Kapitel 21

Das Ende der Lektionen

Im Januar setzte Frau Möller ihre Lektionen dort fort, wo sie aufgehört hatte. Sie hätte ihm nicht erklären müssen, dass dies eine Korsage war, die sie trug, als sie ihm die Tür öffnete. Und dass sie aus Leder war erkannte er auch so. Sie lief damit vor ihm auf und ab. Das steckte er gut weg, weil sie seiner Meinung nach irgendwie nicht der Typ für eine Korsage war. Sie machten von da an schnelle Fortschritte. Martin lernt bald, sich voll auf seine Hausaufgaben zu konzentrieren, selbst wenn seine Lehrerin sich fast nackt vor ihm auf dem Pult räkelte, masturbierte und diverse erschreckende Laute von sich gab. Er kämpfte oft mehr gegen das Lachen, als gegen das Hingucken, an. Frau Möller fand er von Tag zu Tag lächerlicher. Was ihn weit mehr beschäftigte, war die Frage, wie das, was mit Frau Bruckner erlebt hatte, mit anderen Frauen sein würde.

Mitte Februar kam er auf eine Idee. Er fragte einfach Frau Möller. Natürlich nicht, wie es mit anderen Frauen sein würde. Sondern wie es generell mit einer Frau sein würde, und er gestand ihr, dass ihm diese Frage auf der Seele brannte. Die dusselige Kuh fühlte sich scheinbar geehrt durch sein Vertrauen. Jedenfalls nahm sie sich den ganzen Nachmittag Zeit, ausführlich darüber mit ihm zu sprechen. Sie schien von diesem Thema gar nicht wieder loszukommen. Martin erklärte ihr dann, dass er mit diesem ganzen Gerede nicht viel anfangen könne, weil er davon einfach nicht nachempfinden wie es nun wirklich sei. Außerdem fühlte er sich ständig versucht, es einfach mal auszuprobieren.

Er hatte schon geahnt, dass Frau Möller sich großzügig anbieten würde, ihm dabei behilflich zu sein. Nicht, dass er darauf besonderen Wert gelegt hätte, im Gegenteil. Er hatte sich das aus zwei Gründen überlegt. Erstens bekam er keinerlei Ärger, zumindest nicht mit Frau Möller. Zweitens war Frau Möller die einzige Frau, die er kannte, die er wirklich abgrundtief hasste, so dass keine Gefahr bestand, dass ihm die Beantwortung dieser Frage in irgendwelche Gewissenskonflikte stürzen könnte.

Die Spätfolgen dieser Idee erwiesen sich als erschreckend. Frau Möller zeigte ihm das zweite der drei Zimmer ihrer skurrilen Behausung. Das Schlafzimmer. Es war ganz in Rot lackiert. Ein schwarz bezogenes Bett stand in der Mitte und an einer Wand stand ein ebenfalls schwarz lackierter Schrank. Als Martin das Zimmer sah, wußte er bereits, dass er nicht mehr wollte, dass Frau Möller ihm irgendwelche Sachen beibrachte oder erklärte. Sie legte sich nicht wie erwartet aufs Bett. Nachdem sie Martin seiner Klamotten entledigt hatte, saß sie recht schnell auf ihm drauf und begann mit ziemlich hektischen Bewegungen auf ihm herum zu turnen. Sie bewegte sich viel zu schnell, zu kantig, zu hektisch. Sie war nicht wirklich feucht und weich. Überall stießen ihre Knochen an seinen Körper. Dann stieß sie gurgelnde Laute aus, so als wenn sie an einem verschluckten Hühnerknochen würgen würde. Zum Teil grunzte sie ihm direkt in sein Ohr. Viel zu laut. Und zu allem Überfluss kratzte und biss sie ihn ständig. Martin war eigentlich die ganze Zeit über nur damit beschäftigt sie abzuwehren und zu verhindern, dass sie an seinem Körper ernsthaften Schaden anrichtete. Sie biss ihn in die Schulter und in den Hals. Dann in die Wange. Das war eher schmerzhaft.

