Platz da! Ich habe Asthma!

Kurzgeschichte

Walther griff nach seinem Pulmicort Püster. Allein der Anblick solcher Frauen konnte im schlimmsten Fall bei ihm einen Asthma-Anfall auslösen. Sein Alptraum war es, mit so einer Frau im Fahrstuhl stecken zu bleiben. Walther war nach solchen Träumen schon des Öfteren schweißgebadet und atemlos aufgewacht.

Er umklammerte den Inhalator, den er immer griffbereit in der Tasche hatte, etwas fester. In Wirklichkeit war natürlich allein die Vorstellung ausreichend mit dieser Frau denselben Fahrstuhl teilen müssen, das reinste Grauen.
Walter lächelte freundlich und ließ die schwitzende, dicke Frau vor. Dann war der Fahrstuhl voll. Gott sei Dank! Walther war erleichtert. Gleich schlossen sich die Türen und er würde den nächsten Fahrstuhl nehmen. Mit etwas Glück war der dann ganz leer.

Ein letztes Lächeln und die Fahrstuhltüren schlossen sich nicht. Stattdessen ertönte ein Warnsignal. Und eine blecherne Stimme wiederholte tonlos das Wort: „Überlast.“

Ächzend trat die dicke Frau einen Schritt zurück und das Signal erlosch. Die Türen schlossen sich unter den mitleidigen Blicken der Insassen.

„Dämliche Wichser!“ grunzte die Frau schwitzend.

Auch Walther begann das Wasser aus den Poren zu drängen. Was zum Teufel sollte er jetzt tun? Er stand mit der dicken Frau allein auf dem Flur. Was sollte er sagen, warum er den Fahrstuhl nicht nahm? Er war sicher, dass er ihn nicht nehmen würde. Nach dem Wort „Überlast“, das mit mechanischer Stimme immer weiter in seinem Hirn herum hämmerte, war alles gesagt. Hängenbleiben, war das Mindeste, aber er sah auch schon den Absturz des ganzen Fahrkorbes vor sich. Das Reißen der Stahlseile. Eines nach dem anderen, bis sein Leben an so einem dünnen Faden hing, um Sekunden später unter einer Tonne schwitzenden Fettes begraben zu werden.
„Keine 6 Leute im Fahrstuhl. Was glauben die eigentlich, was so ein normaler Mensch wiegt?“ schimpfte die Dicke. „Das ist doch blanker Terror nicht, wahr?“

Walther brauchte sich nicht umzuschauen. Sie hatte ihn angesprochen.

„Ja“ piepste er heiser, mit dem letzten Rest Luft, den seine Lunge hergab.

In Gedanken sah er das Schild vor sich: „6 Personen oder 450 Kilogramm.“ Daraus ergab sich für jeden Volksschüler ein errechnetes Normalgewicht von 75 Kilogramm. Wenn man eine Toleranzspanne von 50 Kilogramm in Betracht zog, waren es sogar 83,3 Kilogramm pro Fahrgast. Kein Ingenieur konnte vernünftiger Weise von einem Durchschnittsgewicht von über 100 Kilo pro Person ausgehen. Walther verwarf den Gedanken von 6 Personen á über 100 Kilo in einem Fahrkorb sofort wieder. Aber es war zu spät er hatte es sich für den Bruchteil einer Sekunde vorgestellt und griff abrupt zum Inhalator.

„Sind Sie krank?“

Die Frage verblüffte Walther.

„Asthma“, sagte er schnell, als er wieder Luft bekam. Er versuchte es möglichst nicht wie eine Krankheit klingen zu lassen. Schließlich konnte er nichts dazu.

„Sollten Sie dann nicht besser die Treppen nehmen?“

Walther war so beleidigt, dass er die Chance, die in dieser Frage steckte, gar nicht wahrnahm. Wenn hier einer die Treppe nehmen sollte, dann doch wohl dieses Monstrum von Frau.

Walther überlegte noch, wie er ihr diesen Gedankengang mitteilen konnte, ohne sie dabei direkt oder auch nur indirekt zu beleidigen, als sich die Fahrstuhltüren vor ihnen öffneten.

Die Dicke hatte unverzüglich den Fahrkorb betreten. Walther war unschlüssig.

„Kommen Sie!“ winkte die Frau aufmunternd. „Nur keine Angst, Sie sind ja nicht allein!“

Wie gerne hätte Walther dazu etwas gesagt. Doch er riss sich zusammen und übertrat die Schwelle zum drohenden Wahnsinn. Er blieb dicht an der Tür stehen, obwohl er nicht wusste, wie und wohin er im Ernstfall hätte fliehen sollen. Wenigstens war der Knopf mit der Aufschrift „Notfall“ ganz in seiner Nähe. Das beruhigte ihn, obwohl dieser Knopf bestenfalls Zeugen seines Absturzes mit einer 250 Pfund schweren Frau herbeirufen konnte.
Die Frau lächelte ihm aufmunternd zu. Er versuchte freundlich zurück zu lächeln. Aber er bekam wohl nur ein erfrorenes Grinsen hin. Lange hatte die Fahrt nicht gedauert. Viel zu kurz für die 35 Stockwerke. Die Digitalanzeige bewies die Richtigkeit seines Gefühlslebens. Sie waren erst im 31.

