig, das Triebhafte in sich zu unterdrücken“, fuhr Frau Möller nach der Pause fort. „Diese nahe Verwandtschaft zum Halbaffen … Ich glaube, Männer sind während der Evolution etwas verfrüht zum Stillstand gekommen. Dieses vom Rückenmark gesteuerte Triebverhalten lässt sich aber Gott sei Dank kontrollieren. Jedenfalls, wenn man hart daran arbeitet. Verstehst du, was ich meine?“

„Ich denke ja.“

„Da bin ich mir gar nicht sicher. Es geht hier um deine Leistungsfähigkeit. Du musst deine Triebnatur kontrollieren. Wenn du ihr weiterhin nachgibst, wirst niemals wirklichen Erfolg im Leben haben. Du kannst nur etwas werden, wenn es dir gelingt, dich vom Sex völlig unabhängig zu machen.“

Diese Idee war Martin eben gerade auch gekommen. Daher nickte er verständnisvoll.

„Ich wäre unter Umständen bereit, das mit dir zu üben. Es gibt da eine Möglichkeit, das zu trainieren.“ Frau Möller ging um ihr Pult herum und fuhr zögernd fort. „Diese Methode ist etwas … wie soll ich sagen … ungewöhnlich und verlangt mir einiges ab. Dinge, die mir wirklich schwerfallen.“ Sie wartete auf eine Reaktion von Martin. War aber wohl auch damit zufrieden, dass keine kam. „Aber ich bin bereit, das für dich zu tun. Du hast da ein großes Problem, und wenn du es loswerden willst, kann ich dir wie gesagt dabei helfen. Aber … du musst es wirklich wollen.“

Martin hätte am liebsten gelacht. Er konnte nicht sagen warum, aber irgendwie war genau das schwierig, zu wissen, was er wirklich wollte. Außerdem war er hochgespannt, was sie nun wohl vorschlagen sollte. Kalt duschen vielleicht?

„Also was ist? Willst du nun, dass ich dir helfe, oder nicht?“ fragte Frau Möller eindringlich.

„Ja.“

„Was ‚ja‘?“

„Ja, Frau Möller.“

„Nein, nein, willst du es oder nicht?“ fragte sie nach.

„Ja, ich will, Frau Möller.“

Der Satz hallte in Martins Kopf nach, wie in einer Kathedrale. Es klang wie ein Eheversprechen und es war ein Fehler. Nur ein weiterer Fehler. Ein weiterer Fehler in der unendlichen Kette von Fehlern, die man unweigerlich machen musste, wenn man sich auf irgend etwas mit Frau Möller einließ. Aber darauf kam es eigentlich auch schon nicht mehr an. Frau Möller schien dieser Satz noch nicht so richtig zu gefallen. Sie suchte in seinem Gesicht nach Spuren von Ironie. Wendete sich dann aber zufrieden ab.

„Das Wichtigste ist Ehrlichkeit. Absolute Ehrlichkeit. Verstehst du? Wenn du einen Trieb verspürst, musst du es mir sagen, nur dann können wir gemeinsam daran arbeiten. … Wirst du das tun?“

„Ja“, sagte Martin einfach.

„Du kannst mir alles sagen und brauchst dich für nichts zu schämen. Wir kriegen das schon hin, glaub mir“, erklärte sie zuversichtlich.

Einen Scheiß würde er tun, dachte Martin. Das letzte auf Erden, was er täte, wäre mit Frau Möller über irgend eines seiner Probleme sprechen. Nicht mal darüber, was er lieber zum Frühstück aß: Corn Flakes oder Brötchen mit Honig.

„Ja, Frau Möller.“ Je älter er wurde, desto leichter kamen ihm die Lügen über die Lippen und er war ganz sicher, dass ihn jetzt keine Röte verriet. Er hatte das Recht zu lügen. Es war Notwehr.

„Also fangen wir mal mit dieser Franziska von heute morgen an. Worum ging es da?“ fragte Frau Möller überraschend.

Martin hatte gedacht, dass die Sache jetzt erstmal beigelegt werden würde. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Frau Möller sofort nachhaken würde. Er fühlte sich, wie ein Torwart, der einen hart getretenen Ball auf sich zu kommen sah und wußte, dass er auf dem falschen Fuß stand.

„Sie meinte, dass ich sie zu wenig beachten würde“, sagte er vorsichtig.

„Wie kommt sie auf die Idee, dass du sie überhaupt beachten solltest?“ fragte Frau Möller mit spitzem Unterton nach. Sie hatte sich immer noch von ihm abgewendet und schaute an die Tafel. Die Geschichte mit Franziska war ihm eigentlich egal. Martin entschied, dass es taktisch geschickt sei, jetzt die Wahrheit zu sagen, um sich die Möglichkeit zum Lügen für später aufzuheben. Also erzählte er die Geschichte mit Franziska, so genau wie möglich. Frau Möller schien damit zufrieden zu sein.

„Du hattest also keinen Sex mit ihr?“ fragte sie zusammenfassend.

„Nein“, wies Martin empört von sich.

„Gut. Du hattest natürlich recht, dich sofort von ihr zurückzuziehen. Du solltest aber in Zukunft vermeiden, überhaupt in solche Situationen zu kommen. Geh den Mädchen einfach aus dem Weg“, schlug sie vor.

„Das war auch meine Absicht.“

„Ausgezeichnet.“ Frau Möller schien diese Nachricht allergrößte Freude zu bereiten.

„Und mit dieser … dieser Doris, was war da?“

Martin erzählte in groben Zügen, alles über Doris und fügte hinzu, dass er von jetzt an nicht mehr zu den Bruckners gehen würde. Das würde ihm soviel Vertrauensvorschuss geben, dass er die wirklich wichtigen Sachen verschweigen konnte. Anfangs wirkte Frau Möller besorgt, doch dann entspannte sie sich wieder. Wenn man sie nicht kannte, konnte man glauben, dass sie neugierig war, aber auch verständnisvoll, beinahe nett.

„Und das war alles?“

„Ja“, sagte Martin mit fester Stimme, die keinen Zweifel entstehen ließ.

„Du bist also noch … Du hast noch keinen richtigen Sex gehabt, sehe ich das richtig?“ fragte Frau Möller zur Sicherheit noch einmal nach.

Martin zögerte keine Sekunde mit Antwort. Er wußte genau, dass jetzt eine gekonnte Lüge fällig war.

„Nein“, sagte er prompt und möglichst beiläufig.

Sie beäugte ihn skeptisch. Martin fühlte, dass er rot wurde. Was auch immer geschah, er würde kein Wort über Frau Bruckner verlieren.

„Das ist die Wahrheit?“

„Ja.“

„Ist dir das Thema peinlich?“

„Ja“, gestand er möglichst nüchtern ein.

„Warum?“

Martin spürte genau, dass sie ihm nicht glaubte. Sie wollte ihm durch geschickte Fragen die Wahrheit entlocken. Er hatte jetzt mit der Antwort schon zu lange gezögert. Er beschloss darauf einfach gar nicht zu antworten. Irgendwie musste er sie von diesem Thema ablenken. Er musste einen Gegenangriff starten. Das war die beste Verteidigung. Ihr sollte es auch peinlich werden. Er fixierte seinen Blick auf ihre Brüste und schwieg. Nun konzentrierte er sich auf das Bild von Frau Bruckner vor dem Spiegel und stellte sich vor, dass Frau Möller seine Gedanken lesen konnte.

Frau Möller zögerte. Martins Erötung nahm zu. Ihre Brüste ließ er nicht einen Moment aus den Augen. Und das zeigte dann auch Wirkung.

„Ich glaube, ich verstehe das schon“, sagte sie plötzlich und drehte sich ab. Gewonnen, dachte Martin. Er hatte sie zum ersten Mal besiegt. In die Irre geführt und besiegt. Innerlich brach er in Jubelschreie aus.

„Also, wenn das so ist, haben wir eine gute Chance. Solange du mit diesem Virus Sex noch nicht wirklich infiziert bist, können wir ihn relativ leicht unterdrücken. Aber denk daran, mir jede sich anbahnende Versuchung sofort mitzuteilen, damit wir etwas dagegen unternehmen können.“

„Ja, Frau Möller.“

„Du kannst für heute gehen. Mach deine Hausaufgaben zuhause.“

Martin war überrascht. Das war noch nie vorgekommen. Schnell packte er seine Sachen zusammen, bedankte sich und machte sich aus dem Staub.

Kapitel 20 - Disziplin

Jede noch so geringfügige Begegnung mit einem der Mädchen in der Schule würde eine stundenlange Befragung von Frau Möller nach sich ziehen. Also ging Martin von nun an allen Schulkameraden aus dem Weg. Auch nach der Schule pflegte er keinen Kontakt mehr zu Gleichaltrigen. Seine Mutter machte sich allmählich Sorgen. Die meiste freie Zeit verbrachte er über seinen Hausaufgaben. Mit Erfolg. Er war auf dem Weg, drittbester seiner Jahrgangsstufe zu werden. Es hagelte plötzlich nur so gute Noten. Dagegen hatte seine Mutter natürlich nichts einzuwenden, aber sie fand, ihr Sohn müsse trotzdem mehr unter Leute gehen. Sie meldete Martin zu seinem 15. Geburtstag in einem Fitnessstudio an. Sie war der Meinung, dass dies nicht nur ein guter Ausgleich für die viele Schreibtischarbeit wäre, sondern auch seinen Hormonhaushalt regulieren würde. Das hatte sie zumindest irgendwo gelesen. Die ersten Male ging Martin mit Widerwillen zum Training, doch bald begann es ihm Spaß zu machen, und er verbrachte fast jeden Tag zwei Stunden dort.

Alles lief bestens. Frau Möller ließ ihn einigermaßen in Ruhe. Auch die Bruckners sah Martin lange Zeit nur noch von seinem Fenster aus, denn seine Mutter musste in diesem Monat nicht zur Fortbildung. Die Tage waren immer kürzer geworden und kühler. Und Martin hatte endlich mal das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

*

Dann kam das letzte November Wochenende. Seine Mutter musste wieder einmal zu einer Fortbildung. Martin fühlte sich inzwischen durchaus in der Lage, sich die zwei Tage selbstständig zu versorgen. Aber seine Mutter hatte Frau Bruckner gebeten, nach ihm zu sehen und ihm Abends etwas zu essen zuzubereiten. Martin protestierte. Es gab genug in der Tiefkühltruhe, und er bräuchte sich doch nur eine Pizza in den Ofen zu schieben.

Aber seine Mutter bestand darauf, dass Frau Bruckner nach ihm sah. Schließlich könnte er ja wieder mal auf den Kopf fallen und läge womöglich zwei Tage bewusstlos in der Wohnung ehe sie ihn fand. Frau Bruckner würde ja nur kurz hereinschauen, und dann hätte er wieder seine Ruhe.

Den ganzen Freitag nachmittag über wartete Martin. Er wußte, dass Frau Bruckner einen Schlüssel hatte und jederzeit in der Tür stehen konnte. Die Vorstellung war ihm unangenehm. Er hatte nicht direkt Angst vor Frau Bruckner. Nur die Begegnung mit ihr machte ihm Sorgen. Er wußte nicht, was er zu ihr sagen sollte. Seit dieser Geschichte damals hatten sie noch nicht wieder miteinander gesprochen. Martin hoffte, dass sie die Sache einfach vergessen hatte, und er auch nie wieder darüber sprechen müsste.

Frau Bruckner stand nicht plötzlich in der Tür. Sie klingelte. Martin überlegte, ob er einfach nicht öffnen sollte. Aber dann würde sie nur annehmen, dass ihm etwas fehlte und mit Recht ihren Schlüssel benutzen.

„Hallo Martin. Alles in Ordnung?“ Sie machte keine Anstalten, herein zu kommen.

„Ja bestens, danke.“

„Hier habe ich kaltes Huhn und Kartoffelsalat für dich.“ Sie reicht ihm zwei Tupperdosen.

„Wenn irgend etwas ist, weißt du ja, wo du dich melden kannst“, sagte sie freundlich. Sie drehte sich um und verschwand wieder. Martin hatte mit Vorwürfen, bestimmten Blicken oder sonst irgendwas gerechnet. Er war sicher, wenn er auf Frau Bruckner traf, müsste doch irgend etwas passieren. Zumindest hätte sie irgend etwas sagen müssen. Schließlich hatten sie …

Martin spürte einen gewaltigen Zorn in sich aufsteigen. Sie hatte sich verhalten, wie eine Frau, die nach dem Nachbarjungen schaute, dessen Mutter nicht zuhause war. Nichts ungewöhnliches war in ihrem Blick gewesen. Vielleicht strafte sie ihn mit Missachtung, weil er sich nicht genug um sie gekümmert hatte. Vielleicht war es so wie bei Franziska. Dazu hatte sie aber kein Recht.

Es war noch früh genug, um zum Training zu gehen. An den Gewichten konnte er seine Wut ein wenig auslassen. Aber es langte nicht. Bevor er sich hinlegte, schaute er hinüber zu den Bruckners. Dort brannte noch Licht. Am liebsten wäre er jetzt da rüber gegangen und hätte denen allen mal die Meinung gesagt. Es war noch recht früh am Abend, so etwa gegen elf, als Martin unten die Tür hörte. Er legte das Buch beiseite und stand auf, um nachzusehen. Womöglich war seine Mutter zurückgekommen. Aber es war nicht seine Mutter. Auf dem Flur stand ihm Frau Bruckner gegenüber. Zeit, ihr mal die Meinung zu sagen. Doch Martin brachte kein Wort heraus, er starrte sie nur wütend an, drehte sich auf Absatz um und zog sich in sein Bett zurück.

Frau Bruckner stand in der Tür.

„Ich wollte nur nachsehen, ob du auch wirklich zuhause bist. Es geht ja nicht, dass du womöglich nachts allein in der Gegend rumstreunst.“

Martin schwieg schmollend. Am liebsten hätte er sie angeschrieen.

„Tut mir leid, wenn dich das ärgert. Es ist meine Gewohnheit nachts zu sehen, ob die Kinder im Bett liegen.“

„Das ist es nicht“, sagte Martin und fand, dass das schon zu viel war. Er sollte gar nicht mit ihr sprechen. Nun kam sie näher setzte sich auf seine Bettkante und fragte: „Was ist denn?“

Martin schaute sie kurz und trotzig an. Er würde nicht mit ihr sprechen.

„Hast du irgendwelchen Kummer? Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Das Licht blendet!“ Martin zog kurz entschlossen an dem Schalter der Leselampe über seinem Bett. Jetzt war es im Zimmer halb dunkel und nur noch vom Flur drang ein Lichtschein durch die halb offene Tür. Gegen das Licht sah sie jetzt fast so aus wie in jener Nacht.

„Was ist bloß mit dir?“

Im Schutz der Dunkelheit streckte er seine Hand aus und berührte ihren Busen. Der Stoff war steif wie Pappe. Wahrscheinlich trug sie einen BH.

„Ach du meine Güte, das ist es also“, seufzte sie. „Ich dachte wir hätten uns darauf geeinigt, das ganz und gar zu vergessen?“

Martin brummte widerwillig. Sie schob seine Hand sanft beiseite.

„Hör zu. So geht das nicht. Das ist nicht richtig. Verstehst du das denn nicht? Du musst dir endlich mal ein hübsches Mädchen in deinem Alter suchen, dann hören deine Probleme ganz von selbst auf.“

Das war erstens etwas, was Martin nicht konnte, weil da Frau Möller war und zweitens war ihr Rat zur Besserung seiner Lage das genaue Gegenteil von dem, was Frau Bruckner von ihm erwartete. Martin wußte nicht, wer von beiden Recht hatte und im Moment war ihm das auch egal. Er legte seine Hand einfach wieder auf ihrer riesigen Brust ab.

„Das geht nun wirklich nicht“, sagte sie und ließ seine Hand, wo sie war. Dann beugte sie sich vor, küsste in wie seine Mutter auf die Stirn und erhob sich. Er hätte sie gerne festgehalten. Aber sie war schon fort.

Am Samstag Mittag klingelte es wieder und sie tauschte die alten Tupperdosen gegen eine neue mit Sauerkraut und Kassler ein. Diesmal war Martin nicht wütend. Er wußte, wie sie sich verhalten würde. Und er wußte, dass sie ihm nicht wirklich Vorwürfe machte. Als er an diesem Abend das Schloss hörte, blieb er liegen. Frau Bruckner öffnete kurz die Tür und schaute herein.

„Alles in Ordnung?“

„Ja“, sagte er.

Sie zögerte einen Augenblick. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, weil das Zimmer bereits dunkel war. Dann kam sie doch kurz an sein Bett. Als sie sich vorbeugte, um ihn auf die Stirn zu küssen und ihm eine gute Nacht zu wünschen, griff seine Hand wieder nach ihrer Brust. Sie blieb ein wenig länger über ihn gebeugt, als nötig gewesen wäre, dann küsste sie seine Stirn noch einmal und verschwand.

Martin fühlte sich erleichtert. Sie war schwach, das spürte er. Irgendwann würde sie wieder nachgeben. Zufrieden schlief er ein.

*

Die Erkenntnis, dass Frau Bruckner sich nicht ernsthaft gegen ihn wehren konnte, hatte auch ihre Schattenseiten. Frau Möller schien jede Veränderung an Martin geradewegs zu riechen. Gleich Montag quetschte sie ihn aus. Leugnen würde sich nicht lange lohnen und sie nur unnötig misstrauisch machen. Er beschloss ihr einfach einen Bären aufzubinden und behauptete, dass er das Gefühl hätte, dass Franziska ihn in letzter Zeit wieder so merkwürdig ansah. Aus dieser kleinen Lüge ergaben sich nicht zu erahnende Konsequenzen.

Zum einen leitete Frau Möller das Programm ‚Selbstdisziplin‘ ein. Was damit begann, dass sie am Dienstag, während er seine Hausaufgaben erledigte, sich unmittelbar vor seinem Schreibtisch postierte. So weit vorgebeugt, dass er nur dann umhinkam ihr in den Ausschnitt zu starren, wenn er sich aller strengstens auf sein Buch konzentrierte. Nicht, dass ihn Frau Möllers Ausschnitt irgendwie interessiert hätte, doch sein Blick schweifte ganz natürlich des öfteren dorthin, wo es tabu war. Jeder dieser Blicke wurde unverzüglich mit einem Schlag des Lineals beantwortet. Negative Reiz-Reaktions-Konditionierung zur Erhöhung des männlichen Konzentrationspotentials bei hormoneller Reizüberflutung nannte sie das. Martin musste sich das notieren und Wort für Wort auseinander dividieren, bis er begriff, dass es wirklich nichts anderes hieß als: „Guck mir auf die Titten und du kriegst ein paar geklatscht.“

Natürlich bestand der wesentliche Punkt in dem Training des erhöhten Konzentrationspotentials darin, dass die Reizüberflutung immer wieder gesteigert und die Konzentrationsfähigkeit dadurch nach und nach erhöht wurde. Folgerichtig war die zweite Lektion, es vollständig zu ignorieren, dass Frau Möller unmittelbar vor seinen Augen, ihre Hand in den Ausschnitt schob und an ihren Brustwarzen herum zupfte.

Die Schläge mit dem Lineal waren nicht besonders schmerzhaft, aber dafür um so lästiger. Meist war es der Schreck, wenn das Lineal aus heiterem Himmel auf seinen Arm krachte. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er schon wieder hingeguckt hatte. Aber genau darum sollte es ja gehen. Diese Rückenmark gesteuerte Ablenkung im Alltag. Martin begann die Sache allmählich mit einem gewissen Humor zu nehmen und verlor so die Angst vor Frau Möller. Er erkannte, dass das ganze eine Art Spiel war. Obwohl er auch zugeben musste, dass ihre Methode Erfolg hatte. Nach kurzer Zeit schaffte er es, so gut wie gar nicht mehr hin zu sehen, so sehr sie auch ihre Brüste vor seinen Augen hin und her schwenkte oder knetete.

Als besonders anstrengend entwickelte sich Lektion drei. Hier saß Frau Möller auf dem Pult vor ihm, ihr Rock erwies sich als praktisch kurz, und ihre Beine hingen viel zu weit auseinander vom Tisch herab. Martin hatte bestimmt an die zwanzig Schläge kassiert, bevor er mit absoluter Sicherheit festgestellt hatte, dass sie kein Höschen trug. Von da an wurde es kompliziert. Die Einsichten wurden immer offener, der Rock rutschte immer höher und Martin wurde immer unkonzentrierter.

Nach zwei Wochen reichte es Frau Möller. Sie baute sich vor ihm auf.

„Was glaubst du eigentlich, warum ich diesen Affenzirkus hier mache? Damit du meine Muschi bewundern kannst?“ fuhr sie ihn an.

Martin konnte es sich nicht verkneifen. „Ich weiß nicht“, antwortete er ehrlich.

Diesmal tat es weh. Sie hatte mit aller Wucht das Lineal auf ihn niedersausen lassen und dabei seinen Handknöchel getroffen. Martin sprang auf.

„Setz dich!“ schrie sie mit einem hysterischen Kicks in der Stimme und schlug gleich wieder mit dem Lineal auf ihn ein.

Martin setzte sich und hob schützend die Arme. Er hatte das Lineal zweimal ins Gesicht gekommen. Seine Wange war heiß und er wußte, dass man dort Striemen sehen konnte.

„Glaubst du, das hier ist ein Spiel? Meinst du, mir macht das Spaß?“

All das hätte Martin am liebsten bejaht, aber er fürchtete, dass sie dann durchdrehte.

„Es geht hier um deine Zukunft. Ausschließlich um deine Zukunft. Hast du das jetzt endlich verstanden? Du dummer Bengel?“ Ihre Stimme drohte ein Kreischen zu werden, aber sie überschlug sich nicht.

„Ja, Frau Möller.“

„Das hoffe ich!“ Mit zwei energischen Schritten war zurück an ihrem Pult. Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt und schien am ganzen Körper zu zittern. Dann warf sie den Kopf in Nacken und atmete tief ein und aus. Mit funkelnden, braunen Augen schaute sie ihn an. Sie schien sich wieder völlig beruhigt zu haben. Ihre Stimme war auf einmal ganz weich, geradezu herzlich.

„Du hast noch nie eine Muschi gesehen, nicht wahr?“

Außer auf Fotos stimmte das wohl, und Martin bejahte diese Frage mit halbwegs gutem Gewissen.

„Komm her!“ befahl sie und setzte sich wieder auf ihr Pult.

„Knie dich hin. Hier!“ Sie zeigte auf den Platz direkt vor ihr. Dann zog sie ihren Rock hoch, spreizte die Beine, so gut es auf dem Tisch ging und zeigte Martin alles. Natürlich benannte sie alle sichtbaren Teile wissenschaftlich exakt, zog ihre Schamlippen mit zwei Fingern auseinander. Sie wartete.

„Hast du genug gesehen?“

Martin nickte.

„Gut“, sagte sie. „Dann gibt es dort nichts Neues mehr für dich. Du musst also nicht mehr hingucken, richtig?“

„Richtig.“

„Also werden wir die Lektion durchziehen. Ab morgen erwarte ich deutlich bessere Resultate.“

„Jawohl, Frau Möller.“

„Du verlangst aber auch wirklich alles von einem Lehrer“, beschwerte sich Frau Möller vorwurfsvoll. „Glaub bloß nicht, dass ich das hier für jeden tun würde. Du bist bei weitem der anstrengendste Schüler, den ich je hatte. Das ist dir doch klar?!“

Es war Martin klar, dass dies alles ein Spiel war. Ein Spiel, in dem es nur eine einzige Regel gab, und die hieß Möller befiehlt. Es war völlig egal, was er tat, was geschehen würde, geschah. Völlig unabhängig von ihm. Daher gab es nur einen Weg da raus. Augen zu und durch.

„Ja.“

„In Ordnung. Ich bin jetzt reichlich erschöpft. Wir machen morgen weiter.“

Morgen, übermorgen und jeden verdammten Tag, dachte Martin resigniert.

Die zweite Folge der kleinen Lüge mit Franziska war, das eben jene Franziska nur zehn Tage nach dem Gespräch mit Frau Möller mit einer Tüte Gras in flagranti auf dem Mädchenklo erwischt wurde. Gewöhnlich kontrollierten die Lehrer die Schülertoiletten nach Schulschluss nicht mehr. Aber an diesem Tag hatte Frau Möller intuitiv eine Ausnahme gemacht. Franziska behauptete, dass es gar nicht ihr Gras gewesen sei, doch Frau Möller bestand darauf, dass sie die Tüte in der Hand gehalten hätte. Eigenwillig war auch, dass Frau Möller sich nicht mehr erinnern konnte, wer die anderen drei Mädchen waren, die fortgelaufen waren. Franziska jedenfalls hatte sie sich gegriffen. Franziska wurde nicht mal nach den anderen Mädchen befragt, sondern sofort von der Schule entfernt. Außer Martin ahnte niemand, wie es dazu gekommen war. Die Verantwortung für Franziskas Rausschmiss lastet einige Tage schwer auf ihm. Er war versucht, Franziska anzurufen und ihr die Sache zu erklären. Aber wie konnte er das tun, ohne alles zu verraten? Martin beschloss sich damit abzufinden, dass es nicht seine Schuld war, dass Franziska sich auf dem mit einem Joint erwischen ließ. Außerdem half ihm auch niemand, wenn er in der Scheiße saß. Martin nahm sich aber vor, in Zukunft weniger gefährlich zu lügen.

Um die Weihnachtszeit herum geschahen etliche merkwürdige Sachen. Zuerst setzte Frau Möller für drei Wochen den Nachhilfeunterricht ab. Also fast bis Mitte Januar. Das war ein echtes Gottesgeschenk. Dann traf Martin vier Tage vor Weihnachten Frau Bruckner in der Einkaufspassage. Er half ihr, die vielen Pakete nach Hause zu tragen. Geschenke für die Kinder und ihren Mann. Sie setzte einen Glühwein auf, denn es war verdammt kalt und feucht draußen geworden. Während sie das Getränk zubereitete, musste Martin sich alle Geschenke ansehen. Das meiste war ziemlicher Unsinn. Frau Bruckner hatte eine Vorliebe für Kitsch. Als letztes zeigte sie ihm, was sie sich selbst gekauft hatte. Ein paar rote Schuhe mit hohen Absätzen.

„Gefallen sie dir?“

„Nett!“ sagt Martin höflich. Für Schuhe interessierte er sich nun wirklich nicht. Wenngleich sie deutlich besser aussahen als die, die Frau Bruckner gewöhnlich trug. Sie waren irgendwie … schicker. Mehr so, wie die, die Frau Möller in ihrer Freizeit trug.

„Komm mit“, sagte sie plötzlich und tat sehr vertraulich.

Martin folgte ihr ins Schlafzimmer. Sie öffnete den Schrank und nahm ein weihnachtlich rotes Kleid aus dem Schrank. Martin korrigierte seinen Eindruck, es war etwas zum Unterziehen. Aber dabei mussten die weißen, bauschigen Ränder stören, denn die kitzelten bestimmt.

„Was ist das?“ fragte er.

Sie hielt es vor sich und strich es glatt.

„Eine Korsage. Eine Art Nikolaus-Korsage.“ Frau Bruckner kicherte wie die Mädchen in seiner Klasse, wenn sie sich über einen der Jungen lustig machten.
„Gefällt sie dir?“

Martin konnte sich das nicht gut vorstellen.

„Ich weiß nicht!“

„Sieht toll aus. Du müsstest sie mal angezogen sehen. Und dann mit den spitzen Schuhen. Das macht richtig was her“, freute sich Frau Bruckner.

Martin starrte Frau Bruckner, die immer noch albern kicherte, irritiert an. Warum erzählte sie ihm das alles?

„Damit werde ich meinen Mann überraschen. Später am heiligen Abend.“

„Ja“, sagte Martin fassungslos.

„Guck nicht so!“ forderte sie ihn in diesem eigenwilligen, mädchenhaften Tonfall auf und hängte die Korsage zurück in den Schrank. „Für dich habe ich auch was. Hier!“ Sie holte eine Geschenkschachtel aus dem Schrank hervor und drückte sie ihm in die Hand. Den schon fast wieder erkalteten Glühweinrest in der Küche ließ er stehen, denn drüben war schon Licht angegangen und seine Mutter musste zu Hause sein. Er verabschiedete sich von Frau Bruckner und wünschte ihr schon mal ein frohes Fest. Sie bedankte sich und hörte gar nicht mehr auf mit dem albernen Gekicher. Vielleicht hatte sie unterwegs schon den einen oder anderen Glühwein getrunken. Wegen der Kälte wahrscheinlich.

Martins Mutter hatte über Weihnachten frei, und sie verbrachten seit langem wieder einmal viel Zeit zusammen. Sie gingen über die Weihnachtsmärkte, kauften ein, spielten abends Gesellschaftsspiele. Es war eine ruhige Zeit und Martin vergaß beinahe seine Sorgen. Frau Möller war weit weg und Frau Bruckner zwar räumlich nicht ganz so weit, aber weit genug, um vollkommen auf das Weihnachtsfest mit seiner Mutter zu konzentrieren.

Die einzige Ausnahme bildete der heilige Abend. Aber das kannte Martin bereits. Es gab nur zwei Tage im Jahr, an denen seine Mutter mehr als ein Glas Wein pro Tag trank. Ihr Geburtstag und Heilig Abend. An diesen Tagen verschwand sie grundsätzlich vor zehn Uhr im Bett. Das waren auch die einzigen Tage, an denen sie nie ganz bei sich zu sein schien. Den ganzen Tag über war sie hochgradig sentimental, aber verzog sich, sobald sie merkte, dass es Martin zuviel wurde. So war es auch in diesem Jahr. Von einem Kirchgang hielten sie beide nicht viel. Sie hatten gut gegessen. Martin mochte keinen Karpfen, deswegen gab es Gans. Sie hatten eine kurze Bescherung hinter sich gebracht. Martins Mutter freute sich trotz des einfallslosen Parfums, dann öffnete sie die dritte Flasche Wein und erklärte Martin, wie sehr sie ihn lieben würde. Nicht lange später merkte sie, dass es zuviel wurde und stampfte um kurz nach neun kerzengerade, die Treppe hinauf ins Bett.

Martin räumte noch ein wenig auf, löschte überall das Licht und nahm seine neue Sony Playstation mit hinauf in sein Zimmer, um sie an seinem kleinen Fernseher auszuprobieren. Als erstes versuchte er ein Autorennspiel. Das war okay. Schwierig, aber lustig. Sein Blick fiel auf den Kasten im Regal. Da stand ja noch das Geschenk von Frau Bruckner. Er hatte es bisher nicht geöffnet, da er jede Art von Tinnef hasste.

Die Verpackung war ausgesprochen adrett. Er riss den Karton auf. Großartig: Das war es, was er wirklich immer schon gewollt hatte. Es war eine dieser albernen russischen Holzpuppen. Hohl, mit jeder Menge Kindern drin.

Martin hielt Ausschau nach einem geeigneten Platz. Dann stellte er sie ganz nach oben ins Regal und beschäftigte sich weiter an sein Autorennen. Auf dem obersten Regalbrett stand die Puppe reichlich allein und stach deshalb um so mehr ins Auge. Martin sah sich das eine Zeitlang an, dann wurde es ihm zu bunt und überlegte er, ob sie nicht weniger auffallen würde, wenn er ihre Geschwister in einer Reihe aufstellte. Versuch macht klug. Es waren sieben kleine Geschwister, die zum Vorschein kamen. Sieben kleine Geschwister und ein Zettel.

„Gutschein für etwas, das dir wirklich Spaß macht“, stand drauf. Immerhin hatte sie selbst eingesehen, dass sie einen gruseligen Geschmack hatte, dachte Martin belustigt.
Die Puppen in Reihe sahen immer noch störend aus, aber vielleicht gewöhnte er sich daran. Immerhin hatte er noch den Gutschein. Vielleicht gab es dafür ein weiteres Spiel für seine Playstation. Jedenfalls sollte Martin sich bedanken. Er schaute aus dem Fenster. Es war wahrscheinlich angezeigt, das erst morgen zu tun. Drüben sah es bereits ziemlich dunkel aus. Bei Doris brannte noch Licht. Vorne aus dem Arbeitszimmer drang ein schwacher Schein, sonst war die Bescherung wohl schon zu Ende. Ihm fiel ein, dass Frau Bruckner ihren Mann heute mit diesem Nikolausding überraschen wollte. Vielleicht war sie jetzt gerade bei ihm im Arbeitszimmer und … Etwas stach ihn bei diesem Gedanken. Von hier aus konnte er das nicht erkennen.

Martins Mutter schlief sicher schon. Sie würde es nicht merken, wenn er kurz hinausging und nachsah, ob Frau Bruckner bei ihrem Mann im Arbeitszimmer war. Leise schloss er die Tür und schlich hinüber in Bruckners Garten. Er wußte natürlich, dass es keineswegs in Ordnung war, nachts durch fremder Leute Fenster zu spähen. Seine Neugier war jedoch entschieden stärker als seine Bedenken. Im Arbeitszimmer saß Herr Bruckner einsam über ein Buch gebeugt und trank Bier. Bier am heiligen Abend war auch nicht die feine Art. Keine Spur von Frau Bruckner. Wo er schon mal hier war, konnte er auch gerade noch hinten gucken, ob sie in ihrem Zimmer war. Vorsichtig umrundete er das Haus. Kein Licht. Scheinbar war sie auch nicht da.

