Tanz der Walküren

Kapitel 8

Die Nachwirkungen des Scopolamins waren ähnlich wie beim Alkohol. Klinger hatte keine Ahnung, wie lange er hier im Rausch gelegen hatte. Sein Kopf schmerzte. Es fühlte sich an, als würde sein Hirn versuchen, sich auf Erbsengröße zusammenzuziehen und dann wieder anzuschwellen, bis die Schädelknochen dem ein Ende bereiteten. Aber ansonsten war er klar im Kopf.

Der Raum, in dem er auf der Liege gefesselt lag, war eine Art Waschraum. Offenbar im Keller von Liebesfelds Haus. Es wurde Zeit, seine Flucht zu planen. Klinger schaute sich um. Hier gab es nichts, was ihm dabei behilflich sein könnte, sich zu befreien. Seine Arme und Beine waren mit breiten Lederschnallen an dem Tisch fixiert. Klinger riss und zerrte daran, aber das war völlig sinnlos. Es gab einfach keine Möglichkeit, die Dinger zu zerreißen.

Jemand kam an die Tür. Klinger verhielt sich still. Besser, er tat so, als ob er noch weggetreten war.

Martina betrat den Raum und kam an Klingers Tisch heran. Geübt fühlte sie seinen Puls.

„Komm schon Klinger, du bist wach! Das war nur eine minimale Dosis. Mach die Augen auf.“ Klinger öffnete die Augen und sah sich um. Er war allein mit Martina in diesem düsteren Verlies.

Sie zog eine Spritze auf. Klinger schloss die Augen wieder und bereitete sich auf einen weiteren Scopolamin-Trip vor. Die Nadel drang in seinen Oberarm ein und verteilte ihr Gift.
Martina tätschelte Klingers Wange. „Komm schon!“

Klinger wartete auf das Einsetzen der Wirkung, aber er fühlte sich jede Sekunde etwas besser.

„Das waren 200mg Koffein, Klinger. Ich habe keine Zeit, dir eine ganze Kanne Kaffee zu kochen. Nun komm schon, wir sind allein.“

Klinger sah Martina an. Sie lächelte auf ihre eigenwillige kühle Art. Dann begann sie seine Fesseln zu lösen. „Beeil dich, wir haben es wirklich eilig.“

Jetzt erinnerte Klinger diese Frau wieder an jene Martina, mit der er zwei Jahre lang beim BND zusammengearbeitet hatte. Sie war nicht mehr jene Frau von vorhin, die ihm voller Wonne stundenlang Ohrfeigen verpasste.

„Danke übrigens, dass du meine Tarnung nicht hast auffliegen lassen“, sagte sie. „Ich hatte zwar keine Ahnung, für wen du zurzeit arbeitest, aber du hast nichts verlernt.“

Das war durchaus wahr. Sie hatten gelernt, sich nicht zu erkennen, selbst wenn sie nicht wussten, wer auf welcher Seite stand. Wenn man während eines Einsatzes auf einen Kollegen traf, der ebenfalls Undercover arbeitete, musste man so tun, als ob der einem völlig fremd war. Man wusste ja nie, ob er nicht an derselben Sache wie man selbst arbeitete und man eventuell seine Tarnung gefährdete. Natürlich hatte Klinger seine Martina sofort wiedererkannt.

„Dann hast du mir also mit Absicht gesagt, was du mir verabreichst hast?“

„Natürlich. Ich wusste doch, dass du nichts ausplauderst, wenn du weißt, was auf dich zukommt. Erinnerst du dich denn nicht mehr daran, das wir denselben Kurs belegt hatten?“

„Klar weiß ich das noch. Ich erinnere mich noch an ganz andere Sachen. Aber nicht daran, dass es dir kommt, wenn du gefesselte Männer ohrfeigst.“

„Tja, ist mal was Neues“, scherzte Martina. „Ich habe inzwischen noch ganz andere Nummern mit Handschellen drauf. Können wir vielleicht später mal ausprobieren, wenn die Sache hier vorbei ist.“

Klinger rieb sich seine Handgelenke. Er war noch nicht endgültig davon überzeugt, dass Martina ihm nicht eine Falle stellen wollte.

„Zieh dir was an“, sagte sie und zeigte auf seine Sachen, die auf dem Holzstuhl bereit lagen.

„Was ist, wenn einer von denen hier reinkommt und uns sieht?“ fragte Klinger.

„Keine Chance“, behauptete Martina. „Das Haus ist gesäubert. Alle die noch hier geblieben sind, habe ich liquidiert.“

„Auch diesen kleinen Köter?“

„Musste sein. Der sprang ewig kläffend um sein totes Frauchen herum.“

Klinger nickte zufrieden. Das war eine wirklich gute Nachricht. „Und Liebesfeld?“

„Tja, das ist das eigentliche Problem. Ich hatte gehofft, schon hier in den Besitz der Viren zu kommen, aber leider ist mir das nicht gelungen. Nun haben wir nur noch heute Nacht die Chance, eine Katastrophe zu verhindern.“

Klinger versuchte seinen mangelnden Gleichgewichtssinn irgendwie zu überspielen. Aber er schaffte es einfach nicht, in seine Hosenbeine zu steigen. Martina kam und half ihm. „Was läuft hier eigentlich?“

„Ich helfe dir beim Anziehen. Ist doch auch mal was anderes. Früher habe ich dir die Hosen immer nur ausgezogen.“

Das meinte Klinger nicht und daran wollte er sich im Moment auch überhaupt nicht erinnern.

