Tanz der Walküren

Kapitel 4

Jensen kam von der Toilette zurück. Beck war wieder einmal der Letzte, der im Hauptquartier eingetroffen war. Aber nun waren sie endlich vollzählig.

„Viel hat der Computer über diesen Markus Weber nicht ausgespuckt“, erklärte Klinger. „Im Zusammenhang mit dem Virus scheint mir jedoch interessant, dass dieser Weber als Nebenfach Biologie studiert und einige Semester in einem Labor gejobbt hat.“

„Ist nicht sonderlich wahrscheinlich, dass der Virus an der Universität gezüchtet wurde. Die verfügen längst nicht über die entsprechenden Möglichkeiten“, sagte Victor. „Da werden doch nur die Mittel gekürzt. Meiner Meinung nach suchen wir nach einem Labor der Pharmaindustrie. Hatte er da irgendwelche Kontakte?“

„Nein. War eigentlich ein ganz normaler Student, der auf dem besten Wege war, ein arbeitsloser Lehrer zu werden. Mit der Industrie hat der nie etwas am Hut gehabt.“

„Im privaten Umfeld etwas Außergewöhnliches?“ wollte Jensen wissen.

„Die Eltern starben bei einem Zugunglück. Einzige Verwandtschaft ist eine Schwester, die wahrscheinlich geheiratet hat oder ins Ausland gezogen ist. Hier ist sie jedenfalls nicht gemeldet.“

„Politische Aktivitäten?“ fragte Victor.

„Absolut null. Wie gesagt, das Einzige, was wir haben, ist das Biologielabor. Wenn wir der Sache nachgehen wollen, dann dort.“

„Wollen wir das denn überhaupt?“ Beck lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Ich meine, der Virus breitet sich nicht aus, was also sollte uns an dem Fall jetzt noch interessieren?“

„Mein lieber Beck“, setzte Victor zu einer seiner Predigten an. „Wir sind das Omega-Team. Unser Name geht auf eine Theorie von Teilhard de Chardin zurück, wonach sich am Punkte Omega Geist und Materie schneiden, also das Bewusstsein entsteht. Dieses Bewusstsein ist es, das uns von einem gewöhnlichen Backstein unterscheidet und das die abendländische Kultur vor dem Rückfall in die Barbarei zu schützen vermag. Solange auch nur der geringste Verdacht besteht, dass irgendjemand auf dieser Welt mit solchen Killerviren herumexperimentiert, ist es die Aufgabe eines jeden, der sich dem Omega verschrieben hat, dafür zu sorgen, dass damit kein Unfug getrieben wird.“

„Und wenn es nur diesen einzigen Virenstamm gab?“ warf Beck ein.

„Dann beweisen wir eben, dass es nur diesen Stamm gab.“

Jensen und Klinger sahen ihren Kameraden belustigt an. Der würde es nie kapieren. Für Beck waren die Fälle erledigt, wenn keine unmittelbare Gefahr bestand. Aber niemals für Victor, der den Sachen solange nachging, bis absolut kein Weg mehr weiterführte.

„Also, kommen wir wieder zum Wesentlichen“, forderte Victor. „Alles, was wir haben ist dieser Laborjob. Dort setzen wir an. Klinger …“

„Es handelt sich um eine Forschungsgruppe der Hamburger Uni unter Prof. Haushofer …“

„Haushofer? Der Virenexperte?“

„Anscheinend. Die Gruppe beschäftigte sich damit, Viren zu züchten, die …“ Klinger stutzte und lachte. „Das muss ein Übertragungsfehler sein. Hier steht: … die Kuhmilch mit Erdbeeraroma anreichert.“

„Also, wenn ich das richtig verstehe“, folgerte Beck schwerfällig. „Wollten die Kühe züchten, die Erdbeermilch geben?!“

Klinger hat die Projektbeschreibung nochmals studiert. „Ne, die wollten Spritzen entwickeln, mit denen man die Milch in der Kuh mit jedem Aroma anreichern konnte. Also diese Woche Erdbeere, nächste Woche Kakao …, ganz nach Bedarf.“

Victor schüttelte den Kopf. „Kein Wunder, das denen die Mittel eingefroren werden. Wer unterstützt bloß so ein schwachsinniges Projekt?“

„Die Salt and Water Enterprises. Firmensitz in Blue Curaçao.“

„Ich hätte eher auf Müller Milch getippt“, scherzte Jensen.

