Die gefesselten Pinguine

Die Beisetzung

Viele Trauergäste waren das nicht gerade, fand Petra. Streng genommen gar keine, weil der Kommissar vom LKA wohl kaum unter die Kategorie Freunde oder Verwandte fiel.
„Wir haben sehr zurückgezogen gelebt“, flüsterte Mechthild ihr zu, während sie langsam hinter Sarg hergingen.

Die Grabrede war kurz und gab wenig her. Nur Mechthild brachte mühsam ein paar Worte heraus, die von tiefer Liebe zu ihrem Bruder geprägt waren und Petra an den Rand der Tränen brachte.

Bruhns drückte der Witwe sein Beileid aus. Doch mit einem einfachen Händedruck gab sich Petra nicht zufrieden.

„Wussten Sie eigentlich, dass es im Dorf Streit um die Mühle gegeben hatte?“

„Nein“, seufzte Bruhns. „Was ist mir da entgangen?“

Petra beschloss zur Sicherheit ein wenig zu übertreiben: „Man hat meinen Bruder unter Druck gesetzt, damit er die Mühle verkauft.“

„Wer hat ihren Bruder unter Druck gesetzt? Und vor allem wie?“ hakte Bruhns mit mäßigem Interesse nach.

„Der Bürgermeister!“

„Der Bürgermeister?“

„Ja, Bürgermeister Kühn. Der wollte die Mühle unter allen Umständen kaufen. Und sein Sohn hätte damals eigentlich meine Schwägerin heiraten sollen. Und nun? Was wird jetzt, wo Mathias tot ist mit der Mühle?“

Bruhns zuckte mit den Schultern. „Das werden wir gleich bei der Testamentseröffnung erfahren.“

„Gleich?“ Petra wusste gar nicht, dass heute auch noch die Testamentseröffnung sein sollte.

„Ja, das ist doch der eigentliche Grund, warum ich noch hier bin.“

„Was heißt der eigentliche Grund, gibt es noch einen anderen?“

Bruhns wollte sich vor einer Antwort drücken. Er schob sich wieder einen Kaugummi in den Mund und knurrte ein leises: „Na ja.“

„Was?“ wollte Petra wissen. „Was gibt es da noch?“

„Na ja. Die Gerichtsmedizin ist sich nicht ganz sicher, ob ihr Bruder mit so viel Alkohol im Blut überhaupt in der Lage war, allein die Stiege zum Dachboden hinauf zu klettern.“
„Er hatte Alkohol im Blut?“

„Wahrscheinlich, um sich Mut anzutrinken.“

„Wie viel?“

„Na ja. So um die 3,1 Promille“, sagte Bruhns zögernd, wohl, weil er wusste, was jetzt kommen musste.

„3,1?“ fragte Petra fassungslos. „Da ist doch kein Mensch mehr in der Lage vernünftig zu handeln!“

„Sich aufzuhängen ist ja auch nicht wirklich vernünftig, oder?“

„Seien Sie nicht albern!“ schnauzte Petra den Kommissar an. „In diesem Zustand hängt sich keiner selber auf!“

„Die einen meinen ,ja‘. Die Anderen meinen ,Nein‘. Da sind sich die Pathologen nun wirklich nicht einig“, redete sich Bruhns bedächtig raus.

„So ein Unsinn! Da darf man ja wohl mit Fug und Recht an einem Selbstmord zweifeln.“

Bruhns sah sich ein wenig in die Ecke gedrängt.

„Ich bin ja noch hier“, stellte er klar. „Notfalls, bis die Gerichtsmediziner sich einig sind.“

„Na gut“, gab sich Petra widerwillig zufrieden und ließ Bruhns wütend stehen.

*

Der Leichenschmaus fiel mehr als bescheiden aus. Zwei in Schwarz gekleidete Figuren, die sich mit einer Tasse Kaffee zwei Stück Butterkuchen schmecken ließen.

Die Gaststätte zur Post war auch vom Ambiente her nicht dazu angetan, länger als wirklich erforderlich zu verweilen. Gedeckt und bestellt war für 8 Gäste, aber Petra und Mechthild waren die einzigen Anwesenden.

„Wer ist denn alles nicht gekommen?“, wollte Petra mit Blick auf die leeren Teller wissen.

