Kurzkrimi

Kettenreaktion

Die Kette


Manche Kinder freuen sich für Ihre Mutter, wenn sie einen neuen Mann findet und den dann auch im fortgeschrittenen Alter noch heiratet. Nicht so Friedhelm.

Friedhelm hatte schon lange ein Auge auf die Kette, seiner Mutter geworfen, die sie damals zum silbernen Hochzeitstag bekommen hatte. Die war mehr wert als alle Schulden, die er hatte. Damals war noch richtig Geld im Haus gewesen, so ein Erbhof, der gut geführt wurde konnte schon einiges abwerfen. Aber als sein Vater aus bisher ungeklärten Gründen von seinem Bruder Walter mit dem Mähdrescher überfahren worden war, ging es mit dem Hof bergab. Und letztlich konnten sich alle fünf Erben nicht einigen. Sie mussten den Hof verkaufen.

Da war er aber kaum noch etwas wert gewesen. Nur die Mutter, die sie vorher ausgezahlt hatten, hatte eigentlich ein gutes Geschäft gemacht. Und wenn sie jetzt heiratete, dann käme ein weiterer Erbe ins Spiel. Ein gefährlicher sogar, der sich schon mal 75 Prozent des Erbes unter den Nagel reißen würde, wenn Friedhelms Mutter vor ihm sterben würde. Das allerdings war hochwahrscheinlich, weil Mutters neuer Mann gerade mal die vierzig überschritten hatte, während sie selbst schon fast ein dreiviertel Jahrhundert auf dem Buckel hatte.

Im Prinzip waren sich die vier Brüder einig. Wenn sie die Hochzeit nicht verhindern konnten, dann musste die Mutter noch vorher weg. Aber Friedhelm kannte seine Brüder. Das waren alles nur Maulhelden. Die würden nicht ernst machen. Na, Walter vielleicht, aber das war auch der Einzige.

Für ihn jedoch ging es um Kopf und Kragen. Er konnte es einfach nicht riskieren, dass sie wieder heiratete. Er konnte nicht einmal auf die Verteilung des Erbes warten. Er brauchte die Kette und zwar schnell. Seine Spielschulden duldeten keinen Aufschub, selbst dann nicht, wenn er sich eine private Krankenversicherung könnte, um seine unweigerlichen Knochenbrüche wenigstens in einem gehobenen Ambiente auskurieren zu können.

Inzwischen konnte man in jedem Internetforum nachlesen, wie man aus Kunstdünger einen Sprengsatz baute. Das war gar nicht so schwer gewesen. Den Zünder mit der Zündung zu koppeln, war erheblich komplizierter gewesen. Eigentlich sollte so ein Toyota doch so simpel strukturiert gebaut sein, das man da durchblickte. War er aber nicht. Die Elektronik war ein einziges Chaos und die übersetzten Schaltpläne aus dem Internet, war derart wortwirr, dass Friedhelm es ernsthaft in Erwägung zog einen Kurs Japanisch an der Volkshochschule zu belegen, um da durchzusteigen. Aber dafür blieb natürlich nicht die Zeit.

Mutters Auto stand im Carport. Dort fiel es nicht sonderlich auf als er den Sprengsatz montierte. Jetzt musste er nur noch warten, bis sie einkaufen fuhr und bum! Dann sollte er schnell am Tatort sein und sobald sich die Gelegenheit bot, die Kette aus der Schatulle stehlen.

*

Es war eigentlich nur ein Vorwand gewesen, um in die Wohnung zu kommen, dass Walter sich den Wagen seiner Mutter auslieh, um Besorgungen zu machen. Seiner war angeblich in der Inspektion und er hatte dringend in Heide zu tun.

Seine Mutter hatte den Autoschlüssel auf dem Wohnzimmertisch platziert, für die Wohnung hatten schließlich alle ihre Kinder einen Schlüssel. Man wusste ja nie.

