Tanz der Walküren

Kapitel 7

Beck klappte den Restlichtverstärker vor die Augen. Die Landschaft wurde in ein phosphoreszierendes Grün getaucht. Comino schien völlig verlassen vor ihnen zu liegen.
Er gab Jensen ein Zeichen, weiter nach Backbord abzudrehen, da war eine kleine Einbuchtung mit einem flachen Strand. Jensen verlangsamte die Fahrt, der Außenborder des kleinen Schlauchbootes gab jetzt nur noch ein sanftes Tuckern von sich. Zehn Meter vor dem Strand würgte sie den Motor endgültig ab und klappte den Antrieb aus dem Wasser. Ohne jedes Geräusch trieb das Schlauchboot auf den Strand zu.

David und Victor kletterten aus dem Boot und verbargen sich hinter einem Felsvorsprung. Jensen versuchte, das Fahrzeug so gut wie möglich zu verstecken. Viel Auswahl hatte sie hier nicht.

Beck suchte mit dem Nachtsichtgerät die Umgebung ab. Niemand zu Hause. Weiter östlich war Licht. Es kam aus den Fenstern eines der wenigen Gebäude der Insel. Aber das lag gut 800 Meter weit weg. Von dort hatte sie wohl niemand gehört.

Die vier schwarz gekleideten Gestalten arbeiteten sich in geduckter Haltung nach Norden vor. 400 Meter von ihrer Landestelle entfernt sollte sich einer der Luftschächte befinden. Er lag gut getarnt hinter zwei Macchie-Sträuchern. Ein schweres Eisengitter hielt Kaninchen und andere ungebetene Gäste ab. Beck tropfte etwas Salzsäurelösung auf die leicht angerosteten Schrauben. Nach einigen Sekunden ließ sich das Gitter ohne große Mühe entfernen. Der Schacht reichte tief hinunter. Da unten konnte Beck kein Ende absehen. Jensen sicherte ihn mit einem Seil und Beck machte sich an den Abstieg. Der Schacht war breit genug, dass sich zwei ausgewachsene Männer gleichzeitig hätten hindurch zwängen können.

Nach etwa 30 Metern hatte er wieder Boden unter den Füßen. Von hier aus führte der Schacht waagerecht in alle vier Himmelsrichtungen. Hier war alles okay. Beck zog rhythmisch an dem Seil. Einer nach dem anderen ließ sich mit einem surrenden Geräusch in die Tiefe gleiten.

Keiner von ihnen kannte sich hier aus. Sie konnten nur raten, welcher Schacht sie ans Ziel bringen würde.

„Wir probieren alle vier“, flüsterte Jensen.

„Negativ“, sagte Beck. „Wir bleiben schön zusammen.“

Die anderen waren nicht seiner Meinung. Viel Zeit für Diskussionen blieb ihnen nicht. Sie einigten sich auf zwei Teams und zwei Tunnel.

David kroch hinter Jensen her in den östlichen Tunnel. Beck und Victor nahmen sich den nördlichen vor.

Nach etwa fünfzig Metern auf Knien stieß Beck auf ein Belüftungsgitter. Er versuchte mit Hilfe des Restlichtverstärkers festzustellen, was sich hinter diesem Gitter verbarg.

„Sieht aus wie eine Besenkammer!“ So leise es ging, rief er Jensen über Funk.

„Hier ist auch ein Gitter“, informierte ihn Jensen.

„Kannst du sehen, was dahinter ist?“

„Klar, ist hell erleuchtet. Das muss die Küche sein!“

„Gut, dann kommt hierher. Durch dieses Gitter können wir auf alle Fälle unbemerkt eindringen.“

„Okay“, stimmte Jensen unerwartet vernünftig zu.

Leise entfernte Beck das Gitter vor dem Schacht und ließ sich in den Raum hinab. Als erstes sicherte er die Tür und wartete darauf, dass die anderen ihm folgten.

Auf dem Gang hinter der Tür brannte nur eine rote Notbeleuchtung. Rechts von ihnen befand sich eine schwere Metalltür. Dahinter konnte man ein niederfrequentes Brummen großer Maschinen hören.

Als Jensen hinter ihm stand und ihn gesichert hatte, öffnete Beck die Tür einen Spalt breit. Eine gigantische unterirdische Halle lag vor ihnen. Rohre mit einem Durchmesser von bis zu zwei Metern verliefen scheinbar kreuz und quer durch den Raum. In der Mitte waren drei gigantische Metallkessel, aus denen stellenweise Wasserdampf in kleinen Schwaden entwich.

„Die Entsalzungsanlage!“ stellte David fest. Beck stieg die kleine Metalltreppe hinab und schlich voran zwischen den Rohren hindurch, um auf die andere Seite des Gewölbes zu gelangen. Niemand schien hier zu arbeiten.

Beck wich dem Dampfstrahl eines Überdruckventils aus und trat langsam durch die Schwade. Er sah, dass er sich irrte. Nur zehn Meter vor ihm stand ein Techniker mit einem Schraubenschlüssel in der Hand und drehte an einem Zulaufrohr herum. Der Mann trug einen Kopfhörer als Gehörschutz über seiner Schirmmütze. Er konnte Beck weder sehen noch hören.

Die anderen folgten Becks Anweisungen und krochen unter einem der dicken Rohre her, bis sie wieder aus dem Blickfeld des Mannes waren. Dann schlichen sie die gegenüberliegende Eisentreppe hinauf, bis auf die Brüstung.

Jensen ließ den Techniker keinen Moment aus den Augen und hatte ihn mit ihrer Calico stets im Visier. Aber der Mann war zu sehr in seine Arbeit vertieft. Manchmal übertönte er das ständige sonore Brummen der Maschinen mit seinem Gesang. Maikäfer flieg. Dein Vater ist im Krieg. Die Mutter ist im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer flieg.

An der westlichen Wand musste das Kontrollzentrum für die Entsalzungsanlage sein. Die vier dicken Glasscheiben waren hell erleuchtet.

