Inspektor Leon Berger war gerade auf dem Weg ins Büro, als ihn der Funkspruch erreichte. Ein Mord wurde gemeldet. Nur wenige Meter von seinem Auto entfernt sah er die Hausnummer 7. Dort sollte das Verbrechen stattgefunden haben. Hastig trat Berger auf die Bremse und scherte aus dem fließenden Verkehr aus. Einen kurzen Moment dachte er über die Blicke der Steuerzahler nach, als die beiden vorderen Stoßdämpfer seines Dienstwagens beinahe durch die Motorhaube schlugen. Doch es war ihm eigentlich egal. Jetzt war er im Einsatz. Er sprang aus dem Fahrzeug und ließ es quergeparkt, mit offener Tür auf dem Gehweg zurück.

Berger war nicht einmal außer Atem, als er die Haustür erreicht hatte. Routiniert zog er seine Dienstwaffe und klingelte. Drinnen tat sich nichts. Nur wenige Sekunden nach dem Anruf rechnete wohl niemand mit der Polizei. Aber er war da und bereit, den Täter zu stellen. Berger schaute die Straße hinunter. Keine Verstärkung in Sicht. Nicht einmal ein Martinshorn war zu hören. Er musste schnell handeln. Hinter dem Haus fand er eine offene Verandatür. Vorsichtig trat er ein. Drinnen war dämmerig und kühl. Angenehm, bei der schwülen Hitze draußen. Aufmerksam arbeitete er sich Zimmer für Zimmer vor, die Dienstwaffe immer im Anschlag. Bei diesem Job wurde man nur pensioniert, wenn man wirklich vorsichtig war oder rechtzeitig an einen Schreibtisch wechselte. Aber letzteres war nichts für Berger.

Im Schlafzimmer wurde er dann fündig. Aber es war nicht die erwartete Leiche. Eine Frau stand dort, mit der Gardinenschnur an den Bettpfosten gefesselt. Außer der in Fetzen zerrissenen weißen Bluse trug sie nur Unterwäsche und ihre Haare waren zerzaust wie nach einem heftigen Kampf. Höchste Alarmbereitschaft bei Berger. Er sicherte sich nach allen Seiten ab, bevor er die Frau befreite.

„Die Leiche meines Mannes liegt unten im Keller“, stöhnte sie weinerlich, während Berger ihr die Fesseln von der Hand löste.

„Wo ist der Täter?“ fragte Berger mechanisch und ließ die Tür und den Kleiderschrank nicht aus den Augen. Immer schön wachsam. Der Killer könnte ihm jederzeit in den Rücken fallen.

„Ich glaube, er ist wieder hinunter in den Keller gegangen“, sagte die Rothaarige, die sich inzwischen wieder ein wenig gefasst zu haben schien.

„Bleiben Sie hier, schließen Sie die Tür und warten Sie auf die Verstärkung. Ich gehe hinunter und sehe nach.“
„Nein, lassen Sie mich nicht allein!“ rief sie entsetzt und drohte die Fassung zu verlieren.

Vorsichtig folgte sie Berger zur Kellertür. Berger fand es völlig unnötig, das Messer im Flur aufzuheben. Er hatte eine Pistole, wozu brauchte sie da ein Messer? Außerdem hielt sie es in absolut lächerlicher Pose vor sich hin. „Bleiben Sie einfach dicht hinter mir!“ riet er der Frau beruhigend.

Im Keller brannte noch Licht. Als Berger die Treppe halb hinunter gegangen war, sah er bereits die beiden Männerkörper auf dem Boden liegen. Der Mann hatte sich wohl noch wehren und den Killer schwer verletzen können, dachte sich Berger. Als er dann dicht genug dran war, um die Postbotenuniform und die vielen Einstiche im Rücken der beiden Männer zu erkennen, wurde ihm ein wenig unheimlich zumute.

Wer hatte eigentlich die Polizei gerufen? Die Frau konnte es nicht getan haben, die war gefesselt. Und die beiden hier waren eindeutig zu tot zum Telefonieren, überlegte sich Berger.

