Herr Lehmann &

das Fräulein vom Amt

Kapitel 1 - Das Fräulein vom Amt

„Ich gehe jetzt!“ rief Herr Lehmann in den dunklen Hausflur. Im Spiegel neben der Garderobe rückte er noch ein letzte Mal die Krawatte zurück und lauschte nach einer Antwort.

„Kommst du heute pünktlich nach Hause?“

„Ja Mutter!“

Es war jeden Tag der gleiche Dialog, Lehmann nach seine braune abgewetzte Ledertasche von der Anrichte und öffnete die Haustür. Es war Herbst, die Luft roch feucht und leicht moderig von dem verrottenden Laub auf den Gehwegen und die Sicht war von nebligen Schwaden getrübt.

Herr Lehmann verschloss sorgfältig die Haustür, immer zweimal unten und einmal oben und ging vorsichtig die drei Stufen hinunter in den Vorgarten. Bei diesem feuchten Laub auf den Steinen, mußte man jederzeit mit einem Ausrutschen rechnen. Er sollte sie heute Nachmittag mal um das Laub kümmern. Und auch die Regenrinne reinigen.

Die S-Bahn kam um 7:35, er hatte genug Zeit und konnte sich am Kiosk noch seine Morgenlektüre holen. Die FAZ und zum diese Woche die neue Ausgabe von Nylons, Nylons, Nylons.

Er legte das Magazin sorgfältig zwischen die gefaltete FAZ und verstaute beides in seiner Aktentasche, neben die Thermoskanne, seine Stullendose und den beiden Äpfeln, die seine Mutter ihm jeden Tag für die Arbeit einpackte. Dann wartete er auf das Eintreffen der Bahn und freute sich auf den neuen Arbeitstag im Büro.

*

Klaudia, zog sich sorgfältig die Lippen nach. Lippenstift war so ziemlich die einzige Schminke die sie benutzte, aber leuchtend rote Lippen, waren ihr das Wichtigste. Sie lenkten auch den Blick von ihrem, wie sie es nannte, pummeligen Körper ab. Die meisten anderen Leute würden sie wahrscheinlich als dick bezeichnen, zumindest wenn sie ihr freundlich gesonnen waren. Normalerweise trug Klaudia schwarze Leggings und einen weiten Rock darüber. Als Oberteil bevorzugte sie eine weite gemusterte Bluse und eine Strickjacke. Alles um sich vor unliebsamen Blicken zu schützen.

Heute jedoch, zog sie einen engen schwarzen Lackrock über die Leggings und dazu einen schwarzen, engen Rollkragenpullover. Ob der so eng sein sollte, war eher fraglich, doch oben rum saß eigentlich alles eng bei ihr.

Seit sie zur Gewerbeaufsicht Römisch II versetzt worden war und ihren neuen Abteilungsleiter Herrn Lehmann kennengelernt hatte, war ihr eines klar geworden. Auch wenn Herr Lehmann um einiges älter war, als sie, so war sie überzeugt davon, daß er der Mann war, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte. Allein die Tatsache, daß Herr Lehmann sie in den ersten beiden Wochen gar nicht wahrgenommen zu haben schien, war Grund genug, die Dinge ein wenig zu forcieren. Sie hatte sich bereits im Büro umgehört, ob Herr Lehmann vielleicht vom anderen Ufer war, so wenig wie er Augen für Frauen zu haben schien. Aber, das einzige Gerücht, was sie über ihn in Erfahrung brachte war, daß er wohl noch bei seiner Mutter lebte. Klaudia schloss daraus, daß Herr Lehmann wohl etwas schüchtern war.

Zumindest war er die Pünktlichkeit in Person. Klaudia war im Prinzip die erste im Büro, aber Herr Lehmann kam ihr auf dem Flur bereits mit einem Kaffeebecher und einer Zeitung unter dem Arm entgegen.

„Ach Fräulein Schröder! Sie sind schon da. Ich möchte Sie bitten mich zu meinem Außentermin um 10:30 zu begleiten. Seien Sie bitte um Punkt 10:00 Uhr in meinem Büro!“

„Sehr gerne Herr Lehmann“, antwortete Klaudia brav und ging devot nickend an ihm vorbei in ihr Büro.

Innerlich allerdings jubelte sie, ob das schon ein erster Erfolg ihres neuen Erscheinungsbildes war? Es war ein erster Schritt, denn normalerweise war es die Wohlfahrt, die ihn zu solchen Terminen begleitete.

Wie sich kurz drauf herausstellte war die Wohlfahrt krank und das war die sehr viel wahrscheinlichere Erklärung, warum sie Lehmann begleiten sollte.

*

Die erste Aufregung des Tages, war das die Wohlfahrt krank war. Herr Lehmann mochte keine Abweichungen, sie verdarben ihm den Tag. Nun mußte er die Dicke zu seinem Termin mitnehmen. Nun, das war nicht seine Bezeichnung für Fräulein Schröder, aber es war ihr Kurzname, nicht nur in seiner Abteilung, sondern in der ganzen Behörde. Aufsicht Römisch II war in einem Jahr die dritte Station ihrer Karriere. Ihre bisherigen Vorgesetzten hatten allesamt versucht sie so schnell wie möglich wieder los zu werden. Genaueres wußte man nicht, aber es wurde gemunkelt, daß Fräulein Schröder dazu neigte ihre Vorgesetzten zu belästigen.

Herr Lehmann gab nicht viel auf solches Gerede. Und Fräulein Schröder war nicht die einzige die ihrer Beamtenlaufbahn in seiner Abteilung gestrandet war. Römisch II galt wohl als eine Art Abstellgleis und der Leiter dieser Abteilung hatte wohl den Ruf gut mit schwierigen Fällen von Beamtenneurosen fertig zu werden. Tatsache war, daß Lehmanns Abteilung völlig unwichtig war und er selbst zufrieden war, wenn man ihn in seinem Büro in Ruhe ließ und immer frischer Kaffee in der Küche zu finden war.

