Salino & die Furien

Kapitel 8

Bruhns und Nielson hatten die ganze Nacht geschuftet. So viele Übernachtungsmöglichkeiten gab es hier nicht. Das war eher eine Kleinstadt. Aber die Ermittlungen arteten in Fußarbeit aus. Der Inspektor und er mussten jede Übernachtungsmöglichkeit abklappern und Einsicht in die Bücher nehmen. Die Schotten waren ein ungemein stures Volk. Nicht einmal Nielsons Ausweis brachte die Wirte dazu, ihm Einblick in die Gästeliste zu geben. Bei jedem zweiten Wirt bedurfte es der Hilfe eines örtlichen Kollegen, der dem Wirt bekannt war.

„Das ist Schottland, nicht England“, entschuldigte sich Nielson immer wieder mit einem spöttischen Achselzucken. „Die hassen hier englische Beamte.“

Besonders genervt war Bruhns, als sie die Gästeliste des Millwood Houses einsehen wollten. Der Wirt weigerte sich beharrlich. Über eine viertel Stunde brauchten sie, um ihn weich zu kriegen. Dann aber stellte sich heraus, dass in den immerhin drei möglichen Gästezimmern nicht ein einziger Gast war. Für das gehässige Lachen, das der Wirt den Beamten nachwarf, hätte Bruhns ihm in Deutschland die Gewerbeaufsicht auf den Hals gehetzt.

„Das ist Schottland, nicht Deutschland“, sagte er zischend zu Nielson. Nielson lachte. Kein Wunder, dass die Briten so einen eigenwilligen Humor hatten. Den brauchten sie hier auch. Bruhns überlegte, ob der den Kollegen um eine Magentablette bitten sollte. Sein Vorrat ging langsam zu Ende und es würde ihn nicht wundern, wenn Nielson damit gut versorgt war. Britische Apothekenpreise wollte Bruhns lieber nicht kennenlernen.

Haider schlief auf dem Rücksitz des Dienstwagens. Diese Fragerei war ihm einfach zu langweilig. Außerdem verstand er nur die Hälfte. Es war weit nach Mitternacht, als Bruhns endlich fündig wurde. Sie waren jetzt fast durch mit den ganzen Hotels und Pensionen, als Bruhns Finger auf dem Namen von Boeder innehielt. Leider war der Erfolg nicht hundertprozentig, denn es handelte sich keineswegs um den gesuchten Frederik von Boeder, sondern um seine Frau Charlotte. Wenn das kein Zufall war?

Aber es kam noch besser. Dieses Gästebuch las sich wie sein persönliches Adressbuch. Frau Winter, Frau Weppert und Frau Bönning, was, wenn er sich richtig erinnerte, der Name von Frau Wepperts Hausangestellter war. Ach, und dann noch Michael Mertens, der junge Mann, der Zeuge bei der Ermordung dieses Lehrers war. Das war nun doch ein bisschen dick alles.

Bruhns überlegte, ob er die Bagage jetzt gleich aus den Betten klingeln sollte. Eigentlich lag gegen keinen der Anwesenden etwas vor. Ärger hatte er schon genug am Hals. Und da die alle bestimmt nicht zufällig hier waren, witterte er eine heiße Spur. Nein, er würde diese Leute nicht verschrecken. Er beschloss, weiterhin auf gute alte Polizeiarbeit zu setzen. Bruhns informierte Nielson. Eine Übernachtung im Auto war für einen guten Polizisten nichts Ungewöhnliches. Haider schlief ja eh schon. Nielson und er entschieden sich die Schichten zu teilen. Haider wollten sie beide nicht mit der Observation betrauen. Sie waren sich einig, dass es am besten sei, ihn einfach schlafen zu lassen.

*

Es war gar nicht so leicht gewesen, Frederiks Leiche loszuwerden. In seinem Haus fand sich nichts, was annähernd schwer genug war, um eine Leiche dauerhaft unter Wasser zu halten. Schließlich hatte Frank seinen Rasenmäher geopfert.

Auch die Erdbeeren im Garten mussten dran glauben. Webermann brauchte die Plane, um die Leiche darin einzuwickeln. Dann war alles recht glatt gegangen. Erst sah es so aus, als ob der Rasenmäher doch nicht schwer genug war. Doch nach ein paar Minuten Blubbern war die Leiche untergegangen. Frank hatte heiß gebadet und sich ordentlich abschrubbt. Schwächen durfte er sich jetzt nicht erlauben, aber sein Alltagsgeschäft war das Töten nicht und das würde es wohl auch nicht werden.

Den Wecker hatte er auf 5 Uhr gestellt. Um halb sieben würde er seinen Kontaktmann vom Mossad treffen. Er frühstückte reichlich und trank zwei Tassen Tee. Bei diesem Treffen musste er hellwach sein. Noch bestand eine geringe Möglichkeit, dass der Mossad ihn linken wollte. Obwohl er nicht daran glaubte, kontrollierte er seine alte Walther P9. Er hatte sich bestens auf die Übergabe vorbereitet.

Webermann trank den letzten Schluck Tee, zog seine Jacke fest, denn draußen war es so früh noch ziemlich frisch. Vor allem in den Ruinen von Urquhart Castle. Aber zu dieser Zeit war es dort auch noch einsamer als sonst. Die Ruinen konnten ihm im Ernstfall gute Deckung bieten. Nach Möglichkeit wollte er als erster dort sein, um die Gegend zu erkunden. Wenn die Gegenseite ihm eine Falle stellte, hatte er eine gute Chance, ihr zu entgehen.

