Das Osterwasser


Erik war hochgewachsen, blond, muskulös, mit herben Gesichtszügen, vielleicht ein bisschen linkisch, mit einem Wort ein Bild von einem Mann. Jedenfalls sah Julia das so. Hier im Dorf nannte man ihn nur den Schweden. Vermutlich, weil er Schwede war. Oder einfach nur, weil er so blond war. Er war der einzige Zugezogene in den letzten 25 Jahren. Eigentlich war er nur für eine Saison zum Holz schlagen hergekommen. Damals, als der große Sturm eine ganze Kiefernschule umgeschmissen hatte. Aber dann war er aus irgendeinem Grund geblieben.


Böse Zungen behaupteten, die Haushälterin des Pfarrers habe ihn verhext, doch Julia wusste es besser. Ihretwegen war er geblieben. Nur irgendwie wusste er das wohl nicht.


Vielleicht war an der Geschichte mit der Haushälterin auch etwas dran. Ein bisschen komisch war das schon, dass er immer so um sie herumschwänzelte. Und mit dem Pfarrer, das war auch so eine Sache. Das könnte schon sein, dass sie eine Hexe war.


Julia hatte angefangen die Frau im Auge zu behalten. Nicht, dass sie sie direkt verfolgte, aber sie schaute schon hin und wieder mal nach dem Rechten.



Am Sonntag zum Beispiel. Es war der Ostersonntag. Da verließ Ivonna schon ganz früh die Pfarrei. Und ganz früh war bei Julia kurz vor Sonnenaufgang. Sie hatte das überhaupt nur mitbekommen, weil sie gleich neben dem Pfarrhaus wohnte und das schmiedeeiserne Gartentor so verrostete Scharniere hatte.


Julia war aufgesprungen und zum Fenster gegangen. Sie sah gerade noch, wie Ivonna auf die Dorfstraße in Richtung Hartgauer Forst einbog. Sie überlegte nicht lange und schlüpfte in die Klamotten von gestern, die noch auf dem Stuhl neben dem Bett lagen. Dann nahm sie im Laufschritt die Verfolgung auf.


Als sie den Dorfrand erreichte, konnte sie nur raten, wohin Ivonna verschwunden war. Sie entschied sich spontan für den Weg zur Ratzinger Quelle.


Die hieß früher einfach nur Quelle und der Weg, der dort hin führte hieß schlicht Quellweg. Aber nachdem der Ratzinger Papst geworden war und der Pfarrer zu berichten wusste, dass er eben diesen Weg einmal mit dem jungen Seminaristen Ratzinger entlang gewandert war, wurde der Trampelpfad zum Ratzingerweg breit getreten. Überflüssig zu erwähnen, dass unser Pfarrer seinerzeit auch eine Erscheinung der Jungfrau Maria an eben jener Quelle hatte.


Es wäre aber keine rechte Dorfgemeinschaft gewesen, wenn nicht einige Bewohner sofort vermutet hätten, dass es sich keineswegs um eine Jungfrau und schon gar nicht mit dem Namen Maria, handelte, sondern vielmehr, um eine lebenslustige Polin, namens Ivonna, die kurz drauf seine Haushälterin wurde.


Ob diese alte Geschichte nun Einfluss darauf hatte, welchen der drei möglichen Forstwege Julia gewählt hatte, ließ sich nicht genau sagen. Sicher aber war, dass Julia nach wenigen Minuten auf dem Pfad zur Quelle einfiel, dass es in Schweden Brauch war, dass die schwedischen Frauen in der Nacht zum Ostersonntag zu einer Quelle pilgerten, um dort einen Krug Wasser zu holen. Mit diesem Wasser wurden dann Männer bespritzt, die sich daraufhin unverzüglich und haltlos in die Wasserholerin verliebten. Das Ganze funktionierte aber nur, wenn niemand die Frau beim Holen des Wassers beobachtete.


Mechanisch beschleunigte Julia ihren Schritt. Hatte sie es doch gewusst. Eine Hexe. Jetzt war sie sich ihrer Sache ganz sicher. Aber Julia würde ihr die Suppe, oder besser das Wasser, schon mächtig versalzen. Es reichte ja, wenn sie Ivonna mit dem Wasser überraschen würde.


Inzwischen lief Julia fast. Warum eigentlich? Dies war der einzige Weg, der von der Ratzinger Quelle zurückführte. Sie musste ihr ja irgendwann entgegen kommen. Julia hielt inne und ging lieber langsam. Wichtig war doch nur, dass diese Ivonne nicht irgendwie an ihr vorbeischlich. Sie lauschte auf mögliche Schritte im Unterholz. Vielleicht ahnte Ivonna ja, dass Julia ihren Plan durchkreuzen wollte.


So leise, wie möglich ging Julia weiter. Sie war jetzt fast bei Quelle. So langsam konnte die Hexe doch gar nicht sein? Wo war sie? War sie doch einen anderen Weg gegangen? Julia wurde nervös, als sie endlich Schritte hörte. Ivonna! Unüberhörbar. Niemand sonst wäre um diese Uhrzeit so langsam und unsicher im Wald unterwegs. Aber es war typisch für Ivonna, dass sie niemals das Haus, ohne ihre 9 Zentimeter Pumps verließ.