„Was tust du denn hier?“ hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.

Vor Schreck hätte er fast laut aufgeschrien.

„Ich … ich“, stotterte er, dann erkannte er Frau Bruckner in dem recht hellen Mondschein. Sie stand zwei Meter hinter ihm auf dem Rasen und hielt sich fröstelnd einen Mantel zu.

„Ich wollte mich nur für das Geschenk bedanken“, sagte Martin.

„Oh ja, das Geschenk“, sagte sie abwesend. „Gern geschehen.“

„Warum stehen Sie hier draußen in der Kälte?“ fragte Martin verwirrt, nachdem Frau Bruckner nichts weiter sagte.

„Oh, ich probiere nur meinen neuen Pelzmantel aus“, antwortete Frau Bruckner in dem gleichen abwesenden Tonfall.

„Aha“, sagte Martin verständnislos. Er konnte deutlich sehen, dass Frau Bruckner zitterte. Sie musste wohl schon eine ganze Weile hier draußen gestanden haben.

„Ist nicht warm genug, oder?“ fragte er, um irgend etwas sinnvolles zu sagen.

„Der Mantel? Doch, doch … es ist nur, … ich habe nicht viel darunter.“

Ihre Stimme zitterte. Wahrscheinlich vor Kälte. Er hatte diesen Ton schon manchmal bei seiner Mutter gehört. Als nächstes fing sie gewöhnlich an zu weinen. Er glaubte nicht ernstlich, dass jemand wie Frau Bruckner anfing zu weinen, aber dennoch erinnerte ihn ihre Stimme an so etwas.

„Wollten Sie nicht heute ihren Mann …?“ Martin brach mitten im Satz ab. Das war eine ganz schwachsinnige Frage, und das wurde ihm genau in diesem Moment klar.

„Jaa“, antwortete sie gedehnt. „Das wollte ich wohl. Aber: Ich fürchte, er hasst Weihnachtsmänner. Jedenfalls hat er so was gesagt.“

Martin musste lachen und tat es leise. Nicht leise genug.

„Was ist daran komisch?“

„Nichts.“

„Findest du auch, dass das albern aussieht?“ Martin sah zwar, dass sie den Mantel nach beiden Seiten aufgerissen hatte. Mehr konnte er jedoch bei diesem Licht nicht erkennen.
„Ich kann leider nicht viel sehen.“

Frau Bruckner lachte, und Martin war froh, dass die Gefahr der Tränen gebannt zu sein schien.

„Willst du das überhaupt sehen?“ Der Mantel war wieder zugefallen.

„Ja, natürlich“, sagte Martin ehrlich.

„Wirklich?“

„Ganz bestimmt.“

„Na, wenn du es sehen willst, brauchen wir wohl mehr Licht, was?“

„Ich hole eine Taschenlampe“, schlug er vor.

„Nein, nein. Komm mit!“ forderte ihn Frau Bruckner auf. Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging die kleine Betontreppe hinunter, durch die Hintertür in den Waschkeller.
„Warte hier, aber sei bloß leise“, zischte sich.

Kurz darauf kam Frau Bruckner zurück. Sie hatte aus dem Vorratskeller eine Kerze geholt, die sie entzündete und auf den Boden klebte. Es war ein unheimliches Licht, tiefe, flackernde Schatten.

„Also, du willst es sehen?“ fragte sie noch einmal.

Die Tür war zu. Sie waren allein. Und er hatte sonst nichts zu tun.

„Ja“, sagte Martin. Das ganze nahm die Gestalt einer zweiten Bescherung an.

Frau Bruckner schob die Mantelseiten auseinander. Es wurde Martin erst jetzt klar, was eine Korsage wirklich war. Auf den roten glänzenden Pumps flackerten die Lichtreflexe, und das einseitige Licht ließ die Konturen auf Frau Bruckners eigentlich rundlichem Körper scharf und kantig aussehen. Kein Zweifel, das Ding stand ihr gut.

„Und?“

Martin wußte gar nicht, was er sagen sollte.

„Vielleicht ist es so besser!“ Sie stellte ein Bein aus, ließ den Mantel über die Schultern gleiten und schob die Schulter ein wenig vor.

„Also, nach einem Weihnachtsmann sieht das mir nicht aus!“ sagte Martin, als er die Sprache wiedergefunden hatte. „Eher nach einem Weihnachtsbunny.“

„Aber du findest es nicht albern?“ fragte Frau Bruckner etwas unsicher.

„Absolut nicht.“ Martin kramte in seiner Tasche nach dem Zettel. Er ging die zwei Schritte auf Frau Bruckner zu und steckte ihn in den tiefen Spalt, den ihre Brüste in der Korsage schufen. Dann trat er wieder zurück. Frau Bruckner ließ den Mantel auf den Wäschehaufen hinter ihr gleiten und stand nur noch in der samtroten Korsage da. Sie zog den Zettel hervor und las ihn. Das war eigentlich überflüssig. Was da drauf stand, musste sie wissen. Schließlich hatte sie ihn selbst geschrieben. Sie überlegte kurz, dann lachte sie leise.

„Du bist verrückt.“

Martin zuckte nur die Schultern.

Frau Bruckner setzte sich wenig elegant auf den Mantel und lehnte sich zurück auf den Wäschestapel. Das Licht der Kerze fiel genau zwischen ihre Beine, wo nichts war, was den Unterschied zu Frau Möller verdeckte. Das sah ganz anders aus. Erstens schien es feucht zu sein, dann waren dort viele dicke Wülste, es hatte nichts filigranes, wie etwa von einem Schmetterling.

„Also gut“, sagte sie. „Dieses eine Mal noch. Aber das ist wirklich das letzte Mal, versprochen?“

„Versprochen“, behauptete Martin schnell.

„Ganz sicher?“

„Ganz sicher.“ Er hatte keinerlei Probleme mehr, einer Frau diesbezüglich etwas vorzumachen.

Frau Bruckner war eiskalt. Sie musste kurz vorm Erfrieren gewesen sein. Und es dauerte lange, bis sie wieder warm wurde. Alles war ganz anders als beim ersten Mal. Frau Bruckner hielt ihn wesentlich fester im Arm. Außerdem schien sie schlecht zu liegen. Einige Male versuchte sie sich unter ihm weg zu winden. Als er Platz machen wollte, damit sie sich richtig hinlegen konnte, sagte sie: „Schon gut, geht schon.“ Martin fand das alles wunderbar. Weich und geborgen. Er fragte sich, ob das mit allen Frau so war, oder nur mit Frau Bruckner. Früher oder später musste er das herausfinden, denn sie würde ihn das nicht ewig mit sich machen lassen.

Auf einmal drückte sie ihn von sich weg. Sie musste wohl falsch liegen, denn sie hatte wieder versucht, sich unter ihm weg zu winden. Martin wollte sich zurück ziehen. Aber sie presste ihn nur noch fester an sich. Irgendetwas war nicht in Ordnung, es war völlig anders als beim ersten mal. Sie drohte zu ersticken, ihre Augen verdrehten sich, sie lief in Sekundenschnelle rot an, und ihr Körper zuckte ein paar mal sehr heftig. Martin riss sich los und sprang auf. Er hockte sich aber sogleich wieder neben sie. Das Zittern ließ nach, ihre Beine machten noch einige langsame unkontrollierte Zuckungen, dann schnappte sie nach Luft.

„Alles in Ordnung? War ich zu schwer?“ fragte Martin verstört.

„Nein“, presste Frau Bruckner und schnappte noch einmal nach Luft.

„Sie ersticken doch nicht?“
„Nein wirklich, es ist alles in Ordnung. War nur die Kälte. Wahrscheinlich kriege ich eine Grippe mit Schüttelfrost.“

Frau Bruckners Gesichtsfarbe war wieder normal. Ihr Atem auch. Martin war beruhigt.

„Geh jetzt!“ sagte sie auf einmal.

Martin hatte wenig Lust zu gehen, er gerade erst angefangen und hätte gerne noch ein wenig weiter gemacht. Bis auf die kurze Attacke hatte es ihm eigentlich richtig Spaß gemacht. Natürlich nicht, wenn sie ihm dabei ersticken würde.

„Du musst jetzt sofort gehen!“ sagte sie nochmals eindringlich und schob ihn weg. Martin stand auf. Vielleicht war es besser so, wenn sie sich nicht wohl fühlte. Er ordnete seine Sachen. Ein bisschen enttäuscht war er aber schon, dass sie ihn einfach so wegschickte.

„Hier“, sagte Frau Bruckner und steckte ihm den Zettel wieder zu. „Damit komm wieder, wenn du etwas findest, was du wirklich haben möchtest. Ein Geschenk meine ich. Du weißt schon!“

„Danke“, sagte Martin und ging.

Als er wieder in seinem Zimmer war und nochmals aus dem Fenster blickte, sah er immer noch den flackernden Schein der Kerze in einem der Kellerfenster zu erkennen. Er hoffte nur, dass Frau Bruckner jetzt nicht tot im Keller lag. Das würde verheerende Fragen aufwerfen.

Kapitel 21 - Ende der Lektionen

Im Januar setzte Frau Möller ihre Lektionen dort fort, wo sie aufgehört hatte. Sie hätte ihm nicht erklären müssen, dass dies eine Korsage war, die sie trug, als sie ihm die Tür öffnete. Und dass sie aus Leder war erkannte er auch so. Sie lief damit vor ihm auf und ab. Das steckte er gut weg, weil sie seiner Meinung nach irgendwie nicht der Typ für eine Korsage war. Sie machten von da an schnelle Fortschritte. Martin lernt bald, sich voll auf seine Hausaufgaben zu konzentrieren, selbst wenn seine Lehrerin sich fast nackt vor ihm auf dem Pult räkelte, masturbierte und diverse erschreckende Laute von sich gab. Er kämpfte oft mehr gegen das Lachen, als gegen das Hingucken, an. Frau Möller fand er von Tag zu Tag lächerlicher. Was ihn weit mehr beschäftigte, war die Frage, wie das, was mit Frau Bruckner erlebt hatte, mit anderen Frauen sein würde.

Mitte Februar kam er auf eine Idee. Er fragte einfach Frau Möller. Natürlich nicht, wie es mit anderen Frauen sein würde. Sondern wie es generell mit einer Frau sein würde, und er gestand ihr, dass ihm diese Frage auf der Seele brannte. Die dusselige Kuh fühlte sich scheinbar geehrt durch sein Vertrauen. Jedenfalls nahm sie sich den ganzen Nachmittag Zeit, ausführlich darüber mit ihm zu sprechen. Sie schien von diesem Thema gar nicht wieder loszukommen. Martin erklärte ihr dann, dass er mit diesem ganzen Gerede nicht viel anfangen könne, weil er davon einfach nicht nachempfinden wie es nun wirklich sei. Außerdem fühlte er sich ständig versucht, es einfach mal auszuprobieren.

Er hatte schon geahnt, dass Frau Möller sich großzügig anbieten würde, ihm dabei behilflich zu sein. Nicht, dass er darauf besonderen Wert gelegt hätte, im Gegenteil. Er hatte sich das aus zwei Gründen überlegt. Erstens bekam er keinerlei Ärger, zumindest nicht mit Frau Möller. Zweitens war Frau Möller die einzige Frau, die er kannte, die er wirklich abgrundtief hasste, so dass keine Gefahr bestand, dass ihm die Beantwortung dieser Frage in irgendwelche Gewissenskonflikte stürzen könnte.

Die Spätfolgen dieser Idee erwiesen sich als erschreckend. Frau Möller zeigte ihm das zweite der drei Zimmer ihrer skurrilen Behausung. Das Schlafzimmer. Es war ganz in Rot lackiert. Ein schwarz bezogenes Bett stand in der Mitte und an einer Wand stand ein ebenfalls schwarz lackierter Schrank. Als Martin das Zimmer sah, wußte er bereits, dass er nicht mehr wollte, dass Frau Möller ihm irgendwelche Sachen beibrachte oder erklärte. Sie legte sich nicht wie erwartet aufs Bett. Nachdem sie Martin seiner Klamotten entledigt hatte, saß sie recht schnell auf ihm drauf und begann mit ziemlich hektischen Bewegungen auf ihm herum zu turnen. Sie bewegte sich viel zu schnell, zu kantig, zu hektisch. Sie war nicht wirklich feucht und weich. Überall stießen ihre Knochen an seinen Körper. Dann stieß sie gurgelnde Laute aus, so als wenn sie an einem verschluckten Hühnerknochen würgen würde. Zum Teil grunzte sie ihm direkt in sein Ohr. Viel zu laut. Und zu allem Überfluss kratzte und biss sie ihn ständig. Martin war eigentlich die ganze Zeit über nur damit beschäftigt sie abzuwehren und zu verhindern, dass sie an seinem Körper ernsthaften Schaden anrichtete. Sie biss ihn in die Schulter und in den Hals. Dann in die Wange. Das war eher schmerzhaft.

Als sie ihn endlich gehen ließ, hatte ein kein gutes Gefühl und war sich sicher, dass dies das absolut schlimmste Erlebnis auf Erden war. Nie wieder würde er mit dieser Frau Sex haben wollen. Aber das brauchte er ja wohl auch gar nicht.

Gut geirrt Löwe. Gleich am nächsten Tag erklärte ihm Frau Möller, dass sie jetzt, wo er ja von der Lust infiziert sei, selbstverständlich zu ihrer Verantwortung stehen und ihn täglich von dieser Last befreien würde. Das sagte sie, während sie vor ihm eine Gerte auf und ab wippen ließ. Ihre Bekleidung war exquisit, sie trug Lackstiefel bis weit hinauf zum Oberschenkel, mit Absätzen, auf denen man vermutlich nur unter Vollnarkose sicher laufen konnte. Dazu lange Handschuhe, ebenfalls Lack und eine Lack-Korsage, aus der die Brüste ausgeschnitten waren. Martin konnte nicht mehr umhin festzustellen, dass Frau Möller eindeutig geistesgestört war.

Das wurde Martin aber erst so richtig klar, als er arglos die Hand vorgestreckt hatte, wie sie es von ihm verlangt hatte. Er hatte automatisch mit einem Schlag mit der Gerte gerechnet. Für so etwas bestand zwar keinerlei Grund, aber gewöhnlich brauchte sie den auch nicht wirklich. Plötzlich sah sich jedoch an Handschellen gefesselt, die sich an einer langen Kette befanden. Frau Möller schleppte ihn daran in das letzte Zimmer, das er noch nicht gesehen. Es war eine Mischung aus Turnhalle und Folterkammer. Überall an der Wand hingen Werkzeuge, deren Funktion er nicht immer sofort ergründen konnte. Das war der richtige Moment, um in Panik zu geraten. Aber nicht, um an einem Herzinfarkt zu sterben. Martin schrie sie an: „Was soll denn das, sind Sie verrückt?“

Er war eigentlich nicht in der günstigsten Position, um sie zu verärgern. Mit den gefesselten Händen würde es ihm schwerfallen, einen Schlag abzuwehren. Aber der Schlag kam nicht.

Stattdessen führte sie ihn zu dem Turnbock in der Mitte des Raumes und riss seine Kette mit Schwung zur anderen Seite hinüber. Irgendwo unten hakte sie die Kette ein und Martin hing halb auf dem Bock. Einen Moment lang dachte er darüber nach, woher diese dürre Person solche Kraft hatte. Dann entschloss er sich lieber darüber nachzudenken, wie er Luft holen könne, mit der Kugel, die sie ihm in diesem Moment in den Mund geschoben und an seinem Hinterkopf festgebunden hatte.

Jetzt stand sie breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, vor ihm und wartete anscheinend darauf, dass er ihr seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Ein überraschender, harter Schlag mit der Gerte und Martin war hoch konzentriert.

„Also, … du hast dich entschlossen mir künftig zu dienen. Sehe ich das richtig?“

Ein kurzer trockner Schlag entlockte Martin ein verschwitztes Nicken.

„Und dafür erwartest du von mir, dass ich dir täglich deine Lust nehme, ja?“

Bevor sie ausholen konnte, hatte Martin genickt.

„Gut“, grunzte sie zufrieden. „Ich werde das tun. Aber selbstverständlich bin ich nicht irgendeine dahergelaufene Schlampe, das ist dir doch klar?“

Sie wartete Martins Nicken ab.

„Das weißt du? Gut! Dann ist dir auch klar, dass du mich schon wie einen Gott verehren musst, damit ich mich zu solchen Dingen herablasse!“

Martin weigerte sich über irgendwas nachzudenken, er nickte gnadenlos mit dem Kopf.

„Du verehrst mich wie einen Gott, ja!?“

Bestätigung. Jetzt wußte Martin, woran er war. Doris, nur zwanzig Jahre älter. Sie musste nur kriegen, was sie wollte, und sie ließ einen in Ruhe.

„Dann verstehe ich nicht, wie du es wagen konntest, jemals an eine andere Fotze zu denken“, schrie sie völlig hysterisch und schlug die Gerte hart gegen seinen Kopf. Sein Ohr brannte. Sie hatte es gestreift.

„Tu nicht so, als ob du von nichts weißt!“ Sie war dicht bei seinem Gesicht und drohte ihm mit dem Zeigefinger. „Ich meine diese Schlampe, Franziska.“

Es kam nur ein Murmeln, als Martin versuchte, trotz des Knebels zu sprechen.

„Tu das nie wieder. Nie, nie, wieder.“ Bei jedem ‚nie‘, spürte er die Gerte auf seinem Rücken.

Sie baute sich wieder vor ihm auf, griff sich in den Schritt und öffnete eine Art Lasche. „Sieh hier her. Ist das dein Gott?“

Die Gerte knallte, obwohl er prompt genickt hat.

„Hier. Das ist dein Gott?“

Martin ersparte sich das Nicken, denn er wußte, es war egal. Die Schläge kamen kurz auf einander.

Dann ließ sie nach und drehte sich von ihm ab. Wieder bebte ihr ganzer Körper. Es war geschafft, dachte Martin.

Sie löste die Kette von dem Bock und nahm seinen Knebel aus dem Mund. Das würde er ganz sicher nicht noch einmal mitmachen. Morgen würde er nicht kommen, egal was geschah. Scheiß auf das Abitur! Verraten konnte sie ihn nicht, höchstens von der Schule feuern. Das war alles, was sie konnte. Martin wartete vergeblich darauf, dass sie seine Handschellen öffnete. Frau Möller wirkte erschöpft. Sie griff nach der Kette und zog ihn hinüber ins Schlafzimmer.

„Du machst es einem wirklich schwer“, sagte sie vorwurfsvoll.

Sie schubste Martin aufs Bett und befestigte die Ketten an den Haken an der Wand. Die hatte Martin gestern gar nicht bemerkt. Dann ging sie ans Fußende und zog an seinen Beinen, bis er ganz ausgestreckt dalag. Unter dem Bett mussten zwei Riemen gelegen haben, denn seine Füße waren plötzlich ebenfalls fixiert. Sie machte all das mit einer Routine, die schon an Langeweile grenzte. Nachdem sie seine Hose herunter gezogen hatte, zündete sie sich eine Zigarette, und pflanzte sich auf sein Glied. Martin hatte gar nicht gemerkt, dass er überhaupt eine Erektion hatte. Sie bewegte sich gelangweilt auf und ab, mit einem Arm unter der Brust den anderen, der die Zigarette hielt, stützend. Martin war fassungslos. Was sollte das? Jeden 13. Hüpfer zog sie an der Zigarette. Das mitzählen, war das Interessanteste an dieser Art von Sex, stellte Martin fest. Sie selbst starrte abwesend in die Ferne. Das Ganze schien sie nicht viel anzugehen.

Plötzlich sah sie ihn an. „Wenn du nicht kommst, bevor die Zigarette zu Ende ist, muss ich sie leider auf deiner Brust ausdrücken. Von hier aus komme ich nicht zum Aschenbecher.“ Diese Ankündigung brachte Martin schlagartig ins Schwitzen. Keine Panik. Denk nach. Wie sollte er das herbeizaubern? Das kam, wenn es kam. Vielleicht, wenn er an irgend etwas bestimmtes dachte, so wie beim Onanieren. Aber Martin wollte ja gar nicht, dass es kam. Die Zigarette war bedrohlich dicht am Filter. Panik überflutete seine Hoden. Alles da unten zog sich vor Angst zusammen. Das war’s: Angst. Und er hatte Angst.

„Fertig!“ rief er schnell.

„Was? Davon hab ich aber nicht viel gemerkt.“

Martin sagte nichts, sondern beobachtete nur die Zigarette.

Sie stieg leicht von ihm herunter. Sein Schwanz war schon halb in sich zusammengesunken. Frau Möller legte die Zigarette im Aschenbecher auf dem Nachttisch ab. Und befühlte sich zwischen den Beinen.

„Viel rausgekommen ist da aber nicht. Hast du vorher masturbiert?“

„Ja“, nahm Martin die Chance dieser Ausrede sofort dankbar auf.

„Das machst du nicht wieder, ist das klar? Du onanierst überhaupt nicht mehr, jedenfalls nicht ohne meine Erlaubnis. Und außerdem zeigst du mir das nächste Mal, wie sehr du es genießt. Haben wir uns verstanden?“

„Ja, Frau Möller.“ Martin bekam Oberwasser, sie war nicht wirklich aggressiv, das machte ihm Hoffnung.

„Gut, wir werden ja sehen. Aber sauberlecken musst du das noch. Auch, wenn es nicht viel ist.“

„Was?“

„Du glaubst ja wohl nicht, dass ich mit deinem Zeug in mir durch die Gegend laufe, oder?“

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern kletterte umständlich wieder über das Bett und setzte sich gleich auf sein Gesicht. Martin versuchte den Kopf wegzudrehen. Aber sie hielt ihn wenig sanft fest.

„Die Zunge, aber hurtig!“

Den säuerlichen Geschmack spürte Martin noch im Aufzug auf der Zunge. Er würde morgen nicht wiederkommen. Das war sicher. In der Tiefgarage angekommen war er sich da schon nicht mehr ganz so sicher. Er musste an seine Mutter denken. Er war in einer scheiß Lage. Dass er sich übergeben musste, hatte er gar nicht gemerkt. Es kam so plötzlich. Er landete auf allen Vieren zwischen zwei Autos und erbrach drei kräftige Schwälle. So ging es nicht. So ging es wirklich nicht. Früher oder später würde sie die Zigarette auf ihm ausdrücken. Wer weiß, was sie noch alles mit ihm anstellen würde. Er hatte sich gerade mit dem Ärmel den Mund gesäubert, da kam doch noch ein kleiner Schwall. Eigentlich eher ein trockenes Würgen.

Frau Möller war geistesgestört. Das stand außer Frage. So ging es einfach nicht. Er konnte morgen nicht wieder herkommen. Sie ließ ihm keine Wahl. Schon gar nicht würde er sein Ding wieder in sie hineinstecken, oder … Er hielt den Gedanken an den säuerlichen Geschmack zurück. Seine Hand suchte nach verräterischen Bröckchen in seinem Gesicht. Am Ohr fand er eine kleine Verkrustung. Er kratzte sie ab. Griff wieder hin und stellte fest, dass es Blut war. Das war kein Spiel mehr. Sie hatte ihn ernsthaft verwundet. Es blutete wirklich nicht stark, aber Martin starrte die Hand an, als wenn er es nicht glauben könnte.

Dann ging er zurück.

„Ich habe ein Heft vergessen“, sagte er, als sie die Tür öffnete und ging an ihr vorbei.

„Unsinn“, rief sie, nachdem sie die Tür geschlossen hatte. „Du hast die Hefte nicht mal ausgepackt heute.“

„Richtig“, sagte er ohne jede Erregung in der Stimme. Er war ganz ruhig und wußte eigentlich auch nicht genau, warum er noch mal zurückgekommen war.

„Du kriegst nicht genug von mir, nicht wahr?“ Sie stöckelte auf den hohen Schuhen auf ihn zu.

„Du bist geil auf mich! Ich bin das geilste was dir je begegnet ist, nicht wahr? Aber leider erwarte ich einen Freund und du musst jetzt sofort wieder gehen. Schade, nicht wahr?“

Martin war zwei Schritte zurückgewichen, nicht aus Angst. Er hatte keine. Er brauchte Zeit, um zu überlegen, warum er eigentlich gekommen war.

„Oh, Gott ich seh es dir an, was du jetzt fühlst. Los sag es. Sag, dass ich bin deine Erlösung! Sag es!“

In Wirklichkeit fühlte Martin gar nichts. Er war nicht geil, nicht ängstlich, nicht wütend, einfach nichts. Nur leer.

Ein Schritt trennte die beiden noch. Martin holte nicht groß aus, seine Faust traf ihren Wangenknochen. Der Hieb war trocken, ohne jede Emotion. Vielleicht hatte Martin erwartet, dass sie zu Boden ging, aber das tat sie nicht. Martin griff ihr in den Nacken, dann zerrte er sie in ihre Folterkammer. Er verstand gar nicht, wieso sie ihm vorhin so kräftig vorgekommen war. Sie war ein kleines, schwaches, aber sehr, sehr böses Mädchen. Frau Möller versuchte sich zu wehren, aber seine Hand schloss eisern um ihren Hals und presste sie gegen sie Wand. Er nahm zwei Handfesseln von dem Diagonalkreuz an der Wand und ließ sie um ihre Handgelenke schnappen. Dann ließ er sie los.

Sie zog eine höhnische Fratze und schien keinerlei Angst zu haben.

„Jaah, so ist es gut. Der Kleine hat Blut geleckt. Willst es mir jetzt ordentlich besorgen.“ Sie lachte grell und hysterisch. „Dafür habe ich immer Zeit. Du hast Talent. Du wirst noch mal mein bestes Stück.“

Martin sagte nichts, sondern sah sich um. Er wußte nicht, wonach er suchte, aber fand es.

„Na, was kommt jetzt? Was hast du mir zu bieten?“

„Nichts.“

„Neeein, das stimmt nicht. Komm sag es mir.“

Ihr Stimme klang nach einer Mischung aus blankem Haß und Heulen. Martin nahm ein 80 mal 80cm großes Gummituch von der Wand und einen kleinen Strick.
„Sie haben wahrscheinlich mein Leben ruiniert“, sagte er mit gedämpfter Stimme, und es klang nicht einmal vorwurfsvoll. „Aber ihr Leben ist hier zu Ende! Jetzt!“

„Oh, diese sachliche Tour erregt mich! Das machst du guuut“, jaulte sie wie eine läufige Katze. Frau Möller zog nicht einmal den Kopf weg, als er das Tuch darum spannte und es mit dem Strick dicht um ihren Hals verschloss.

Ihr Atem wurde sofort flach, das Gummi blähte sich auf und zog sich wieder zusammen. Martin hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde. Er musste es sich auch nicht ansehen. Das bereitete ihm keine Freude. Er machte sich mit einem Lappen daran, seine Fingerabdrücke zu entfernen. Zumindest von den Orten, wo er sicher war, dass er welche hinterlassen hatte. Als wieder hinsah, hatte sich unter ihr eine Pfütze gebildet. Er dachte sie wäre tot, aber dann bewegte sich das Gummi noch einmal, blähte sich auf und sackte wieder zusammen. Martin ging in den anderen Raum und dachte auch an die Klingel. Er hatte keine große Hoffnung, dass er davon kam, deswegen gab er sich keine allzu große Mühe. Es war nur, um es ihnen möglichst schwer zu machen.

Bevor er ging warf er noch einen letzten Blick auf sie. Sicherlich war sie jetzt tot. Der Körper hing schlaff in den Seilen, unter dem Gummi bewegte sich nichts mehr, und die Pfütze hatte bedenkliche Ausmaße angenommen. Er überlegte, ob er sie lieber wegwischen sollte, aber dann entschied er sich alles so zu lassen wie es war.

Als er die Tiefgarage erreichte, war er froh, dass sie es war, die dafür gesorgt hatte, dass er niemals mit Frau Möller in Verbindung gebracht werden konnte. Noch verspürte er nichts als diese nüchterne Leere in sich. Das war keine Rache, für das, was sie ihm angetan hatte. Im Augenblick war er weder wütend, noch unzurechnungsfähig. Wenngleich das in seiner Lage sicher von Vorteil gewesen wäre. Es war eine kühl kalkulierte Notwehr. Sie hatte ihm einfach keine Wahl gelassen. Ihr Tod war sein einziger Ausweg. Wenn man ihn jetzt erwischte, war sein Leben ruiniert. Aber das wäre es auch gewesen, wenn er Frau Möller so hätte weiter machen lassen. Wahrscheinlich würde er noch nicht einmal für besonders lange ins Gefängnis gehen. Wenn alles herauskäme und sie, … Egal, sie würde ihn nie wieder belästigen. Nein, so war es besser. Vorbestraft und ohne Schulabschluss, okay. Aber Frau Möller würde keine Freude mehr daran haben.

Erst, als er zu Hause war, löste sich allmählich die schützende Apathie. Langsam wurde ihm klar, dass er ein Mörder war. Dann sah er die Schulhefte auf dem Tisch. Überall waren ihre Korrekturen eingetragen. Eine verräterische Spur. Er nahm alle Hefte, die er finden konnte und schleppte sie hinaus in den Garten. Es blieb noch genug Zeit, bis seine Mutter heimkommen würde. Mit kleinen Ästen entzündete er ein Feuer und begann die Hefte sorgfältig zu verbrennen.

„Was tust du da?“ fragte Frau Bruckner über die hüfthohe Hecke hinweg, die die beiden Gärten trennte.

„Ich?“ Martin dämpfte den Anflug von Panik. „Ich wollte mir ein paar Kartoffeln rösten.“

„Im Winter?“

„Ich hatte da plötzlich Hunger drauf.“

„Warum nimmst du denn die alten Schulhefte dafür, die qualmen so und stinken nach Plastik. Der Dreck zieht hier rüber in meine frische Wäsche.“

„Ich bin gleich fertig“, sagte Martin mit ungewöhnlich gelassener Stimme, die Frau Bruckner zu beeindrucken schien.

Sie warf noch einen Blick auf Schulhefte und sagte: „Ist ja nicht so schlimm. Ich nehme nur schnell die Wäsche runter.“

„Frauen!“, dachte Martin halblaut. Niemals wieder würde er sich mit einem dieser Biester einlassen. Sie waren allesamt verrückt.

Dann begann das große Warten. Martin rechnete jederzeit mit dem Eintreffen der Polizei. Die ganze Nacht über schlief er schlecht. Dabei hatte er kein schlechtes Gewissen. Was ihn zermürbte, war einzig und allein das Warten. Doch das Warten hatte einen langen Atem. Frau Möller fehlte am nächsten Tag in der Schule. Das war so selten, dass man sich sofort nach ihrem Befinden erkundigte. Leider traf man sie zu Hause nicht an. Sie ging auch nicht ans Telefon. Und nur Martin wußte, warum nicht. Jedenfalls musste eine Vertretung für Frau Möller einspringen.

Auch am nächsten Tag war eine Vertretung nötig. Frau Möller blieb unauffindbar. Martin war fast erleichtert, als er hörte, dass man ihre Wohnung aufgebrochen hatte. Seine Erleichterung war dahin, als er hörte, dass sie trotzdem spurlos verschwunden blieb. Waren diese Leute blind? Martin sah das Bild vor sich, Frau Möller in Ketten mit dem schwarzen Latextuch über dem Kopf. Das konnte man doch nicht übersehen. Vielleicht war sie noch am Leben gewesen, vielleicht war er zu früh gegangen, und jemand hatte sie befreit. Womöglich war sie gerade im Moment auf der Suche nach ihm, um sich zu rächen.

Das Rätsel löste sich schnell, als er mitbekam, dass die Polizei in einer völlig anderen Wohnung gesucht hatte. Frau Möller wohnte in Wirklichkeit in der Vogelsiedlung, ganz in der Nähe von Dr. Wiemann, dem Erdkundelehrer. Eine Wohnung in der zweitbesten Lage der Stadt. Wirklich ruhige und friedliche Gegend. Von der zweiten Wohnung im Neubauviertel wußte womöglich nur er etwas. Martin dachte daran, der Polizei einen anonymen Hinweis zu geben, damit sie endlich gefunden wurde. Aber das würde sie nur um so eher auf seine Spur zu bringen.

Das Warten andererseits zerrte gewaltig an seinen Nerven. Er zwang sich cool zu bleiben und wartete noch fünf Wochen ab. Er verließ sein Zimmer nicht einmal zum Training, ließ seine Schularbeiten sein, saß einfach nur da und wartete auf die Polizei. Ein Zufall brachte die Polizei endlich auf die richtige Spur. Einer der Anwohner der Hochhaussiedlung hatte sich tatsächlich wegen des aufdringlichen Gestankes aus der Nachbarwohnung beschwert. Keiner der Anwohner konnte sagen, wer dort überhaupt wohnte, also brach die Feuerwehr die Tür auf. Sie fanden die bereits leicht verweste Leiche von Frau Möller.