*

Salino wachte viel zu früh auf. Es war erst halb sechs. Aber im Nebenzimmer hatte ein Telefon geklingelt. Das war das Einzelzimmer. Salino wollte sich umdrehen und weiterschlafen. Aber auf der anderen Seite der offenbar recht dünnen Wand, wurde laut und ausländisch diskutiert.

Salino hatte keine Ahnung, welche Sprache das war, aber es war eindeutig mehr als eine Person in dem Zimmer. Salino hatte so schon Schwierigkeiten wieder einzuschlafen, wenn er erst einmal aufgewacht war. Aber bei dem Theater im Nebenzimmer war das ein aussichtsloses Unterfangen. Leise stand er auf und schlich zur Tür. Auf dem Flur war alles ruhig. Er trat hinaus und sah zu der Tür des Nebenzimmers. Da war Licht. Vorsichtig arbeitete er sich zur Tür und schaute durchs Schlüsselloch. Zwei halbbekleidete Männer diskutierten lautstark und zogen sich dabei an. Beide hatten frische Verbände um den Oberkörper. Es bedurfte keiner großen Überlegung, wen er da vor sich hatte.

Schnell sah er zu, dass er wieder in sein eigenes Zimmer kam. Er musste die anderen wecken! Da kam doch etwas in Gang! Salino trat an Frau Wepperts Bett und rüttelte sie an der Schulter.

„Hey!“ flüsterte er.

Frau Weppert knurrte nur.

„Hey, hey aufwachen.“

Frau Weppert knurrte nochmal und schlang den Arm um seinen Hals. „Na gut, kannst in meinem Bett schlafen.“

Salino zog den Kopf erschreckt zurück.

„Hey!“ rief er laut und zog den Kopf aus der Schlinge. Nun war Frau Weppert wach.

„Was fällt dir ein!“ fuhr sie ihn an.

„Pssst!“

„Was …“

„Psst!“ machte Salino noch einmal. „Da drüben sind die Araber!“ Salino zeigte auf die Wand zum Nachbarzimmer. „Da ist irgendwas los.“

Frau Weppert lauschte.

„Welche Araber?“

„Die bei Frau von Boeder aufgetaucht sind“, erklärte Salino.

Sie schlug energisch die Bettdecke zurück, richtete sich auf und lauschte. Es war nicht besonders hell hier. Aber Salino wich ein gutes Stück zurück, als er den BH sah. Vielleicht war es auch eine Art Hemd, jedenfalls ging die Brustpanzerung bis zum Bauchnabel. Bestimmt war das auch notwendig, um die Stützarbeit zu leisten, die Frau Wepperts gewaltige Brüste wie zwei leicht gestauchte Schultüten aussehen ließ.

„Geh die anderen wecken!“ zischte Frau Weppert, die plötzlich hellwach war. „Mach schon.“

Salino riss seinen Blick von dem technischen Wunderwerk modischer Ingenieurskunst los und verließ das Zimmer. Bestimmt waren es prämierte Brückenbauingenieure, die für solche Arbeiten von Bekleidungsherstellern abgeworben wurden.

Die anderen hatten einen weniger tiefen Schlaf. Es genügte ein Türklopfen und jemand antwortete. Salino erklärte nicht viel, sondern rief einfach nur: „Wir müssen los, schnell!“

Offenbar gaben sich alle damit zufrieden.

„Was machen wir jetzt?“ fragte Salino, als er wieder in seinem Zimmer war. Frau Weppert stand gestiefelt und gespornt da und lauschte.

„Kommt darauf an, was die machen!“ erklärte Frau Weppert.

Fünf Minuten später klingelte erneut das Telefon. Gerade waren Monika, Franziska und Frau von Boeder in Salinos Zimmer eingetroffen. Alle lauschten gespannt, aber von drüben war nur ein wildes Gezeter zu hören.

„Die hauen ab!“ sagte Frau Weppert plötzlich. Und richtig, auf dem Flur waren laute, schwere Schritte zu hören. Dann polterten zwei Männer die Treppe hinunter. Salino dachte noch über die Spesensätze der Araber nach. Warum sollten die sich wohl ein Einbettzimmer teilen, wenn noch Doppel- und Familienzimmer frei waren.

„Hinterher!“ trompetete Frau Weppert und es klang wie das Signal zur Fuchsjagd.

Unten krachte die Haustür. Wer auch immer noch in diesem Haus wohnte, jetzt war er wach. Die beiden Doggen nahmen die Treppe eindeutig am elegantesten und leisesten. An der Haustür hielt Frau Weppert, die voraus gelaufen war sie auf. Sie schaute durch die kleine Butzenscheibe nach draußen. Die beiden Araber standen unschlüssig auf der Straße herum. Dann hielt plötzlich ein Wagen mit quietschenden Reifen. Die Araber sprangen hinein.

„Los jetzt!“ kommandierte Frau Weppert.

Sie alle rannten zu ihren Wagen, die rechts und links von der Rostlaube mit den beschlagenen Scheiben standen. Als Frau Weppert das Gaspedal des Rovers völlig durchtrat, sah Salino gerade noch, wie eine Hand in dem parkenden Wagen die Scheiben reinigte.

*

„Was zum Henker ist denn das?“ fluchte Bruhns.

Nielson hatte ihn geweckt und auf die beiden Araber die vor Felstead Guest House standen hingewiesen. Bruhns hatte sich eben den Schlaf aus den Augen gewischt, als die Kerle auch schon in einen Mini Cooper sprangen und davon rasten. Verwirrt sah Bruhns ihnen nach.

