Kurzgeschichten

Vom Noisy Lobster

Lass jucken, Jecke!
Karneval war nicht wirklich seine Sache. Genau genommen war er noch nie bei einer solchen Veranstaltung gewesen. Er war weder Freund von Festzeltreihen mit langen Bänken, wo man, wenn man sein Wasser abschlagen musste sich fast bettelnd durch die Reihen kämpfen musste, noch war er ein Liebhaber flacher Witze …
Cleaning Woman
Deer John saß weit über den Feierabend hinweg in seinem Büro. Eigentlich hieß er ja John Deer, aber selbst auf dem kleinen, braunen Namensschild auf seinem Schreibtisch stand es umgekehrt. Deer John hatte sich inzwischen so sehr daran gewöhnt, dass die Leute seinen Nachnamen vor seinen Vornamen stellten, dass es beinahe so weit gekommen wäre, dass es auch in seinem Personalausweis so gestanden hätte …
Don Dom & das Kreuz mit den Flagellanten
Warum er? Warum hatten Sie ausgerechnet ihn ausgewählt? Hatten Sie ihm seine Neigungen, denn nicht sofort angemerkt? Wie konnten Sie ihm solch junge Frauen in die Obhut geben, wo er doch an nichts weiter dachte, als solch formbares Material, auch zu seiner eigenen Befriedigung, auf Kurs halten konnte? ...
Nacht ohne Augen
Es war verdammt heiß und trocken in Teheran. Die einzige erkennbare Nässe machte unangenehme, großflächige Flecken auf Markus’ Hemd. Eine Melkanlage in Ghom zu installieren. – Das war schon etwas anderes als diese ewigen Touren ins Allgäu. Ghom lag 250 Kilometer von Teheran entfernt. „Ab Teheran mit dem Bus“, hatte sein Chef gesagt …
Bauer sucht Sau
Das war alles nicht so einfach, wie es aussah. Kalle war angespannt. Die Boxen auf dem Viehmarkt waren voller Säue, aber wirklich fett waren die nicht. Beim Wohlter Franz hinkte die Sau sogar. Das konnte man mit bloßem Auge sehen. Kalle war jetzt nicht der erfahrenste aller Viehkäufer, aber jedes Jahr war er einmal auf dem Viehmarkt und sah sich nach einem möglichen Schnäppchen um. Manchmal hatte er Glück …
Sandalensusie
Es war viel zu warm für Nylons. Susie rieb das seidenglatte Material leicht über ihre Wange. Sie mochte diesen kunstzarten Stoff. Seufzend legte sie die beigen Strümpfe wieder zurück in die Schublade. Wenn man schon mal frei hat und shoppen gehen kann, dann muss es doch wirklich nicht ganz so heiß sein, oder? Alles würde bei diesem Wetter am Körper kleben und die Kerle ihr beim Einkaufen wieder schamlos auf die Bluse glotzen …
Tequila Sunburst
Die farbigen Lichter brachen sich an dem Rand des Tequila-Glases. Sie konzentrierten sich auf einen einzigen Punkt, der in Regenbogenfarben schimmernd im Raum stand. Der zitternde Lichtfleck fiel auf die Hose eines Gastes neben Paula. Ein Wink mit dem Lichtstrahl. Ein Laser, der den Inhalt der Hose zu scannen schien. Paula rückte das Glas solange hin und her, bis der Laser …
Eine Frau wie mich
„Ich habe mich ja ganz bewusst für eine Karriere als Single entschieden. Wenn man in so einer Beziehung festhängt, hat man ja ganz schnell keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr. Also, das wollte ich nicht! — Ich meine, schauen sie sich doch nur mal diese geschiedenen Hausfrauen an, eine Figur wie aus Götterspeise geformt, Falten von all den Sorgen und nichts auf der Kante. Ich meine, das kann es doch nun wirklich nicht sein.“ „Ja, eigentlich nicht. Nein. Aber warum sind Sie jetzt hier?“ …
Platz da! Ich habe Asthma!
