Der Big Bang

Geschichten aus dem Schrebergarten

Sie mochte diese ganzen Spießer in der Kleingartenkolonie nicht sonderlich. Was Veronika aber mochte, das waren Gärten. Nicht diese mit der Wasserwaage eingenordeten Grasnarben, nicht diese totgehackten Beete und auch nicht die streng beschnittenen Sträucher, die ihrer gesamten Triebkraft beraubt schienen. Sie mochte das bunte Durcheinander, das von sanfter Hand geordnete Chaos und sie mochte diese spielerisch beschattete Ruhe unter ihrem Kirschbaum. Doch mit dieser Ruhe könnte es jetzt vorbei sein. Gestern war ausgerechnet einer ihrer Nachbarn bei Chantalle als Kunde aufgetaucht. Chantalle, das war Veronikas Arbeits-Ich. Chantalle war nicht für gute Worte, sondern ausschließlich für Bares zu haben.

Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr. Der Mann hatte sie erkannt und gezögert. Nun hatten sie ein klassisches Patt. Er wusste zwar, dass sie als Prostituierte arbeitete, konnte es aber kaum herumerzählen, denn schließlich war er es gewesen der ihr was in den Mund gesteckt und dafür sein Geld auf dem Nachttisch hinterlassen hatte.

Quid pro quo. Vielleicht blieb es dabei und Veronika konnte weiterhin die Ruhe ihres Gartens genießen. Sie liebte dieses Stück Erde und wollte sich keinesfalls vertreiben lassen. Es war das einzige Stück Normalität in ihrem Leben zwischen den neunschwänzigen und Latex bestückten Rahmenbedingungen, die ihr restliches Leben bestimmten.

Leider ging die Sache nicht gut aus. Sie hatte die kleingärtnerimmanente Sparsamkeit übersehen. Gegen den typischen Kleingärtner waren die Schwaben die reinsten Verschwender. Mathias stand schon am Nachmittag vor ihrer Laube und verlangte zukünftig umsonst bedient zu werden. Da trafen nun zwei Grundsätze aufeinander. Keine Prostituierte ließ sich zu Sex erpressen. Jedenfalls nicht ohne Bezahlung, das war schließlich der Ehrenrest eines ansonsten vermeintlich ehrlosen Handwerks. Und auf anderen Seite stand der Kleingärtner, der lieber starb als für etwas zu zahlen, was er auch umsonst haben könnte, selbst, wenn er sich dafür förmlich selbst erniedrigen musste.

Veronika jedenfalls trennte berufliches und gärtnerisches ganz und gar streng und es kam überhaupt nicht Frage diesem Zwergpimmel nachzugeben. Mathias zog unter Gezeter und wüsten Drohungen wieder ab. Doch mit der Ruhe war jetzt wohl vorbei.


Damit hatte Veronika leider Recht. Als sie ihre Nachbarin zur Rechten am Zaun sah und sie grüßte, gab die Gartenmutti in ihrem geblümten Kitten und den Wollsocken als giftige Antwort nur: "Nutte!" Sie schrie es Veronika noch einmal zur Sicherheit ins Gesicht und drehte sich demonstrativ um. Das war jetzt keine Beleidigung für Veronika, obwohl es natürlich so gemeint war, aber das würde Kreise ziehen, soviel war ihr klar. Und man würde sie nie wieder in Ruhe lassen.

Tatsächlich grüßte sie keiner mehr im Verein und Veronika fragte sich, was die eigentlich gedacht haben, was jemand mit ihren Titten und ihrem Aussehen beruflich macht. Bei der Bewerbung hatte sie Altenpflegerin angegeben und weitesten Sinne war das ja auch richtig.

Es war ja nicht so, dass sie hier in ihrer Laube ihrem Gewerbe nachging oder sonst etwas Unrechtes tat. Sie wollte hier nur ein wenig Garten haben sonst nichts. Was hatte ihr Beruf damit zu tun? Aber Menschen waren so. Wenn sie einem ans Bein pissen konnten, taten sie das und zwar solange bis sie drohten daran zu dehydrieren.