Lehmann sah auf die Uhr. In einer Minute … Es klopfte. Fräulein Schröder war mehr als pünktlich. Ein Punkt für sie.

Wenn Herr Lehmann jedoch eine Sache nicht leiden konnte, dann waren das Frauen in Joginghosen oder Leggings. Weniger störte ihn ihre Körperfülle.

„Wir haben heute ein Starbugs auf dem Zettel. Bitte nehmen Sie die Formulare 17/11 bis 17/14, die Siegelrolle und die Formular 1 bis 4, sowie den Formularblock für die Mängelberichte mit.“

Fräulein Schröder nickte und begann die geforderten Dinge in dem Aktenkoffer zu verstauen.

„Gewöhnlich rede bei den Kontrollen ich und sonst niemand“, ermahnte er das junge Fräulein vom Amt. „Sollte Ihnen etwas auffallen, weisen Sie mich diskret darauf hin. Direkte Gespräche mit den Kunden sollten Sie, aus Haftungsgründen, dringend unterlassen.“

„Jawohl, Herr Lehmann.“

Römisch II war für die Kontrolle der Gastronomie zuständig, die keine Vollküchen betrieben. Dazu gehörten in der Regel Coffeeshops, Imbisse, kleinere Cafés, Bäckereien und eben dieser ganz Eat-to-go Kram.

„Können wir?“ fragte Herr Lehmann ungeduldig. Denn er haßte es zu spät zu kommen.

„Ja, Herr Lehmann, ich gehöre ganz Ihnen.“

Und kryptische Formulierungen waren auch nicht seine Sache und in Anbetracht von Fräulein Schröders Vorgeschichte, konnte das nur ein böses Omen sein. Er warf ihr also einen strengen Blick zu und ging mit schnellem Schritt voraus. Mal sehen, ob sie da mithalten kann.

Kapitel 2 - Starbugs Revenge

„Lehmann, Gewerbeaufsicht! Wir hatten einen Termin …“ stellte Herr Lehmann sich vor.

Der junge Schnösel mit lächerlich karierten Stoffweste streckte ihm die Hand entgegen. Lehmann mochte keine Händeschüttler, schon gar nicht bei einer Kontrolle aber nahm sie zögernd an.

„Darf ich Ihnen einen Kaffee und vielleicht einen Cupcake zu Stärkung um diese frühe Uhrzeit anbieten?“ Der Schnösel hielt ein Tablett mit Schokoküchlein vor ihn hin.

„Nein Danke! Wir sind hier um zu arbeiten!“ stellte Lehmann gleich mal die Fronten klar und warf der Dicken einen bösen Blick zu. Ihre Hand war schon Begriff nach einem Cupcake zu greifen, nun überlegte sie sich anders, hielt in der Bewegung inne und verwandelte sie in ein freundliches Abwinken.

Cupcake, dachte Lehmann, was soll das sein? Eine amerikanische Notlösung, weil man sich keine richtigen Backformen leisten konnte? Und ehrlich gesagt, fand Lehmann auch, daß diese Dinger tatsächlich so aussahen, als wenn jemand in eine Tasse gekackt hatte, das ganze nach ein wenig Trocknen umgestülpt hatte und nun als Delikatesse feil pries. Zu allem Überfluss, waren die Dinger in Mitte meist auch noch flüssig. Das war doch gebackene Diarrhö. Was waren das bloß für Zeiten in denen die handwerkliche Unfähigkeit einen Kuchen zu backen, als kreativ bezeichnet wurde? Lehmann sehnte sich nach dem klassischen Gugelhupf zurück.

„Wenn Sie uns dann mal Ihre Zubereitungsräume zeigen würden!“

Auf den ersten Blick sah in diesen Läden immer alles picobello aus, aber erfahrungsgemäß zeigten sich die Mängel dann im Detail.

„Besonders interessiert mich die Lagerung von Eiern und Mehl.“

Die Backstube sah aus wie ein OP. Ein Mitarbeiter füllte die Teigmasse mit ein Einweghandschuhen in kleine Förmchen.

„Also wir verwenden keine Eier, unsere Produkte sind im Prinzip vegan“, erklärte der Schnösel.

„Dann zeigen Sie mir bitte, wo Ihre Grundzutaten gelagert werden!“ unterbrach Lehmann sofort. Bevor der gute Mann zu einem langen Vortrag über seine Weltsicht ansetzen konnte. Es interessierte Lehmann schlicht nicht, warum die Verwendung von Eiern im Kuchenteig, 7000 Kilometer entfernt zu einem Aussterben der gelbfleckigen Limabohne und somit auch des kreuzgestreiften Kartoffelschutzkäfers führte.

Gleich neben einer Rührmaschine standen drei Säcke mit einem, weißlichem und einem bräunlichem Pulver. Offen.

„Das ist im Prinzip so eine Fertigmischung.“

„Und was ist da drin?“

„Also im Prinzip vegan. Genaueres können Sie auf der Homepages des Herstellers …“

„Herr Hackenschmidt, bei aller Liebe. Auch solche Säcke müssen deklariert werden. Also … wo ist die Deklaration.“

Der Schnösel griff nach einem Säcke und versuchte ihn umzudrehen, aber der Sack wog wohl über 200 Kilo und bewegte sich trotz der hemdsärmeligen Bemühungen des Geschäftsführers nicht.

„Markus, faß doch mal mit an!“

Aus dem Flur, der an die Backstube angrenzte, war ein weiterer bärtiger Mitarbeiter gekommen und machte sich daran seinem Chefkumpan zu helfen.

„Sagen Sie mal …“, wandte sich Lehmann an den Mitarbeiter: „Wo kommen Sie gerade her?“

„Tschuldigung, ich war nur kurz auf Toilette“, erklärte der Mann.