Als sie ihn endlich gehen ließ, hatte ein kein gutes Gefühl und war sich sicher, dass dies das absolut schlimmste Erlebnis auf Erden war. Nie wieder würde er mit dieser Frau Sex haben wollen. Aber das brauchte er ja wohl auch gar nicht.

Gut geirrt Löwe. Gleich am nächsten Tag erklärte ihm Frau Möller, dass sie jetzt, wo er ja von der Lust infiziert sei, selbstverständlich zu ihrer Verantwortung stehen und ihn täglich von dieser Last befreien würde. Das sagte sie, während sie vor ihm eine Gerte auf und ab wippen ließ. Ihre Bekleidung war exquisit, sie trug Lackstiefel bis weit hinauf zum Oberschenkel, mit Absätzen, auf denen man vermutlich nur unter Vollnarkose sicher laufen konnte. Dazu lange Handschuhe, ebenfalls Lack und eine Lack-Korsage, aus der die Brüste ausgeschnitten waren. Martin konnte nicht mehr umhin festzustellen, dass Frau Möller eindeutig geistesgestört war.

Das wurde Martin aber erst so richtig klar, als er arglos die Hand vorgestreckt hatte, wie sie es von ihm verlangt hatte. Er hatte automatisch mit einem Schlag mit der Gerte gerechnet. Für so etwas bestand zwar keinerlei Grund, aber gewöhnlich brauchte sie den auch nicht wirklich. Plötzlich sah sich jedoch an Handschellen gefesselt, die sich an einer langen Kette befanden. Frau Möller schleppte ihn daran in das letzte Zimmer, das er noch nicht gesehen. Es war eine Mischung aus Turnhalle und Folterkammer. Überall an der Wand hingen Werkzeuge, deren Funktion er nicht immer sofort ergründen konnte. Das war der richtige Moment, um in Panik zu geraten. Aber nicht, um an einem Herzinfarkt zu sterben. Martin schrie sie an: „Was soll denn das, sind Sie verrückt?“

Er war eigentlich nicht in der günstigsten Position, um sie zu verärgern. Mit den gefesselten Händen würde es ihm schwerfallen, einen Schlag abzuwehren. Aber der Schlag kam nicht.

Stattdessen führte sie ihn zu dem Turnbock in der Mitte des Raumes und riss seine Kette mit Schwung zur anderen Seite hinüber. Irgendwo unten hakte sie die Kette ein und Martin hing halb auf dem Bock. Einen Moment lang dachte er darüber nach, woher diese dürre Person solche Kraft hatte. Dann entschloss er sich lieber darüber nachzudenken, wie er Luft holen könne, mit der Kugel, die sie ihm in diesem Moment in den Mund geschoben und an seinem Hinterkopf festgebunden hatte.

Jetzt stand sie breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, vor ihm und wartete anscheinend darauf, dass er ihr seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Ein überraschender, harter Schlag mit der Gerte und Martin war hoch konzentriert.

„Also, … du hast dich entschlossen mir künftig zu dienen. Sehe ich das richtig?“

Ein kurzer trockner Schlag entlockte Martin ein verschwitztes Nicken.

„Und dafür erwartest du von mir, dass ich dir täglich deine Lust nehme, ja?“

Bevor sie ausholen konnte, hatte Martin genickt.

„Gut“, grunzte sie zufrieden. „Ich werde das tun. Aber selbstverständlich bin ich nicht irgendeine dahergelaufene Schlampe, das ist dir doch klar?“

Sie wartete Martins Nicken ab.

„Das weißt du? Gut! Dann ist dir auch klar, dass du mich schon wie einen Gott verehren musst, damit ich mich zu solchen Dingen herablasse!“

Martin weigerte sich über irgendwas nachzudenken, er nickte gnadenlos mit dem Kopf.

„Du verehrst mich wie einen Gott, ja!?“

Bestätigung. Jetzt wußte Martin, woran er war. Doris, nur zwanzig Jahre älter. Sie musste nur kriegen, was sie wollte, und sie ließ einen in Ruhe.