Sie mussten die Balustrade so schnell wie möglich verlassen, sonst könnte man sie womöglich von dort oben aus entdecken. Becks Instinkte führte die Gruppe durch zwei weitere scheinbar endlose, notbeleuchtete Gänge bis sie vor einer Stahltür mit zahlencodiertem Sicherheitsverschluss standen.

„Und nun?“ fragte Jensen.

„Wir bräuchten Klinger“, sagte Beck.

„Ihr werdet doch wohl so eine einfache Stahltür aufkriegen“, nörgelt Victor ungeduldig. „Wie wär’s, wenn ihr das Schloss kurzschließt?“

Beck und Jensen schauten ihren Boss verständnislos an.

„Ja, macht man das nicht so?“

Beck und Jensen schüttelten den Kopf.

„Dann Aufschießen!“

„Eigentlich wollten wir jeden Lärm vermeiden“, erklärte Jensen.

„Wenn wir hier noch lange rumstehen, wird man uns auf alle Fälle entdecken“, sagte David. Da hatte er Recht. Aber was sollten sie sonst tun?

In diesem Moment wurde die Tür von innen geöffnet. Ein verdutzt dreinschauender Uniformierter stand den vier Gestalten hilflos gegenüber. Beck zögerte nicht lange und erledigte ihn mit seinem Kampfmesser. Schnell sprangen die anderen drei auch über die Türschwelle. Aber die Tür schloss sich nicht mehr selbsttätig.

David schien nicht damit einverstanden zu sein, dass Becks Leute so leichtfertig von der Waffe Gebrauch machten. Während Beck die Wache weiter in den Gang hinein schleifte, um sie dort irgendwo zu verstecken, beruhigte Victor seinen Freund. Schließlich ging es hier nicht um irgendwelchen Kinderkram. Vielleicht stand bei dieser Aktion das Überleben der ganzen Menschheit auf dem Spiel. Da durfte man nicht zimperlich sein.

Beck hatte sein Opfer in einen Quergang geschleppt. Hinter einer der Türen befand sich eine Art Mannschaftsunterkunft. Beck legte die Leiche in eines der Betten und deckte ihn flüchtig zu.

Nachdem sie zehn Minuten durch die unterirdischen Gänge geirrt waren, entdeckten sie endlich eine große Halle. Der Raum hatte Ähnlichkeit mit einem mittelalterlichen Rittersaal. Ein langer gerader Eichentisch stand in der Mitte und an beiden Seiten säumten ihn zwei Stuhlreihen, die wohl an die 60 Leuten Platz boten. Jensen und Beck entdeckten hinter den langen roten Wandbehängen, diverse kleinere Tunneleingänge. Offensichtlich handelte es sich dabei um Abkürzungen oder Geheimgänge.

„Das ist das Zeichen, das Jürgends an seinem Handgelenk eintätowiert hatte.“ Victor zeigte auf eine der Fahnen mit dem weißen Kreis.

„Das ist das Zeichen der SS“, behauptete Beck.

„Das sind Siegesrunen“, korrigierte Victor. „Aber die SS hatte zwei und hier auf den Fahnen sind drei dieser Runen.“

„Vielleicht die Super-Schutz-Staffel?“ flachste Jensen.

An der Stirnseite der Halle befand sich ein länglicher, gläserner Schrein, ausgelegt mit blutrotem Samt. Beck ging darauf zu. Der Schrein schien leer zu sein.

Als Beck gerade noch 5 Meter davon entfernt war, ertönte eine Sirene, die verdächtige Ähnlichkeit mit einem altbekannten Signal hatte. Fliegeralarm!

„Was hast du jetzt schon wieder gemacht?“ schrie Jensen.

„Nichts, verdammt noch mal!“ brüllte Beck zurück. Warum sollte immer schuld er daran sein, wenn etwas schief ging? Die Sirenen übertönten seine Stimme. David schaute sich nervös um. Die ganze Aktion verlief überhaupt nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte.

„Wir sollten hier verschwinden!“

Da hatte David zweifellos recht. Es war zwar noch niemand zu sehen, aber Beck spürte förmlich, dass in diesem Moment der ganze unterirdische Komplex zum Leben erwacht war.

Das Team zog sich so schnell es ging zurück. Sie versuchten denselben Weg zurückzulaufen, den sie gekommen waren. Aber schon in dem ersten Gang, in den sie einbogen, wartete eine Art Patrouille auf sie.

„Da hinten!“ rief einer der Männer und zeigte auf Beck. Der Rest der Gruppe eröffnete sofort das Feuer. Beck warf sich zu Boden und erwiderte das Feuer. Jensen unterstütze ihn aus der Deckung heraus. Vorsichtig robbte Beck wieder aus der Schusslinie.

„Zurück, zurück“, schrie Beck und gab den anderen solange Feuerschutz, bis sie wieder in der Halle waren. Dann rannte er ihnen nach.

Jensen hatte einen der kleinen Seitengänge als alternativen Fluchtweg gewählt und Beck hoffte nur, dass der auch irgendwo hinführte. Die Gegner waren ihnen bereits auf den Fersen, und es würde nicht lange dauern, bis sie herausfanden, welchen Gang die Eindringlinge genommen hatten. Der kleine Tunnel war nicht besonders lang und sie erreichten durch eine Klappe, die als Wandbehang getarnt war, den Speisesaal der Anlage. Kaum hatten sie ihn betreten, wurden auf der gegenüberliegenden Seite die Türen aufgerissen. Sowohl Beck als auch Jensen erwischten je eine der herein stürmenden Wachen.