Als Martin davon erfuhr, fühlte er sich endlich befreit. Jetzt ging alles seinen Gang. Er rechnete damit, dass es bei der Blödheit der Polizei wohl noch zwei oder drei Tage dauern würde, bis sie ihn verhafteten. Diese Tage wollte er ausgiebig nutzen. Aber er hatte sich geirrt. Wieder wartete er vergeblich. In der Zeitung musste er lesen, was geschehen war: „Ein trauriger Unfall. Das perverse Doppelleben einer stellvertretenden Schuldirektorin.“ Der Fall wurde tagelang auf Seite eins ausgeschlachtet. Es war eine der größten Sensationen, die diese Stadt je erlebt hatte. „In ihrer Freizeit ging die Lehrerin E.M. zum Nebenverdienst dem ältesten Gewerbe der Welt nach.“ Wer E.M. war, wußte nun wirklich jeder, es wirkte ziemlich albern, nur die Initialen zu verwenden.

In aller Kürze gesagt schloss die Polizei nach nur 8 Tagen ihre Untersuchung mit folgendem Ergebnis ab: Frau Möllers Tod war ein Unfall, der durch eine falsche Handhabung ihrer perversen Spielsachen eingetreten war. Man ging davon aus, dass ein Freier nicht rechtzeitig das Seil wieder löste und Frau Möller in Folge dessen, sozusagen beim Spielen, erstickte. Die Polizei folgerte das daraus, dass keine nennenswerte, oder im Rahmen ihres Gewerbes übliche, Gegenwehr erfolgt sei. Blaue Flecken seien bei dieser Spielart perverser Sexpraktiken durchaus üblich. Da man also davon ausgehen musste, dass die Drosselung der Luftzufuhr, durchaus im Einverständnis mit Frau Möller geschehen war, handelte es sich bei ihrem Tod bestenfalls um fahrlässige Tötung. Und das auch nur, weil ja das völlige Fernbleiben von Sauerstoff sicherlich nicht mit dem Einvernehmen des Opfers erfolgte.

Martin konnte das alles kaum fassen. Zumal die Berichte in der Zeitung detaillierter über jeden ihrer perversen Einrichtungsgegenstände berichtete, als es ‚Schöner Wohnen‘, je fertig gebracht hätte.

Was nun den Freier anging, mit dem sie zuletzt Kontakt hat, ging die Polizei davon aus, dass man ihn wohl kaum ermitteln könne, wenn er sich nicht freiwillig stellte. Die Wohnung war übersät mit Fingerabdrücken, Blutspuren und Resten anderer Körperausscheidungen. Allein auf dem Klingelknopf hatte die Polizei über dreißig Fingerabdrücke gefunden, von denen aber kaum einer vollständig erhalten war. Nur der des Hausmeisters war noch klar zu erkennen, aber der hatte ja nur mal nach dem Rechten sehen wollen. Angesichts der Vielzahl von Spuren und der Tatsache, dass der Tod von Frau Möller auch schon fünf Wochen her war, sah die Polizei keine andere Möglichkeit, als den Fall abzuschließen. Tod in Folge eines Unfalls.

Martin beschäftigte sich drei Tage lang mit nichts anderem als den Zeitungsartikeln. Er las sie immer und immer wieder. Er versuchte herauszufinden, ob dort nicht doch irgendwo ein Haken war, aber er fand keinen. Er war frei. Selbst, wenn sie den Fall später noch einmal aufnahmen, und danach sah es keinesfalls aus, wurden die Chancen ihn zu fassen mit jedem Tag geringer. Er nahm die Zeitungen, trug sie hinaus in den Garten und verbrannte sie, wie damals seine Hefte. Er sah dem März voller Freude entgegen. Frei, endlich wieder ein freier Mensch.

Kapitel 22 - Wohin mit der Freiheit?

Martins neue Freiheit schloss auch die Möglichkeit mit ein, sich wieder nach Mädchen umsehen zu können. Nach den letzten Erfahrungen, die er gemacht hatte, verspürte er jedoch keine große Lust dazu. Lieber nahm er sein unterbrochenes Training wieder auf und stellte fest, dass er in kürzester Zeit erstaunliche Muskelzuwächse verzeichnen konnte. In der Schule blieb er ebenfalls erfolgreich. Seine Mutter betrachtete ihn bald nicht mehr als Kind, und wenn sie zur Schulung fuhr, musste Frau Bruckner nicht mehr nach ihm sehen. Obwohl er da gar nichts gegen gehabt hätte. Außer seiner Mutter war Frau Bruckner die einzige Frau, der er vertraute. Und zur Zeit hatte er nicht viel Kontakt zu anderen Menschen. Er dachte oft über Frau Bruckner nach, aber er hatte ihr nichts vorzuwerfen. Manchmal, wenn er sie von seinem Fenster aus sah, verspürte er große Lust sie zu besuchen oder sich mit ihr zu unterhalten. Trotzdem vermied er für lange Zeit jeden Kontakt. Im Moment konnten ihm alle Frauen gefährlich werden. Lebensgefährlich sogar, das hatte er am eigenen Leib erfahren.

Seit dem Februar hatte sich nicht nur Martin verändert, auch mit seiner Mutter schien etwas vorgegangen zu sein. Er bemerkte es erstmals, als ihr Geburtstag nahte, und sie sich nicht wie sonst üblich kurz vorher begann, warm zu trinken. Nicht einmal an ihrem Geburtstag trank sie übermäßig viel. In diesem Jahr gab es auch keine sentimentalen Gefühlsausbrüche. Vielleicht lag das daran, dass sie beruflich in letzter Zeit mehr Erfolg zu haben schien.

Martins Mutter musste zwar öfters Überstunden machen und kam immer öfter immer später nach Hause, aber das schien ihr nichts auszumachen. Im Gegenteil. Es hatte den Anschein, als machte es ihr richtig Spaß. Sie war ausgeglichen und fröhlich wie nie zuvor. Bedeutungslos flog das Jahr dahin. Alle waren mehr oder weniger zufrieden und kümmerten sich um ihren eigenen Kram. Für Martin hieß es mit Eintritt in die zwölfte Klasse endgültig Abschied zu nehmen von seiner Kindheit. Man behandelte ihn nun wie einen fast Erwachsenen. Von Frau Möller hatte Martin nie wieder etwas gehört. Erst an einem Märzabend des folgenden Jahres, tauchte das Schreckgespenst Möller noch einmal auf. Martin mähte draußen den Rasen. Drüben in ihrem Garten hängte Frau Bruckner wieder mal ihre Wäsche auf. Sie winkte herüber und rief: „Gott, du bist ein richtiger, kräftiger junger Mann geworden.“

Martin lachte und schob mit bloßem Oberkörper den Rasenmäher holpernd über das Gras. Frau Bruckner kam mit ihrer Wäsche auf dem Arm an den Zaun heran.

„Schlimme Sache mit dieser Lehrerin damals, nicht? Du hast doch auch bei ihr Unterricht gehabt?“ fragte sie beiläufig.

„Ja sicher“, antwortete Martin höchst alarmiert.

„Muss eine furchtbare Frau gewesen sein.“

„Allerdings“, brummte Martin fast gleichgültig.

„Du hast sie auch nicht besonders gemocht, oder?“

Martin hielt ihrem forschenden Blick stand. Sie schien etwas zu vermuten.

„Ich habe sie gehasst“, sagte er, ohne ihrem Blick auszuweichen.

„Das hat Werner auch gesagt.“ Sie warf einen kurzen Blick auf die verkohlte Stelle, wo Martin damals die Hefte und Zeitungen verbrannt hatte. Der Rasen hatte sich fast vollständig erholt, es war kaum noch etwas davon zu sehen. Eine braune Stelle, wo das Gras etwas weniger dicht wuchs, als auf dem Rest des Rasens.

„Friede ihrer Asche“, sagte sie mit einem ungewohnt zynischen Tonfall. Jetzt war Martin ganz sicher. Frau Bruckner wußte oder ahnte zumindest, dass er etwas mit Frau Möllers Tod zu tun hatte. Es war ihm egal, was sie wußte, die entscheidende Frage war: Was wollte sie von ihm? Er den Blick fest auf ihre Augen gerichtet. So starrten sie sich viel länger wortlos an, als es unter Nachbarn normal gewesen wäre.

„Ich denke, sie hat diesen grässlichen Tod verdient“, sagte Frau Bruckner in das leise Tuckern des Rasenmähers. „Bestimmt hat sie eine Menge Leute gequält. Und irgendwann hat sie wohl mal einen zu viel gequält.“

„Oder zu lange“, fügte Martin hinzu und wartete gespannt auf ihre Reaktion.

„Ja, wenn man jemanden zu lange quält, kann selbst die Liebe schon mal in Hass umschlagen.“

Martin war sich nicht sicher, was sie meinte. Aber das schien jetzt eigentlich nichts mit ihm zu tun zu haben. Er spürte deutlich, dass keinerlei Gefahr von ihr ausging. Da fand sich kein Anzeichen einer versteckten Drohung, obwohl sie mit Sicherheit genug wußte, um ihn Schwierigkeiten zu bringen. Er hatte keine Ahnung woher, aber sie wußte es einfach.

„Es war ein Unfall“, behauptete Martin, als ob er sich rechtfertigen müsste.

Frau Bruckner lächelte ihn an, als wenn sie sagen wollte: „Das kannst du dem Weihnachtsmann erzählen.“ Martin musste bei diesem Gedanken ebenfalls lächeln und kurz an ihr Weihnachtskostüm vom letzten Jahr.

„Sicher, es war ein Unfall, aber er war wohl auch irgendwie zwangsläufig“, behauptete Frau Bruckner.

„Wenn es jemand mit Absicht getan hätte, wenn jemand sie ermordet hätte, würden Sie jetzt aber bestimmt nicht so reden.“ Martin konnte sich hier um Kopf und Kragen reden. Das wußte er. Eigentlich sollte er diese Thema besser meiden. Er sollte einfach gar nichts dazu sagen. Das wäre wohl am besten.

„Wenn es jemand mit Absicht getan hätte, dann hätte er das bestimmt zu Recht getan. Wahrscheinlich würde ich ihn sogar noch dazu beglückwünschen, dass er den Mut dazu aufgebracht hat.“

„Würden Sie ihn auch beschützen, wenn es ihm an den Kragen ginge?“

Frau Bruckner lächelte wieder tiefsinnig. Was auch immer sie bislang gewusst hatte, jetzt musste sie allmählich alles wissen. Martin fragte sich, welcher Teufel ihn geritten hatte, solch einen Unsinn zu reden.

„Ich würde dich beschützen, wie mein eigenes Kind“, war ihre Antwort und Martin glaubte ihr das aufs Wort. Es war das einzige Mal, dass sie ihn direkt mit Frau Möllers Tod in Zusammenhang brachte. Er schwieg abwartend.

„Nur gut, dass wir mit solchen schrecklichen Dingen nichts zu schaffen haben“, sagte Frau Bruckner dann. „Viel Spaß noch!“ Sie lächelte freundlich und zog mit ihrer Wäsche wieder ab. Martin sah ihr nach, bevor er den Rasen zu ende mähte. So ganz schlau wurde aus dieser Frau wohl nie.

In diesem März war es schon recht warm. Die Chancen standen gut, dass es ein langer, schöner Sommer würde. Martin saß am Fenster seines Zimmers und lauschte dem Gezwitscher der Rauchschwalben, die ein Nest unter den Dachbalken nicht weit von Martins Fenster gebaut hatten. Er schaute von dem Physikbuch auf indem er unkonzentriert gelesen hatte und beobachtete, wie Frau Bruckner drüben wieder einmal Wäsche aufhängte. Die hatte einen Waschfimmel, überlegte Martin. Jeden zweiten Tag wusch irgend etwas. Sein Verhältnis zu Frau Bruckner war irgendwie seltsam. Martin fand sie zu alt und zu dick. Außerdem zog sie sich geschmacklos an. Wie eine alte Frau eben. Sie war nett okay, aber wie hatte er bloß mit ihr … Sie trug schon wieder einen dieser geblümten Plastikkittel, die sie immer bei Hausarbeit trug. Wie gesagt, sie war nett, Martin vertraute ihr und sie tat fast alles für ihn. Nein, hässlich war sie wirklich nicht. Normal eben. Einfach normal. Nichts was einen Jungen in Martins Alter irgendwie reizen sollte. Aber irgend etwas war da. Er konnte es sich nur nicht wirklich erklären. Sie watschelte mit dem Korb um die Wäschespinne herum und hängte sorgfältig ein Teil neben das andere und strich es glatt. Martin sah zu und schwoll gleich wieder an. Er musste grinsen. Onanieren war auch nicht die letzte Weisheit. Er sah, wie sie das letzte Stück aufhängte, einen ihrer gigantischen BHs, dann reichte es ihm. Er stieg von der Fensterbank hinunter und ging hinaus in den Garten.

Frau Bruckner war schon wieder im Haus. Martin sprang über die kleine Hecke und schlich unter den Fenstern entlang zum Kellereingang. Frau Bruckner lud gerade die nächste Maschine Wäsche voll. Sie hatte ihn nicht kommen gehört. Als sie sich umdrehte und ihn in der Tür stehen sah, zuckte sie erschreckt zurück. Aber als sie erkannte wer es war entspannte sie sich sofort wieder. Er sah sie nur schweigend an. Sie sagte auch nichts, nicht einmal „Hallo“. Vielleicht lag es an seinem starren Blick oder vielleicht an der sichtbaren Schwellung in seiner Hose. Frau Bruckner schien ziemlich genau zu wissen, warum er hier plötzlich in ihrer Kellertür aufgetaucht war.

„Ich hab jetzt keine Zeit lange zu mit dir diskutieren. Geh nach Hause oder mach die Tür zu! Wie du willst“, sagte sie gereizt.

Martin schloss die Tür und Frau Bruckner seufzte, als ob ihr jemand ziemlich auf die Nerven gegangen war. Dann hatte sie mit einem raschen Handgriff den Kittel hochgerafft und drehte sich um. Mit den Ellenbogen stützte sie sich vorgebeugt auf der Waschmaschine ab und hielt Martin ihr gewaltiges Hinterteil hin. Anscheinend trug sie nie Unterhosen, immer nur diese harten Miedergürtel und Strümpfe unter dem Kittel.

„Aber mach in Gottes Namen schnell, ich muss das Essen gleich fertig haben“, sagte sie emotionslos.

Martin stellte sich hinter sie, zog seine Hose bis zu Knien hinunter und betastete ihren weichen, weißen Hintern. Frau Bruckner grunzte und griff ungeduldig nach seinem Glied. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und quetschte es scheinbar ohne jedes Interesse mit der flachen Hand rasch in sich hinein. „Los jetzt!“ brummte sie. Am liebsten wäre er da jetzt einfach für immer drin geblieben, hätte sich in ihren Hinterbacken festgekrallt . Sollte sie doch sehen, wie sie ihn abwarf. Doch diesbezüglich startete sie keinen Versuch, sie stand einfach nur still da. Er brauchte keine drei Minuten bis er kam. Trotzdem hatte er das Gefühl aus jeder Pore zu schwitzen. Das ging ihm bei Frau Bruckner immer so. Es war etwas völlig anderes als mit Frau Möller, und er schämte sich, die beiden überhaupt zu vergleichen. Wenn er jemals eine Frau finden würde, die er liebte, hoffte er, dass es beim Sex, so wie mit Frau Bruckner sein würde.

Er hätte gern noch weiter gemacht, aber Frau Bruckner hatte von sich weggedrückt, als sie merkte das er fertig war. Sie hatte ihren Kittel genau so schnell wieder unten, wie sie ihn kurz zuvor hochgezogen hatte.

„Jetzt mach bloß, dass du hier raus kommst.“ Frau Bruckner stand da, an ihrer Waschmaschine, als wenn nichts gewesen wäre. Sie musste nicht einmal ihre Haar ordnen, oder so etwas. Sie hatte einfach den Plastikkittel heruntergezogen und alles war wieder ganz normal. Frau Bruckner machte ihre Wäsche.

Natürlich hatte sie recht. Martin zog seine Hose wieder hoch. Das war eine unsinnige Idee gewesen. Um diese Zeit. Martin wollte gerade zur Kellertreppe raus, da hielt ihn Frau Bruckner am Arm zurück und zischte hastig gepresst: „Von mir aus komm, wann du willst. Ich mach’s ja. Lässt sich ja alles eh nicht mehr rückgängig machen. Himmel. Aber nicht so, dass mein Mann was merkt. Ich will keinen Ärger, hast du verstanden?“

Martin nickte.

„Aber hey, junger Mann übertreib es nicht. Spann den Bogen nicht zu weit“ rief sie ihm nach. Und als er die Treppe hoch schlich hörte er sie noch sagen: „Weiß Gott, du bist wirklich ein fürchterlich anstrengendes Kind.“

Kapitel 23 - Der Freibrief

Das Wetter im April war nicht ganz so gut. Vor allem konnte man sich nicht darauf verlassen. Mal regnete es, mal nicht. Mal war es kalt und mal glaubte man der Frühling wäre ausgebrochen. Aber so war es nicht. Frau Bruckner hängte dementsprechend seltener ihre Wäsche draußen auf. Der Freibrief, den sie Martin ausgestellt hatte, reute sie wohl schon am ersten Tag danach. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet ihn sobald wieder zu sehen. Als spät Nachmittags in der Waschküche auftauchte hatte sie nur mit dem Kopf geschüttelt. Aber sie versuchte nicht ihm sein Vorhaben auszureden. Anscheinend hatte er heute auch einen günstigeren Zeitpunkt erwischt. Sie ließ sich ihm etwas mehr Zeit. Was sich aber nicht änderte, war ihre Einstellung zu der Sache. Martin hatte das Gefühl, dass sie das alles nur mit sich geschehen ließ. Unbeteiligt ließ sie ihn machen, wozu er gerade Lust verspürte und anschließend zupfte sie kurz ihre Kleidung zurecht und die Sache war erledigt. Sie bewegte sich niemals und zeigte einfach keinerlei Reaktion.

Martin fand das ungewöhnlich, aber eigentlich auch in Ordnung. Es war allemal angenehmer, als diese ewige Rubbelei mit der Hand. In den folgenden Tagen verbrachte Martin die meiste Zeit zwischen dem Training und den Hausaufgaben mit Frau Bruckner in der Waschküche. Manchmal besuchte er sie auch anstelle des Trainings. Das schonte seine Ellenbogengelenke, die durch das Bankdrücken mit den schweren Gewichten in letzter Zeit etwas in Mitleidenschaft gezogen worden waren.

Frau Bruckner hatte sich schnell damit abgefunden, dass Martin es naturgemäß übertrieb und beinahe jeden Spätnachmittag in ihrer Waschküche auftauchte. Doch nach drei Wochen wies sie ihn zurecht. Schließlich sei sie keine Maschine und könne ihm hier nicht jeden Tag willig zur Verfügung stehen. Martin witterte Gefahr. Er fürchtete, sie könne seinen Freibrief wieder einziehen. Und er ärgerte sich darüber, sich nicht besser unter Kontrolle gehabt zu haben. Aber das tat sie nicht. Sie schickte ihn an diesem Tag zwar weg, sie sagte ihm, er solle morgen wiederkommen. Am darauffolgenden Tag jedoch war wieder alles beim alten. Doch am übernächsten Tag begann das Theater von Neuem. Sie schickte ihn wieder weg. Martin war völlig genervt. Mal ja mal nein. Damit konnte Martin nichts anfangen. Damit wurde das Leben wieder unnötig kompliziert. Und das schöne Frau Bruckner war ja bislang gewesen, dass eigentlich alles so einfach gewesen war. Aber nun ging es hin und her. Doch bald hatte Martin begriffen, worauf das hinauslief. Er tauchte nur noch jeden zweiten Tag in ihrer Waschküche auf. So schien sie sich das vorgestellt zu haben und dabei blieb es, dann auch bis Mitte Mai.

Kapitel 24 - Durchgegrillt

An einem schönen Wochenende sollte Martin seine Mutter auf eine Grillparty, die ihr Arbeitgeber veranstaltete, begleiten. Gewöhnlich achtete seine Mutter darauf, dass ihr Privatleben strikt von ihrem Arbeitsleben getrennt blieben. Aber diesmal wollte Martins Mutter unbedingt, dass er sie begleitete. Sie hatte sogar extra neue Sachen für ihn gekauft. Ein Tweed-Sakko. Das war weiß Gott nicht nach seinem Geschmack. Aber seine Mutter wollte, dass er einen guten Eindruck machte. Schließlich ging es um ihre Zukunft. Martin dachte sich nicht wirklich etwas dabei, dass seine Mutter ihn zu dieser Grillparty mitschleppte. Er hatte am Rande mitbekommen, dass seine Mutter schon wieder befördert werden sollte. Wahrscheinlich wünschte sie sich, dass Martin ihren Erfolg teilen würde und stolz auf sie wäre.

Das Wort Grillparty vermittelte vielleicht einen leicht verzerrten Eindruck von diesem Ereignis. Nachdem sie über zwanzig Kilometer gefahren waren, stand Martin vor einer strahlend weiß getünchten Villa inmitten eines riesigen parkähnlichen Gartens und war heilfroh, ein Sakko zu tragen. Das Haus mit dem beeindruckenden Terrassenvorbau hatte vielleicht 20 Zimmer oder mehr und wurde mit Sicherheit von den oberreichsten Leuten der Umgebung bewohnt. Mit Sicherheit aber die reichsten Leute, die Martin jemals in seinem Leben getroffen hatte. Verunsichert stand Martin auf dem hauseigenen Parkplatz mit einer Menge anderer Leuten herum, die ganz offensichtlich an das Tragen von Sakkos gewöhnt waren und eine Menge Geld für ihre Kleidung ausgaben.

Seine Mutter schien das alles hier nicht sonderlich zu beeindrucken. Sie zog ihren Sohn mit sich durch die Menge und stellte ihn als erstes mal dem Hausherrn vor. Der breitschultrige, braun gebrannte, große Mann war zugleich der Chef seiner Mutter. Der Mann widmete ihm erheblich mehr Aufmerksamkeit, als Martin erwartet hatte und ihm lieb war. Er fragte ihn eingehend nach der Schule und was er sonst so mit seiner freien Zeit anstellte. Der Mann wollte sich richtiggehend mit Martin unterhalten. Er ungewöhnlich interessiert. Martin fand, dass er ihn doch lieber in Ruhe lassen und sich weit wichtigeren Gästen widmen sollte. Davon hingen hier weiß Gott genug am mitgebrachten Handy herum. Aber der gute Mann ließ einfach nicht locker. Martin antwortete respektvoll und höflich so gut er konnte. Seiner Mutter zuliebe war er redlich bemüht einen guten Eindruck zu machen.

Martins Aufmerksamkeit wurde nur ganz kurz getrübt, als er einen Schatten von etwas sah, das ihn ablenkte. Aus den Augenwinkeln bemerkte er die Erscheinung noch dreimal. Konnte sie aber keinmal identifizieren. Das war die Schule von Frau Möller. Da hätte ein Haufen hübscher Mädchen nackt über den Rasen spazieren können, und Martin hätte trotzdem den Gesprächsfaden nicht verloren. Es war natürlich kein Haufen nackter Mädchen, nicht einmal ein nacktes Mädchen, wohl aber ein Mädchen. Martin brauchte den Hals auch nicht mehr zu verrenkten, denn sie stand jetzt unmittelbar vor ihm und sagte: „Hallo.“

„Darf ich vorstellen, das ist meine Tochter Nadine“, sagte Herr Wortmann.

„Martin“, sagte Martin. Weiter nichts.

Herr Wortmann lachte.

„Nadine, zeig doch bitte unserem jungen Gast ein wenig, was es hier alles zu sehen gibt.“

„Gern“, sagte Nadine und es klang so höflich und einladend, als ob es stundenlang vor dem Spiegel geübt hatte. Nadine nahm Martin so natürlich an der Hand, als ob es das selbstverständlichste von der Welt wäre und zog ihn wie ein hypnotisiertes Meerschwein durch die Gästeschar, die sich auf dem Rasen tummelte.

Sie schien diese Menschenmenge zu teilen wie Moses das Meer. Martins nahm nur noch vorbeifließende, unscharfe Gestalten wahr, von denen er wußte, es machte keinen Sinn, sie irgendeines Blickes zu würdigen.

„Warp 4“, sagte er geistesabwesend.

„Was?“ fragte Nadine mit einem Lächeln, dass ihn zu vernichten schien.

„Du bist perfekt“, sagte er.

„Was?“

„Nichts.“

„Ist alles in Ordnung mit dir?“ fragte sie besorgt.

„Ich glaube nicht. Ich fühle einen Herzstillstand. Atme ich noch?“

Das Licht am Ende des Tunnels schien näher zu kommen und eine Stimme hauchte weich: „Oh ja. Ich glaube schon.“

Zwei Dinge gab es, die Martin von diesem Moment an wußte. Erstens: Nicht alle Frauen waren schlecht. Zweitens: Die beste von allen hatte er gerade gefunden.

Martins stark eingeschränktes Blickfeld schien sich ganz langsam wieder zu normalisieren. Sie gingen an zwei Reihen mit Büfett-Tischen vorbei. Nun sah er auch Nadine klar und deutlich. Sie war nicht sein Typ! Er stockte. Sie trug Karottenbundfalten, eine bestickte Spitzenbluse und Collegeschuhe! Aber es bestand kein Zweifel, er liebte sie. Ihre goldbraunen Haare hatte sie hinten zu einem Knoten gebunden. Sie konnte ganz herrlich ihr Kinn weit vorstrecken, wenn sie lachte. Und sie hielt ihn immer noch an der Hand. Aber sie trug Collegeschuhe, Karottenbundfalten und eine Spitzenbluse. Ganz eindeutig war sie nicht sein Typ. Er hingegen trug ein Sakko und … eine Kordhose. Wie zum Teufel hatte seine Mutter ihn in diese Kordhose gekriegt? Er sah wieder auf zu ihrem wunderbaren Lächeln und stellte fest: Momentan war er auch nicht sein Typ. Er war am falschen Platz, traf die falsche Frau, wenn er Pech hatte würde sein Leben in einer Kordhose und einem Sakko enden.

„Was ist bloß los mit dir, du bist so abwesend?“

„Ich trage keine Kordhosen!“ erklärte er.

Nachdem sie sich mit raschen Seitenblick vergewissert hatte, korrigierte sie ihn: „Doch das tust du?“

„Ich meine, ich trage nicht immer Kordhosen.“

„Nein? Aber sie stehen dir ausgezeichnet.“

Das war die falsche Antwort. Sie hätte jetzt sagen sollen. „Ich auch nicht. Normalerweise trage ich Jeans und hautenge, schwarze Stretchtops. Nur mein Vater wollte mich heute wegen dieser Party in diesen Klamotten sehen.“

Statt dessen hakte sie sich bei ihm unter und führte ihn weiter, zu dem, was wirklich reiche Leute wohl einen Grill nennen.

Martin prüfte sich noch einmal eindringlich. Es bestand kein Zweifel, er würde alles tun für diese Frau, zur Not sogar in Kordhosen sterben.

„Du hast aber kräftige Arme“, sagte sie und drückte sie zart und anerkennend an sich.

„Ich habe mich auch sofort in dich verliebt!“

Nadine lachte klirrend hell auf.

Das gefiel ihm zwar, aber es war nicht wirklich ein gutes Zeichen. Das registrierte er erst, als sie sagte: „Du bist vielleicht ein Spinner.“

Gerade wollte er sie darauf hinweisen, dass es sein völliger Ernst sei, und er sie sofort heiraten würde, wenn nur ein Priester anwesend sei. Aber in diesem Moment blieben sie vor den drei riesigen Schwenkrosten stehen und Nadine fragte ihn, was er haben wolle.

„Nackensteack“, sagte er, hörte aber in seinem Hinterkopf die Worte ‚nackt im stehen‘ widerhallen. Gottlob hatte er es wohl nur gedacht und nicht ausgesprochen, denn prompt hielt er einen Teller mit einem äußerlich tadellos gegrillten Stück Fleisch darauf in der Hand.

„Ist das auch gut durch?“ fragte der Mann mit der weißen, langen Schürze am Grill.

„Gut durch schon, aber kein Nackensteak“, antwortete der Mann.

„Was ist es dann?“

„Schweinefilet. Nackensteak ist eigentlich nur Fett.“

Martin starrte auf den Teller. Wie ein Nackensteak sah das wirklich nicht aus.

„Wollen wir da drüben essen?“ fragte Nadine und zeigte auf eine kleine schattige Bank unter einer mächtigen Eiche, die beinahe in der Mitte des Gartens stand. Martin blieb ihr eine Antwort schuldig, aber folgte ihr. Ob allein schon die Frage nach einem Nackensteak als Fauxpas anzusehen war? Es schien Nadine nicht zu interessieren, ob Martin ihr antwortete, oder mit etwas anderem beschäftigt war. Sie zog ihn einfach mit sich zu dieser Bank. Diese Art, so kommentarlos über die Bedürfnisse der anderen hinwegzusehen, kam Martin irgendwie bekannt vor. Er sollte die Finger von dieser Frau lassen.

Sie hatten sich kaum gesetzt, da fing Nadine eine leichte Konversation an. Martin blieben die meisten Antworten erspart, weil er dabei aß. Das ließ ihm die Zeit, seinen nächsten Vorstoß sorgfältiger zu planen. Er würde sie heiraten, dass war ihm sonnenklar und er war nicht bereit, ihr striktes Ignorieren dieser Tatsache einfach so hinzunehmen.

In ihrem Alter waren wenig Leute da, sehr wenige, aber einer von ihnen gesellte sich bald zu ihnen unter den Baum.

„Nadine?“ Der Kerl war einen ganzen Kopf größer als Martin, trug eine Krawatte unter einem roten Pullunder mit V-Ausschnitt. Und ebenfalls Kordhosen. Seine Haare waren der Renner. Mindestens eine halbe Tonne Haarspray musste er täglich verbrauchen, damit sie einen solch steifen Helm um seinen Schädel bildeten.

„Frank!“ Nadine schenkte ihm ein Lächeln, das er auf keinen Fall verdient hatte. „Frank, das hier ist Martin.“ Sie stockte, als ob sie nicht weiter musste. „Und das ist Frank Brettschneider. Sein Vater ist unser Prokurist.“

Frank nickte nichts sagend. „Nadine, bleibt es bei morgen 11 Uhr?“

„Tennis? Aber sicher.“

„Gut, dann hole ich dich um halb ab, ja?“

„Kommt deine Cousine auch mit?“

„Kann sein“, antwortete Frank zögernd.

„Sehr gut, dann können wir ein Doppel spielen.“

„Wer denn noch?“ fragte Frank misstrauisch.

„Hilmar hat sich auch angemeldet.“

„Hilmar?!“ Frank schien von dieser Aussicht keineswegs begeistert. „Den habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Ich hoffe, seine Rückhand hat sich gebessert.“

Hilmar schien für Frank ein Problem darzustellen. Frank wiederum war ein Problem für Martin und Hilmar somit eine weitere gefährliche und unbekannte Komponente.
Nachdem Frank sich zögernd wieder verabschiedet hatte, sagte Martin: „Hast du viel mit solchen Typen zu tun?“

Nadine sah ihn verständnislos an. „Was für Typen?“

„Na, solche Flachköpfe“, sagte Martin, obwohl der Begriff auf Frank beim besten Willen nicht zutraf. Blähkopf wäre wohl treffender gewesen.

„Frank? Das ist ein guter Freund von mir“, stellte Nadine mit unterkühlter Stimme klar.

„Merkwürdige Freunde hast du.“

„Du kennst Frank doch überhaupt nicht!“

Martin lachte: „Wer so eine lächerliche Frisur trägt, muss darunter ein reichlich großes Vakuum verbergen.“

„Ein Kamm würde dir auch nicht gerade schaden. Und deine Bemerkung sind nicht gerade das, was man höflich nennt. Entschuldige mich bitte.“ Nadine war wirklich böse. Sie stand auf und ließ Martin sitzen.

„Martin, du machst mir doch keinen Ärger?“ Seine Mutter setzte sich zu ihm auf die Bank. Martin hatte sie gar nicht kommen sehen. Einen Moment lang hatte er vergessen, warum er eigentlich hier war. Schmerzhaft wurde ihm klar, dass er bei diesem Kordhosenrennen rein gar nichts zu suchen hatte. Er hatte nicht einmal eine Starterlaubnis auf seinem Konto.

„Wir können bald wieder gehen, wenn es dir zuviel wird“, sagte seine Mutter.

„Nein, nein, ist riesig hier“, winkte Martin ab.

Er sah seine Mutter an. Sie trug ein helles Leinenkostüm und einen Sommerhut. Sie passte hier hin. Sie konnte sich gut benehmen, und sie fühlte sich wohl hier. Ein kleiner rundlicher Mann kam mit zwei Sektgläsern auf sie zu.

„Frau Bönning“, sagte er mit breitem Grinsen und funkelnden Schweinsaugen. „Meinen Glückwunsch. Ich habe es eben gehört. Ich wußte ja, dass sie es schaffen.“ Er reichte Martins Mutter ein Glas und stieß mit ihr an.

„Herr Brettschneider, das ist mein Sohn Martin“, sagte seine Mutter stolz. Martin suchte nach einem Anzeichen dafür, dass Brettschneider unter seiner Weste einen Ballon versteckt hatte. Dann musste er grinsen, vor allem, als er Brettschneiders streng umkränzte Halbglatze bemerkte.

„Herr Brettschneider ist unser …“

„Prokurist“, vollendete Martin und reichte Herrn Brettschneider die Hand.

„Sie sind ja bestens informiert, wie mir scheint“, sagte Brettschneider senior und lachte wabernd. Sein etwas zu klein geratener Kopf schien gut stützt und abgefedert zu werden von einer Reihe kleinerer Fettwülste um den Hals.