„Dann verstehe ich nicht, wie du es wagen konntest, jemals an eine andere Fotze zu denken“, schrie sie völlig hysterisch und schlug die Gerte hart gegen seinen Kopf. Sein Ohr brannte. Sie hatte es gestreift.

„Tu nicht so, als ob du von nichts weißt!“ Sie war dicht bei seinem Gesicht und drohte ihm mit dem Zeigefinger. „Ich meine diese Schlampe, Franziska.“

Es kam nur ein Murmeln, als Martin versuchte, trotz des Knebels zu sprechen.

„Tu das nie wieder. Nie, nie, wieder.“ Bei jedem ‚nie‘, spürte er die Gerte auf seinem Rücken.

Sie baute sich wieder vor ihm auf, griff sich in den Schritt und öffnete eine Art Lasche. „Sieh hier her. Ist das dein Gott?“

Die Gerte knallte, obwohl er prompt genickt hat.

„Hier. Das ist dein Gott?“

Martin ersparte sich das Nicken, denn er wußte, es war egal. Die Schläge kamen kurz auf einander.

Dann ließ sie nach und drehte sich von ihm ab. Wieder bebte ihr ganzer Körper. Es war geschafft, dachte Martin.

Sie löste die Kette von dem Bock und nahm seinen Knebel aus dem Mund. Das würde er ganz sicher nicht noch einmal mitmachen. Morgen würde er nicht kommen, egal was geschah. Scheiß auf das Abitur! Verraten konnte sie ihn nicht, höchstens von der Schule feuern. Das war alles, was sie konnte. Martin wartete vergeblich darauf, dass sie seine Handschellen öffnete. Frau Möller wirkte erschöpft. Sie griff nach der Kette und zog ihn hinüber ins Schlafzimmer.

„Du machst es einem wirklich schwer“, sagte sie vorwurfsvoll.

Sie schubste Martin aufs Bett und befestigte die Ketten an den Haken an der Wand. Die hatte Martin gestern gar nicht bemerkt. Dann ging sie ans Fußende und zog an seinen Beinen, bis er ganz ausgestreckt dalag. Unter dem Bett mussten zwei Riemen gelegen haben, denn seine Füße waren plötzlich ebenfalls fixiert. Sie machte all das mit einer Routine, die schon an Langeweile grenzte. Nachdem sie seine Hose herunter gezogen hatte, zündete sie sich eine Zigarette, und pflanzte sich auf sein Glied. Martin hatte gar nicht gemerkt, dass er überhaupt eine Erektion hatte. Sie bewegte sich gelangweilt auf und ab, mit einem Arm unter der Brust den anderen, der die Zigarette hielt, stützend. Martin war fassungslos. Was sollte das? Jeden 13. Hüpfer zog sie an der Zigarette. Das mitzählen, war das Interessanteste an dieser Art von Sex, stellte Martin fest. Sie selbst starrte abwesend in die Ferne. Das Ganze schien sie nicht viel anzugehen.

Plötzlich sah sie ihn an. „Wenn du nicht kommst, bevor die Zigarette zu Ende ist, muss ich sie leider auf deiner Brust ausdrücken. Von hier aus komme ich nicht zum Aschenbecher.“ Diese Ankündigung brachte Martin schlagartig ins Schwitzen. Keine Panik. Denk nach. Wie sollte er das herbeizaubern? Das kam, wenn es kam. Vielleicht, wenn er an irgend etwas bestimmtes dachte, so wie beim Onanieren. Aber Martin wollte ja gar nicht, dass es kam. Die Zigarette war bedrohlich dicht am Filter. Panik überflutete seine Hoden. Alles da unten zog sich vor Angst zusammen. Das war’s: Angst. Und er hatte Angst.

„Fertig!“ rief er schnell.

„Was? Davon hab ich aber nicht viel gemerkt.“

Martin sagte nichts, sondern beobachtete nur die Zigarette.

Sie stieg leicht von ihm herunter. Sein Schwanz war schon halb in sich zusammengesunken. Frau Möller legte die Zigarette im Aschenbecher auf dem Nachttisch ab. Und befühlte sich zwischen den Beinen.