„Da links!“

Beck deutete auf die Anrichte der Essensausgabe. David und Victor sprangen auf die Anrichte und ließen sich dahinter in Deckung fallen. Dann eröffneten beide das Feuer. Beck hatte sich hinter einem Tisch verschanzt und die Wachen deckten ihn vom Flur her mit reichlich Blei ein. Holz splitterte. Lange würde der Tisch sicher nicht mehr halten. Er sprang auf. Eine Kugel pfiff geradewegs an seinem Ohr vorbei. Mit vorgestreckten Armen warf er sich der Länge nach zu Boden und rutschte über das frisch gebohnerte Parkett bis zur Anrichte. David und Victor feuerten blind auf den Eingang, so dass Beck genügend Zeit blieb, sicher über den Tresen zu springen.

„Hier sitzen wir in der Falle“, stellte Jensen beunruhigt fest.

„Die kennen sich hier aus“, rief Victor. „Dauert nicht lange, bis die uns eingekreist haben!“

Beck sah sich um. Hinter ihnen war die Küche. Dort hatten sie genug Deckung, um sich eine ganze Zeitlang zu halten. Vom Flur her wurde nicht mehr geschossen.

„Kommen Sie raus und ergeben Sie sich!“ rief jemand vom Flur her mit sächsischem Akzent.

Beck machte Jensen ein Zeichen. Sie verstand und schlich weiter in die Küche hinein. Hinter der ersten Tür war der Kühlraum. Die zweite Tür führte zum Lagerraum. Hier lagen Vorräte in den Regalen, die 100 Mann mit Sicherheit zwei Jahre ernähren konnten.

Jensen wollte die Tür schon wieder zuschlagen, da entdeckte sie an der hinteren Wand einen Lastenaufzug. Ein Pfiff machte Beck auf den möglichen Fluchtweg aufmerksam. Sie winkte ihre Gruppe heran. Jensen rannte zum Aufzug und öffnete die Tür. Da war Platz für mindestens zehn Personen. Mit diesem Aufzug brachten sie wohl die Vorräte herunter.

„Nach oben“, befahl Victor. „Wir müssen hier sofort weg.“

Der Fahrkorb setzte sich träge in Bewegung. Die Fahrt nach oben dauerte bei dieser Geschwindigkeit ziemlich lange. Dann aber waren sie endlich aus dem unterirdischen Labyrinth heraus.

Sonnenlicht strömte durch die beiden, schmalen Fenster an der Fronttür. Beck riss die Tür auf. Auf dem Hof vor dem Gebäude warteten dieselben Khakiuniformen auf sie, wie da unten. Nur hier oben hatten sie automatische Waffen. Die Salve aus einer Uzzi schwirrte durch den Fahrstuhlkorb.

Eine der Kugeln erwischte David am Arm. Er schrie auf und ging zu Boden. Jensen schoss sofort zurück, und Beck zog schnell es ging die Tür wieder zu. In gleichen Moment prallten auch schon die ersten Geschosse von der schweren Metalltür des Fahrstuhls ab. Die Scheiben der Türfenster zersplittern. Jensen und Beck schossen durch die kaputten Fenster zurück. So hielten sie die Gegner wenigstens davon ab, näher an sie heran zu kommen. Aber hier saßen sie irgendwie in der Falle. Victor drehte sich um und suchte nach einem Fluchtweg. Hinter ihnen war noch ein zweiter Ausgang aus dem Fahrstuhl. Die Tür war geöffnet worden. Eine Gruppe schwarz vermummter Männer hielt automatische Waffen mit Laserpointern auf sie gerichtet. Diese Kerle sahen weitaus entschlossener und gefährlicher aus als die Trantüten in Khaki da draußen auf der anderen Seite.

„Scheiße“, fluchte Beck. Sie waren direkt in die Arme der gegnerischen Eliteeinheiten gelaufen. Selbst Jensen hob augenblicklich die Hände in die Luft. Diesmal hatte man sie erwischt, daran bestand kein Zweifel mehr.

*

Klinger hatte große Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Ein schaler Geschmack nach faulen Haselnüssen lag auf seiner Zunge. Er hätte gerne ausgespuckt. Aber sein Mund fühlte sich an wie nach mehreren Betäubungsspritzen beim Zahnarzt. Er hatte seinen Kiefer überhaupt nicht mehr unter Kontrolle.

Bewegungslos blieb er liegen und starrte an die Decke. Grelles Licht flutete von dort herunter, darin schwammen kleine Schatten wie Fische in einem Aquarium hin und her. Anscheinend war er nicht allein. Das einzig Gute an seiner Lage war, dass er nicht tot war. Oder vielleicht doch? Das Licht an der Decke verblasste allmählich. Die Schatten entpuppten sich als Arme, die über seinem Kopf hin und her bewegt wurden.

„Er kommt zu sich“, dröhnte es in seinem Schädel so laut, als hätte jemand die Rolling Stones im Kölner Doom losrocken lassen.

Klinger verzog das Gesicht. Das alles erinnerte ihn entfernt an einen LSD-Trip, den ihm jemand bei einem Einsatz in Kuba in seinen Drink geworfen hatte. Man musste ihn stark betäubt haben. Langsam aber sicher ließ auch das unaufhörliche Hämmern in seinem Schädel nach. Wahrscheinlich war das sein eigener Herzschlag gewesen. Das Blut, das durch seine Ohren rauschte, hörte sich an wie eine Meeresbrandung. Aber auch das klang immer mehr ab. Er versuchte den Kopf zu drehen. Es ging.

Auf Kopfhöhe neben ihm saß Liebesfeld einem Hocker und lächelte seinen Gefangenen fröhlich an.

„Willkommen zurück“, sagte Liebesfeld und schnalzte mit der Zunge. Er stand auf und sah zu Klinger hinunter. „Sie haben sicherlich Verständnis dafür, dass ich Ihnen einige Fragen stelle.“ Dann beugte sich Liebesfeld vor und kam ganz dicht an Klingers Gesicht. „Zuerst einmal: Wer sind Sie?“

Klinger war sich nicht sicher, ob er diese Frage überhaupt beantworten konnte. Sein Gaumen war immer noch taub.

