Rückkehr der Todeseier

Ostergeschichte

Mischa wusste, wie listig sein Vater war. Deshalb öffnete er die Tür zum Keller. Eigentlich hatte Mischa Angst, allein in den Keller zu gehen, das wusste sein Vater genau. Also war Mischa sicher, dass er die besten Eier irgendwo dort unten versteckt hätte.

Die ersten beiden Stufen waren noch leicht, dann lag die geballte Dunkelheit vor ihm. Er griff hinter sich. Irgendwo hier musste ein Lichtschalter sein. Richtig. Unten, hinter der Ecke, am Fuß der Treppe, flammte eine Glühbirne auf. Mischa stapfte tapfer die Treppen hinunter. Unten blieb er stehen und lugte vorsichtig um die Ecke. Niemand da. Nichts, wovor man sich fürchten musste. Die einzelne nackte Glühbirne warf harte, zackige Schatten auf den Boden. Überall ein gutes Versteck – nicht nur für Eier. In jeder dieser Ecken konnte alles Mögliche sein. Mischa ging ein wenig weiter in den Raum hinein. Es war unheimlich hier. Aber typisch für seinen Vater. ‚Du musst immer nur stärker sein als deine Angst.‘ Ja, der hatte gut reden, er war ja auch nicht allein hier unten. Mischa dachte nach, stellte sich vor, wie sein Vater hier unten die Eier versteckt haben musste. Da war er auch allein hier unten gewesen. Und ihm war nichts passiert. Jetzt saß er oben bei Großmutter und trank in aller Ruhe heißen Kaffee zum Frühstück.

Vorsichtig begann Mischa sich umzusehen. Er schaute auf die Regalböden an der Seite, öffnete die alte Kommode. Sie war voller angerostetem Werkzeug und Blechen. Das war der Teil des Kellers, in dem Opa früher seine Bastelarbeiten erledigt hatte. Auch die Regale waren vollgepackt mit Werkzeugen. Die einzige Möglichkeit, unauffällig ein Eiernest zu platzieren, war im Schatten der Lampe unter der Kommode. Mischa zögerte einen Moment, dann ließ er sich zu Boden fallen, schielte kurz unter die Kommode – nichts. Völlige Dunkelheit. Er sprang wieder auf und schüttelte sich. Nicht für alle Eier dieser Welt würde da seinen Arm hineinstecken und nach Dingen fischen, die ihn dort schon erwarten würden. Er stellte sich vor, wie sein Arm hineingezogen würde in das schwarze Nichts. Vielleicht würde er sogar abgerissen oder was noch schlimmer wäre, er würde im Ganzen verschlungen.

‚Nichts ist hier!‘ rief er sich selbst zu und beschloss, wieder hinauf zu gehen. ›Und wenn, dann konnten die Eier hier liegenbleiben bis sie schimmelten.‹

Gerade hatte er wieder den Fuß der Treppe erreicht, da fiel sein Blick auf die Tür zur Waschküche. Sie stand offen. Vom hinteren Kellerausgang zum Hof hin fiel etwas Licht hinein. Das war weit weniger beängstigend. Er suchte die Waschküche ab. Nur Großmutters Wäsche hin auf der Leine. Wäre es noch ein wenig düsterer hier gewesen, so wie in dem anderen Keller, dann hätte er sicherlich Angst vor diesem beigen Torso gehabt, der da steif an der Leine baumelte. Daneben ein Büstenhalter, groß genug ein ganzes Nest mit Eiern zu verbergen. Mit spitzen Fingern drehte Mischa den BH herum. Die Schalen waren leer. Dann untersuchte er den Torso. Auch dort war nichts. Sonst hingen hier nur einige Strümpfe und ein Nylonkittel. Er schaute in den Taschen des Kittels nach. Nichts. Die ganze Mühe schien vergeblich …

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