Leichte Opfer

Kurzkrimi

Es waren diese großen, durchdringenden Augen, die ihn zurückweichen ließen. Seine Hand klammerte sich um den Griff des Messers. Er hatte Angst, dass es ihm aus der schweißnassen Hand rutschen könnte. Er wusste, dass seine Chancen nicht schlecht standen, den Gegner mit einem gezielten Stich auszuschalten. Aber was, wenn er versagte?

Manfred sah dem Gegner stur in die Augen. Der tänzelte einen Schritt nach rechts. Manfred folgte ihm. Er wusste, dass das reine Nervensache war. Er musste den Gegner in der richtigen Position haben, um zustechen zu können.

Der Gegner wich zwei Schritte zurück. Eine Finte vermutete Manfred. Trotzdem setzt er bedächtig nach. Eigentlich hatte der andere keine Chance mehr. Wenn er jetzt nach links auswich, liefe er ihm direkt ins Messer. Manfred umklammerte den Messergriff noch fester. Er machte sich bereit zuzustoßen.

Das Lauern war unerträglich. Vielleicht sollte er die Initiative übernehmen, angreifen, einfach auf den anderen losstürzen, mit dem Messer vorn weg. Aber Manfred dachte nur nach. Angespannt, fast in der Hocke, ging er im Geiste den Angriff durch. Phase für Phase. Linke Hand: Dem Gegner an den Hals gehen. Rechte Hand: In einer schnellen Aufwärtsbewegung zur Brust des Gegner führen und dann tödlich zustechen.

Natürlich durfte sich der Gegner aus seinem Griff keinesfalls entwinden, sonst wäre seine gesamte linke Flanke offen. Manfred sah die Angst im Auge des Gegners. Das baute ihn etwas auf.

„Ich schaffe das!“ machte er sich selber Mut. „Für meine Frau und meine Familie. Ich schaffe das!“

Ohne Vorwarnung stürmte Manfred los. Er schrie aus vollem Hals: „Ich mach dich fertig!“

Einen kurzen Moment sah es so aus, als ob der Gegner diesem Überraschungsangriff nicht gewachsen wäre. Aber dann reagierte er.

Manfreds Hand griff ins Leere. Der Gegner hatte eine genauso überraschende Drehung nach links vollzogen und seine offene Flanke genutzt, um ihm ins Gesicht zu treten.

Das schmerzte, aber wenigstens hatte er nicht sein Auge getroffen. Er wischte sich den Dreck aus dem Gesicht und suchte den Gegner. Gehetzt dreht er sich um. Sein Gegner stand schon wieder lauernd und sprungbereit hinter ihm.

Manfred hielt das Messer drohend vor sich und schrie: „Ich bin hier nicht das Opfer!“

Wenn Manfred eine Möglichkeit gehabt hätte diesem Kampf auf Leben und Tod auszuweichen, dann hätte er es ganz sicher getan. Er war kein Held. Aber er stand mit dem Rücken zur Wand und seine Familie verließ sich auf ihn.

Wieder begann das Belauern. Inzwischen war Manfred reichlich mitgenommen. Sein rechtes Bein hatte etwas abgekriegt, sein Gesicht war zweimal getroffen worden und seine Lippe blutete. Trotzdem gab er nicht auf.

Wieder ging er in Lauerstellung. Das Tänzeln begann erneut. Zwei Schritte rechts, einen nach links, eine halbe Drehung und er hatte den Gegner dort, wo er ihn haben wollte. Diesmal würde er keinen Überraschungsangriff starten. Keine Panik kriegen, eiskalt würde er bleiben und auf seine Chance warten. Es war heiß. Der Schweiß, der Dreck und Blut rannen durch sein Gesicht. Seine Augen brannten und er musste sie zusammenkneifen. Aber nur ein wenig. Keine Sekunde ließ er seinen Gegner aus dem Auge. Immer wieder dachte er: „Ich bin nicht das Opfer! Ich wehre mich!“

Dann war es soweit. Er konnte es im Gesicht des Gegners ablesen. Es war ein kurzes Zucken der Mundwinkel, die Anspannung in den Beinen, alles Anzeichen, die Manfred richtig deutete. Jetzt ging es um alles. Da kam der Angriff. Diesmal auf der rechten Seite.

Wie eine gut geölte Killermaschine der Marines reagierte Manfred. Tausendmal in Gedanken durchgespielt reagierte sein Körper, wie ein vorprogrammierter Tötungsmechanismus. Seine linke Hand schnellte vor, griff nach dem Hals des Gegners, kriegte ihn zu fassen und im gleichen Moment stach er erbarmungslos zu.

Er sah das hilflose Unverständnis im Auge seines Gegners, die Frage nach dem Warum, aber Manfred ließ die Klinge tief in den Hals eindringen, drehte sich noch um 90 Grad herum. Dann zog sie mit einem geraden Schnitt wieder heraus.

„Ich bin Manfred und an mir führt kein Weg vorbei!“ schrie er im Blutrausch.

Es war ein Volltreffer gewesen. Er hatte dem Gegner die Halsschlagader durchtrennt. Das Blut floss in Strömen. Es war auf seiner Kleidung, auf seiner Haut, es war grauenhaft. Der Gegner bäumte sich auf, seine letzten Zuckungen, er war kaum noch zu bändigen. Aber Manfred klammerte sich fest an ihn. Ein Entkommen gab es jetzt nicht mehr.

Nach einigen Sekunden ließ Manfred los. Er sackte mit dem leblosen Körper im Arm zu Boden. Das ganze Leben war ein einziger Kampf. Dreck und Blut waren seine Bestimmung. Aber er hatte sich durchgesetzt. Er würde weiterleben!

Trotzdem hatte er getötet. Noch bevor er den leblosen Gegner von sich herunter rollen konnte, musste er sich übergeben.

Töten war nicht wirklich sein Geschäft. Aber er hatte es dennoch geschafft. Er hatte sich dem Feind gestellt, seine Angst überwunden und gesiegt!

Von Schmerzen fast gebrochen, taumelte Manfred blutüberströmt zu seinem Haus zurück. Er hatte für seine Familie gut gesorgt. Diesen Stolz könnte ihm jetzt keiner mehr nehmen. Er öffnete die Küchentür, wo seine ahnungslose Frau gerade dabei war die Kartoffeln zu schälen und rief: „Ich habe das Schwein umgebracht!“

„Wieso Schwein? Du solltest doch ein Lamm schlachten!“

„Das meine ich ja. Das Lamm ist tot!“

„Und warum siehst du aus, als kämest du gerade von der Ostfront?“

Wenn seine Frau wüsste ... Es war ein Kampf auf Messers Schneide gewesen!

„Nimmst du es bitte aus. Ausgeblutet ist es schon. Ich muss jetzt wirklich duschen!“

Waltraud lachte und konnte sich kaum wieder einkriegen. Ein wenig wütend war Manfred schon, dass seine Frau so wenig respektierte, was er alles für seine Familie auf sich nahm.

„Manfred ganz ehrlich: Du hättest Lehrer bleiben sollen. Die Landwirtschaft ist irgendwie Nichts für dich!“