„Mit den Handschuhen? Wie haben Sie sich denn dann die Hände gewaschen?“

Der Mitarbeiter starrte ihn an, als wenn er die Frage nicht verstanden hätte. „Ich hatte doch die Handschuhe an …“

„Sie gehen mit den Handschuhen aufs Klo und arbeiten dann weiter mit Lebensmitteln?“ versuchte Lehmann ihm den Weg zu weisen.

„Na, wenn ich die jedesmal wechsele, dann müssen dafür ja jede Menge Gummibäume gefällt werden …“

Am liebsten hätte Lehmann sich mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen … Nein eigentlich lieber dem Mitarbeiter auf den Hinterkopf.

„Notieren Sie das, Fräulein Schröder. Und Sie wechseln bitte unverzüglich die Handschuhe.“

Gemeinsam schafften es die beiden den 200Kilo Sack umzudrehen. Zum Vorschein kam nicht nur eine mit 8 Punktschrift versehen ellenlange Deklaration, sondern auch ein verdächtiger Fleck, der sich unter dem Sack gebildet hatte. Lehmann ließ sich von Fräulein Schröder seine Lupe reichen. Sojaglutamat, Trockenproteine, gefriergetrocknete kolloidale Dispersion von Linousinen, Hefeextrakt, Kakaopulver-Emulation aus Tamarinde und Lipiden von der Jungpalme und vieles, vieles mehr. Lehmann fragte sich, was er wohl unter einer Kakao-Emulation zu verstehen hatte. Okay, die gefriergetrocknete kolloidale Dispersion von Linousinen war nun eindeutig Milchpulver von Limousin-Kühen. Soviel zum Veganen.

„Dieser Fleck hier!“ stellte Lehmann fest. „Das ist Schimmel. Sie können keinesfalls die Säcke mit den Backmischungen, hier einfach auf dem Boden lagern. Jedesmal wenn hier gewischt wird, kommt Feuchtigkeit unter den Sack und fängt dort früher oder später an zu schimmeln.

Der Schnösel schaute irritiert auf den Fleck, dann ratlos seinen Untergebenen an.

„Sie müssen die Säcke höher lagern, möglichst so, dass sie auch von unten Luft kriegen!“ erklärte Lehmann. „Möglichst auf einem Gitter“, fügte er hinzu, als er die verständnislosen Gesichter sah.

Der Schnösel nickte deutlich beleidigt. „Ja, klar, da müssen wir was entwickeln.“

„Ich nehme das in die Mängelliste auf. Stellen Sie Säcke einfach auf ein Gitter, so wie es sie für Kellerfenster und Lichtschächte gibt. Das reicht dann schon.“

Alles in allem waren es aber nur Kleinigkeiten, die Lehmann zu beanstanden hatte. Die drei Öfen waren sauber, fast unbenutzt, was Lehmann bei der Konsistenz der Produkte nicht wirklich wunderte und er war mit seiner Prüfung im Prinzip fertig. Er warf Fräulein Schröder einen fragend Blick zu, ob sie alles notiert hatte und man gehen könnte. Doch Fräulein Schröder sah ihn sehr eindringlich an und der Kugelschreiber in ihrer rechten schien mit dezent zuckenden Bewegungen, seine Aufmerksamkeit auf etwas lenken zu wollen.

Lehmann folgte der Bewegung des Stiftes und sah die Tür.

Kapitel 3 - Die Tür

Die Tür war eine einfache Holztür, davor standen gestapelt drei Kästen mit Biolimonade aus dem Herkunftsland. Von der Frage mal abgesehen, was das sein sollte, stellte Herr Lehmann fest, daß er diese Tür tatsächlich nicht als Tür wahrgenommen hatte. Die Frage war also …

„Wohin führt diese Tür“?“

Der Schnösel und sein Mitarbeiter sahen sich fragend an und zuckten dann die Achseln.

„Frauke Marie! Weiß du wohin diese Tür führt?“ rief der Schnösel in den Verkaufsraum.

„Was denn für eine Tür?“

„Hier hinten in der Backstube!“

„Die nach draußen?“

„Ja, vermutlich.“

„Die führt nach draußen!“ Nebenbei erfuhr Lehmann, daß Frauke Marie hier früher mal einen Wollladen mit Garnen aus der Brennesselfaser besessen hatte, der sich wirtschaftlich jedoch nicht wirklich durchsetzen konnte. Als sie das eingesehen hatte, kam Starbugs und übernahm sie zusammen mit dem Laden. Daher war Frauke Marie mit den Örtlichkeiten hier wohl bestens vertraut.

„Also in den Flur!“ fügte Frauke Marie hinzu, als die Stille in der Küche ein Verständnisproblem vermuten ließ.

„Die Tür führt nach draußen, in den Flur!“ faßte der Schnösel noch einmal zusammen.

Herr Lehmann warf einen genauen Blick auf die Tür. „Die führt also nach draußen in den angrenzenden Hausflur?“

Lehmann klopfte gegen den Türrahmen. „Holz! Das sieht mir nicht aus, wie eine Brandschutztür. Konnten Sie die mal öffnen?“

„Ja, klar, Markus zieh doch mal die Kisten weg.“

Auch als die Kisten entfernt war, zog Herr Hackenschmidt vergeblich an der Türklinke.

„Geht nicht auf, vermutlich abgeschlossen.“

„Die Tür geht aber nicht auf!“ rief Frauke Marie aus dem Verkaufraum, die haben die damals im Rahmen zugenagelt, weil der Schlüssel weg war.“

„Okay, also …“

Lehmann winkte ab. Er hatte verstanden und ersparte sich die geschäftsführende Redundanz.

„Also, das hier ist doch eine Backstube? Ja? Da stehen Öfen und eine Menge brennbarer Materialien. Die Tür führt in den Hausflur und ist aus einfachem Holz?“

„Ja, aber wer bricht schon ein eine Backstube ein?“

„Brandschutz! Her Hackenschmidt, das Thema ist Brandschutz!“

Herr Hackschmidt wußte nicht, was er sagen sollte.