Gleich darauf wurden hinter und vor seinem Wagen die Motoren gestartet. Bruhns wischte mit der Hand die beschlagene Scheibe frei. Das waren sie! Sie flohen! Zumindest aber hatten sie es verdammt eilig.

„Hinterher!“ befahl Bruhns.

Er hatte vergessen, dass es nicht Haider war, der da neben ihm saß. Nielson hatte den Motor längst gestartet. Aber er kam mit der Revolverschaltung des alten Renaults nicht klar und würgte den Motor ab.

„Ein Geschenk aus Frankreich“, sagte er entschuldigend. „Internationale Zusammenarbeit.“

Beim zweiten Versuch klappte es besser. Als Polizeiwagen war ein R4 denkbar ungeeignet. Aber Gott sei Dank war um diese Uhrzeit auf den Straßen von Inverness nicht viel los. Trotzdem fand Bruhns die Kurvenlage des Wagens bedrohlich. Die Engländer schienen eine unheilvolle Affinität zum Schaukeln zu haben. Selbst Haider wurde von dem Schwanken wach.

„Kann die Karre nicht schneller“, schimpfte Bruhns. Die anderen waren schon fast außer Sicht.

„Wenn ich die Kollegen richtig verstanden habe, fährt den Wagen normalerweise die Gemeindeschwester“, erklärte Nielson.

„Lassen Sie mich raten“, scherzte Bruhns. „Weil der Wagen für Verfolgungsjagden denkbar ungeeignet ist.“

„Nein, eigentlich, weil sein Spritverbrauch so hoch ist.“

„Ach!“ sagte Bruhns ehrlich erstaunt.

„Und so zahlt’s die Kirche!“

„Warum verschrotten die die Karre dann nicht?“

Nielson sah Bruhns zweifelnd an.

„Weil die Verschrottungsgebühr von der Kirche nicht übernommen wird“, beantwortete sich Bruhns die Frage selbst.

„Der Wagen ist ein Politikum“, gab Nielson belustigt zu und trat voll in die Eisen. Der Wagen der Araber war links ran gefahren und hatte gehalten. Die beiden Verfolger mit gebührendem Abstand hatten dasselbe getan, also hielt auch Nielson überrascht an.

„Und nun?“ fragte Bruhns.

„Da ist ein Hotel“, bemerkte Haider. „Gleich da drüben. Da kriegen wir sicher was zum Frühstück.“

Bruhns sah zum Craigmonie Hotel hinüber.

„Soll ich gehen, Chef?“

Haider hatte die Türklinke schon in der Hand.

„Bleib sitzen Haider!“ schnauzte Bruhns.

Da drüben auf dem Parkplatz tat sich was. Noch ein Araber stieg in einen Wagen und fuhr los. Fasziniert beobachtete Bruhns, wie sich der ganze Zug Stück für Stück wieder in Bewegung setzte. Erst nahmen die beiden Araber die Verfolgung auf. Denen folgten folgte der Wagen von Frau Weppert und dann der mit Frau von Boeder. Mit geringem Abstand, wegen unterlegener Motorleistung folgte dann Nielson. Der Mann war gut. Bruhns brauchte ihm keine Anweisungen geben. Der wusste, was zu tun war.

Plötzlich zeigte ein ausgestreckter Arm zwischen Bruhns und Nielson nach vorn auf die Windschutzscheibe. „Folgen Sie dieser Autoschlange!“ kreischte Haider vom Rücksitz und ließ sich schenkelschlagend zurück auf den Sitz fallen.

Bruhns sagte nichts und spendierte eine Runde Maaloxan. Nielson sah kurz auf die Packung und nahm dankend an. Nielson war ein echter Partner.

*

Es war wirklich verdammt kalt. Nebelschwaden zogen vom Loch Ness zu den Überresten von Urquhart Castle herauf. Die beiden höchsten Turmruinen schauten wie Fangzähne aus der Suppe. Von hier oben konnte Webermann über Nebel hinwegsehen. Das war eine fantastische Aussicht. Es wäre der geeignete Augenblick für Nessie, den Kopf aus Wasser zu strecken und einen tiefen, röhrenden Ruf auszustoßen. Webermann hatte eine Ader für Romantik. Aber nicht jetzt. Er sah zum Parkplatz hinüber. Kein Wagen in Sicht. Er war wohl wie geplant der erste.

Langsam stieg Webermann den Hügel herab. Er tauchte in den Nebel ein und ging auf dem breiten asphaltierten Weg, der für Touristen gebaut worden war durch das westliche, noch einigermaßen erhaltene Tor. Dann hielt er sich links, wo eine kleine Hügelkuppe war. Das war der ideale Ort. Wenn etwas schief ging, konnte er gleich hinunter zu dem großen Turm fliehen. Von dort am Seeufer entlang zu seinem Wagen. Den hatte er nämlich klugerweise nicht auf dem Touristenparkplatz abgestellt.

„Webermann!“ rief eine Stimme aus dem Nebel, als er gerade den Hügel erklommen hatte. Offensichtlich war er nicht der einzige, der seinen Wagen woanders geparkt hatte.
Aus dem Nebel am Fuß des Turmes traten zwei Gestalten hervor. Der Mann trug in der Hand einen Koffer.

„Ich dachte, Sie sind allein?“ rief Webermann zurück.