„Also, dieser Liebesfeld ist der augenblickliche Großmeister des Thule-Ordens. Diese Leute glauben an eine uralte Legende, wonach Thule eine Stadt war, die ähnlich wie Atlantis vor elend langer Zeit mal untergegangen ist. Dort sollen früher riesenhafte Übermenschen gelebt haben. Zur Jahrtausendwende, so sagt die Legende, soll Thule sich wieder aus den Fluten erheben und ein neues Geschlecht der Ariogermanen hervorbringen. Während der Rest der Menschheit dem Untergang geweiht ist. Das ist die wahre Geburtsstunde des tausendjährigen Reiches.“

„Wow“, sagte Klinger und zog den Reißverschluss zu.

„Es geht noch weiter, wart’s ab! Die Brüder des Thule-Ordens glauben, dass die Reinheit des arischen Blutes über den Fortbestand ihrer Art entscheiden muss. Ihr Blut wird von der Kraft der Runen beschützt. Siehst du das hier?“

Martina zeigte ihm die Innenfläche ihres Handgelenkes. Da war ein SS-Symbol eintätowiert. „Das ist die doppelte Siegrune Sowilo. Das bedeutet: Ich gehöre zum inneren Kreis der Bruderschaft. Eine einfache Siegrune bedeutet, dass es sich um ein einfaches Mitglied handelt. Den Runen wohnt die magische Kraft inne, den Endsieg herbeizuführen. Dann gibt es aber noch die Träger der dreifachen Siegrune. Das sind die Auserwählten. Ihr Blut ist so rein, dass sie die neue Generation der Ariogermanen bilden werden.“

„Dann sieh mal zu, dass du dir rechtzeitig die dritte Rune verdienst“, lästerte Klinger. Er war fertig angezogen und folgte Martina durch die Tür in den Flur. Eine Treppe führte nach oben in das Erdgeschoß. Noch immer war Klinger nicht wirklich überzeugt, dass Martina auf seiner Seite war. Aber seine Chancen zu fliehen, stiegen mit jeder Minute.
„Geht leider nicht. Das ist nicht einfach nur so ein Hokuspokus. Die dritte Rune bedeutet im Klartext, dass dem Blut ein bestimmtes Enzym fehlt. Ein Enzym, dass nach der Infektion mit einem bestimmten mutierten Lassavirus die Krankheit ausbrechen lässt.“

„Was?“ fragte Klinger alarmiert. „Die Kerle sind dann immun gegen das Lassafieber?“

„Jedenfalls gegen die Virusvariante, die der große Magier der Armanen, den du vielleicht unter seinem bürgerlichen Namen Prof. Haushofer kennst, gezüchtet hat.“

Klinger fiel es wie Schuppen von den Augen. Jetzt ergab die Sache einen Sinn. Er warf einen Blick auf den blonden Anabolika-Mutanten, der im Flur lag. Gegen Kopfschüsse von hinten halfen diese Siegrunen offensichtlich nicht viel. Das war beruhigend zu wissen.

„Dann wird dieser Liebesfeld die Viren garantiert irgendwo freisetzen, wenn er schon eine Chance zu überleben hat“, folgte Klinger. „Das ist ein Alptraum!“

„Und gar nicht blöd gedacht. Er wird die Viren aber nicht irgendwo freisetzen, sondern an einem vorbestimmten Ort und zu einer vorbestimmten Zeit.“

„Und du weiß wo und wann?“

„Ja“, sagte Martina. „Es ist ganz in der Nähe. Das zentrale Heiligtum der Armanen. Dort wird das Yul-Fest begangen. Die Wintersonnenwende, die letzte dieses Jahrtausends.“

„Das ist doch heute“, stellte Klinger fest. „Dann nix wie hin!“

„Oh, wir haben noch etwas Zeit. Ich habe Liebesfeld aus Malta den Pilum Longinus gebracht. Aber die Viren sind auf anderem Wege her gelangt. Die müssen sie jetzt erst noch holen.“

„Was ist denn das jetzt wieder für ein Pilaw?“

Klinger stieg über einen weiteren arischen Versager, der die Geburt des tausendjährigen Reiches nun doch nicht mehr erleben würde. Martina hatte ganze Arbeit geleistet.

„Pilum!“ korrigierte ihn Martina. „Angeblich der Speer mit dem ein römischer Kriegsknecht nach Jesu Kreuzigung seine Seite geöffnet hatte. Daher ist die Spitze in das heilige Blut Jesu Christi getaucht worden. Deshalb sollen von diesem Speer einzigartige Kräfte ausgehen. Wer ihn in seinem Besitz hat, hält angeblich das Schicksal der Welt in seinen Händen.“

„Ach ja? Na, im Moment scheint das sogar zu stimmen.“

„Der letzte, der im Besitz des Speeres gewesen sein soll, war der Führer persönlich. Aber nach dem Untergang des dritten Reiches hatte die katholische Kirche den Speer wieder in ihrer Schatzkammer verschwinden lassen. Bis vor ein paar Jahren. Da schaffte es ein geschickter Dieb, den Speer im Auftrag einer Sekte an sich zu reißen.“

„Einer dieser Thule-Brüder!“

„Knapp daneben. Ich war das. Aber der Auftrag kam nicht direkt von den Thule-Brüdern, sondern von den Sonnentemplern. Mit Hilfe ihres Geheimdienstnetzes konnte ich in den Vatikan eindringen und den Speer entwenden.“

„Und dann hast du ihn Liebesfeld übergeben.“

Martina lachte. „Da kennst du die Sonnentempler schlecht. Ihr Anführer Jo di Mambro war ein superparanoider Spinner. Seine Leute haben mich während der ganzen Aktion keine Sekunde aus den Augen gelassen. Also habe ich den Speer brav bei Jo di Mambro abgeliefert!“

„Und?“

Martina zuckte mit den Schultern und hielt Klinger die Schlüssel von der MÜCKE hin.