„Danke Klinger. Aber die Frage war rein rhetorisch gemeint. Also Leute. Wir haben eine Spur. Klinger und Beck, Sie ermitteln den Aufenthaltsort von Prof. Haushofer. An der Uni ist der nicht mehr, soviel weiß ich bereits. Jensen, Sie begleiten mich zur Uni. Vielleicht können wir herausfinden, warum unser Professor dort in den Sack gehauen hat.“
Victor sprang voller Tatendrang auf.

„Wir können doch meinen Wagen nehmen“, rief Jensen und hielt ihrem Chef die Tür auf.

*

Martina schob Katrin durch die offene Kabinentür hinaus. Auf leise platschenden Sohlen schlichen sie den Gang hinunter bis zur ersten Kreuzung. Sie spähten nach rechts und links. Niemand zu sehen. Dann schlichen sie weiter bis zum nächsten Quergang mit den Unterkünften der Männer.

In der Dunkelheit ließ sich nicht viel erkennen. Frank hätte gleich neben ihr hocken können und Martina hätte ihn nicht bemerkt.

„Frank“, rief sie gedämpft in die Dunkelheit.

Keine Antwort. Sie versuchte es nochmals.

„Wo ist denn der?“ fragte Martina ungeduldig.

„Keine Ahnung. Vielleicht sind wir zu spät und er hat sich schon allein auf den Weg gemacht.“

„Was warten wir dann noch hier? Die Versammlungshalle liegt dahinten rechts.“ Martina zeigte in der Dunkelheit hinter sich.

„Vielleicht hat er es sich aber auch anders überlegt!“ überlegte Martina.

„Na und?“

„Wir sollten besser zurück in den Schlafsaal.“

Martina griff Katrin hart ins Genick. „Hör mal, ich riskiere hier nicht Kopf und Kragen und ziehe dann unverrichteter Dinge wieder ab.“

„Was sollen wir denn machen?“

„Wir ziehen das notfalls alleine durch. Das werden wir machen.“

„Aber …“

„Kein aber. Los jetzt!“

Martina gab ihr einen Klaps auf den Hintern, wie wenn man einen störrischen Esel antrieb.

Der große Versammlungssaal des Thule-Ordens war von Fackeln hell erleuchtet. An den Wänden hingen rote Fahnen mit leuchtend weißen Kreisen, in denen drei schwarze Blitze abgebildet waren. In der Mitte der Halle stand ein schwerer Eichentisch, der durch den ganzen Saal bis hin zur Stirnseite führte. Und in dem unruhigen Schein der Flammen sah Katrin eine Gestalt, die sich auf der anderen Seite an etwas zu schaffen machte. Die beiden Frauen ließen sich auf die Knie fallen und begannen vorsichtig, an der rechten Stuhlreihe vorbei zu kriechen.

Als sie nah genug gekommen waren, erkannte Katrin Frank Mantell, der versuchte, den Stab des Lichtes aus dem Glasschrein an der hinteren Wand zu bekommen. Der Schrein war offensichtlich abgeschlossen.

Katrin wollte schnell weiter nach vorne kriechen. Sie hatte nicht mitbekommen, wie sich aus einem der kleinen Seitengänge der Halle ein Schatten gelöst hatte und jetzt auf sie zukam. Erst als ihre Hände fast die blank geputzten Stiefel auf dem Boden vor ihr berührten, sah sie erschreckt auf.

Ein Thule-Bruder! Katrin wollte laut schreien, um Frank zu warnen, aber eine Hand hatte ihr von hinten blitzschnell den Mund zugehalten. Dann drückte sie Martinas schweres Gewicht zu Boden.

„Es ist nur noch der eine“, zischte Martina und die schweren Lederstiefel entfernten sich beinahe lautlos.

Das Glas des Schreins klirrte. Frank war es wohl nicht gelungen, auf anderem Wege an den Stab zu kommen. Im gleichen Moment hörte sie Stimmen. Die Thule-Brüder rückten von allen Seiten an. Sie konnte nur hoffen, dass es Frank gelang zu fliehen. Aber schon peitschten vier Schüsse durch die Halle. Ein Querschläger schwirrte hallend durch den Raum und … Frank fiel tot zu Boden. Katrin konnte ihn durch die vielen Stuhlbeine unter dem Tisch hindurch sehen.