„Leider muss ich auf Antworten bestehen, das ist Ihnen doch bestimmt klar?“

Klinger versuchte zu nicken. Er wusste nicht, was dabei herausgekommen war. Eine Hand in Gummihandschuhen griff nach seinem Kopf und ein Lichtstrahl tanzte vor seinen Pupillen herum.

„Noch ein paar Minuten“, sagte eine weibliche Stimme.

„Gut“, seufzte Liebesfeld. „Dann zeige ich Ihnen mal mein Entgegenkommen und werde mit einer Information in Vorleistung treten. Sicherlich wird Sie interessieren, wie wir Ihrem kleinen Abhörspielchen auf die Schliche gekommen sind!“ Liebesfeld machte eine theatralische Pause.

„Ja, das wird Sie interessieren. Was glauben Sie, wie erstaunt meine Männer waren, als sie meine Stimme plötzlich in dem Babyphon gehört haben?“

Klinger riss sich zusammen. „Keine … Kinder!“ brachte er stammelnd heraus.

„Richtig! Sie haben sich gut informiert. Aber wir haben einen Hund. Wenn man das so nennen will. Und der Hund hat ein hysterisches Frauchen. Sie verstehen. Meine Frau hat das Babyphon neben dem Hundekörbchen platziert, falls ihr kleiner Liebling mal hustet oder so was!“ Liebesfeld lachte herzlich.

Klinger schlug die Augen zu. Er hätte diese verdammte Töle schon bei ihrer ersten Begegnung im Garten vergraben sollen.

„Wie dem auch sei. Die Idee war brillant! Wir haben die Mikrophone noch immer nicht gefunden. Aber Ihre Basis haben wir entdeckt. Das war ja nicht sonderlich schwer.“

Liebesfeld schaute Klinger aufmerksam an.

„Also, wer sind Sie?“

„Klinger“, stöhnte er mühsam. „Personenkennziffer 140163B30724, Bundesrepublik Deutschland.“

Liebesfelds Lachen war mehr ein Wiehern. Es zeugte von Schwachsinn und klang unangenehm in den Ohren.

„Sie sind kein Kriegsgefangener“, erklärte Liebesfeld belustigt.

„Klinger, Personen…“

„Schon gut, schon gut“, winkte Liebesfeld ab. „Ich hab’s ja verstanden. Ich werde Ihnen sagen, wie das jetzt läuft. Ich will wissen, für wen Sie arbeiten, was Sie über die Operation Pilum Longinus wissen. Wie viel Leute ihre Gruppe hat und wo sich die anderen verstecken. Das probieren wir erst einmal auf die klassische Art. Wenn sie dann zu den ganz harten Jungs gehören, gehen wir da technisch ran, alles klar?“

Liebesfeld wartete nicht auf eine Antwort. Er tätschelte Klinger die Wange und ging. „ Er gehört Ihnen!“

Bevor Klinger nachvollziehen konnte, wen Liebesfeld meinte, hatten ihn vier starke Arme hoch gerissen und schleiften ihn mit eingeknickten Beinen auf die gegenüberliegende Seite des Raumes. Dort schnallten sie ihn auf einem unbequemen Holzstuhl mit hoher Rückenlehne an.

Die Frau mit den Gummihandschuhen kam mit langsamen Schritten auf ihn zu.

Liebesfeld verließ den Raum und die beiden gigantischen blonden Gorillas stellten sich rechts und links neben Klingers Stuhl. Die Frau trug nicht, wie er ursprünglich dachte, einen weißen Kittel, sondern ein khakifarbenes, eng tailliertes Kostüm mit knöchellangem Rock. Auf dem Kopf trug sie ein ebenfalls khakifarbenes Schiffchen aus Baumwolle. Sie lächelte freundlich und zeigte eine Reihe perfekter weißer Zähne. Zu perfekt für Klingers Geschmack. Sie lächelte ihn aufmunternd an. Klinger war erleichtert. Wenn sie das Verhör führen würde, sollte es ihm nicht schwerfallen zu schweigen.

„Mein Name ist Martina Köster“, sagte sie lächelnd und im gleichen Moment klatschte ihre flache Hand mit dem Gummihandschuh in Klingers Gesicht.

Klinger war viel zu verblüfft, um Schmerzen zu empfinden.

„Mein Name ist Martina Köster“, sagte sie noch einmal eindringlich. Gleich darauf fing sich Klinger die nächste Ohrfeige ein. Er hatte wieder nicht damit gerechnet.

Noch einmal sagte sie ihm ihren Namen. Beim dritten Mal wollte Klinger den Kopf wegziehen. Er schaffte es auch fast. Aber für diesen Versuch fing er sich sofort eine weitere Ohrfeige von der anderen Seite ein. Einer der Gorillas drehte dann Klingers Kopf mühelos mit einer Hand wieder in Martinas Richtung. Wieder sagte sie ihm, wie sie hieß und wieder bekam er eine Ohrfeige. Das war doch kein Verhör! Sie stellte doch überhaupt keine Fragen! Was sollte denn das? Klinger musste die Prozedur noch einige Male über sich ergehen lassen. Allmählich schwoll sein Gesicht an. Steter Schlag erhöht die Wirkung dachte sich Klinger. Vielleicht wollte sie, dass er ihren Namen wiederholte?

Klinger öffnete nach der nächsten Ohrfeige den Mund: „Ihr Name ist …“ Weiter kam er nicht. Diesmal hatte sie mit der Faust zu geschlagen.

„Ich habe nicht gesagt, dass du sprechen darfst!“

„Aber das ist ein Ver…“

Wieder landete die Faust in Klingers Gesicht und seine Nase begann zu bluten.

„Du willst doch tapfer sein“, zirpte sie unpassend mitfühlend. „Du willst doch gar nicht reden. Du willst uns doch nicht den Spaß verderben!“

Klinger schwieg. Das hatte er ja eigentlich sowieso vorgehabt. Aber irgendwie kam es ihm in den Sinn, dass diese Verrückte tatsächlich nicht wollte, dass er redete. Offenbar stand sie keineswegs unter Erfolgsdruck und wollte ihn lieber in aller Ruhe ein wenig quälen und verprügeln.