„Die Öfen, Herr Hackenschmidt. Wenn es hier brennt, dann kann das Feuer beinahe ungehindert auf den benachbarten Hausflur übergreifen, verstehen Sie!?“

„Ja, aber die Öfen sind ja kaum in Benutzung.“

Der Verzweiflung nahe schüttelt Lehmann den Kopf. Er nickte Fräulein Schröder zu.

„Also in den nächsten Tagen, kommen die Kollegen von der Feuerwehr und überprüfen die Brandsicherheit in diesem Etablissement. Vorab kann ich Ihnen schon sagen, dass ein zugenagelter Ausgang sich wohl nicht als Fluchtweg eignen wir. Von uns bekommen sie im Nachgang eine Mängelliste und eine Frist zur Beseitigung und eine entsprechende Rechtsmittelbelehrung. Haben Sie das verstanden?“

Der Schnösel nickte verständnislos. Und Lehmann schüttelte erneut besorgniserregt den Kopf.

„Gut, dann sind wir hier fertig. Fräulein Schröder?“

Fräulein Schröder nickte zustimmend, riß einen Protokollzetteln von Ihrem Clipboard und reichte ihn dem Herrn Hackenschmidt.

Der nahm den Zettel verstört entgegen und fragte: „Möchten Sie vielleicht jetzt noch einen Cupcake?“

Das war vielleicht als so eine Art, ich-bin-dir-nicht-böse-Angebot gemeint, nach dem Motto, du-machst-ja-auch-nur-deinen-Job, aber die beiden Beamten lehnten gleichzeitig dankend ab.

Ja, sie machten nur ihren Job und Fräulein Schröder hatte ihren Job wirklich gut gemacht. Vor allem war es ihm angenehm, dass sie kein großes Aufhebens davon machte, dass er die Tür übersehen hatte. Wie zufrieden er mit ihrer Arbeit war, sagte Herr Lehman ihr auch, als er ihr, entgegen seiner Gewohnheit, beim Schlachter ums Eck noch ein frisches Mettbrötchen spendierte, bevor sie sich wieder auf den Weg ins Amt machten.

Kapitel 4 - Zurück im Amt

Zurück im Amt, wies Herr Lehmann das Fräulein Schröder an, die Akte Starbugs anzulegen, ein Protokoll anzufertigen und ihm den gesamten Vorgang nachmittags vorbeizubringen. Falls er nicht in seinem Büro wäre, sollte sie die Akte einfach auf seinem Schreibtisch legen.

„Na wie war’s mit dem Pingel?“ fragte Susanne neugierig, als Fräulein Schröder sich gut gelaunt an ihren Platz setzte.

„Gut, das war mal was anderes, als die dauernde Büroarbeit.“

„Der soll ja ein absoluter Pedant sein. Hat er nichts zu deiner Kleidung gesagt?“

„Nöö.“

„Na, die Wohlfahrt sagt immer sie muß picobello aussehen, sonst nimmt der Lehmann sie nicht mit.“

„Also mit mir war er wohl auch so sehr zufrieden.“ stellte Klaudia fest.

„Na, das wird die Wohlfahrt gar nicht gerne hören, aber die ist ja bestimmt schon morgen wieder da. Länger als zwei Tage war die noch nie krank. Hat furchtbare Angst, dass sie ihren Job im Außendienst verliert und wieder hier bei uns landet.“

Klaudia schaute alarmiert hoch, eigentlich hatte sie gehofft es in den nächsten Tagen so einrichten zu können, daß sie den Job der Wohlfahrt bekam. Aber in zwei Tagen konnte sie das wohl kaum schaffen.

„Ich geh mal neuen Kaffee machen, der ist schon wieder“, stellte Susanne fest. „Soll ich dir einen mitbringen?“

Frau Schröder nickte und vertiefte sich in das Starbugsprotokoll. Sie mußte sich ranhalten, wenn sie Lehmann für sich gewinnen wollte.

*

Das Protokoll hatte sie rechtzeitig fertig. Es war erst kurz nah mittag und womöglich war Herr Lehmann noch zu Tisch. Aber das war er nicht. Er hielt die Pausenzeiten mit der Stoppuhr ein. Fräulein Schröder begegnete ihm auf dem Flur, vermutlich auf dem Weg zur Toilette.

„Die Tür ist offen. Legen sie mir den Vorgang einfach auf den Tisch.“

Herr Lehmanns Büro war schon größer als die der üblichen Sachbearbeiter und vor allem er hatte es für sich ganz allein. Sein Schreibtisch war ordentlich Stifte und Schreibbedarf hatten offenbar einen festgelegten Platz und rechts war ein überschaubarer Haufen akkurat gestapelte Akten. Fräulein Schröder überlegte, ob sie ihre Akte dazulegen sollte, entschied sich dann aber für den freien Arbeitsplatz in der Mitte. Natürlich richtete sie ihre Akte mit gleichmässigem Kantenabstand rechtwinklig aus. Was machte das sonst für einen Eindruck. Dabei orientierte sie sich an der sauber gefalteten FAZ, die auf der linken Seite lag.

Allerdings fiel Klaudia auf, daß aus der Zeitung eine kleine farbige Papierecke hervorlugte. Das war sicherlich der Eile auf dem Weg zur Toilette geschuldet.

„Na, na, na, Herr Lehmann“, dachte Klaudia und versuchte den Fehler zu beheben. Sie schlug die gefaltete Zeitungshälfte aus, um die farbige Einlage neu auszurichten.

„Aber holla!“ entfuhr es Fräulein Schröder, als sie sah, was die Einlage war. „Nylons, Nylons, Nylons.“

Na das war ja mal eine deutliche Ansage, was Herrn Lehmanns Vorlieben außerhalb des Amtes betraf. Es wäre Klaudia lieber gewesen, der Titel des Magazins hätte gelautet: „Reife dicke Damen in Strapse“, denn das hätte ihr die Sache enorm vereinfacht, aber egal, so sah sie auch gute Chancen, der Wohlfahrt den Job hier abspenstig zu machen. Sie ließ es lieber sein, das Magazin zu ordnen und klappte die Zeitung wieder zu. Sie wollte nicht, daß Lehmann ahnte, das sie wußte, was er wollte. Genau.