„Warum?“ fragte Katrin, als sich die Hand von ihrem Mund löste.

„Ich legen keinen besonderen Wert auf den Transit“, brummte Martina. „Habe eine weitaus bessere Mitfahrgelegenheit gefunden.“

„Aber das Licht! Willst du nicht das ewig reine Licht berühren?“

„Mach dir nicht so viele Gedanken um mich. Die Thule-Brüder werden euch den Transit zum Sirius gestatten. Schon bald sogar.“

Martina lag noch immer schwer auf ihrer ehemaligen Glaubensschwester. Aber es war noch jemand zu ihr hinzugetreten. Sie sah weiße Lackschuhe, weiße Nylons und den Saum eines ebenfalls weißen Kittel. Dann hockte sich die Person, die neben ihr gestanden hatte, hin.

„Keine Angst meine Kleine. Das hier wird dir die nötige Ruhe verschaffen.“

Katrin sah eine farblose Flüssigkeit aus der Injektionsnadel spritzen. Dann verspürte sie einen kleinen Stich im Oberarm.

„Wir haben doch eine lange Reise vor uns, da wollen wir doch möglichst ausgeruht sein“, sagte die weiche, samtige Frauenstimme und verschwand bei jedem Wort etwas weiter in der fernen Dunkelheit des Raumes.

*

Jensen und Victor betraten nach einem kurzen Anklopfen das Dienstzimmer von Privat Dozent Dr. Jürgends.

„Oh, entschuldigen Sie“, brummte Jürgends und schwang seine Beine von der Couch. „Ich habe nur ein kleines Nickerchen gemacht.“

Er schlüpfte in ein Paar Slipper, die vor der Couch standen, zog seine Strickjacke zurecht und reichte seinen Gästen die Hand.

„Dr. Jürgends, mein Name ist Victor Jacobi, wir hatten uns ja bereits telefonisch angemeldet.“

„Ja, ja, sicher. Es ging um Prof. Haushofer und seine Arbeit, nicht wahr?“

„Genau genommen wüssten wir gerne, wo wir ihn finden können?“

„Da kann ich Ihnen nun leider gar nicht weiterhelfen. Ich weiß nur, dass er ein Angebot aus der freien Wirtschaft angenommen hat, aber wo …?“

„Vielleicht könnten Sie mir ja etwas mehr über die Forschungen von Prof. Haushofer erzählen“, versuchte es Victor freundlich.

Jürgends spielte mit einer Kristallkugel, die als Briefbeschwerer auf seinem Schreibtisch stand herum.

„Ich habe zwar sein Labor übernommen. Damit bin ich sozusagen sein Nachfolger geworden. Aber ich habe natürlich meine ganz eigenen Forschungsgebiete.“

„Und die wären?“

„Was?“

„Ihre Forschungsgebiete.“

„Nun, ich suche nach einer Möglichkeit, mit Hilfe von Viren genetische Informationen in Zellen zu schleusen, die dann deren ungehemmtes Wachstum verhindern“, erklärte Jürgends amüsiert.

„Krebstherapie?“

„Genau.“

Victor suchte Blickkontakt mit Jensen. Er schien ihr etwas sagen zu wollen. Jensen folgte seinem Blick. Das Telefon. Sie hatte verstanden.

„Ich muss mir mal das Näschen pudern. Wenn die Herren mich entschuldigen …“

Das taten sie.

Draußen auf dem Gang rief Jensen im Hauptquartier an. Klinger sollte eine lückenlose Überwachung von Jürgends einleiten. Sie nannte ihm die Durchwahl von Jürgends. Damit konnte er als erstes einmal das Telefon abhören.

Victor hatte unterdessen versucht von Jürgends zu erfahren, weshalb Prof. Haushofer seine gut dotierte Stelle an den Nagel gehängt hatte. Aber aus Jürgends war einfach nichts herauszukriegen, er hielt sich immer sehr vage und bedeckt. Jensen gab Victor ein Zeichen, dass alles in Wege geleitet war. Victor stand auf, bedankte sich für die kostbare Zeit, die Jürgends ihm geopfert hatte und verließ mit Jensen das Zimmer.