„Die wollten ja sowieso zum Sirius. Da hat Liebesfeld kurzerhand entschieden, dass es Zeit für Jo di Mambros Transit wäre. Ein paar Brüder des Thule-Ordens waren ihm dabei äußerst gerne behilflich. Sie organisierten die Reise für einen großen Teil der Mitglieder der Sonnentempler. Und so kam Liebesfeld dann doch noch in den Besitz des Speeres. Und mit dessen Hilfe will er heute Nacht das Verderben für die Menschheit auf seine Reise schicken.“

„Wie lange arbeitest du schon an dieser Geschichte?“

„Sind jetzt etwa sechs Jahre. Aber erst der Pilum Longinus war meine Eintrittskarte in den inneren Zirkel. Ich sage dir, der CIA ist nicht halb so paranoid und misstrauisch wie diese Sektenspinner. Da wäre ich schon nach drei Jahren stellvertretender Direktor geworden.“

Klinger lachte und startete den Wagen. Es wurde Zeit, diesem Liebesfeld sein Spielzeug wegzunehmen und die Menschheit vor dem Untergang zu retten.

*

„Vier, drei, zwei …“ zählten die sieben Passagiere im Fahrstuhl ihre letzten Sekunden mit. Die Detonation erfolgte. Zuerst spürte man nur eine kleine Erschütterung, dann kam ein tiefes Grollen hinzu. Der Fahrstuhlkorb begann leicht zu vibrieren und dann erreichte sie die Druckwelle.

Der Fahrstuhl schien in Zeitlupe zu beschleunigen. Wahrscheinlich eine Folge der Druckwelle. Jeder im Fahrstuhl hielt sich spontan irgendwo fest.

„Auf den Boden. Legt euch …“ schrie Beck.

Doch bevor sich in dem Fahrstuhl überhaupt noch jemand hinwerfen konnten schlug der Fahrkorb schon ungebremst unter die Decke des Schachtes. Durch die Wucht des Aufpralls hoben die Passagiere einige Zentimeter ab. Die Träger der Gleitschienen quietschten vor Vergnügen. Das Metall des Fahrkorbes verbog sich unter der Wucht des Aufpralls und die Zelle verkantete sich oberhalb des Ausstiegs. Die Insassen wurden wieder zu Boden geschleudert.

„Au, Scheiße ist das heiß“, schrie Jensen und sprang sofort wieder auf die Beine. Der Fußboden qualmte leicht vor sich hin.

„Wir müssen hier raus, bevor wir kochen!“ rief Victor.

Der Fahrstuhl war, durch die Explosion angetrieben, wie eine Gewehrkugel durch den Schacht gerauscht. Weit unter ihnen verschlang das Benzol in einem Feuerball alles, was in den Laboren noch am Leben war. Allmählich stieg die Hitze bis zu ihnen hinauf.

Zwischen dem Fußboden des Fahrstuhls und der Oberkante des Ausgangs war gerade mal ein halber Meter Platz. Gerade genug, um hinaus zu klettern. Sie mussten nur noch die Türen aufkriegen. Wenn die sich ebenfalls verzogen hatten, dann säßen sie in diesem Schnellkochtopf fest.

Beck und Micha drückten mit vereinten Kräften gegen die Fahrstuhltür. Gott sei Dank ging sie ein gutes Stück auf. Das musste reichen. Beck zwängte sich durch die Öffnung. Dann stand er draußen auf der kleinen Laderampe vor dem Schuppen und atmete tief durch: Frische Seeluft. Am Horizont zeigte sich ein erster Lichtstreifen. Bald würde die Sonne aufgehen.

Die anderen folgten ihm, und wenig später stand die ganze Gruppe auf der Rampe im Freien. Es war ein unbeschreiblicher Anblick. Noch immer waren von unten kleinere Detonationen zu hören. Aus den Luftschächten überall auf der Insel leuchtete es hellorange. Qualm vermischte sich in dichten dunklen Schwaden mit dem flackernden, unheimlichen Licht.

„Was nun?“ fragte Beck.

„Das kann man kilometerweit sehen“, stellte David fest. „ Die maltesischen Behörden werden wenig Freude daran haben, wenn jemand ihre Wasserversorgung lahmlegt.“

„Aber wir haben doch nur …“ warf Jensen ein.

„Das ist denen ziemlich egal, glaube ich“, unterbrach David sie. „Ihr solltet so schnell wie möglich von Malta verschwinden. Wenn die Behörden in der Sache mit drin hängen, und davon bin ich überzeugt, dann werden die sich sicherlich nicht damit begnügen, ein paar Fragen an euch zu richten.“

„David hat recht“, sagte Victor. „Wir müssen hier verschwinden. Schon deshalb, weil wir noch eine Aufgabe vor uns haben. Die Zeit ist zu knapp, um sie damit zu vertun, hier mit irgendwelchen Bürokraten zu verhandeln.“

„Was reden wir dann noch lange herum?“ fragte Beck und wollt sich auf den Rückweg zum Schlauchboot machen.

„Moment mal“, rief ihn der Gruppenführer des BND zurück. „Das Schnellboot liegt in dieser Richtung.“

„Was für ein Schnellboot?“

„Mit dem wir aus Sizilien herüber gekommen sind.“

Beck sah Victor an.

„Nein, nein“, entschied der. „Wir müssen nach Deutschland zurück, so schnell wie möglich. Wir versuchen das Flugzeug zu erreichen.“

Die BND Gruppe schien das auszudiskutieren. Offenbar war ihnen die Passage per Schiff dann doch zu riskant.

„Können wir uns anschließen?“

„In unserem Schlauchboot ist nicht genug Platz“, warf Victor ein.

„Wir könnten unser Schnellboot nehmen und nach Malta übersetzen!“

Das war ein Argument. Victors Gruppe schloss sich der BND-Truppe an.

„Diese ganze Aktion war doch wohl ein totales Desaster“, nörgelte David, während sie durch die Dunkelheit Richtung Schnellboot marschierten.

„Also, das kann man so nicht …“, widersprach Beck zaghaft.