„Das nenne ich pünktlich Fräulein Schröder“, stellte Lehmann fest und ging zu seinem Schreibtisch.

„Ich habe Ihnen das Protokoll auf den Tisch gelegt“, erklärte Klaudia, die schon fast an der Tür war. Sie schaute zurück und sah, wie Lehmann auf die Akte auf seinem Tisch starrte. Nun würde es sich zeigen, ob das exakte Ausrichten wirkte. Und ja, Lehmann setzte sich an seinen Schreibtisch ohne die Akte zu berühren. Hätte sie falsch gelegen, hätte er sie mit Sicherheit noch vor dem Hinsetzen in die Hand genommen. Aber er setzte sich, verschob die Akte nicht, sonder schlug sie einfach auf und überflog den Inhalt.

„Ach Fräulein Schröder!“ rief er, als Klaudia die Türklinke schon in der Hand hatte. „Falls Frau Wohlfahrt morgen noch abgängig sein sollte, würde ich sie bitten erneut mit die Kontrollen vor Ort zu machen.“

„Sehr gerne Herr Lehmann!“

Lehmann sah von der Akte hoch und schaute sie musternd an.

„Ich möchte sie allerdings bitte, solange sie im Außendienst tätig sind unsere Behörde auch durch die entsprechende Bekleidung zu repräsentieren.“

„Natürlich Herr Lehmann!“

Lehmann grunzte kaum hörbar und nickte mit dem Kopf. „Klassisch, aber dezent!“ stellte er klar. „Wir sind weder Hippies, noch Schickies.“

„Verstehe“, sagte Klaudia, zog die Tür auf und verließ das Büro. „Bis morgen dann, hoffentlich!“

*

Die restlichen 3 Stunden des Arbeitstages verbrachte Fräulein Schröder damit Bußgeldanträge zu bearbeiten. Genug Zeit und Raum also, um darüber nachzudenken, was heute noch alles zu erledigen wäre. Nylons kaufen und dafür zu sorgen, daß die Wohlfahrt morgen noch zu Hause bliebe.

Kapitel 5 - Übernahmeversuch

Gewöhnlich betrat Fräulein Schröder solche Boutiquen eher nicht. Die waren jenseits ihrer Preisklasse und wirkten auf sie atmosphärisch abschreckend. In so einem, im Prinzip leeren Laden mit ein paar Kleiderständern an den Seitenwänden, ungünstiger Beleuchtung und bewußt unterkühltem Ambiente, stand Fräulein Schröder in der Mitte des Raumes wie ein Ausstellungsstück auf dem Präsentierteller.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Die Verkäuferin war vermutlich Anfang 20 und seit sechs Jahren mit der Schule fertig. Fräulein Schröder hätte am liebsten: „Das glaube ich kaum.“ gesagt, aber tatsächlich schien eine Art Selbstbedienung bei diesem Angebot kaum möglich.

„Ich suche ein schlichtes Kostüm“, erklärte sie so freundlich sie konnte.

„Oh, verstehe. Also an der nächsten Kreuzung rechts und dann noch ein bißchen, da ist ein Geschäft für Arbeitsbekleidung, vielleicht finden Sie da …“

„Nein, nein, Sie verstehen mich falsch. Ich meine einen Zweiteiler Rock und Jackett.“

„Wir haben aber ausschließlich Damenmode.“

Fräulein Schröder sah verdutzt auf die Frau hinunter, dann ließ sie Ihren Blick durch den Laden schweifen. Viel Glitzer, viele Farben, von Mode eigentlich keine Spur. „Sie haben wohl recht, vermutlich bin ich hier falsch.“

Die Verkäuferin lächelte wortlos.

Also doch zu C&A, überlegte Klaudia. Etwas wirklich Schickes war hier nicht zu finden und wenn, dann ganz sicher nicht in Ihrer Größe.

„Vielen Dank, dann probiere ich es wohl woanders.“

Die Verkäuferin nickte still und als Klaudia schon fast den Laden verlassen hatte, rief sie ihr nach: „Sie könnten es mal zwei Häuser weiter, auf der anderen Straßenseite probieren. Vielleicht haben die so etwas.“

„Ja, danke“, antwortete Klaudia höflich und war sich sicher, daß in dem Laden dann die Cousine dieser Verkäuferin arbeitete und es sich vermutlich um ein Friseur mit Popur-Verkauf von Lkw-Ware handelte.

Aber dem war nicht so. Jetzt wußte Fräulein Schröder, warum die Verkäuferin ihr diesen Laden empfohlen hatte. „Dick & Schick.“ Wenn sie da jetzt rein ginge, wäre das ein Eingeständnis, dass sie ihren Spitznamen zu recht verpaßt bekommen hatte.

Ein Blick ins Schaufenster konnte ja nicht schaden und was wunder, alles wild gemustert und wallend. Die klassischen Tarnkappen für die übergewichtige Frau, die nicht verstand, daß sie in solchen Klamotten einfach nur wie ein Monolith in der Landschaft wirkte, anstatt durch Betonung der Details von ihrem eigentlichen Gewicht abzulenken.

Egal, bis in die Innenstadt wollte sie jetzt auch nicht fahren.

„Moin“, sagte die Verkäuferin, die durchaus vergleichbaren Kalibers war, als Fräulein Schröder den Laden betrat und vertiefte sich gleich wieder in das Auszeichnen der Waren. Warum sie dafür eine Schere brauchte, war Klaudia nicht wirklich klar. Sie ließ den Blick grob über das Angebot schweifen und entschied, daß sie Hilfe brauchte.