Walther griff nach seinem Pulmicort Püster. Allein der Anblick solcher Frauen konnte im schlimmsten Fall bei ihm einen Asthma-Anfall auslösen. Sein Alptraum war es, mit so einer Frau im Fahrstuhl stecken zu bleiben. Walther war nach solchen Träumen schon des Öfteren schweißgebadet und atemlos aufgewacht. Er umklammerte den Inhalator, den er immer griffbereit in der Tasche hatte, …
Das spirituelle Paket
Sie war bisher noch nie in einem Kloster gewesen. Offenbar hatte sie bisher ein falsches Bild von dem religiösen Leben der Nonnen gehabt. Moira dachte, dass Nonnen den halben Tag beten und den anderen Teil des Tages mit Arbeit füllen. Doch sie musste jetzt feststellen, dass das Beten nur einen ganz kleinen Teil des Tages ausmachte. Es war mehr Arbeiten. Viel mehr Arbeiten …
Die Frau vom See
Norbert war ein guter Schwimmer. In den Sommermonaten verbrachte er viel Zeit an dem Baggersee, der nur zehn Minuten mit Fahrrad von seinem Wohnviertel entfernt. Manchmal traf er sich dort auch mit seinen Kommilitonen von der Fachhochschule, an der er Maschinenbau studierte. Heute wollten sie mit einigen Freunden bis zum Abend bleiben und bei Sonnenuntergang noch grillen …
Die Haarschnecke
Es war schwül in diesem Büro. Walter fächerte sich mit einer dieser sinnleeren Akten Luft zu. Abrupt hielt er inne, als die Assistentin von Herrn Eberknecht hereinkam, um weitere Akten auf den Stapel zu legen, den Walter jetzt schon niemals wirklich würde abarbeiten können. Fräulein Emily. Sie bestand darauf mit „Fräulein“ angesprochen zu werden …
Karfreitag
Karfreitag war eindeutig schlimmer als Heilig Abend. Karfreitag war die Stammkneipe immer zu. Karfreitag war jede Kneipe in der Gegend zu. Karfreitag war halt alles zu …
Das Osterwasser
Erik war hochgewachsen, blond, muskulös, mit herben Gesichtszügen, vielleicht ein bisschen linkisch, mit einem Wort ein Bild von einem Mann. Jedenfalls sah Julia das so. Hier im Dorf nannte man ihn nur den Schweden …
Die Eierrute
Seit vier Wochen hatte er nun an seiner Pomlázka gearbeitet. Nun betrachtete er zufrieden sein Werk. Sie ließ sich leicht durchbiegen und schnellte geschmeidig in die Ausgangsposition zurück. Die farbigen Bändchen zuckten nur leicht, denn er hatte sie mit kleinen Gardinenkügelchen beschwert …
Eisige Zeiten
Dieses Jahr waren die Temperaturen schon Anfang Dezember überraschend in den Keller gefallen. Vorgestern war es noch beinahe schwül gewesen, gestern hingegen waren Werners Barthaare unter der Nase beim Aufwachen eisig verklebt gewesen. Und heute ...?
Der Rutenklaus
„Mutter! Es ist der Weihnachtsmann! Mutter!“ schrie Jan rannte aufgeregt den Flur hinunter in Richtung Küche. Martina kicherte und hielt ihrem Vater die Tür auf. „Du kannst doch den Weihnachtsmann nicht einfach vor der Tür lassen und weglaufen“, rief sie ihrem Bruder nach. …
Ein Laster voller Geschenke
„Aber Schatz, sei doch nicht so traurig“, versuchte Walther seine kleine Tochter Vera zu beruhigen. „Papa ist nun mal Polizist und die müssen auch über Weihnachten aufpassen, dass nichts passiert.“ „Und wenn der Weihnachtsmann dann gar nicht kommt, wenn nicht alle zu Hause sind?“ …
Hermine hat eigene Pläne
„Nicht schon wieder“, stöhnte Hermine, als sie das Telefon eingehängt hatte. „Dieses Jahr nicht!“ Aber Hermine wusste, dass sie es nicht ablehnen konnte, ihrer Schwester mit den kleinen Zwillingen zu helfen. Alle anderen aus der Familie hatten sich ja auch dazu bereit erklärt, zu helfen. Also fand die große Familienfeier in diesem Jahr eben bei ihrer Schwester Ulrike statt.