„Ach was! Von Anfang an ein Desaster, sag ich. Still, und ohne, dass uns jemand bemerkt, wollten wir diese Katakomben untersuchen und jetzt? Jetzt haben wir einen Haufen Toter hinterlassen und die halbe Anlage in die Luft gesprengt. Das ging doch schon damit los, dass deine Leute den Alarm ausgelöst haben … solche Amateure!“ schimpfte David auf Victor ein. Victor schwieg betreten.

„Das mit dem Alarm waren wir“, gab Micha kleinlaut zu. „Wir hatten von unserem Agenten einen veralteten Code für das Haupttor bekommen.“

„Halt den Mund!“ wies ihn sein Gruppenführer zurecht.

„Was Sie hier überhaupt zu suchen haben, ist mir sowieso ein Rätsel. Das hier ist schließlich immer noch maltesisches Hoheitsgebiet und da …!“

David brach mitten im Satz ab. Dann sackte er in sich zusammen. Genau wie der BND-Mann, der gleich neben ihm marschierte. Niemand rief: „Deckung!“ Aber alle lagen wie auf Kommando auf dem Boden.

„Das sind noch welche übrig“, vermutete Jensen flüsternd.

„Lothar!“ zischte Micha leise. Der Gruppenführer starrte angestrengt in die angegebene Richtung. Jetzt sah Beck es auch. Die Reflexion eines Zielfernrohres. Viel zu groß für ein normales Fernrohr. Das war ein Nachtsichtgerät. Beck klappte seinen Restlichtverstärker herunter. Der Kerl lag gut geschützt in einer Mulde, vielleicht zwanzig Meter entfernt.
„Granate?!“ grunzte Lothar.

„Njiet“, antwortete Micha.

Sie lagen hier wie auf dem Präsentierteller. Wenn sich einer von ihnen vorwagte, wurde er dadurch automatisch zum leichten Opfer.

„Ist nur einer“, rief Beck. Aber niemand war wirklich begeistert, das zu hören. Micha schob sich langsam einige Zentimeter auf dem Bauch vor. Als er gerade den Schatten der Büsche, hinter denen sie in Deckung gesprungen waren, verließ, pfiffen einige Kugeln an ihm vorbei. Micha rollte sich schnell zurück.

„Bist du verletzt?“ fragte Lothar besorgt. Immerhin hatte er schon die Hälfte seiner Männer verloren.

„Nein.“

„Wie sollen wir bloß an dem Kerl vorbeikommen?“ Victor wurde allmählich nervös. Eigentlich war er für solche Aktionen nicht geeignet. Sein Platz sollte immer hinter der Front sein. In der Logistik zum Beispiel.

„Beck, kannst du den Kerl sehen?“

„Ja, aber nicht treffen.“

„Wir machen es wie die Affen früher“, schlug Jensen vor.

„Was?“ fragte Lothar.

Statt einer Antwort nahm Jensen einen Stein auf. Davon lagen hier weiß Gott genug rum und schleuderte ihn wie eine Handgranate Richtung Gegner.

„Die ist beknackt“, lachte Micha.

„Nein, ist sie nicht!“ rief Lothar, der plötzlich verstanden hatte, wie die Sache laufen sollte. „Wirf!“

„Weiter links“, wies Beck sie ein.

„Eeeh!“ kam ein Aufschrei von vorn aus der Dunkelheit. Der Gegner feuerte wütend eine Salve in die Büsche.

„Noch weiter links. Etwa elf Uhr.“

Drei weitere Steine flogen durch die Dunkelheit. Ihr Gegner konnte die Steine nicht sehen. Also konnte er ihnen auch nicht ausweichen. Ein Aufschrei. Einer von Ihnen hatte getroffen. Sie warfen die nächste Salve. Und noch eine. Jetzt hatten sie sich eingeworfen. Man hörte ein metallisches Geräusch. Einer von Ihnen hatte wohl das Gewehr getroffen.

Plötzlich krachte ein Schuss.

„Hab’ ihn“, grunzte Beck zufrieden. Der Schütze hatte sich nur ein bisschen aus seiner Deckung bewegt, als ihn der Stein getroffen hatte. Das hatte Beck genügt, um ihn zu erwischen.

Micha robbte auf Befehl von Lothar los. Kein Schuss fiel auf der anderen Seite. Eine Minute später gab Micha das Zeichen, dass alles okay war. Beck hatte den Kerl zwar nicht perfekt getroffen, aber den Rest hatte Micha mit dem Messer erledigt. Nun war der Weg zum Strand frei.

Das Schnellboot lag vielleicht 300 Meter von ihrem eigenen Schlauchboot entfernt. Es handelte sich um ein Mark V der amerikanischen Navy.

„Seit wann haben wir so schicke Boote?“ fragte Beck und half die Tarnung zu entfernen.

„Das haben wir uns von den Amis in Neapel geliehen. Die werden ganz schön sauer sein, wenn wir das nicht zurückbringen.“

Beck grunzte. Alle mussten mit anfassen, um das Boot vom Strand abzustoßen. Am Horizont waren Sirenen zu hören. Auf dem Meer tanzten einige Blinklichter auf und ab.
„Malteser Küstenwache!“ rief Beck.

Lothar winkte verächtlich ab und startete den Motor. „Mit unseren 50 Knoten holen die uns jetzt nicht mehr ein. Festhalten!“

Das Boot hob den Bug aus dem Wasser und ging ab wie eine Rakete. „Hey, hoh!“ Beck schrie verzückt auf und klammerte sich an der Reling fest.

„Wie viel sind 50 Knoten?“ wollte Jensen wissen. Sie versuchte mühsam, sich aufrecht zu halten, aber ein hartes Aufschlagen auf dem Wellenkamm wurde durch das Nächste ablöst. Es war wie beim Rodeo.

„Etwas über 90 km/h“ antwortete Victor.