„Ich suche etwas Klassisches für die Arbeit. Also dezent, unaufdringlich und formal korrekt!“

Die Verkäuferin sah kurz auf und schnitt dann ein Etikett aus einem nagelneuen Sommerkleid.“

„Kostüm oder lange Hosenkombi.“

„Kostüm.“

„Ich schau mal.“ Die Verkäuferin verschwand in dem kleineren Raum hinter dem Durchgang.

Mental bereitete sich Klaudia bereits auf die Größenfrage vor, als die Verkäuferin mit einem einfach gehaltenen Kostüm und mausgrau mit Schößchenjacke zurückkam.

„Da ist gut“, stellte Fräulein Schröder fest und befühlte den Stoff. Es sah aus wie feine Wolle, fühlte sich auch so an, schien aber dehnbar zu sein.

„Das haben wir in Grau, Braun, Tannengrün und Beige.“

„Auch in meiner Größe“, sprach Fräulein Schröder das leidige Thema jetzt selbst an.

„Das ist Ihre Größe“, behauptete die Verkäuferin und fügte hinzu: „Wir sprechen hier nicht über Zahlen, alle unsere Produkte sind flexibel, was Körperbau und -formen angeht und Sie finden keine Etiketten oder sonstigen Unannehmlichkeiten in unserer Ware.“

„Stretch?“ fragte Klaudia verunsichert.

„20 Prozent, das soll sich ja nicht verhalten wie ein Taucheranzug.“

„Kann ich es mal anprobieren?“

„Natürlich dahinten.“

Fräulein Schröder mochte keine Umkleidekabinen, obwohl die hier doppelt so groß war, wie üblich. Der Rock saß perfekt, die Bewegungsfreiheit war hervorragend.

„Sie haben dort auch einen Spiegel“, erklärte die Verkäuferin, die ungefragt eine weiße Bluse hereinreichte. „Einfach den Vorhang zurückziehen.“

Klaudia bemerkte den Vorhang an der hinteren Kabinenseite und zog ihn zurück.

„Nicht alle Kundinnen mögen es, sich selbst beim Umziehen zu beobachten, daher der Vorhang.“

„Und Größen haben Sie gar nicht?“

„Wir teilen unsere Kundinnen in nur vier Kategorien ein. Normal, von der natur bevorzugt, deutlich bevorzugt und ultimativ bevorzugt. Aber Zahlen lehnen wir ab.“

„Welche Kategorie ist das hier?“

„Das ist nicht wichtig, es reicht, wenn ich Ihnen die richtige Größe raussuche!“

Dieser Laden begann Fräulein Schröder zu gefallen. „Haben Sie auch Nylons?“

„Haben wir, allerdings wegen der Beinlänge in den klassischen Größeneinteilungen. Dort sollte Sie schon zu drei greifen.“

„Also deutlich bevorzugt.“

Die Verkäuferin grinste breit.

Nach einer halben Stunde verließ Fräulein Schröder zufrieden und voll ausgestattet zu einem völlig akzeptablen Preis das Geschäft. Sie war sicher, daß sie wiederkommen würde.

Kapitel 6 - Abendessen mit Muttern

Wie an jedem Tag, nahm Herr Lehmann die U-bahn und betrat kurze Zeit später den kleinen Supermarkt von Herrn Kaslowski. Kaslowski hatte sich lange gewehrt mußte aber vor zwei Jahren dem Edeka-Konzern beitreten. Seitdem war das Angebot nicht besser geworden, aber teurer. Trotzdem hielt Lehmann ihm die Treue. Schließlich erledigte er hier seit über 20 Jahren seine Einkäufe.

Kaslowski war immer hinter der Fleischtheke zu finden. Fleisch ist Chefsache, behauptete er ebenfalls seit 20 Jahren.

„Na, Herr Lehmann, was darf’s denn heute sein?“

„Kotelett, Herr Kaslowski, es soll heute Kotelett sein.“

„Und mit der Frau Mutter, alles soweit?“ fragte Kaslowski, und hielt ihm ein großes Biokotelett mit Filet hin.

Lehmann nickt. „Alles gut.“

„Ich hab heute noch frische, grobe Bratwurst da. Im Angebot. Die ißt ihre Frau Mutter doch so gern …“

Lehmann nickte zustimmend. „Dann davon auch vier.“ Man konnte sich auf Kaslowskis Empfehlungen immer verlassen. Die selbstgemachten Bratwürste hatte er meist nur zweimal die Woche, weil er ja eigentlich Geschäftsführer war und daher zum wursten nur selten Zeit fand. Allerdings war wursten wohl sein eigentliches Metier. Das Team hinter Fleischtheke konnte sich jederzeit mit einem Fleischereifachbetrieb messen. Auch die Verkäuferinnen.

Desweiteren hatte Herr Lehmann Blumenkohl, Milch, Butter und anderen Kleinkram auf dem Zettel. Die Kartoffeln hakte er ab, die hatte er schon gestern besorgt. Dafür nahm er noch Klopapier mit.

Es war täglich in etwa die gleiche Menge, die er seinen kleinen Beutel mit nach Hause brachte, nur am Samstag besorgte Lehmann die Dinge die man auf Vorrat haben mußte.

Es dämmerte bereits herbstlich und bald würde er wieder erst im Dunkeln nach Hause kommen. Eigentlich mochte Lehmann den Winter. Gut es war feucht und kalt, aber es war auch alles etwas stiller und langsamer. Das Lebendige an den langen Sommerabenden empfand Lehmann manchmal als Belästigung.

Herr Lehmann schloss die Haustür auf und rief: „Bin wieder da Mutter!“

Mutter war in der Küche und schälte Kartoffeln.

„Hast du die Koteletts gekriegt?“ fragte sie und ließ sich rechts und links auf die Wange küssen.

