Kurzgeschichten - Weihnachten

Geschenkelaster

Ein Laster voller Geschenke


„Aber Schatz, sei doch nicht so traurig“, versuchte Walther seine kleine Tochter Vera zu beruhigen. „Papa ist nun mal Polizist und die müssen auch über Weihnachten aufpassen, dass nichts passiert.“

„Und wenn der Weihnachtsmann dann gar nicht kommt, wenn nicht alle zu Hause sind?“ wollte Vera mit Tränen in den Augen wissen.

„Der kommt ganz bestimmt. Der Weihnachtsmann weiß doch, dass Papa arbeiten muss. Einer muss nun mal dafür sorgen, dass der Weihnachtsmann freie Fahrt hat und die Geschenke verteilen kann!“ behauptete Walther sehr ernst. Doch sein kleiner Rotschopf wollte das nicht so recht glauben. Sie zog sich schmollend zurück.

„Wir müssen dringend etwas tun, Melanie!“

„Hier sieh mal. Eine Weihnachtsmannagentur. Da liefert man seine Geschenke hin und ein Student kommt dann Heiligabend mit einem Sack und allem Drum und Dran vorbei.“ Melanie hielt ihrem Mann ein Flugblatt hin, das sie im Briefkasten gefunden hatte.

„Klingt gut“, sagte Walther. „Lass uns das ruhig machen.“

Melanie hatte bei der Weihnachtsmannagentur angerufen. Das klang alles ganz einfach. Die Gebühr war gering. Nur 49,— Euro für den ganzen Service. Zwei Tage vor Heiligabend hatte sie die verpackten Geschenke bei Rent-a-Claus mitsamt einer Liste abgeben. Gegen 18:00 Uhr sollte der Mietweihnachtsmann dann kommen. Dieses Jahr sprach alles für ein besonders schönes Fest. Das Wetter spielte mit, schon seit Tagen rieselten Schneeflocken vom Himmel. Auch wenn das weiße Gold nicht so recht liegen bleiben wollte, so war es ein gutes Zeichen. Geschenke würde es reichlich geben, weil die Sommerferien ausgefallen waren und daher einiges Geld übriggeblieben war. Wenn nur Walther nicht wieder zum Dienst eingeteilt worden wäre.

Endlich war es endlich soweit. Am frühen Nachmittag musste Walther zur Schicht. Vera war todunglücklich. Sie war kaum zu trösten. Papa musste ihr noch einmal ganz fest versprechen, dass der Weihnachtsmann auch ganz bestimmt kommen würde. Dann machte er sich schweren Schrittes durch den Schnee, der diese Nacht überraschend liegen geblieben war, auf zur Arbeit.

Schon beim Umkleiden sah Walther die mürrischen Minen der anderen beiden Beamten, die ebenfalls Kinder hatten. Er nickte ihnen aufmunternd zu. Ein paar Kollegen erwischte es halt jedes Jahr. Nur zu gut verstanden sie einander an diesem Abend. Es würde eine einsame, kalte und trostlose Schicht werden.

Bei Rent-a-Claus hingegen herrschte Hochstimmung. Zehn Weihnachtsmänner in voller Montur waren zum Appell angetreten. Der Oberweihnachtsmann hielt eine Ansprache. Mittendrin brachte noch eine verzweifelte Mutter ein letztes Geschenk. Eine Harry Potter Figur, hinter der sie bis zum letzten Moment hergejagt war.

„Bin ich zu spät?“

„Aber nein“, beruhigte Janik sie. Ein kurzer Blick auf die Liste. Dann nahm er die verpackte Figur und deponierte sie in dem entsprechenden Sack. Die Mutter war sichtlich erleichtert, bedankte sich und machte sich eilig wieder auf den Heimweg. Janik wartete noch, bis sie außer Sicht war, dann riss er sich die Mütze vom Kopf und lachte schallend

„Ein frohes Fest wünsche ich Euch, Leute!“

Auch die anderen Weihnachtsmänner zogen sich lachend die roten Kutten aus und verstauten sie im Lastwagen, der vor der Lagerhalle bereit stand.

