Der Pechvolg

Ein Pechvogel lebt gefährlich

Kurzkrimi

Nervös rieb sich Manfred die Hände. Er hatte keine Erfahrung mit solchen Dingen. Verbrechen kannte er nur aus dem Fernsehen. Aber jetzt, wo die Bank sich weigerte, seine Ratenverträge zu zahlen, stand ihm das Wasser bis zum Hals. Alles die Schuld seiner Frau Margot. Sie wollte immer mehr haben. Diese alberne grüne Ledergarnitur musste es sein. Der 80cm Farbfernseher mit diesem ganzen technischen Schnickschnack, das neue Schlafzimmer, Auto, Stereoanlage. Und natürlich die neue Küche. Alles auf Raten. Es war ja so einfach. Eines Tages kam dann der erste Brief von der Bank.

„Dann musst du halt beruflich mal weiterkommen“, hatte Margot zu ihm gesagt. „Es muss einfach mehr Geld her.“

Das war leicht gesagt. Manfred wusste nur zu gut, wie es um ihn stand. Doch jetzt bot sich diese Chance.

Claudia war eine neue Praktikantin. Sie war umwerfend attraktiv und studierte Betriebswirtschaftslehre. Manfred konnte sein Glück gar nicht fassen, als er merkte, dass sie ein Auge auf ihn geworfen zu haben schien. Es gab doch so viele attraktive Männer in seiner Abteilung. Schon bald waren sie sich näher gekommen und sie erzählte ihm von einem Bekannten, der als Geldbote die Einnahmen eines großen Warenhauses zur Bank brachte. Da waren so zwischen 100.000 und 150.000 drin. Der Mann musste täglich 800 Meter durch die volle Innenstadtpassage zur Bank gehen.

Claudia hatte ihm den Zeitpunkt verraten, wann der Bote sich heute auf den Weg machen würde. Sie hatte ihm auch eine Pistole besorgt. Es musste nur schnell gehen. Eigentlich war das alles ganz einfach. Und hinterher würde er mit Claudia verschwinden. Ein neues Leben anfangen. Irgendwo.

Die Anspannung in Manfred wuchs mit jedem Mann, der das Gebäude verließ. Endlich, da war er. Manfred erkannte ihn, ohne noch einmal das Foto zu betrachten. Der Bote sah sich nach beiden Seiten um, und ging dann los. Quer durch die Menschenmenge steuerte er die Bank an. Auch Manfred setzte sich in Bewegung. Sein schweißnasser Griff umklammerte den Pistolenkolben. Seine Knie zitterten unter der Last seiner Schritte. Nein, das würde er nicht noch einmal durchstehen. Als Manfred genau neben ihm war, zog er hastig den Revolver aus der Tasche und hielt ihn dem Boten dicht vor den Bauch.

„Die Tasche“, hauchte Manfred. „Gib mir die Tasche.“

Der Bote sah Manfred verständnislos an.

Manfred drückte den Lauf der Pistole mit Nachdruck gegen seinen Bauch. „Die Tasche, ich sag das nicht noch mal.“

„Was soll der Unsinn?“ fragte der Bote genervt.

„Das ist ein Überfall“, antwortete Manfred und erinnerte sich, dass er das eigentlich hätte zuerst sagen wollen.

„Du bist verrückt“, rief der Mann und wollte einfach weitergehen. Doch Manfred hielt ihn zurück.

„Du solltest mir doch eins überziehen“, zischte der andere und versuchte sich loszureißen.

Manfred hörte gar nicht hin. Die Situation schien außer Kontrolle zu geraten. In Manfreds Magen zerfloss heißes Metall. Er hatte Angst.

„Was soll das?“ schrie ihn der Bote an und riss heftig an der Tasche. Einige Passanten schienen die beiden bereits zu beobachten. Das dauerte alles viel zu lange. Man würde ihn wiedererkennen. Es sollte doch ganz ruhig abgehen. Aber was würde Claudia von ihm denken, wenn er jetzt ohne das Geld wiederkäme. Ihm wurde schwarz vor Augen. Die Welt begann zu wanken und zu kreiseln. Manfred nahm sich zusammen und zog langsam den Abzug der Pistole durch. Ein heftiger Knall und die Erschütterung in seiner Hand rissen ihn in die Wirklichkeit zurück. Passanten kreischten und brachten sich in Sicherheit. Der Bote starrte ihn mit gebrochenen Augen an und sackte langsam in sich zusammen. Er war schon tot, als er auf dem Boden aufschlug.

In diesem Moment gewann Manfred die Fassung wieder. Er hatte noch eine winzige Chance in dem ganzen Durcheinander. Er nahm den Koffer und rannte los. Bei so vielen Zeugen gab es mit Sicherheit genauso viele Beschreibungen, tröstete er sich. Keine davon würde richtig sein.

Er fuhr mit seinen Wagen hinaus in ein Waldstück, um dort den Koffer zu vergraben. Zwei Monate wollten er und Claudia warten und sich dann mit dem Geld absetzten. Es schmeichelte ihm, dass Claudia ihm traute. Sie wollte gar nicht wissen, wo er das Geld vergrub.

Am nächsten Tag wartete er sehnsüchtig darauf, dass Claudia zur Arbeit kam. Sie würde so stolz auf ihn sein. Doch Claudia kam nicht. Er fragte bei Kollegen nach. Er rief bei ihr zu Hause an. Niemand ging dran. Und plötzlich kam ihm ein sonderbarer Verdacht. Was hatte der Bote gesagt, bevor Manfred geschossen hatte?

Im Sturmschritt verließ er sein Büro, fuhr zu der Stelle, an der er den Koffer vergraben hatte, grub ihn aus und öffnete ihn. Er war leer. Sein Herz zog sich zusammen, wie eine vertrocknete Rosine. Sie hatte ihn betrogen. Sicher wollte sie mit dem Boten durchbrennen und nicht mit ihm. Sie hatten das Geld schon vorher irgendwo ausgetauscht. Und nun hatte sie das Geld. Ihm wurde übel bei dem Gedanken, dass er sich eingebildet hatte, sie hätte sich in ihn verlieben können.

Auf dem Weg zurück dachte er nach. Egal was er auch tat, sie würde bestenfalls ein paar Jahre auf Bewährung kriegen, aber er würde für sehr, sehr lange Zeit im Knast verschwinden, schließlich hatte er den Boten erschossen. Er hatte sich leimen lassen, aber er lebte noch. Und: Ihm blieb ja noch Margot. Ach ja, und die Schulden. Die sollte er nicht vergessen.

Ein Pechvogel lebt gefährlich (75) - © Copyright bei Ingolf Behrens, Hamburg, 1997. Alle Rechte vorbehalten.