„Da rüber“ rief Beck. „Da hinten steht unser Wagen.“

Die Patrouillenboote der Küstenwache hatten sie anscheinend doch entdeckt. Eines der Boote drehte bei und scherte aus dem Verband aus, um ihnen zu folgen. Die anderen hielten weiterhin Kurs auf Comino. Dort hatte sich das Feuer inzwischen beruhigt und die Insel war wieder vollständig in Dunkelheit getaucht. Doch unter der Erde brodelte der Feuersturm mit Sicherheit noch weiter.

Lothar hatte Recht. Die Küstenwache holte sie nicht ein. Sie fielen langsam aber sicher zurück.

„Wenn jetzt von Osten her nicht gerade ein Zerstörer auf uns zukommt, sind wir in Sicherheit.“ Es war nicht zu übersehen, dass Lothar kein Optimist im eigentlichen Sinne war.
Vielleicht war diese Skepsis gerechtfertigt. Die Operation stand von vornherein unter keinem guten Stern. Dazu passte auch, dass allmählich die Sonne aufging. Wenn tatsächlich in der nächsten Minute ein Maltesischer Zerstörer um die Paradise Bay bog, wären sie hier draußen ein todsicheres Ziel.

Nördlich von Cirkewwa gingen sie an Land. Das Mark V ließen sie am Strand zurück und nach knapp 4 Minuten Fußmarsch standen sie wieder vor ihrem Wagen. Was hieß ihr Wagen? Der gelbe 109er Landrover gehörte eigentlich David.

„Wer hat den Schlüssel?“ fragte Beck.

Niemand antwortete. Sie hatten nicht nur David, sondern auch seinen Autoschlüssel auf der Insel zurückgelassen. Lothar hielt sich nicht mehr mit Kommentaren zu diesem erneuten Desaster auf. Er warf kurzerhand mit einem Stein die Beifahrerscheibe ein und öffnete die Türen. Auf einen Wink hin nahm Micha auf dem Fahrersitz Platz und schloss das primitive, original Zündschloss aus den sechziger Jahren kurz. Kein Problem für eine Handvoll Profis.

Der Flughafen war etwas über zwanzig Kilometer entfernt. Mit dieser Schrottmühle brauchten sie ganze 28 Minuten für diese Strecke. Aber dann standen sie wohl behalten mit unermüdlich tuckerndem Diesel vor dem Maschendrahtzaun, der sie nun noch von ihrem Flugzeug trennte.

„Ne Starterlaubnis kriegen wir wohl nicht, oder?“ fragte Beck rhetorisch.

Auf ein Nicken von Lothar hin trat Micha das Gaspedal des Landrovers voll durch. Der Motor krächzte auf, aber die Reifen drehten nicht durch, als der Wagen auf satte 30 Kilometer beschleunigte, bevor sie den Zaun erreichten. Den walzte das Arbeitspferd aber trotz der geringen Geschwindigkeit mit seinen fast 1,5 Tonnen und seiner Seilwinde auf der vorderen Stoßstange locker platt. Schließlich hatte dieses Fahrzeug bereits die halbe Sahara durchquert, da würde es wohl kaum vor einem einfachen Maschendraht kapitulieren. Der Landi hoppelte quer über die Landebahnen und kam eine Minute später schwerfällig neben der Cessna zum Stehen.

„Schicker Vogel“, freute sich Lothar. Die fünf Überlebenden sahen zu, dass sie in das Flugzeug kamen. Lothar schwang sich gleich auf den Sitz des Copiloten.

„Hab ’ne Lizenz!“ sagte er, als Beck ihn fragend ansah. „Oder fliegt sie?“ Er zeigte auf Jensen. Beck schüttelte grinsend den Kopf und schnallte sich an. Mucksch zog sich Jensen in die Passagierkabine zurück. Beck war ganz froh jemanden im Cockpit zu haben, der sich damit auskannte.

Als die Triebwerke der Citation erwachten, kam auch in den Tower auf der anderen Seite des Rollfeldes neues Leben.

„Juliett – Papa – Romeo – 1 – 3 – 4 – Tango. Stellen Sie unverzüglich die Triebwerke ab“, kam es prompt aus dem Funkgerät. Aber Beck ließ die Maschine bereits anrollen.

„Hier Juliett – Papa – Romeo … ach leckt mich … Tower, das ist negativ. Ohne laufende Treibwerke kann ich nicht starten“, kürzte Beck seinen Erklärungsversuch ab.

Lothars Mundwinkel zogen sich bis hinauf zu seinen Ohren. Im Funkgerät entstand eine kurze Pause. Offenbar dachte man dort angestrengt nach.

„Juliett – Papa – Romeo. Sie haben keine Freigabe für Rollbahn. Wiederhole: Keine Freigabe für Rollbahn.“

Nun war es aber eine unbestreitbare Tatsache, dass Juliett – Papa – Romeo sich bereits auf der Rollbahn befand. Lothar übernahm den Funk, denn Beck musste noch die Checkliste für den Start durchgehen.

„Juliett – Papa – Romeo!“ Lothar machte die Stimme des Mannes im Tower exzellent nach. „Hier Tower, Freigabe für Start, auf …

„Ruhe im Funk!“ brüllte eine Stimme dazwischen. „Juliett – Papa! Was Sie da hören, ist nicht der Tower. Wiederhole: Das ist nicht der Tower!“

„Die Anrede fällt auch immer kürzer aus“, bemerkte Lothar amüsiert und wiederholte einfach seine Startfreigabe. Im Tower entstand ein Chaos. Beck bestätigte die Startfreigabe, die Lothar ihm erteilt hatte.

