Eine Frau wie mich

Kurzgeschichte

„Ich habe mich ja ganz bewusst für eine Karriere als Single entschieden. Wenn man in so einer Beziehung festhängt, hat man ja ganz schnell keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr. Also, das wollte ich nicht! — Ich meine, schauen sie sich doch nur mal diese geschiedenen Hausfrauen an, eine Figur wie aus Götterspeise geformt, Falten von all den Sorgen und nichts auf der Kante. Ich meine, das kann es doch nun wirklich nicht sein.“

„Ja, eigentlich nicht. Nein. Aber warum sind Sie jetzt hier?“

„Man sieht es mir natürlich nicht an, aber ich habe die vierzig deutlich überschritten und nun dachte ich, wäre es an der Zeit sich zu verändern.“

„Also eine feste Beziehung?“

„Wenn man so will. Im Prinzip sieht es doch so aus, ich habe alles erreicht, Karriere und so, da bliebe jetzt zusätzlich Zeit sich auch mal die andere Seite des Lebens anzusehen.“

„Verstehe. Deshalb nehmen Sie an diesem Single-Dinner teil?!“

Die brünette, sportliche Mittvierzigerin lachte ganz so als hätte Roland einen schlechten Scherz gemacht. Sie entblößte zwei Reihen strahlend weißer, unglaublich gerader und wohlgeformter Zähne.

„Nein, wirklich nicht. Das hier ist eher eine erste Recherche. Nur um einen Überblick über den Markt zu kriegen, sozusagen.“

„Also sind Sie noch gar nicht wirklich auf der Suche, wenn ich das richtig verstehe?“

„Sie sind ein lustiger, kleiner Mann“, kicherte sie. „Ich werde wohl sicherlich nicht lange suchen müssen. Es ist wohl eher eine Frage des Angebotes.“

„Wie meinen Sie das?“

„Also, wenn das hier die Konkurrenz ist, ist wohl jeder Mann froh, wenn er eine Frau wie mich bekommt.“

Jetzt lachte Roland. „Ja, das kann natürlich sein.“

„Daran gibt es doch gar keinen Zweifel“, stellte Ronja merklich verwundert fest. „Ich bin sportlich, habe eine erstklassige Figur, nichts wabert, keine Falten, finanziell und emotional bin ich völlig unabhängig und selbständig. Was haben denn diese Hausfrauen hier, dem wohl entgegen zu setzten?“

„Nichts vermutlich“, pflichtete Roland ihr bei, aber fügte dann doch vorsichtig hinzu: „Vielleicht die da hinten ihre großen Brüste.“

Ronja sah sich um.

„Groß aber schlaff!“ behauptete sie abfällig. „Mal im Ernst, wenn ich meinen BH ablege, dann stehen meine immer noch steiler ab, als bei den meisten hier in ihren Push-Ups. Und klein sind die ja wohl nicht!?“
„Nein, nein. Perfekt“, versicherte Roland schnell.

„Es ist ja so“, sagte Ronja und lehnte sich verschwörerisch ein wenig vor. „Die Ansprüche, die ich an mich habe, stelle ich natürlich auch an meinen potentiellen Partner, verstehen Sie. Da ist hier wohl wenig zu holen.“

Roland sah sich aufmerksam um. Die meisten Männer hier, hatten wohl auch schon ihre Debakel mit diversen Frauen erlebt. Außer dem Gigolo da am Tresen vielleicht, aber der hatte seine besten Jahre wohl schon weit hinter sich gelassen.

„Hier ist doch nicht einer, der für eine Frau wie mich von Interesse wäre! Und ehrlich gesagt, wir gehören hier doch beide nicht hin, oder?“

„Ich weiß nicht ...“, sagte Roland bescheiden. „In meinem Alter lernt man schwer Leute kennen. Ich fühle mich hier eigentlich ganz wohl.“

„Ach, Unsinn! Ein Mann wie Sie, der findet doch überall einen Partnerin.“

„Vielleicht. Ich weiß nicht recht. Eigentlich bin ich ja auch gar nicht wirklich auf der Suche. Ich bin eher ..“

„Das verstehe ich vollkommen“, stellte Ronja fest. „Ich meine gegen diese Typen hier, sind Sie doch ein echter Volltreffer. Ich meine, … was ist ihr Problem? Sie sind halt einen Kopf kleiner, als die meisten Frauen hier, aber völlig fehlerfrei ist doch wohl keiner von uns.“

„Ich denke, bei Ihnen scheint doch schon alles perfekt zu sein.“

„Vielen Dank“, freute sich Ronja kokett. Sie hörte wohl gerne Komplimente. „Ein paar schwache Stellen habe ich schon auch, aber die verrate ich natürlich nicht!“

„Ein echter Gentleman würde die ja wohl auch nicht sehen, oder!“

„Sehr charmant.“ Ronja hob ihr Prosecco-Glas und stieß virtuell mit ihm an. Ihr Glas war fast leer und Roland wusste, was sich gehörte. Außerdem wollte er sich sowie gerade ein weiteres Bier bestellen. So wie er das sah, konnte das hier noch dauern.

