Tanz der Walküren

Kapitel 9

Schon rund um Holzhausen waren die Straßen völlig verstopft. Wagen mit Kennzeichen aus ganz Deutschland und darüber hinaus schlängelten sich die Landstraße entlang zu den Externsteinen. Klinger steuerte die MÜCKE an dem überquellenden Parkplatz vorbei.

„Was wollen diese ganzen Leute hier?“ fragte Klinger seine Beifahrerin.

„Ach, vergiss die, das sind jede Menge Spinner. Von Esoterikern und durchgeknallten Altgermanen, die sich hier voll Met laufen lassen, bis hin zu allen möglichen rechtsradikalen Gruppierungen. Die tauchen hier jedes Jahr zu den Sonnenwendfeiern auf.“

„Gut für uns“, stellte Klinger fest. „In diesem Gewühl fallen wir kaum auf.“

„Und gut für Liebesfeld. Wir werden es nicht leicht haben, ihn zu finden.“

Klinger seufzte. Damit hatte sie nun auch wieder Recht. Er fuhr an den Externsteinen vorbei weiter zum Bärenstein. Den Wagen parkte er in einem kleinen Stichweg. Von hier aus konnten sie mit Ferngläsern die Wiese vor den Externsteinen überwachen.

Gut 500 Meter südöstlich von ihnen tummelten sich düstere Gestalten in Bärenfellen mit Hörnern auf den Helmen um diverse Feuerstellen. Dazwischen Uniformierte der NSDAP-AO, der Jungen Nationaldemokraten und Vertreter der Germanischen Glaubensgemeinschaft. Natürlich durften auch einige rotgefärbte Hexen nicht fehlen.

„Dass die sich alle vertragen!“ staunte Klinger.

Martina zuckte mit den Schultern. „Ist halt tief drinnen ein gemeinschaftlicher Ansatz da. Und für die paar Stunden … Achte auf besonders große, blonde Jungs! Die sollten uns eigentlich auffallen.“

„Viel Zeit bleibt nicht“, brummte Klinger. „Es wird bald dunkel!“

Klingers Handy gab eine elektronische Version von ‚Hänschen Klein‘ zum Besten.

„Klinger!“

Es war Victor. Endlich. Klinger hatte sich schon Sorgen gemacht. Wo blieben die so lange und warum hatten sie nicht mal bemerkt, dass Klinger gefangen genommen worden war?

„Auf einem Flugzeugträger! Im Mittelmeer! Verstehe“, sagte Klinger. Victor teilte Klinger in aller Kürze mit, was sie in Erfahrung gebracht hatten. Klinger wiederum erklärte ihm, wo er sich befand und was er hier so trieb. Victor war zufrieden. Er wollte, dass Klinger die Viren unter allen Umständen in seinen Besitz brachte. Er selbst und die anderen würden versuchen, ihm so schnell wie möglich zu Hilfe zu kommen. Aber wenn Sie nicht rechtzeitig einträfen, sollte Klinger alles daran setzen, diesen Liebesfeld aufzuhalten.

Na, das wäre Klinger auch so klar gewesen. Er war froh, dass er wenigstens Unterstützung durch Martina hatte.

Victor fragte ihn, ob er sich da auch ganz sicher auf Martina verlassen könnte. Klinger bejahte ohne zu Zögern.

Nachdenklich legte er auf. Ganz sicher konnte man in diesen Dingen natürlich nie sein. Wenn Martina nun doch die Seiten gewechselt hatte und ihn hier in eine Falle lockte? Oder auf eine falsche Spur brachte? Aber schließlich hatte sie ihn befreit und die Wachen im Haus getötet. Also war Klinger zuversichtlich, dass Martina schon auf der richtigen Seite stehen würde.

*

Lieutenant Junior Grade Dave Patty betrat in Begleitung von Capt. Roulstone, dem Kommandanten der USS John C. Stennis, den Aufenthaltsraum in dem die Notgelandeten vorläufig festgehalten wurden. Capt. Roulstone war ein weißhaariger, überaus korrekt gekleideter Mann mit stahlblauen, alles durchdringenden Augen. Ein Amerikaner in den Mittfünfzigern wie aus dem Bilderbuch entsprungen. Er begrüßte jeden einzeln mit einem militärisch, zackigen Gruß. Die ausgestreckten Hände ignorierte er traditionsbewusst. Dann erklärte er kurz seine prekäre Lage. Victor und sein Team hatten sich einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt für eine Besichtigung dieses Flugzeugträgers ausgesucht. Die USS J. C. Stennis befand sich auf Kurs ins Adriatische Mittelmeer, von wo aus Luftoperationen gegen Bosnien geplant waren. Um es konkret zu sagen, die USS J. C. Stennis befand sich derzeit in einem Kampfeinsatz.