„Negativ“, schrie der Fluglotse quäkend aus dem Lautsprecher. „Absolut negativ. Hier spricht der richtige Tower. Bleiben Sie am Boden. Bleiben Sie unbedingt am Boden …!“

Der Kerl drehte völlig durch. Auf dem Flugplatz ertönte eine Alarmglocke. Weder Beck noch Lothar hatten Lust, das Spielchen mit dem Funk noch weiter zu treiben. Als die aufheulenden Treibwerke, die hysterische Stimme im Funk noch immer nicht übertönte, drückte Lothar die Sprechtaste seines Funkgerätes und begann lautstark „Oh when the Saints …“ zu singen. Beck stimmte mit heiserer Stimme ein und vervollständigte den Kanon. Dabei drückte er die beiden Gashebel weit nach vorn durch. Schon nach 900 Metern hob die Cessna ihre Nase und Beck zog sie steil hoch.

„Hey, wir haben nicht genug Sprit!“ stellte Lothar fest.

„Kein Wunder, die haben noch nicht aufgetankt. Aber bis Palermo kommen wir allemal“, behauptete Beck zuversichtlich. Irgendwie entpuppte sich Lothar als echter Pessimist. Beck legte den Vogel um 30° quer und zog den Knüppel zu sich heran. Er flog eine wunderschöne Schleife an der aufgehenden Sonne vorbei und nahm Kurs auf Sizilien.

„Ich glaube nicht, dass wir bis Palermo kommen!“

Beck schüttelte den Kopf. Natürlich reichte der Sprit bis Palermo. Ein Pessimist, dieser Lothar. Ein echter Pessimist. Mit Glück kamen sie sogar bis nach Neapel. Lothar tippte mit dem Finger in die Luft und zeigte dabei aus dem Seitenfenster. Da unten lag der Flughafen von Luqa, wunderschön anzusehen in der frühen Morgensonne. Aber Beck sah jetzt auch, was Lothar eigentlich meinte. Da stiegen drei weitere Vögel auf.

„Was zum Teufel …“

„Die gesamte maltesische Luftwaffe!“

„Was sind das für Kisten? Ich kann es nicht erkennen …“

„Drei Gloster Metoeor Mk 8. Wohl nicht schlau gemacht vor dem Trip, was?“

Beck ging nicht auf Lothars Besserwisserei ein. Schließlich waren es seine Leute gewesen, die den Alarm ausgelöst hatten. Beck hatte sich nichts vorzuwerfen.

„Wie schnell sind die Dinger?“ fragte Beck gestresst. Er konnte sie jetzt nur noch auf dem Radar verfolgen.

„950 Spitze. Vier 20 mm Bugkanonen, Originalbewaffnung. Gott sei Dank keine Raketen“, dozierte Lothar. „Und was haben wir?“

Beck grinste Lothar mühsam an. „Einen verdammt genervten Piloten!“

„Oh, ha.“

„Schnallt euch an da hinten. Es wird gleich etwas rütteln“, rief Beck den Passagieren zu.

„Juliett – Papa – Romeo! Hier Tango – Lima – 4 – 4 – 1 – Führer. Drehen Sie bei. Und folgen Sie uns!“

„Noch so ein Überkorrekter“, grunzte Beck. „Tango – Lima, du kannst mich mal!“

Eine Salve von 20 Millimeter-Geschossen jagten über die Cessna hinweg. Man konnte aus dem Cockpit heraus deutlich ihre Leuchtspur verfolgen.

„Ein zu null für die.“

Beck schnaubte wütend. „Zeigt mal was ihr könnt, ihr Malteser Falken!“ brüllte Beck ins Mikro und ließ seine 560Xl scharf über die rechte Tragfläche absacken. Er machte eine Rolle und fing die Maschine sanft ab. Es waren nur noch drei Minuten Flugzeit bis in den italienischen Luftraum. Solange sollten sie sich diese veralteten Düsenvögel locker vom Hals halten können.

„Juliett – Papa – Romeo. Hier spricht Hotel – Hotel – eins – Lima. Versuchen Sie nicht, in den italienischen Luftraum einzudringen. Haben Sie mich verstanden? Wir haben Feuerbefehl!“

„Was ist das denn wieder für ein Witzbold?“

Die Antwort kam schneller als erwartet. So etwa mit Mach 1,5 zischte eine ganze Rotte italienischer Phantom F4 kaum aus dem Nichts auf sie zu. Kurz vor ihnen teilte sich die Formation sternförmig auf. Sekunden später tauchte die Maschine des Rottenführers dicht neben der Cessna auf.

„Verdammt warum lassen die uns nicht rein?“

„Die haben gute Beziehungen zu den Maltesern und wir haben keinen Überflug beantragt.“

„Verdammt. Hotel – Hotel, hören Sie, wir haben nicht genug Treibstoff für irgendwelche Spielchen. Und hinter uns sind drei Verrückte, die uns vom Himmel holen wollen.“

„Juilett – Papa. Ich habe den Auftrag Sie abzuschießen, wenn Sie den italienischen Luftraum verletzten. Hotel – Hotel – Ende.“

Der Rottenführer schaltete den Funk ab und den Nachbrenner ein. Er verschwand, wie er gekommen, im blauen Nichts des Horizontes. In etwa 30 Sekunden mussten sie italienischen Luftraum durchfliegen. Beck konnte in der Entfernung die drei Phantom kreisen sehen. Die warteten da hinten nur auf ihn. Gegen die hatte er überhaupt keine Chance.

„Scheiße, verdammte …“ Beck riss an dem Knüppel und dreht ab.

„Hab dich, Kumpel“, hörte er im Funk. Waren ja schnell zu einem informellen Funkkontakt übergewechselt, die Falken.

„Denkste!“ rief Beck. Er ließ die Maschine senkrecht steigen.

„Was hast du vor?“

„Wenn ich richtig liege, dann haben die eine höhere Überziehgeschwindigkeit als ich. Ich kann runter bis 150.“

Die Cessna zog dichtgefolgt von den drei Gloster senkrecht in den Himmel und wurde allmählich langsamer. Die Überziehwarnung ertönte. Ein monotones, elektronisches Tröten mit dem Hinweis einer ebenso elektronischen, wie öden Stimme: „Stall! Stall!“ In diesem Moment schossen die drei Gloster auch schon an ihnen vorbei.