„Der weiß doch mehr als er zugibt“, behauptete Jensen.

„Das sehe ich genauso. Aber er wird uns schon noch das eine oder andere erzählen, denke ich. Jetzt haben wir aber erst einmal Wichtigeres vor. Kommen Sie Jensen.“

Einige Minuten später standen sie vor einem etwa fünfzigjährigen, grau melierten Zerberus von Bibliothekarin. An dieser Frau kam kein Buch und kein Gerücht vorbei, das nicht auf Herz und Nieren von ihr geprüft worden war.

Victor hatte offenbar schon mit ihr zu tun gehabt. Ohne große Worte schob er eine Schachtel mit Marzipankonfekt über den Tisch, hinter dem sie saß und Bücher stempelte.
Jensen hatte sich schon gewundert, als Victor auf dem Weg zur Bibliothek eine Konfektschachtel gekauft hatte. Eigentlich war er gar keine Naschkatze.

Die Bibliothekarin sah über den Rand ihrer überaus altmodischen Halbbrille, die an einer Kette aus Kunstperlen hing, hinweg.

„Herr Jacobi, das ist aber schön“, sagte sie mit weicher, melodischer Stimme, die selbst einen Stahlschrank hätte schmelzen lassen. Jensen machte unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Frau von Seekendorf. Ich dachte, ich schaue mal wieder bei Ihnen vorbei. Ist ja lange her, dass ich Ihnen meine Aufwartung gemacht habe.“

„Sie haben mich vernachlässigt, das kann man wohl sagen“, zirpte Frau von Seekendorf. „Darf ich Ihnen trotzdem einen Kaffee anbieten?“

„Aber sehr gerne.“

Jensen zögerte und wollte ablehnen. Doch ein kurzer Rempler mit dem Ellenbogen korrigierte Jensen Wünsche. Jacobi nickte anerkennend.

„Niemals widersprechen!“ flüsterte Victor ihr zu, als Frau von Seekendorf schwergewichtig hinter dem Regal verschwunden war, wo offenbar die Kaffeemaschine stand. Es dauerte nicht lange und sie kam mit zwei Bechern in der Hand wieder hervor.

Sie stellte die beiden Becher vor Victor und Jensen ab und zeigte auf die leeren Stühle vor ihnen. Jensen und Victor setzten sich wie auf Kommando.

„Junger Mann!“ brauste Frau von Seekendorfs Stimme mit der röhrenden Urgewalt eines Orkans über ihre Köpfe hinweg. Wo war das Zirpen, das noch eben in ihrer Stimme gelegen hatte, geblieben? Jensen duckte sich. Die Stimme war so voluminös angeschwollen, dass sie einen damit hätte erschlagen können.

Hinter Jensen war ein schmalgesichtiger, blasser Student in der Bewegung erfroren.

„Was haben Sie denn da unter ihrer Jacke?“

Der Student zog widerwillig ein Buch hervor und zeigte es ihr.

„Das ist nicht zum Ausleihen bestimmt. Das wissen Sie doch ganz genau!“ Es war nicht mehr ganz so viel Gewalt in ihrer Stimme, aber immer noch genug Energie, um jeden Widerspruch im Keim zu ersticken.

„Ich hätte es ja zurückgebracht.“

Frau von Seekendorf schüttelte den Kopf und die Kette ihrer Brille begann zu klimpern. „Das können Sie nur hier lesen!“

„Aber ich …“

„Habe ich mich nicht klar ausgedrückt?“

Der Student nahm das Buch an sich und wollte sich wieder in die Tiefe der Bibliothek zurückziehen. Frau von Seekendorf schnalzte mit der Zunge. „Na, na. Sie setzen sich mal schön hier vorne hin und lesen. Da kann ich sie dann besser im Auge behalten.“

Sie beobachtete aufmerksam, wie der Student sich setzte und wandte sich dann zufrieden wieder ihren Gästen zu.

„Was kann ich denn nun für Sie tun?“ fragte sie und hatte im gleichen Atemzug auf Honig in der Stimme umgeschaltet.

„Wie kommen Sie darauf, dass …“

Ein Zungenschnalzen unterbrach die Frage.

„Sie wollen mir doch wohl nichts vormachen! Wenn Sie schon mal vorbeikommen …“, zirpte sie.