„Mein Name …“ Und schon klatschte ihre Hand wieder auf seine geschwollenen Wangen. Er konnte ihr den Spaß jederzeit verderben. Er brauchte nur so zu tun, als ob er auspacken wollte.

„Also gut …“, sagte Klinger.

„Psst“, machte Martina und schlug schon wieder zu.

„Ich rede ja!“

„Ne!“ stellte Martina kategorisch fest. „Mit so einem Schmutzfinken unterhalte ich mich nicht. Der ist ja voller Blut, Schweinerei!“

„Aber, …“ Klinger konnte es nicht fassen. Es gab doch genug Drogen unter denen er sowieso alles sagen würde, warum machten die sich solche Mühe?

„Macht ihn erst mal sauber!“ befahl Martina und die beiden Hünen verließen ihren Posten.

Kurz darauf traf Klinger ein harter, eiskalter Wasserstrahl ins Gesicht. Die beiden Blonden zielten mit zwei Feuerwehr-Schläuchen auf ihn. Er bekam zu viel Wasser in den Hals und musste husten. Klinger versuchte sich abzuwenden, aber sie beschossen ihn von beiden Seiten. Er fühlte, wie das Wasser seine geschwollene Haut fast zum Platzen brachte. Außerdem bekam er kaum noch Luft, weil sie fast ausschließlich auf seinen Kopf zielten.

„Bringt ihn hier rüber“, befahl Martina, als die Wasserstrahlen endlich versiegten. Die Hünen hoben Klinger wieder aus seinem Stuhl und brachten ihn zu dem Tisch. Wie ein Stück Fleisch warfen sie ihn darauf. Martina zog eine Spritze auf.

„Konservativ ging es eben nicht. Also technisch. Mal sehen, wie dir das Scopolamin bekommt!“

Das war ein Fehler! Klinger lachte innerlich. Sage dem Opfer niemals, was du ihm injizierst. Klinger hatte in seiner Ausbildung beim BND ein Training mit verschiedenen Alkaloiden absolviert. Er wusste ganz genau, was auf ihn zukam und er war vorbereitet.

Scopolamin löste lediglich einen alkoholähnlichen Vollrausch aus. Man verlor die Kontrolle über den Bewegungsapparat und über den Willen, aber man konnte durchaus noch gegensteuern. Und das umso besser, wenn man wusste, wann die Wirkung einsetzen würde.

Klinger spürte den Einstich und beeilte sich, in eine emotionale Kompensationslage zu versetzen. Er konzentrierte sich mit aller Macht auf seine Schwester und ihre Schwangerschaft. Das war das erste, was ihm einfiel. Er verlor schon den Faden. An wen wollte er denken? Seine Schwester? Schwester!

„Wer sind Sie?“

„Helga!“

„Das ist falsch!“

„Wer sind Sie!“

„Meine Mutter?“

„Konzentrieren Sie sich! Ihr Name ist Klinger.“

„Ich werde ein Kind gebären“, lallte Klinger glücklich.

„Nein, das werden Sie nicht. Hören Sie mir genau zu!“

„Ja.“

„Warum haben Sie dieses Haus abgehört?“

„Abgehört? Der Herzschlag … das Kind … es lebt!“

„Wer hat Ihnen den Befehl erteilt? Den Befehl hier abzuhören.“

„Mein Mann“, lallte Klinger immer noch beseelt von der einmaligen Erfahrung und den Eindrücken seiner Schwangerschaft. „Ist es ein Junge?“

Die Fragen verstummten. Nur in Klingers Kopf drehte sich alles weiter um das Wunder der Geburt. Klinger sah den Fötus in seinem Unterleib vor Freude Purzelbäume in der Fruchtblase schlagen. Er lachte glücklich. Es war ein gesunder Junge, das konnte Klinger sehen. Er konnte so nah an den Embryo heranzoomen, wie er nur wollte. Kein Wunder, schließlich lebte es ja ganz nah in seinem Bauch. Gut gemacht Klinger, lobte er sich selbst, als keine weiteren Fragen mehr kamen.

„Gut gemacht, Klinger“, flüsterte diese Stimme in sein Ohr. Da kreiselte eine Zungenspitze in seinem Ohr herum. Das kitzelte. Der Embryo quiekte vor Vergnügen. Dann war er müde und schlief zufrieden ein.

„Völlig sinnlos“, sagte Martina und nahm den Kassettenrecorder mit zu ihrem Boss, um ihm das armselige Ergebnis vorzuspielen.

*

Beck überschlug ihre Chancen noch einmal. Wenn er jetzt überraschend abdrückte, könnte er einen, vielleicht sogar zwei erwischen. Niemals aber alle vier. Die Jungs in Schwarz sahen zudem unheimlich wachsam aus. Sie standen stumm da und drohten mit ihren Kalaschnikows. Von außen prallten noch immer Geschosse an der Stahltür des Fahrstuhls ab. Unter den schwarzen Skimasken tat sich was. Über Sprechfunk schienen sie die anderen draußen zu informieren. Die konnten nun wirklich mal aufhören zu schießen.
Schließlich gefährdeten sie auch ihre eigenen Kameraden. Völlig unerwartet schlug einer der Maskierten mit der flachen Hand auf den Knopf der Konsole: Abwärts. Der Fahrstuhl setzte sich gemütlich zuckelnd in Bewegung. Irgendetwas stimmte mit diesen Typen nicht. Sie waren zu nervös, dafür, dass sie in der weitaus besseren Position waren.

„Wer seid ihr?“ fragte einer der Kerle nuschelnd durch seine Skimaske.

Beck und Jensen sahen sich fragend an. Etwas war hier reichlich faul.

„Touristen!“ antwortete Beck. „Und ihr?“

Die vier tauschten kurze Blicke aus.

