Die Frau des Bäckers


Helene strich sich sorgfältig das Mehl von den Strümpfen, bevor sie den Verkaufsraum wieder betrat. Immer, wenn sie die Backstube betreten hatte, waren ihre Beine wie eingestaubt. Helen prüfte auch die Naht, verfolgte mit den Augen den scheinbar endlos langen Faden, bis er an der Ferse endlich im Schuh verschwand. Ja, sie hatte lange Beine. Schöne und lange Beine, auf die sie stolz war. Auch Werner fand sie schön, vielleicht das Schönste an ihr. Lange Beine und zartgliedrige Finger, das war wichtig. Schließlich war sie die Frau eines Bäckers. Nachdem sie die Naht zurechtgezupft hatte, korrigierte sie noch schnell ihren Lippenstift. Fertig für den Verkauf. Werner ging jetzt nach oben und legte sich ein wenig aufs Ohr. Das tat er immer am späten Vormittag. Schließlich arbeitete er seit ein Uhr nachts. Sie selbst würde noch einige Stunden verkaufen und ihn dann zum gemeinsamen Essen wieder wecken.

Versonnen reichte sie zwei Schwarzbrote über den Tresen. „Sonst noch was?“

Die Frau eines Bäckers war immer stolz auf ihren Mann, aber Helen liebte Werner ganz besonders. Während sie gedankenlos weiter verkaufte und dazu gekonnt lächelte, dachte sie daran, dass sie schon lange nicht mehr einen Mittag mit ihrem Mann verbracht hatte. Eigentlich wäre es mal wieder Zeit, dass sie ihn da oben kurz in seinem Bett besuchte. Früher hatten sie das jeden Mittag getan und ein bisschen Abwechslung würde ihnen beiden wohl gut tun.

„Maria!“, rief Helen entschlossen der Verkäuferin zu, während sie die Schürze abband. „Übernimm doch mal für eine halbe Stunde, ja!?“

Maria nickte und lächelte wissend. Als Helen ihren Blick sah, wurde sie einen Moment unsicher. Doch dann entschied sie, dass Maria nicht unverschämt, sondern nur freundlich sein wollte. Sie lächelte kurz zurück und stieg sie leise die steilen Stiegen zu ihrer Wohnung hinauf. An der Schlafzimmertür verharrte sie einen Moment. Sie glaubte, eine Stimme zu hören. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Nur einen Spalt breit. Weiter war es auch nicht nötig, um den roten Schopf von Amanda Weber zu sehen, die mit dem Rücken zu ihr auf dem Bett hockte. Helen drohten eine Sekunde alle Organe zu platzen, doch sofort hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Leise zog sie Tür zu. Keiner der beiden hatte sie gesehen.

„Amanda, du alte Hexe“, zischte Helen durch die Zähne, während sie die Treppe wieder herunterstieg. Aber was hatte sie erwartet, ihr Mann war ein Bäcker! Welche Frau hätte nicht gern einen Bäcker als Mann. Helen ignorierte Marias fragenden Blick, als sie ihre Arbeit am Tresen kommentarlos wieder aufnahm.

Amanda war ein echtes Biest. Kurz vor Feierabend, Maria wollte gerade den Laden abschließen, stand Amanda mit zerzausten Haaren unten am Tresen und funkelte Helen ungemein fröhlich an. Wenn Helen nicht zufällig mitbekommen hätte, was diese Frau in den letzten Stunden getrieben hatte, sie hätte es für pure Freundlichkeit gehalten.

„Die Brötchen sind aus“, trällerte Helen und nahm sich schwerstens zusammen, sie nicht mit einem Hefezopf aus dem Laden zu prügeln. Dann überlegte sie kurz.

„Aber vielleicht habe ich noch hinten in der Backstube welche für den eigenen Bedarf. Soll ich nachsehen?“

„Die nehme ich gerne!“

Das glaube ich dir aufs Wort, dachte Helen und sagte laut: „Einen Moment noch, Sie gehören ja fast schon zur Familie, Frau Weber. Ich schließe nur schnell den Laden ab. Sie können dann ja hinten zur Backstube raus. – Ach Maria, du kannst ruhig schon gehen. Ich mach das hier.“

Das ließ Maria sich nicht zweimal sagen – schon war sie weg. Amanda wartete geduldig, bis Helen den Laden zugeschlossen hatte, dann folgte sie ihr nach hinten.

„So, hier arbeitet also Ihr Mann. Ich hab mich immer schon gefragt, wie es in einer Backstube wohl so zugeht.“

„Was in der Backstube gemacht wird, ist Sache des Bäckers und seiner Frau“, sagte Helen, die so tat, als wenn sie auf dem großen Tisch neben dem Ofen etwas suchte. „Dieses Privileg wirst du mir nicht auch noch nehmen!“

Amanda hatte zu spät den veränderten Tonfall der Frau des Bäckers bemerkt. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, über deren plötzliches und unverschämtes Duzen nachzudenken, da warf Helen ihr auch schon eine reichliche Handvoll Mehl in Gesicht. Amandas Augen brannten, und sie musste heftig husten.

„Ich werde dich lehren, mit meinen Mann anzubändeln“, rief Helen und holte mit einem Stangenbrot aus. Amanda hätte sicherlich den Arm zu Abwehr gehoben, wenn sie nur etwas gesehen hätte. Das Brot zerbrach auf ihrem Kopf, ohne wirklichen Schaden anzurichten. Als nächstes klatschte Helens flache Hand auf Amandas Wange und hinterließ in dem Mehl einen erstklassigen Abdruck. Nach diesem zweiten Schlag gewann Amanda allmählich ihr Sehvermögen zurück. Sie ging zum Gegenangriff über.