Als Walter die Wohnung betrat fand er einen Zettel, dass sie erst gegen Sieben zurück wäre und er den Schlüssel einfach wieder auf den Tisch legen sollte. Walter grinste. Er zog eine kleine Schachtel Pralinen aus der Jutetasche. Seine Mutter liebte Mozartkugeln. Diese hier hatten es aber in sich. Walter positionierte die Pralinen so, dass seine Mutter mit Sicherheit nicht widerstehen konnte und sich sein kleines Dankeschön gleich zu Gemüte führen würde. Wenn er ihr den Wagen wiederbrachte und sie tot vorfand, musste er nur die Pralinen wieder verschwinden lassen und die Polizei rufen.
Gut gelaunt stieg er in den kleinen blauen Toyota seiner Mutter und startete ihn.

Der wollte mal wieder nicht auf Anhieb, aber nach dem dritten Versuch sprang der Motor an. Walter hasste unzuverlässige Elektronik in Autos. Wer weiß, ob er mit dieser Reisschüssel heil wieder nach Hause kam.

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Mozartkugeln! Und da wunderte sich seine Mutter, dass sie jedes Jahr dicker wurde. Aber egal. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Modern war an dieser Wohnung hier überhaupt nichts. Die Leitungen waren über Putz verlegt, die Lichtschalter, waren aufgesetzte Kippschalter, die mit einem satten Klack ihrer binären Aufgabe nachkamen und geerdet war hier auch nix. Andreas als gelerntem Elektriker standen eigentlich die Haare zu Berge, obwohl ihn keinerlei Strom durchfloss. Doch für seine Zwecke war dieses Chaos perfekt. Es war ein Leichtes eine abgebrochene Klemme im Schalter vorzutäuschen und den Strom auf direkt auf den Taster zu leiten. Das würde eine Erleuchtung geben, wenn man das Licht einschaltete.

Andreas war zufrieden mit seinem Werk. Er war ein ordentlicher Handwerker, räumte sein Werkzeug gewissenhaft weg, beseitigte alle Spuren und gönnte sich vor dem Gehen noch eine von den Mozartkugeln. Freiwillig würde seine Mutter davon sicher keine abgeben.

*

Eigentlich wollte Jürgen gar nicht tun, was er gerade tat. Aber seine Mutter ließ ihm keine Wahl. Er wusste, dass sie spätestens zur Hochzeit ihre teure Kette tragen würde. Es war schon fast dunkel, als er ihre Wohnung betrat. Für den Notfall hatte er immer einen Schlüssel. Schließlich war er der einzige von seinen Brüdern, der regelmäßig nach ihr sah.

Jürgen hatte an Gift gedacht, aber er liebte seine Mutter. Irgendwie. Also sollte es möglichst schnell gehen. Als Friedhelm vor zwei Wochen immer von diesen Sprengstoffanleitungen im Internet erzählte hatte er nur mit einem Ohr zugehört, aber dann war er auf die Idee mit der Bombe gekommen. Viel Sprengstoff brauchte er nicht. Seine Mutter würde ja direkt neben ihrem Schmuckkästchen stehen, wenn sie es öffnete.

Jürgen kramt den gesamten Schmuck aus der Schatulle und stopfte ihn sich in die Tasche. Dann füllte er das Kästchen bis oben hin mit dem selbstgemischten Sprengstoff. Der Zünder bestand nur aus einer Batterie und einem Relais, das einen Funken erzeugte, wenn man den Deckel öffnete. Das war eine ganz schöne Fummelarbeit den Draht so zu spannen, dass er von außen nicht zu sehen war. Aber als Uhrmacher war er solche Filigranarbeiten gewöhnt.

Das alles hatte doch länger gedauert als gedacht. Seine Mutter müsste jeden Moment wiederkommen und es war fast dunkel draußen. Er beschloss die Wohnung durch den Keller zu verlassen, damit ihn niemand mehr sah.

Die Kellerstiege war steil, das wusste er. Sehen konnte man das nicht. Er machte sich doch besser Licht, um nicht zu fallen.