„Junger Mann, Sie sollten ihrer Mutter gratulieren. Hat sie Ihnen schon erzählt, dass sie seit nunmehr …“. Brettschneider sah umständlich auf die Uhr, wobei sein Jackett auf eine harte Zerreißprobe gestellt wurde. „15 Minuten, die stellvertretende Leiterin der EDV ist.“

Seine Mutter strahlte Martin an, als wäre Weihnachten und ihr Geburtstag gleichzeitig.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Martin sprachlos.

Seine Mutter schloss ihre Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. Das war Martin vor diesen Leuten etwas unangenehm, aber er gab sich Mühe, es nicht zu zeigen.
„So ist es recht“, waberte Brettschneider vor sich hin. „Freuen Sie sich nur tüchtig.“

„Ich wollte es dir eben sagen!“ erklärte seine Mutter, nachdem sie ihren Sohn wieder los gelassen hatte.

„Das ist schön.“

„Kommen Sie meine Liebe, ich muss Ihnen noch ein paar Leute vorstellen.“

Brettschneider wackelte mit seiner Mutter untergehakt zurück in die Menge.

Martin sah sich um. Nadine war nirgends zu sehen. Im Verlauf der Party sah er sie noch ein paarmal in der Menge aufblitzen, aber es gelang ihm nicht, sie anzusprechen. Er musste sich wohl damit abfinden, sich geradewegs in eine unglückliche Liebe gestürzt zu haben.

Als es Zeit wurde zu gehen, stand Nadine auf einmal vor ihm. Sie verabschiedete sich betont höflich. Doch Martin hielt ihre Hand fest, bis sie ihm endlich in die Augen sah.
„Schau dir besser die Väter dieser Typen an, dann weißt du, was auf dich zukommt“, sagte er wütend zu ihr.

Sie lächelte nicht mehr und funkelte ihn böse an. Dann zog sie heftig ihre Hand weg. Martin war geladen, aber richtig.

„Tolle Frisur“, rief er Frank zu, der gleich hinter ihr stand, ganz so, als wenn sie schon sein Besitz wäre. Er zeigte ihm noch den erhobenen Daumen, zum Zeichen seiner uneingeschränkten Bewunderung, dann ging er zum Parkplatz, wo seine Mutter bereits an ihrem Wagen auf ihn wartete. Dass er sich schlecht benommen hatte, wußte er, aber er sah keine andere Möglichkeit.

Kapitel 25 - Guter Ritt

Immer wieder lief es im Leben anders als gedacht. Martin war sicher, dass er Nadine nie in seinem Leben wiedersehen würde. Er wollte sich still in seinem Liebeskummer wälzen und leiden. Seine Mutter bemerkte davon nichts, denn sie schwebte im siebten Himmel. Es ein wirklich großer Sprung nach vorn, den sie in der Firma gemacht hatte. Schon bald würden sie sich einige Dinge leisten können, die bisher tabu waren.

Martin freute sich zwar, war aber mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Fünf Tage leiden und Nadine rief an. Martin konnte es erst gar nicht glauben, sie wollte ihn zum Ausreiten einladen. Ohne zu zögern sagte Martin ja.

„Wie soll ich zu euch kommen?“

„Ich hole dich mit dem Auto ab.“

„Du bist erst 17.“

„Ich habe einen amerikanischen Führerschein“, verkündete Nadine stolz.

„Einen amerikanischen Führerschein?“

„Ja, ich habe ihn hier anerkennen lassen.“

Martin wurde wieder bewusst, dass es Leute gab, für die etliche Regeln nicht galten. Mit entsprechend Kohle konnte man halt schon mit 17 Auto fahren.

„Muss ich Kordhosen tragen?“

„Zum Reiten? Wäre eher unpassend, oder?“

„Jeans?“

„Wenn du keine Reithosen hast?“

Natürlich hatte Martin Reithosen, einen ganzen Schrank voll. Schließlich war Reiten sein Leben, auch wenn er es noch nie probiert hatte.

„Also, morgen um 15 Uhr, ja.“

Als Martin den Hörer aufgelegt hatte, wurde ihm erst bewußt, dass sie reiten auf richtigen Pferden meinte. Die waren verdammt groß. Er sah ein ausgewachsenes Pferd vor sich. Und je länger er in Gedanken sich und das Pferd nebeneinander stehen sah, um so höher schien es ihm in den Himmel zu wachsen.

Martins Mutter war überrascht, aber nicht unangenehm, als sie hörte, dass ihr Sohn sich mit Nadine treffen wollte.

„Magst du Nadine?“

Die Antwort war eine leichte Röte in seinem Gesicht und ein verfängliches: „Ziemlich.“

Seine Mutter fragte nicht weiter, sie hatte es wohl schon verstanden.

Nadine war pünktlich. Gegen 15 Uhr fuhr sie mit einem Mercedes Geländewagen vor Martins Haus vor. Martin öffnete die Tür und wollte gleich einsteigen, weil er dachte, sie müssten pünktlich beim Reiten sein.

In Reiterhosen und Schaftstiefeln sah Nadine absolut großartig aus. Martin beschloss unbedingt reiten zu lernen.

„Wollen wir los?“ drängte Martin, doch Nadine blieb vor dem Haus stehen und betrachtete alles sehr aufmerksam.

„Nicht so hastig, wo ich schon mal hier bin, könntest du mir ruhig euer Haus zeigen.“ Nadine wollte in jedes Zimmer geführt werden. Sie sah sich alles ganz genau an. So, als ob sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Haus betreten würde. Wahrscheinlich war es wirklich das erste Mal, jedenfalls ein Haus dieser Größenordnung.

Martin wurde unruhig, er witterte förmlich, dass sie gleich sagen würde: „Und hier können Menschen leben?“ Vielleicht würde sie ihn jetzt nicht mehr mit zum Reiten nehmen.
Aber Nadine sagte nichts. Als sie alles gesehen hatte, stiegen sie in den Mercedes und fuhren los. Erst war es etwas unheimlich, Nadine am Steuer zu sehen. Sie fuhr jedoch sicher, und Martin hatte sich schnell daran gewöhnt. Der Reitstall lag gar nicht weit weg von Nadines Zuhause. Wenn er nicht sogar irgendwie dazu gehörte. Jedenfalls schien Nadine sich hier wie zu Hause zu fühlen. Sie suchte Martin ein Pferd aus und begann ihres zu satteln.

Martin stand vor dem Pferd und starrte es an. Das Pferd glotzte dümmlich zurück und war riesig groß. Das alles würde keinen guten Eindruck auf Nadine machen. Als Nadine mit ihrem Sattel fertig war, kam sie rüber in seine Box und sah ihn vor dem Pferd stehen.

„Du kannst gar nicht reiten?!“

Ob Feststellung oder Frage, Martin sagte: „Ja.“

Nadine dachte einen Moment nach.

„Komm“, sagte sie und führte ihn zu einer anderen Box.

„Ein Pony?“ fragte Martin entgeistert.

Nadine lachte: „Willst du von da oben runter fallen?“

Martin sah in die Nachbarbox. „Nein.“

„Also, gib mir den kleine Sattel da her.“ die Aussicht, dass Martin auf dem Pony neben ihr her reiten würde, schien sie zu belustigen. Sie zäumte routiniert sein Pony auf und gab ihm die Zügel in die Hand.

„Halt.“

Dann holte sie ihr Pferd. Ein großer Brauner, mit schwarzen Fesseln.

„Bring es mit raus“, sagte sie und ging mitsamt Pferd an ihm vorbei.

Martin zog am Zügel. Das kleine Mistvieh bewegte sich nicht. Er zog noch einmal etwas stärker. Das gehässige Vieh schob nur die Lippen nach vorn und lachte ihn aus.
„Komm jetzt mit, du Stinktier!“ raunzte Martin. Und das Pony bewegte sich plötzlich wie von selbst. Draußen auf dem Hof saß Nadine bereits hoch zu Ross.

„Steig einfach auf“, schlug sie vor.

Martin schwang sich auf den Rücken und saß. Die Zügel hielt er fest in der Hand. Ihr Pferd ging langsam vorwärts und Nadine schnalzte mit der Zunge und rief: „Komm, Stinker, komm.“

Das Pony unter Martin setzte sich prompt in Bewegung. Wenn jetzt dieser Fuzzy von Frank hier auftauchte, wäre Martin vor Scham gestorben. Es musste einfach nur lächerlich aussehen, wie sie beide vom Hof trabten. Martin ganze zwei Etagen tiefer als Nadine. Er konnte fast unter ihrem Pferd hindurch gucken, seine Füße schleiften beinahe auf dem Boden. Nadine mit eleganten Bewegungen, die Zügel mit einer Hand haltend, während Martin sich mit beiden Händen an die Zügel klammert und dabei nicht im mindesten das Gefühl hatte, dass er das Tier ritt. Es nahm ihn einfach irgendwo mit hin.

Erleichtert stellte Martin fest, dass der Hof außer Sichtweite war.

„Du darfst ihn nicht so eng führen“, erklärte Nadine. „Sonst geht er nicht in den Trab.“

Martin führte überhaupt nichts. Er versuchte sich nur festzuhalten, und ob er dem Tier erlauben wollte, im Trab zu gehen, schien ihm durchaus fraglich.

Jedenfalls verfiel Nadines Tier in diesem Moment in Trab. Und ihr Schnalzen und das bereits bekannte „Stinker“ verleiteten Martins Tier, enge Zügel hin oder her, ebenfalls los zu traben. Ein Hochfrequenzhoppeln war die unweigerliche Folge dieser Bewegungsart. Sein Tier musste dreimal soviel Schritte machen wie Nadines. Es war fast ein Galopp. Nadine lachte herzlich zu ihm runter und Martin nahm es ihr nicht einmal übel. Er hatte genug damit zu tun, obenauf zu bleiben. Lange würde er es da nicht durchhalten.

Die erste Kurve die der Waldweg machte hatte Martin nicht gesehen. Nadine und der Koloss neben ihm verdeckten sie. Als Stinker plötzlich leicht nach links wegzog, kam Martin ins Rutschen. Sein Fuß berührte leicht schleifend den Boden. Martin machte einen Schritt und stieß sich leicht ab vom Boden ab. Schon war wieder oben. Ein wenig zuviel Schwung vielleicht und er rutschte zur anderen Seite. Stinker schien das hin und her nicht zu gefallen, sein Trab wurde unruhig. Zwei Zwischenschritte von Stinker, ein weiterer Rutscher von Martin, und er wußte, er konnte sich nicht mehr halten. Er war wie beim Zwergenrodeo. Du weißt, du kannst dich nicht mehr halten, also spring ab. Martin sprang, stolperte und stand. Stand ohne Pferd da. Das trabte erleichtert weiter. Nadine lachte, bis ihr Tränen kam. Sie holte Stinker zurück und dachte überhaupt nicht daran, sich zusammenzureißen.

„Sehr witzig“, sagte Martin, ohne wirklich böse zu sein.

„Tut mir leid“, kicherte Nadine und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Trab auf einem Pony ist auch wirklich schwierig“, sagte sie und drohte wieder loszulachen. „Nein im Ernst, Galopp ist leichter. Ein Pony hat zu kurze Beine. Traust du dich zu galoppieren?“

„Und ob!“ sagte Martin energisch. Er stieg wieder auf, hielt sich mit losem Zügel an der Mähne fest und rief: „Los geht’s, Stinker.“

Stinker bewegte sich keinen Millimeter, aber was zählte, war die Einstellung.

„Dann los“, sagte Nadine und sie hatte Recht, Galoppieren war erheblich einfacher. Nicht, dass sie auch galoppierte, dazu war Stinker viel zu langsam.

Ein kleiner Hügelwall, vor einer großen Lichtung stellte die nächste gefährliche Herausforderung da. Nadine ritt darüber hinweg, Stinker auch, Martin nicht. Es war keine wirkliche Höhe gewesen, aber Martin hatte die plötzliche Diagonale unterschätzt, die Stinker bildete, um die 1 Meter zwanzig zu erklimmen. Sanft war Martin über Stinkers Hinterteil abgerollt. Es war ihm nichts passiert. Nur ein Schreck, weil er plötzlich hinter Stinker lag und das ziemlich dicht bei den Hufen.

Nadine bemühte sich ihr Lachen einigermaßen zu unterdrücken.

„Pass auf. Ich muss Westwind ausreiten, er braucht Bewegung.“ Nadine war abgestiegen. Sie band Stinker am Rand der Lichtung fest. Du wartest hier. Ich komme in einer viertel Stunde zurück und hole dich ab. In Ordnung?“

Das war in Ordnung. Martin sah ihr nach. Sie konnte reiten. Westwind ging im gestreckten Galopp über die Lichtung und verschwand im Wald auf der anderen Seite. Martin machte es sich unweit von Stinker im Gras bequem und genoss die Sonne. Wenn sie wieder käme, das wußte Martin, würde sie sich zu ihm ins Gras legen und alles würde wunderbar.

Zwanzig Minuten später kam Nadine zurück und alles wurde zu einem Alptraum. Sie kam nicht allein. Unterwegs musste sie Frank getroffen haben. Natürlich hatte Frank ein großes Pferd, natürlich konnte Frank reiten, natürlich trug er die richtigen Klamotten und höflicherweise bemerkte er Martin überhaupt nicht. Nadine setzte sich nicht zu ihm ins Gras. Sie ritt mit Frank vor ihm her zum Stall zurück. Die beiden unterhielten sich angeregt, während Martin zwei Etagen tiefer, hinter ihnen, versuchte den Pferdeäpfeln auszuweichen. Er konnte die Peinlichkeit kaum genießen, weil der Slalom um die Äpfel seine volle Aufmerksamkeit erforderte. Es war erstaunlich, wie viel so ein Pferd auf weniger als tausend Meter scheißen konnte.

„Kommst du noch mit in den Club?“ fragt Frank Nadine, als ob Martin gar nicht da wäre.

„Nein, ich muss ihn noch nach Hause bringen“, antwortete Nadine.

Martin fühlte sich wie ein Kleinkind und hätte Frank vor Wut gern die Haare ausgerissen. Doch das war überflüssig und Martin wußte das. Gene und Zeit, das waren die Schlüsselworte, die Martin einigermaßen beruhigten.

Er hatte sich maßlos blamiert, und er wußte es. Als er vor seinem Haus aus ihrem Wagen stieg presste er mühsam ein: „Vielen Dank hervor.“ Das war das einzige, was er seit dem Reitstall zu Nadine gesagt hatte.

„Kannst du segeln?“ fragte sie unvermittelt.

Martin verspürte keinerlei Lust, sich jemals wieder in so einer Rolle zu erleben.

„Nein“, antwortete er wahrheitsgemäß.

„Hast du Lust es zu lernen?“ fragte sie.

„Ich weiß nicht.“ Martin glaubte ihrem Blick. Sie schien sich nicht über ihn lustig machen zu wollen.

„Willst du, oder willst du nicht?“

Hatte er die Wahl?

„Sind wir da allein?“

Sie schwieg einen Moment. „Nein es werden schätzungsweise 20-30 weitere Boote da draußen sein.“

„Auf dem Boot meinte ich.“

„Ich weiß, was du meinst. Willst du segeln oder nicht?“

Sie hatte seine Frage nicht beantwortet.

„Ja.“

„Gut, dann hole ich dich am Freitag ab, in Ordnung?“

„Passt mir gut“, brummte Martin.

„15 Uhr?“

„Alles klar.“

Er schlug die Tür zu, und sie fuhr davon.

Martin sah auf die Uhr. Das wurde knapp, aber er konnte es gerade noch schaffen. Mit dem Fahrrad war er 6 Minuten später in Bibliothek. Er hatte noch etwa 10 Minuten, sich alles übers Segeln raus zu suchen. Alles was er tragen konnte. Diesmal gäbe es keine Pleite. Er hatte noch knapp 48 Stunden Zeit sich in Sachen Segeln schlau zu machen. An Frau Bruckner war nicht zu denken, obwohl eigentlich heute daran gewesen wäre.

Kapitel 26 - Reinfälle

Zu lernen gab es reichlich. In der kurzen Zeit konnte er sich kaum alles merken. Aber auf keinen Fall wollte Martin wieder wie der Depp dastehen. Also eignete sich Martin zumindest theoretisch das Grundprinzip des Segelns an. Luv, Lee, Hart am Wind, Kreuzen, Vorschot, Vorfahrtsregeln und so weiter. Am Freitag hatte er nicht das Gefühl, wirklich gewappnet zu sein.

Pünktlich stand Nadine vor seiner Tür. Natürlich in den passenden Klamotten, helle Baumwollhose, weißes Polohemd und Leinenslipper.

Der Yachtclub war klein, der See nicht größer als die Alster und die Boote waren einfache Jollen, wo gerade mal Platz für vier Leute war. Keine Kabine, fester Vorbau, ein Großsegel und ein kleines Focksegel. Eine durchaus überschaubare Technik.

Martins Angst vor einem möglichen Zweimaster mit zehn Mann Besatzung hatte sich somit schon mal erledigt. Das Boot schaukelt gefährlich, als Martin es bestieg. Davon stand nichts in dem Büchern.

„Kannst du schwimmen?“ fragte Nadine besorgt.

Martin zeigte auf die Weste, die sie ihm aufgenötigt hatte: „Damit bestimmt.“

„Setz dich, ich mach die Leinen los.“

„Hallo, habt ihr noch Platz?“

„Frank!“

Martin starrte Nadine böse an: Sag nein.

„Aber klar.“

Entweder war sie zu blöd oder zu höflich. Oder alles beides.

Schon war Frank an Bord und hielt das Boot am Steg, während Nadine mit der Leine in der Hand hinein sprang.

„Danke.“

Frank stieß das Boot ab. Das hätte ich auch gekonnt, ärgerte sich Martin und saß weiterhin hilflos da. Wenigstens trug auch Frank eine Weste.

„Echt schönes Wetter“, erklärte Frank das Unübersehbare und übernahm das Ruder, während Nadine das Großsegel setzte.

„Wird wohl noch mehr Wind aufkommen. Klasse.“

Frank sprach nicht mit Martin. Er äußerte sich nur ganz allgemein.

Drei kurze Schläge und sie waren aus der Bucht des Yachthafens hinaus. Nun konnten sie am Wind auf den See hinaus fahren.

„Wir können glaube ich die Fock setzen.“

Martin war nicht sicher, ob er bei dem Geschaukel überhaupt nach vorn bis zur Fock gekommen wäre. Allemal aber nicht so elegant wie Frank.

„Ich dachte, wir wären allein“, zischte Martin Nadine zu.

Sie schaute ihn mit einem Blick aus Samt an und flüsterte: „Das dachte ich auch.“

Das ging Martin alles ganz entschieden gegen den Strich. Frank hangelte sich artistisch von der Fock zurück, begutachtete fachmännisch das Aufblähen des Stoffes.

„Jetzt kommt Fahrt auf!“ rief er begeistert und wollte sich gerade setzen.

„Genau“, grunzte Martin und beförderte ihn mit einem Fußtritt über Bord.

„Hey!“ erklangen zwei Stimmen mehr und weniger erschreckt.

„So!“ sagte Martin. „Jetzt sind wir allein.“

Nadine hatte am Ruder gezogen und wollte eine Halse einleiten. Martin trat mit dem Fuß gegen die Rolle, so dass sie das Großsegel nicht beiholen konnte, dann drückte er ihre Hand mit der Ruderstange sanft wieder zurück und die Jolle nahm Fahrt auf.

„Das können wir nicht machen“, behauptete Nadine.

„Oh doch. Das können wir.“

Sie sah über das Heck hinaus auf den See, wo Frank seine ausgezeichneten Schwimmkünste demonstrierte. Dann lachte sie und streckte dabei ihr Kinn so wunderschön vor, wie nur sie es konnte.

„Du bist verrückt“, stellte sie vergnügt fest.

„Vielleicht. Auf alle Fälle aber verliebt.“

„Hör schon auf mit diesem Unsinn.“

Sie segelten eine Zeitlang den See auf und ab, wobei Martin endlich beweisen konnte, dass er kein absoluter Volltrottel war. Er schaffte es sogar, das Focksegel wieder einzuholen, ohne dabei ins Wasser zu fallen.

Sie legten trockenen Fußes wieder an. Frank wartete am Anlegeplatz auf sie. Er hatte seine Klamotten gewechselt. Für seine Verhältnisse kochte er vor Wut.

„Was sollte denn wohl dieser Unsinn?“ schrie er mit verhaltener Lautstärke auf Martin ein, der gerade an Land kletterte.

„Bist du völlig gestört, oder was?“

Nadine verpackte noch das Hauptsegel und schien sich lieber nicht in diese Auseinandersetzung einmischen zu wollen. Martin lernte die feine Art, jemandem ans Bein zu pinkeln.
„Weißt du was ich glaube?“ zeterte Frank weiter. „Du hast ganz schön Probleme. Du bist nicht ganz richtig im Kopf. Solche Spinner wie du haben hier wirklich nichts zu suchen.“
Martin hatte sich inzwischen in voller Größe vor ihm aufgebaut. Er war leider immer noch ein ganzes Stück kleiner als Frank. Martin hörte ihm aufmerksam zu.

„War's das?“

„War's das?“ äffte Frank ihn nach. „Du bist echt ein Spinner.“

Das war’s entschied Martin. Er trat noch einen Schritt näher an Frank heran, damit er leiser sprechen konnte.

„Jetzt hörst du mir mal zu. Wenn du Flachwichser mir noch einmal in Quere kommst oder dich über mich lustig machst, dann schneide ich dir die Eier ab und brate sie mir zum Frühstück.“ Der entsetzte Blick war Gold wert.

„Und jetzt würde ich mich an deiner Stelle ganz schnell verpissen, bevor ich Hunger kriege. Und ich würde auch sonst einen ganz großen Bogen um mich machen, verstanden?“ zischte Martin und ließ keinerlei Zweifel dran, dass er das völlig ernst meinte.

Vielleicht war es gar nicht, was Martin sagte, sondern mehr die Art, wie er es sagte, leise, beherrscht und sehr eindringlich. Jedenfalls schien Frank ihn tatsächlich ernst zu nehmen. Vorsorglich machte Frank einen Schritt zurück. Sein Pech. In diesem Moment war das genau so, als ob ein konkurrierender Rüde sich vor dem Leittier auf dem Rücken wälzte. Natürlich hätte Martin das jetzt noch lieber gesehen.

„Wir sehen uns heute Abend“, rief er Nadine zu und verzog sich.

„Du findest leicht Freunde, nicht wahr?“ kommentierte Nadine Martins Hahnenkampf und ging an ihm vorbei zum Auto. Fehler oder nicht. Martin war froh, sich mal mit Frank ausgesprochen zu haben.

„Bist du immer so freundlich zu Leuten, wenn du sie nicht magst?“

Es war ein Fehler. Es verstieß gegen die erste Etepetete-Regel. Wenn man jemanden nicht mochte, zeigte man es dem anderen nicht und wenn, dann auf gar keinen Fall so direkt.

„Ich weiß nicht, was du willst“, sagte Martin. „Er ist groß und stark. Er kann sich wehren, wenn er ein Mann ist.“

Nadine lächelte. „Hast du jetzt Hunger?“

Anscheinend hatte er nicht leise genug gesprochen.

„Habt ihr Rührei zuhause?“

„Wenn nicht, lasse ich dich welche machen.“

Von innen hatte Martin Nadines Zuhause noch gar nicht gesehen. Es war prachtvoll. Wenn er auch nicht alles zu sehen bekam, aber die Küche beeindruckte ihn schwerstens. Sie lag im Keller. War vielleicht so groß wie die Grundfläche seines Hauses und wurde von vier schweren gusseisernen Öfen in der Mitte beherrscht. Das Wort Kühlschrank offenbarte hier seine wahre Bedeutung, oder man hätte es Kühlschrankwand nennen müssen.

Nadine griff sich zwei Eier und hielt sie ihm hin. „Willst du?“

Martin nahm eine eiserne Pfanne von den Haken über dem Herd und stellte sie auf die Herdplatte. Er drehte den Schalter auf mittlere Hitze.

„Das ist ein Gasherd“, sagte Nadine und stellte ihm Schnittlauch, Salz und Pfeffer hin.

„Willst du nichts?“

„Ich esse nachher mit Frank.“

Martin zögerte einen Moment. „Darauf würde ich mich nicht verlassen.“ Endlich brannte diese blöde Gasflamme. Martin schlug die Eier in die Pfanne und rührte sie.

„Was meinst du?“

Martin rührte das Schnittlauch unter und würzte das Ganze.

„Na, du musst mich ja noch nach Hause bringen. Womöglich haben wir unterwegs eine Panne.“

Er schmeckte es ab und befand es für gut.

„Wir sind im ADAC, das macht mir keine Sorgen.“

Martin füllte das Ei auf den Teller, und Nadine legte ihm noch zwei Scheiben Brot dazu.

„Wer weiß, wie weit die nächste Telefonzelle weg ist.“

„Autotelefon“, sagte sie trocken.

„Du bist verdammt unromantisch“, stellte Martin fest und begann das Ei im Stehen zu verdrücken.

„Autopannen sind nicht romantisch, sondern lästig. Setz dich wenigsten zum Essen hin.“

„Kommt drauf an, mit Frank ist eine Panne sicherlich nur lästig.“

„Du bist tatsächlich eifersüchtig. Auf Frank?“ stellte Nadine verblüfft fest.

„Auf wen sonst?“

„Auf niemanden. Du redest immer so und benimmst dich, als wenn wir irgendwas miteinander hätten? Was soll das?“

„Hhm“, sagte Martin. „Das muss daran liegen, dass ich immer denke, wir wären schon verheiratet.“

„Warum sagst du das? Wieso solltest du dich in mich verliebt haben?“

„Völlig falsche Frage. Das wieso ist uninteressant. Das weiß ich selber nicht. Entscheidend ist ob. Und das wiederum steht außer Frage“, erklärte Martin kategorisch.

„Frank hat recht. Du bist ein Spinner.“

„Frank ist ein Idiot“, behauptete Martin und stocherte in dem Rest seines Rühreis herum. Davon hätten es gerne noch zwei Portionen sein können.

Das Thema wurde nicht vertieft. Nadine zeigt ihm noch einen Teil der anderen Räume. Überall hingen alte, protzige Ölschinken in Goldrahmen an den Wänden. Ein Teil der Zimmer war nicht tapeziert, jedenfalls nicht mit Tapete, sondern mit Stoff bespannt. Reichtum und Schönheit der Zimmer hin oder her. Es gab nicht einen Raum hier, außer vielleicht der Küche, in dem Martin sich wohl gefühlt hätte. All das wirkte merkwürdig leblos und verknöchert.

Auf dem Rückweg fragte Nadine ihn, ob er tatsächlich über sie herfallen würde, wenn sie jetzt eine Panne und kein Autotelefon hätte.

Martin schwieg nur und grinste. Er wußte es selber nicht.

„Nein, das würdest du nicht. Du tust nur so verrückt, richtig?“

„Kann schon sein. Probier es aus“, köderte Martin sie.

Sie trat hart auf die Bremse und zog den Wagen rechts ran. „Ich könnte dich auch einfach hier rauswerfen.“

„Und tust du es?“

„Wer weiß?“

Es waren nur noch fünf oder sechs Kilometer. Kein Problem für Martin.

„Nein, ich tue es nicht. Und du, du tust es auch nicht. Du lässt mich in Ruhe, verstanden?“

Sie meinte das offensichtlich ernst.

„Okay.“

Sie prüfte seine Augen und schien zufrieden.

„Und wann sehen wir uns wieder?“ fragte er, bevor er ausstieg.

„Keine Ahnung.“

Das war’s dann wohl.

Kapitel 27 - Medium or well done

Falls sie vorhatte, ihn auf kleiner Flamme gar zu kochen, hatte sie sich geschnitten. Es hing nicht allein von ihr ab, wann sie sich das nächste Mal wieder sahen. Seine Mutter hatte da auch noch ein Wörtchen mitzureden. Ob es ihre Intuition war oder was? Jedenfalls hatte sie es fertiggebracht, sich mit Herrn Wortmann samt Tochter schon für den nächsten Tag zum Essen zu verabredeten. Martin würde sich zwar wieder in die Kordhose zwängen müssen, aber dafür sah er ja auch Nadine wieder. Seine Mutter hatte sich in ein schwarzes, eng anliegendes Samtkleid mit Paillettenbesatz gequält, das Martin noch nie zuvor gesehen hatte. Genau genommen hatte er so eine Art von Kleid an seiner Mutter noch nie gesehen. Es war zu kurz, zu eng, viel zu figurbetont, als dass es seine Mutter hätte tragen sollen.

Das Restaurant musste Herr Wortmann ausgesucht haben. Martin war sicher, seine Mutter kannte keine solchen Läden. Auf der Speisekarte stand fast nur Fisch und alles auf französisch. Am Eingang hatte ihm jemand eine Krawatte aufgenötigt. Es ging hier nicht ohne. Herr Wortmann trug natürlich eine eigene Krawatte zu einem dunkelblauen Zweireiher. Martin fühlte sich sogar dem Kellner in Sachen Bekleidung unterlegen. Es war grausam.

Nadine kam etwas später. Dafür sah sie phantastisch aus. Sie ging auf hohen Pumps, als wenn sie damit auf die Welt gekommen wäre. Ihr dunkelgraues Nadelstreifenkostüm saß, als ob jemand einen Eimer flüssigen Stoff genommen und ihr übergegossen hätte. Perfekt. Die Haare waren zu einer Banane zusammengesteckt und sie war sehr dezent geschminkt.

Herr Wortmann übernahm die Bestellung. Er brachte das in einem gekonnten Singsang fiftyfifty Gemisch aus Deutsch und Francais. Alles lief gut, bis der Keller von Martin wissen wollte, ob er sein Steack medium oder well done zubereitet haben wollte. Martin brachte eine gute Sekunde damit zu, in seinem Gedächtnis nach dem französischen Pendant zu ‚well done‘ zu suchen. Erfolglos. „Gut durch“, sagte er daher: „Ganz durch wenn möglich“, fügte er hinzu. „Man weiß ja nie, welche Keime sich in rohem Fleisch verbergen.“

Indignierte Blicke der Wortmanns, Erröten seiner Mutter. Alles klar, er hatte es verbockt. Nur der Kellner sah über diesen Fauxpas gelangweilt hinweg. Es hielt es schlicht für unnötig darauf hinzuweisen, dass in diesem Haus nirgends Keime zu finden seien, die dort nicht hingehörten und schon gar nicht im Essen.

„Haben Sie hier bereits schlechte Erfahrungen gemacht“, fragte Herr Wortmann, als der Kellner gegangen war.

Martin hatte das Gefühl, er wolle ihn foppen.

„Ich bin nur vorsichtig“, sagte Martin und wußte, dass er eine ganz schlechte Figur gemacht hatte.

„Eine gesunde Einstellung, junger Mann. Man kann nicht vorsichtig genug sein heutzutage.“

Eiskalt abserviert. Warum musste er auch wieder den Mund so voll nehmen. Martin riss sich mächtig zusammen, und es ging das ganze Essen über gut. Er machte brav Konversation und beantwortet allerlei Fragen. Als die Dessertteller abgeräumt worden waren, hielt es Herr Wortmann für angebracht, etwas zu sagen, was Martins Leben von Grund auf ändern sollte.

„Ich bin ganz froh Martin, dass Sie sich so gut mit meiner Tochter Nadine verstehen. Und du Nadine ja wohl auch mit Frau Bönning. Wir wollten es nicht ohne euer Einverständnis bekannt geben, deswegen sitzen wir jetzt hier zusammen.“

Eine kleine Pause, ein nicht ganz koscherer Blick auf Martins Mutter, dann nahm er auch noch ihre Hand.

„Ich habe vor Magret zu heiraten, und wir haben die Verlobung in der nächsten Woche geplant.“

Magret? Seine Mutter hieß Magret? Es kam Martin so vor, als ob er den Namen das erste Mal hörte. Wenigstens war es diesmal nicht Martin, der die tödliche Stille verursacht. Er sah kurz Nadine an, sie war blass geschminkt aber nicht so blass. Dann sah Martin seine Mutter an. In ihrem Lächeln war ein einziges großes Fragezeichen. Martin wußte, worauf sie wartete. Er dachte nach. Er hatte kein Problem damit. Nadine sagte nichts. War wohl so, dass erstmal alles an ihm hing.

„Ich muss dann aber nicht bei jedem Essen eine Krawatte tragen, oder?“ scherzte Martin, um die Anspannung zu lösen.

„Wäre das so schlimm?“ fragte Wortmann mit einem breiten Grinsen.

„Es wäre der einzige Einwand, den ich im Moment hätte.“

Martin fühlte den Stein auf seinen Fuß prallen, der sich von dem Herzen seiner Mutter gelöst zu haben schien. Herr Wortmann lächelte noch breiter. Was seine Tochter dazu zu sagen hatte, schien ihn im Augenblick nicht sonderlich zu interessieren.

„Ich freue mich für euch. Herzlichen Glückwunsch“, sagte Nadine tonlos mit einem gequälten Lächeln und reichte Martins Mutter die Hand.

„Dann ist es wohl angebracht, den Champagner zu ordern.“

Ein Blick Richtung Kellner und augenblicklich wurde ein Eiskübel heran gekarrt. Wortmann hatte den Champagner längst bestellt. Das war sonnenklar. Seine und Nadines Zustimmung waren Formsache.