„Daher haben Sie sicherlich Verständnis dafür, dass ich mich weder persönlich um Sie kümmern kann, noch, dass ich Ihnen erlauben kann, während eines Kampfeinsatzes auf meinem Flugzeugträger herumzuspazieren“, erklärte Capt. Roulstone knapp mit einer entschuldigenden Geste der Arme. „Ich werde Sie, sobald es die Lage zulässt, in einem italienischen Hafen absetzen und Ihr …“ Roulstone stockte einen Moment“. „… Flugzeug von Bord schaffen lassen.“

Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt. Er hatte gesagt, was seiner Meinung nach nötig war. Roulstone legte die Hand zum Gruß an die Mütze und drehte er sich um. Er wollte gehen.

„Captain!“ rief Victor.

Roulstone drehte sich wieder um und starrte Victor an, als ob der ihn gerade aufs Gröbste beleidigt hatte.

„Sir!“ fügte Victor schnell hinzu, dem offenbar gleich klar geworden war, dass man mit Roulstone nicht so sprechen konnte, wie mit einem gewöhnlichen Matrosen.

„Ja, Mister …“

„Jacobi“, soufflierte ihm Lieutenant Patty schnell.

„… Jacobi, was kann ich sonst noch für Sie tun.“

„Entschuldigen Sie, Sir, aber es ist von immenser Bedeutung, dass wir so schnell wie möglich, Ihren Flugzeugträger wieder verlassen. Wir haben einen Auftrag, und der ist wahrscheinlich weit wichtiger, als ein paar veraltete, serbische Stellungen zu beschießen.“

Victor neigte nicht nur dazu, die Dinge manchmal zu dramatisieren. Er neigte vor allem auch dazu, dies im völlig falschen Moment zu tun.

„Mister! Welchen Auftrag Sie auch immer zu haben glauben, das interessiert mich nicht im Mindesten. Und, was wichtig ist und was nicht, das entscheidet einzig der Generalstab. Meine Weisung lautet, einen Luftschlag vorzubereiten und solange sich diese Weisung nicht ändert, werden weder Sie noch sonst irgendjemand auf dieser Welt mich davon abbringen, diesen Auftrag auszuführen.“

„Bei allem Respekt, äh … Sir“, warf Victor ein. „Vielleicht ist ihr Generalstab nicht ganz auf dem Laufenden. Wenn wir diesen Flugzeugträger nicht bald wieder verlassen können, ist es womöglich nicht mehr nötig die Serben zu bombardieren, weil es die dann nämlich nicht mehr gibt. Und natürlich auch niemanden mehr, der sie bombardieren will!“ rief Victor erregt.

„Hört sich an, als wollten Sie die Welt retten.“

„So kann man es sagen.“

„Vielleicht hätten Sie dann damit anfangen sollen, Ihr Flugzeug aufzutanken, dann wäre das alles nämlich …!“

„Capt., Sir!“ mischte sich nun Lothar ein. „Fürs erste wäre uns ja schon damit geholfen, wenn wir Kontakt zu General Bagger aufnehmen könnten, um ihm Bericht zu erstatten.“

Roulstone dachte einen kurzen Augenblick lang nach und beruhigte sich schlagartig. „Da sehe ich kein Problem. Folgen Sie dem Savety Officer in den Funkraum. Er wird dafür sorgen, dass man eine Verbindung für Sie herstellt.“

Lieutenant Patty nahm Haltung an und rief: „Ja, Sir.“

Roulstone nickte zufrieden. „Wenn das alles wäre? Ich habe noch einen Krieg zu führen!“

Lothar machte Victor ein Zeichen, dass er sich da um Gottes Willen raushalten sollte und bedankte sich schnell.

„Dann viel Glück!“ sagte Capt. Roulstone und grüßte noch einmal.

Victor war wütend. Er hasste solche arroganten Befehlsempfänger, die niemals ihr Gehirn einschalteten, um gegebenenfalls selber zu denken.

Micha versuchte Victor zu beruhigen. Er war ganz sicher, dass Lothar dafür sorgen würde, dass sie hier so schnell wie möglich verschwinden konnten. Victor fluchte. Jede Minute zählte. Wenn sie nun zu spät kamen und Liebesfeld die Viren schon freigesetzt hätte, dann …

*

Mehrere Stunden hatten Klinger und Martina nun schon auf der Lauer gelegen. Aber von diesen Thule-Riesen war nichts zu sehen gewesen.

„Allmählich wird es zu dunkel für die Ferngläser“, sagte Klinger. Sie hatten zwar Nachtsichtgeräte dabei, aber die Lagerfeuer, von denen unten auf der Wiese vor den Externsteinen immer mehr entzündet worden waren, beeinträchtigten deren Funktion doch erheblich.

