Herr Lehmann (6)

Abendessen mit Muttern

Wie an jedem Tag, nahm Herr Lehmann die U-bahn und betrat kurze Zeit später den kleinen Supermarkt von Herrn Kaslowski. Kaslowski hatte sich lange gewehrt mußte aber vor zwei Jahren dem Edeka-Konzern beitreten. Seitdem war das Angebot nicht besser geworden, aber teurer. Trotzdem hielt Lehmann ihm die Treue. Schließlich erledigte er hier seit über 20 Jahren seine Einkäufe.

Kaslowski war immer hinter der Fleischtheke zu finden. Fleisch ist Chefsache, behauptete er ebenfalls seit 20 Jahren.

„Na, Herr Lehmann, was darf’s denn heute sein?“

„Kotelett, Herr Kaslowski, es soll heute Kotelett sein.“

„Und mit der Frau Mutter, alles soweit?“ fragte Kaslowski, und hielt ihm ein großes Biokotelett mit Filet hin.

Lehmann nickt. „Alles gut.“

„Ich hab heute noch frische, grobe Bratwurst da. Im Angebot. Die ißt ihre Frau Mutter doch so gern …“

Lehmann nickte zustimmend. „Dann davon auch vier.“ Man konnte sich auf Kaslowskis Empfehlungen immer verlassen. Die selbstgemachten Bratwürste hatte er meist nur zweimal die Woche, weil er ja eigentlich Geschäftsführer war und daher zum wursten nur selten Zeit fand. Allerdings war wursten wohl sein eigentliches Metier. Das Team hinter Fleischtheke konnte sich jederzeit mit einem Fleischereifachbetrieb messen. Auch die Verkäuferinnen.

Desweiteren hatte Herr Lehmann Blumenkohl, Milch, Butter und anderen Kleinkram auf dem Zettel. Die Kartoffeln hakte er ab, die hatte er schon gestern besorgt. Dafür nahm er noch Klopapier mit.

Es war täglich in etwa die gleiche Menge, die er seinen kleinen Beutel mit nach Hause brachte, nur am Samstag besorgte Lehmann die Dinge die man auf Vorrat haben mußte.

Es dämmerte bereits herbstlich und bald würde er wieder erst im Dunkeln nach Hause kommen. Eigentlich mochte Lehmann den Winter. Gut es war feucht und kalt, aber es war auch alles etwas stiller und langsamer. Das Lebendige an den langen Sommerabenden empfand Lehmann manchmal als Belästigung.

Herr Lehmann schloss die Haustür auf und rief: „Bin wieder da Mutter!“

Mutter war in der Küche und schälte Kartoffeln.

„Hast du die Koteletts gekriegt?“ fragte sie und ließ sich rechts und links auf die Wange küssen.

„Ja und noch ein paar frische Bratwürste. Kaslowski hat heute gewurstet.“

„Prima.“ Mutter Lehmann legte das Schälmesser beiseite, stand auf, nahm ihm die Einkaufstasche ab und sagte: „Dann setz dich in die Stube mit deiner Zeitung und ich bringe dir ein Bier. Das Essen ist in 30 Minuten fertig.“

Auch das gehörte zu den täglichen Routinen. Lehmann hatte kaum abgelegt, seine Filzpantoffeln übergestreift und sich in den Sessel fallen lassen, da kam seine Mutter auch schon mit dem Bier an. Sie schenkte ihm ein, denn aus der Flasche trinken ging in diesem Haus nicht und platzierte das Glas und die halb volle Flasche auf zwei Untersetzern mit Aquarellmotiven aus der Toskana.

Offenbar war es Mutter schon kalt geworden, denn sie hatte bereits den gemusterten, groß gesteppten Morgenmantel an, den sie sonst nur im Winter trug.

„Mutter, du brichst dir noch mal den Hals“, stellte Herr Lehmann fest und zeigte auf ihre Schuhe. Seit er sich erinnern konnte trug seine Mutter diese hohen Pfennigabsätze. Er hatte sie so schon so oft gebeten, wenigstens im Haus flache Schuhe zu tragen, aber es war nichts zu machen.

„Unsinn. Und wenn, dann soll es halt so sein. Vater hätte es sicher nicht geduldet, daß eine Frau flache Schuhe trägt“, stellte Mutter Lehmann fest.

„Aber mit 78 vielleicht schon.“

„Ach sei nicht albern, Karl. Also dreißig Minuten. Trink in Ruhe dein Bier und dann komm essen.“

Er sah kopfschüttelnd zu, wie Mutter aus dem Zimmer stakste. Sie würde sich eines Tages den Hals brechen. Das war sicher.

‚Vater’, dachte Herr Lehmann. Herr Lehmanns Vater war lange tot, er war gestorben als Karl 15 war. Seitdem lebte er in diesem Haus allein mit seiner Mutter und trotzdem schien der alte Herr immer noch irgendwie anwesend zu sein. Manchmal hatte Karl das Gefühl, er hätte ihn damals einfach nur ersetzt und wäre in den letzten Jahre Sohn und Ehemann in einer Person gewesen. Aber das war wohl so, wenn der Vater zu früh verstarb.