Der Abend wurde noch recht lang, und es blieb nicht bei der einen Flasche Schampus. Herr Wortmann erzählte in aller Ausführlichkeit von seinen glückseligen Begegnungen mit Martins Mutter, wie sie sich kennengelernt hatten und wie sich irgendwann ineinander verliebt hätten. Alles gewürzt mit allerlei Anekdoten, die die vielen Fortbildungsreisen seiner Mutter plötzlich in einem anderen Licht erscheinen ließen. Trotzdem hörte Martin nur halb hin und beobachtete nebenbei interessiert, wie Nadine sich mit allem Anstand und in exzellenter Haltung volllaufen ließ. Als sie das Lokal verließen, war Nadine eine Spur weniger elegant auf den Pumps unterwegs, aber sonst verriet sie sich durch nichts.

Als sie weit nach Mitternacht wieder Zuhause waren, wollte seine Mutter wissen, ob Martin auch wirklich nichts gegen ihre Ehepläne einzuwenden hätte. Selbst dann nicht, wenn das hieße, dass sie von hier wegziehen müssten. Das war das letzte, was Martin schockte. Mehrmals versicherte seine Mutter ihm, dass sie ihn über alles lieben würde, und wenn er etwas dagegen hätte, und so weiter und sofort. Sie hatte einen Schwips. Martin brachte sie hinauf ins Bett, und sagte ihr nochmals, dass er Herrn Wortmann ganz in Ordnung fand und das alles, was sie plante gut und richtig sei.

Tatsächlich war es Martin völlig egal, ob seine Mutter Herrn Wortmann heiratet oder nicht. Wenn es ihr gut tat, war es okay. Das war ihr Leben. Er musste seine Dinge ja auch selber regeln. Er liebte seine Mutter, aber es war ihm klar, dass er nicht mit ihr zusammen alt werden wollte. Je eher sie sich wieder ein eigenes Leben aufbaute um so besser und leichter wäre es für Martin. Martin ging hinunter in die Küche. Im Kühlschrank fand er eine Flasche Bier. Das Haltbarkeitsdatum war seit drei Monaten abgelaufen. In diesem Hause wurde selten Bier getrunken. Es war auch das erstmal, dass Martin allein Alkohol trank. Auf Partys oder so, war das etwas anderes. Sich einfach so mit einem Bier in sein Zimmer zu setzten, das hatte er noch nie gemacht.

Martin konnte nicht schlafen. Noch nicht. Er ging hinaus in den Garten und legte sich auf den Rasen. Der musste dringend mal wieder gemäht werden. Das sagte auch Frau Bruckner, die plötzlich hinter der Hecke auftauchte. Martin hatte sich erschreckt und wollte wissen, was sie denn noch so spät im Garten machte. Sie sagte, dass sie ihn gesehen und gedacht hatte, sie könnte ja mal vorbeischauen. Martin stieg über die Hecke und setzte sich in ihrem Garten auf ihren Rasen, der war wenigstens kurz gemäht.

Frau Bruckner setzte sich neben ihn.

„Ist alles in Ordnung mit dir? Du hast dich lange nicht mehr sehen lassen.“

Es war kein richtiger Vorwurf, sie machte sich nur Sorgen.

Martin erzählte von seiner Mutter, ihren Plänen und von Nadine und seinen Plänen. Frau Bruckner hörte zu und freute sich. Irgendwie hatte er gedacht, dass sie anders reagieren würde, als er von Nadine erzählte. Eine kleine Spur von Eifersucht vielleicht. Aber da war nichts. Sie freute sich tatsächlich, dass er endlich jemanden in seinem Alter gefunden. Das täte ihm ganz sicher gut.

„Siehst du, so wendet sich alles zu Besten“, sagte sie und stand ächzend auf. „Na, vielleicht sehe die zauberhafte Nadine ja noch mal, bevor ihr wegzieht.“

„Bestimmt“, versicherte ihr Martin.

Dann war Frau Bruckner wieder verschwunden und Martin mit einer Pfütze Bier in der Flaschen und einem klaren Sternenhimmel über sich allein auf der Welt.

Kapitel 28 - Scharfe Wende

Frau Bruckner bekam gleich am nächsten Nachmittag die Gelegenheit, Nadine zu sehen. Nadine war vorbei gekommen, um sich zu entschuldigen. Sie hatte ihre Freude gestern nicht so gezeigt, wie man es schließlich von ihr hätte erwarten können, weil die Überraschung einfach sei zu groß gewesen sei. Und schlussendlich habe sie leider auch ein kleines bisschen zuviel von dem Champagner gehabt. Martin Mutter zeigte vollstes Verständnis. Sie saßen den ganzen Nachmittag über im Garten und tranken Eistee. Nadine war nicht mehr Nadine. Etwas hatte sich geändert. Sie war nicht mehr freundlich unnahbar, sie war jetzt nur noch herzlich. Fast aufdringlich herzlich. Kein Grund zur Klage eigentlich.

Gegen Abend holte Herr Wortmann sie ab. Sie wollten schon wieder Essen gehen. Martin suchte seine Kordhose. Nadine winkte ab.

„Heute kannst du so gehen.“

Sie selbst trug auch Jeans, das war ihm erst gar nicht aufgefallen. Selbst Herr Wortmann trug Jeans und dazu einen grauen Trachtenjanker mit dunkelgrünem Besatz. Im dunkelgrauen Jaguar ging es in ein nahe gelegenes Waldgebiet. Dort lag ein kleiner, schlichter Gasthof, der vorzügliches Wildbret servierte.

„Das dahinten“, erklärte Wortmann und zeigte den Hügel hinunter auf die andere Seite. „Das ist meine Jagd. In drei Wochen beginnt die Saison. Dann verbringen wir fast jedes Wochenende da oben in der kleinen Hütte. Da sind immer eine Menge Freunde dabei. Einige sieht man sogar nur zur Jagdsaison. Bin nicht sicher, ob die überhaupt meinetwegen kommen.“

Herr Wortmann lachte. Seine Mutter genoss die Aussicht. Und Martin beschlich der Verdacht, dass hier irgendwie sein Leben mit verplant wurde.

„Sie können doch jagen, oder?“ Die Frage war an Martin gerichtet.

„Habe ich noch nicht probiert.“

„Schade, da entgeht ihnen was. Aber halten sie sich nur an meine Tochter. Mit zwölf hat sie ihren ersten Sechsender geschossen, damals noch ohne Jagdschein. Aber Schwamm drüber.“

Nadine zeigte ihr beneidenswertes Lächeln und nahm Martins Hand, als sie das Lokal betraten. Wenigstens ging es hier legerer zu. Jagdkleidung war nicht Pflicht, jedenfalls nicht außerhalb der Saison. Das Essen war großartig. Nadines Hand auf Martins Knie irritierte nur ihn. Sonst bemerkte es keiner.

Nadine tauchte in der nächsten Woche jeden Tag auf. Wenn sie nicht gerade reiten ging, saß sie mit Martin im Garten und wollte Händchen halten. Oder die beiden gingen segeln. Eine Sportart, die Martin wirklich zu schätzen lernte und auch sehr bald im Griff hatte.

Eigentlich wollte Martin ja gerne mit Nadine Händchen halten und natürlich mehr. Er hätte sie ja sogar vom Fleck weg geheiratet. Aber dieser plötzliche Umschwung irritierte ihn nun doch ein wenig. Er wurde das Gefühl nicht los, dass es nichts wirklich mit ihm zu tun hatte. Hin und wieder hatte er sogar das Gefühl, dass Nadine ihn eigentlich verachtete. Dieses Gefühl hatte er früher nicht gehabt. Da war sie bestenfalls zurückhaltend und unnahbar gewesen.

Nachdem er sich das einige Tage angesehen hatte, steuerte er das Segelboot während eines Turns auf den weiter entfernten Strand zu. Die Bucht war einsam und ruhig, genau das was Martin suchte.

„Klapp das Schwert ein“, rief Nadine, als sie sah wie dicht er am Ufer war.

Er wußte nicht wie, aber Nadine hatte es schon erledigt.

„Was soll das?“

„Ich muss mit dir reden“, sagte er, während der Bootskörper über den Sand knirschte. Nadine raffte das Segeltuch herunter. „Du und deine Ideen.“

Sie zogen das Boot an den kurzen Sandstrand und setzten sich.

„Was ist los mit dir, Nadine?“

„Was? Das wollte ich dich schon fragen. Du hast doch gesagt, dass du mich liebst. Du wolltest mich doch sogar heiraten.“

„Das will ich immer noch“, sagte Martin, obwohl er sich im Moment da nicht so sicher war.

„Also. Ich komme dir entgegen, soweit es geht und du küsst mich noch nicht einmal“, zickte Nadine unvermittelt los, ohne das Martin irgendwie den Zusammenhang herstellen konnte.

Vielleicht hätte er sie jetzt tatsächlich einfach küssen sollen. Aber zwischen ihnen war eine unsichtbare Mauer, die ihn am betreten hinderte. Eine Nadine, die geküsst werden wollte, war irgendwie nicht das Original. Nicht die Nadine, die er vor kurzem noch für immer ewig zusammen sein wollte. Nadine sah ihn mit einer Mischung aus Sturheit und Aufforderung an. Irgendwo sah Martin auch ein Haar von Verachtung aufblitzen. Die Suppe war völlig versalzen.

Trotzdem beugte er sich herüber und küsste sie. Ziemlich trocken. Es war kein Verlangen in dem Kuss, nicht mal wie bei Franziska. Eine Formalie. Er versuchte es noch einmal. Mit dem gleichen bescheidenen Erfolg.

Enttäuscht stand er auf.

„Hilf mir das Boot wieder ins Wasser zu bringen.“

Sie war sitzen geblieben.

„War das alles? Ich dachte …“

„Was?“ fragte er und spürte Zorn in sich aufsteigen.

„Ich dachte, wir machen es gleich hier.“

Martin glaubte nicht richtig zu hören. Erst die Nummer mit ganz prüde und distanziert. Dann ein schlaff gelangweilter Kuss und jetzt wollte sie es am helllichten Tag an einem öffentlichen Strand in Sichtweite des Yachtclubs treiben.

„Möchte mal wissen, wer hier der Spinner ist?“ fragte er kopfschüttelnd.

Martin versucht das Boot allein ins Wasser zu schieben. Das ging auch einigermaßen. Nadine sprang erst im letzten Moment dazu. Schweigend brachten sie das Boot an die Anlegestelle zurück und sahen sich die nächsten drei Tage nicht.

Martin sah sich außerstande Nadine zu verstehen. Bei jeder anderen Frau hätte er wahrscheinlich kein Problem mit diesem Verhalten gehabt. Aber bei Nadine erwartete er etwas Anderes. Etwas mehr. Etwas Romantisches.

Zum ersten Mal war er so verunsichert, dass er am liebsten seine Mutter um Rat gefragt hätte. Aber die kam jetzt noch später abends nach Hause, und er sah sie so gut wie nie. Wenn überhaupt, dann in Begleitung von Wortmann und/oder seiner Tochter.

Er musste nicht lange überlegen, an wen er sich wenden sollte. Nur Frau Bruckner konnte er erzählen, was er dachte und sie würde ihn weder auslachen, noch einen eigennützigen Ratschlag erteilen.

Nachdem Nadine sich den zweiten Tag nicht gemeldet hatte, passte er Frau Bruckner in der Waschküche ab.

„Ich muss Sie sprechen“, sagte er, bevor sie womöglich dachte, was sie glaubte, was er dachte. Dann dachte er, was sie glaubte, das er dachte und verwarf den Gedanken schnell wieder.

„Ich habe kaum Zeit. Kannst du heute Abend kommen?“ sagte sie.

„Wann?“ fragte er. Die Sache drängte und Martin verstand kaum, dass sie nicht mal die fünf Minuten für ihn Zeit hatte.

„Etwa um neun. Ich lasse hier unten die Tür auf.“

„Okay“, sagte er zuckte enttäuscht die Achseln. Vielleicht hatte sich sein Problem bis dahin ja gelöst.

Kapitel 29 - Wer ist Nadine?

Gegen neun war sein Problem noch das gleiche. Er nahm Frau Bruckner die Abweisung aber nicht mehr so übel. Vielleicht hatte sie ja wirklich einen wichtigen Grund, der ihr tatsächlich keine Zeit ließ. Martin war pünktlich und leise. Sie kam kurz nach ihm. In der Waschküche war es dämmrig, aber das war gut so. So fiel es ihm leichter darüber zu sprechen. Martin erzählte, wie Nadine sich verändert hatte, und dass er das nicht verstehen konnte. Er erzählte auch, dass er nicht mehr wußte, was er von ihr halten sollte, ob er sie überhaupt liebte. Frau Bruckner hörte sich alles an und setzte sich auf den klapprigen Stuhl, auf dem meist der Wäschekorb stand.

Als er fertig war, sagte sie nur: „Da kann dir eigentlich keiner helfen. Liebe ist halt ziemlich schwierig. Manchmal ist man froh, manchmal enttäuscht und deprimiert. Das gehört einfach alles dazu.“

„Also liebe ich sie?“ Das war ja wohl die eigentliche Frage die Frau Bruckner für Martin beantworten sollte.

„Das kannst nur du selber wissen“, wiegelte Frau Bruckner ab.

„Aber ich bin mir nicht mehr sicher.“

„Das ist man nie, das macht es ja so spannend.“

Martin fand das durchaus nicht befriedigend.

„Aber es ist nicht so wie bei ihnen!“ warf er ein.

„Was?“

„Na, das Küssen und das alles.“

„Wie willst du das wissen?“

Tatsächlich musste Martin zugeben, dass er Frau Bruckner noch nie geküsst hatte, er hatte …

„Aber ich habe Angst, davor, dass es nicht so ist.“

„Da brauchst du keine Angst haben, es ist immer irgendwie dasselbe.“

Das war gelogen, ob wissentlich oder nicht. Es war gelogen. Martin wußte, dass es nicht immer irgendwie dasselbe war. Mit einem leichten Schauern dachte er an Frau Möller. Hoffentlich zu letzten Mal in seinem Leben.

„Wie gesagt, ich kann dir nicht helfen. Ich wünschte, ich könnte es, aber das kann keiner.“

„Sie könnten mich küssen, dann hätte ich einen Vergleich.“

„Nein, das kann ich nicht. Geh zu deiner Freundin und klär das mit ihr. Dann wird sich schon alles fügen.“

Sie wollte aufstehen. Es gab wohl nichts mehr zu sagen. Martin war schneller. Er setzte sich auf ihren Schoß und versuchte sie zu küssen. Sie wehrte drehte den Kopf weg, doch Martin gab nicht nach. Dann küsste sie ihn, erst widerwillig und zögernd, dann so wie er es erwartet hatte.

„Jetzt ist aber gut“, sagte sie.

Martin ließ sie los. Das hatte er befürchtet. Bei ihr war einfach alles größer, feuchter und wärmer. Und angenehmer.

„Das war nicht nett, das weißt du?“ wies sie ihn zurecht und es war das erste Mal, dass sie richtig sauer auf ihn war.

„Tut mir leid.“

„Kümmer dich um deine Freundin, die ist jung und hübsch. Das kommt schon alles. Verlass dich drauf!“ Das war ein Befehl. Frau Bruckner war aufgestanden, hatte die Tür geöffnet.

„Ist besser, wenn du von jetzt an nicht mehr rüber kommst.“

Dann war sie weg.

Martin war wütend auf alles und besonders auf sich. Er hatte gerade seine einzige wirkliche Freundin verloren und Schuld daran war nur Nadine und diese beschissene Art, wie küsste. Jetzt hasste er auch Nadine. Fünf Minuten später hasste er nicht mehr Nadine, sondern Frau Bruckner. Warum musste sie so küssen, wie Nadine küssen sollte. Dann wieder hasste er mal wieder sich selbst, weil er nur Schwachsinn im Hirn hatte. All dieses Nachdenken brachte ihn nicht weiter. Er nahm sein Rad und fuhr drauf los, um sich abzureagieren.

Seine Mutter hatte sich schon Sorgen gemacht, als er so spät nach Hause kam. Gelöst hatte er das Problem noch immer nicht, aber er war nicht mehr ganz so wütend. Am nächsten Tag ging er früh zum Training, dass er die ganze Zeit über so vernachlässigt hatte. Er wußte, dass es einen gewaltigen Muskelkater geben würde, aber er stemmte und zog trotzdem unter vollem Krafteinsatz an den Gewichten.

Gegen Abend meldete sich plötzlich Nadine. Sie wollte sich am nächsten Abend mit ihm treffen. Natürlich freute er sich.

Kapitel 30 - Broadway the hard way

Nadine holte Martin gegen 20 Uhr ab. Sie hatte nicht gesagt, wohin sie wollten. Martin war wie immer falsch angezogen. Sie war exakt so angezogen und gestylt, wie an dem Tag, als sie das erste Mal mit Wortmanns essen waren. Der Tag, an dem sie sich so plötzlich verändert hatte. Vielleicht war das ein gutes Omen. Vielleicht verwandelte sie sich heute Abend wieder zurück. Eine gute Idee, wieder in dieses Restaurant zu fahren, womöglich konnten sie alles von diesem Tag an wiederholen und neu fortsetzten.

Martins Hoffnung zerschlug sich schnell. Sie hielt nicht vor dem Restaurant. Sie fuhr zu sich nach Hause. Als sie vor ihm her über den Kies nur aus der Hüfte auf Tür zu schwebte, war klar: Dies ist die schärfste Frau der Welt. Martin wollte nicht wissen, wie sie es gemacht hatte, aber mit einem Mal schien sie wieder genau wie früher zu sein. Distanziert und trotzdem irgendwie warmherzig.

Martin trabte hinter ihr her in den Speiseraum. Zwei Gedecke lagen auf dem Tisch. Die Kerzenleuchter waren entzündet. Das Licht vom Tisch drang nicht in die Ecken des Raumes vor, dazu war das Zimmer zu groß. Sie setzte sich ans Kopfende des Tisches. Bestimmt sechs Meter und zwei mehrarmige Kerzenleuchter trennten sie.

Schade. Aber es war ihre Show. Zwei Dienstmädchen brachten Teller und servierten. Eine Karaffe Wein blieb bei Nadine stehen. Martin hoffte, dass sie die nicht allein austrinken würde.

Die Dienstmädchen waren stumm wieder verschwunden und Martin stellte fest, dass auch Nadine kein einziges Wort zu ihm gesagt hatte. Sie fing an zu essen. Auf Martins Teller befanden sich eine Handvoll Scampis. Nadine ließ ihn keine Sekunde aus den Augen, während sie einen Scampi nach dem anderen auslutschte.

Martin zerpflückte das Meeresgetier eher. Satt würde er heute wohl nicht werden. Seit Nadine den letzten Scampi ausgelutscht und jeden ihrer Finger einzeln abgeleckt hatte, beobachtete sie ihn von weitem mit aufgestütztem Kopf. Im Zimmer war es totenstill. Man hörte jeden Bissen, jedes Knacken der Schalentiere. Martin stellte sich noch ungeschickter an, seit sie ihn nur noch beobachtete. Er konnte ihr Lächeln nur erahnen, aber wußte, dass es da war und er liebte es. Die Soße war verdammt salzig und da war nur das eine Glas Wein. Martin kippte ihn zu schnell herunter. Was, wenn er leer war. Kam dann aus einer der dunklen Ecken ein eifriger Bediensteter und füllte unauffällig nach? Martin würde es gleich wissen. Er stellte das leere Glas ab und säuberte seine Finger.

Kein Bediensteter ließ sich blicken. Dafür erhob sich Nadine. Sie griff nach der Karaffe, aber hob sie nicht hoch. Langsam kam sie mit diesen organisch wiegenden Schritt auf ihn zu. Die ganzen sechs oder mehr Meter schepperte die Karaffe in ihrer Hand über den Tisch. Es hörte sich an wie ein Güterzug, der auf ihn zu raste. Nadine war dieser Güterzug, der auf ihn zu raste. Es war ihre Show. Und sie war verdammt gut. Mit einem Knall landete die Karaffe gleich neben dem Glas auf dem Tisch und Nadine kam vor ihm zum Stehen. Und wie sie stand. Eine Hand in die Hüfte gestemmt, das Becken leicht vorgeschoben. Sie hatte die Karaffe wieder hochgehoben und schenkte ihm Wein ein.

„Sag halt!“

Martin dachte gar nicht daran. Nicht mal, als das Glas überzulaufen begann. Nadine sah nicht hin, nicht mal als Karaffe leer war. Sie sah ihm nur in die Augen. Martin versuchte aufzustehen, jetzt wollte er sie küssen. Sie drückte ihn mit einer Hand zurück auf den schweren Eichenstuhl, mit der anderen warf sie die Karaffe in die Ecke, wo sie sich mit einem teuren Klirren verabschiedete. Sie schwang ein Bein über seine beiden und ließ sich nieder. Ihre Arme umschlagen ihn und sie küsste ihn. Nicht wie am Strand, sondern leidenschaftlich, als wäre seine Zunge ein weiterer Scampi auf ihrem Teller. Sie drückte ihn ein Stück von sich weg. Drei Knöpfe flogen an ihm vorbei und landeten mit dezentem Klickern auf dem Marmor. Die Kostümjacke glitt hinter ihr auf den Boden, und sie streckte ihre Brüste weit vor, während sie hinten den BH öffnete. Martin küsste ihr Dekolleté, dann lagen die Brüste frei. Nadine schob seinen Kopf dazwischen. Er küsste alles, was er antraf. Es war verdammt still hier. Nur ein stoßender Atem und Martins Schmatzgeräusche lagen in der Luft. Schon drückte sie ihn wieder sanft von sich. Mit dem rechten Arm räumte sie den Tisch ab. Dazu brauchte eigentlich nur eine einzige Bewegung. Sie hatte sich erhoben. Die andere Hand hatte unterdessen den Reißverschluss ihres Rockes gelöst und er glitt herunter. Heute trugen Frauen wohl grundsätzlich keine Unterwäsche mehr. Sie setzte sich auf die Tischkante und machte sich an seiner Hose zu schaffen. Auch das ging ziemlich zügig. Sie ließ sich nach hinten gleiten. Die Weinpfütze in der sie landete, nahm sie scheinbar gar nicht wahr, sie streckte die Arme nach hinten und hielt sich an dem schwer wirkenden Leuchter fest.

Martin küsste ihren Bauch, ihre Brust und lauschte auf ihren Atem. Ziemlich bald steckte er in ihr drin. Er. Nadine ließ den Leuchter los, schlang die Arme um ihn und zog ihn dicht zu sich heran. Sie küssten sich eindringlich und Martin wurde es bald angenehm warm und feucht um sich herum.

Als sie fertig waren, blieb Nadine auf dem Tisch liegen und räkelte sich entspannt.

„Bring mich hoch“, sagte sie.

Er sollte sie tragen? Die Treppen hoch? Okay!

Er hob sie an, sie hing leicht an seinem Hals. Wirklich kein Problem für einen Mann. Andererseits war da der Muskelkater und der lähmte ihn. Auf der Treppe kam er prompt ins Schwitzen. Er wollte sie nicht fallen lassen und er wollte auch nicht aufgeben. Drei Minuten später ließ er sie eher unsanft auf ihr Bett plumpsen und atmete schwerer als eben unten beim essen. Sie lachte, verkroch sich unter ihre Decke und holte ihn zu sich. Dort schlief er im Morgengrauen ein.

Am nächsten Mittag wurde ihm klar, dass er voraussichtlich gleich ein Rendezvous mit Herrn Wortmann hatte. Das konnte unangenehm werden. Andererseits fragte er ihn ja auch nicht, was er so alles mit seiner Mutter … Martin kam zum ersten Mal der Gedanke, dass seine Mutter mit Herrn Wortmann eventuell Sex haben würde. Er verscheuchte den Gedanken schnell wieder. Diese Vorstellung behagte ihm nicht besonders. Er sah sich in Nadines Zimmer um. Gut, Madame war schon aufgestanden. Jetzt konnte er den Gang nach Canossa allein antreten.

Seine Befürchtungen waren umsonst. Herr Wortmann war längst mit seiner Mutter zu irgendeiner Wohltätigkeitsveranstaltung abgerückt. Nadine hatte gefrühstückt. Er bekam Rühreier. Sie setzte sich zu ihm.

„Was treiben wir heute?“

Sie hatte ihn zur Begrüßung flüchtig geküsst. Er sah sie an. Sie war ausgesprochen gut gelaunt. Er gabelte Stück für Stück sein Rührei weg. Sie sah ihm nicht in die Augen. Doch tat sie. Aber nicht richtig. Nicht so, wie sie es tun sollte. Was war denn jetzt wieder los.

Nadine bemerkte den argwöhnischen Blick.

„Was ist jetzt wieder los.“

„Nichts“, sagte Martin. „Gar nichts.“

Martin nahm sich vor, in Zukunft weniger nachzudenken und mehr auf seine Intuition zu hören. Und seine Intuition sagte ihm in diesem Moment, dass gestern Abend, gestern Abend war. Es war das erste und einzige Mal. Sie würde nie wieder mit ihm schlafen. Er hatte keine Ahnung, wie er darauf kam, aber es war genauso sicher, wie die Tatsache, dass er sie liebte.

„Wollen wir segeln gehen?“

Martin sah raus. Das Wetter war nicht danach.

„Nein, das Wetter ist nicht danach“, korrigierte sie sich selbst.

Sie geht reiten, dachte Martin.

„Stört es dich, wenn ich etwas reiten gehe? Ich hole dich heute Abend ab und wir machen was zusammen, ja?“

„Kein Problem“, sagte Martin und dachte: Ist irgendwas?

„Ist irgendwas?“

„Nein, nein. Ich bin nur etwas erschöpft.“

„Ach so. Bist du heute Abend wieder fit?“ fragte sie mit einem schelmischen Lächeln.

„Aber 100 prozentig.“

„Na, dann ist ja gut!“

Ihr Lächeln blieb großartig, egal was auch immer sonst mit ihr war. Und er würde sie heiraten, gleichgültig was passierte.

Kapitel 31 - Dschungel der Liebe

Sie holte ihn tatsächlich ab und fuhr mit ihm in eine kleine Pizzeria. Das Essen war okay, und Martin konnte es bezahlen. Er wußte, dass sie auf so etwas Wert legte. Warum sie nicht bei ihr oder ihm zuhause aßen, wo ja auch ein Bett in der Nähe war, wollte er gar nicht wissen.

„Es ist romantisch hier, findest du nicht?“

Romantisch war es gestern Abend, aber das musste nicht gesagt werden. Martin fühlte sich, als ob er die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte. Was ist los, du bist anders heute.
„Ist was, du bist irgendwie anders heute.“

Gestern warst du so zärtlich.

„Gestern warst du noch so, … irgendwie anders.“

Du liebst mich nicht!

„Liebst du mich nicht mehr?“

„Doch ich liebe dich“, sagte Martin und griff testweise nach ihrer Hand. Sie zog sie zurück. „Es tut dir leid, nicht wahr?“

„Was?“ fragte sie.

„Dass du mit mir geschlafen hast“, sagte Martin ohne aufzublicken.

Treffer versenkt.

„Nein, bis eben gerade eigentlich nicht.“

„Aber jetzt.“

„Was sollen diese Fragen. Ich dachte, du fandest es genauso toll, wie ich.“ Ihre Hand begann nervös mit der Serviette zu spielen.

„Fandest du es denn toll?“

„Natürlich.“ Sie wurde langsam ungeduldig.

„Willst du mich dann heiraten oder nicht?“ fragte Martin, obwohl er das eigentlich überhaupt nicht vorgehabt hatte. Aber wenn der die Zeichen richtig deutete, saß er zu diesem Zweck hier.

„Vielleicht, wenn du mich richtig fragst, aber nicht so“, zierte sie sich.

„Gut.“

„Außerdem bin ich nicht sicher, ob du mich wirklich liebst“, warf sie sofort wieder ein.

„Doch, das habe ich bereits gesagt.“

„Aber du schaust mich nicht mehr so an. So verliebt meine ich.“

Perfekt meine Liebste, dachte Martin. Absolut perfekt.

„Wie soll ich denn gucken, deiner Meinung nach?“

„Du sollst nicht irgendwie gucken, sondern so wie fühlst.“

Am liebsten hätte er ihr jetzt gesagt: ‚Und sollst nicht irgendwie vögeln, sondern so wie du fühlst.‘ Aber er hatte ja gar nicht vor, sie zu verletzen, und letztlich hatte er es ja auch genossen. „Hör zu Nadine! Ich liebe dich und nun lass uns zahlen und zu mir gehen. Vielleicht sehen wir da wieder klarer.“

„Bist du verrückt?“

‚Was? Sex ist doch nicht alles?‘ äffte Martin in Gedanken.

„Liebe ist doch nicht nur Sex.“ Nadine stand auf und verschwand grußlos.

Martin zahlte und machte sich auf einen langen Nachhauseweg.

Martin machte sich keine ernsthaften Sorgen. Nadine würde ihn wieder anrufen. Sie würde ihn auch heiraten, aber sie würde wahrscheinlich nie wieder mit ihm schlafen. Ganz sicher aber nicht so, wie an diesem Abend. Das war Martin irgendwie klar geworden. Etwas ging vor, und Martin kam beim besten Willen nicht dahinter was es war. Offenbar gab es einen Grund, warum sie partout wollte, dass er sie heiratete. Aber mit Liebe hatte das nichts zu tun, da war sich Martin sicher.

Nadine rief wieder an. Sie heulte sogar. Alles war, wie es sein sollte. Sie trafen sich und er tröstete sie. Sie sagte, dass sie unheimlich gerne Sex mit ihm haben würde, jetzt gleich, aber sie saßen im Restaurant des Yachthafens. Wirklich Pech. Martin schlug vor, an den Strand gegenüber zu segeln. Es war unübersehbar Flaute. Die Toiletten? Sie war empört. Sie stritten sich, trafen sich am nächsten Tag und vertrugen sich wieder. Sie wollte. Pech, sie saßen gerade in der Eisdiele. Das Spiel lief so über zwei Wochen, und sogar Martins Mutter und Herr Wortmann wurden unweigerlich mit hineingezogen. Alles klar, dachte Martin, das ist zuviel. Er kaufte einen Ring und Blumen. Damit trabte er bei Wortmanns an und machte Nadine einen ordnungsgemäßen Antrag. Sie war begeistert. Sein Verdacht, dass er dafür eine kleine Belohnung verdient hätte, verpuffte in Nadines überzogener, stürmischer Begeisterung und ihren Überlegungen bezüglich der Hochzeitsvorbereitungen. Martin hatte das Gefühl in einer schlecht inszenierten Broadway-Veranstaltung gefangen zu sein.

Von nun an hatte er ein Leben in Kordhosen vor sich, frei gewählt und unaufhaltsam. Er beschwerte sich nicht. Aber er sah das alles genau vor sich. Jurastudium. Sex zu besonderen Gelegenheit. Zwei Kinder. Ein eigenes Haus. Mutter wird älter, sucht sich einen Liebhaber. Scheidung. Kleine Wohnung für ihn, irgendwo am Stadtrand. Andere Frau, wer weiß. Ein paar Variablen gab es da noch. Vielleicht kam ja auch alles ganz anders. Jedenfalls würde er testamentarisch festlegen, dass er in diesen Kordhosen beerdigt würde und das auch auf seinem Grabstein vermerkt würde. So etwa: „Hier liegt, in seinem letzten Paar Cordhosen …“

Es kam alles anders, aber noch anders. Nadine schien völlig durchzudrehen. Ob alle Frauen so waren? Sie schien kaum noch zu schlafen, sah ungepflegt aus, achtete nicht mehr auf ihre Kleidung und schaute glasig in die Gegend. Wenn sie nicht trank, musste sie wohl Tabletten nehmen.

Martin sah sich das nicht länger mit an.

„Wenn du mich nicht heiraten willst, dann lassen wir’s. Ich mache den Rückzieher, wenn es dir lieber ist.“ Früher wäre jetzt gekommen: ‚Wenn du einen Rückzieher machen willst, sag es doch, aber versuch es nicht mir unterzuschieben.‘

„Doch, doch, doch, ich will dich unbedingt heiraten“, sagte sie und kicherte glasig. Ihr hübsches Lächeln war völlig verschwunden. Die Haare hingen ihr strähnig ins Gesicht.
„Was los, was habe ich getan?“ Martin bekam langsam Angst. Etwas stimmte mit ihr nicht. Wenn das auch nur entfernt seine Schuld war, war er bereit alles tun um das wieder rückgängig zu machen.

„Nichts hast du mir getan, überhaupt nichts.“ Mit ihrem Lächeln war auch ihr Stolz verschwunden, sie wischte sich mit dem Ärmel über die laufende Nase.

„Kann ich irgend etwas tun?“ Martin konnte seine Hilflosigkeit nicht mehr verbergen.

„Ich glaube nicht.“

„Sag mir doch wenigstens, was los ist.“

Ihre Tränen schlugen plötzlich um in Wut. „Nichts. Nichts ist los.“

„Aber ich sehe doch …“

„Nichts siehst du. Dazu bist du viel zu dumm“, fuhr sie ihn an.

„Wie meinst du das?“ fragte Martin erschreckt.

Schlagartig schien sie sich wieder beruhigt zu haben. Derartig starke Stimmungsschwankungen waren doch wohl nicht mehr normal. „Kommst du morgen mit auf die Jagd?“ fragte sie freundlich und dachte gar nicht daran seine Frage zu beantworten.