„Also ich finde wirklich, dass der Abend sich für mich gelohnt hat. Erst dachte ich ja, ich würde mich hier nur langweilen. Aber Ihre Gesellschaft hat mir den Abend jetzt doch gerettet.“

„Vielen Dank.“ Roland war peinlich berührt. Komplimente von Frauen zu bekommen fand er irgendwie widersinnig.

„Nein, im Ernst. Ich finde Sie wirklich ganz reizend und sehr interessant.“

„Aber ich hatte es Ihnen ja schon gesagt, ich bin derzeit nicht wirklich auf der Suche nach einer Frau.“

„Ich ja auch nicht. Also, … Sie wissen schon. Aber mein Motto ist: Bietet sich eine Gelegenheit, dann packe sie auch beim Schopf. Damit bin ich bisher gut gefahren.“

„Da ist natürlich was dran“, gab Roland zu.

„Und Chancen haben Sie ja hier.“

„So, habe ich?“

„Aber ja. Das große, dicke Hausputtelchen dahinten, die schaut doch immer mal wieder zu Ihnen herüber“, stellte Ronja lachend fest. „Die haben Sie doch vorhin auch schon bemerkt. Wegen dieser monströsen Brüste, wissen Sie noch ...?“

„Ja ja, klar!“

„Mögen Sie so große Brüste?“

„Schon, ja.“

„Aber so groß? Und die ist doch fast zwei Köpfe größer als Sie und locker doppelt so breit!“

Ronja lachte gleißend und versprühte den Charme einer Kukident-Werbung.

„So sehr kann ein Mann gar nicht auf große Brüste stehen und schon gar nicht auf solche! Die sind doch einfach nur fett!“

Roland wurde das Gespräch jetzt sichtlich unangenehm. „Also ich weiß nicht ...“

„Ach bitte. Haben Sie die vorhin beim Essen gesehen? Die hat sich die Beilagen rein geschaufelt, als wenn es kein Morgen mehr gibt.“

„Gier muss ja nicht immer ein Fehler sein!“ warf Roland vorsichtig ein.

„Ich bitte Sie, Sie ziehen diese Frau doch wohl nicht ernsthaft für eine Partnerschaft in Erwägung!“

„Ehrlich gesagt, wenn ich die Brüste ...“

„Quatsch!“ regte sich Ronja auf. „Männer haben doch einen Knall. Also ich mache Ihnen mal einen Vorschlag, wir gehen jetzt runter aufs Klo, ich ziehe meinen Büstenhalter aus und Sie fassen meine Brüste an. Wenn Sie dann immer noch glauben, dass sie die Specksäcke dieser Tussi dahinten anfassen müssen, dann darf ich wohl an Ihrem Verstand zweifeln.“

„Ich sag ja gar nicht ...“ versuchte sich Roland heraus zu winden.

„Das ist mein Ernst!“ erklärte Ronja. „Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass Sie von mir erwarten, dass ich mit so einer da konkurriere!“

„Das erwarte ich ja auch gar nicht!“ verteidigte sich Roland.

„Also, wenn Sie eine Frau wie mich haben könnten, dann müssen wir ja wohl über so eine Trutsche gar nicht reden, oder sehe ich das falsch?“

„Wie gesagt, ich bin ja gar nicht auf der Suche nach einer Frau!“

„Das würde auch nichts werden!“ behauptete Ronja. „Dieses Frettchen hat sich längst entschieden. Sehen Sie diesen blonden Althippie da hinten? Dem hat sie schon zweimal unter dem Tisch an den Schenkel oder Schlimmeres gefasst. Die hat es ja wohl richtig nötig!“

„Vermutlich!“ Roland nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und spülten den aufkeimenden Ärger runter. Diese Veranstaltungen endeten für ihn doch immer gleich. Irgendeine dieser Single-Muttis drehte völlig durch.

„Schlampe!“ zischte Ronja hasserfüllt. Dann nahm sie einen ordentlichen Schluck Prosecco und beruhigte sich schlagartig wieder. Schweigend saßen sie eine Minute da und schauten unauffällig zu der notgeilen Dicken hinüber.

„Ich trage übrigens keine Unterwäsche“, unterbrach Ronja das Schweigen. „Und verklemmt sind meine Beine auch nicht.“

Roland lachte.