„HA, HA!“ brüllte Beck vor Freude ins Mikro. Viel Zeit zur Freude blieb nicht, denn er musste schnellstens das Trudeln der Maschine abfangen. Die drei waren ebenfalls ins Trudeln geraten. Damit war Beck seine Gegner für kurze Zeit los.

„Was zum Teufel geht da oben vor!“

Das waren jetzt aber weder die Malteser noch die Italiener. Beck hatte die Maschine wieder unter Kontrolle. Die Italiener waren zwei Uhr vor ihm. Die Malteser irgendwo in der Sonne. Und von ganz anderswo über ihnen senkte sich in diesem Moment eine amerikanische F14 Tomcat bis auf ihre Cockpithöhe ab.

„Was ist ihr Problem Juliett – Papa – Romeo?“

„Ich habe drei verrückte Malteser am Arsch, kaum noch Sprit und die Italiener wollen mich nicht landen lassen, das ist mein Problem.“

„Lass mich mal“, ging Lothar dazwischen. „Hier Bravo Führer. Operation Wolfsschanze. Informieren Sie General Bagger von der Nato, dass wir dringend Hilfe brauchen.“

„So kann man das auch sagen“, grunzte Beck.

Der Pilot in der Tomcat schien unverzüglich auf einem anderen Kanal zu sprechen. Die Antwort kam aber prompt.

„Juliett – Papa. Bleiben Sie dicht bei meinem Flügelmann.“

Die F14 zog mit einer Rolle nach Backbord ab. Dafür erschien eine weitere Tomcat unmittelbar vor Beck und wackelte mit den Stummelflügeln.

„Hoffentlich wissen die, dass wir noch für 6 Minuten Sprit haben. Wenn der Zirkus hier noch länger dauert, dann erreichen wir kein Land mehr!“

Lothar betätigte sein Funkgerät. „An die Tomcat vor uns. Wir haben nur noch für 6 Minuten Sprit. Wir müssen landen.“

„Tomcat, verstanden. Bewahren Sie Ruhe und folgen Sie mir.“

Die zweite F14 hatte sich hinter Beck in Position gebracht. Der Pilot warnte die ankommenden maltesischen Glostermaschienen und forderte sie auf abzudrehen. Beck war beruhigt. Gegen die Tomcats waren die fliegenden Oldtimer total machtlos. Das einzige, was ihm im Moment noch Sorgen machte, war das fast vollständige Fehlen von Treibstoff und oder Land.

Die Stimme des Tomcat-Führers wurde plötzlich energisch. Zwei der Gloster hatten wohl aus Vernunftgründen abgedreht. Aber die dritte hatte sich neben die Tomcat gesetzt und prompt das Feuer eröffnet. Der Pilot der Tomcat versuchte ihn abzudrängen. Aber der Malteser-Falke war hartnäckig und versuchte sich immer wieder in eine gute Schussposition zu bringen. Ein guter und mutiger, aber ganz sicher auch reichlich dummer Flieger.

„Juliett – Papa“, rief der Tomcat-Pilot energisch. „Kann die Gloster nicht abdrängen, eröffne das Feuer. Schlage vor, Sie machen ihn blind.“

„Juliett – Papa, verstanden“, sagte Beck.

„Was meint der?“ wollte Lothar alarmiert wissen.

„Das heißt nur, dass sie uns keine Deckung geben können, also verstecken wir uns in der Sonne.“

Der Flügelmann war ruckartig nach unten abgetaucht. Beck ließ die Maschine drehen, bis sie unmittelbar auf die Sonne zuflogen. Wenn der Gegner das merkte war er gezwungen zu steigen oder sinken, um sein Ziel wieder sehen zu können. Die Tomcat mussten sich jetzt schon hinter der Gloster befinden. Jeden Moment würden sie ihre Rakete abfeuern. Die Frage war, ob Beck nach oben oder unten ausweichen sollten? Wenn der Glosterpilot zu dicht bei ihnen war, würden sie bei der falschen Entscheidung womöglich etwas abbekommen. Beck sah auf den Höhenmesser. Um nach unten auszuweichen, waren sie viel zu tief. Das wusste der Gloster Pilot sicherlich auch. Also war die Sache klar. Sie wichen nach unten aus. Die Tomcat lauerte darauf, dass Beck aus der Schussbahn flog.

„Festhalten!“ rief Beck. Er legte die Maschine auf den Rücken und zog das Höhenruder soweit es ging nach hinten. Die Cessna schoss aus der Sonne heraus senkrecht auf das Meer zu. Das hatte den Malteser Falken mit Sicherheit verwirrt. Sie hörten eine Explosion. Damit dürften die Fragen des maltesischen Piloten nach dem Sinn von Becks eigentlich idiotischer Entscheidung ein abruptes Ende gefunden haben.

Beck machte im Sturzflug eine halbe Rolle. Die Cessna gehorchte brav aber träge, dann versuchte er, die Maschine möglichst noch über dem Meeresspiegel wieder hochzuziehen. Zentimeter für Zentimeter hob sich die Nase der Cessna. Das Meer wurde größer und größer. Es kam bedrohlich nahe. Damit wurde auch Lothar klar, wie unsinnig die Entscheidung nach unten auszuweichen gewesen war. Aber dann reagierten endlich die Höhenruder. Die Maschine flog eine elegante halbe Ellipse und lag wieder gerade. Beinahe hätten sie die Wellen unter ihnen mit der Hand anfassen können, so knapp war es gewesen.