„Es hilft nichts“, meinte Martina. „Wir müssen da runter und uns unters Volk mischen.“

Klinger nickte. Eine andere Möglichkeit sah er im Moment auch nicht. Er kletterte zurück in die MÜCKE und wärmte sich noch ein wenig auf. Dann suchte er nach seiner 45er und bereitete sich darauf vor, die nächsten Stunden in der klirrenden Dezemberkälte herumzulaufen.

„Alles klar?“ fragte Martina.

„Alles klar.“ Klinger folgte Martina. Man merkte ihr deutlich an, dass sie im Außendienst tätig war. Wo sie einen kurzen, lautlosen Schritt zur Seite machte, schlugen Klinger eine Sekunde später kahle, raue Zweige ins Gesicht. 500 Meter zu Fuß durch dieses kleine Wäldchen waren beinahe zu viel des Guten für Klinger. Er fluchte leise vor sich hin.

Nach ein paar Minuten näherten sie sich den Stimmen und Gesängen vor ihnen. Klinger war froh, als er das letzte Gebüsch hinter sich gelassen hatte und endlich auf der freien Wiese stand.

Martina nickte ihm zu. Sie teilten sich auf. Klinger arbeitete sich zum Parkplatz vor. Er war recht unheimlich hier. Eine Hexe tauchte aus dem Nichts vor ihm auf und bestreute ihn mit irgendwelchen Kräutern, dann nuschelte sie etwas und tanzte dreimal um ihn herum. Klinger versuchte ihr auszuweichen. Nach der dritten Umrundung blieb sie genau vor ihm stehen und sah ihn voller Erwartung an. Klinger hatte keine Ahnung, was sie jetzt von ihm erwartete.

„Folge mir nun, Geliebter!“ befahl sie.

Klinger schüttelte den Kopf. Anscheinend hatte sie irgendeinen Liebeszauber an ihm ausprobiert. Gott sei Dank wirkte er nicht. Klinger dachte gar nicht daran ihr zu folgen und wandte sich lieber nach rechts, um in die andere Richtung zu verschwinden.

Deprimiert sah ihm das Hexenweib nach. War wohl besser, erst einmal das Besenreiten zu üben, bevor man sich an die Kapitel für Fortgeschrittene wagte.

Nach einigen Metern sah Klinger sich um. Die Hexe war wieder in einem Pulk anderer Spinner untergetaucht. Es schepperte metallisch. Klinger blieb gezwungenermaßen stehen. Er war gegen ein riesiges Rindvieh gelaufen, das sich vor ihm gegen den Nachthimmel abzeichnete. Nein, das war kein richtiger Stier. Es war nur einer dieser Pseudogermanen, der dabei war sein Wasser an einem blauen Toyota abzuschlagen. Wahrscheinlich eine rituelle Handlung, bei der Klinger irgendwie störte.

Klinger murmelte „Entschuldigung“ und suchte weiter den Parkplatz ab. Das schien ihm nach kurzer Zeit völlig sinnlos. Er würde Liebesfeld nicht einmal erkennen, wenn der zehn Meter vor ihm stand.

Frustriert machte er kehrt. Hoffentlich fand er wenigstens Martina wieder. Sonst wäre er wirklich aufgeschmissen. Das war eine blöde Idee gewesen, sich in diesem Chaos zu trennen.

*

Lothar brachte gute Neuigkeiten mit. General Bagger hatte ihm seine volle Unterstützung zugesichert. Sie konnten jeden Moment mit einer Nachricht von Capt. Roulstone rechnen, der bestimmt schon fieberhaft nach einer Möglichkeit suchte, die ungeliebten Gäste von Bord zu schaffen.

Die Nachricht kam prompt. Lieutenant Patty überbrachte sie. Wahrscheinlich kochte Roulstone dermaßen vor Wut, dass er keine Lust hatte ihnen die Starterlaubnis persönlich zu erteilen.

„Starterlaubnis?“ fragte Beck alarmiert. Auf einem Flugzeugträger zu landen, war schon ein Wagnis erster Güte. Aber er konnte doch unmöglich mit seinem Vogel von hier starten!

„Die Katapult-Crew ist bereits bei den Vorbereitungen. Wenn Sie mir bitte folgen wollen. Der Captain wünscht sie so schnell wie irgend möglich von Bord zu haben.“

Zu allem Überfluss musste Capt. Roulstone ihnen auch noch zwei seiner Maschinen als Begleitschutz mit auf den Weg geben, da die Italiener sich immer noch weigerten, ihnen eine Überflugerlaubnis zu erteilen. Und ohne Schutz über den Balkan auszuweichen, das kam für General Bagger überhaupt nicht in Frage. Schließlich flogen sie an der bosnischen Grenze entlang über Kroatien und Slowenien.