„Ebenfalls Touristen!“ antwortete dann der Anführer der Gruppe. „Wer ist euer Reiseveranstalter?“

Beck schmunzelte. „Ein freier Träger! Und euer Veranstalter?“

„BND!“ sagte der Anführer. Die anderen drei ließen die Waffen sinken.

„Also gehört ihr nicht zu diesen Khaki-Hemden!“ folgerte Jensen messerscharf und nahm ihre Arme wieder herunter.

„Was ist euer Reiseziel?“

„Wir suchen Prof. Haushofer“, sagte Victor.

Die vier sahen sich an. „Negativ“, erklärte der Anführer.

„Wieso?“ fragte Beck.

„Haushofers Visum ist abgelaufen.“

„Was redet der für einen Unsinn?“ wollte Jensen wissen.

„Die Herren hier haben den Auftrag, Haushofer ein neues Einzimmerappartement im Tiefparterre zu verpassen“, klärte Beck seine Kollegin auf.

„Fahren wir mit dem gleichen Bus?“ wollte der Anführer von Beck wissen.

„Ist wohl besser“, sagte Beck nachdenklich. „Wir haben nicht mit so einem freundlichen Empfang hier gerechnet.“

„Ja, das sind mehr Heimspieler als erwartet“, stimmte der Anführer zu.

In diesem Moment glitt der Fahrkorb an der Küche vorbei. Sofort flogen wieder Kugeln. Die Insassen des Fahrkorbs duckten sich.

„Wir müssen noch eins tiefer! Achtung jetzt!“

Offenbar kannten sich die BND Leute hier aus. Ein Grund mehr, sich an ihre Fersen zu heften. Als der Fahrstuhl eine Etage tiefer hielt, blieb alles ruhig. Einer der BND Leute blockierte den Fahrstuhl mit der Notbremse.

Ein Anderer riss die Tür auf. Daraufhin rollten sich zwei der BND-Spezialisten mit einer Vorwärtsrolle raus auf den Flur und sicherten ihn. An den Wänden rotierten im Abstand von zehn Metern Warnlichter, die auf das Eindringen von Fremden hinweisen sollten. Rechts und links von dem Gang konnte man verschiedene Labore durch dicke Glasscheiben erkennen. Die Fenster hatten abgerundete Ecken und sahen so aus, als ob sie aus Panzerglas beständen. In keinem der Labore schien jemand zu arbeiten. Alle Arbeitsplätze waren so ordentlich verlassen, als ob man die gesamte Belegschaft geschlossen in die Ferien geschickt hätte.

Die BND-Truppe trennte sich. Zwei Mann rannten rechts den Gang hinunter, wo sich wohl die Treppe nach oben befand. Der Rest schlich von einem Labor zum nächsten, alle waren mit Kennkartenschlössern ausgestattet. Dann kam die Tür, die aussah, als gehörte sie zu einem begehbaren Banktresor.

„Da müssen wir rein“, sagte der Gruppenführer der BND-Truppe. Einer seiner Männer trat vor und holte aus seinem Rucksack ein Päckchen Plastiksprengstoff. Er formte daraus eine lange Wurst und klebte sie um den großen Drehkranz in der Mitte der Tür.

„Wir sollten besser in Deckung gehen“, rief Jensen. Beck zog Victor an der Schulter von der Tür weg.

„Ich weiß nicht, ob das mit dem Sprengstoff so eine gute Idee ist“, sagte Victor.

„Wieso? Die haben uns doch sowieso schon entdeckt.“

„Aber wir wissen nicht, was sich hinter dieser Tür befindet.“

„Ist zu spät, darüber zu spekulieren …“, sagte Beck und zog Victor mit sich.

Die Explosion war gar nicht so laut, wie Beck bei dieser Menge Sprengstoff angenommen hatte. Die zweite Gruppe des BND meldete, dass der Treppenaufgang versperrt und gesichert sei. Hoffentlich hatten die Kerle auch daran gedacht, dass sie hier irgendwann mal wieder raus mussten.

Dann erfolgte die zweite Explosion. Sie war wesentlich lauter und hinterließ ein verkohltes, kreisrundes Loch in der Stahltür. Unter dem Schutz seiner Kameraden stieg ein BND-Mann hindurch. Hinter dieser Tür lag das eigentliche Herzstück des ganzen Komplexes. Ein hochmodernes Sicherheitslabor der Stufe 4. Ein gewaltiger Kasten aus Panzerglas inmitten des Raumes.

In dem Kasten befanden sich diverse Versuchsapparaturen, ein Regal mit einer Menge biologischer Proben und der Professor.

Der Professor arbeitete in einem Schutzanzug, der eine eigene Sauerstoffversorgung hatte. Er sah aus wie ein Astronaut. Nur fehlte ihm jede Anmut von Schwerelosigkeit bei seinen Bewegungen. In der Hand hielt er ein verschlossenes Reagenzglas, in dem sich eine klare Flüssigkeit befand.

„Was wollen Sie hier?“ quäkte die Stimme des Professors blechern aus dem Lautsprecher auf einem der Kontrollpulte.

„Nur mit Ihnen sprechen!“ drängelte Victor sich vor.

Der Professor deutete an, dass er kein Wort verstand und zeigte auf das Mikrophon auf dem Pult. Der Anführer der BND-Gruppe eilte Victor hinterher an das Pult.

„Moment mal! Ich habe den Auftrag …“

„Ich weiß, welchen Auftrag Sie haben. Aber umlegen können Sie ihn auch später noch. Ich muss erst einige Informationen von dem Mann bekommen!“

„Fünf Minuten“, sagte der Gruppenführer. „Falls die Khakihemden vorher einen Weg finden hier herunter zu kommen, ist sofort Schluss mit dem Diskutieren!“

Victor erklärte sich einverstanden. Jensen sicherte mit den anderen BND-Männern den Rückzug.

„Mein Name ist Victor Jacobi. Ich komme aus Hamburg. Wir haben da ein kleines Virenproblem“, stellte Victor sich jovial vor.