„Das gibt dieses Jahr eine Riesenbescherung!“ rief einer.

„Ja! Aber mal für unsere Kinder“, fügte ein anderer kichernd hinzu.

„Schluss mit dem Gerede“, kommandierte Janik halbernst: „Seht zu dass ihr aufladet! Es sind noch gute fünf Stunden Fahrt bis Stetin!“

Wenn Walther geahnt hätte, dass seine Tochter heute vergeblich auf den Weihnachtsmann warten würde, oder dass seine Geschenke sich gerade auf dem direkten Expressweg in polnische Kinderzimmer befanden, hätte er sicherlich nicht so seelenruhig an dem heißen Becher Kaffee genippt. Bislang war der Abend ruhig geblieben. Die meisten Einsätze kamen erst so gegen 22:00 Uhr. Familienstreitigkeiten, brennende Weihnachtsbäume und Verkehrsunfälle, meist unter Glühweineinfluss waren das Hauptgeschäft am Weihnachtsabend.

Deshalb nahm er die Meldung von dem Laster, der von der Straße abgekommen und eine Ampelanlage außer Gefecht gesetzt hatte, auch gelassen auf. Ein paar Kollegen waren bereits am Unfallort. Der Fahrer wartete leicht verletzt auf den Abtransport. Die Beamten hatten Mühe, den Beifahrer zu beruhigen. Walther öffnete sie Hecktüren des LKWs um sicherheitshalber einen Blick auf die Ladung zu werfen. Der Beifahrer schrie auf und versuchte völlig unerwartet zu fliehen. Doch die Kollegen waren schneller. Walther sah sich die Jutesäcke auf der Ladefläche genauer an. Da waren Zettel an den Säcken und auf einem stand sein Name!

Schnell wurde klar, dass Rent-a-Claus ein riesiger Schwindel war, um auf einfache Art Weihnachtsgeschenke zu klauen. Die Kollegen waren ratlos. Wohin jetzt mit den bestimmt vierzig Säcken voller Geschenke?

Walther schmunzelte. Er hielt die Weihnachtsmannkutten und die Verteilerliste hoch, die er glücklicherweise gefunden hatte.

„Sonderauftrag in Spezialuniform“, sagte er sehr ernst. „Rein dienstlich natürlich!“ Und lächelte dem Kollegen Thomas, der auch Kinder hatte zu.

„Ein paar Leute brauchen wir wohl noch.“

Pünktlich waren die Weihnachtsmänner nun wirklich nicht, dachte Melanie und sah beunruhigt, wie die kleine Vera aufgeregt von einem Bein aufs andere trat.

„Da! Da kommt er! Er kommt zu Fuß!“ schrie sie aufgeregt und zeigte auf den Gehweg unten vor der Tür. „Das ist er, das ist er!“ Sie sprang vom Fensterbrett herunter und rannte zur Tür.

Gott sei Dank. Endlich.

„Hoh, hoh, hoh!“ schnaubte Santa-Claus, der von den Treppen mit dem schweren Sack ordentlich aus der Puste war.

Der Student ließ sich erschöpft in den Sessel fallen, in dem Walther gewöhnlich saß. Ganz so, als ob er hier zuhause wäre. Ein bisschen befremdlich fand Melanie das Verhalten des Weihnachtsmannes schon, aber Vera war begeistert. Sie kriegte sich kaum wieder ein, als der Sack geöffnet wurde und all die Geschenke zu tage kamen.

„Hier ist eins für Papa!“ freute sich Vera.

Dann wurde sie plötzlich still.

„Aber der ist ja gar nicht da“, sagte sie traurig.

Walther fand die Zeit reif, dass seine Tochter nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubte, sonst würden die Geschenke womöglich jedes Jahr auf nimmer Wiedersehen verschwinden. Behutsam entfernte er den falschen Bart und die Mütze. Er grinste breit in die verblüfften Gesichter seiner Familie und grunzte ein wohliges: „Hoh, hoh, hoh!“

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