„Eigentlich Niemand“, sagte Mechthild. „Es war mir einfach nur zu peinlich einen Tisch für zwei zu bestellen.“

Petra schluckte und warf einen irritierten Blick auf den Teller mit den vielen Kuchenstückchen.

„Vielleicht kommen Manni und Sophie gleich noch vorbei“, sagte Mechthild, als sie Petra Blick auf den Kuchenberg sah. „Wenn sie die Tiere versorgt haben.”

Petra nickte stumm.

„In einer halben Stunde müssen wir ja schon zum Notar“, fuhr Mechthild fort.

Sie schob den Kuchenteller beiseite. Offenbar war ihr der Appetit vergangen.

„Soll ich mitkommen?“ fragte Petra mitfühlend.

Mechthild stutzte.

„Hast du den Brief nicht bekommen?“ fragte sie. „Du bist doch eingeladen zur Testamentseröffnung.“

Nein, einen Brief hatte Petra nicht erhalten. Als, sie von dem Tod ihres Bruders gehört hatte, war sie nicht mehr am Briefkasten gewesen. Und wenn er heute gekommen war, dann konnte sie ihn doch gar nicht bekommen.

„Nein, ich habe keinen Brief bekommen.“

Mechthild seufzte.

„Ich habe dem Notar ja gleich gesagt, dass das Alles viel zu kurzfristig ist. Aber der Mann hatte es ja so eilig. Die Sache mit der Mühle konnte ihm ja gar nicht schnell genug geregelt werden. Ist der Schwager vom alten Kühn“, fügte Mechthild noch erklärend hinzu.

„Was ist mit der Mühle?“ wollte Petra wissen.

„Keine Ahnung. Kühn hat mir gestern schon ein gutes Angebot gemacht. Aber man muss ja wohl wenigstens die Testamentseröffnung abwarten, oder?“

„Dieser Kühn scheint ja wirklich an dieser Mühle interessiert zu sein“, murmelte Petra. „Kommt mir ja schon ein bisschen merkwürdig vor.“

„Von mir aus kann er sie haben“, sagte Mechthild und entschied sich nun doch noch für ein weiteres Stück Kuchen. „Ich hab den Hof, das wird Arbeit genug sein. So ohne Mann im Haus.“

„Na, vielleicht macht dir ja der Sohn vom Kühn noch einen Antrag!“ flachste Petra.

Mechthild sah sie verärgert von der Seite an.

„Wenn der mir auf den Hof kommt, sollte er lieber eine schusssichere Weste tragen.“

So einen scharfen Ton war Petra von ihrer Schwägerin gar nicht gewohnt. Es war wohl besser darüber keine Scherze zu machen und den Mund zu halten. Sie würde schon noch herausfinden, warum Mechthild so heftig reagiert hatte. Statt nachzufragen entschloss sie sich lieber für ein drittes Stück Butterkuchen, schließlich hatte sie den Damen Stockhausen versprochen ihre Figur schnellstmöglich den lokalen Gegebenheiten anzupassen.

*

Der Notar war ein kleiner, rundlicher und besonders fröhlicher Kerl. Rheinländer, wie er sofort klarstellte. Er hatte eine kalte Zigarre im Mund und nahm sie auch nicht heraus, während er kondolierte. Sie hüpfte bei jedem Wort in seinem Mund auf und ab und man erwartete, dass sie ihm jeden Moment aus dem Mundwinkel fallen würde.

Man hätte meinen können er würde auf Zeit bezahlt, so schnell, wie er zur Sache kam. Die Personalien wurden mit zwei Sätzen festgestellt. Ja, ja persönlich bekannt und weiter. Dann verlas er das Testament, wobei er sporadisch alles durch et cetera ersetzte, was er persönlich für unwichtig hielt.

Letztlich stellte er fest, dass Mechthild den Hof erbte und Petra die Mühle.

Offenbar war Petra die einzige, die davon überrascht war, dass sie überhaupt etwas anderes als ein oder zwei kleine Andenken erbte.

Während Petra sich noch vergewisserte, dass sie wirklich die Unglücksmühle erben sollte, eröffnete ihr der Notar, dass ihm für eben jene Mühle ein geradezu großzügiges Kaufangebot vorlag.