Beherzt griff sie mit langen rot lackierten Fingernägeln nach einem Stück Marzipan und schob es fast sinnlich zwischen ihre Lippen. „Und dazu noch mit Konfekt!“ setzte sie nach einem Bissen kokett hinzu.

„Sie haben Recht. Also: Es geht um Prof. Haushofer.“

Ein langgezogenes „Hmmm“ von Frau von Seekendorf. Es war nicht klar, ob es dabei um das Marzipan oder um Haushofer ging.

Jensen nahm einen Anstandsschluck von dem Kaffee. Beinahe hätte sie ihn wieder ausgespuckt. Aber das hätte Frau von Seekendorf ganz sicher nicht gefallen. Mühsam, fast würgend, schluckte sie ihn herunter. Das war bitter.

„Warum ist er nicht mehr an der Uni?“ fuhr Victor fort und ließ seinen Kaffee völlig unbeachtet stehen. Offensichtlich hatte er hier schon mal einen Kaffee getrunken. Spaßeshalber ließ Jensen den Kaffeelöffel in der Mitte des Bechers los. Schade, sie hatte ernsthaft erwartet, dass der Löffel stehen bleiben würde. Wenn nicht in diesem Kaffee, dann war es wohl doch nur so eine Redensart.

„Haushofer wurde gefeuert“, erklärte Frau von Seekendorf kurz und bündig. „Der einzige, mir bekannte Fall an der Hamburger Uni, wo ein Hochschulprofessor ganz schlicht und ergreifend gekündigt worden ist. Nicht die üblichen Sperenzchen. Schikanieren und rausekeln. Sie haben seinen Vertrag fristlos gekündigt. Er hatte Hausverbot und es gab ein längeres Gerichtsverfahren, aber Haushofer hat die Klage auf Wiedereinstellung verloren.“

„Wegen seiner gefährlichen Experimente mit Viren?“

„Ach was“, winkte Frau von Seekendorf lächelnd ab. „Die meiste Zeit hat der sich doch mit Kühen beschäftigt. Außer im September 1997, da war er an einer Untersuchung, die einen Verdacht auf Lassa Fieber bestätigen sollte. Sie erinnern sich doch: Dieser 37 Jahre alte Afrikaner aus Ghana, der im Tropenkrankenhaus verstarb. Damals lautete die offizielle Diagnose Todesursache unbekannt. Obwohl in einem ersten Test die Ergebnisse für Lassa sprachen, hat Haushofer anhand einiger Proteinfragmente nachgewiesen, dass es sich keineswegs um einen Lassa Virus handeln könnte.“

„Sie sind ein wandelndes Lexikon“, sagte Victor bewundernd.

Frau von Seekendorf kicherte wie ein kleines Mädchen. „Ich habe halt eine große Aufnahmekapazität“, sagte sie und schob genussvoll noch ein Stück Marzipan nach.

„Aber warum wurde Haushofer denn nun entlassen?“ hakte Victor nach.

Frau von Seekendorf leckte jeden zweifach beringten Finger kurz und einzeln ab, dann beugte sie sich verschwörerisch vor. „Wegen seiner rassistischen Ansichten. Er sogar hat mehrmals ausländische Studenten aus seiner Vorlesung gewiesen. Vor allem Schwarze und Asiaten. Er soll sogar einem Studenten den Schein verweigert haben, weil er mit einer Schwarzen zusammenlebte. So von wegen Rassenvermischung oder so … Nichts Genaues weiß man nicht.“ Sie fuhr mit Hand durch die Luft, als wenn sie einen Flecken wegwischte.

„Ein Nazi?“

„Ach, was weiß ich? So äußerlich sah man jedenfalls nichts. War ein mickriger, humorloser Kerl, mit dicker Brille und zerschlissenen Anzügen. Vollkommen geschmacklos, wenn Sie wissen, was ich meine.“

„War er denn in einer Partei? Oder einem Verein?“

„Nein, nicht dass ich wüsste. Also, politisch war der nicht. Ne, das kann man nicht sagen.“ Einen weiteres Marzipanstückchen war mit einem kurzen ‚Happ!‘ verschwunden.
Jensen stutzte. Wie konnte man jemanden als unpolitischen Rassisten beschreiben?

