Fassungslos!

Fassungslos

Kurzthriller

Seit der Diagnose hatte sich sein Leben vollständig geändert. Weitere Untersuchungen wären notwendig, bevor man über einen Therapieversuch entscheiden könnte. Olaf wusste genau, was sie meinten. Er lehnte ab.

Einer Gesellschaft, der es nicht gelang eine Neonröhre mit einer akzeptablen Farbtemperatur zu entwickeln, denen würde er wohl kaum sein Gehirn anvertrauen. Er nahm den Blaustich seit der Diagnose noch intensiver wahr als früher. Warum nicht grün, wenigstens einen Schimmer der Hoffnung?

Fahl waren die Gesichter vor ihm. Ihre Venen nahmen das Blau dankbar auf und traten noch weiter hervor, als gewöhnlich. Sie pulsierten leicht, je nach Herzfrequenz und Hauttonos der Passagiere. Passagiere waren sie alle. Nur auf der Durchreise von einem Nirwana zum nächsten. Der Tunnel führte nur in eine Richtung und es gab keine Wiederkehr.

Die U2 fuhr über Jungfernstieg bis zum Hauptbahnhof. Olaf presste sich in die Ecke der hintersten Bank im Waggon. Er trug seine geliebte Bomberjacke, die mit dem Aufdruck The meek shall inherit nothing, rund gesetzt über einen symbolischen, dampfenden Hundehaufen. Seine Hand umklammerte den Griff der 9mm Walther in seiner Tasche. Seine Hand schwitzte.

„Easy Meat“, stand auf dem T-Shirt, gespannt über beide Kunstbrüste vor ihm in der Sitzreihe. Die Frau daneben hatte Esprit. Er sah in ihre maskenhaften Gesichter. Sah auf den Kunstschmuck, der an ihnen herum baumelte, die proletigen Tattoos auf Bauch und Oberarm. Ein Blick genügte und Olaf wusste, dass diese beiden Leben keinerlei Sinn für das Universum machten.

Nicht eine Sekunde dachte er daran, diese beiden Frauen zu töten. Er bewunderte einfach nur den Humor des Schöpfers und seinen Sadismus, wenn er solchen Menschen ein langes und sinnfreies Leben ermöglichte und der Menschheit andererseits jede Hoffnung auf Erkenntnis im Keim erstickte.

Olaf war 41. Die 42 würde er wohl kaum noch erleben. Zwischen ihm und der 42 stand kalt und befremdlich die Diagnose. Seine Zeit war einfach zu knapp gewesen, um zu einem Ergebnis zu kommen. Gerade hatte er 16 Jahre damit verbracht Philosophie zu studieren, gerade spürte er, wie er dem Sinn des Lebens zum Greifen nahe war, da entschied sich das Universum gegen ihn. Und nicht nur das, es verwehrte ihm auch noch die Chance seine umfassenden Erkenntnisse an die nächste Generation weiter zu geben. Das konnte nur ein Scherz sein.

Offenbar war es nicht seine Aufgabe der Menschheit auf die Sprünge zu helfen. Offenbar war er vielmehr da, um den Willen dieser Schöpfung erfüllen.

Der Wille der Schöpfung war es ganz offenkundig diverse Absurditäten zu erzeugen. Darum und nur darum, zog er jetzt nicht seine 9mm, hielt sie der dümmlichen Esprit-Tante vors Gesicht und drückte einfach ab, um sich dann an dem leichten Fleisch zu vergehen. Er konnte das nicht, weil: Das war nicht absurd.

Früher hatte Olaf die Schöpfung noch nicht persönlich genommen. Früher waren Zufall, kybernetische Komplexe und kaskadischer Kausalismus seine Erkenntnissysteme. Aber seit der Diagnose, machte nur noch eine personifizierte Schöpfung für ihn Sinn.

*

Der Waggon einer U-bahn war ein willkürlich gewähltes Bezugssystem. Die Passagiere eine willkürliche Ansammlung von Individuen. Was auch immer sie heute dazu gebracht hatte, genau diesen Waggon, in genau dieser U-bahn zu betreten, war keineswegs Schicksal oder Zufall. Vielmehr gab es eine durchgängige Wirkungskette von der ersten Zellteilung, bis hin zu diesem Moment hier. Sie alle waren nicht willkürlich hier. Und seine Aufgabe in diesem U-bahn-Waggon war es herauszufinden, wen er hier töten sollte. Für einen dieser Menschen war das hier ein Sarg auf Rollen.

Der alte Mann dort drüben vielleicht? Er war stur in die Zeit vertieft und beachtete niemanden. Ignoranz gehörte nicht in dieses Universum. Die beiden pubertierenden Jungbullen dort, die sich lautstark ihrer Hormone durch kameradschaftliches Röhren befreiten? Lärm gehörte nicht in dieses Universum.

Die Bank- oder Vertretertussi, die fortwährend auf ihr Handy starte und die einen Stöpsel im Ohr hatte, der wohl ihre Verbindung zur eigentlichen Welt darstellte, obwohl sie sich mitten durch sie hindurch bewegte. Sie lebte wohl zusätzlich noch in einer Art Parallel-Existenz. Das wiederum gehörte zum Universum!

Trotzdem stellte Olaf sich vor, wie ihr Blut an das Fenster des Waggons spritzte und leicht violett leuchtete, während sie in die nächste Station einfuhren und vielleicht blieb ja sogar ihr Ohrstöpsel an der Scheibe kleben.

Nein, all das war zu einfach. Eine so leichte Aufgabe konnte die Schöpfung nicht an ihn stellen. Oder war gerade das die Absurdität?

Nein, denn jetzt sah er sie: Eine junge, hochschwangere Frau war zugestiegen. Sie hielt sich mit einer Hand den Bauch und mit der anderen an der Stande fest. Sie sah glücklich in die Runde und die meisten Passagiere lächelten zurück.

Was war absurder, als ein Leben zu nehmen, noch bevor es beginnen konnte? Nichts. Das war es. Das war seine Aufgabe.

Olafs Puls sank schlagartig auf 79 Schläge. Seine Hand hörte auf zu schwitzen. Nun war er sich ganz sicher.

Ohne Eile stand er auf. Es war Zeit auszusteigen. Die Frau stand direkt neben einer der Türen. Er stand direkt neben ihr. Sie lächelte ihn an. Er zog unbemerkt seine Waffe aus der Tasche.

Als die U-bahn in den Bahnhof einfuhr, hob er die Waffe und hielt sie ihr mit gestreckten Arm direkt vor das Gesicht.

Das Lächeln erfror. Olaf sah die Panik in ihren Augen und sie sah das Unvermeidliche in seinen. Ihr Luftanhalten zeigte ihm, dass sie wusste, dass ihn nichts mehr umstimmen konnte. Sie würde sterben, ihr Kind würde sterben und nichts auf dieser Welt konnte in dieser Sekunde daran etwas ändern.

Kaum jemand im Waggon bekam mit, wie die schwangere Frau sich einnässte. Erst recht hatte niemand mitbekommen, wie Olaf die Waffe wieder eingesteckt und den Waggon verlassen hatte.

Sie war tot. Für einen Moment hatte sie das gewusst. Sie hatte nicht geschrien. Sie hatte nicht gebettelt. Sie hatte ihn nur genauso fassungslos angesehen, wie er sich derzeit fühlte.
So funktionierte es, das Universum. Genaus so. Endstation.

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