„Na klar!“ rief Mechthild verächtlich.

Nein, den potentiellen Käufer konnte der Notar nicht nennen, das Angebot war vertraulich abgegeben worden und die Abwicklung würde über ihn erfolgen.

So leicht war Petra nicht aus er Fassung zu bringen, aber im Moment kam sie nicht ganz mit. Spontan griff sie nach dem Kugelschreiber, den der Notar ihr hinhielt, weil sie dachte, sie müsste das Testament unterschreiben, aber im letzten Moment sah sie, dass der Mann ihr einen Kaufvertrag für die Mühle hinhielt.

„Nein!“ grunzte Petra kategorisch. „Ein Verkauf der Mühle kommt nicht in Frage!“

„Aber, was wollen Sie mit so einer baufälligen Immobilie, so weit weg von Hamburg? Die können Sie doch gar nicht nutzen!“ setzte der Anwalt nach.

„Dort ist mein Bruder gestorben!“ echauffierte sich Petra. „Der ist eine Stunde unter der Erde und Sie versuchen mir hier sein Andenken abzuschwatzen?!“

„Ich versuche Ihnen nur Unannehmlichkeiten zu ersparen!“ sagte der Notar mit einem drohenden Unterton.

„Was denn für Unannehmlichkeiten?“ wollte Petra wissen.

„Ich meine ja nur: Sie sind nicht von hier. Wenn Sie jetzt nicht verkaufen, müssen Sie wieder herkommen, das kann ziemlich viel Aufwand bedeuten. Jetzt könnte ich das Alles schnell und bequem für Sie lösen!” schlug der Notar vor.

Sein rheinischer Humor war völlig in den Hintergrund getreten. Er wirkte jetzt eher wie eine amphibische Mischung aus Kugelfisch und Pitbull.

„Vielen Dank, aber ich bin sicher meine Schwägerin wird die Dinge angemessen regeln.“

„Ob Ihre Schwägerin, da die richtige Einstellung hat? Ich weiß ja nicht, da könnte schon eine Menge schief gehen ...!“

„Darauf lasse ich es gern ankommen. Vielen Dank für Ihre Bemühungen, aber ich werde mein Erbteil jetzt erstmal genau unter die Lupe nehmen!”

Sie spürte Mechthilds tröstende und beipflichtende Hand auf ihrer Schulter und hörte wie sie sagte: “Willkommen in Rauschenbach!”

*

Als sie wieder auf den Hof kamen, stand auf einem leicht vermoostem Kunstofftisch, die Platte mit dem Butterkuchen. Manni und Sophie, die auf Mechthilds Hof arbeiteten, hatten sich den Kuchen in der Gaststätte zur Post abgeholt. Es hatte zwar Diskussionen gegeben, aber die beiden lebten lange genug hier, um sich gegen den Postwirt durchzusetzen. Bezahlt war bezahlt.

Da waren inzwischen zwar mehr Fliegen als Mandelsplitter auf dem Kuchen, aber Petra griff trotzdem zu. Die Testamentseröffnung hatte sie irgendwie hungrig gemacht. Oder war das die Landluft?

„Und nun?“ fragte Mechthild, die noch Kaffee auf gesetzt hatte und sich auch ein Stück Butterkuchen einverleibte. „Was soll jetzt aus der Mühle werden?“

„Willst du sie haben?“

„Nee, absolut nicht!“

„Aber du kannst damit ein gutes Geschäft machen, denke ich!“

„Das interessiert mich nicht. Ich komme klar. Die Mühle hat Mathias dir vererbt und ich denke er hat schon gewusst warum.”

Petra griff sich ihr drittes Stück Butterkuchen und meinte zu bemerken, wie ihr Hüfthalter so langsam auf Spannung kam. Sie dachte nicht wirklich über die Sache mit der Mühle nach, weil in ihrem Bauch die Entscheidung längst gefallen war.

„Ich bleibe vorerst hier!“

Urlaub hatte sie genug und es schien ihr nicht nur so, dass Mechthild ihren Beistand gut gebrauchen konnte, sondern, dass sie mit ihrer Erfahrung in Betrugsfällen hier noch Einiges aufzudecken hatte.