Die beiden Frauen waren nach kurzem Ringen über und über mit Mehl bestäubt. Helen hatte die besseren Karten, weil sie wusste, wo die richtigen Zutaten zu finden waren. Schon hatte Amanda ein halbes Kilo Butter im Gesicht kleben und war erneut der Sicht beraubt. So dass es nicht weiter verwunderlich war, dass das Dutzend Haselnüsse, die Amanda sich hilflos gegriffen hatte, ihr Ziel weit verfehlten. Helen holte erneut aus und diesmal drang ein kräftiger Fausthieb durch den Butterklumpen und erwischte Amanda am Wangenknochen. Sie taumelte zurück und schlug dabei mit dem Hinterkopf auf den Rand des Kessels einer großen Rührmaschine, die aussah wie ein Zementmischer. Sekundenbruchteile blieb es totenstill, nur das Klimpern eines Ohrrings, der in die Maschine gefallen war, erfüllte den Raum.

›Gut‹, dachte Helen. ›Jetzt hat sie wohl genug.‹ Doch es war nicht gut. Helen sah bald, dass Amanda tot war. – Keine Panik! Die Frau eines Bäckers geriet nicht in Panik. Niemals! – Die Leiche musste weg.

Mühsam schleifte Helen Amanda an den Beinen zur Hintertür hinaus. Auf dem gefliesten Boden rutschte Amandas Rock bis über die Hüfte. Sie trug nicht mal Unterwäsche. ›Kommt ohne Unterwäsche in die Bäckerei und statt wie andere anständige Frauen den Kuchen, vernascht sie lieber gleich den ganzen Bäcker. So ein Miststück‹, dachte sich Helen und wurde wegen dieses lächerlichen Details erst richtig wütend.

Es war nicht leicht, die Leiche in den Kombi zu wuchten, aber sie schaffte es. Dann fuhr sie hinaus zu dem kleinen See, wo sich am Wochenende die Surfer tummelten und versenkte dort den corpus delicti fest verschnürt in einem Plastiksack, mit einem schweren Stein daran als Gewicht.

Zurück in der Backstube erinnerte sie sich an den Ohrring in der Rührmaschine. Helen versuchte den Ohrschmuck heraus zu fischen. Aber das dumme Ding steckte hinter einem Rührblatt fest. Sie hatte keine Chance. ›Egal‹, sagte sich Helen, ›wenn der Geselle die Maschine reinigt und den Ohrring findet, behaupte ich einfach, dass es meiner sei.‹

Zufrieden verließ Helen die Backstube, nachdem sie dort kräftig aufgeräumt und sauber gemacht hatte. Bevor sie die Treppe hinaufstieg, wo ihr Mann sicherlich schon auf sie warten würde, strich sie sich die letzten Reste Mehl von den Strümpfen und kontrollierte selbstverständlich nochmal ihre Nähte.

*

„Eine Puddingschnecke bitte, Frau Hansen.“

„Aber gern, Herr Weber“, trällerte Helen, ohne sich irgendwelche Mühe geben zu müssen. „Ist denn Ihre Frau inzwischen wieder aufgetaucht? Man hört ja, sie sei verschwunden.“

„Das geht gleich so auf die Hand, danke! Ich hab einen schrecklichen Hunger, seit Tagen hab ich kaum was gegessen. – Ich kann mir das gar nicht erklären. Vor drei Tagen sagte sie, sie würde nur kurz einkaufen gehen. Und weg ist sie.“

„Ja, so was passiert immer wieder. Vielleicht ist sie bei ihrer Mutter oder einem anderen … Oh, wie taktlos, entschuldigen Sie bitte …!“

„Nein, nein. Das meint die Polizei ja auch. Aber ich glaub das nicht. Ihr muss etwas passiert sein. Aber die Polizei tut ja nichts. Ich sage Ihnen: Ich kriege keine Nacht mehr die Augen zu.“

„Na, das wollen wir doch nicht hoffen, Herr Weber. Bestimmt kommt sie … Huch, was haben Sie?“

„Autsch, – auf was Hartes gebissen – was ist das denn?“

„Das war doch wohl nicht in unserer Puddingschnecke?“

„Aber ja doch. Ein Ohrring … aber, – Moment mal, der gehört ja Amanda, … wie kommt der denn …?“

„Da müssen Sie sich irren, wie sollte der denn …?“

„Also, das weiß ich nun auch nicht, aber das würde mich ehrlich gesagt doch interessieren. Und die Polizei hätte da ganz sicher auch einige Fragen. Nein, ganz bestimmt sogar. Maria, darf ich bitte mal telefonieren?“

„Warten Sie, das Telefon ist gleich hier in der Backstube. Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo es steht“, sagte Helen seelenruhig. „Ach Maria, wenn du dann mal hoch gehen könntest und meinen Mann weckst. Vielleicht machst du ihm ja auch das Essen warm und kümmerst dich ein wenig um ihn. Er ist nicht gern allein beim Essen. Ich komm hier unten schon klar. Ist ja doch gleich Feierabend. Ich lasse Herrn Weber dann hinten raus, er gehört ja fast schon zur Familie. Nicht wahr, Herr Weber?“

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