Margot mag das nicht | Textentertainment

Margot mag das nicht

Kurzthriller

Margot spürte jeden einzelnen seiner Finger auf ihrer Wange. Sie mussten sich dort rötlich brennend abzeichnen. Ihre Hand fuhr zaghaft über die Haut. Er hatte es tatsächlich gewagt sie zu schlagen. Nie hätte Margot geglaubt, dass ihr so etwas passieren könnte. Sie hatten sich schon öfter gestritten. Aber niemals so! Seit einigen Wochen war Wilhelm besonders genervt. Und nun, als sie diese lächerlich kleine Beule in den Kotflügel seines Wagens gefahren hatte, war er völlig durchgedreht. Es wäre Margot lieber gewesen, er hätte sie angeschrien. Aber er hatte ihr wortlos ins Gesicht geschlagen und hatte stumm die Wohnung verlassen. Das war eigentlich nicht seine Art. Margot war nicht bereit, diese Gewalttat in irgendeiner Weise zu entschuldigen. Auf gar keinen Fall! Wenn er damit erst einmal anfing, ging das endlos so weiter. Das kannte sie von ihrer Mutter.

Spät abends kam Wilhelm angetrunken nach Hause zurück. Margot wollte gar nicht wissen, wo gewesen er war. Leise brummte er eine Entschuldigung in Margots Richtung. Doch damit gab sie sich nicht zufrieden. Sie baute sich vor ihm auf.

„Das machst du nie wieder, hörst du?“ Sie sprach energisch und ihre Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte. Stolz hob Wilhelm den Kopf. Erneut keimte Wut in ihm auf. Margot drehte sich auf dem Absatz um und ging in die Küche. Dort waren Messer und ähnliche Gegenstände, mit denen sie sich zur Wehr setzen könnte, wenn er wieder versuchen würde, sie zu schlagen.

Tatsächlich folgte Wilhelm ihr kurze Zeit später in die Küche. Er ging gleich zum Kühlschrank und fischte sich ein Bier aus dem Türfach. In der Küche fühlte Margot sich sicher. Er sollte nur versuchen ihr hier etwas anzutun. Sie begann beiläufig das elektrische Tranchiermesser zu säubern, steckte dabei vorsorglich die beiden gegenläufigen Sägeblätter in das Gerät ein und schloss es an den Strom an. Was natürlich unsinnig war, wenn man die Maschine reinigen wollte. Aber Wilhelm bemerkte von diesen Schutzmaßnahmen nichts. Er war viel zu vertieft in seine Flasche und in Gedanken, die Margot nicht erahnen konnte.

Plötzlich wandte sich Wilhelm ihr zu und sagte: „Wir müssen uns trennen. Ich werde dich verlassen.“

Margot ließ das Tranchiermesser sinken und schluckte trocken. Sie glaubte sich verhört zu haben.

„Warum?“ fragte sie, nachdem sie dreimal tief durchgeatmet und den Anflug von Zittern wieder unterdrückt hatte. „Warum?!“

Wilhelm zuckte mit den Schultern. „Ich finde, es läuft nicht mehr so richtig.“

Das konnte man wohl sagen, dachte sich Margot. Aber schließlich war er es, der sie geschlagen hatte. Wenn schon, dann hätte sie ihn rausschmeißen sollen, aber doch nicht umgekehrt.

„Immer liegen meine Krawatten im falschen Fach, und jetzt hast du auch noch meinen Wagen kaputtgefahren“, sagte Wilhelm in die Stille.

Margot dachte angestrengt nach. Was sollte sie jetzt tun oder sagen? Sie wusste es nicht. Es gelang ihr einfach nicht, sich zu konzentrieren. Ihre Gedanken kreisten fortwährend um den Schlag auf ihre Wange und den Satz „Ich werde dich verlassen“. Das kam ihr vor wie eine zusätzliche Bestrafung, nachdem er sie schon durch den Schlag so gedemütigt hatte.

„Ich denke, es ist am besten so“, brummte Wilhelm und vermied es sie dabei anzusehen.

Plötzlich wurde Margot einiges klar. Die permanente Gereiztheit in den letzten Wochen. Wilhelm ging fremd! Da war eine andere Frau! Irgendwie erleichterte Margot diese Erkenntnis. Nein, nicht sie hatte Schuld an irgendwas! Wilhelm war es. Er trug die Schuld.

„Lüg mich bitte nicht an!“ forderte sie Wilhelm mit eisiger Ruhe auf.

„Dich anlügen? Was meinst du?“ fragte Wilhelm nervös.

„Da ist eine andere Frau im Spiel! Also erzähl mir nichts von Blechschäden und Krawatten. Ich mag das nicht, wenn man mich schlägt und anlügt.“

Wilhelms Gesicht bekam eine ungesunde rote Färbung. „Ich lüge nicht“, schrie er Margot an. Doch seine sich immer weiter steigernde Wut sprach Bände. Er war ein feiger Lügner. Nicht Margot machte ihn wütend, sondern sein eigenes schlechtes Gewissen kochte in ihm zu einer gefährlich explosiven Mischungen von Hass und Aggression auf.

„Doch, du lügst“, forderte Margot ihn seelenruhig weiter heraus.

Für Wilhelm war jedes weitere Wort zu viel. Er ging zu Margot hinüber und holte aus. Doch bevor er zuschlagen konnten, schrie sie: „Tu das nicht! Ich habe dir gesagt, ich mag das nicht. Und schon gar nicht lasse ich mir das wegen deines schlechten Gewissens gefallen. Hörst du?“

Einen Moment hielt Wilhelm in seiner Bewegung inne, doch dann schlug er trotzdem zu. Nicht mit der flachen Hand wie beim ersten Mal, sondern mit der Faust. Er war völlig außer Kontrolle geraten. Alles, woran er dachte, war, dass diese Frau ihn noch zur Verzweiflung trieb. Wilhelm war so von Sinnen, dass er das Geräusch der rotierenden Sägeblätter erst gar nicht wahrnahm. Er dachte Margot hätte ihn in die Seite geboxt, aber dann spürte er diesen stechenden Schmerz und die Feuchtigkeit, die sich über seiner Hüfte ausbreitete. Wilhelm machte einen Schritt zurück und starrte auf die Wunde, die das elektrische Tranchiermesser in ihn gerissen hatte.

Margots Augen flackerten wie eine Glühbirne mit Wackelkontakt und ihre Glieder zuckten unkontrolliert. Beide Eheleute starrten sich an. Das hätten sie sich gegenseitig nicht zugetraut. Wilhelm sah, wie Margots Auge zuzuschwellen begann. „Ich hab dir gesagt: Ich mag das nicht“, kreischte sie Wilhelm hysterisch an. Doch der verdrehte nur die Augen und sackte ohne ein weiteres Wort in sich zusammen. Bewusstlos blieb er am Boden liegen. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, beugte sich Margot über ihn. Er atmete noch. Sie wollte ihn doch nicht wirklich töten! Margot lief zum Telefon und rief den Notarzt und die Polizei.

Mehrere Stunden musste Margot unter Aufsicht eines Polizisten warten, bis der Arzt mit der schlimmen Nachricht kam. Wilhelm war tot.

„Aber an der Verletzung mit dem Messer ist er nicht gestorben. Obwohl die auch nicht ohne war“, sagte der Arzt. „Ihr Mann hatte einen Gehirntumor. Das hat ihn getötet. Eigentlich hätten Sie in diesem Stadium seit einiger Zeit ein stark verändertes Verhalten bei ihm bemerken müssen.“

Damit war die Sache für den Chirurgen und den Polizisten im Prinzip erledigt.

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