„Scheiße! Scheiß!“ schrie Beck mit echter Panik in der Stimme. Er legte die Maschine sofort wieder quer und zog die engste Kurve, die er je in seinem Leben geflogen war. Unmittelbar vor der Cessna war eine Wand aus Stahl aus den blauen Tiefen des Mittelmeeres aufgetaucht. Eine Wand inmitten des Meeres, damit hatte er beim besten Willen nicht rechnen können. Es war viel zu spät, die Maschine wieder nach oben zu ziehen. Lothar hielt die Luft an. Die Cessna rauschte nur wenige Meter an dem gigantischen Stahlklumpen vorbei.

„Sind Sie denn wahnsinnig?“ Die Stimme im Funk hatten Sie vorhin schon einmal gehört. „Wenn Sie auch nur einen Kratzer in meinen Flugzeugträger machen, dann … Cornelli, bringen Sie diesen Spaßvogel runter, aber schnell!“

Die Tomcats flogen nun wieder neben der Cessna.

„Juliett – Papa“ rief der Tomcatführer nach Beck. „Wie viel Sprit?“

Beck sah auf die Anzeige. „2 Minuten.“

„Okay“, sagte die Seebären-Stimme wieder im Funk. „Hier spricht Capt. Roulstone Commanding Officer der USS John C. Stennis. Sie haben die Erlaubnis zu landen. Aber ich warne Sie, bohren Sie mir kein Loch in den Rumpf! Wenn Sie nicht sicher landen können, wassern Sie von mir aus, oder springen Sie einfach ab, oder sonst was! Wir fischen Sie schon wieder raus.“

„Danke Kapitän.“

„Das ist nicht dein Ernst. Können wir nicht woanders landen?“

„Wir erreichen nicht einmal mehr das Festland“, stellte Beck klar. „Außerdem wollte ich das schon immer mal probieren.“ Beck ließ sich von den amerikanischen Piloten in den Landeanflug einweisen.

„Keine Sorge!“ beruhigte ihn der Tomcatführer, als Beck auf dem Gleitpfad war. „Wenn das erste Netz nicht hält, das dritte ganz sicher.“

Der Landing Signal Officer übernahm die Einweisung. Als Beck seinen wackeligen Anflug startete, begann der LSO mehrmals wie wild mit den Armen zu rudern. Offenbar sollte Beck den Anflug abbrechen. Aber für solche Sperenzien blieb kein Sprit mehr. Beck zielte auf die Fangnetze, die hinter dem LSO aus der Landebahn hochgeklappt worden waren.

„Wenn diese verdammte Landebahn mal stillhalten würde!“ maulte Beck. Er war nicht daran gewöhnt, dass sich die Landebahn bewegte, als wenn sie sich ihm entziehen wollte. Lothar sagte nichts mehr. Seit Beginn des Landeanfluges war es im Cockpit verdächtig still geworden.

Die Flugzeugträger war zum Greifen nah. Beck brauchte jeden Meter der Landfläche. Er versuchte, die Maschine gleich hinter der Kante des Flugdecks aufzusetzen. Die Maschine durfte keinesfalls bocken, sonst riskierten sie, über das Fangnetz zu springen.

Als das Fahrwerk den Boden berührte, war die Landung so sanft, als ob sie in einem Tiegel mit Gleitcreme aufgesetzt hätten. Lothar blieb angespannt. Er betätigte fast im Moment des Aufsetzens die Bremse. Das brachte nur Zentimeter und war eigentlich riskant. Die Maschine hätte ausbrechen und sich überschlagen können.

Das erste Fangnetz hielt bereits, in das zweite Fangnetz rutschte die Cessna nur noch halb rein. Die Landung war absolut perfekt. Vor allem, wenn man bedachte, dass es das erste Mal war, dass Beck auf einem Schiff landete.

„Klasse gemacht!“ lobte ihn Lothar erleichtert und atmete tief durch.

Beck löste seinen Gurt und sah nach den anderen Passagieren. Die saßen bleich und steif in ihren Sitzen und gaben keinen Mucks von sich.

„Hey Jensen, tut mir leid, dass vorne kein Platz mehr für dich war.“

Jensens Backen blähten sich plötzlich auf. Sie löste den Gurt. Sie stürmte zur Tür und riss sie auf.

„Ma’am, ich muss Sie bitten, nicht auf mein Flugdeck kotzen!“ fuhr der Airboß sie an. Aber für solche Ermahnungen war Jensen derzeit nicht zugänglich.

„Ma’am bitte!“ versuchte es der Airboss noch einmal, aber es war zu spät. Jensen wendete sich noch ab und übergab sich gleich unter der Tragfläche. „Oh, shit.“

Als Beck aus dem Flugzeug trat, hatte er irgendwie ein Blitzlichtgewitter erwartet, zumindest aber jubelnde Massen, die ihm zu dieser Meisterleistung beglückwünschten. Stattdessen stand nur ein genervter Airboss vor ihm, während der Rest der Deckcrew geschäftig ihren üblichen Tätigkeiten nachging.

„Sir, bitte verlassen Sie umgehend die Maschine, damit die Crew sie von Deck schaffen kann.“

Vier Matrosen mit blauen Westen machten sich sogleich an der Cessna zu schaffen.

„Und folgen Sie bitte dem Safety Officer Lieutenant Junior Grade Dave Patty. Das ist der Mann mit der weißen Weste, gleich da vorn.“

Nachdem Jensen die letzten Bröckchen von sich gegeben hatte, beeilten sich Beck und die anderen auf die andere Seite des Flugdecks zum Safety Officer zu gelangen. Es war ein höllischer Lärm hier oben. Beck hielt sich die Ohren zu, während er lief.

Lieutenant Junior Grade Dave Patty führte die Gruppe unter Deck in einen Aufenthaltsraum für Mannschaften. Eine Wache wurde vor der Tür postiert und sie mussten hier warten, bis der Kapitän entschieden hatte, was mit ihnen weiterhin geschehen würde.