Der Professor lachte scheppernd. „Das kann man wohl sagen. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was in Kürze noch auf Sie zukommt.“

„Sie wissen von unserem Problem?“

„Aber sicher. Es sind doch meine kleinen Schützlinge, die Ihnen solche Kopfschmerzen bereiten.“

Der BND-Mann hörte aufmerksam zu. Er schien sich das mit den fünf Minuten gerade noch mal zu überlegen. „Sehen Sie dieses Glas hier?“

„Ja“, antwortete Victor. „Was ist damit.“

„Da sind die wirklich bösen Kerlchen drin! ‚U 7-4 Alpha‘. Die machen kurzen Prozess mit all dem schwarzhaarigen Abschaum!“

„Wie meinen Sie das?“ fragte Jacobi und sah aus den Augenwinkeln, dass der Gruppenführer des BND die Maske vom Kopf zog.

„Diese munteren kleinen Kerle vermehren sich so schnell, dass sie theoretisch in sieben Tagen die gesamte Bevölkerung der Erde infiziert haben könnten. Nach ein paar Tagen Inkubationszeit kommt dann das Fieber und das war’s.“ Der Professor kichert boshaft. „Was übrig bleibt, wird eine neue Generation von hellhäutigen, blonden Ariern sein, die, wie es die Legende von Thule berichtet, die Welt beherrschen werden.“

„Aber ihre Arier werden ebenfalls sterben, wenn sie diesen Virus auf die Menschheit loslassen.“

Wieder röchelte dieses gehässige Lachen aus den Lautsprechern. „Ich dachte nach dem Unfall mit Markus …, ein ungeschickter Kerl übrigens: Lässt ein Reagenzglas fallen und hebt die Scherben mit dem Finger auf. Dabei musste er sich natürlich schneiden, dieser Dummkopf. Bumms war’s passiert. … Ich dachte Sie hätten den Virus längst genetisch entschlüsselt?!“

„Leider nicht. Wir hatten dabei auf Ihre Hilfe gehofft!“ Die fünf Minuten waren fast um. Victor sah, wie der BND-Mann auf die Uhr schaute. Aber er war sicher, dass der Mann ihm noch eine Verlängerung zubilligen würde.

„Meine Hilfe? Das ist ja witzig. Ja, ich helfe Ihnen gerne auf die Sprünge. Der Virus wird nicht aktiv ohne ein bestimmtes Enzym im Blut. Erst, wenn sich dieses Enzym an den Virus ankoppelt, kommt es zum hämorrhagischen Fieber. Wenn dieses Enzym fehlt, kommt es lediglich zu einer Art Grippe und nach acht bis zehn Tagen wird der Virus von dem Immunsystem vernichtet.“

„Dann gibt es ein Gegenmittel? Einen Impfstoff?“

„Nein, nein, nein. Sie dummer Mensch. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt sozusagen einen Katalysator. Darum kann es auch kein Gegenmittel geben. Gefährlich wird es ja nur, wenn etwas da ist, was der Körper selbst produziert. Sie können den Katalysator nicht aus dem Körper entfernen. Verstehen Sie?“

„Ich denke schon.“

„Es wird Zeit“, sagte der BND’ler und deutete auf die Uhr.

„Welches Enzym ist dieser Katalysator?“

Der Professor schüttelte schwerfällig den Kopf. „Sie sind wirklich ein ganz, ganz dummer, schwarzhaariger Mensch. Und ausgerechnet dieses Gen ist dominant! Allein daran kann man sehen, dass es keinen Gott gibt. Es ist natürlich ein Enzym, das Menschen wie Sie in sich tragen und das die Pigmentierung ihrer Haarfarbe beeinflusst. Verstehen Sie? Der Virus befällt ausschließlich Menschen mit dunkler Haarfarbe. Neger, Asiaten, Indios und diesen ganzen pseudoeuropäischen, südländischen Abschaum.“

Der BND-Mann kratzte sich nachdenklich an seinen dunklen Haarstoppeln.

„Es ist Ihnen doch klar“, sagte Victor energisch, „dass wir Sie mit diesen Viren keinesfalls aus dem Labor lassen können!“

Wieder dieses Lachen. „Das ist doch gar nicht nötig. Es befindet sich längst ein Stamm dieser Viren an seinem vorbestimmten Ort. Und in wenigen Stunden, zur Wintersonnenwende, wird Pilum Longinus in die geweihte Mutter Erde fahren und die Winde der Vernichtung um den ganzen Globus jagen.“

„Wie meint der das?“ wollte der Gruppenführer aufgeschreckt wissen. Er wurde zwar nicht dafür bezahlt, dass er bei der Ausführung seiner Aufträge großartig nachdachte, aber so ganz abschalten konnte er diese Fähigkeit wohl nicht.

„Keine Ahnung! Ich denke, es wird Zeit, dass sie Ihre Aufgabe erfüllen. Aber tun Sie uns allen einen Gefallen und sorgen Sie dafür, dass diese verdammten Viren da bleiben, wo Sie hingehören.“

Der BND’ler sah ratlos aus. „Durch die Scheibe kann ich ihn nicht erledigen. Selbst wenn die Kugel da durchgeht, dann fällt ihm das Reagenzglas runter und der Kasten ist nicht mehr dicht!“

Damit hatte er leider Recht. Wahrscheinlich musste einer von ihnen da rein und die Sache erledigen. Der Professor konnte zwar nicht gehört haben, worüber sie sprachen, aber lachte schon wieder und schwenkte gut gelaunt das Reagenzglas hin und her.

„Kein Problem“ rief Beck. „Wir drehen ihm einfach die Luft ab.“ Beck suchte nach dem Ventil für die Sauerstoffzufuhr der Anzüge. „Hier“, sagte er und drehte auch gleich den Hahn zu.