Noch machte er sich aber keine Sorgen. So etwas hatte er erwartet. Es war nur eine Frau, die sich mit geschmeidigen, fast katzenartigen Bewegung neben dem Mann mit dem Geldkoffer her bewegte.

„Zuviel Geld“, rief der Mann zurück. „Das verlangt nach etwas Sicherheit.“

„Ich habe die Ware“, rief Webermann und hielt den Koffer hoch.

„Gut, gut.“

Die beiden waren jetzt bis auf zehn Meter an Webermann herangekommen. Bis hierher war alles klar. Webermann hatte gedacht, man tauschte die Koffer einfach aus. Weiter hatte er darüber noch nicht nachgedacht. Aber jetzt sagte ihm eine Stimme tief drinnen, dass er in keinem Fall näher an die beiden da drüben herangehen sollte.

„Stellen Sie den Koffer dort ab und gehen Sie zehn Schritte zurück!“ forderte Webermann sein Gegenüber auf.

Der Fremde schnalzte nur mit der Zunge.

„Nicht doch, nicht doch! Sie müssen sich noch einen Moment gedulden, bis wir vollzählig sind.“

Webermann fühlte Panik. Was meinte der Mann mit vollzählig? Wer kam denn noch und warum? Vorsorglich umfasste er seine Walther in der Jackentasche etwas fester und entsicherte sie. Webermann versuchte sich umzusehen, ohne die beiden dabei aus den Augen zu lassen.

An dem Abhang, wo es zum Parkplatz ging waren Schritte zu hören. Kurz darauf war ein Mann zu sehen. Er trug einen Koffer in der Hand, sah sich kurz um und kam dann auf den Hügel zu. Das gefiel Webermann gar nicht. Er nahm die Waffe aus der Tasche und hielt sie hinter seinem Rücken verborgen. Der Mann war Yuissep al Fasah. Er stand jetzt vielleicht acht Meter neben ihm und Webermann konnte ihn deutlich erkennen. Die drei Männer mit den Koffern bildeten ein Dreieck.

„Ich brauche Sie wohl einander nicht vorzustellen“, rief der Käufer zu Webermann hinüber. „Das ist sozusagen unser Mann aus Istanbul.“

Für dumme Witze hatte Webermann im Moment rein gar nichts übrig.

„Was soll das?“

„Ganz ruhig. Es ist Ihnen doch sicher klar, dass der Inhalt dieses Koffers nur an den Überbringer der vollständigen Waffe geht. Nun, die beiden Komponenten sind hier. Sie haben die Zünder und Yuissep die Chemikalien. Wie sie sich einigen, meine Herren, bleibt Ihnen selbst überlassen! Sie können sich das Geld teilen …“

Webermann warf einen hektischen Blick nach rechts, wo Yuissep stand. Yuissep hatte bereits den Arm gehoben und zielte auf Webermann. Ganz offensichtlich dachte der Araber gar nicht daran zu teilen.

*

Bruhns hasste es, wenn er nicht durchblickte. Und von hier aus blickte er so gar nicht durch. Er lag im frostigen Gras hinter einem Gebüsch und starrte auf eine kleine Anhebung inmitten einer schottischen Schlossruine. Was ging da unten vor sich? Wer war dieser Araber und was machten diese drei anderen Araber, die sich etwa vierzig Meter von ihm entfernt hinter dem gleichen Wall versteckten, wie er selbst? Und was wollte die Weppert hier? Die Gruppe um Frau Weppert hatte Position in der Mitte des Walls bezogen. Und dann waren da noch ein Kerl mit einem Koffer und eine Frau. Den einzigen Menschen, den Bruhns überhaupt erkannte, war Schlottau. Er stand dicht neben dieser Frau und sprach mit den beiden anderen.

Bruhns konnte nicht verstehen, worum es ging, aber der Araber zog plötzlich eine Waffe und schoss auf den anderen mit dem Koffer. Egal was da vor sich ging, es war höchste Zeit, einzuschreiten. Bruhns griff nach seiner Waffe. Er griff ins Leere. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er seine Waffe abgegeben hatte. Das Tragen von Waffen in Flugzeugen war verboten. Es sei denn, man gehörte einer Bundesbehörde an.

„Was sollen wir tun?“ fragte Nielson. Er hatte seine Waffe gezogen und wartete auf gute Vorschläge.

Da unten spitzte sich die Situation zu. Der Araber hatte vorbeigeschossen und der andere Mann war in Deckung gesprungen. Er schoss zurück und der Araber flüchtete mit einem der Koffer den Hügel hinunter. Jetzt stürmten von der anderen Seite die drei Araber herunter. Auch sie schossen. Es war nicht ganz klar, auf wen eigentlich. Egal, dachte Bruhns, wenn sie Schlottau nicht zur Hilfe eilten, würde der Kerl den ganzen Erfolg für sich verbuchen.

„Sie bleiben in Deckung“, kommandierte Salino. Noch hatten sie die beiden Pistolen, die sie den Arabern abgenommen hatte. Salino nahm die eine und Frau Weppert die andere. Langsam schob Salino sich auf dem Bauch nach vorn über den Wall. Da unten war eine wilde Schießerei losgebrochen. Hinten am Turm saß dieser üble BND-Typ fest.

„Da ist Webermann“, rief Frau Weppert Salino zu.

Sie zeigte auf das westliche Tor, wo sich einer der Männer mit einem Koffer verschanzt hatte. Das war Salinos Ziel.