„Natürlich, aber …“

„Vielleicht erzähle ich es dir morgen.“

Die Geschichte nahm Martin allmählich ernsthaft mit. Wenn er bloß diese verdammte Heirat hinter sich hatte, danach konnte es ja nur besser werden.

Kapitel 32 - Jagdsaison

Martin fuhr mit seiner Mutter gegen Mittag hinauf zur Jagdhütte. Im Gegensatz zu den Wortmanns gingen sie ja nicht wirklich auf die Jagd. Nadine und ihr Vater waren schon vor Sonnenaufgang losgezogen. Heute war es ruhig um die Hütte. Martin hatte schon zwei Treibjagden mitgemacht. Da war hier oben die Hölle los. Doch diesmal wollten sie nur den Nachmittag gemeinsam in der Hütte verbringen und sich entspannen. Keine Gäste.

Martin und seine Mutter gingen die letzten zwanzig Meter zu der Hütte zu Fuß. Mit dem Wagen konnte man nicht bis ganz an die Hütte heranfahren. Weiter unten versperrte eine Schranke die Durchfahrt. Den Korb mit den Lebensmitteln trug Martin. Seine Mutter erzählte von dem Wildschweinrücken, den sie und Herr Wortmann gestern Abend gemeinsam zubereitet hätten. Seine Mutter war glücklich. Das strahlte sie aus jeder Pore und Martin freute sich für sie. Sie und Herr Wortmann passten anscheinend gut zusammen. Was man von ihm und Nadine nicht unbedingt sagen konnte.

Martin konnte Nadine schon von weitem erkennen. Sie stand vor der Hütte und wartete auf ihn. Vielleicht würde sich ja heute alles klären. Schließlich hatte sie gestern so etwas angedeutet. Sie lächelte fast so wie früher.

„Wo ist dein Vater, Nadine?“ fragte Martins Mutter.

„Noch auf der Pirsch.“

„Kommt er auch bald?“

Martin ging einen Schritt nach rechts und stellte den Korb auf den runden Tisch vorm Hause.

„Nicht früh genug.“

Martin drehte sich um. Seine Mutter war fast bei Nadine. Vielleicht drei Meter noch. Martin sah seine Mutter, Nadine und wie der Kipplauf der Schrotflinte einrastet.
„Tut mir leid“, sagte Nadine mit einem hysterischen, verzerrtem Lächeln um die Lippen. „Ich steh es einfach nicht durch.“

Martin begriff nicht wirklich was los war. Er hörte den Schuss und glaubte es nicht. Seine Mutter machte einen weiten Satz zurück und landete auf ihrem Hintern. Den Bruchteil einer Sekunde saß sie still und aufrecht da. Ihre Hand wollte an ihren Bauch fassen, aber bevor sie ihn erreichte kippte ihr Oberkörper nach hinten. So blieb sie reglos liegen. Martin sah zu Nadine hinüber. Er wollte sie anschreien, aber aus seiner Kehle kam nichts.

Der Gewehrlauf zeigte nun auf ihn.

„Ich wußte, dass du zu dumm bist. Du hättest besser zu Hause bleiben sollen“, sagte sie und ihre Stimme hatte viel von ihrer früheren Überheblichkeit zurückgewonnen.
Martin sah in ihre Augen und wußte, dass sie nicht schießen würde. Vorsorglich sprang er hinter den Tisch, neben dem er stand. Von der Tischplatte fetzte ein Viertel des morschen Holzes weg. Keine gute Deckung. Martin wußte nicht viel übers Jagen, aber dass so eine Schrotflinte nur zwei Schuss hatte, war klar. Er sprang auf und wollte ihr die Waffe entreißen. Was er nicht wußte, war, wie verdammt schnell Nadine nachladen konnte.

Er hatte den Kopf kaum aus der Deckung gehoben, da hörte er das verräterische Klicken. Ohne groß nachzudenken rollte er sich in den kleinen Graben neben dem Tisch. Eine Ladung Schrot fegte über ihm in die Büsche. Er blieb still liegen.

„Du bist so dumm. Komm schon raus. Sonst komme ich zu dir.“ Ihre Stimme klang jetzt hysterisch. Sie sprach in einer Art Singsang, so als wenn sie ein Kinderlied aufsagte.

Martin hörte Schritte, die näher kamen.

„Ich komme.“

Das fand sie wohl lustig. Martin versuchte in dem Graben flach auf dem Bauch weiter zu robben.

„Ich komme.“ Nadine lachte meckernd wie ein Ziege.

„Ich komme Daddy, ooh ich komme.“ Sie klang jetzt schon verdammt nah und verdammt durchgeknallt. „Ich seh dich!“

„Nadine!“

Das war die Stimme ihres Vaters.

„Nadine! Was zum Teufel tust du da? Hast du den Verstand verloren?“

„Komm nicht näher, Daddy!“

„Nimm das Gewehr runter. Bist du verrückt geworden.“

„Bleib stehen! Ich erledige das hier. Die beiden haben alles durcheinander gebracht“, drohte Nadine.

„Nadine, was redest du für einen Unsinn? Nimm endlich das Gewehr runter, du zielst auf deinen Vater!“

Martin nutze die kurze Pause, die ihm die familiäre Unstimmigkeit da drüben brachte, um vorsichtig weiter zu robben.

„Bleib stehen!“

„Das war sicher ein Unfall, Nadine!“ versuchte Herr Wortmann seine Tochter zu beruhigen.

„Nein, er hat es gesehen. Er wird aussagen!“

„Nadine, wir kriegen das in den Griff. Bestimmt. Aber nimm um Gottes Willen das Gewehr runter.“

Eine kurze Stille. Martin wagte kaum zu atmen.

„Nadine!“

Ein Lauf rastete ein.

„Nimm das Gewehr runter, zwing mich nicht …“

Ein Schuss. Das war Nadine, Martin wußte es. Er sprang auf. Sie hatte ihn einen Moment lang völlig vergessen und starrte auf ihren Vater, der einige Meter vor ihr zusammensank. Sie sah Martin nicht mal kommen. Er sprang sie von hinten an, schleuderte sie zu Boden und riss ihr das Gewehr aus der Hand. Der Lauf war heiß, fast hätte er sich die Hand verbrannt. Nadine leistet keine Gegenwehr. Martin stand auf und ging hinüber zu ihrem Vater. Vorsorglich nahm Martin auch sein Gewehr an sich. Nadine hockte auf dem Boden und heulte oder lachte oder beides. Sie beachtete ihn nicht mehr.

Martin sah nach seiner Mutter. Ihre Augen waren offen, aber sie sah nichts mehr. Ihr Züge waren eigenwillig starr. Sie lächelte noch. Vielleicht war es auch nur Erstaunen. Martin schloss die Augen nicht, er wollte sie so nicht berühren. Er wollte wenigstens die Berührung von lebendiger Haut als letzte Erinnerung an sie belassen.

Nadine lachte immer noch hysterisch.

„Was machst du jetzt? Na, was machst du jetzt?“ kreischte sie kichernd.

Eigentlich sollte Martin die Polizei rufen und Nadine sofort in eine Klappsmühle einweisen lassen. Aber auch von dort würde sie ihn ein Leben lang verfolgen. Er hasste und liebte sie. Er würde immer wieder an sie denken müssen. Würde sie womöglich irgendwann verstehen. Das letzte was er erleben wollte, war diese Geschichte hier irgendwann zu verstehen oder gar zu entschuldigen. Eher würde er sich aufhängen. Martin ging hinüber zu ihrem Vater. Auch er war tot. Martin schob ihm vorsichtig seine Schrottflinte wieder in Arm.

Dann ging er zu Nadine. Er zog sie hoch zu sich, griff in ihre Patronentasche und lud das Gewehr nach. Nur eine Patrone.

„Martin!“ Ihre Stimme klang jetzt wieder ganz normal. „Du liebst mich doch?“

„Ja, ich liebe dich.“

„Komm her zu mir.“

Sie strich ihre Haare zurück, wiegte sich bei jedem Schritt in der Hüfte. Sie war perfekt. Selbst mit den schmutzigen Haaren. Er legte den Arm um ihre Hüfte.

„Was machen wir jetzt?“ fragte sie mit großen Angst geweiteten Augen. „Wir kriegen Ärger, nicht wahr?“

„Wir kriegen keinen Ärger. Wir doch nicht“, behauptete Martin.

„Du liebst mich, ich weiß es jetzt!“

„Ich habe es dir immer gesagt.“

„Du holst nicht die Polizei?“ fragte sie beruhigt.

„Nein, keine Polizei.“

„Was machen wir denn bloß?“

„Keine Panik. Erst mal solltest du versuchen zu lächeln, dann sehen wir weiter.“

Sie konnte es tatsächlich auf Kommando. Martin fand es wunderschön, wie sie ihr Kinn so weit über den Lauf der Flinte vorschob. Er zwang sich nicht wegzusehen, als er abdrückte und ihr Lächeln für immer aus seinem Leben blies. Martin ließ Nadine zu Boden sinken. Er war von oben bis unten mit Blut bespritzt. Jetzt wurde es wirklich Zeit nachzudenken.

Wortmanns Waffe hatte er nur einer Stelle berührt, die wischte er sorgfältig ab. Den Korb konnte er zu Hause angefasst haben. Im Auto die Abdrücke waren okay. Das einzige Problem war Nadines Waffe. Sie war voller Blut. Er konnte sie nicht abwischen. Pech. Er wischte nur den Kolben und den Abzug ab. Dann nahm er Nadines Finger und drückte ihn noch einmal gegen den Abzug. Das nächste Problem war, dass er hier weg musste. Es waren mindestens vier Stunden Fußmarsch bis nach Hause. Und in diesem Zustand konnte er sich nirgendwo blicken lassen. Auf alle Fälle musste er vor der Polizei zuhause sein. Schüsse waren hier nicht eben selten. Aber Spaziergänger und Wanderer auch nicht. Hatte er irgend etwas vergessen? Egal, jetzt war es zu spät. Er joggte los. Mit dem T-Shirt hatte er das meiste Blut aus seinem Gesicht entfernt, aber er konnte das T-Shirt unmöglich hier irgendwo wegschmeißen. Anziehen wollte er es aber auch nicht mehr.

Seine Kondition war in Ordnung, er schaffte es mit kleinen Gehpausen 75 Minuten zu laufen. Hin und wieder musste er sich auch vor anderen Passanten verstecken. Inzwischen hatte er vielleicht 12 Kilometer hinter sich gebracht. Weiter hinten konnte er schon den Ögersee erkennen. Von dort aus waren es nur noch etwa 5 km. Leider wurde die Gegend zunehmend bewohnter. Wenn er auch weiterhin allen Zeugen aus dem Weg gehen wollte, konnte er noch Stunden brauchen, und er musste sehr vorsichtig sein.

Den Ögersee erreichte Martin eine weitere dreiviertel Stunde später. Er mied die befahrenen Wege und schlug sich durchs Gehölz um den See herum, bis er die Stelle wiedergefunden hatte, wo er mit Werner und Doris schwimmen gegangen war. Gott war das lange her. Niemand da. Er zögerte nicht, sondern beeilte sich ins Wasser zu kommen. Er wusch sich so gründlich er konnte. Überall waren Leute am See und grillten. Ein kleines Feuer würde hier nicht weiter auffallen. Er nahm sich die Zeit, das T-Shirt auf einem der Felsen ordentlich zu verbrennen. Dann blies er die Asche in den See. Nicht übertreiben. Das war okay. Martin sah zu, dass er weiter kam. Er durfte jetzt nur niemanden mehr treffen, der ihn kannte. Ein Junge mit bloßem Oberkörper fiel hier an dem See nicht weiter auf.

Bis zur Stadtgrenze schlug er sich ohne Komplikationen durch. Dann war schulz. Zu viele Leute. Jederzeit konnte ihn jemand erkennen und sich später daran erinnern. Langsam begann er die Stadt zu umrunden. Irgendwo musste es eine Stelle geben, von wo aus er unbemerkt bis zu seinem Haus kam.

Keine Chance. Die Telefonzelle. Oben an dem geschlossenen Waldlokal war eine öffentliche Telefonzelle. Er brauchte nur fünfzehn Minuten. Wehe, wenn irgendwelche Chaoten das Ding ramponiert hatten.

Martin beruhigte sich als er das Freizeichen hörte. Der Apparat war uralt. Die Post schien ihn hier vergessen zu haben und die Randalierer auch. Er wählte die Nummer von Bruckners und hoffte, dass nicht etwa …

„Bruckner.“

Das war der Alte, Martin zögerte, er wollte wieder auflegen. Wie sollte er unbemerkt Frau Bruckner an die Strippe kriegen?

„Schönen guten, Firma Tuppatest. Sie können eine komplette Tuppawaren-Küchenausstattung gewinnen, wenn Sie uns folgende Fragen beantw…“

„Einen Moment bitte, ich gebe Ihnen mal meine Frau.“

Das hatte hingehauen. Kurz darauf hatte Martin Frau Bruckner an der Strippe.

„Ich bin’s Martin“, sagte er schnell. „ Ich weiß Sie sind sauer, aber ich brauche Ihre Hilfe. Ganz ehrlich, ich sitze richtig tief in der Scheiße.“ Hoffentlich hatte sie das nicht nur so dahin gesagt, dass sie ihn beschützen würde, wie ihr eigenes Kind.

„Was kann ich tun?“ fragte sie ohne eine Sekunde zu zögern.

20 Minuten später fuhr Frau Bruckner mit ihrem Wagen vor. Als Martin sie erkannt e, kam er aus dem Gebüsch.

„Du siehst schlecht aus Martin“, sagte Frau Bruckner.

„So fühle ich mich auch.“

Martin legte sich auf Rücksitz. Sie stellte keine Fragen und fuhr ihn unbemerkt bis in ihre Garage.

„Du solltest dich gründlich waschen, das sieht aus wie Blut.“

„Das ist Blut.“

„Pass auf, ich komme in zehn Minuten rüber, dann erzählst du was passiert ist. Und erzähl mir keine Märchen. Wenn ich dir helfen soll, muss ich zumindest wissen, worauf ich mich da einlasse, verstanden?“

Martin nickte. Damit war er absolut einverstanden. Er schlich unauffällig rüber in sein Haus. Als erstes ließ er die Wanne voll Wasser laufen und legte sich in den Berg aus Schaum. Eine kleine Pause war jetzt dringend nötig. Seine Beine brannten wie Feuer. Er hatte sich etliche kleine Hautrisse von den Dornen in den Büschen zugezogen. Die Polizei konnte jederzeit kommen, aber das war ihm egal. Beinahe wäre er eingeschlafen. Unten drehte sich das Schloss, das musste Frau Bruckner sein. Stimmt ja, sie hatte noch den Schlüssel. Man konnte ja nie wissen.

„Martin?“ rief Frau Bruckner von leise von unten.

„Hier oben.“

Martin hatte die Tür zum Badezimmer offen gelassen.

„Also, was ist passiert?“ fragte sie gespannt.

Martin erzählte, was sich an der Jagdhütte zugetragen hatte. Unterdessen Frau Bruckner versuchte, das angetrocknete Blut mit einer Bürste aus seinen Haaren zu kriegen. Sie war weniger schockiert, als Martin erwartet hatte. Er vermied nur einige Details, blieb aber ansonsten genau bei der Wahrheit. Eigentlich hatte er sich ja nichts vorzuwerfen.
„Warum?“ fragte Frau Bruckner nur einmal, als er erzählte, dass er Nadine erschossen hatte.

„Weil sie meine Mutter erschossen hat“, rechtfertigte sich Martin, der dachte, sie meinte, warum er Nadine umgebracht hatte.

„Nein, das meine ich nicht. Warum hat sie bloß auf deine Mutter geschossen?“

„Keine Ahnung“, sagte Martin wahrheitsgemäß. Er hatte überhaupt noch keine Zeit gehabt darüber nachzudenken. Und es schien ihm auf den ersten Blick auch nicht so, als ob sich diese Frage wirklich beantworten ließe. Wahrscheinlich war Nadine einfach nur wahnsinnig.

„Du brauchst dringend ein Alibi“, stellte Frau Bruckner nüchtern fest.

„Genau.“

„Vielleicht hättest du doch besser die Polizei gerufen und wärst dort geblieben.“

„Mit drei Leichen? Was hätten die wohl gedacht, wenn ich da als einziger Überlebender herumgestanden hätte? Wie hätte ich beweisen sollen, dass nicht ich es war, der sie alle umgebracht hat?“

„Hast du?“

Sie misstraute ihm. „Nein, habe ich nicht. Es hat sich genau so abgespielt, wie ich gesagt habe“, stellte Martin unmissverständlich klar.

„Schon gut, das weiß ich ja.“

Martin fand, dass er jetzt sauber genug sei und stand auf, um sich abzutrocknen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir damit durchkommen. Bestimmt finden sie irgendwas, Fingerabdrücke oder sonst irgendeine Kleinigkeit“, sinnierte Frau Bruckner.

„Sie finden nur, das, was sie suchen und das hängt davon ab, was sie glauben, was passiert ist. Es kommt nur auf die Phantasie der Beamten an.“

„Wie kommst du darauf?“

„Erfahrung“, sagte Martin knapp.

„Verstehe. Ich werde versuchen dir zu helfen, so gut es geht.“

„Danke.“

„Jetzt muss ich aber verschwinden. Immerhin kann die Polizei jeden Moment hier sein.“

Damit hatte sie recht.

„Frau Bruckner!“ rief Martin sie zurück. „Vielleicht sind Sie es ja, die ich liebe. Kann doch sein oder?“ sagte er einer Intuition folgend. Irgendwie dachte er, sie würde so was in der Art gerne hören.

Frau Bruckner lachte. „Red keinen Unsinn! Wir haben nur ähnliche Probleme und sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Darum müssen wir zusammenhalten. Das ist alles, was uns verbindet“, sagte sie und ging.

Frau Bruckner hatte wie immer recht. Geliebt hatte er Nadine. Mit Frau Bruckner kam er gut klar, das war alles.

Martin zog sich frische Sachen an und wartete, diesmal brauchte die Polizei hoffentlich nicht wieder Wochen, bis sie die Leichen fanden. Egal wie diese Geschichte ausging. Eins war Martin klar. Er hatte die Schnauze voll: Von nun keine Lügen mehr und keine Pläne. Nie wieder.

Kapitel 33 - Die Nacht danach

Alles ging wieder mal schleppender voran, als es Martin lieb war. Kurz nach 21 Uhr klingelte es endlich an der Haustür. Er sah aus dem Fenster. Unten standen zwei fremde Wagen in der Einfahrt. Martin ging erleichtert die Treppe hinunter und öffnete die Tür.

„Martin Bönning?“ fragte der ältere der beiden Männer und hielt ihm einen Ausweis hin.

„Bruhns, Kriminalpolizei.“ Er zeigte hinter sich. „Das ist mein Kollege Haider. Und hier Frau Kant vom sozialen Dienst.“

Martin blieb in der Tür stehen. Eigentlich hatte er erwartet, dass sie ihm jetzt seine Rechte vorlasen. Aber das hier war kein Krimi und auch nicht Amerika.

„Dürfen wir einen Moment hereinkommen?“

Martin trat einen Schritt beiseite und ließ die Leute herein. Dann schloss er die Tür. Die Kriminalbeamten begannen sich mechanisch im Flur umzusehen. Reine Gewohnheit, vermutet, Martin. Frau Kant sah sich nicht um, sie beobachtete ausschließlich Martin.

„Also, Herr Bönning“, setzte Bruhns an. „Ich will nicht lange drum herum reden. Es ist etwas mit Ihrer Mutter. Er wäre Unsinn zu sagen, sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Die Sache ist die, wir müssen sie bitten mit aufs Präsidium zu kommen, und …“

„Es wäre schön, wenn du uns helfen könntest, einige Fragen zu klären.“, mischte sich Frau Kant sofort ein.

Bruhns warf ihr einen bösen Blick zu.

„Was ist mit meiner Mutter?“

„Das versuchen wir gerade herauszufinden?“ überging Frau Kant den Kommissar gleich wieder.

„Hatte sie einen Unfall?“ fragte Martin, versuchte dabei besorgt zu klingen.

Bruhns und Kant sahen sich unsicher an. Beide schienen sich um diese Antwort nicht zu reißen.

„Die Wahrheit ist“, setzte Frau Kant an, „dass deine Mutter tot ist.“

„Wieso tot?“

„Genau das versuchen wir gerade herauszufinden, und dabei sollst du uns nun helfen.“ Bruhns hatte das Feld geräumt und überließ Frau Kant alles weitere. „Wir möchten dich bitten, uns jetzt aufs Präsidium zu begleiten.“

Martin nickte stumm und griff nach seinem Schlüssel an der Tür. Hätte er jetzt nicht zusammenbrechen müssen? Martin überlegte. Wenn darüber nachdachte, musste er zugeben, dass er noch nie so richtig zusammen gebrochen war. Warum also ausgerechnet jetzt? Nein, das passt einfach nicht zu mir, entschied Martin. Die drei Fremden standen unschlüssig im Flur herum. Also öffnete Martin die Tür und ging voran auf die beiden Wagen zu.

„Komisches Kind“, war das erste, was dieser Haider von sich gab.

„Er hat einen Schock“, erklärte Frau Kant und beeilte sich ihm zu folgen.

„Welches Auto?“ fragte Martin und stand wie verloren auf dem Rasen.

„Steig hier ein“, sagte Frau Kant und zeigte auf den arg mitgenommenen Fiat Panda.

Bruhns und Haider stiegen in den zweiten Wagen.

„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte Frau Kant und lenkte den Wagen aus der Auffahrt.

„Ja?“ sagte Martin und es klang eher wie eine Frage.

„Schon gut. Mach dir keine Sorgen. Wir kriegen das alles in den Griff.“

Martin sah Frau Kant an. Sie war klein, pummelig, ungepflegt aber nett. Eine Sozialarbeiterin eben.

Als Martin merkte, dass sie nicht direkt ins Präsidium, sondern zum Krankenhaus fuhren, ahnte er was ihn erwartete. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er seine Mutter identifizieren musste. Jetzt sah er sie doch noch mit geschlossenen Augen. Sie hatten ihre Gesichtszüge verändert. Das sollte wohl so aussehen, als ob die schlief. Seine Mutter war auch nicht in einem Schubfach aufbewahrt, wie er vermutet hatte. Sie lag scheinbar unbekleidet, nur mit einem Tuch bedeckt auf einem Edelstahltisch, wie man ihn auch in Großküchen verwendete. Eigentlich wollte er seine Mutter mit diesem seltsamen Lächeln in Erinnerung behalten. Jemand, der lächelte, war nicht wirklich tot. Bis zu diesem Moment hatte er zwar gewusst, dass sie tot war, aber alles schien ihm bis eben so normal. Als ob sie nur im Moment nicht da war. Jetzt erst wurde ihm klar, dass sie nie wiederkommen würde und, dass er das Gefühl dafür verlieren würde, dass sie nur abwesend war. Sie existierte schlicht nicht mehr, das war etwas ganz anderes. Martin wußte das, weil er es bei Frau Möller erlebt hatte. Nur mit dem Unterschied, dass er bei seiner Mutter darüber nicht froh war. Martin spürte, dass man eine Reaktion von ihm erwartete. Eine Ohnmacht vielleicht oder einen Wutanfall. Aber dazu war er jetzt nicht fähig. Wie gelähmt stand er vor dem Tisch, betrachtete seine Mutter und verspürte nichts als eine grausame, öde Traurigkeit.

Der Mann im weißen Kittel deckte das Gesicht seiner Mutter wieder ab, als er meinte, dass der Junge genug gesehen hatte. Martin protestierte nicht. Aber das Gesicht ließ sich nicht so einfach wieder zudecken. Martin konnte es auch durch den Stoff sehen. Der Arzt, oder was er auch war, ging weiter zu den anderen Tischen.

„Das reicht jetzt“, zischte Frau Kant. „Sehen sie nicht wie blass er ist? Der kippt uns gleich um.“

Da irrte sich die gute Frau aber gewaltig. Trotzdem war es Martin recht nicht auch noch die anderen Leichen identifizieren zu müssen.

Bruhns winkte den Leichenbeschauer zurück. Sie hatte ja recht. Jeder wußte wer die anderen beiden Leichen waren. Selbst bei Frau Bönning hier wäre die Identifikation eigentlich überflüssig gewesen, aber wie sollte man einem Kind sonst klar machen, dass die Mutter wirklich tot war?

Martin fand sich auf einmal in einer Amtsstube wieder. Er hatte nicht die blasseste Ahnung, wie er hier hergekommen war.

„Herr Bönning?!“ Bruhns schien ungeduldig zu sein. Er hatte ihn wohl schon mehrmals angesprochen.

„Ja“, presste Martin aus trockener Kehle und sah auf.

„Ich versuche Ihnen zu erklären, was geschehen ist!“ sagte Bruhns sichtlich genervt.

„Ja“, sagte Martin noch einmal.

„Das hat keinen Sinn, das sehen sie doch!“ fuhr Frau Kant von irgendwo her dazwischen.

„Gut, verschieben wir das auf morgen“, willigte Bruhns müde ein.

„Ich bringe ihn nach Hause.“

„Das geht nicht!“ sagte Haider.

„Erst muss geklärt werden, ob die Spurensicherung in dem Haus noch zu tun hat“, erklärte Bruhns.

„Wo soll ich ihn denn unterbringen?“ fragte Frau Kant.

„Das ist ihr Problem. Nach Hause kann er jedenfalls nicht.“

„Ich kriege doch um diese Uhrzeit keinen Platz in einem Heim mehr für ihn.“

„Unten sind genug Zimmer frei“, behauptete Bruhns trocken.

„Eine Zelle? Sie wollen den Jungen in eine Zelle sperren?“

„Nur damit er irgendwo schlafen kann. Die Tür bleibt offen.“

„Bruhns, Sie sind ein Idiot“, regte sich Frau Kant auf und versuchte gar erst, das nicht nach Beamtenbeleidigung klingen zu lassen. „Martin! Martin, hast du Verwandte oder Freunde in der Nähe, wo ich dich diese Nacht unterbringen kann?“

Martin dachte an Frau Bruckner und schüttelte den Kopf. Es war besser sie vorerst nicht mit in diese Geschichten hinein zu ziehen.

„Schöne Scheiße“, zischte Frau Kant leise.

„Das geht mich Gott sei Dank nichts an“, erklärte Bruhns. „Nehmen Sie den Jungen und kümmern sie sich um ihn. Ich habe jetzt Feierabend. Morgen um Punkt elf will ich ihn frisch und munter wieder hier sehen.“

„Danke für Ihre Kooperation, Bruhns.“

„Wie gesagt, wir haben jede Menge freie Zimmer.“

Martin hatte die Zeit zwischen der Leichenhalle und dem Verhörzimmer einfach nicht wahrgenommen. Aber inzwischen war es halb eins durch, und er stand mit Frau Kant vor ihrem Fiat. Entweder war er doch ohnmächtig geworden, oder er hatte einen echten Blackout.

„Ich kann dich nicht mit zu mir nehmen“, sagte sie. „Das ist gegen die Vorschriften. Aber ich kann dich bei einer Kollegin unterbringen.“

Frau Kants Kollegin lernte Martin nie kennen. Als er aufwachte, lag er auf Luftmatratze in einer fremden Wohnung und hatte Hunger. Es war so eine siebziger-Jahre-Freak-Wohnung, mit Che Guevara-Plakaten an der Wand, alles bunt und selbst angestrichen, überall flogen irgendwelche gemusterten Tücher herum und die Schrankknöpfe bestanden aus kleinen Gänseblümchen aus Plastik. Auf dem Weg ins Badezimmer traf er Frau Kant. Sie stand auf dem Flur und telefonierte.

„Benno, ich habe mir das doch nicht ausgesucht. Soll ich den Jungen in so einer Nacht einfach allein lassen? … Das ist mein Job. … Wenn … Moment.“ Als sie Martin sah, hielt sie die Sprechmuschel zu und sagte Martin, dass er in der Küche frühstücken könne. „Ich muss jetzt Schluss machen, Benno. Wir sprechen heute Abend darüber.“ Dann legte sie auf.

„Du hast sicher einen Mordshunger. Aber trink erst mal einen Tee, dann sehen wir, wie es deinem Magen geht.“

Martins Magen ging es gut. Er wollte lieber etwas essen. Wenngleich ihn die tönernen Müslischalen nicht ernstlich reizten.

„Rührei wäre jetzt gut.“

Frau Kant lachte nicht viel.

„Fang mit dem Tee an. Wahrscheinlich erinnerst du dich nicht mehr richtig, aber du hast gestern Abend meinen Wagen ziemlich vollgekotzt und das Zimmer von Bruhns auch. Du weißt noch, wer Bruhns ist?“ fragte sie zur Sicherheit nach.

Martin nickte.

„Wir müssen da heute noch mal hin. Du weißt noch warum?“

„Meine Mutter ist tot.“

„Richtig.“

„Das muss geklärt werden.“

„In Ordnung.“ Frau Kant schien zufrieden. Der Junge war ganz offensichtlich wieder stabilisiert. „Wenn du soweit bist, sag Bescheid. Ich werde, wenn ich dich abgeliefert habe, versuchen an deine Sachen zu kommen und dir einen Platz in einem Wohnprojekt zu sichern.“

„Wohnprojekt?“ fragte Martin alarmiert.

„Ja, das erkläre ich dir nachher, einverstanden?“

Martin war damit nicht einverstanden. Aber worum es auch ging, es würde ja nicht für lange sein.

Bruhns war längst nicht so frisch wie Martin. Haider stand hinter ihm an die Wand gelehnt, folgte der Befragung so gut er konnte.

„Tja Herr Bönning, ich habe es Ihnen ja gestern Abend schon mal versucht klar zu machen. Ich habe drei Leichen und weiß beim besten willen nicht, wie ich mir das erklären soll.“

Martin beschloss so wenig wie möglich zu sagen, dann konnte er auch keinen Fehler machen.

„Wie gesagt, da liegen drei Leichen im Wald und es fehlt jede Erklärung. Haben Sie irgendeine Vorstellung, was dort geschehen sein könnte?“

„Nein.“

„Nicht den kleinsten Anhaltspunkt?“

„Ich verstehe überhaupt nichts.“

„Gut, gut, fangen wir mal ganz langsam an, uns da heran zu arbeiten.“ Bruhns nahm einen Bleistift, um sich Notizen zu machen.

„Sie waren an diesem Tag nicht mit auf die Jagd gefahren?“

„Nein.“

„Warum nicht, waren Sie nicht mit der Tochter von Wortmann befreundet?“ fragte Bruhns nach und deutete damit an, dass er die Nacht genutzt hatte, um sich schlau zu machen.

„Ja.“

„Warum sind sie dann nicht mitgefahren?“

„Wir hatten uns gestritten.“

„So“, Bruhns legte interessiert den Bleistift beiseite.

„Ja, wir hatten uns am Abend vorher gestritten und ich hatte keine Lust, Nadine zu sehen.“

„Worum ging es bei diesem Streit?“ hakte Bruhns interessiert nach.

Die Tür flog ohne Vorwarnung krachend in den Raum. Ein hagerer Mann mit Nickelbrille trat ohne anzuklopfen herein.

„Bruhns, ich warne Sie! Versuchen Sie so etwas nicht noch mal!“

„Was …?“

„Hannemann. Sozialer Dienst.“ Der Mann hielt Bruhns seinen Ausweis vor die Nase.

„Das Verhör eines Minderjährigen in einer Strafsache, ohne Anwesenheit eines Erziehungsberechtigten oder gleichgestellten gesetzlichen Vertreters ist absolut illegal! Das wissen Sie genau!“

„Das ist kein Verhör“, verteidigte sich Bruhns mit erhobenen Armen. „Ich befrage den Jungen lediglich bezüglich eines Sachverhaltes, zu dessen Klärung er vielleicht beitragen kann.“

„Das ist dasselbe, das wissen sie. Der Junge ist nicht in Lage, seine Rechte wahrzunehmen. Aber dazu bin ich ja da. Sollte ich erwähnen, dass ich Volljurist bin?“ Das war eindeutig eine rhetorische Frage. „Kommen sie mir also nicht so schrägen Argumenten. Das nur eine Befragung und kein Verhör, dass ich nicht lache! Meine Kollegin können sie vielleicht mit so was einlullen. Mich nicht!“

„Ich versuche niemanden …“ bemühte sich Bruhns klarzustellen.

Hannemann hörte gar nicht hin und wandte sich an Martin. „Sind Sie sich der Konsequenzen, die eine solche Befragung für Sie haben kann, voll im klaren, junger Mann?“

„Ich weiß nicht“, sagte Martin vorsichtig.

„Gut, wünschen Sie einen juristischen Beistand?“

„Nein. Eigentlich nicht.“

„Sind Sie damit einverstanden, wenn ich dem Verhör beiwohne und gegebenenfalls Ihre Interessen wahre?“

„Ich habe nichts dagegen.“

„Damit wäre das geklärt!“ sagte Hannemann und schloss die Tür. „Ich setze sie davon in Kenntnis Herr Bruhns, dass ich das Mandat, das Herr Bönning mir eben übertragen hat, annehme. Und nun … Fahren Sie fort!“

Hannemann griff nach einem freien Stuhl und setzte sich gleich neben Martin.

