Der Harzer Roller & die 16 Touren Uschi

Manchmal, wenn man einen Dokumentarfilm sieht, tun sich einem Abgründe der menschlichen Langeweile auf, für die man plötzlich einen neuen Ausdruck lernt: Der Harzer Roller. Eine Geschichte von Singvögeln und Grabenkriegen.

Der Harz ist eine beschauliche Gegend. Im Harz leben beschauliche Menschen, denen nach dem Ende der Bergbau-Ära eigentlich jede sinnvolle Betätigung abhanden gekommen zu sein scheint. Wer nicht gerade in schicken Trachten bei schlechtem Wetter posiert, verkriecht sich in sein stilles Kämmerlein und geht irgendeiner abstrusen Leidenschaft nach.

Eine dieser Leidenschaften ist der Harzer Roller. Natürlich ist damit nicht der griffige Weichkäse und seine zweckentfremdete Handhabung gemeint, sondern das Aufeinanderstapeln von vier Kanarienvögeln zu einer Art Singvogel Quartett.

Der Harzer Roller ist eine im Harz gezüchtete Kanarienvogel Rasse, deren wichtigstes Merkmal der Gesang bei geschlossenem Schnabel ist. Denn, die aus Italien importierten Vögel, sangen den beschaulichen Harzern einfach zu laut. Nun mehr presst der Harzer Roller, bei gemäßigter Lautstärke bis zu neun verschiedene Lautfolgen, auch Touren genannt, durch seine Nasenlöcher.

Zum Zwecke der öffentlichen Präsentation dieser Zuchterfolge hat es sich im Harz als zweckmäßig erwiesen, jeweils vier Vögel, nämlich den Kopfvogel, den Zweiten und den Dritten, sowie zu unterst den Tischvogel aufeinander zu stapeln und dann gegen die zwangsläufig einsetzende Ermüdung kämpfend stundenlang diesem vierkehligen Getriller zu lauschen, um dann im richtigen Moment die eher seltene Glucke als Tour zu identifizieren.

Nun wäre der Harzer aber nicht der Harzer, wenn er sich damit zufrieden gäbe, dass er einem Kanarienvogel beibrächte seine Liedchen durch die Nase zu pressen. Zumal die Ruhe im häuslichen Schlafzimmer nicht weniger interessant ist, als die vor den Vogelkäfigen im Wohnzimmer. Der pragmatische Brockenbewohner hat daher folgerichtig auch die heimische Damenwelt auf ein klangvolles, aber weniger intensives Geräuschbild trainiert. Während es der Kanarienvogel gerade mal auf neun Touren brachte, konnten einige der Harzer Frauen es mühelos auf auf 16 und mehr Touren bringen. Doch wie sollten die Frauen in Viergruppen übereinander einer interessierten Öffentlichkeit präsentiert werden?

Dieses Problem löste der Harzer mit dem ihm eigenen Humor. Er stellte die vier Frauen einfach nebeneinander auf die Bühne, zog ihnen eine Art Dirndl an und nannte das ganze Jodel-Wettbewerb. Das schöne an dieser Geschichte war, dass der Harzer auf diese Weise seine Frauen zusammen mit den Vögeln trainieren konnte. Natürlich war es auch im Harz nicht üblich vier Frauen sein Eigen zu nennen, das war nun mal der Vorteil der Roller, von denen man beliebig viele besitzen konnte. Also trainierten die Harzer Touren-Uschis reihum, mal mit den Vögeln des einen, dann wieder mit den Vögeln des anderen. Das so entstandene Wir-Gefühl prägt noch heute den betont sesshaften Brockenbesteiger, der daher nur selten seine Heimat verlässt.

Gerade die Tatsache, dass es dem Harzer gelang einheitliche Bewertungsmaßstäbe für Frauen und Vögel einzuführen, darf getrost als historisch bedeutsamste Entwicklung der Harzer Kultur angesehen werden. Kaum ein anderes Völkchen in Deutschland hat eine so enge Beziehung zwischen Frauen und Vögeln hergestellt, wie der Harzer mit seinem stramm geriffelten Roller. Kein Käse!