Ihren Garten konnte sie jetzt wohl kündigen.


Der Vereinsvorsitzende schob ihre Kündigung über seinen Schreibtisch wieder zurück.

„Nö“, sagte er: „Dafür nicht.“

Veronika lachte. Sie fand den Alten niedlich. Irgendwie hatte der etwas rührend Tugendhaftes.

„Hier sind wir alle Gartenfreunde“, erklärte der Vorsitzende schnaufend. „Was du in deiner Freizeit treibst ist deine Sache, Mädel. Dein Garten ist in Ordnung und mehr interessiert mich nicht. Wenn dir da jemand Ärger macht, kommst du zu mir und dann klären wir das.“

Damit war für ihn die Sache erledigt.

Natürlich sprach er damit nur für sich. Und die Meute der Kleingärtner war da ganz anderer Ansicht. Ihr Nachbar riss, seitdem er wusste, dass sie Prostituierte war, nur noch Zoten und seine Frau in den Wollsocken ließ es sich an keinem Tag nehmen ihre Berufsbezeichnung über den Zaun zu schreien. Drei ihrer Nachbarn hatten sich zusammengerottet und waren beim Vorstand aufgelaufen, um Veronikas berufliche Tätigkeiten als vereinsschädigendes Verhalten zu deklarieren und ihren Ausschluss zu fordern. Doch der Vorsitzende hatte ihnen nur einen kollektiven Vogel gezeigt und sie ermahnt Veronika in Ruhe zu lassen. Woran sich der Pöbel natürlich nicht im Mindesten hielt.

Veronika hätte gern aufgegeben, aber der Vorsitzende blieb hartnäckig. Eine Kündigung aus so einem Grund würde es in seinem Verein nicht geben.

Veronika erwartete eigentlich jederzeit, dass ihre Nachbarn mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet in ihrem Garten auftauchen und sie an ihrem Kirschbaum aufknüpfen. Trotzdem war sie verblüfft, als ihre Nachbarn unterstützt von ein paar Gartenfreunden, die sie nicht kannte sich tatsächlich an ihrem Gartenzaun zusammenrotteten. Gut Fackeln hatten sie nicht, aber Mistgabeln schon.

Veronika hatte schon, seit sie mit 14 Jahren nur knapp dem Tode entronnen war und von drei Jugendlichen in einer Diskothek vergewaltigt und zusammengeschlagen worden war, keine Angst mehr. Vor gar nichts.

„Nutten raus!“ skalierte die Menge, in der sich auch Michael versteckte. Veronika stand steif auf ihrer Veranda und wartete ab. Auf die Leute zugehen und mit ihnen zu reden oder wegzulaufen und um Hilfe zu bitten, war beides nicht ihre Sache. Zudem war die Menge scheinbar völlig unentschlossen.

„Hau ab du Hure“, schrie die Nachbarin mit Wollsocken immer wieder. Aber wie sich das nun umsetzen ließe, war wohl vorher nicht besprochen worden.

Die Lage wurde brenzlig, als ausgerechnet dieser Zwergpimmel Michael über den Zaun stieg und schrie: „Los, wir schmeißen die Nutte raus!“

Keiner folgte ihm wirklich. Erst als die Nachbarin mit den Wollsocken den Zaun überstieg und: „Macht die Nutte fertig!“ kam zögerlich Bewegung in die Menge.

Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für eine Panik gewesen. Flucht wäre ganz sicher die richtige Wahl, ohne Frage. Aber so war Veronika nicht. Sie stand ungerührt da und wartete auf das Unvermeidliche. So war es auch schon früher gewesen, wenn ihr Vater betrunken seinen Gürtel aus den Laschen seiner Hose fummelte. Sie war nicht weggelaufen, noch nie. Auch nicht später, als sie schon wusste, dass nun nicht nur der Gürtel auf ihrem Hintern landete, wenn sie sich bückte, sondern auch der Alte selbst.