„Ja und noch ein paar frische Bratwürste. Kaslowski hat heute gewurstet.“

„Prima.“ Mutter Lehmann legte das Schälmesser beiseite, stand auf, nahm ihm die Einkaufstasche ab und sagte: „Dann setz dich in die Stube mit deiner Zeitung und ich bringe dir ein Bier. Das Essen ist in 30 Minuten fertig.“

Auch das gehörte zu den täglichen Routinen. Lehmann hatte kaum abgelegt, seine Filzpantoffeln übergestreift und sich in den Sessel fallen lassen, da kam seine Mutter auch schon mit dem Bier an. Sie schenkte ihm ein, denn aus der Flasche trinken ging in diesem Haus nicht und platzierte das Glas und die halb volle Flasche auf zwei Untersetzern mit Aquarellmotiven aus der Toskana.

Offenbar war es Mutter schon kalt geworden, denn sie hatte bereits den gemusterten, groß gesteppten Morgenmantel an, den sie sonst nur im Winter trug.

„Mutter, du brichst dir noch mal den Hals“, stellte Herr Lehmann fest und zeigte auf ihre Schuhe. Seit er sich erinnern konnte trug seine Mutter diese hohen Pfennigabsätze. Er hatte sie so schon so oft gebeten, wenigstens im Haus flache Schuhe zu tragen, aber es war nichts zu machen.

„Unsinn. Und wenn, dann soll es halt so sein. Vater hätte es sicher nicht geduldet, daß eine Frau flache Schuhe trägt“, stellte Mutter Lehmann fest.

„Aber mit 78 vielleicht schon.“

„Ach sei nicht albern, Karl. Also dreißig Minuten. Trink in Ruhe dein Bier und dann komm essen.“

Er sah kopfschüttelnd zu, wie Mutter aus dem Zimmer stakste. Sie würde sich eines Tages den Hals brechen. Das war sicher.

‚Vater’, dachte Herr Lehmann. Herr Lehmanns Vater war lange tot, er war gestorben als Karl 15 war. Seitdem lebte er in diesem Haus allein mit seiner Mutter und trotzdem schien der alte Herr immer noch irgendwie anwesend zu sein. Manchmal hatte Karl das Gefühl, er hätte ihn damals einfach nur ersetzt und wäre in den letzten Jahre Sohn und Ehemann in einer Person gewesen. Aber das war wohl so, wenn der Vater zu früh verstarb.

Kapitel 7 - Besuch bei der Wohlfahrt

Der erste Teil des Plans hatte zu Fräulein Schröders vollster Zufriedenheit funktioniert. Für den morgigen Tag war sie perfekt gerüstet. Sie sah auf den kleinen Zettel in ihrer Hand. Das war die Adresse von Frau Wohlfahrt. Der würde sie jetzt mal einen Besuch abstatten. Aber zuerst noch in die Apotheke. Ein solides Abführmittel sollte reichen, um ihren Plan umzusetzen.

Milchzucker. Harmlos, aber in großer Menge stark abführend. Und hier war die Hühnersuppe. Ein großer Becher Hühnersuppe vom Chinamann. Fräulein Schröder hatte sich immer gefragt, wer wohl in solchen Häusern wohnte. 10 Stockwerke hoch und dann diese Außen-Balustraden von denen man die einzelnen Wohnungen betreten konnte. Im Treppenhaus rührte Klaudia in Ruhe das Abführmittel in die Hühnersuppe. Besser wohl beide Packungen. Dann ging sie zurück zum Fahrstuhl. Natürlich wohnte Frau Wohlfahrt im 9. Stock.

Einen Moment lang sah es so aus, als ob Klaudias Plan an der Balustrade scheiterte. Sie durfte halt nicht runter schauen. Mit dem Blick stur auf die Tür zum gegenüberliegenden Aufgang gerichtet kämpfte sie sich bis zur 906 vor.

Wenn sie jetzt auf den Klingelknopf drückte, würde die Gegenkraft sie vielleicht in den Abgrund hinter sich stürzen. Sekundenlang war ihr schwindlig. Aber sie sagte sich immer wieder, daß sie die Klingel drücken konnte ohne dabei unkontrolliert zurückzuweichen. Sie mußte einfach nur dicht an der Klingel stehen bleiben.

Big Ben. Ein wirklich beliebter Klingelton. Fräulein Schröder wurde ungeduldig. Niemand öffnete. Die Wohlfahrt mußte doch da sein. Sie versuchte durch ein Fenster in Küche zu schauen. Da wurde das Licht eingeschaltet. Klaudia wich ertappt zurück, beinahe wäre sie abgestürzt, obwohl das Geländer der Balustrade ihr bis zur Taille ging. Sie traute sich jedoch nicht, sich daran festzuhalten. Es sah sehr nachgiebig aus, auch wenn es auch dicke Metallprofilen bestand und über Sichtschutzplatten verfügte. Das war Quatsch und Klaudia riß sich zusammen. Ein Schlüssel wurde im Schloß gedreht. Sie mußte sich jetzt konzentrieren.

„Frau Schröder“, stellte Frau Wohlfahrt mit verquollenen Augen und schwer geröteter Gesichtshaut fest. Sie hatte sich schon immer geweigert die Schröder als sFräulein anzusprechen, die blöde Kuh. Dabei war doch selber so eine alternde Jungfer.

„Ja, ich habe gehört, daß Sie krank sind“, erklärte Klaudia. „Und weil sie doch allein leben, dachte ich, ich schaue lieber mal nach Ihnen.“

„Das ist wirklich nett!“ Frau Wohlfahrt zog ein Taschentuch aus dem Ärmel ihres rosa Frottee-Bademantels und tupfte sich die Nase.

„Es geht schon besser“, behauptete sie. „Wenn ich heute Nacht noch einmal richtig durchschlafen kann, bin ich morgen sicher wieder auf dem Damm.“

„Ach, das wäre schön. Ist ja so selten, daß sie mal fehlen. Da macht man sich ja gleich richtige Sorgen!“

„Ist nicht nötig, war nur ein heftiger Grippeanfall, sonst nichts.“

Frau Wohlfahrt machte keinerlei Anstalten Klaudia hereinzulassen. Aber damit hatte Fräulein Schröder auch nicht gerechnet. Sie wollte die Kollegin wohl eher so schnell wie möglich wieder loswerden.