Bevor er die Antwort auf seine Frage finden konnte, riss ihn ein Schrei aus seinen Gedanken. Die Frau, die immer noch dicht hinter ihm gewesen war, flog geradezu an ihm vorbei in die Mitte des Raums. Auf ihrem Rücken hielt sich der Killer festgekrallt. Wo war der so plötzlich hergekommen?

Kaum dass sie zu Boden gegangen waren, schlug der Mörder auf die wehrlose Frau ein. Nur Bergers ausgezeichneten Reflexen war es zu verdanken, dass die Frau keinen dauerhaften Schaden davon trug. Ein kräftiger Hieb mit dem Pistolenkolben streckte den Killer nieder. Sofort sprang die Frau zurück zur Treppe und in Sicherheit. Berger beugte sich über den bewusstlosen Täter und untersuchte ihn. Warum hatte der Kerl die Frau und nicht ihn angegriffen? Er hatte doch die Waffe und war die eindeutig größere Bedrohung.

Gerade wollte Berger Brieftasche des Killers öffnen, um zu sehen, um wen es sich handelte, da fühlte er einen stechenden Schmerz im Schulterblatt. Er drehte sich irritiert um und sah, wie die Rothaarige mit dem Messer ausholte.

„Was soll das?“ wollte er fragen, doch die Schmerzen der Stichwunde in seinem Rücken lähmten seine Stimmbänder. Seine Kehle konnte sich zwischen Sprechen und Schreien nicht entscheiden, also grunzte Berger nur. Im letzten Moment gelang es ihm, die Hände der Frau zu packen und den zweiten vielleicht tödlichen Stich abzuwehren. Geschickt rollte er sich zur Seite ab. Doch die Frau war enorm kräftig. Berger verfluchte leise alle Fitnessstudios dieser Welt. Seine Waffe hatte er auch noch fallen lassen und es schien so, als würde er den Kampf gegen dieses wahrscheinlich vor Angst verrückt gewordene Weib verlieren. Das hieß dann aber auch sein Leben, sprich seine Pension zu verlieren.

Der Schuss hallte von den nackten Kellerwänden mit einem unerträglichen Dröhnen wider. Dafür sackte aber die Rothaarige still in sich zusammen und stellte keine Gefahr mehr da. Der Killer war wieder aufgewacht und hatte sich Bergers Pistole gegriffen. Irgendwie verlor Inspektor Berger langsam die Orientierung. Eben noch von einer hysterischen Frau mit einem Messer attackiert, sah er sich einem Mörder gegenüber, der ihn mit seiner eigenen Waffe bedrohte.

„Sie hat versucht Sie umzubringen! Die beiden hier hat sie auch ermordet!“ rief ihm der Mann zu und rang mit seinem Bewusstsein, das noch etwas getrübt zu sein schien.

„Ich bin nur der Nachbar. Als ich Hans heute Morgen fragen wollte, ob wir nachmittags Tennis spielen wollen, kam ich mitten in die Auseinandersetzung mit dem Postboten. Hans hatte den Kerl wohl mit seiner Frau überrascht, und ehe ich es richtig mitbekam, hatte Claudia ein Messer in der Hand und stach auf die beiden Streithähne ein. Dann hat sie mich mit dem Messer bedroht und mich gezwungen, die beiden Leichen im Keller zu verstecken. Ich weiß nicht, wie sie sie später wegschaffen wollte, aber erst mal musste sie wohl mich als Zeugen beseitigen. Doch ich konnte sie überwältigen und ans Bett fesseln. Dann bin ich rüber gelaufen, um die Polizei anzurufen. Wissen Sie, die haben hier nur diese Funktelefone, die mit einer Geheimzahl geschützt sind.“

Nun, das beantwortete wenigstens Bergers drängende Frage, wer eigentlich die Polizei gerufen hatte, deren Martinshörner jetzt draußen zu hören waren. Es beantwortete aber nicht die Frage, wie Berger so naiv gewesen sein konnte, sich derart von dem Offensichtlichen täuschen zu lassen.

„Die Leiche meines Mannes liegt unten im Keller!“ Schon das hätte ihn stutzig machen müssen. Vielleicht wurde es doch Zeit, sich an den Schreibtisch versetzen zu lassen. Nach diesem Gedanken folgte er dem freundlichen Nachbarn in eine wohltuende Ohnmacht.