Die Masse bewegte sich träge und immer noch ziellos auf Veronika zu. Offenbar passte es nicht in den Plan, dass sie nicht floh. Die Menge stand jetzt vor ihr. Veronika schaute in die hasserfüllten Gesichter und sagte nichts. Sie öffnete nur langsam ihr viel zu enges Top. Die Menge stockte immer noch. Sie öffnete den BH und entblößte die Brüste, die ihr seit sie 14 war immer wieder zum Verhängnis geworden waren.

Natürlich war es Michael, der den neuen Slogan fand: "Fickt die Nutte!"

Diesmal wartete er nicht, ob ihm jemand folgte. Er schlug ihr ins Gesicht und als sie zurückzuckte warf er sie zu Boden. Das war der Moment, in dem Veronika wusste, wie es ausgehen würde. Wer am Boden lag, wurde auch getreten.

„Und wehe du beißt mich!“ hörte sie Michael drohen, während er auf ihrem Oberkörper saß und versuchte in ihren Mund einzudringen. Jetzt, wo sie lag, ging es schnell. Sie wusste nicht wer es war, aber etliche Hände waren damit beschäftigt ihr die Hose auszuziehen. Kurz danach spürte sie den ersten von mehreren Eindringlingen. Doch dabei blieb es natürlich nicht.

Irgendwann bemerkte Veronika, die Wollsocken, der Frau die sich gerade auf ihr Gesicht gesetzt.

Ein gut bekannte Stimme zischte wiederholt: "Du Nutte."

Eine Stimme, die sie die ganze Zeit immer wieder mal durch das Chaos wahrnahm. Es dauert bis kurz nach Sonnenuntergang, bis jeder ein- oder mehrmals in ihr drinnen gewesen war. Veronika war, was das anging stoisch. Sie hatte sich mental längst von ihrer Vagina abgekoppelt. Das war ihr Job. Das war gar nichts.

Die Menge dünnte allmählich aus, wer sich an der Nutte befriedigt hatte, ging irgendwann mehr oder weniger beschämt nach Hause. Veronika lag immer noch nackt auf dem Rasen vor ihrer Terrasse und schluckte die letzten bitteren Pillen. Dann war eigentlich Ruhe. Nur irgendjemand machte sich noch zwischen ihren Beinen zu schaffen. Obwohl sie völlig betäubt war zwischen den Beinen, glaubte sie eine Zunge zu spüren und ihre Hand ertastete einen Kopf zwischen ihren Beinen.

Dann hörte sie einen altvertrauten Satz: "Du Nutte!" Und gleich darauf wühlte eine Zunge weiter in Intimbereich herum.

"Komm jetzt Waltraud", hörte Veronika eine leise Stimme aus dem Hintergrund. "Ist jetzt wirklich genug!"


Zwei Wochen später sprach der Vorsitzende Veronika an. Beschwerden über sie gab es ja keine mehr und es war ihm ja auch immer klar gewesen, dass Kleingärtner nicht so sind.

„Das ist immer nur viel Rauch um nichts!“

„Ja, alles wieder in Butter“, sagte Veronika. „Business as usual!“

Sie wusste nicht genau, ob der Vorsitzende verstand, wie sie das meinte. Aber Veronika war zufrieden, dass sie so wenigstens ihren Garten behalten könnte.

An diesem Abend lag Veronika auf ihrem Rasen unter dem Kirschbaum, betrachtete fasziniert wie der Sternenhimmel durch die wogenden Zweige des Kirschbaumes schien, nebenbei drückte sie den Kopf ihrer Nachbarin mit den Wollsocken in eine angenehmere Position und überschlug, ob ihr Umsatz hier auf Dauer nicht größer war, als da draußen.

Dann dachte sie: „Einmal Nutte, immer Nutte!“

Der Big Bang (49) - © Copyright bei Ingolf Behrens, Hamburg, 2012. Alle Rechte vorbehalten.