„Ein Spinner sage ich Ihnen. Ein Student hat mir mal erzählt, dass der Haushofer bei sich zuhause so einen Helm getragen hatte. So einen alten Kuhhörnern drauf. Wenn Sie mich fragen, der hatte tierische Probleme!“ Frau von Seekendorf kicherte wabernd über ihren gelungenen Wortwitz.

„Verstehe, vielen Dank Sie haben mir wirklich weitergeholfen“, sagte Victor höflich.

„Da doch nicht für“, winkte Frau von Seekendorf ab. „Für Sie immer Herr Jacobi. Kommen Sie nur recht bald mal wieder vorbei.“

Jacobi war aufgestanden.

‚Und bringen Sie ordentlich was zu futtern mit‘, dachte Jensen mit Blick auf die halb leere Marzipanschachtel. Den Kaffeebecher hatte Jacobi mit keinem Blick gewürdigt. Die Bibliothekarin schien das nicht weiter zu stören.

„Der arme Student“, sagte Jensen, als sie die Glastür zur Seminarbibliothek hinter sich geschlossen hatten.

„Unflexibel würde ich sagen.“

„Was?“

„Der Student! Für eine Schachtel Pralinen und ein paar Liebenswürdigkeiten hätte sie ihm das Buch sogar in Geschenkpapier eingewickelt“, behauptete Victor.
Jensen lachte. Wahrscheinlich hatte Jacobi Recht.

Auf dem Parkplatz hielten sie Ausschau nach Klingers mobiler, überwachungstechnischer, computergestützter Kontrolleinheit. Kurz MÜCKE. Der ehemalige Ü-Wagen des NDR parkte unauffällig zwischen einer roten Ente und einem früheren VW-Bulli der Post. Victor machte das vereinbarte Klopfzeichen und die Tür zum Hightech-Transporter wurde geöffnet.

„Schon was Neues?“

„Hat keine fünf Minuten gedauert. Ich habe das Gespräch aufgezeichnet. Wollen Sie es hören?“

Klinger spulte ohne die Antwort abzuwarten zurück und drückte die Wiedergabetaste des Minidisc-Players.

„Ja, hier Jürgends. Hier war eben ein Typ, der sich nach Haushofer erkundigt hat! – Was heißt das, was er wollte? Er wollte wissen, wo Haushofer zu finden ist. – Nichts habe ich ihm gesagt. Überhaupt nichts. – Natürlich weiß ich, um was es geht. – Von mir erfährt keiner etwas, da können Sie ganz sicher sein.“

„Warum hören wir nur eine Stimme?“ fragte Victor.

„Ist nicht so leicht, unbemerkt eine Nebenstelle im Amtsnetz anzuzapfen. Also habe ich Beck erst mal da drüben auf das Dach geschickt. Mit einem Richtmikrofon. Gerade noch rechtzeitig.“ Klinger zeigte auf ein Häuserdach. Durch die getönten Scheiben konnte Victor so gut wie nichts erkennen.

„Gute Arbeit“, sagte Victor anerkennend. „Aber bedauerlicherweise wissen wir jetzt nicht, wer an der anderen Leitung war.“

„Doch wissen wir“, triumphierte Klinger. „Hören Sie mal genau hin.“

Klinger spielte die Stelle vor dem ersten Satz noch einmal vor.

„Ich höre nur Störgeräusche.“

„Störgeräusche?! Die wählen hier noch mit Impulsverfahren. Hier werfen Sie mal einen Blick diese Spitzen hier im Störgeräusch. Das ist jeweils ein Impuls. Und hier die Pause. Also, jede dieser Gruppen ist eine Nummer. Sehen Sie 8 Spitzen in der Gruppe, also hat Jürgends eine Acht gewählt. Das kann man leicht zählen, und dann kommt man auf diese Nummer.“ Klinger zeigte ihm eine Telefonnummer mit Vorwahl.

„Das ist nicht in Hamburg!“

„Nein, Detmold. In Ostwestfalen. Der Anschluss eines gewissen Herrn Franz Liebesfeld.“

„Gut gemacht. Dem werden wir wohl auch einen Besuch abstatten müssen.“

„Ich jage den Namen noch durch den Computer, damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben.“

„Jensen!“ rief Victor gut gelaunt. „Wir haben noch einen Termin mit Dr. Jürgends. Mal sehen, was er von unserem kleinen Mitschnitt hält.“

Voller Elan machten sich Victor und Jensen auf den Weg zu Jürgends. Dem würden sie jetzt aber ordentlich Feuer unterm Hintern machen.

