Karfreitag


Karfreitag war eindeutig schlimmer als Heilig Abend. Karfreitag war die Stammkneipe immer zu. Karfreitag war jede Kneipe in der Gegend zu. Karfreitag war halt zu. Henry war schon dankbar, dass wenigstens der Kiosk auf hatte. Vielleicht hatte den Persern niemand erklärt, warum heute alles zu war. Oder vielleicht doch. Der Perser an sich ist ja geschäftstüchtig. Und fleißig. Jedenfalls bekam er hier seinen Asbach.


Henry deckte sich vorsorglich mit Vorrat ein, soweit es eben seine Mittel zuließen. Das war nicht viel. Und es würde ihm nicht einmal über den Tag helfen. Keine Möglichkeit anschreiben zu lassen. Das hieß Entzug. Seine Abneigung gegen Katholiken erreichte an jedem Karfreitag seinen bedingungslosen Höhepunkt. Aber was half’s.



Es war noch nicht einmal 16:00 Uhr als sein Spiegel zu sinken begann. Nirgends eine Möglichkeit, was abzugreifen. Und so spendabel wie Weihnachten waren die Leute auch nicht. Karfreitag war Scheiße. Henry zog durch die Straßen, auf der Suche nach ein paar Euro, oder einer Möglichkeit irgendwie an seinen Schnaps zu kommen. Nichts. Selbst die türkischen Läden hatten zu. Die waren ja so was von assimiliert. Wo waren bloß die anderen Alkis an diesem Tag?



Henry war nicht gerade eine Leuchte, aber plötzlich ging ihm ein Licht auf. Die waren vermutlich in der Kirche. In der Kirche gab es doch wenigstens Wein, wenn man Glück hatte.


In der Ferne läuteten die Glocken zum Messwein fassen. Henry beeilte sich ein Gotteshaus in der Nähe zu finden. Wen ihm jemand gesagt hätte, dass der Tag kommen würde, an dem er sich auf die Suche nach Gott machen würde, hätte er ihn lauthals ausgelacht. Aber heute? Er hatte keine Ahnung, wann es den Wein gab? Vor dem Essen, zum Essen, nach dem Essen oder, wie bei ihm, anstatt des Essens? Egal. Keinesfalls wollte er die Gelegenheit verpassen.



Es war lange her, dass Henry eine Kirche betreten hatte. Fast wäre er zurückgeschreckt. So feierlich kam ihm das Gotteshaus vor. Es waren nur wenige Gäste da, aber die waren still in Gebete vertieft. Die bunten Fenster, der Altar, das ehrfürchtige Schreiten der Ministranten, das alles beeindruckte Henry. Für einen kurzen, ganz kurzen Moment geriet ihm sein erklärtes Lebensziel aus den Augen.


In der letzten Reihe drückte sich Henry auf die Bank, ganz am Rande, so dass er jederzeit fliehen könnte.


Bei allem Respekt, aber hier waren Menschen mit ernsthaften Angelegenheiten beschäftigt. Ganz so ernsthaft wie seine Angelegenheiten. Das spürte Henry instinktiv.


Dann begann der Gottesdienst. Henry war beeindruckt von der Kraft der vielleicht 25 Kehlen, die den Herrn priesen und dem Dröhnen der Orgelpfeifen eine Stimme verliehen. Für eine kurze Zeit vergaß er sogar, warum er hier war. Er vertiefte seinen Blick in die Ornamentik der bunten Glasfenster, durch die das Draußen drang, aber dem Hiersein irgendwie nichts anhaben zu können schien. Es war verwirrend.


Das monotone Beten um ihn herum, wiegte ihn in falscher Geborgenheit und vergaß die Zeit. Er spürte den Druck nach dem nächsten Schluck nicht mehr. Sah keine Notwenigkeit sich jetzt zu betäuben und begriff die Menschen neben sich auf den Bänken plötzlich als Suchende. Ganz so wie er. Das waren seine Brüder, Menschen wie er, die auf der Suche nach dem Sinn, dem Festhalten an irgendetwas, so dass man nicht fiele. Sie hatten sich hier versammelt, um gemeinsam stark zu sein. Auch Henry wollte in diesem Moment stark sein.


Karfreitag! Das hatte er ganz falsch gesehen. Karfreitag war der Tag, an dem alle Menschen Brüder werden konnten, wenn sie nur bereit dazu waren. Und Henry? Henry war bereit. Jetzt war er bereit.


Als zum letzten Abendmahl gerufen wurde, begriff Henry, weshalb gerade Wein das Blut Christi war. Eigentlich hatte er es schon immer gewusst, hatte sich daran berauscht, hatte immer gewusst, dass es die Vergebung im eigentlichen Sinne war. Die Vergebung für die Schmerzen, das Leiden und den unausweichlichen Tod.