Die Kartoffelfee
Marie mochte Kartoffeln seit sie denken konnte. Kartoffeln in jeder Form. Als Salat, als Pellkartoffeln, Salzkartoffeln und natürlich als Bratkartoffeln. Nicht nur, dass sie die Knollen gerne aß, nein, sie pflanzte sie auch selber an. Und zwar jede Menge davon …
Der Zaunkönig
„Hilde, da isser wieder!“ Friedhelm schaute angestrengt durch das Fernglas, obwohl er ihn eigentlich mit bloßem Auge hätte erkennen können. „Hilde, nun komm doch mal!“ rief Friedhelm ungeduldig. Dass seine Frau aber auch immer so träge sein musste! Die Sonne reflektierte stark und brach sich in den Linsen des Fernglases. Aber mit bloßem Auge, waren halt die Details nicht so gut zu sehen …
Die Gartenfreundin
Kaum, dass der Frühling eingezogen war, begann für Friedrich wieder das Leben in seinem geliebten Kleingarten. Das war für ihn das eigentliche Leben. Das andere war nur die Zwischenzeit, eben zwischen der letzten Saison und der nächsten. Es war nicht nur die frische Luft, die Pflanzen, die Ruhe und der Platz an der Sonne, nein, es waren vor allem auch die Nachbarn. Insbesondere die eine. Seine Nachbarin. Die zur Rechten. Waltraud …
Der Obstdieb
Hanne war Gärtnerin durch und durch. Ihren Schrebergarten hatte sie schon seit über 30 Jahren. Es war noch eine der größeren Parzellen. Nicht diese moderne 300qm Varianten mit denen man sich bestenfalls allein versorgen konnte. Sie hatte früher ihre beiden Kinder und ihren Mann mit diesem Schrebergarten durchgebracht und noch heute war sie konsequente Selbstversorgerin …
Das gejagte Bockshorn
Dieser neue Fiat 500 lag viel besser in den Kurven, als der, den er damals nach dem Abitur geschenkt bekommen hatte und der nach einem Vierteljahr bereits keine Funken mehr sprühte. Die Elektrik. Bei einem 500er eher selten, eigentlich typisch für einen Mini. Trotzdem hatte Jochen ein ganz schlechtes Gefühl dabei …
Hexenknoten
„Ja, schon gut, schon gut!“ Konrad winkte kopfschüttelnd ab. „Du kriegst ja deinen Willen.“ Letztlich lief es ja doch immer darauf hinaus. Aber in diesem Fall fiel Konrad das Nachgeben einigermaßen schwer. Der Tanz in den Mai gehörte für ihn seit fast 20 Jahren zu den schönsten Tagen eines Jahres. Er hatte seine Frau am ersten Mai kennengelernt und seitdem war der Tanz in den Mai nicht nur ihr offizieller Jahrestag, sondern auch immer wieder ein besonders schöner Einstieg in das neue Jahr …
Trick or Treat
Bei jedem Klingeln zuckte Manfred schreckhaft zusammen. Er wusste, dass es Kinder waren, die nach Süßigkeiten verlangten, aber trotzdem war Manfred jedes Mal nicht darauf gefasst. Er hatte keinerlei Vorstellung, wer hier sonst hätte klingeln können, aber trotzdem hatte er immer wieder ein wenig Angst …
Geliebte Hexe
Walter hasste diesen ewigen neuen Kram. Seit wann feiert man hierzulande Halloween? Er hätte sich sicherlich geweigert mit zu dieser Party zu gehen, aber als er Louise zusah, wie sie sich als Hexe zurecht machte, verrauchte spontan ein Teil seiner Abneigung gegen Halloween. Gott, wie sah seine Frau gut aus als Hexe. …
Die Frau des Malers
„Henry, mein Liebling, findest du nicht auch, dass du dich mit diesem Modell ein bisschen zu lange aufhältst?“ fragte Louise, während sie geübt mit dem großen Fleischmesser hauchdünne Scheiben aus der Gurke schlug. „Wie kommst du darauf?“ fragte Henry verwundert und stibitzte sich eine der Gurkenscheiben. „Sonst brauchst du fünf bis zehn Sitzungen, dann nimmst du dir ein neues Modell, aber diese Maria …
Die Frau des Jägers
Die Luft hier draußen war klar und frisch. Einem Städter konnte sie schon einmal die Lunge verätzen. Hinter einem Schleier aus Dunst hatte sich irgendwo der Sonnenaufgang ereignet. Man konnte den rötlich schimmernden Glutball in dieser Milchsuppe aber bestenfalls erahnen …
Die Frau des Schlachters
Mit dem Handrücken versuchte Magret die Ärmel ihres blauweiß gestreiften Kittels ein wenig höher zu schieben. Eine durchaus typische Handbewegung für eine Schlachterin. Welches Schweinderl hätten’s denn gern? Das hielt aber nur für kurze Zeit, dann rutschten sie doch wieder herunter …
Die Frau des Bäckers