„Viel rausgekommen ist da aber nicht. Hast du vorher masturbiert?“

„Ja“, nahm Martin die Chance dieser Ausrede sofort dankbar auf.

„Das machst du nicht wieder, ist das klar? Du onanierst überhaupt nicht mehr, jedenfalls nicht ohne meine Erlaubnis. Und außerdem zeigst du mir das nächste Mal, wie sehr du es genießt. Haben wir uns verstanden?“

„Ja, Frau Möller.“ Martin bekam Oberwasser, sie war nicht wirklich aggressiv, das machte ihm Hoffnung.

„Gut, wir werden ja sehen. Aber sauberlecken musst du das noch. Auch, wenn es nicht viel ist.“

„Was?“

„Du glaubst ja wohl nicht, dass ich mit deinem Zeug in mir durch die Gegend laufe, oder?“

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern kletterte umständlich wieder über das Bett und setzte sich gleich auf sein Gesicht. Martin versuchte den Kopf wegzudrehen. Aber sie hielt ihn wenig sanft fest.

„Die Zunge, aber hurtig!“

Den säuerlichen Geschmack spürte Martin noch im Aufzug auf der Zunge. Er würde morgen nicht wiederkommen. Das war sicher. In der Tiefgarage angekommen war er sich da schon nicht mehr ganz so sicher. Er musste an seine Mutter denken. Er war in einer scheiß Lage. Dass er sich übergeben musste, hatte er gar nicht gemerkt. Es kam so plötzlich. Er landete auf allen Vieren zwischen zwei Autos und erbrach drei kräftige Schwälle. So ging es nicht. So ging es wirklich nicht. Früher oder später würde sie die Zigarette auf ihm ausdrücken. Wer weiß, was sie noch alles mit ihm anstellen würde. Er hatte sich gerade mit dem Ärmel den Mund gesäubert, da kam doch noch ein kleiner Schwall. Eigentlich eher ein trockenes Würgen.

Frau Möller war geistesgestört. Das stand außer Frage. So ging es einfach nicht. Er konnte morgen nicht wieder herkommen. Sie ließ ihm keine Wahl. Schon gar nicht würde er sein Ding wieder in sie hineinstecken, oder … Er hielt den Gedanken an den säuerlichen Geschmack zurück. Seine Hand suchte nach verräterischen Bröckchen in seinem Gesicht. Am Ohr fand er eine kleine Verkrustung. Er kratzte sie ab. Griff wieder hin und stellte fest, dass es Blut war. Das war kein Spiel mehr. Sie hatte ihn ernsthaft verwundet. Es blutete wirklich nicht stark, aber Martin starrte die Hand an, als wenn er es nicht glauben könnte.

Dann ging er zurück.

„Ich habe ein Heft vergessen“, sagte er, als sie die Tür öffnete und ging an ihr vorbei.

„Unsinn“, rief sie, nachdem sie die Tür geschlossen hatte. „Du hast die Hefte nicht mal ausgepackt heute.“

„Richtig“, sagte er ohne jede Erregung in der Stimme. Er war ganz ruhig und wußte eigentlich auch nicht genau, warum er noch mal zurückgekommen war.

„Du kriegst nicht genug von mir, nicht wahr?“ Sie stöckelte auf den hohen Schuhen auf ihn zu.

„Du bist geil auf mich! Ich bin das geilste was dir je begegnet ist, nicht wahr? Aber leider erwarte ich einen Freund und du musst jetzt sofort wieder gehen. Schade, nicht wahr?“

Martin war zwei Schritte zurückgewichen, nicht aus Angst. Er hatte keine. Er brauchte Zeit, um zu überlegen, warum er eigentlich gekommen war.

„Oh, Gott ich seh es dir an, was du jetzt fühlst. Los sag es. Sag, dass ich bin deine Erlösung! Sag es!“

In Wirklichkeit fühlte Martin gar nichts. Er war nicht geil, nicht ängstlich, nicht wütend, einfach nichts. Nur leer.