Henry wunderte sich über sich selbst, aber er folgte der Prozession zum Altar mit gemessenen Schritten. Noch vor einer Stunde wäre er gerannt, hätte versucht sich vorzudrängeln, um möglichst schnell an seinen Stoff zu kommen. Aber das war jetzt anders. Sie alle brauchten das Blut Christi. Sie alle waren gleich. Sie brauchten die Vergebung.


Als Henry endlich an der Reihe war, das Blut Jesu Christi zu empfangen, fühlte er sich als Teil einer großen Gemeinschaft von Suchenden. Er nahm einen Schluck aus dem Kelch und war verblüfft.


Dieser Wein schmeckte ganz anders, als der billige Fusel von Lidl. Viel fruchtiger, er hatte so eine unschuldige Note im Abgang. Schlagartig wurde ihm klar, dass er Traubensaft und keinen Wein getrunken hatte. Er spürte, wie sich sein Magen weigerte den Betrug hinzunehmen. Gern hätte er seine Brüder gewarnt, aber sein Magen weigerte sich dieses Blut Christi zu akzeptieren.


Die meisten Brüder und Schwestern schauten betreten beiseite, als er das Blut des Erlösers in einem heftigen Schwall in Richtung Altar abrupt wieder von sich gab.


„Mein Sohn!“ sprach ihn der Pastor an. „Gräme dich nicht, wir alle sind schweren Prüfungen unterworfen.“


Dann nahm ihn der Geistliche am Arm und geleitete zur ersten Bank. „Setzt dich. Auch dein Problem wird hier verstanden. Folge dem Gottesdienst und kümmere dich nicht. Wir werden dir helfen! Hab Vertrauen in Gott.“


Trotz allem was Henry in seinem Leben hinter sich gebracht hatte, war ihm das Kotzen auf die Stufen des Altars peinlich. Obwohl ihm lange nichts mehr peinlich gewesen ist. Das hier war es. Er schaute stur zu Boden, zählte die Steinfliesen, die vor 200 Jahren von Menschenhand einzeln hier zusammengefügt worden waren und dachte nach.


Warum sollte er den Blick gesenkt halten. Er hatte nichts getan.


Also sah er auf. Er sah auf den Gekreuzigten. Den, der den Wein für sie vergossen hatte. Nur damit jemand wie er leben konnte. Jetzt schämte Henry sich erst recht, dem Herrn sein Blut wieder vor die Füße gespuckt zu haben. Wer war er, sich derart gehen zu lassen? Ein Zitat schoss ihm durch den Kopf. Von Elvis Presley vermutete er. „Frag nicht was Gott für dich tut, frag was du für deinen Gott tun kannst!“


Seit Jahren war Henry nicht mehr in den Sinn gekommen, dass auch er Verantwortung für sein Leben trug und nicht nur für seins. Für alles Leben auf dieser Erde. Und es gab keine Ausrede. Es gab immer etwas, was man tun konnte.


Wozu brauchte er Alkohol? Er sah dem Erlöser direkt ins Gesicht. Es waren die Züge seines eigenen Leidens, die da sah. Aber er sah auch das Strahlen, das ihm vorher gar nicht aufgefallen war. Die Kraft, die aus der Bereitschaft zum Opfer sein kam. Opfer war man nur solange, wie man nichts selber tat. Sich nicht selber opferte.


Henry stand mitten im Gesang auf. Er kannte den Text nicht, summte aber mit so gut er eben konnte. Dann ging er auf den Pfarrer zu, der mit erhobenen Händen vor dem Altar stand und schüttelte ihm die Hand.


„Danke!“ sagte Henry in Tonfall tiefster Überzeugung. „Ich weiß jetzt, was zu tun ist.“


Und während Henry aufrechten Blickes die Kirche verließ freute sich der Mann Gottes wieder einem verlorenen Schaf den Weg gewiesen zu haben.


Epilog:

Bei der Zeugenvernehmung waren sich alle sicher. Den Fahrer der U-Bahn Linie 3 traf keine Schuld. Der Penner war mit weit ausgebreiteten Armen auf den U-Bahngleisen dem Zug entgegen gegangen. Die Zeugen vom Bahnsteig sagten aus, er habe „Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird!“ gerufen.


Was das sollte konnte keiner so genau sagen, auch die Schmiererei an der Tunnelwand „Elvis has just left the Building“ ergab keinerlei Sinn. Vermutlich war der Obdachlose einfach nur hoffnungslos Betrunken. Diese armen Schweine. Ausgerechnet Karfreitag müssen diese wirren Geister immer wieder ausrasten. Als wenn es nicht schlimm genug wäre, dass wir an diesem Tage schon den Heiland verloren haben.