„Toll“, freute sich der BND’ler. „Jetzt muss er den Anzug öffnen. Wenn er dann das Reagenzglas fallen lässt, ist er wenigstens selber mit dran!“

„Kann er nicht!“ entgegnete Beck. „In dem Glaskasten herrscht fast ein Vakuum. Damit nichts überlebt, was die Experimentierkästen oder die Reagenzgläser verlässt. Wenn er den Anzug öffnet, kriegt er noch weniger Luft. Im Moment bleibt ihm zumindest noch die Restluft in dem Anzug.“

Offenbar hatte Beck Recht. Der Professor schien bemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmte.

„Er will zur Luftschleuse!“ schrie Beck. „Mach die äußere Tür auf, dann ist die innere automatisch verriegelt.“

Mit einem Satz war der BND-Mann an der Luftschleuse. Er riss die äußere Tür gerade noch auf, bevor der Professor die Innentür erreicht hatte. Ein sonores Warnsignal ertönte. An der inneren Tür der Luftschleuse blinkte eine rote Lampe. Das Arier-Genie bekam einen kindlichen Tobsuchtsanfall. Aus den Lautsprechern plärrten übelste Beschimpfungen. Dann ein hysterischer, langgezogener Schrei. Sollte er doch toben, dann ging ihm die Luft nur umso schneller aus.

Diese Tatsache hielt den Professor keineswegs in seinem Wahn zurück. Er tobte durch das Labor und begann, mit allem gegen das Panzerglas zu werfen, was ihm in dem Labor zur Verfügung stand. Voller Entsetzten registrierte Victor, wie der Professor den schweren Labortisch gegen die Scheibe schlug. Aus den Lautsprechern hörten sie seinen hastigen Atem. Ein zweiter Schlag, die Scheibe hatte einen ganz feinen Riss. Und noch ein Schlag. Ein weiterer und ein dritter Sprung im Glas zeigten sich. Aber sie hielt stand. Noch.

„Micha!“ schrie der BND-Mann und starrte gebannt auf die Glasscheibe, hinter der der sichere Tod auf sie alle lauerte. „Wir sprengen die ganze Scheiße in die Luft. Jetzt sofort! Bevor der Kerl die Scheibe zertrümmert.“

„Wir brauchen einen Brandbeschleuniger, der ausreichend Hitze produziert, um hier auch wirklich alles in Asche zu verwandeln!“ rief Beck und stürmte raus in das Nachbarlabor. Kartenschloss hin oder her. Beck nahm einem BND-Mann die Schrotflinte aus der Hand und nach drei Ladungen hatte das Schloss aufgegeben.

Haushofers Bewegungen waren inzwischen langsamer geworden. Aber noch einmal schaffte er es, den Tisch gegen die Scheibe zu schleudern. Die Anzahl der Risse war nicht mehr zu zählen. Micha verteilte Sprengsätze und steckte die Zünder rein. Victor stand bewegungslos vor dem Glaskasten. Er schaffte es nicht, seinen Blick von Haushofers Todeskampf abzuwenden. Auch David, der hinter ihm stand, konnte seine Faszination kaum verbergen.

Beck kam zurückgelaufen und schleppte einen 5 Liter Kanister Benzol an. Er postierte ihn gleich neben einem der Sprengsätze. In diesem Moment sahen sie, wie Haushofer in Zeitlupe und mit scheinbar letzter Kraft den Tisch noch einmal gegen das Glas schleuderte. Aus dem Lautsprecher kam nur ein ersticktes, nach Luft japsenden Keuchen. Die Scheibe aber zerbarst in tausend milchige Bruchstücke. Noch war sie im Rahmen und hielt dicht. Aber wenn es Haushofer noch ein letztes Mal gelang mit dem Tisch …!

Niemand wollte so recht daran glauben. Aber wenn er es nun doch schaffte , dann …

„Micha! Nur 30 Sekunden … Raus hier, raus! Lauft um euer Leben!“ schrie der BND-Mann. Das brauchte man weder Victor, noch sonst jemandem zweimal zu sagen.

Alle acht Touristen rannten den Gang entlang auf den Fahrstuhl zu. Dort aber wartete eine Überraschung auf sie. Die Khakihemden hämmerten auf das Dach des Fahrkorbes ein. Offensichtlich hatten sie sich in dem Schacht abgeseilt und versuchten nun, von oben in den Fahrkorb einzudringen.

Na, das war ihr Pech, fand Jensen, die den Fahrstuhl zuerst erreicht hatte. Sie feuerte ohne zu Zögern, das halbe Magazin der Calico durch die Decke. Die Schmerzensschreie gingen in den Schreien der anderen Khakihemden unter, die sich unterdessen durch den versperrten Notausgang an der Tür zum Treppenaufgang durchgearbeitet hatten. Im Vorbeilaufen schossen Beck und BND’ler alles was ihnen zur Verfügung stand, in deren Richtung.

Einer der BND-Männer wurde bei dem Feuergefecht getroffen und ging zu Boden.

„Lass das Micha.“ Der Chef hielt ihn zurück. Es blieb ihnen keine Zeit, den Verletzten zu bergen. „Nur noch 15 Sekunden! Die Granaten!“ Beck war beeindruckt. Selbst der Verwundete am Boden zog noch eine Granate und entsicherte sie. Die anderen schmissen, während Beck die Fahrstuhltüren schloss, alle Handgranaten, die sie hatten, in den Flur.

Dann warteten sie eine wertvolle Sekunde, bis der Fahrstuhl sich endlich in Bewegung setzte. Das war vielleicht die längste Sekunde, die Victor in seinem Leben erlebt hatte.
„Das Ding fährt zu langsam!“ rief Jensen.

Beck schaute sie mitleidig an. Alle wussten, dass der Fahrstuhl es nicht schaffen würde. Sie waren gerade auf Höhe der Küche, als unten die Handgranaten explodierten. Micha schlug ein Kreuz auf der Brust. Einen Kameraden hatte er gerade verloren. Dann drückten alle die Daumen. Noch höchstens acht Sekunden bis zur Detonation.