Ein Schritt trennte die beiden noch. Martin holte nicht groß aus, seine Faust traf ihren Wangenknochen. Der Hieb war trocken, ohne jede Emotion. Vielleicht hatte Martin erwartet, dass sie zu Boden ging, aber das tat sie nicht. Martin griff ihr in den Nacken, dann zerrte er sie in ihre Folterkammer. Er verstand gar nicht, wieso sie ihm vorhin so kräftig vorgekommen war. Sie war ein kleines, schwaches, aber sehr, sehr böses Mädchen. Frau Möller versuchte sich zu wehren, aber seine Hand schloss eisern um ihren Hals und presste sie gegen sie Wand. Er nahm zwei Handfesseln von dem Diagonalkreuz an der Wand und ließ sie um ihre Handgelenke schnappen. Dann ließ er sie los.

Sie zog eine höhnische Fratze und schien keinerlei Angst zu haben.

„Jaah, so ist es gut. Der Kleine hat Blut geleckt. Willst es mir jetzt ordentlich besorgen.“ Sie lachte grell und hysterisch. „Dafür habe ich immer Zeit. Du hast Talent. Du wirst noch mal mein bestes Stück.“

Martin sagte nichts, sondern sah sich um. Er wußte nicht, wonach er suchte, aber fand es.

„Na, was kommt jetzt? Was hast du mir zu bieten?“

„Nichts.“

„Neeein, das stimmt nicht. Komm sag es mir.“

Ihr Stimme klang nach einer Mischung aus blankem Haß und Heulen. Martin nahm ein 80 mal 80cm großes Gummituch von der Wand und einen kleinen Strick.
„Sie haben wahrscheinlich mein Leben ruiniert“, sagte er mit gedämpfter Stimme, und es klang nicht einmal vorwurfsvoll. „Aber ihr Leben ist hier zu Ende! Jetzt!“

„Oh, diese sachliche Tour erregt mich! Das machst du guuut“, jaulte sie wie eine läufige Katze. Frau Möller zog nicht einmal den Kopf weg, als er das Tuch darum spannte und es mit dem Strick dicht um ihren Hals verschloss.

Ihr Atem wurde sofort flach, das Gummi blähte sich auf und zog sich wieder zusammen. Martin hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde. Er musste es sich auch nicht ansehen. Das bereitete ihm keine Freude. Er machte sich mit einem Lappen daran, seine Fingerabdrücke zu entfernen. Zumindest von den Orten, wo er sicher war, dass er welche hinterlassen hatte. Als wieder hinsah, hatte sich unter ihr eine Pfütze gebildet. Er dachte sie wäre tot, aber dann bewegte sich das Gummi noch einmal, blähte sich auf und sackte wieder zusammen. Martin ging in den anderen Raum und dachte auch an die Klingel. Er hatte keine große Hoffnung, dass er davon kam, deswegen gab er sich keine allzu große Mühe. Es war nur, um es ihnen möglichst schwer zu machen.

Bevor er ging warf er noch einen letzten Blick auf sie. Sicherlich war sie jetzt tot. Der Körper hing schlaff in den Seilen, unter dem Gummi bewegte sich nichts mehr, und die Pfütze hatte bedenkliche Ausmaße angenommen. Er überlegte, ob er sie lieber wegwischen sollte, aber dann entschied er sich alles so zu lassen wie es war.

Als er die Tiefgarage erreichte, war er froh, dass sie es war, die dafür gesorgt hatte, dass er niemals mit Frau Möller in Verbindung gebracht werden konnte. Noch verspürte er nichts als diese nüchterne Leere in sich. Das war keine Rache, für das, was sie ihm angetan hatte. Im Augenblick war er weder wütend, noch unzurechnungsfähig. Wenngleich das in seiner Lage sicher von Vorteil gewesen wäre. Es war eine kühl kalkulierte Notwehr. Sie hatte ihm einfach keine Wahl gelassen. Ihr Tod war sein einziger Ausweg. Wenn man ihn jetzt erwischte, war sein Leben ruiniert. Aber das wäre es auch gewesen, wenn er Frau Möller so hätte weiter machen lassen. Wahrscheinlich würde er noch nicht einmal für besonders lange ins Gefängnis gehen. Wenn alles herauskäme und sie, … Egal, sie würde ihn nie wieder belästigen. Nein, so war es besser. Vorbestraft und ohne Schulabschluss, okay. Aber Frau Möller würde keine Freude mehr daran haben.