„Na dann wissen wir ja Bescheid und hoffen auf das Beste!“ sagte Klaudia. „Dann machen Sie es mal gut.“

Klaudia wollte ihr keine Chance lassen, die Hühnersuppe abzulehnen. Daher musste die Wohlfahrt glauben, dass sie die Schröder los wurde, wenn sie nur die Hühnersuppe nahm. Hätte Klaudia die Suppe einfach angeboten, hätte die Wohlfahrt sie ganz sicher abgelehnt. Aber jetzt, wo sie sie fast schon los war …

„Ach, das hätte ich fast vergessen. Ich habe Ihnen frische Hühnersuppe mitgebracht, man kommt ja selbst so schlecht raus, wenn man krank ist und Hühnersuppe soll ja sehr stärkend sein. Vielleicht können Sie dann heut nach gut schlafen!?“

Verdutzt sah Frau Wohlfahrt auf den den großen Becher Suppe, den die Schröder ihr hinhielt. Einen Moment zögerte sie, aber dann wurde ihr wohl klar, dass wenn sie jetzt ablehnte, das ganze hier noch ewig dauern könnte und eigentlich war die Schröder doch schon so gut wie weg … Sie nahm also die Suppe und bedankte bedankte sich brav So wäre sie die Schröder ganz schnell los.

„Ja, das ist ja nett.“ Frau Wohlfahrt nahm die Suppe und schob die Tür ein Stück weiter zu. „Ich sollte mich jetzt wohl besser wieder hinlegen.“

„Ja natürlich, das ist sicher das Beste. Dann wünsch ich mal gute Besserung und bis morgen. Und einfach in der Mikrowelle ein bißchen aufwärmen. Die muß ja heiß gegessen werden!“

Die Euphorie, das der Plan aufgegangen war, verhinderte jeden weiteren Schwindelanfall auf dem Rückzug über die Balustrade und im Fahrstuhl war das Elend dieser Architektur schon fast vergessen. Wenn alles klappte hatte sie einen Tag gewonnen.

Und den würde sie zu nutzen wissen.

Kapitel 8 - Zu Tisch

„Karl! Kommst du zu Tisch?“

„Ja, gleich.“

Karl faltete die Zeitung zusammen legte sie auf den Beistelltisch. Alles mußte schließlich seine Ordnung haben.

Auch das Tischgebet mußte sein. Es war kurz und endete mit „guten Appetit“ statt mit „Amen“. Mutter war zwar katholisch, hatte da aber einige nach ihrer Ansicht pragmatische Optimierungen beim Glauben vorgenommen.

„Und die Würstchen“, fragte Karl, als er das Kotelett mit Salzkartoffeln und Blumenkohl in weißer Sauce auf seinem Teller betrachtete.

„Mache ich morgen, mit Kraut.“

Karl nickte. Kotelett war ihm sowieso lieber. Er schenkte sich noch von dem zweiten Bier ein und machte sich schweigend über das Essen her.

Drei Bier. Es gab jeden Tag genau drei Bier. Eins, wenn er nach Hause kam. Eins zum Essen und eins zum Fernsehen. Machmal überlegte Karl, ob er die Tage außerhalb der Behörde an irgendetwas anderem als dem Essen festmachen konnte. Vermutlich nicht, vermutlich war es aber auch gut so.

„Wie war die Arbeit?“ wollte Mutter wissen.

„Oh“, sagte Karl und sah auf. „Ich mußte heute mit einer neuen Kollegin die Kontrollen machen.“

„Mit einer neuen Kollegin? Was für eine neue Kollegin?“ fragte Mutter mißtrauisch. Sie mochte es nicht, wenn Karl neue Leute kennenlernte, schon gar nicht Frauen.

„Die Wohlfahrt ist krank. Und ich mußte die Dicke mitnehmen.“

„Die Dicke?“

„Fräulein Schröder. Aber im Amt heißt sie halt nur die Dicke.“

„Ein Fräulein?“ Mutters Argwohn schien endgültig geweckt.

„Ja, seltsam, daß es so etwas heute noch gibt.“

„Das solltest du nicht tun, Junge, bleib bei der Wohlfahrt, da weißt du woran du bist.“

„Die war ja nunmal krank. Aber morgen soll sie schon wiederkommen“, beruhigte Karl seine Mutter schnell.

„Junge sei bloß vorsichtig mit solchen Weibern, du weißt doch, daß die alle nur das eine wollen.“

Es war nicht Sex, was seine Mutter damit meinte. Nein, all diese Huren da draußen wollten ihn nur seiner Mutter wegnehmen. Das war es, was sie alle wollten.

„Mach dir keine Sorgen, Mutter. Es ist nur eine Vertretung.“

„Du glaubst gar nicht wie schnell so manche Weiber ihre Klauen in das Fleisch von ahnungslosen Jungs schlagen.“

„Mutter. Ich bin 49 Jahre alt und kein kleiner Junge mehr.“

„Für mich bleibst du immer mein kleiner Junge.“

Karl wußte, das es damit nicht erledigt war. Er machte sich daran seinen Teller leer zu essen in der Hoffnung, daß das Wetter gut bliebe, aber letztlich wußte er, daß die Sache mit der Vertretung Mutter heute keine Ruhe mehr lassen und es ihn viel Mühe kosten würde, Mutter davon zu überzeugen, daß es für ihn keine andere Frau geben konnte als sie.

So gesehen, hatte Karl einen anstrengenden Abend vor sich.

Demnächst mehr …

Herr Lehmann & das Fräulein vom Amt (138) - © Copyright bei Ingolf Behrens, Hamburg, 2020. Alle Rechte vorbehalten.