Die Araber waren den Wall hinunter gestürmt und hatten sich dann doch besser wieder in Deckung begeben. Sie riefen unverständliches Zeug, das al Fasah wohl weniger gefiel. Denn er verschoss ein ganzes Magazin in ihre Richtung.

„Ich hole mir diesen Webermann“, teilte Frau von Boeder mit. Ihre Hunde liefen ein Stück zurück und fingen an, geschickt um den Wall herum zu robben. Frau von Boeder folgte ihnen in einer weniger elegant gebückten Haltung. Salino, Frau Weppert und Monika robbten auf die Araber zu. Mit denen waren sie schließlich schon einmal fertig geworden.

Bruhns musste tatenlos mit ansehen, was dort vor sich ging. Jetzt robbten auch noch die verrückte Weppert und ihre Sippschaft da den Wall hinunter. Waren die denn alle verrückt? Da wurde geschossen! Haider schaute zu seinem Chef hinüber. Er hatte wohl Lust, aktiv zu werden.

„Wir bleiben in Deckung“, zischte Bruhns. „Zumindest bis sich geklärt hat, wer hier gegen wen ist.“

Haider und Nielson waren nicht dieser Meinung. Sie begannen sich langsam nach links auf das West-Tor vorzuarbeiten. Bruhns fluchte und folgte ihnen.

Al Fasah hatte sein Magazin schneller gewechselt als die drei Araber vor ihm vermutet hatten. Diesmal zielte er sorgfältiger. Einer der heranstürmenden Araber ging getroffen zu Boden. Die anderen beiden warfen sich schnell wieder in Deckung.

Salino war jetzt nur noch 15 Meter von der Gruppe entfernt. Von hier aus konnte er die beiden leicht erledigen. Er zielte und drückte ab. Nein, er drückte nicht ab. Er zielte immer noch. Sein Finger musste eingefroren sein. Salino befahl dem Finger, den Abzug zu betätigen, aber der Finger gehorchte ihm nicht. Frau Weppert lag gleich neben ihm. Sie zielte ebenfalls. Aber sie drückte auch ab. Einen der Araber erwischte es am Bein. Die beiden schauten irritiert zu Salino herüber. Dann rollten sie schnell etwas weiter über den Fußweg hinweg in die Büsche. Dort waren sie kein so leichtes Ziel mehr.

Salino sah sich um. In ihrem Rücken war das West-Tor. Da stand Webermann. Er hätte sie leicht von dort aus erledigen können. Aber das tat er nicht. Er schoss lieber Richtung Turm, wo Schlottau in Deckung gegangen war.

Gut, von dem war also nichts zu befürchten. Al Fasah lag in einer Kuhle direkt vor ihnen. Seine erste Sorge galt wohl den Arabern. Er war sowohl vor ihnen, als auch vor Salino gut gedeckt. Nicht aber vor der katzengleichen Gestalt, die gerade mit behänden Schritten den Hang hinter ihm herunter schlich. Salino erkannte sie sofort.

„Das ist sie“, rief er Frau Weppert zu und schoss mehrfach in ihre Richtung. Frau Weppert war seinem Blick gefolgt und schoss ebenfalls.

Nielson und Bruhns hatte sich an der Mauer des West-Tores entlang geschlichen. Der Schütze stand unter dem Torbogen. Er war zum Greifen nahe.

„Polizei!“ brüllte Haider los. „Legen Sie die Waffe weg und kommen Sie mit erhobenen Händen heraus.“

Bruhns blieb nicht einmal mehr die Zeit zu denken, dass Haider ein lebensmüder Vollidiot war. Der Mann mit dem Koffer schoss ein halbes Magazin in ihre Richtung. Eine Kugel durchschlug Bruhns Mantel auf Höhe der Hüfte, bevor er sich hinschmeißen konnte. Eine andere traf Nielson am Bein. Aber Nielson feuerte noch zurück. Nielson war ein guter Mann. Er ging in Knie. Aber er feuerte weiter. Er fiel auf den Bauch und er feuerte dennoch, bis das Magazin leer war. Ein guter Mann, wirklich. Und er hatte Erfolg. Der Schütze war am Arm getroffen. Er ließ die Waffe fallen und flüchtete.

Nielson drehte sich auf dem Boden liegend um. Er zielte mit der leeren Waffe auf Haider und sagte: „Peng!“

Haider schrie ihn an: „Sind Sie verrückt? So was kann ins Auge gehen.“

Nielsons Antwort war ein: „Peng, peng, peng!“

Bruhns hatte das nicht gesehen. Er verstand den englischen Kollegen nur allzu gut. Haider könnte sich auf den Kopf stellen, aber Bruhns hatte das nicht gesehen.

„Haider!“ ächzte Bruhns. „Verfolgen Sie den Mann.“

„Chef haben Sie gesehen …?“

„Haider, in Gottes Namen verfolgen Sie den Mann!“

Haider bewegte sich endlich und nahm mit vorsichtigen Schritten die Verfolgung auf. Nielson lachte hysterisch.

„Gut, dass wir nicht in Deutschland sind“, sagte er. „Sonst hätte der Kerl womöglich eine Waffe.“

Haider bückte sich und hob die Walther auf, die Webermann im Torbogen fallengelassen hatte.

„Volle Deckung“, stöhnte Nielson und rollte sich wieder auf den Bauch.

Die Killerin hinter al Fasah war wie eine Marienerscheinung verschwunden. Vielleicht hatten sie sie erwischt. Aber das hatten sie nicht.

