Kurzkrimi

Zeugenschutz

Keine Zeugen!


„Hör zu Manni, ich hab hier was für uns“, sagte Jens und faltete die Zeitung zusammen. „Lass doch das Spülen jetzt!“

Manni tauchte unbeirrt einen weiteren Teller ins Becken. Die Essenreste waren so dermaßen abgehärtet, dass auch das Spülmittel ihnen nicht recht beikommen wollte. „Irgendwann muss das ja mal gemacht werden.“

„Manni, wir haben jetzt echt wichtigeres zu tun.“

Das war lächerlich. Jens war seit zwei Jahren arbeitslos und Manni war erst vor drei Tagen aus dem Knast gekommen und hatte bei Jens Unterschlupf gefunden. Was hatten sie schon wichtiges zu tun? Manni schob einen kleineren Stapel Teller zum Aufweichen ins Becken und trocknete seine Hände ab. Er glaubte nicht an die Zukunft. Eine Zukunft hatten Kinder reicher Eltern, aber zwei 30jährige Ex-Knackis hatten so etwas nicht. Und wenn, dann sah sie wenig rosig aus. Aber Jens war ja schon immer voller Pläne gewesen. Meistens dumme Pläne.

„Also hör zu: Du kennst doch Carlos, den Spanier aus dem Imbiss unten?“

„Na, klar. Hat der einen Job für uns?“

„Ach was. Hör auf mit diesem Blödsinn! Irgendwann machen wir selbst einen Imbiss auf. Aber richtig schick. Nur, dazu brauchen wir Geld. Ich hab das gelesen, Anschubfinanzierung nennt man das.“

„Ooh, nein“, winkte Manni ab. „Keine krummen Touren mehr. Ich hab keine Lust, wieder in den Bau zu marschieren.“

„Meinst du ich? Denk doch mal nach. Selbst wenn wir einen Job finden. Von den 7,50 Euro die Stunde kriegen wir niemals was eigenes zusammen. Da können wir uns die Finger wund frittieren.“

„Keine krummen Sachen!“

„Hör doch erst mal zu. Also, Carlos hat einen Schwager, der ist Klempner und der war Letzt bei so einer reichen Puppe in Blankenese. Und du glaubst es nicht, die hatte nicht genug Bares im Portemonnaie. Carlos Schwager hat dann im Spiegel gesehen, wie sie aus einer Geldkassette im Wohnzimmerschrank die Kohlen geholt hat. In der Kassette sind mindestens Zehntausend drin gewesen, sagte Carlos Schwager.“

„Woher weiß der das denn?“

Er hat nachgeguckt, als er das nächste Mal allein war. War früher beim Schlüsseldienst. So ’ne Geldkassette macht der in 12 Sekunden auf.“

„Und hat er sie mitgehen lassen?“

„Der ist doch nicht beknackt. Weiß doch jeder sofort, dass er das war. Nein, die Kassette ist noch in dem Wohnzimmerschrank.“

„Und da bleibt sie auch“, sagte Manni und stand auf, um nach den eingeweichten Tellern zu sehen.

„Das tut sie nicht! Mensch 10.000 Kröten. Denk doch mal nach! Was habe ich dir über Anschubfinanzierung gesagt?“

„Anschubfinanzierung für drei Jahre Bau brauche ich nicht.“ Das Zeug war wirklich hartnäckig. Manni schrubbte mit der Bürste darüber, aber die Essenreste lösten sich nur zögernd.

„Wir haben doch Erfahrung mit Brüchen. Kann gar nichts schiefgehen.“

„Und wenn da wieder so eine neugierige Nachbarin ist? So eine alte Schachtel. Eigentlich blind, aber mich erkennt sie natürlich wieder!?“

„In Blankenese? Das ist ’ne Villa. Die haben keine Nachbarn. Also keine Zeugen, klar.“

„Ach, und wenn die Puppe zu Hause ist?“

„Die arbeitete bis abends, weiß ich von Carlos Schwager. Sonst ist niemand im Haus.“

„Und wenn doch?“

„Dann kümmere ich mich darum!“ sagte Jens bedrohlich. Und fuchtelte mit einem Revolver herum, den er aus dem Hosenbund gezogen hatte.

„Oh, nein. Bei Mord mach ich nicht mit.“

„Ich sagte ja auch, ich kümmere mich darum. Du machst mir nur die Türen auf, klar. Ich verspreche, dass es keine Zeugen gibt. Damit hast du nichts zu tun. Vertrau mir.“

Manni war skeptisch. Endlich war ein Teller sauber. Also nur noch acht. Na ja, und dann noch die anderen drei Stapel Geschirr. „Keine Zeugen?“ fragte er nachdenklich.

„Keine Zeugen“, versprach Jens. „Diesmal machen wir es richtig.“

„Und wir kaufen eine Spülmaschine!“

Jens seufzte. „Wir kaufen eine Spülmaschine, wenn wir den Imbiss haben und noch Kohle übrig bleibt.“

„Na gut, wenn’s schief geht, muss ich wenigstens nicht mehr abwaschen. Eine Spülmaschine gibt’s in jedem Fall. Entweder zu Hause oder im Knast.“

„Es geht nicht schief. Denk dran, es gibt keine Zeugen.“

Den Dienstagnachmittag hatten Jens und Manni sich ausgesucht. Sie waren nervös und wollten die Sache schnell hinter sich bringen. Alles lief gut. Das Haus lag abseits. Es schien niemand da zu sein. Das Schloss war für Anfänger. Manni hatte es in weniger als 20 Sekunden geöffnet.

„So was nennen die Sicherheitsschloss!“ sagte Manni verächtlich und ließ die Haustür aufschnappen.

Ein großer geräumiger Flur führte gleich zum Wohnzimmer. Das war zu leicht um wahr zu sein. Fünf bis sechs Meter trennten sie noch von dem Wohnzimmerschrank, den Carlos Schwager ihn beschrieben hatte. Fünf Meter und sie wären um eine Anschubfinanzierung reicher.

Plötzlich schwangen die beiden Flügeltüren, die zum Arbeitszimmer führen mussten auf. Aus mindestens dreißig Kehlen schrie es: „Üüüberraschung!“

Es war eine gelungene Überraschung. Die weiter hinten Stehenden stimmten lauthals und fröhlich „Happy Birthday“ an. Sie hatten noch gar nicht mitgekriegt, dass nicht das Geburtstagskind vor Ihnen stand, sondern lediglich zwei dümmlich dreinschauende Einbrecher.

Jens hatte den Revolver gezogen. Aber was sollte er mit den lächerlichen sechs Kugeln schon ausrichten? Er steckte ihn kommentarlos wieder ein. Weder Jens noch Manni verschwendeten einen Gedanken an Flucht.

„Keine Zeugen, ja?“ fragte Manni vorwurfsvoll. „Gut, das morgen Mittwoch ist. Da gibt es im Knast wenigstens Karamellpudding zum Nachtisch. Und ich muss nicht mal abspülen.“


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