Julia schlug sich ins Gehölz neben dem Forstweg. Es knackte laut, als sie auf die vertrockneten Äste trat. Sie lauschte. Das Knirschen des Kieses hatte aufgehört. Vorsichtig drang Julia weiter ins Unterholz ein. Sie wollte unbedingt Ivonnas Gesicht sehen, wenn sie von ihr mit dem Wasserkrug überrascht wurde. Es reichte ihr nicht, sie von Ferne zu sehen.


Julia stand gut sichtgeschützt, ein wenig abseits des Weges, als sie hörte, wie jemand wieder in den Kies trat, der rechts und links die Fahrspuren schützen sollte. Ivonna musste schon ziemlich nahe sein.


Und dann sah sie die Polin. Tatsächlich hielt sie ein Gefäß mit einer Flüssigkeit in der Hand. Sie musste Acht geben, um es nicht zu verschütten. Auf dem Mittelteil des Weges kam sie kaum voran, weil ihre Absätze immer im Boden zwischen den Steinen versanken, deshalb wich sie regelmäßig auf den Kies aus, wenn der Boden allzu weich wurde.


Angespannt wartete Julia, bis die Hexe fast auf ihrer Höhe war. Dann sprang sie aus dem Unterholz und schrie: „Erwischt!“


Ivonna blieb abrupt stehen und starrte ihre Nebenbuhlerin an. Julia fing laut an zu lachen. „Das wird wohl nichts mit dem Osterwasser!“


Na ja, wer sein Leben lang auf dem Hackenschuh unterwegs war, war irgendwie auch mit ihm auf du und du. Jedenfalls bewegte sich Ivonna sehr viel schneller als Julia das erwartet hatte oder sich vorstellen konnte.


Daher traf sie der erste Faustschlag völlig unerwartet ins Gesicht.


„Ich bring dich um, du Hure!“


Bitte? Wer hatte denn hier schon den Pfarrer verhext und wollte sich jetzt auch noch den Schweden angeln. Wer war denn hier wohl die Hure?


Aber das war schon immer Julias Problem. Das Denken. Sie dachte noch, dass sie wütend wird, als Ivonna sie schon zu Boden gedrückt hatte und auf ihrem Brustkorb saß. Aber wenigstens reagierte sie, als sie den Ast sah, den Ivonna sich nebenbei gesucht hatte, wohl um sie damit zu erschlagen. Julia griff ihr gerade noch rechtzeitig in den Arm, um ihren plötzlichen Abgang zu verhindern.


Es war sicherlich für jeden Freund des Catfights ein bewegender Anblick, als Julia mit der rechten Hand nach Ivonnas Schenkel griff, um sie von sich herunter zu drücken. Außer Pumps trug Ivonna halt grundsätzlich enge Röcke, die sich beim Spreizen der Beine zumeist automatisch hochschoben und ihre ebenso am Schenkel festverankerten Strapse freilegten. Aber hier ging es um Leben und Tod, da war kein Platz für Spanner.


Dank ihrer 103 Kilo Kampfgewicht drohte Julia, trotz ihrer trägen Reaktionsmuster nach kurzer Zeit die Oberhand zu gewinnen. Diese polnische Schlampe wollte sie tatsächlich umbringen. Das war nicht die Zeit für falsche Rücksichtnahmen. Julia schlug so hart zu, wie sie konnte. Schade um Ivonnas eigentlich recht schöne Nase.


„Was willst du?“ schrie Julia sie an. „Ich habe dich beim Wasser holen gesehen! Es ist vorbei!“


Ivonna wimmerte leise. Ob jetzt wegen der Nase oder wegen vermutlich verlorenen Schwedens, war nicht klar und sie fing sofort an Julia leid zu tun.


„Nicht, wenn ich dich umbringe!“ keuchte Ivonna und bockte wie ein junger Hengst, um die Konkurrentin abzuwerfen.


„Hör auf! Es ist vorbei!“


„Hör nicht auf sie! Mach weiter! Du schaffst das!“


Das war nicht Ivonnas Stimme.


Die beiden Frauen schauten auf und sahen den breit grinsenden Hollingstedt. Das war der örtliche Wildhüter. Ein kleiner, widerlicher Zwerg, von dem man sagte, dass er häufiger vor irgendwelchen Fenstern, als auf irgendwelchen Hochständen im Ansitz zu finden war.


Für Sekunden waren Ivonna und Julia gemeinsam angewidert.


„Macht doch weiter!“ forderte Hollingstedt. „Geht doch bestimmt wieder um den notgeilen Pfaffen, oder?“


Tatsächlich nutzte Ivonna Julias Unaufmerksamkeit, um ihr den schweren Ast an den Kopf zu schlagen. Julia taumelte zurück. Wenn sie jetzt nicht aufpasst, würde Ivonna sie hier vor Zeugen erschlagen. Aber die Polin setzte nicht nach.