Kaum hatte Frau Weppert aufgehört zu schießen, tauchte die Frau wieder auf. Dann sprang sie über den Rand der kleinen Mulde und arbeitete sich auf die Araber zu. Warum erschoss al Fasah die Frau nicht? Oder, wenn er auf ihrer Seite war, warum gab er ihr keinen Feuerschutz? Salino nutzte die Gelegenheit, in Richtung Mulde zu kriechen. Frau Weppert direkt in seinem Fahrwasser. Monika orientierte sich weiter rechts zu den Arabern.

Was sollte das? Warum blieb sie nicht in Deckung? Sie konnte ohne Waffe wohl kaum etwas ausrichten. Die Killerin war weiter Richtung Ufer in die Büsche eingetaucht. Salino befand sich jetzt am Rand der Mulde. Vorsichtig schaute er hinein. Al Fasah hatte ein Loch im Kopf und neben ihm lag der Koffer. Frau Weppert hatte sich auf gleiche Höhe vorgearbeitet. Auf der anderen Seite der Mulde tauchte noch jemand auf. Schlottau. Er schaute in die Mulde hinab, hob seine Waffe und schoss mehrfach auf Salino. Salino reagierte schnell genug. Er drückte sich flach auf den Bauch. Die Kugeln schlugen dicht neben ihm im Gras ein. Ohne hinzusehen schoss Salino zurück. Frau Weppert blieb klugerweise in Deckung. Als es einige Sekunden ruhig blieb, hob Salino wieder vorsichtig den Kopf. Schlottau war in die Mulde gekrochen und versuchte den Koffer zu erreichen. Salino erhob sich und zielte sorgfältig. Diesmal drückte er auch ab. „Klick.“ Leer. Schlottau hatte das Geräusch gehört. Er riss die Waffe hoch. „Klick.“

„Ich habe noch Munition!“ behauptete Frau Weppert und richtete sich ebenfalls auf.

Schlottau war unsicher. Frau Weppert zielte auf ihn. Er forschte in ihren Augen und begriff, dass sie nicht log. Schlottau hob die Arme und ergab sich.

„Hier“, rief Nielson. Er warf Bruhns seine Waffe und ein neues Magazin herüber. Bruhns richtete sich auf. Die Kugel hatte nur den Mantel durchschlagen und seinen Rettungsring um die Hüfte gestreift. Es blutete, aber er konnte sich fast schmerzfrei bewegen. Bruhns lud die Waffe nach und verschaffte sich einen Überblick. Bis eben war noch geschossen worden. Jetzt war alles ruhig. Seine Augen suchten die Gegend ab. Der Nebel hatte sich etwas gelichtet. Hinter dem Hügel konnte er jemanden im Gras liegen sehen. Er wusste nicht, ob sie tot war oder nicht. Aber es war die einzige Person, die sah. Also schlich er vorsichtig auf sie zu.

Haider war umsichtig vorgegangen. Ein kleiner Weg führte hinunter an den See. Haider ließ kein Geräusch unbemerkt. Webermann würde ihn nicht in eine Falle locken. Hinter jedem Busch witterte Haider Gefahr. Das hier war die Wildnis. Da galt keine Unschuldsvermutung. Langsam arbeitete er sich bis an den See vor. Er hielt sich in Deckung. Sein Chef wäre stolz auf ihn gewesen. Er ließ sich nicht anschießen.

Vor sich hatte Haider ein lichtes Stück, ohne jede Deckung. Er übersah das Gelände. Da stand der Kerl. Und einen Partner hatte er auch dabei. Zwei gegen einen. Haider war kein Angsthase. Er pirschte sich vor, bis er die Unterhaltung der beiden Personen am Ufer fast belauschen konnte. Dann sprang er überraschend auf und rief: „Polizei.“

Der Mann hob eine Hand. Jetzt sah Haider den riesigen Hund, der den Mann zwischen den Beinen gefasst hatte. Die Frau, die eben noch auf Webermann eingeredet hatte drehte sich ebenfalls um. „Halten Sie sich da raus!“ rief sie Haider zu.

Haider schwenkte seine Pistole und zielte auf die Frau. Kein Knurren warnte ihn vor. Ein schwarzes Monster schoss auf ihn zu. Haider ließ vor Schreck die Pistole fallen. Ein riesiges Maul schlang sich um seinen Hals.

„Bleiben Sie ganz ruhig. Es passiert Ihnen nichts, wenn sie sich nicht bewegen“, erklärte Frau von Boeder. Haider hatte keineswegs vor, sich zu bewegen. Das sabbernde Maul hatte sich wie ein glibberiger Schal um seinen Hals gelegt. Es hätte vielleicht sogar angenehm sein können, wenn der Griff nicht so fest gewesen wäre und die dornenartigen Zähne nicht so piksen würden.

„Also“, fragte Frau von Boeder Webermann erneut. „Wo ist mein Mann?“

Webermann lachte kehlig. „Als ich die Hunde gesehen habe, wusste ich gleich wer sie sind.“

„Wo ist mein Mann, will ich wissen?“ beharrte Frau von Boeder.

„Ihr Mann ist bei den Fischen und ich wette, er fühlt sich dort wohler, als er es bei Ihnen jemals getan hatte.“

Webermann stöhnte. Offenbar hatte der Hund den Biss etwas verstärkt.

„Er ist tot mein, Gott“, jammerte Webermann. „Reicht das?“

„Tot?!“ Frau von Boeder schien mit der Antwort weniger zufrieden.