„Vielen Dank, Herr … Herr Hannemann!“ grunzte Bruhns. „Also, wo war ich. … Ja. … Sie hatten also Streit. Worum ging es dabei.“

„Um nichts eigentlich.“

„Wie? Um nichts eigentlich?“

„Na, Nadine hatte eben schlechte Laune und nörgelte herum. Ich hatte keine Lust, mich um sie zu kümmern, also ist sie verärgert weggegangen.“

„Doch sie wollten sie am folgenden Tag wieder treffen.“

„Schon, aber sie hatte ja nicht mal angerufen, da dachte ich, sie sei immer noch sauer. Also habe ich mich kurzfristig entschlossen, besser nicht mitzufahren und bin ich zu Hause geblieben.“

„Eine glückliche Entscheidung, sonst hätte ich jetzt womöglich vier Leichen.“

„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?“ mischte sich Hannemann ein und putzte routiniert seine Brille.

„Sie haben keine Ahnung, warum Nadine verärgert über sie war?“ ging Bruhns über Hannemanns Einwurf einfach hinweg.

„Nein, nicht die mindeste?“

„Sie hatten doch Pläne sie zu heiraten, nicht wahr?“

„Ja.“

„Warum sahen Sie sich genötigt, sie zu heiraten?“ wollte Bruhns wissen.

Das war eine Unterstellung und Martin bemühte sich das richtigzustellen: „Ich sah mich nicht genötigt, ich wollte es einfach tun.“

„So mir nichts dir nichts, ohne jeden Grund?“ Bruhns fuchtelte willkürlich mit den Armen in der Luft herum. Wohl um Martin zu zeigen, dass er sich mit solch einer Antwort wohl kaum abspeisen ließe.

„Ich liebe Nadine, das ist doch wohl Grund genug, oder?“

„Ach, heute eigentlich nicht mehr“, warf Bruhns ein. Der Polizist wollte auf irgend etwas bestimmtes hinaus, aber Martin konnte nicht erkennen auf was. Das verunsicherte ihn zunehmend.

„Nadine legte aber Wert darauf!“

„Also hat sie versucht sie zur Ehe zu überreden?“ schloss Bruhns messerscharf.

„Das habe ich nicht gesagt!“

„Es reicht jetzt Bruhns. Ich kann nicht erkennen, was die Beziehung meines Mandanten zu diesem Mädchen mit ihrem Fall zu tun hat“, versuchte Hannemann dem Kommissar den Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Moment, Moment.“ Bruhns ließ sich nicht so leicht einschüchtern und ablenken. „Nadine war ein sehr konservatives Mädchen nicht wahr?“

„Kann man sagen?“

„Und wie es heute so üblich ist, haben Sie mit ihr geschlafen, richtig?“

„Bruhns“, rief Hannemann. „Solche Fragen müssen Sie nicht beantworten.“

Martin winkte ab.

„Habe ich. Ist das schlimm?“

„Oh, nein. Sie sind fast 18 und Nadine war ebenfalls 18. Da sehe ich eigentlich überhaupt kein Problem.“

„Dann geht Sie das alles wohl kaum etwas an“, bemerkte Hannemann sofort.

„Das wiederum sehe ich allerdings ganz anders. Wussten Sie, dass Nadine schwanger war?“ ließ Bruhns endlich die Katze aus dem Sack. Der Kommissar konnte Martin eigentlich ansehen, dass er das nicht gewusst hatte. Er wartete trotzdem, bis Martin antwortete.

„Nein, davon hatte ich keine Ahnung.“

„Hhm, bislang habe ich überhaupt keine Vorstellung davon, was da oben in der Jagdhütte vorgefallen ist. Aber es scheint mir nicht unwahrscheinlich, dass es mit dieser Tatsache durchaus etwas zu tun haben könnte. Finden Sie nicht?“

Martin schwieg.

„Vielleicht ist es jetzt doch ganz nützlich, dass Herr … Hannemann anwesend ist. Ich rate Ihnen, sich mit ihm zu besprechen und zu klären, ob Sie zu einem Vaterschaftstest bereit sind.“ Bruhns wandte sich an Herrn Hannemann: „Ich muss dieses Anliegen wohl nicht näher begründen, nicht wahr? Sie können sich gerne hier beraten, Haider und ich warten solange draußen.“

„Nicht nötig!“ sagte Martin sofort. „Ich mache den Test.“

„Vielleicht sollten sie doch mit Herrn Hannemann über die …“ Auch Herr Hannemann fand Martins Einwilligung etwas übereilt.

„Ich mache den Test“, erklärte Martin. „Ich würde selber gern wissen, ob ich der Vater bin oder nicht.“ Dann hätte er wenigstens die Gewissheit, dass er doch nicht ganz unschuldig an Nadines merkwürdigem Verhalten war.

„War“, korrigierte ihn der schweigsame Haider unnötigerweise und lehnte sich wieder zurück an die Wand.

Es war kein Rührei, das auf Bruhns Schreibtisch landete. Es waren halb verdaute Cornflakes.

„Nicht schon wieder“, stöhnte Bruhns.

„Sie sind geschmacklos und wenig einfühlsam.“ Hannemann klopfte Martin auf die Schulter, als ob er ihn ermutigen wollte, mehr zu kotzen. „Wenn Sie nichts dagegen haben, nehme ich meinen Mandanten jetzt mit. Nennen Sie uns den Untersuchungstermin. Wir werden da sein.“ Dann zog er Martin mit sich und ließ Bruhns vor seinem verdreckten Schreibtisch stehen.

„Haider, machen sie das weg!“ pflaumte Bruhns seinen Kollegen an und suchte nach seinen Magentabletten.

Schon am gleichen Nachtmittag musste Martin sich Blut abnehmen lassen. Herr Hannemann begleitete ihn. Der Mensch war fleißig. Er hatte sich zwischenzeitlich die Akten der Polizei zeigen lassen und sie aufmerksam überflogen. Der Stand der Ermittlungen war, dass es zwei mögliche Theorien gab. Es bestand zum einen die Möglichkeit, dass Nadine sich selbst erschossen hatte, nachdem sie ihren Vater und Martins Mutter umgebracht hatte. Die zweite Variante war, dass eine vierte, bislang noch unbekannte Person, die Tat verübt hatte. Die Kriminaltechniker sahen bislang noch keine Möglichkeit nachzuweisen, wie Nadine wirklich gestorben war. Sie konnte erschossen worden sein, genauso gut konnte sie sich selbst die Waffe unters Kinn gehalten und abgedrückt haben. Erschwert wurde die Untersuchung durch die Tatsache, dass feststand, dass sowohl Nadine als auch ihr Vater eine Waffe abgefeuert hatten. Aber es ließ sich nicht exakt rekonstruieren, wer und wie oft worauf geschossen hatte. Mit dem Schrot konnten die Ballistiker nicht allzu viel anfangen. Die Unzahl der winzigen Projektile waren zum Teil nicht einmal einem bestimmten Abschuss zuzuordnen. Die Einschusskanäle ließen keine stichfeste Rekonstruktion der Schussrichtung zu, weil die vielen kleinen Kugeln sich gegenseitig beeinflusst haben konnten und die Hauptladung keinen wirklichen Kanal, sondern nur Brei übrig gelassen hatte. Dass eine dritte Waffe im Spiel gewesen sein könnte, erschien höchst unwahrscheinlich. Die Techniker hatten nicht eine einzige Kugel Schrot gefunden wurde, die nicht aus der gleichen Packung stammte, wie die, die Vater und Tochter Wortmann benutzt hatten. Ein Unbekannter hätte ihnen also erst die Munition oder die Waffen abnehmen müssen, um sie dann kaltblütig damit zu erschießen.

Nach der Blutabnahme musste Martin sich einem weiteren Verhör unterziehen.

Bruhns wollte wissen, ob er irgendwie beweisen konnte, dass er nicht bei der Jagdhütte war.

„Völlig falscher Ansatz“, fuhr der tüchtige Hannemann sofort dazwischen. „Mein Mandant muss hier gar nichts beweisen, schon gar nicht, dass er irgendwo nicht gewesen ist. Sie müssen beweisen, dass er dort war, oder doch wenigstens, dass er dort hätte gewesen sein können.“

„Juristische Taschenspielereien“, nörgelt Bruhns, aber er formulierte seine Frage um.

„Haben sie einen Zeugen dafür, dass sie an diesem Tag, das Haus nicht mit ihrer Mutter verlassen haben?“

„Meine Mutter hätte es bezeugen können.“

Bruhns war unzufrieden mit dieser Antwort. „Hat Sie irgend jemand gesehen, der bestätigen kann, dass sie zuhause waren.“

Sollte er jetzt vielleicht Frau Bruckner ins Spiel bringen? Besser nicht. Nur im Äußersten Notfall. Womöglich verplapperte sie sich, kippte um und erzählte der Polizei alles. Nicht das Martin ihr nicht traute, aber solange es nicht absolut notwendig war, blieb Frau Bruckner sein letzter Trumpf. „Wie denn?“ fragte Martin zurück. „Meine Mutter war nicht da, sonst wohnt niemand bei uns. Und ich habe das Haus ja wie gesagt nicht verlassen.“

„Das bringt uns nicht weiter“, brummelte Bruhns und stellte fest: „Ein solides Alibi haben sie also nicht.“

„Ich darf sie wohl daran erinnern, dass mein Mandant kein Alibi braucht. Es wurde noch keinerlei Anklage gegen ihn erhoben. Bislang besteht ja genau genommen nicht einmal ein begründeter Verdacht für eine Straftat.“

„Das kann sich schnell ändern, wenn die Untersuchungsergebnisse vollständig vorliegen.“

Was Bruhns auf der Seele lastet, war das Motiv. Die Kriminaltechniker hatten die Mord-Selbstmordtheorie zum wahrscheinlichsten Tathergang erklärt. Aber Bruhns sah das einzige Motiv in der Schwangerschaft von Nadine und der wahrscheinlichen Vaterschaft von Martin. Obwohl auch ihm missfiel, dass jemand, um sich heutzutage vor den Folgen einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen, eine ganze Familie, noch dazu seine eigene Mutter, mit einem Schrotgewehr ausradiert. Es hätte die Sache wohl erleichtert, wenn der Junge wenigstens ein handfestes Alibi gehabt hätte.

Frau Kant holte Martin am späten Nachmittag von der Wache ab. Herr Hannemann, der sich als ihr Vorgesetzter entpuppte, verpasste ihr einen ordentlichen Rüffel. Sie entschuldigte sich damit, dass sie sich um andere Sachen hatte kümmern müssen. Die waren ebenso wichtig, und dass es sich ja keineswegs um ein Verhör, sondern lediglich um eine Befragung seitens der Polizei gehandelt hätte. Im übrigen habe sie ja ihre Dienststelle pflichtgemäß von dieser Tatsache unterrichtet.

Das musste Herr Hannemann, der sich trotzdem über alle Maßen aufregte, zugeben. Es war Martin recht, dass Hannemann ihm auch weiterhin, in allen juristischen Belangen Höchstselbst zur Seite stehen wollte. Auch Frau Kant hatte keine Einwände. Denn dieser ganze Strafrechtskram war sowieso nicht ihr Metier. Frau Kants Spezialgebiet war die staatliche Unterbringung und Verwahrung herrenloser Jugendlicher.

Martin sah nicht ein, wieso er nicht weiterhin zu Hause wohnen konnte. Aber da er noch nicht ganz volljährig war, benötigte er dafür die Einwilligung eines Erziehungsberechtigten oder eines Vormundes. Er war zwar über 16 und hatte somit die Möglichkeit, sich eine eigene Wohnung zu wählen, korrigierte Herr Hannemann sofort, aber dazu bedurfte es zumindest des Nachweises, dass eine mindestens volljährige Person im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und aller bürgerlichen Ehrenrechte sich regelmäßig um ihn kümmerte und alle für ihn rechtsrelevanten Unterschriften leisten konnte. Das klang gut, aber sollte wohl bedeuten, wenn sich niemand fand, der ihn freiwillig beaufsichtigte, musste er ins Heim.

„Im Prinzip korrekt“, erklärte Frau Kant. Nur ging es nicht wirklich um ein Heim, sondern, um ein betreutes Wohnprojekt. Es handelte sich dabei um eine Art Wohngemeinschaft. Jeder haushaltete und wohnte dort für sich selbst oder in einer kleinen Gruppe. Und einem Betreuer, der die Gruppe leitete, wurde die Vormundschaft übertragen. Er könnte kommen und gehen, wann er wollte. Er musste sich selbst versorgen, durfte dafür aber auch im Prinzip machen, was er wollte. Jedenfalls, sofern es den Rahmen dessen, was das Jugendschutzgesetz vorgab, nicht überschritt.

Moderne Welt. Martin betrachtete die wunderschöne, alte Backsteinvilla. Viele der Fenster standen wegen der Hitze offen, und es drang laute Musik aus den Zimmern. Frau Kant schien sich zu freuen. „Sie hatten gerade einen Platz frei. Das ist das beste, was der Landkreis zu bieten hat. Ein paar Tage wirst du auf jeden Fall hier bleiben müssen. Ich habe in den Akten die Adresse deiner Tante gefunden.“

„Meiner Tante?“

„Ja, in Bochum! Wusstest du das nicht?“

Seit der Scheidung hatte seine Mutter kein Wort mehr über irgend jemanden aus ihrer Familie verloren.

„Selbstverständlich bliebe da noch dein Vater?“

Martin winkte ab.

„Habe ich mir schon gedacht. Und ehrlich gesagt, selbst wenn ich mich mit ihm in Verbindung setzen würde, er bekäme das Sorgerecht wohl nicht. Nicht bei den Vorstrafen.“
Martin interessierte sich nicht für Geschichten über seinen Vater. Er hatte ihn nicht mehr gesehen, seit er fünf war.

„Also bleibt nur noch die Tante. Wenn sie bereit ist, die Vormundschaft zu übernehmen, dann kannst du im Prinzip tun und lassen was du willst.“

„Auch in unserm Haus wohnen bleiben?“

„Gehört es euch?“

„Nein, ist gemietet.“

„Dann wohl nicht, denn bis der Nachlass deiner Mutter geregelt ist und deine finanziellen Verhältnisse geklärt sind, das kann Wochen, vielleicht Monate dauern. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du in der Lage sein wirst, so ein Haus zu finanzieren. Schließlich gehst du noch zur Schule.“

Vielleicht war es auch besser so. Ein eigenes, ganz neues Leben anzufangen, war sicherlich vernünftig. Martin hatte völlig verdrängt, dass es nicht unwahrscheinlich war, dass er schon morgen für lange, lange Zeit im Gefängnis verschwinden konnte.

Sein Zimmer war okay. Er musste es mit einem 13jährigen teilen. Aber auch das war okay. Frau Kant stellte seine Taschen ab und verabschiedete sich. Sie hatte noch genug zu tun. Die Projektleiterin war gerade nicht da, aber sie würde bald nach ihm sehen. Außerdem durfte er solange die Untersuchung noch lief die Stadt nicht verlassen. Später dann mit der Einwilligung des Erziehers. Martin packte seine Sachen aus und verstaute sie in dem leeren Schrank. Alles war fremd und provisorisch. Sein Zimmernachbar saß auf seinem Bett und beobachtete ihn.

„Ich bin Michael“, sagte er, als Martin den Schrank schloss.

„Martin.“

„Warum bist du hier?“

„Nur vorübergehend, meine Mutter ist gestorben.“

„Aha.“

Er warf einen Miniatur-Basketball an die Wand gegenüber von seinem Bett und fing ihn auf, als er zurücksprang.

„Meine Mutter ist auf Entzug. Vater hab ich nicht.“

Wieder warf er den Ball gegen die Wand. Sah aus, als ob er das den ganzen Tag machte. Er hatte keine Mühe den Ball zu fangen, er sprang ihm förmlich wie ein Magnet in die Hand zurück.

Plötzlich saß er kerzengerade im Bett. Martin hatte nicht gehört, wie die Tür geöffnet wurde. Er drehte sich um, und ein Blick in diese Augen genügte ihm. Vor ihm stand die Schwester von Frau Möller. Nicht, dass sie irgendeine äußere Ähnlichkeit mit ihr hatte. Sie hatte rostrote, lange, geringelte Haare. Ihr Gesicht sah aufgeschwemmt und teigig aus. Sie trug Schnürsandaletten, einen weiten schwarzen Samtrock, einen weiten beigem Rollkragenpullover. Äußerlich hatte sie rein gar nichts von Frau Möller. Aber ihre Augen hatten genau diesen unverzeihlich fordernden Leck-mich-am-Arsch Blick. Martin hatte das bereits durchgemacht, er würde diesen Blick unter Tausenden wieder erkennen. Es war, als wenn man einmal mit einem echten Alkoholiker gelebt hatte, von da an erkannte man diese Sorte von Süchtigen beim ersten Hinsehen.

„Bist du der Neue?“ fragte die Frau.

Martin zuckte leicht zusammen. Das war auch Frau Möllers Stimme. Es war ihm sofort klar, dass dies die Erzieherin war. Das konnte gar nicht anders sein.

„Ja“, antwortete Martin betont brav. „Martin Bönning.“

„Sehr schön. Ich bin die Amelie. Wenn du fertig ausgepackt hast, komm doch bitte in mein Zimmer, dann erkläre und zeige ich dir alles hier.“

„Ja gern.“

Sie lächelte ihn bittersüß an. Das sollte wohl freundlich wirken.

„Sie ist eine Hexe“, sagte Michael und lehnte sich wieder entspannt zurück. Er schien froh zu sein, dass sie nichts von ihm gewollt hatte.

„Du magst sie nicht?“

„Sie ist eine Hexe, sei bloß vorsichtig, sonst verhext sie dich.“

„Wie meinst du das?“

„Sie kommt nachts auf einem Besenstiel daher geritten und verwandelt dich in einen Frosch.“

Martin lachte. Der Kleine hatte offensichtlich zu viele Märchen gelesen. Er fragte ihn nach den Duschen und wechselte endlich seine Klamotten.

Kapitel 34 - Der Blocksberg

Amelies Zimmer war kein eigentliches Zimmer, es glich eher einer abgeschlossenen Wohnung. Sie hatte ein eigenes Bad, eine eigene Küche und drei Räume. Die Wohnung lag direkt neben Michael und Martins Zimmer und teilte die anderen Zimmer im zweiten Stock von den Waschräumen und Martins Zimmer ab. Wie er später feststellte, gehörte die große Veranda, die man von seinem Zimmer aus betreten konnte und die sich an der gesamten Vorderfront entlang zog, auch zu ihrer Wohnung. Die Wohnung selbst war eine seltsame Mischung aus indischem Tempel und englischem Kolonialstil. Im Hintergrund lief indische Musik, die ganze Wohnung wirkte etwas düster, da sie die Vorhänge geschlossen hielt und überall roch es nach Veilchen und streng aromatisierten Räucherstäbchen. Amelie, von der Martin immer noch nicht wußte, wie sie mit Nachnamen hieß, saß mit gekreuzten Beinen auf Boden und zeigte auf ein großes rundes Stoffkissen, auf dem Martin Platz nehmen sollte. Dann schenkte sie ungefragt grünen Tee ein und erklärte ihm die Hausordnung.

Kurz gesagt lief das drauf hinaus: Wer etwas dreckig machte, räumte es auch auf. Im Eisschrank der Gemeinschaftsküche auf jeder Etage hatte jeder sein eigenes Fach. Duschräume, Küche und Toiletten wurden nach Plan geputzt. Einkaufen musste jeder für sich selber und wer noch keine 18 war, hatte gegen zehn im Haus zu sein. Außer Samstags, da durfte man bis 12, sofern man über 16 war. Wollte jemand über längere Zeit fernbleiben, musste er sich abmelden beziehungsweise eine Erlaubnis einholen. Einfacher ging es nicht.

Amelie machte auf überaus kumpelhaft, aber ihre Augen versprachen etwas ganz anderes. Das Blitzen in ihren fast pupillenlosen Augäpfeln, als sie sagte, dass sie das Gefühl hätte, dass Martin und sie sich sicher gut verstehen und keinerlei Probleme kriegen würden, alarmierte Martin. Andererseits würde er nicht lange genug hierbleiben, damit sie ihm gefährlich werden könnte.

Am nächsten Tag schon hatte Bruhns das Ergebnis vorliegen. Bereits der Blutgruppentest ließ Martin als Vater ausscheiden. Das fanden Bruhns und Martin gleichermaßen verwunderlich, wenn auch von unterschiedlichen Standpunkten her. Martin erklärte Bruhns, dass er keine Ahnung hätte, wer der Vater sein könnte. Natürlich dachte Martin insgeheim an Frank. Doch einerseits schien es ihm abwegig, dass er mit so einer Flachbirne die gleiche Frau geteilt hatte und andererseits würde es ihn keineswegs entlasten, wenn er auf Frank als möglichen genetischen Urheber verwies. Martin wußte ja, dass Frank unschuldig war. Ein unbekannter Vater schien ihm da weit günstiger, als jemand, der als Täter sowieso nicht in Frage kam.

Martin hatte angenommen, dass die Tatsache, dass er nicht der Vater des Kindes war, ihn entlasten würde. Zumal sie immer noch keinerlei Spuren gefunden hatten, die überhaupt für seine Anwesenheit am Tatort sprachen. Aber da hatte Martin Bruhns verwobene Hirnknoten reichlich unterschätzt. Gerade weil er nicht Vater war, tat sich ein neues Motiv auf: nämlich Eifersucht. Bruhns war zwar geneigt zu glauben, dass Martin von der Schwangerschaft nichts gewusst hatte, bis er selbst es ihm gesagt hatte. Und eigentlich war ihm auch klar, dass es absurd war anzunehmen, Martin würde aus Eifersucht seine Mutter, seine zukünftige Braut, samt Schwiegervater erschießen und dann den Ehebrecher laufen lassen. Andererseits hatte Martin selbst zugegeben, dass er nicht wüsste, wer der Vater war. Bruhns ganzes Beweisgerüst stand auf mehr als dünnen Beinen. Aber der Kommissar weigerte sich standhaft, in diesem Fall den einzigen Menschen mit Motiv von seiner Liste zu streichen. Er tat das nicht aus Böswilligkeit. Er hatte einfach nichts anderes, woran er sich festhalten konnte.

Die Untersuchungen zogen sich hin. Und die Freigabe zur Beerdigung von Martins Mutter ließ auf sich warten. Alles war höchst unerquicklich. Martin verbrachte seine Zeit in dem Wohnprojekt, mit Tennisspielen. Die Villa, in der das Jungendwohnprojekt untergebracht war, war nach dem Tode ihres Besitzers in die Hände der Stadt gefallen. Es hatte reichlich Geld gekostet das Gebäude zu sanieren und seinem neuen Zweck zuzuführen. Im Garten fand sich ein heruntergekommener roter Sandplatz, der einmal eine kleine Tennisanlage gewesen war. Die jetzigen Bewohner hatten den Platz in Eigenarbeit wieder hergestellt. Sie hatten ein neues Netz gekauft und seitdem die Anlage gut in Schuss gehalten. Einen Schläger musste Martin sich leihen. Aber, wie sich bald herausstellte, spielte er leidenschaftlich gerne Tennis.

So lernte Martin auch langsam einige der anderen Bewohner kennen. Michael war der jüngste hier, und eigentlich gehörte er hier auch gar nicht hin. Viele der Jugendlichen waren in Martins Alter. Einige sogar über 18. Sie konnten bis zu ihrem 21. Lebensjahr hier bleiben. Die Anlage war ursprünglich nicht für Waisen gedacht. Die meisten Bewohner hatten einfach nur Ärger zu Hause. Die Eltern waren Alkoholiker oder litten an anderen schweren Störungen, und die Jugendlichen hatten sich freiwillig hierher zurückgezogen, weil es daheim unerträglich geworden war. Es gab die Mindestunterstützung vom Staat, der versuchte sich davon etwas bei den Eltern wiederzuholen. Doch da war selten was zu holen. Es gab mehr Mädchen als Jungen, und die meisten Bewohner zogen sich vom Gemeinschaftsleben weit zurück. Man sah selten jemanden. Sie hatten ihre Freunde außerhalb und kamen meist nur zum Schlafen her.

Michael war einer der wenigen, die das Gelände so gut wie nie verließen. Er war ein vorzüglicher Tennisspieler, jedenfalls im Vergleich zu Martin. Und Martin, der das Gelände zur Zeit ja nicht verlassen durfte, lernte unablässig von ihm.

Das einzige Mal, dass Michael das Gelände verließ, war Freitag Nacht. Martin konnte wegen der Hitze schlecht schlafen und dämmerte vor sich hin. Als er sich spät nachts noch etwas zu trinken aus dem Eisschrank holen wollte, lag Michael nicht in seinem Bett. Erst dachte sich Martin nichts dabei. Michael konnte auf der Toilette sein, oder war einfach im Garten frische Luft schnappen. Doch Michael kam lange Zeit nicht wieder. Martin lag fast drei Stunden wach. Dann öffnete sich die Tür. Michael kam zurück.

„Wo warst du“, fragte Martin, obwohl es ihn nichts anging.

Michael zuckte mit den Achseln und legte sich ins Bett. Er konnte nicht weit weg gewesen sein. Im Schlafanzug.

Martin konnte sehen, dass Michael nicht schlief, seine Augen starrten weit geöffnet an die Decke.

„Ist alles in Ordnung?“ erkundigte sich Martin, der sich Sorgen um den Kleinen machte. „Sag mir doch wenigstens, wo du warst?“ fragte Martin noch einmal, als der Kleine immer noch nicht antwortete.

„Auf dem Blocksberg“, antwortete Michael und drehte sich weg, um sich in die Decke einzurollen.

Der Kleine hatte einen ernst zu nehmenden Schaden, dachte Martin. Aber das war nicht seine Sache, dafür hatten sie hier ja schließlich einen Pädagogen.

Kapitel 35 - Entlastung

Der Montag brachte eine schlechte und zwei gute Nachrichten. Die schlechte war, dass Martins Tante nicht im Traum daran dachte, irgendeine Verantwortung für ihren Neffen zu übernehmen. Die guten Nachrichten hatten es dann jedoch in sich. Bruhns hatte versucht Martins Alibi zu durchlöchern. Haider hatte nach einem Zeugen gesucht, der Martin mit seiner Mutter hatte wegfahren gesehen. Dabei war er unweigerlich auf Frau Bruckner gestoßen. Ja, sie hatte ihn gesehen. Aber nachdem seine Mutter weggefahren war. Eine Stunde später vielleicht. Martin war hinten im Garten und hatte einen Teil Wäsche abgenommen, genau wie sie. Ja, sie erinnerte sich noch genau, weil sie der Meinung gewesen war, dass die Bönnings dieses Wochenende verreisen wollten. Frau Bönning hatte es ihr erzählt. Deshalb sei sie ja auch so erstaunt gewesen, dass sie Martin dann auch noch am späten Nachmittag in der Küche gesehen hatte. Ja, da war sie ebenfalls ganz sicher. Das Küchenfenster lag ja genau gegenüber von ihrem. Und sie konnte auch Frau Bönning oft in der Küche sehen, wenn sie kochte. Und außerdem war das Haus ja auch den ganzen Abend über hell erleuchtete gewesen.

Diese Antworten trieben Bruhns zur Verzweiflung, er verfluchte Haider und seinen Eifer. Aber daran ließ sich jetzt nichts mehr ändern. Er selbst hatte Martin ein Alibi verschafft. Sonst hatte er niemanden im ganzen Viertel gefunden, der Martin außerhalb der eigenen vier Wände gesehen hatte. Das waren Tatsachen. Und Bruhns hielt ein Vakuum in seinen Händen, das sich aber gleich Montag morgen auf wundersame Weise füllte.

Der Gerichtsmediziner hatte während des Wochenendes, teils aus Langeweile, teils aus Eingebung, das Blut von Herrn Wortmann getestet. Und das war die zweite gute Nachricht. Zur allgemeinen Verblüffung war der Test positiv. Mit 99% Wahrscheinlichkeit hatte der alte Wortmann seine Tochter geschwängert. Bruhns stürzte sich auf dieses Puzzleteil wie ein Verdurstender. So passte endlich alles zusammen. Martin war vom Hauptverdächtigen innerhalb weniger Stunden in die Opferrolle gerutscht. Bruhns erklärte ihm die neue Sachlage mit allem Respekt und aller Rücksicht, die ihm möglich war. Seiner Meinung nach war also folgendes geschehen:

Nadine konnte es nicht ertragen, dass ihr Vater sie geschwängert hatte und jetzt eine andere Frau heiraten wollte. Sie lauerte den beiden auf und erschoss sie, dann richtete sie den Lauf gegen sich selbst. So und nicht anders musste es gewesen sein. Tatsächlich war Bruhns der Wahrheit damit sehr nahe gekommen, nur Martins Rolle hatte er nicht durchschaut. Jetzt schien Bruhns auch der Streit am Vorabend erklärlich. Nadine wollte Martin absichtlich von der Jagdhütte fern halten, wahrscheinlich um ihn zu schützen. Sicherlich, weil sie ihn liebte. Bruhns betonte, wie viel Glück Martin gehabt hatte, auf sein Gefühl zu hören und die Jagdhütte an diesem Tag zu meiden.

Dem endgültigen Abschluss des Falles stand nun nichts mehr im Wege. Martin verließ das Präsidium mit doppelter Erleichterung. Zum einen war er wieder ein freier Mensch. Zum anderen hatten sich gleiche mehrere seiner Probleme auf einmal gelöst. Er wußte nun, warum Nadine mit ihm ins Bett gegangen war, warum sie ihn heiraten wollte, warum sie seit besagter Nacht nur noch herum zickte und warum sie auf seine Mutter geschossen hatte. Bruhns irrte auch, als er glaubte sie hätte ihn geliebt. Martin war vielleicht blind gewesen, was sie und ihren Vater anging. Aber er hatte sich nichts vorzuwerfen. Es war gut gewesen, sie zu töten. Dadurch und dadurch, dass er nun alles verstand, konnte er sie endgültig vergessen. Die Geschichte war ein- für allemal erledigt.

Kapitel 36 - Urnengang

Bei der Erledigung aller notwendigen Formalitäten erwies sich Frau Kant als wahres Genie. Die Beisetzung seiner Mutter erfolgte schneller, als Martin gedacht hatte. Sie wurde getrennt von Nadine und ihrem Vater beerdigt. Martin hatte sie einäschern lassen und die Beisetzung nicht angekündigt. Keinen kirchlichen Krimskrams, keine Trauergäste. Martin holte die Urne in Begleitung von Frau Kant aus dem Krematorium, trug sie eigenhändig zur Grabstelle. Setzte sie bei und ließ den Totengräber seine Arbeit machen. Die Beerdigung der Wortmanns weitete sich hingegen zu einem kleinen Staatsakt aus. Martin las davon in der Zeitung. Die Auflösung der Wohnung regelte Frau Kant ebenfalls fast selbstständig. Martin musste nur seine persönlichen Sachen ausräumen. Dabei sah er Frau Bruckner zum ersten Mal wieder. Als er kurz mit ihr allein war, bedankte er sich für ihre Hilfe. Sie küsste ihn flüchtig und wünschte ihm viel Glück. Einige seiner Sachen musste er bei den Bruckners im Keller unterstellen, weil er sie jetzt noch nicht mitnehmen konnte. Der Rest wurde abgeholt. Ein teil wurde verkauft, ein weiterer Teil eingelagert. Das regelte Frau Kant ebenso wie die Übergabe des Hauses.

Außerdem kümmerte sie sich um die Lebensversicherung, die seine Mutter für ihn abgeschlossen hatte. Davon hatte Martin gar nichts gewusst. Seine Mutter hatte gut vorgesorgt. Es war kein Vermögen, aber immerhin konnte er von der Summe ohne Druck die Schule abschließen und anschließend studieren. Bald würde er 18 sein und endlich wirklich frei. In kürzester Zeit schienen sich alle seine scheinbar unüberwindlichen Probleme zu lösen.

Kapitel 37 - Lupercalia

Martin hatte bald feststellen müssen, dass Michael regelmäßig Freitags Nacht verschwand. Er bekam nie mit, wann. Aber manchmal wachte er auf, wenn Michael wiederkam. Eines nachts beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen. Er hatte sich inzwischen ein bisschen mit Michael angefreundet und hoffte, dass der Kleine ihm endlich die Wahrheit sagte.

Als Michael an diesem Freitag erst um kurz nach drei zurück in sein Zimmer kam, wartete Martin auf ihn.

„Wo warst du? Und erzähl mir jetzt nicht wieder irgendwelche Märchen.“

Das war vielleicht etwas zu grob, kam es ihm in den Sinn. „Sag schon, ich sag es niemandem weiter. Es bleibt unser Geheimnis.“

„Lupercalia“, sagte Michael.

„Luper… was? Was ist das?“ fragte Martin.

„Das ist Freitag Nacht“, erklärte Michael, als damit alles gesagt wäre.

„Ich verstehe nicht, was du meinst.“

Michael sah Martin verständnislos an. Anscheinend dachte er, dass Martin das verstehen müsste. Er druckste ein wenig herum und sagte dann: „Freitags kommt die Hexe auf dem Besen und verwandelt mich in einen Frosch.“

„Hör auf mit dem Unsinn.“ Dem Kleinen war nicht zu helfen.

„Das ist wahr“, behauptete Michael energisch.