Erst, als er zu Hause war, löste sich allmählich die schützende Apathie. Langsam wurde ihm klar, dass er ein Mörder war. Dann sah er die Schulhefte auf dem Tisch. Überall waren ihre Korrekturen eingetragen. Eine verräterische Spur. Er nahm alle Hefte, die er finden konnte und schleppte sie hinaus in den Garten. Es blieb noch genug Zeit, bis seine Mutter heimkommen würde. Mit kleinen Ästen entzündete er ein Feuer und begann die Hefte sorgfältig zu verbrennen.

„Was tust du da?“ fragte Frau Bruckner über die hüfthohe Hecke hinweg, die die beiden Gärten trennte.

„Ich?“ Martin dämpfte den Anflug von Panik. „Ich wollte mir ein paar Kartoffeln rösten.“

„Im Winter?“

„Ich hatte da plötzlich Hunger drauf.“

„Warum nimmst du denn die alten Schulhefte dafür, die qualmen so und stinken nach Plastik. Der Dreck zieht hier rüber in meine frische Wäsche.“

„Ich bin gleich fertig“, sagte Martin mit ungewöhnlich gelassener Stimme, die Frau Bruckner zu beeindrucken schien.

Sie warf noch einen Blick auf Schulhefte und sagte: „Ist ja nicht so schlimm. Ich nehme nur schnell die Wäsche runter.“

„Frauen!“, dachte Martin halblaut. Niemals wieder würde er sich mit einem dieser Biester einlassen. Sie waren allesamt verrückt.

Dann begann das große Warten. Martin rechnete jederzeit mit dem Eintreffen der Polizei. Die ganze Nacht über schlief er schlecht. Dabei hatte er kein schlechtes Gewissen. Was ihn zermürbte, war einzig und allein das Warten. Doch das Warten hatte einen langen Atem. Frau Möller fehlte am nächsten Tag in der Schule. Das war so selten, dass man sich sofort nach ihrem Befinden erkundigte. Leider traf man sie zu Hause nicht an. Sie ging auch nicht ans Telefon. Und nur Martin wußte, warum nicht. Jedenfalls musste eine Vertretung für Frau Möller einspringen.

Auch am nächsten Tag war eine Vertretung nötig. Frau Möller blieb unauffindbar. Martin war fast erleichtert, als er hörte, dass man ihre Wohnung aufgebrochen hatte. Seine Erleichterung war dahin, als er hörte, dass sie trotzdem spurlos verschwunden blieb. Waren diese Leute blind? Martin sah das Bild vor sich, Frau Möller in Ketten mit dem schwarzen Latextuch über dem Kopf. Das konnte man doch nicht übersehen. Vielleicht war sie noch am Leben gewesen, vielleicht war er zu früh gegangen, und jemand hatte sie befreit. Womöglich war sie gerade im Moment auf der Suche nach ihm, um sich zu rächen.

Das Rätsel löste sich schnell, als er mitbekam, dass die Polizei in einer völlig anderen Wohnung gesucht hatte. Frau Möller wohnte in Wirklichkeit in der Vogelsiedlung, ganz in der Nähe von Dr. Wiemann, dem Erdkundelehrer. Eine Wohnung in der zweitbesten Lage der Stadt. Wirklich ruhige und friedliche Gegend. Von der zweiten Wohnung im Neubauviertel wußte womöglich nur er etwas. Martin dachte daran, der Polizei einen anonymen Hinweis zu geben, damit sie endlich gefunden wurde. Aber das würde sie nur um so eher auf seine Spur zu bringen.

Das Warten andererseits zerrte gewaltig an seinen Nerven. Er zwang sich cool zu bleiben und wartete noch fünf Wochen ab. Er verließ sein Zimmer nicht einmal zum Training, ließ seine Schularbeiten sein, saß einfach nur da und wartete auf die Polizei. Ein Zufall brachte die Polizei endlich auf die richtige Spur. Einer der Anwohner der Hochhaussiedlung hatte sich tatsächlich wegen des aufdringlichen Gestankes aus der Nachbarwohnung beschwert. Keiner der Anwohner konnte sagen, wer dort überhaupt wohnte, also brach die Feuerwehr die Tür auf. Sie fanden die bereits leicht verweste Leiche von Frau Möller.