„Ich meine nur, falls Sie das Verhalten dieser Hure irgendwie unangebracht stimuliert.“

Roland lachte weiter. „Nein, nein. Ich bin wirklich nicht hier, um Frauen aufzureißen!“

„Ich denke nicht, dass das jetzt noch von Bedeutung ist, wenn Sie eine Frau wie mich haben können.“

„Ich mag Ihren Humor wirklich“, stellte Roland fest. „Aber im Ernst, meine Vorlieben sind klar umrissen ...“

„Sie sind schwul?!“ fiel es Ronja wie Schuppen von den Augen.

Roland zuckte heftige zurück und hob abwehrend die Arme. „Nein, absolut nicht“, lachte er. „Es ist nur so, dass ...“

„Jetzt kommt das Frettchen auch noch an unseren Tisch!“ unterbrach Ronja seinen Erklärungsversuch.

„Schatz, das ist Rainer. Der würde uns gern näher kennenlernen, wenn du einverstanden bist.“

„Aber klar“, sagte Roland.

„Ich liebe dich“, sagte Vera und küsste ihren Mann auf die Wange.

„Ich sag nur noch gerade Tschüss!“

Ronjas Gesichtszüge wirkten ein wenig eingefroren. Sie verstand wohl die Welt nicht mehr.

„Wie ich schon sagte ich bin nicht hier, um eine Frau kennenzulernen. Es ist eher meine Frau, die sich hier nach einem geeigneten Mann umsieht. Sie ist halt eben gierig und diese Swinger-Clubs waren wir beide irgendwann leid. Das hier ist viel besser. Wirklich.“

Ronja war noch immer sprachlos.

„Kommst du? Du kannst das kleine Bückstück ja auch mitnehmen, wenn du willst“, grunzte Vera und warf Ronja einen verächtlichen Blick zu.

„Waas!???“ echauffierte sich Ronja, die bei diesem Satz aus der Leichenstarre erwacht war. „Eine Frau, wie mich ...?“

„Ist mir egal, wirklich!“ fauchte Vera unmotiviert.

„Nein, ich glaube eher nicht!“ sagte Roland. „Ist schon gut so.“

„Du lässt mich hier einfach sitzen?“ regte Ronja sich auf. „Wegen so einer, ... die den Hals nicht vollkriegt?“

„Also einen schönen Abend noch und viel Erfolg, bei der Suche ...“, wünschte Roland und ging zahlen.

„Und das wegen so einer!“ zischte Ronja ihm nach.

„Schätzchen, zu einer Frau wie mir sagt kein Mann nein!“ stellte Vera klar, hakte den Hippie unter und wartet mit ihm am Ausgang auf ihren Mann.
Lass jucken, Jecke!
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Eine Frau wie mich
„Ich habe mich ja ganz bewusst für eine Karriere als Single entschieden. Wenn man in so einer Beziehung festhängt, hat man ja ganz schnell keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr. Also, das wollte ich nicht! — Ich meine, schauen sie sich doch nur mal diese geschiedenen Hausfrauen an, eine Figur wie aus Götterspeise geformt, Falten von all den Sorgen und nichts auf der Kante. Ich meine, das kann es doch nun wirklich nicht sein.“ „Ja, eigentlich nicht. Nein. Aber warum sind Sie jetzt hier?“ …
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Sie war bisher noch nie in einem Kloster gewesen. Offenbar hatte sie bisher ein falsches Bild von dem religiösen Leben der Nonnen gehabt. Moira dachte, dass Nonnen den halben Tag beten und den anderen Teil des Tages mit Arbeit füllen. Doch sie musste jetzt feststellen, dass das Beten nur einen ganz kleinen Teil des Tages ausmachte. Es war mehr Arbeiten. Viel mehr Arbeiten …
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Norbert war ein guter Schwimmer. In den Sommermonaten verbrachte er viel Zeit an dem Baggersee, der nur zehn Minuten mit Fahrrad von seinem Wohnviertel entfernt. Manchmal traf er sich dort auch mit seinen Kommilitonen von der Fachhochschule, an der er Maschinenbau studierte. Heute wollten sie mit einigen Freunden bis zum Abend bleiben und bei Sonnenuntergang noch grillen …
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Es war schwül in diesem Büro. Walter fächerte sich mit einer dieser sinnleeren Akten Luft zu. Abrupt hielt er inne, als die Assistentin von Herrn Eberknecht hereinkam, um weitere Akten auf den Stapel zu legen, den Walter jetzt schon niemals wirklich würde abarbeiten können. Fräulein Emily. Sie bestand darauf mit „Fräulein“ angesprochen zu werden …