Diese dumme Maske


Nur gut, dass gleich gegenüber der kleinen Sparkassenfiliale ein Kaufhaus war. Norbert musste noch etwas besorgen. Irritiert stand er vor dem Regal mit den Nylonstrümpfen. Unüberschaubar war die Fülle der Farbtöne, unverständlich die Größenangaben. Doch was machte er sich großartig Gedanken? Er griff nach einem Paket mit einem dunkelbeigen Ton. Eins, zwei oder drei. Drei war wohl die größte Größe. Damit konnte er nichts falsch machen. Dann entdeckte er den kleinen Aufkleber ›halterlos‹. Er betastete die Packung. Richtig, das waren die mit dem Gummistreifen oben am Rand. Nein, die wollte er nicht, die würde er wohl auch nicht über den Kopf kriegen, oder sie würden ihm die Luft abschnüren. Wer weiß? Und das alles, weil seine Frau nur Strumpfhosen trug. Er hatte es gestern schon ausprobiert, mit einer Strumpfhose, aber die langen Beinenden beiderseits am Kopf sahen einfach zu lächerlich aus, wie ein Osterhase auf der Flucht. Außerdem irritierten sie ihn, wenn er den Kopf hin- und herwendete. Schlechte Zeiten für Bankräuber, wenn es mal nur noch Strumpfhosen geben würde. Aus dem Regal neben ihm ergriff er eine andere Packung, wieder Größe drei, ähnlicher Farbton, aber nicht halterlos, darauf hatte er jetzt geachtet.

„Dafür brauchen Sie aber einen Strumpfhalter“, quäkte die Kassiererin als er bezahlte. „Damit wissen Sie Bescheid, ja?“

Nein, Norbert brauchte keinen Strumpfhalter dafür, aber das musste er der Kassiererin nicht auf die Nase binden. Überhaupt brauchte er eigentlich nur einen Strumpf, vielleicht sollte er mal darüber mit ihr diskutieren. Von wegen halber Preis in schlechten Zeiten wie dieser und so.

„Sonst nehmen Sie lieber die, wo ›halterlos‹ draufsteht, falls Ihre Frau keine …“

„… danke, könnte ich jetzt bitte dieses Paar Strümpfe kaufen“, würgte Norbert die deplatzierte Hilfsbereitschaft der Kassiererin ab.

„Ich meine es ja nur …“

„… nochmals danke“, erwidert Norbert barsch, nahm sein Wechselgeld und verließ das Kaufhaus auf dem schnellsten Weg. Es war das erste Mal, dass Norbert eine Bank überfallen wollte, bislang hatte er sich mit kleineren Einbrüchen über Wasser gehalten. Aber der Preisverfall hatte auch vor den Hehlern nicht Halt gemacht.

Norbert kam gerade noch rechtzeitig, bevor die Filiale schloss. Kurz bevor er den Schalterraum betrat, streifte er sich mühsam den neu erworbenen Strumpf über. Den anderen hatte er nach der Anprobe im Park neben der Sparkasse mitsamt Verpackung in die Mülltonne geworfen. Sein Plan war nicht neu, aber er war auch kein Künstler oder Erfinder. Dem ersten Kunden in der Schlange vor der Kasse hielt er seine Walther PPK an den Kopf und brüllte:

„Überfall, alle hinlegen!“ Dann an den Kassierer gewandt: „Mach das hier voll, oder ich leg den hier um!“

Norbert schob mit der freien Hand die Plastiktüte durch den Schlitz am Kassenschalter.

Alles verlief wie am Schnürchen, wahrscheinlich hatte längst jemand den Alarm ausgelöst, doch das war Norbert egal. Es blieben ihm 90 Sekunden, dann musste er verschwinden. Der Kassierer hatte die Tüte schnell gefüllt. Doch die Tüte mit dem Geld passte nicht durch den Ausgabeschlitz. Verdammt, daran hatte er nicht gedacht.

„Los bring sie mir raus!“ Doch der Kassierer schüttelte den Kopf. Jetzt lief die Zeit ab. Das Panzerglas ging bis hinauf zur Decke! So was Blödes!

„Komm raus oder ich schieße!“ versuchte Norbert es noch einmal.

Der Kassierer überlegte viel zu lange. An Norberts Handgelenk piepte die Uhr. Die 90 Sekunden seit Betreten der Bank waren um. Jetzt musste Norbert hier raus, sonst würden sie ihn erwischen. Er steckte die Pistole ein und rannte aus der Bank. Auch wenn dies sein erster Versuch gewesen war, mit solch einem Fiasko hatte er nicht gerechnet. Nicht einen Pfennig hatte er erbeutet. Norbert war wütend über seinen kleinen Denkfehler.

Gott sei Dank war sein Fluchtweg gut geplant. Bis zur Bushaltestelle waren es nur 200 Meter und der Bus würde in genau einer Minute kommen. Im Bus wäre er in Sicherheit. Norbert hastete um die Ecke und ging dann schnell, aber ruhig und zielstrebig die Straße hinunter. Er durfte jetzt nicht auffallen. Doch alle Passanten schienen ihn anzustarren. Das kannte er von seinen Einbrüchen. Wenn er nach Hause ging, hatte er das gleiche Gefühl. Alle starrten ihn an. Eine Täter-Paranoia nannten das die Psychologen. Er hatte darüber gelesen. Und heute hatte es ihn ganz besonders erwischt. Nein wirklich! Alle schienen ihn anzuglotzen und zu beobachten.

Aber Norbert war sicher, dass er sich das nur einbildete. Sonst arbeitete er ja nicht am helllichten Tag, kein Wunder, dass er heute sich mehr verfolgt fühlte als sonst.

Sein Plan ging auf. Er erwischte den Bus, musste sogar die letzten Meter laufen, um ihn zu kriegen. Der Busfahrer betrachtete ihn skeptisch und winkte ihn durch, nachdem Norbert ihm seine Monatskarte vorgezeigt hatte. So, nun war alles in Ordnung.

Als der Bus die nächste Haltestelle anfuhr, standen dort jede Menge Polizisten, die sofort in den Bus stürmten und Norbert Sekunden später mit der Waffe im Anschlag gegenüberstanden. Als sie ihn festnahmen, verstand er die Welt nicht mehr. Der Kommissar bedankte sich bei dem Busfahrer, der die Beamten über Funk gerufen hatte. Wieso hatte der Mann die Polizei gerufen? Er konnte doch gar nicht wissen, dass Norbert gerade versucht hatte, eine Bank auszurauben!

„So, ich glaube, Sie können diese alberne Strumpfmaske jetzt abnehmen, oder?“ sagte der Kommissar, als er neben Norbert trat.

Norbert griff sich mit gefesselten Händen an den Kopf und richtig, er hatte in der Eile vergessen, die dusselige Maske herunterzuziehen. Von wegen: ›Täter-Paranoia‹, die Leute hatten ihn wirklich alle angeglotzt. Aber das war entschieden sein letzter Fehler für heute und wahrscheinlich auch für ziemlich lange Zeit.

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