Als Martin davon erfuhr, fühlte er sich endlich befreit. Jetzt ging alles seinen Gang. Er rechnete damit, dass es bei der Blödheit der Polizei wohl noch zwei oder drei Tage dauern würde, bis sie ihn verhafteten. Diese Tage wollte er ausgiebig nutzen. Aber er hatte sich geirrt. Wieder wartete er vergeblich. In der Zeitung musste er lesen, was geschehen war: „Ein trauriger Unfall. Das perverse Doppelleben einer stellvertretenden Schuldirektorin.“ Der Fall wurde tagelang auf Seite eins ausgeschlachtet. Es war eine der größten Sensationen, die diese Stadt je erlebt hatte. „In ihrer Freizeit ging die Lehrerin E.M. zum Nebenverdienst dem ältesten Gewerbe der Welt nach.“ Wer E.M. war, wußte nun wirklich jeder, es wirkte ziemlich albern, nur die Initialen zu verwenden.

In aller Kürze gesagt schloss die Polizei nach nur 8 Tagen ihre Untersuchung mit folgendem Ergebnis ab: Frau Möllers Tod war ein Unfall, der durch eine falsche Handhabung ihrer perversen Spielsachen eingetreten war. Man ging davon aus, dass ein Freier nicht rechtzeitig das Seil wieder löste und Frau Möller in Folge dessen, sozusagen beim Spielen, erstickte. Die Polizei folgerte das daraus, dass keine nennenswerte, oder im Rahmen ihres Gewerbes übliche, Gegenwehr erfolgt sei. Blaue Flecken seien bei dieser Spielart perverser Sexpraktiken durchaus üblich. Da man also davon ausgehen musste, dass die Drosselung der Luftzufuhr, durchaus im Einverständnis mit Frau Möller geschehen war, handelte es sich bei ihrem Tod bestenfalls um fahrlässige Tötung. Und das auch nur, weil ja das völlige Fernbleiben von Sauerstoff sicherlich nicht mit dem Einvernehmen des Opfers erfolgte.

Martin konnte das alles kaum fassen. Zumal die Berichte in der Zeitung detaillierter über jeden ihrer perversen Einrichtungsgegenstände berichtete, als es ‚Schöner Wohnen‘, je fertig gebracht hätte.

Was nun den Freier anging, mit dem sie zuletzt Kontakt hat, ging die Polizei davon aus, dass man ihn wohl kaum ermitteln könne, wenn er sich nicht freiwillig stellte. Die Wohnung war übersät mit Fingerabdrücken, Blutspuren und Resten anderer Körperausscheidungen. Allein auf dem Klingelknopf hatte die Polizei über dreißig Fingerabdrücke gefunden, von denen aber kaum einer vollständig erhalten war. Nur der des Hausmeisters war noch klar zu erkennen, aber der hatte ja nur mal nach dem Rechten sehen wollen. Angesichts der Vielzahl von Spuren und der Tatsache, dass der Tod von Frau Möller auch schon fünf Wochen her war, sah die Polizei keine andere Möglichkeit, als den Fall abzuschließen. Tod in Folge eines Unfalls.

Martin beschäftigte sich drei Tage lang mit nichts anderem als den Zeitungsartikeln. Er las sie immer und immer wieder. Er versuchte herauszufinden, ob dort nicht doch irgendwo ein Haken war, aber er fand keinen. Er war frei. Selbst, wenn sie den Fall später noch einmal aufnahmen, und danach sah es keinesfalls aus, wurden die Chancen ihn zu fassen mit jedem Tag geringer. Er nahm die Zeitungen, trug sie hinaus in den Garten und verbrannte sie, wie damals seine Hefte. Er sah dem März voller Freude entgegen. Frei, endlich wieder ein freier Mensch.