„Blödsinn, es gibt keine Hexen“, wiegelte Martin genervt ab. Er wollte jetzt endlich die Wahrheit und nicht wieder solche Spinnereien hören.

„Doch, Amelie ist eine.“

„Amelie ist die Hexe?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt.“

Martin dachte nach. So kam er nicht weiter. „Also Amelie ist die Hexe, ja? Dann erklär mir doch mal, wie sie dich verhext? Was tut sie?“

„Sie reitet auf dem Besen und ich werde zum Frosch.“

Martin merkte, dass er schon wieder ungeduldig wurde. Das führte doch alles nichts. Aber er beschloss sich zusammenzureißen. „Was meinst du damit, du wirst zum Frosch?“

„Frosch eben.“

„Kannst du mir zeigen, wie du zum Frosch wirst?“ fragte Martin nach. „Oder geht das nur, wenn Amelie dabei ist?“

„Klar.“ Michael hockte sich auf alle viere und hob den Hintern an. Martin staunte und verstand überhaupt nichts. „Jetzt bist ein Frosch?“ fragte er zur Sicherheit.

„Nicht richtig natürlich, der Frosch ist nackt und mit diesem schleimigen Zeug bedeckt.“

„Schleimiges Zeug?“

„Ist so durchsichtiger Schleim, wie ihn Frösche halt auf der Haut haben.“

„Reibt sie dich damit ein?“

„Ja.“

Na so schienen sie endlich mal weiter zu kommen. Sie rieb Michael mit irgendwelchem Zeugs ein. Martin wollte es jetzt aber auch genauer wissen. „Wo?“

„Überall.“

„Und dann, was passiert dann? Fasst sie dich irgendwo an?“

„Nein, dann reitet sie auf dem Besen.“

Martin riss nun doch der Geduldsfaden. „Nun lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Wie macht sie das?“

„Sie steckt den Besen hier rein und …“

„Sie steckt einen Besen in deinen Hintern?“ Martin fühlte den Zorn in seinen Schläfen pochen.

„Es ist kein richtiger Besen?“

„Was ist es dann?“ fragte Martin und versuchte mühsam seine Wut zu unterdrücken.

„Sieht aus wie ein Pimmel, nur härter“, erklärte Michael.

„Frauen haben keinen Pimmel, das weißt du doch, oder?“

„Sag ich ja nicht“, sagte Michael gequält. Offensichtlich verstand er nicht, wieso Martin nicht wußte wovon er sprach. „Sieht nur so aus. Ist aber, glaube ich, aus Plastik.“

„Sie steckt also einen Pimmel aus Plastik in dich rein und dann?“

„Reitet sie.“

„Reitet?“

„Ja, sie hat den Pimmel so umgebunden.“

„Alles klar“, sagte Martin, der endlich begriffen hatte, was da vor sich ging. „Das tut dir weh, oder?“

„Nicht mehr so doll. Nur noch am nächsten Tag.“

„Hast du ihr gesagt, dass du das nicht willst?“ fragte Martin verärgert. Am liebsten wäre er jetzt gleich rüber zu Amelie gegangen und hätte ihr den Besen in ihren kurzen Hals gestopft bis sie daran erstickt wäre.

„Ja.“

„Was hat sie gesagt?“

„Dass ich ja selber schuld sei und niemandem etwas sagen dürfe, sonst kämen noch mehr Hexen, und sie kämen jede Nacht.“

„Wieso bist du selber schuld?“ fragte Martin irritiert.

„Weil ich meine Suppe nicht aufgegessen habe.“

„Was? Was hat das denn damit zu tun?“

„Früher hat sie mir immer gesagt, wenn ich die Suppe nicht aufesse, kommt die Hexe und verwandelt mich in einen Frosch.“

„Und du hast die Suppe nicht aufgegessen?“

Er nickte.

„Suppe kriegst du immer Freitags, stimmt’s?“ vermutete Martin.

Michael nickte.

„Warum hast du sie nicht einfach aufgegessen?“

Michael antwortete nicht. Martin folgte seinem Blick auf den Nachttisch. Der Suppenteller war wie abgeleckt.

„Kommt die Hexe einmal, kommt sie immer, richtig?“

Michael nickte. „Habe ich wirklich Schuld?“

„Nein“, sagte Michael, „auch, wenn du die Suppe immer aufgegessen hättest, wäre die Hexe trotzdem gekommen.“

„Das habe ich mir schon gedacht!“ grunzte Michael erleichtert und legte sich unter die Decke.

„Hast du Angst, weil du es mir erzählt hast?“

Michael schüttelte den Kopf.

„Warum nicht?“ wollte Martin wissen.

„Du bist stärker als die Hexe. Du machst sie weg.“

„Wie kommst du da drauf!“

Michael zog sich die Decke bis hinauf zum Hals. „Weil du schon alles wusstest, gleich, als du sie gesehen hast! Da wußte ich das du mir hilfst.“

„Da bin ich mir nicht so sicher. Verlass dich lieber nicht auf mich“, behauptete Martin.

„Tu ich aber“, sagte Michael trotzig und drehte sich um.

Martin ging rüber in sein eigenes Bett, konnte aber nicht einschlafen. Er konnte sich kaum erinnern, wann er zum letzten mal seine Tränen nicht unterdrücken konnte. Aber diesen Tag würde er sich merken können.

Alles schien wieder von vorne loszugehen. Wenn er sich jetzt da einmischte, würde es ihn wie in einem Strudel hinunter ziehen. Wieder würden schreckliche Dinge passieren. Diesmal hätte er vielleicht kein Glück und würde nicht mehr ungeschoren davonkommen. Diese ganzen Probleme mussten endlich aufhören. Außerdem war das hier gar nicht sein Problem. Michael musste es lösen, es war Michaels Problem. Martin hätte vor Wut schreien können. Der Kleine tat ihm leid. Martin wußte nur zu genau, was er fühlte. Aber er wußte auch, dass er ihm nicht helfen würde.

Kapitel 38 - Walhalla

Im Laufe der Woche traf Martin seit langem wieder mal auf Doris und Werner. Erst dachte er, sie wollten ihn besuchen, aber dann merkte er, dass sie mit ihm gar nicht gerechnet hatten. Eigentlich mussten sie wissen, dass er hier wohnte. Martin grüßte die beiden, die ihn wie einen Geist anstarrten, ihm dann ein flüchtiges ‚Hallo‘ zuwarfen und an ihm vorbeigingen. Martin sah die beiden nur dieses eine Mal hier. Er fand aber heraus, dass sie Tom Tom, einen der ältesten hier, besuchten. Tom Tom hatte seinen Namen daher, dass er nachts manchmal anfing mit irgendwas gegen die Schranktüren zu trommeln. Man bekam Tom Tom nie zu Gesicht, es hieß aber er, deale mit Age und jeder der ihn aufsuchte, außer Amelie natürlich, die von alledem nichts zu wissen schien, zählte unter den Bewohnern zu den Junkies. Martin wußte inzwischen genug über Drogen, um zu wissen, was das bedeutete.

Je näher der nächste Freitag kam, desto mehr vermied es Martin, Michael in die Augen zu sehen. Er fürchtete sich geradezu vor seinen Augen. Weil er wußte, dass der Kleine eigentlich das Recht hatte, von ihm beschützt zu werden. Er war einfach zu klein, um sich selbst zu wehren. Immer wieder sagte Martin sich, dass ihm ja schließlich auch niemand geholfen hatte. Aber es half nichts. Dann nahm er sich vor, am Freitag einfach wegzugehen, um es nicht mitbekommen zu müssen. Aber auch das brachte er nicht fertig. Das mindeste, was er Michael schuldete, war, dass er für ihn da war.

Als er das Zimmer betrat, saß Michael auf dem Bett. Neben ihm stand ein voller Teller mit Suppe. Er hatte keinen Löffel zu sich genommen. Martin spürte seinen Magen, das war ein ganz schlechtes Zeichen. Das Unausweichliche braute sich dort zusammen und …

Wortlos nahm Martin den Teller. Amelies Wohnungstür gab auf einen leichten Tritt hin nach. Martins Gehirn hatte sich offensichtlich wieder abgeschaltet. Er traf Amelie auf einem ihrer Sitzkissen an, sie war in eine außerirdische Gebetshaltung verschränkt und meditierte vor einem fünfzackigen Stern aus Teelichtern. Sie sah zu ihm hoch. Ihre Reaktionen waren quälend langsam. Nadine hätte ihn in dieser Zeit weggepustet und dreimal nachgeladen. Der Suppenteller sprengte das Pentagram aus Kerzen und verlöschte die Hälfte. Noch immer sah sie ihn nur dumm an.

„Nie wieder Amelie. Du rührst den Kleinen nie wieder an. Ist das klar?“

Offensichtlich dauerte es noch einen Moment, doch dann zeigte sie ihm endlich ihr wahres Gesicht.

„Was redest du da für einen Scheiß?“ brüllte sie ihn an.

Martin regte sich auf. Das war nicht gut. Er durfte keine Dummheiten machen, den kleinen Krummdolch an der Wand hatte er längst registriert. Seine ganze Denkmaschine versuchte den Gedanken ‚leg sie um‘ zu verdrängen.

„Fick dich selbst in den Arsch, aber nicht den Kleinen!“ schrie er und versuchte immer noch seinen aufkeimenden Hass unter Kontrolle zu behalten.

Amelie blieb kurz die Luft weg. Martin ließ keinen Zweifel daran, dass er über alles Bescheid wußte. Ihr Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Fratze.

„Was glaubst du wohl, was passiert, wenn du hier raus fliegst? Was glaubst du, in welchem Puff du landest?“

„Was glaubst du denn, was passiert wenn du hier raus fliegst, Amelie? Was denkst du denn, in welchem Knast du landest?“ fragte Martin giftig zurück.

„Du Arschloch, was kannst du schon machen?“ kreischte Amelie hysterisch los.

Da hatte sie leider recht. Seine Position war deutlich schwächer. Michael wollte sie zwar loswerden, aber er würde nicht gegen sie aussagen. Martin hätte es an seiner Stelle auch nicht getan. Korrektur: er hatte es nicht getan. Aber er setzte darauf, dass sie sich da nicht ganz sicher sein konnte.

„Willst du’s riskieren?“

Sie dachte schwer atmend nach. Das konnte dauern.

„Lass ihn in Ruhe!“ sagte Martin nochmals eindringlich und ging.

Michael sah Martin gespannt an.

„Sie kommt heute nicht, oder?“ fragte er.

„Wahrscheinlich nicht.“

„Kommt sie nie mehr?“

„Ich weiß es nicht“, gab Martin unsicher zu.

„Hm.“ Michael schien mit der Antwort zufrieden zu sein.

Sie brauchte wirklich lange zum Nachdenken. Eine halbe Stunde später stand sie in der Tür. Sie brachte einen Teller Suppe und stellte ihn neben Martins Bett.

„Du oder er! Du hast die Wahl.“

Es war soweit. Martin wußte jetzt, dass es so auch gekommen wäre, wenn er dem Kleinen nicht geholfen hätte. Die Verrückten merkten, mit wem sie es machen konnten, aber sie merkten nie, wann es vorbei war. Das hier war noch nicht vorbei, diesmal würde es keinen Toten geben. Diesmal nicht. Martin sah die Hand, die nach dem Teller griff. Er hielt sie fest.

„Du musst nicht meinetwegen gehen!“ sagte Michael. Der Kleine hatte Mut und Martin hoffte, das würde ausreichen. Er hielt seine Hand fest.

„Bist du bereit für den Krieg?“ fragte er den Kleinen ernst.

Michael nickte.

„Wir ziehen das durch, ja?“

Martin hatte zwar keinen Plan, aber Michael setzte voll darauf. Den Teller brachte Martin schnurstracks zurück. Das Schloss war noch nicht repariert, also brauchte er die Tür kein zweites Mal einzutreten.

„Ich habe ‚Nein‘ gesagt. Den Kleinen nicht und mich schon gar nicht.“ Der Teller landete dicht neben ihr an der Wand. Allein dafür könnte sie ihn hier rausschmeißen lassen. Dann hätte sie den Kleinen sofort wieder unter Kontrolle. Aber Martin kannte die Regeln inzwischen gut. Sie würde es nicht tun. Sie würde ihm nichts wirklich tun, denn sie musste ihn haben. Das war so bei diesen Psychopathen, solange die geringste Chance bestand, an das Objekt ihrer Begierde heranzukommen, hatte man nichts zu befürchten. Sie steigerten sich Schritt für Schritt. Das hier war nur eine schale Ouvertüre.

„Ich mache dir das Leben hier zur Hölle!“ schrie Amelie.

„Ich weiß“, antwortete Martin trocken.

„Du wirst noch angekrochen kommen, das schwöre ich dir.“

„Das werden wir sehen.“

Sein Vorteil. Sie wußte nicht wirklich, mit wem sie es zu tun hatte. Er hatte das ja alles schon einmal durchgemacht. Es war auch überhaupt nicht sein Plan, sich hier lange mit einer psychotischen Sozialarbeiterin herumzuschlagen. Martin suchte nach einer schnellen und kompromisslosen Lösung.

Michael war zufrieden mit ihm. Sie schliefen beide die ganze Nacht über nicht ein, und Martin war sich nicht sicher, wer hier eigentlich wen bewachte.

Nichts geschah in dieser Nacht. Amelies Fehler war, dass sie glaubte, Zeit zu haben und auf eine günstige Gelegenheit wartete. Martin wußte, dass sie früher oder später kapieren würde, dass sie ihn nur über Michael kriegen würde. Er selbst hatte ein viel zu dickes Fell für so eine Stümperin. Daher musste Martin den Kleinen schnellstens aus der Schusslinie schaffen. Und dann sich selber in Deckung bringen.

Der Schlüssel zu allem lag wie so oft bei Frau Bruckner. Martin besuchte sie am Samstag. Unter dem Vorwand, etwas aus den Kisten holen zu müssen, kam er nach acht ins Haus. Im Keller erklärte er Frau Bruckner die Lage. Wenn er bei dieser Psychopathin noch ein wenig länger bleiben musste, gäbe es wieder ein Unglück. Frau Bruckner freute sich wirklich, ihn zu sehen. Sie hatte ihn schon wieder geküsst. Sie blieben auch nicht lange im Keller. In ihrem Zimmer oben erzählte er ihr alles über Michael, und dass er bald fällig sei, wenn er den Kleinen nicht von ihr weg kriegen würde. So oder so hatte er keine Lust, schon wieder mit der Polizei zu tun zu haben.

„Da steht uns schon wieder ein Unfall ins Haus?“ resümierte Frau Bruckner nachdenklich.

„Das ist unausweichlich, wenn mir niemand hilft da weg zu kommen.“

„Martin, ich … ich kann keine Vormundschaft für dich beantragen. Mein Mann macht das nicht mit, niemals“, erklärte Frau Bruckner entschuldigend. Sie schien deshalb tatsächlich ein schlechtes Gewissen zu haben.

„Das ist schon klar. Das habe ich auch nicht erwartet“, winkte Martin ab.

„Lüg mich nicht an! Natürlich hast du das.“

Martin lachte. „Also gut, von mir aus, habe ich daran gedacht. Aber erwartet habe ich es nicht!“

„Ich kann dir nichts versprechen, aber rede mit ihm.“
„Das reicht mir schon.“

„Und sonst, geht es dir sonst einigermaßen?“ fragte sie nach einer kleinen Pause.

Martin schaute sie an. Was für eine absurde Frage. Dann regte sich wieder etwas bei ihm. Er griff nach dem Lichtschalter und knipste die Nachtischlampe aus.
„Martin.“ Es war der übliche, vorwurfsvolle Ton, als wenn er etwas Böses tat.

„Keine Lügen mehr. Nur, wenn Sie es auch unbedingt wollen“, sagte er leise.

Es war wohl zuviel verlangt, dass sie es aussprach, aber sie zeigte es ihm. Er musste zugeben, dass nicht alle Frauen säuerlich schmeckten und nicht alle Frauen, die laut wurden, einem die Trommelfelle zersprengten.

Als sie ihn spät nachts zum Keller raus bugsierte, war er sicher, dass ihr Mann es diesmal mitgekriegt hätte. Aber er hatte so eine Ahnung, dass dies Herrn Bruckner nicht mehr sonderlich aufregen würde.

Kapitel 39 - Hugin und Munin

Vielleicht hatte die Geschichte Herrn Bruckner doch weit mehr aufgeregt, als Martin zuerst geglaubt hatte. Jedenfalls hieß es am Dienstag plötzlich, dass Werner und Doris nicht beim Unterricht erscheinen würden, weil ihr Vater an einem Herzinfarkt verstorben wäre. Offenbar war es sein dritter Anfall, die verliefen statistisch gesehen oft tödlich. Martin würde wohl nie erfahren, wie Frau Bruckner diesen Infarkt hervorgerufen hatte, aber er war sich ziemlich sicher, dass Herr Bruckner unter anderen Umständen noch einige Jährchen vor sich gehabt hätte. Bereits am Mittwoch erhielt Martin per Post die Todesanzeige mit dem Datum der Beisetzung. Eine nähere Untersuchung schien es nicht zu geben.

Vorrangig war jedoch das Problem mit Michael. Amelie fuhr allmählich die Krallen aus. Sie hatte Martins und Michaels Zimmer durchsucht und dabei alles auf den Kopf gestellt. Angeblich, weil sie in ihrem Zimmer Drogen vermutete. Ergebnis: Null. Martin war nicht sicher, ob sie überhaupt das Recht dazu hatte. Den Kleinen setzte sie fortwährend unter Druck. Sie versprach ihm, dass er in ein Heim käme, mit vergitterten Fenstern und Türen, wenn er sich weiterhin querstellen würde. Martin versuchte Michael zu beruhigen. Ihn selbst ließ Amelie weitgehend in Frieden, doch das beunruhigte ihn nur umso mehr.

Dann war es Zeit für die nächste Kraftprobe. Aus unerklärlichen Gründen, schien Amelie nur Freitags Nacht ihre Gelüste auszuleben. Am Freitag Mittag jedenfalls tauchte wieder einer dieser ominöser Suppenteller auf. Martin tat sich schwer damit Michael, die Sache zu erklären.

„Meinst du, du kannst es ertragen, wenn sie dich noch ein Mal holt?“

Michael schüttelte den Kopf.

„Ich meine, nur noch ein einziges Mal und dann nie wieder.“

Michael sah ihn zweifelnd an und versuchte herauszufinden, ob Martin ihn aufgegeben hatte.

„Ich verspreche dir, es wird das allerletzte Mal sein. Sie wird dich nie wieder anfassen. Es gehört sozusagen zum Krieg. Eine Kriegslist, verstehst du?“

Michael nickte.

„Nur dieses eine Mal noch, ja?“

Michael nahm den Löffel und begann die Suppe aufzuessen.

„Du musst die Suppe nicht essen. Sie kommt doch sowieso“, sagte Martin verständnislos.

„Ich weiß, aber, wenn ich die Suppe aufgegessen habe, ich habe ein besseres Gefühl dabei.“

Am späten Nachmittag tauchte Amelie auf. Sie sah den Teller und grinste zufrieden. Martin wich ihrem Blick aus. Sie spürte sofort, dass sie gewonnen hatte.

„Blöde Kuh“, zischte Martin, als sie zufrieden wieder gehen wollte.

„Was hast du gesagt, Großmaul?“

„Nichts, schon gut“, gab Martin kleinlaut zurück.

„Großmaul“, sagte sie noch mal. Martin wußte, dass er sie im Sack hatte. Er wünschte nur, er könnte noch irgendwie verhindern, dass sie sich Michael holte.

Sie kam um kurz nach elf. Martin war hellwach, aber er sah nicht hin. Er stellte sich schlafend. Amelie wußte, dass er nicht schlafen würde. „Großmaul“ tönte es noch einmal leise, als sie Michael mitnahm und verschwand. Martin lauschte einige Minuten. Als alles ruhig blieb, machte er sich an die Arbeit.

Leise schlich er auf die Terrasse hinaus. Der Bocksberg war in einem der hinteren beiden Zimmer. Die Vorhänge waren nicht vorgezogen, aber das Licht war schlecht. Martin baute das Stativ für die Videokamera, die er sich ausgeliehen hatte, auf und sah hindurch. Die Bildqualität würde nicht berauschend sein, aber es reichte allemal, um zu erkennen, was dort vor sich ging. Er hoffte nur, dass sich das Geschehen nicht andauernd verlagerte. In dem Zimmer brannten an die fünfzig Kerzen, Amelie trug eine Art Ziegenfell um die Schultern. Ihr Gesicht war nicht gut zu erkennen, aber er hoffte es würde ausreichen, dass es sich eindeutig um ihre Wohnung handeln würde.

Die Videokamera war eingeschaltet und verrichtete leise surrend ihre Arbeit. Martin ging einen Schritt zurück, er wollte sich den Anblick ersparen und kontrollierte nur hin und wieder den Bildausschnitt. Das ganze Ritual dauerte fast drei Stunden. Michael hatte ihm nur das Wesentliche erzählt. Amelies volles Programm hatte aber noch einiges mehr zu bieten. Zum Schluss, als Michael seinen Schlafanzug wieder anlegte, nahm sie endlich verschwitzt die Maske ab und sah entrückt genau in die Kamera. Martin hielt den Atem an. Nein, sie hatte ihn nicht gesehen. Und wenn schon, jetzt war es eh zu spät. Amelie entließ Michael. Hastig und möglichst geräuschlos baute Martin die Kamera ab und ging zurück in sein Zimmer. Michael lag schon in seinem Bett. Martin wollte ihm etwas sagen, aber er hörte Schritte auf dem Flur.

Die Tür wurde geöffnet und Amelie schlich sich herein. Sie beugte sich über Martins Bett und zischte: „Das nächste Mal bist du an der Reihe.“

„Du kannst mich mal“, grunzte er zurück.

„Das werde ich, Großmaul. Das werde ich sogar ganz sicher.“

Als sie das Zimmer wieder verlassen hatte, drehte Michael sich um:

„Wir haben nicht aufgegeben, oder?“

„Nein“, beruhigte Martin den Kleinen. „Mach dir keine Sorgen. Sie kommt nie wieder.“

Michael schien keine weitere Erklärung zu erwarten.

„Michael?“

„Ja.“

„Es kann sein, dass sie dich ausfragen werden. Ich weiß nicht, ob ich das verhindern kann.“

„Hmm.“

„Aber du kannst lügen. Du kannst ihnen erzählen, was du willst. Das ist dein Recht. Du musst ihnen absolut nichts erzählen, was du nicht willst.“

„Und dann? Kommt…“

„Nein“, sagte Martin schnell. „Sie kommt nie mehr wieder, egal was du denen erzählst.“

„Gut“, sagte Michael zufrieden. Er drehte sich wieder um. Martin hatte Amelie im Sack. Er durfte jetzt nur keinen Fehler mehr machen.

Am Samstag morgen brachte Martin seinem Bekannten die Videokamera zurück und zog bei der Gelegenheit gleich noch eine Kopie des Bandes. Sicher war sicher. Das Original beschmutzte er mit ein wenig Dreck, so dass es aussah, als hätte es im Mülleimer gelegen. Dann rief er Frau Kant an.

Gegen sechzehn Uhr traf er sich mit ihr in ihrem Büro. Er gab ihr das Band.

„Ich habe den Müll runter gebracht und als ich alles in der großen Tonne abladen wollte, ist mir der Schlüssel mit reingefallen. Das war echt eklig, den ganzen Dreck umzugraben. Der Schlüssel war natürlich ganz nach unten gerutscht. Und dann habe ich das hier gefunden.“

„Was ist das?“

„Eine Videokassette, die im Müll lag. Ich dachte es wäre einer dieser … Naja sie wissen schon dieser Filme, die einer der Älteren weggeschmissen hatte.“

„Und das war es nicht?“ fragte Frau Kant und betrachtete die Videokassette ohne sonderliches Interesse von allen Seiten. Was die postpubertären Knaben sich so aus der Videothek besorgten, war nun wirklich nicht ihre Sache.

„Nicht direkt.“

„Was heißt das?“

„Vielleicht sollten Sie sich das Band mal ansehen. Eigentlich sollte ich das wohl besser der Polizei geben, aber …“

„Gib mal her.“

Sie nahm das Band und warf es in den Videorecorder.

„Das ist …“

„Michael. Ich kenne ihn gut“, sagte Frau Kant, nachdem sie die ersten Meter des Bandes gesehen hatte.

Sie schaltete das Gerät aus und griff zum Telefon. Eine halbe Stunde später stand Herr Hannemann vor dem Fernseher und starrte auf die bewegten Bilder.

„Haben du dir das Band ganz angesehen?“ fragte er Martin besorgt.

„Nein, nur ein paar Minuten.“

„Macht es dir etwas aus, draußen zu warten, bis wir hiermit fertig sind?“

Martin saß in einem Büro hinter der Zwischentür und wartete. Sie hatten das Band wohl im Schnelldurchlauf betrachtet. Es gab dort auch nichts Wesentliches zu sehen, das man nicht nach einigen Minuten begriffen hätte. Vierzig Minuten später saß Martin wieder vor einem völlig betroffenen Herrn Hannemann und einer vor Wut kochenden Frau Kant.

„Wenn wir das Band der Polizei übergeben, wird es als Beweismittel nicht anerkannt, das verstehst du doch, oder?“

„Aber …“, wollte Martin einwenden.

„Sachte, sachte“, beruhigte ihn Herr Hannemann sofort. „Michael müsste vor Gericht aussagen. Das wäre für den Jungen die reinste Folter.“

„Ja.“

„Unsere Aufgabe ist es, den Jungen vor allem zu schützen, was ihm schaden könnte. Ich werde das Band nicht an die Polizei weiterleiten.“

„Aber Amelie, sie wird …“

„Nein, das wird sie nicht. Und sie wird auch ihrer Bestrafung nicht entgehen. Aber die Polizei wäre uns allen dabei wenig hilfreich.“

Martin verstand ganz genau, worauf das hinauslief. Die Polizei würde eine Menge Fragen nicht nur an Michael stellen. Und die Presse wäre Hannemann auch nicht unbedingt angenehm.

„Sie kommt ins Gefängnis“, behauptete Frau Kant wütend.

„Aber eben nicht als Gefangene“, ergänzte Hannemann. „Als ihr Dienstherr habe ich da einige Möglichkeiten ihr das Leben sehr, sehr schwer zu machen. Vielleicht können Sie sich nicht vorstellen, was es heißt, Dienst am Strafgefangenen, vor allem …“ fuhr Hannemann fort und schwenkte die Kassette, „… wenn sich so etwas dort herumspricht.“

„Das wird härter, als es ein Richter je anordnen könnte“, erklärte Frau Kant.

„Und ich werde persönlich dafür sorgen“, sagte Hannemann und winkte nochmals mit der Kassette.

„Also, keine Polizei?“

Die beiden sahen sich betreten an. Dann schüttelten sie langsam den Kopf.

„Das wäre wirklich nicht die beste Lösung.“

Martin tat enttäuscht. Aber es war genauso gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Die einzige Chance, Michael aus allem rauszuhalten.

„Und ich muss weiterhin dort leben?“

Frau Kant seufzte. „Es gibt keinen besseren Ort. Von dieser Geschichte mit Amelie mal abgesehen, ist es doch gar nicht so schlimm, oder?“

Martin schaute den beiden fest in die Augen und ließ sie seine Enttäuschung spüren.

„Wenn sich auch nur die geringste Möglichkeit bietet, werde ich dafür sorgen, dass du schnellst möglichst da raus kommst, okay?“ versprach Frau Kant.

Hannemann nickte zustimmend. „Ich selbst werde mich dafür einsetzen, eventuelle bürokratische Hürden in Rekordzeit zu überwinden.“

Das reichte Martin, schließlich hatte er noch einen Trumpf im Ärmel, und sie hatten ein ernsthaftes Interesse daran, Martin so schnell wie möglich aus der Schusslinie zubringen. Schließlich war er, außer Amelie und Michael, der einzige Mitwisser ihrer kleinen Vertuschungsaktion.

Martin ging nicht allein zurück in das Wohnprojekt. Hannemann und Frau Kant begleiteten ihn. Die beiden sprachen eine Stunde lang auf Amelie ein, dann sahen Michael und Martin von ihrem Fenster aus zu, wie Herr Hannemann sie wegschaffte. Frau Kant übernahm provisorisch die Wohngruppe, bis eine neue Leiterin gefunden wäre.

Michael wollte nicht wissen, wie Martin das geschafft hatte, er war völlig damit zufrieden, dass Amelie gegangen war. Frau Kant bereitete den Kleinen darauf vor, dass sich in Kürze jemand ausgiebig um ihn kümmern würde, mit dem er über alles sprechen könnte.

Michael sah Martin fragend an.

„Keine Polizei, wahrscheinlich ein Psychologe“, erklärte er ihm, als Frau Kant gegangen war.

Kapitel 40 - Letzte Freiheiten

Schwarz stand Frau Bruckner ausgezeichnet. Es gab ihr etwas Elegantes. Vor allem der Hut mit dem kleinen schwarzen Netz vorm Gesicht. Es waren weit mehr Trauergäste erschienen, als Martin erwartet hatte. Irgendwo inmitten all der Unbekannten reihte er sich in den Zug ein. Frau Bruckner sah aus der Ferne aus, als ob sie jeden Moment in Tränen ausbrechen würde und gestützt werden musste. Ein kurzes Lächeln blitzte auf, als Martin ihr vor dem Grab die Hand reichte und sein Beileid aussprach. Doris und Werner schienen völlig unbeteiligt. Sie wirkten nervös und zerfahren, hatten wohl keine Lust, die trauernden Kinder zu mimen. Gleich beim anschließenden Leichenschmaus nutzten sie die Gelegenheit, um sich zu verabschieden. Martin ahnte wo sie so schnell hin mussten. Frau Bruckner hielt sie nicht auf. Martin blieb bis zum Schluss der Trauerfeier. Als die letzten Gäste gegangen waren, brachten er und ein alter Schulfreund von Herrn Bruckner sie zu Fuß nach Hause. Vom Friedhof aus war es nicht sonderlich weit. Der Schulfreund beeilte sich, Frau Bruckner zu stützen. Wohl aber weniger wegen der Trauer, als mehr wegen der zwölf oder vierzehn Aquavit, die sie zum Essen verputzt hatte. Martin trabte bedächtig neben den beiden her. Seine Hoffnung, kurz mit Frau Bruckner unter vier Augen sprechen zu können, schien sich zu zerschlagen. Der alte Knacker ließ sich selbst vor der Tür kaum abwimmeln. Als sie es endlich geschafft hatte, und Martin und der Alte schon auf dem Weg durch den Vorgarten waren, rief sie ihnen plötzlich nach: „Ach Martin, du bist doch so stark, vielleicht könntest du mir gerade noch die schwere Bücherkiste in den Keller tragen. Sie steht hier im Flur nur im Weg.“

Bevor der Alte auch nur die geringste Chance hatte, zu betonen, dass er noch nicht zum alten Eisen gehörte und seine Muskelkraft feil bieten konnte, hatte Martin mit zwei flotten Sätzen die Tür erreicht.

„Aber gerne Frau Bruckner, sofort.“

„Wir sehen uns dann, Albert. Und vielen Dank noch mal.“

„Gott sei Dank!“, rief Martin leise, als im Flur stand.

„Das kannst du laut sagen“, sagte Frau Bruckner und stöhnte erleichtert auf, nachdem sie die Haustür geschlossen hatte.

Martin sah sich nach der Kiste um. Da war keine. Jedenfalls konnte er jetzt mit Frau Bruckner über die Vormundschaft sprechen. „Ich muss übrigens noch dringend mit Ihnen reden, Frau Bruckner“, setzte er vorsichtig an.

„Später“, grunzte Frau Bruckner und stieg die Treppen hoch. „Komm jetzt.“

Martin sah ihr verblüfft hinterher. Sie knöpfte sich schon beim Treppensteigen ihre Kostümjacke auf. Als Martin hinter ihr ins Zimmer kam, lagen Rock und Bluse bereits auf dem Fußboden herum.

„Du hast doch Lust, hoffe ich?“ sagte sie und ließ sich rückwärts auf Bett fallen.

Martin sah zu, dass er aus den Klamotten kam und folgte ihr. Sie war selten so laut und fröhlich gewesen. Nach einer guten halben Stunde saß sie auf seinem Becken und griff nach einigen Weintrauben, die neben dem Bett standen. Sie aß gerne Obst. Frau Bruckner grinste breit und fragte: „Wie gefällt dir das?“

„Gut.“

Sie ließ ihr Becken gemächlich kreisen, aß eine weitere Handvoll Trauben und lachte. Dann nahm sie endlich den Hut ab. Sie beugte sich vor und stopfte Martin eine Traube in den Mund.

„Und jetzt hole ich meinen kleinen Liebling endlich zu mir. Du willst doch schnellstens raus aus diesem Irrenhaus, oder?“

„Was ist mit Doris und Werner?“

„Was soll sein? Wenn es Probleme gibt, lösen wir sie. Darin sind wir doch Weltmeister?“

„Ganz sicher sogar!“ sagte Martin belustigt und genoss die über 200 Pfund Wollust, die ihn gleich darauf unter sich zu begraben schienen.

Ende

Martin Swelt (1) - © Copyright bei Ingolf Behrens, Hamburg, 1999. Alle Rechte vorbehalten.