„Ja, tot.“

„Was ist passiert?“

„Er war zu gierig und hat sich eine Kugel eingefangen.“

„Wer hat ihn erschossen?“

Webermann schwieg. Frau von Boeder fragte noch einmal. Doch Webermann dachte gar nicht daran zu antworten.

„Thor!“

Die Schmerzensschreie mussten bis zu den Schlossruinen zu hören sein. Haider gurgelte nervös. Webermanns Hose wurde feucht. Dunkle Flecken deuteten an, dass der Hund tatsächlich zugebissen hatte. Thor ließ los, sprang auf und schnappte nach Webermanns Kehle.

Frau Boeder ging dichter an Frank heran.

„Deine Eier hast du schon verloren. Wenn du mir jetzt nicht sagst, was ich wissen will, dann …“

„Schon gut“, jammerte Webermann. Es war erstaunlich, der Hund ließ ihm genau so viel Luft, dass er sprechen konnte, aber Webermann wagte keinen Befreiungsversuch. „Ich war’s. Ich habe ihn umgebracht.“

„Wo ist er?“

„Tot! Das habe ich doch gesagt“, kreischte Webermann.

„Die Leiche?“

„Hinter meinem Haus. Ins Meer geworfen!“

Frau von Boeder war mit der Antwort zufrieden. Sie ging zu der Stelle, wo Haider die Waffe hatte fallen lassen und hob sie auf. Wenige Schritte später stand sie wieder vor Webermann und zielte auf seinen Kopf.

„Verdammte Schlampe!“ gurgelte Webermann verzweifelt.

Das hätte er besser nicht gesagt. Frau Boeder zog ohne mit den Wimpern zu zucken den Abzug durch.

„Oh Gott, oh mein Gott“, stöhnte Webermann, als er das Klicken hörte. Die Waffe war leer. Frau von Boeder schaute die Waffe enttäuscht an und warf sie weg. Ein Wort hätte genügt und Thor hätte Webermann zerfetzt.

„Thor, Wotan!“ Die beiden Hunde ließen los und trabten zu ihrer Herrin. Sie selbst wäre gerne dafür ins Gefängnis gegangen, wenn sie das Schwein erledigt hätte. Aber Thor hätte man womöglich eingeschläfert, wenn sie den Hund hätte zubeißen lassen. Dieses Opfer war Webermann wirklich nicht wert.

Haider rappelte sich mühsam hoch. Er sah zu der Frau, dann zu Webermann und wusste nicht, was er tun sollte.

„Nehmen Sie den Mann fest“, befahl Frau von Boeder. „Sie haben doch gehört, dass er einen Mord gestanden hat.“

Da war etwas dran. Bruhns würde stolz auf ihn sein. Er brachte einen Mörder mit nach Hause.

*

Am Westtor verlor Bruhns immer mehr den Überblick. Frau Weppert bedrohte seinen Kollegen Schlottau mit einer Pistole. Sein Verstand forderte von ihm, dass er Schlottau zur Seite stand. Aber seine Intuition sagte ihm, dass Frau Weppert, warum auch immer, im Recht war. Noch schwankte er, als die schwarze Gestalt mitten dazwischen sprang.

Diesen Schlottau hatten sie dingfest gemacht. Salino jubelte innerlich. Er achtete nicht auf seine Umgebung, daher wurde er von dem plötzlichen Auftauchen der Killerin völlig überrascht. Sie war wie aus dem Nichts am Rande der Mulde aufgetaucht und zielte auf Frau Weppert, die Schlottau in Schach hielt. Salino wusste, dass sie nicht eine Sekunde zögern würde zu schießen. Die nicht.

Es war zu spät, Frau Weppert zu warnen. Salino warf sich schreiend in die Schussbahn. Die Kugel traf sein Schulterblatt, wurde ablenkt und durchschlug auch noch den Trizeps seines linken Oberarmes. Frau Weppert fing ihn auf. Aber er glitt an ihr hinab, wie ein nasser Sack. Das war Glück. Die zweite Kugel, die die Killerin auf sie abfeuerte, traf nicht Salinos Schulterblatt, sondern sie bohrte sich durch die Rippen und blieb irgendwo in ihm stecken. Salino konnte es nicht fassen, er war tot. Er sah hinauf zu Frau Weppert, deren Gesicht starr vor Schreck war. Er sah noch ihre Sorgenfalten, während er langsam und kraftlos an ihr hinabglitt. Dann setzte die Dunkelheit ein.

Salino bekam nicht mehr mit, dass Monika ihm das Leben rettete. Bevor die Killerin einen weiteren und mit Sicherheit tödlichen Schuss abgeben konnte, war Monika aus ihrer Deckung aufgesprungen und hatte der Frau mit einem gezielten Tritt die Waffe aus der Hand getreten. Die rothaarige Frau schaute sie verblüfft an, reagierte aber viel schneller, als Monika jemals erwartet hatte. Der erste Fußtritt landete in ihrem Magen, der zweite auf ihrer Nase.

Unterdessen versuchte Schlottau nach der Waffe zu greifen, die gleich neben seinen Füßen gelandet war. Doch Bruhns hatte endlich den Überblick.

„Das würde ich nicht tun!“ schrie er energisch und zielte auf Schlottaus Kopf. Auch Frau Weppert hatte ihre Waffe wieder aufgehoben und zielte auf ihn. Schlottau rührte sich nicht. Bruhns schob sich, ohne den Gegner aus den Augen zu lassen bis zu Schlottau vor und hob dessen Waffe auf. Schlottau wusste, wann man verloren hatte. Obwohl, ganz vorbei war es noch nicht.