Als Jürgen das Licht einschaltete, bekam er den Schock seines Lebens. Es durchströmte seinen ganzen Körper und als die Funken erloschen fiel er vorn über in die Dunkelheit der Kellertreppe. Sein Genick hielt einer solchen Belastung natürlich auf Dauer nicht stand.

*

Friedhelm war leicht genervt. Der Carport war leer und von einer Explosion weit und breit keine Spur. Scheiß Japaner mit ihrem Kauderwelsch. Er hätte doch den Andi einweihen und um Rat fragen sollen, der war schließlich Elektriker. Aber Andreas konnte ihm jetzt nicht mehr helfen. Er lag im Koma auf der Intensivstation des Kreiskrankenhauses Heide. Es gab eigentlich keine Hoffnung mehr für ihn, nachdem er in einem Aldimarkt an der Kasse zusammengebrochen war und Blut gespuckt hatte. Vermutlich hatte ihn jemand vergiftet. Aber davon wusste Friedhelm natürlich nichts.

Endlich sah Friedhelm das vertraute Scheinwerferbild sich durch die Nacht schneiden. Er musste dringend, den Sprengsatz am Wagen seiner Mutter kontrollieren. Warum hatte das Ding nicht gezündet?

*

Wenn seine Mutter nicht wieder einfach ihre Pläne geändert hatte, was sie leider häufig tat, dann würde sich jetzt wohl tot auf dem Sofa liegen. Walter rangierte den Toyota vorsichtig unter den Carport. Er wusste wie sehr seine Mutter Beulen an Autos hasste. Dann schüttelte er den Kopf. Was war er doch für ein Idiot. Seine Mutter war tot. Kein Schwein scherte es, ob er mit dem Toyota aneckte oder nicht.

Kurzfristig war er versucht wieder ein Stück zurückzusetzen und den rechten Kotflügel am Pfosten des Carport zu reiben. Aber er war vernünftig. Er konnte ja nicht wissen, dass seine Mutter tot war. Walter atmete noch einmal tief durch, bevor er Schlüssel abzog und seine Mutter finden würde.

*

„Wow!“ entfuhr es Friedhelm. So gewaltig hatte er sich die Explosion gar nicht vorgestellt. Von dem Carport war nichts mehr zu sehen, seit seine Mutter ihre Reisschüssel dort mit der ihr eigenen Vorsicht abgestellt hatte.

Warum das Ding jetzt explodierte, als sie den Wagen abstellte und nicht als sie ihn gestartet hatte, war und blieb für Friedhelm ein Rätsel. Egal. Jetzt ging es darum ihre Kette zu holen, bevor die Nachbarn die Polizei gerufen hätten. Die Explosion war doch unüberhörbar gewesen.

Friedhelm beeilte sich selbst in voller Sorge die Polizei anzurufen. Gleichzeitig hastete er die Treppe hinauf, in das Schlafzimmer seiner Mutter und riss die Schmuckschatulle auf, um die Kette heraus zu holen.

*

Kommissar Bruhns war fassungslos. Vier Tote in drei Stunden. Alle aus einer Familie. Und alle auf unnatürliche Weise aus dem Leben geschieden.

„Das kriegen wir doch nie auf die Reihe“, monierte Kollege Haider. „Wir haben doch schon Schwierigkeiten mal einen Fall zu lösen und jetzt vier auf einmal?

Bruhns griff in die Manteltasche, fischte ein Antacidum aus der Packung und warf es ein.

„Vielleicht hängen die ja Fälle zusammen!“ sinnierte Haider und stimmte damit zu einem ersten kollegialen Brainstorming an.

Bruhns schüttelte den Kopf. „Ich glaube, das ist alles nur eine Frage der zeitlichen Abfolge und das wahre Opfer haben wir noch gar nicht gefunden.“

„Sie meinen es gibt noch einen fünften Toten?“ fragte Haider verblüfft.

„Das glaube ich kaum, Tim“, sagte Bruhns trocken und wusste, dass Haider jetzt völlig überfordert sein würde.

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