Die Türen gingen auf. Er hätte jetzt hinaus in die Freiheit springen können. Wer hätte wissen sollen, dass er nicht in den 31. wollte? Die Frage blieb rein akademisch. Vor der geöffneten Tür standen drei, in Worten: Drei! Frauen der Klasse Überlast.

Walther fühlte eine Benommenheit, wie nach einem Schlag vor den Kopf. Willenlos ließ er sich zur Rückseite des Fahrkorbs drängen. Schon als die zweite Frau den Fahrkorb betrat ertönte das Warnsignal „Überlast!“ Im Kopf überschlug Walther die Fakten: 3 Frauen 500 Kilo, abzüglich seiner 58 bei 1,82 machte im Schnitt etwa 147 Kilo! Die Zahl verschlug Walter den Atem. Gott sei Dank musste nun mindestens eine dieser Frauen den Fahrstuhl wieder verlassen.

„Keine Panik Mädels!“ rief einer der Neuzugänge fröhlich. „Mit diesen Heringsfanatikern werde fertig!“ Triumphierend hielt sie einen Schlüssel hoch, den sie Sekunden später im Schloss der Konsole drehte und die Warnung erstarb. „Mein Mann ist Fahrstuhltechniker! Mit diesem Schlüssel mache ich jeden Schlankheitsfanatiker stumm!“

Die Frauen kicherten haltlos und Fahrkorb schwankt bedrohlich.

„Waltraud, komm rein. Wir rücken ein bisschen zusammen.“

Waltraud kam rein. Und es grenzte an ein Wunder, dass die Türen sich überhaupt noch schlossen. Walther war nicht dazu gekommen, zu protestieren, er wollte es, aber er war einfach nicht dazu gekommen. Nun war es zu spät.

Die Türen waren zu. Und Walther konnte sich keinen Millimeter mehr bewegen. Er schloss die Augen und stellte sich die unendliche Weite des Pazifiks vor. Seine ganze Konzentration galt dem Atmen. Ein und Aus. Ein. Und Aus. Nicht denken! Nicht bewegen. Richtig! Nichts bewegte sich. Der Fahrstuhl bewegte sich nicht. Walther öffnete abrupt wieder die Augen. „Der Fahrstuhl bewegt sich nicht“, wollte er schreien.

„Der Fahrstuhl bewegt sich nicht!“ erklärte die blonde, schwitzende Frau, mit der Walther eingestiegen war.

„Dann ist wohl eine von uns zu schwer!“

Die Frauen lachten lauthals.

„Und jetzt?“ fragte die Blonde.

„Das ist die Hauptsicherung!“ erklärte die Frau des Fahrstuhltechnikers. „Die können sie nur von außen entriegeln. Wir müssen nur auf den Notknopf drücken. Dann drückt jemand in der Zentrale auf einen Knopf und die Tür geht auf!“

„Aha!“ sagte die Blonde zufrieden.

„Also, ich komm da nicht dran!“

„Vielleicht schaff’ ich es!“

Im Fahrstuhl entstand eine gefährlich schaukelnde Bewegung. Walther hielt die Luft an.

„Verdammt, du musst da ein Stück weggehen!“

„Wohin denn? Soll ich mich in Luft auflösen.“

„So geht das nicht!“ erklärte die Dritte. „Waltraud muss sich umdrehen und den Knopf drücken.“

„Ist klar“, umpfte Waltraud.

Jetzt kam erst recht Bewegung in die Masse.

Die vier Frauen passten so eben gerade in den Fahrkorb. Sich hier umdrehen zu wollen, war gelinge gesagt Wahnsinn.

Die Masse einer halben Tonne begann sich wie ein Schiebepuzzle hin und her zu bewegen. Die blonde Frau presste sich schwer auf Walthers Brustkorb. Sie schwitzte jetzt auch sein Hemd voll und stützte sich immer wieder mit beiden Armen von der Fahrstuhlwand ab, um ihn nicht zu zerquetschen. Walther hatte vergessen zu atmen. Er musste das jetzt nachholen. Er musste Luft holen. Und er konnte nicht.

Panik verbreitete sich in seinen Eingeweiden. Er konnte die Arme nicht bewegen. Er musste atmen. Er kam nicht an den Inhalator. Jetzt nicht. Er saugte die Luft geradezu ein. Dann sammelte er alle seine Kraft und stürmte los. Mit beiden Füßen versuchte er sich von der Wand abzustoßen und sich durch die Körpermasse und die Metalltüren hindurch in die Freiheit zu stoßen.

