Die Kette

Manche Kinder freuen sich für Ihre Mutter, wenn sie einen neuen Mann findet und den dann auch im fortgeschrittenen Alter noch heiratet. Nicht so Friedhelm.

Der hatte schon lange ein Auge auf die Kette, seiner Mutter geworfen, die sie damals zum silbernen Hochzeitstag bekommen hatte. Die war mehr wert als alle Schulden, die er hatte. Damals war noch richtig Geld im Haus gewesen, so ein Erbhof, der gut geführt wurde konnte schon einiges abwerfen. Aber als sein Vater aus bisher ungeklärten Gründen von seinem Bruder Walter mit dem Mähdrescher überfahren worden war, ging es mit dem Hof bergab. Und letztlich konnten sich alle fünf Erben nicht einigen. Sie mussten den Hof verkaufen.

Da war er aber kaum noch etwas wert gewesen. Nur die Mutter, die sie vorher ausgezahlt hatten, hatte eigentlich ein gutes Geschäft gemacht. Und wenn sie jetzt heiratete, dann käme ein weiterer Erbe ins Spiel. Ein gefährlicher sogar, der sich schon mal 75 Prozent des Erbes unter den Nagel reißen würde, wenn Friedhelms Mutter vor ihm sterben würde. Das allerdings war hochwahrscheinlich, weil Mutters neuer Mann gerade mal die vierzig überschritten hatte, während sie selbst schon fast ein dreiviertel Jahrhundert auf dem Buckel hatte.

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The Big Bang

Sie mochte diese ganzen Spießer in der Kleingartenkolonie nicht sonderlich. Was Veronika aber mochte, das waren Gärten. Nicht diese mit der Wasserwaage eingenordeten Grasnarben, nicht diese totgehackten Beete und auch nicht die streng beschnittenen Sträucher, die ihrer gesamten Triebkraft beraubt schienen. Sie mochte das bunte Durcheinander, das von sanfter Hand geordnete Chaos und sie mochte diese spielerisch beschattete Ruhe unter ihrem Kirschbaum. Doch mit dieser Ruhe könnte es jetzt vorbei sein. Gestern war ausgerechnet einer ihrer Nachbarn bei Chantalle als Kunde aufgetaucht. Chantalle, das war Veronikas Arbeits-Ich. Chantalle war nicht für gute Worte, sondern ausschließlich für Bares zu haben.

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Nächte des Zorns

Grundsätzlich war Martha ein genügsamer und friedlicher Mensch. Sie stellte gelegentlich Ansprüche an das Leben. So war ihr der Sonntag an sich heilig. Vormittags die Messe, nachmittags faulenzen. Wobei sie unter faulenzen verstand, Kuchen zu backen, Kleidung auszubessern und all die Dinge zu erledigen, die unter der Woche liegen geblieben waren. Aber heute war ja nicht Sonntag, also griff Martha sich an die unteren Lendenwirbel, dort wo der Schmerz wohnte und richtete sich stöhnend auf. Darauf, dass jemand mit ihr Mitleid haben könnte und ihr den schweren Eimer mit Kartoffeln abnehmen würde, konnte sie nicht bauen. Einfach deshalb nicht, weil niemand da war, der ihre Schmerzenslaute hätte hören können.

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