Helene strich sich sorgfältig das Mehl von den Strümpfen, bevor sie den Verkaufsraum wieder betrat. Immer, wenn sie die Backstube betreten hatte, waren ihre Beine wie eingestaubt. Helen prüfte auch die Naht, verfolgte mit den Augen den scheinbar endlos langen Faden, bis er an der Ferse endlich im Schuh verschwand. Ja, sie hatte lange Beine. Schöne und lange Beine, auf die sie stolz war …
Der kopflose Samurai
Der Nebel kroch schwer von Hängen herunter. Er schlängelte sich durch das Dickicht unter den niedrigen Bergkiefern und floss wie ein milchiger Geistersee ins Tal hinunter. Horio Kanhira hob die Hand. Das Klappern der Rüstungen erstarb augenblicklich …
Der Reihenhaus-Ronin
Das waren keine gute Nachrichten. Wirklich keine guten Nachrichten. Sukasi war über Nacht zum Ronin geworden. Sein Fürst Kuhozasho war tatsächlich von den Truppen des Kaisers hingerichtet worden. Und das nur, weil einer seiner Samurai nach der Schlacht von Touhjo den Kopf des Generals Tsun präsentiert hatte, um für sich und seinen Herrn die ausgelobte Prämie zu kassieren …
Lotte trägt halt Mieder
Lotte hatte er auf dem letzten Schützenfest kennengelernt. Irgendwann am Abend war sie auf seinem Schoß gelandet und dort auch für den Rest des Abends geblieben. Bald kamen sie ins Gespräch. Lotte mochte Bier und ihre Hobbys waren Wandern und Reiten …
One Size fits all
Neue Produkte kommen und gehen und im Allgemeinen interessiert mich das nicht weiter. Aber als ich das erste Mal auf die grüne Packung von ›Profit‹ stieß, weckte dies Produkt aus unerklärlichen Gründen mein Interesse. ›Professional Fitting!‹ Die Packung ganz in grün mit weißer, schwarz umrandeter Aufschrift …
Muttis Miederhose
„Was ist das denn?“ fragte Moritz, der dabei war seine Wäsche von der von Marianne zu trennen. Seit sie zusammengezogen waren wuschen sie halt ihre Wäsche zusammen und da hatte Moritz Mühe manche seine Sachen wieder zu finden. Vor allem einzelne Socken …
Die Zugbegleiterin
Alles an seinem neuen Job war scheiße. Wirklich alles. Walter verdiente weniger Geld als vorher, die Kollegen waren absolut unfreundlich und er kam sich in der neuen Firma vor wie ein Eindringling. Zu allem Überfluss musste auch noch er eine ganze Stunde früher aufstehen, um mit dem Interregio von Uelzen nach Hannover zu fahren
Nylon Eva auf Gran Canaria
Wer den Traum vom Leben im Süden hat, aber nicht gerade schwerreicher Immobilienmakler ist, muss wohl oder übel einige Kompromisse eingehen. Ist man dazu nur bedingt bereit, sollte man sich wenigstens nicht dem örtlichen Bischof anlegen …
Professor Pappnase
Die Mittagssonne fiel schräg durch die Fenster ein und markierte den in der Luft liegenden Staub. Professor Bürger saß an seinem Schreibtisch und dachte nach. Er saß aufrecht, mit aufgestützten Armen am Tisch, die Hände hielten das Kinn wie eine kostbare Schale. Sein Blick war geduldig auf eine andere Welt gerichtet, eine Welt, die außer ihm niemand kannte …
Date 42
„Oh nein, das kann doch nicht wahr sein!“ Karin hätte am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht und das Lokal fluchtartig verlassen. Sie wußte es, das war wieder so ein totaler Blender. Schon bei dem Erkennungszeichen hätte sie es wissen müssen. Eine Rose. Rot. So was altmodisches. „Sind wir verabredet?“ …
Rollenzwang
S.E. Jones, S.E. stand für Samuel Ernest, war dreiundvierzig Jahre alt und erfüllte alle Anforderungen, die das Leben an einen Mann in seinem Alter und seiner Position stellte. Er hatte einen Beruf, der ihn vollkommen ausfüllte, er leitete eine Abteilung mit siebenundsechzig Mitarbeitern, und er machte seine Sache wirklich gut …
Katrin ist wieder da
„Schaut euch das nur mal an!“ - „Wie ein Haufen dressierter Pudel!“ - „Du sprichst unter anderem von meinem Mann, Maria. Halt dich also ein bisschen zurück, ja!“ - „Ach, ist dein Mann vielleicht besser als unsere?“ - „Wenigstens hat er ihr keine Blumen mitgebracht!“
Das Pulver des Gauklers
Es war ein paartausendmal ein Königssohn, ein Prinz, der Erbfolger eines großen Reiches. Sein Name war Jamir und seines Vaters Reich ging von den Vorgebirgen des Jochths bis zu den Küsten der Letharge. Seit Jahrzehnten herrschte Frieden in diesem Reich und die Bauern brachten Jahr für Jahr mehr und schönere Früchte hervor …