Er hatte sich keinen Millimeter bewegt. Keine Chance. Die Luft war auch weg. Er gab nach und atmete sparsam und flach. Aber immer schneller. Wenn er ein bisschen mehr Luft gehabt hätte, hätte er geschrien. Aber nun lief er nur still blau an.

„Was hat der denn?“ kreischte plötzlich eine der Frauen.

„Der sieht aber ungesund aus!“

„Wahrscheinlich zu wenig gegessen!“ sagte die andere.

„Platz da! Ich habe einen Asthma!“ brachte Walther mühsam hervor und schluckte nach dem Wort die Luft hinunter.

„Blödsinn!“ rief die Blonde direkt vor ihm. „Der hat Panik und hyperventiliert!“

„Hyper… was?“

„Der kriegt zu viel Luft!“

„Was machen wir jetzt?“

„Na, an eine Papiertüte kommt wohl keiner von uns, oder?“ stellte die Blonde als festgestellte Frage in den knappen Raum.

„Wozu?“

„Na, der muss jetzt verbrauchte Luft atmen!“ erklärte sie kurzerhand und griff mit einer Hand nach Walthers Nase.

Walther schrie auf, aber es entwich nur ein verschlucktes Grunzen. Die Blonde kniff seine Nase kräftig zu und mit der anderen Hand drehte sie sein Gesicht ein wenig zu sich hin. Dann legte sie ihre Lippen quer über seinen Mund und atmete aus.

Diese bescheuerte Kuh. Walther war sicher, dass er jeden Moment erstickte. Seine Hände suchten nach einer Möglichkeit, den Angriff abzuwehren. Aber sie fanden nur Bauch und Beine der Gegnerin und da schien sie unempfindlich gegen jede Form von Kniffen zu sein. Für Schläge war ja sowieso kein Raum.

Walther versuchte den Kopf wegzudrehen, aber ihre Hand hielt ihn eisern fest. Es gab kein Entrinnen, und seine Kräfte schwanden mit jedem Atemzug, den er aus ihrem Mund nahm. Er wurde von einer dicken Frau erstickt! Alle Alpträume wurden früher oder später wahr. Walther fühlte das warme Wasser an seinem Bein hinab laufen. Er hatte sich vor Angst in die Hose gemacht. Es war aus und er wusste es.

Die Panik fiel allmählich von ihm ab. Das war bei Ertrinkenden immer so. Wenn man erstickte, machte man kurz vor dem Ende, seinen Frieden mit den Dingen. Es war eine seltsame tiefgehende Entspannung, die Walther plötzlich erfüllt. Noch ein, zwei Atemzüge und es würde vorbei sein. Was sollte ihm jetzt noch passieren, er war tot! Langsam und suchend schob er seine Zunge in den todbringenden Mund der blonden dicken Frau. Sollte sie selbst dran ersticken. Aber sie schien nicht in Gefahr zu sein. Das Schrillen der Alarmklingel bedeutete für Walther keine Rettung mehr. Aber es erfüllte ihn mit zusätzlicher Genugtuung. Seine Zunge wand sich in den letzten Zuckungen um die seiner Mörderin und spielte mit ihr Katz und Maus.

„Also für mich sieht das aus wie Sex!“ sagte eine der Frauen, als sie den Fahrstuhl verließen. Das Gewicht auf Walther wurde geringer. Seine Seele schien sich bereits von dem Körper zu lösen. Er konnte sogar wieder seine Arme bewegen. Spontan griff er der Blonden an die Brüste. Er war ja schon halb im Jenseits. Nun kam es wohl kaum noch auf political correctness an. Walther hatte weder bemerkt, dass sich zwischenzeitlich die Türen wieder geschlossen hatten, noch, dass sie über 30 Stockwerke hinab gefahren waren.

Er hatte auch nicht bemerkt, dass die Türen in diesem Moment wieder aufgingen. Er bemerkte aber, dass sich die blonde Frau von ihm gelöst hatte. Und er bemerkte, dass er sehr wohl noch lebte. Am beeindruckendsten war aber, dass er sich ausgezeichnet fühlte. Besser, als jemals in seinem Leben zuvor. Und! Er konnte verdammt tief durchatmen.

„Alles klar?“ fragte die blonde Frau, als Walther die Augen wieder geöffnet hatte.

„Ja!“ sagte Walther überzeugt.

„Wir haben alle mal Angst. Manchmal muss man sich nur einfach überwinden“, sagte sie und verschwand dann einfach in der Menge vor dem Fahrstuhl.

Walther verließ den Fahrstuhl und verschwendete keinen Gedanken an seine durchnässten Hosen. Es war ihm egal. Sekunden später landete der Inhalator in dem ersten Mülleimer, an dem er vorbeikam.

„Scheiß Ärzte!“ brummte er und machte sich auf den Weg zur U-Bahn.
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