Beck hörte sich all das fassungslos an, während er hinter den anderen her zum Flugdeck marschierte. Es war nun wirklich nicht seine Art, Angst zu haben. Aber ein Katapultstart von einem Flugzeugträger? Das verursachte ihm ein tief gehendes Magendrücken. Glücklicherweise schien keiner der anderen zu ahnen, was da auf sie zukam. Denn selbst Jensen blieb erstaunlich gelassen.

Sie warteten am Rande des Flugdecks, bis zwei Tomcats mit ohrenbetäubendem Lärm an ihnen vorbei in den Himmel entschwunden waren. Dann liefen sie zu ihrer Maschine hinüber. Die Katapult-Crew in ihren grünen Westen fummelte immer noch dem Bugrad der Cessna herum. Das Katapult würde sie in Sekundenbruchteilen auf rund 250 Kilometer pro Stunde beschleunigen und dann käme schlagartig das Nichts. Genau genommen das Nichts mit jeder Menge Wasser darunter. Beck schluckte.

Der Airboss wies ihn mit wenigen Sätzen in die Technik des Katapultstarts ein. Beck nickte. Er hatte verstanden, aber er konnte nicht glauben, dass er es war, der das gleich tun sollte.

Der Tower drängte zur Eile. Victor und die anderen Passagiere nahmen Platz und legten hastig die Gurte an. Die hatten einfach überhaupt keine Ahnung, was auf sie zukam. Beck legte Jensen vorsorglich noch eine Plastiktüte auf die Beine, bevor er sich ins Cockpit verzog.

„Mach nicht wieder solche Kunststückchen, Beck! Hörst du?“ rief sie ihm nach.

Im Cockpit war Lothar bereits mit der Checkliste am Gange. Beck setzte sich und ließ die Triebwerke anlaufen. Dann kam die Order vom Tower. Vollgas. Beck drückte die Hebel nach vorn und presste sich in den Sitz. Lothar schien auch so langsam zu ahnen, was da gleich kommen würde. Die Maschine vibrierte unter der Last der Triebwerke.
Beck war es nicht, der das Katapult auslösen würde. Auch er würde davon völlig überrascht werden.

„Leg endlich den Gang ein“, scherzte Jensen und übertönte nur undeutlich die heulenden Motoren.

Das tat in diesem Moment jemand anders für Beck. Alle im Flugzeug wurden hart in die Sitze gepresst. Beck spürte die rasante Beschleunigung in seinem Gesicht. Er zog eine unfreiwillige Grimasse. Die Cessna machte einen Satz nach vorn und war nach den wenigen Metern Anlauf auf dem sicheren Flugdeck in der Luft.

Beck merkte gar nicht, dass er die ganze Zeit über einen langgezogenen Schrei ausgestoßen hatte. Das war schlimmer als jede Achterbahnfahrt. Der Vogel sackte ab. Beck hatte das Gefühl, die Cessna würde gleich am Ende der Startbahn wie ein Sack Zement ins Wasser plumpsen. Aber die Citation fing sich wieder. Mit einem leichten Zittern in den Händen zog Beck sanft am Höhenruder. Ganz allmählich hob sich die Nase und die Wassermassen unter ihnen verwanden. Es war nicht nur Beck, der die angehaltene Luft ausstieß, das ganze Flugzeug schien befreit durchzuatmen. Jensen erleichterte sich außerdem hörbar auf ihre ganz eigene Art.

„Juliett – Papa – Romeo“ kam es aus dem Funkgerät. „Glückwunsch! Folgen Sie uns jetzt Richtung 0 – 1 – 0. Ende.“

Von rechts stießen die zwei Tomcats zu ihnen und Beck legte den entsprechenden Kurs an.

„Wohin fliegen wir eigentlich?“ fragte Beck, als er alles wieder unter Kontrolle zu haben schien.

Victor hatte seinen Platz verlassen. Er war hinter die Pilotensitze getreten. „Wir müssen möglichst dicht an die Externsteine kommen. Das ist im Teutoburger Wald.“

Lothar fischte sich eine Karte aus der Seitenablage und schlug sie auf.

„Bielefeld oder Paderborn!“ bot er nach kurzem Suchen an.

„Bielefeld traue ich nicht. Nachher ist da kein Flughafen!“ stellte Beck fest.

„Bleibt eigentlich nur Paderborn Lippstadt, das ist 35 Kilometer von diesen Externsteinen entfernt. Die Landebahn ist in jedem Fall groß genug.“

„Wenn sie sich nicht auf und ab bewegt, bin ich ja schon zufrieden“, grunzte Beck.

„Einverstanden. Die sollen uns einen Wagen bereitstellen“, entschied Victor.

Lothar nickte. So etwas war eindeutig Aufgabe des Copiloten.