Monika war von den ersten Schlägen überrascht worden. Die Frau war topfit und Monika völlig aus der Übung. Doch allmählich fand sie sich wieder ein. Sie verpasste der Killerin ein paar harte Schläge aus ihrem Kickbox Repertoire. Dann setzte sie eine vierfache Trittkombination an. Damit hatte sie schon so manchen Kampf für sich entschieden. Die Tritte kamen blitzschnell und exakt. Zum Abschluss traf sie mit voller Wucht den Kehlkopf ihrer Gegnerin. Das war das Ende. Monika stand ruhig da. Sie war so verblüfft, dass diese Schläge keinerlei Wirkung zeigten, dass sie einen Moment lang vergaß, sich zu wehren. Die Rothaarige nutzte die Gelegenheit und setzte ihrerseits eine Schlagkombination an. So heftig war Monika noch nie getroffen worden. Ein Trommelfeuer von Hieben und Tritten ging auf sie nieder. Sie hatte keine Chance zur Deckung mehr. Sie wusste nicht mehr welcher Schlag es war, aber sie ging eindeutig k.o.

Die Rothaarige stand ruhig da und versuchte die Situation einzuschätzen. Bis zu Bruhns waren es sechs Meter, vielleicht zehn bis zu Frau Weppert. Frau Weppert schien ihr aber bei weitem der gefährlichste Gegner. Nichts war gefährlicher als eine Mutter, die ihr Junges verteidigte. Und genau diesen Ausdruck sah die Rothaarige in Frau Wepperts Augen. Sie wusste, dass das Spiel vorbei war. Einen Haken hatte die Sache. Sie galt als Namenlose. Es gab keine Fingerabdrücke von ihr, keine Gebissabdrücke, nichts, was irgendwelche Rückschlüsse auf ihre Identität zuließe. Sie war ausgebildet worden, Aufträge aller Art auszuführen und ein Versagen kam nicht in Frage. Schon gar keine lebendige Gefangennahme. Sie stieß keinen Schrei aus. Sie griff nur blitzartig und leise an.

Alles ging wahnsinnig schnell. Eben stand sie noch dort, im nächsten Moment war sie drei Meter näher an Frau Weppert herangekommen. In einer anderen Situation wären die Gegner vielleicht vor Überraschung erstarrt, wenn jemand, obwohl er von zwei Pistolen bedroht wurde, auf einen zu stürmte. Aber hier lief das anders. Bruhns Hüfte tat weh und er hatte endlich den Überblick. Und Marianne Weppert hatte geradezu auf so etwas gewartet.

Die Killerin war in Sekundenschnelle drei Meter dichter an Frau Weppert herangesprungen. Doch danach ging es nur noch rückwärts. Bruhns und Marianne leerten gleichzeitig und äußerlich regungslos ihre Magazine. Die einschlagenden Kugeln warfen die Rothaarige Meter für Meter wieder zurück. Zu guter Letzt blieb sie mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken liegen. Ein diskretes Stöhnen und Aushauchen war das Letzte, was man von ihr hörte. Dann entspannten sich ihre Muskeln und sie streckte alle Viere von sich.

Schlottau nutzte die Gelegenheit Bruhns einen kräftigen Haken zu verpassen und zu fliehen. Er rannte den Weg runter zum Turm. Bruhns schüttelte sich und wollte hinterher.

„Lassen Sie! Der kommt nicht weit“, rief Frau von Boeder, die inzwischen oben auf kleinen Anhöhe aufgetaucht war. Bruhns sah die Hunde. Die waren schneller als er und vor allem eleganter.

Schlottau schaffte es gerade noch, die steinerne Wendeltreppe der fünfstöckigen Turmruine zu erreichen, als er die Hunde bemerkte. Wohin sollte er nun entkommen? Hinauf? Und dann? Bevor er sich diese Frage beantworten konnte, waren die Hunde neben ihm. Aber sie fielen ihn nicht an, wie er zunächst befürchtet hatte. Sie standen nur da und beobachteten ihn. Schlottau versuchte gar nicht mehr zu entkommen. Er bewegte sich vorsichtig in Richtung Bruhns. Die Hunde folgten ihm.

„Chef, schauen Sie mal hier!“ posaunte Haider.

„Wer ist das?“

„Der Mörder!“ frohlockte Haider. „Tja Chef, ich stehe nicht mit leeren Händen da.“

„Ich auch nicht“, knurrte Bruhns genervt. In diesem Moment kam Ex-Kollege Schlottau im Geleit der beiden Doggen auf den Hügel marschiert.

„Toll Chef, aber das ist einer von uns. Erinnern sich nicht mehr, das ist Schlottau vom BND.“

„Wir brauchen einen Krankenwagen, aber schnell“, unterbrach Frau Weppert den Disput der beiden Männer. Aus der Ferne waren Sirenen zu hören. Das musste Nielson gewesen sein. Der tapfere Mann hatte sich zum Wagen zurückgeschleppt und Verstärkung gerufen.

Bruhns sah sich um. Monika war nicht ernsthaft verletzt und kam gerade wieder zu sich. Hinter dem Gebüsch abseits der Kuhle fand Bruhns die anderen beiden Araber mit einem sauberen Loch in der Stirn. Bruhns nickte anerkennend mit dem Kopf. Saubere Arbeit! Er ging zurück.

„Wer das hier war, werden wir wohl nie erfahren“, sagte er und zeigte auf die Rothaarige. „Aber dafür haben wir ja Sie, Schlottau!“