Mit benommenem Blick starrte Julia sie an. Ivonna schien zu überlegen. Und das dauerte. Sie studierte ihre Gesichtszüge, um vor sich auf weitere Überraschungen vorzubereiten. Aber so etwas klappte selten. Der Übergang vom Ende des Nachdenkens zum unvorhersehbaren Handeln war nicht zu erkennen. Das Holz traf den Förster am Kopf und im Gesicht und wieder am Kopf, noch bevor seine Mine verriet, dass ihm klar wurde, was hier vorging. Er hatte abwehrend die Hände gehoben und Ivonna griff blitzschnell zum Gewehr, ließ den Lauf zuschnappen und drückte ab, lange bevor Hollingstedt „Was?“ denken konnte.


Die erste Ladung Schrott ging in die Füße. Hollingstedt schrie auf und wollte humpeln, aber Ivonna hatte ihm die Flinte von der Schulter gerissen, den Lauf unters Kinn gehalten und schon nach dem ersten Hopser erneut abgedrückt. Der zweite Hopser war also auch sein letzter.


Als nächstes richtet Ivonna die Waffe auf Julia. Aber, obwohl Julia die Luft anhielt, schalteten ihre Synapsen relativ flott. Zwei Schuss, zwei Läufe, das Ding war leer. Trotzdem drückte Ivonna symbolisch ab.


Julia rappelte sich auf.


„Hör auf damit!“ schimpfte sie. „Bist du total verrückt geworden?“


Julia rechnete damit, dass Ivonna sich nach neuen Patronen umschaute, deshalb ging sie zu Hollingstedt und stellte sich davor.


„Und das alles nur wegen eines Kerls!“ schimpfte Julia. „Du hast doch schon den Pfaffen, warum nun auch noch den Schweden?“


„Was?“ fragte Ivonna und ihr Erstaunen klang absolut echt. „Den Pfarrer, den Schweden!“ Dann fing sie hysterisch an zu lachen.


„Was ist?“ fragte Julia verunsichert.


„Der Pfarrer ist schwul. Und der Schwede sein Geliebter“, stellte Ivonna klar. Ihr Lachen war jetzt weniger Hysterisch, als vielmehr verachtend. „Oder was hast du geglaubt, warum der Schwede immer in der Pfarrei herumhängt!?“


„Ich dachte ...“, stotterte Julia.


„Ja, ja, die böse Polin!“ ergänzte Ivonna. „Ist schon klar. Seit 20 Jahren hänge ich in diesem Dorf herum und habe immer noch keinen Mann!“


„Aber für wen ist dann das Osterwasser?“ fragte Julia, die den Schock mit dem schwulen Schweden noch nicht wirklich verdaut hatte.


„Für den Apotheker natürlich!“ rief Ivonna. „Der ist seit dem letzten Jahr Witwer!“


Trotz dieser verwirrenden Entwicklung war Julia völlig klar, dass sie Zeuge eines Mordes geworden war und, dass sie deshalb in großer Gefahr schwebte. Daher traf sie der Schlag mit dem Gewehrkolben jetzt nicht völlig unerwartet. Sie war schon wieder auf den Beinen, als die Polin noch in Hollingstedts Tasche nach Patronen suchte. Trotzdem schaffte Ivonna es nachzuladen, bevor Julia sie daran hindern konnte. Aber weiter kam sie dann auch nicht. Julia griff nach dem Lauf und drehte ihn mit aller Kraft um. Bei dem Gerangel wirkten sich Julias vernünftigeres Schuhwerk und ihr erheblich tiefer liegender Schwerpunkt deutlich positiv aus. Als der Schuss sich löste, zeigt der Lauf ganz klar in Richtung Ivonnas Kopf. Und es war ihr Finger, der sich am Abzug mit Julias Hilfe gekrümmt hatte. Da half auch kein ungläubiges Schauen, das Licht in ihren Augen erlosch, während der Kopf weich auf den Waldboden aufschlug.


Julia stand da, unschlüssig, ungläubig, fassungslos. Sie betrachtete die unwirkliche Szene und versuchte sich einen Reim darauf zu machen.


Aber eigentlich war die Sache ganz einfach: Ein Schäferstündchen mit der Dorfhure, ein Streit, vermutlich Eifersucht. Er erschießt sie und dann sich selbst, oder andersrum. Das war doch völlig egal. Zur Sicherheit zerriss sie noch die mit Blut bespritzte Bluse der Polin und öffnete den Hosenstall von Hollingstedt. Sie war sicher: So schlau waren die Bullen nicht.



Damit kam sie bestimmt durch. Jeder wusste doch, dass die Polin es mit jedem trieb. Sogar mit dem Pfarrer. Vorsorglich nahm sie noch Ivonnas Osterwasser mit. Schließlich war der Apotheker immer noch Witwer. Und vielleicht wirkte es ja auch, wenn niemand mehr da war, der sie beobachtet hatte.