Auf das Anklopfen verzichtete Victor diesmal. Er riss einfach die Tür auf und stand im Zimmer. Das war vielleicht unhöflich, aber es handelte sich schließlich um ein Dienstzimmer und deshalb hatte Victor auch keineswegs damit gerechnet, Jürgends mit heruntergelassener Hose vorzufinden.

„Hey!“ rief Victor energisch. Die kleine asiatisch aussehende Studentin, die vor dem Professor kniete, drehte sich erschreckt um. „Wir sind hier doch nicht im Weißen Haus!“

Das Mädchen sprang auf und floh auf ihren Rollerskates an Jensen vorbei aus dem Zimmer. Jürgends hatte sich umgedreht und war damit beschäftigt, seine Hose zu schließen. Diese Szene und der Telefonmitschnitt sollten nun wirklich ausreichen, um aus Jürgends auch noch den allerletzten Fetzen einer brauchbaren Information heraus zu kitzeln.
Jürgends drehte sich tief ausatmend um. „Bevor Sie jetzt mit ihren Fragen kommen, muss ich Ihnen sagen, dass …“

Er stockte und schielte plötzlich auf seine Nase. Aber die war weg. Ob er das noch gesehen hatte, war fraglich. Sekunden später waren auch seine Augen ersatzlos gestrichen worden. Jensen reagierte blitzschnell. Sie warf sich auf Victor und drückte ihn zu Boden. Musste ein exzellenter Schütze sein. Drei Kopfschüsse, bevor das Opfer überhaupt mitbekam, dass es längst tot war.

Jensen hielt Victor vorsichtshalber unten, obwohl im Moment keine Einschläge mehr zu sehen waren. Bei einem Profi wusste man nie, woran man war.

„Beck! Wir liegen unter Beschuss“, schrie Jensen in der Hoffnung, dass Beck an seinem Richtmikrofon noch drüben auf dem Dach lag. Der Schütze musste sich unmittelbar in seiner Nachbarschaft befinden.

Jensen griff nach ihrer Calico. Ausgerechnet jetzt hatte sie sie nicht dabei. Typisch! Man konnte nicht vorsichtig genug sein. Sie hatte nur diese kleine Walther dabei. Über so eine Entfernung völlig sinnlos.

„Bleiben Sie unten Jacobi! Ich versuche ihn zu schnappen.“

Vorsicht schob sich Jensen über den Boden bis zur Tür. Sie wusste, dass sie keine Chance hatte. Erstens konnte der Schütze fast überall sein. Zweitens konnte er sie genauso gut draußen vor der Tür erledigen. Und drittens, wenn er es nicht tat, war er mit Sicherheit längst weg.

Victor kroch, ohne die Deckung zu verlassen, zu der am Boden liegenden Leiche. Er überzeugte sich, dass sie keinen Puls mehr hatte. Bei drei Löchern im Kopf wäre das auch ein Wunder gewesen. An dem Handgelenk des rechten Armes entdeckte Victor eine kleine Tätowierung. Nicht größer als ein halbes Centstück. Erst war er sich nicht sicher, aber es war eine Tätowierung. Ein einfacher Strich, der in der Mitte unterbrochen zu sein schien. Dann kam jemand über den Flur gelaufen.

„Victor!“ rief Klinger. „Kommen Sie, wir müssen hier verschwinden.“

Victor wollte zur Tür kriechen.

„Der Schütze ist weg. Aber Beck hängt an ihm dran. Kommen Sie.“

Beck hatte das Richtmikrofon genau auf Jürgends Kopf gerichtet. Der Einschlag der ersten Kugel war ein dumpfes „Pfopf“ gewesen. Durch das Fernglas hatte er gesehen wie Jürgends zusammengebrochen war. Kurz darauf hörte er, wie Jensen um Hilfe rief. Aber da hatte er schon begonnen, mit dem Fernglas die umliegenden Häuser abzusuchen.
Das ein gutes Dutzend Fenster die in Frage kamen. Er fuhr die Häuserfronten auf und ab. Er inspizierte jedes Dach. Aber da war nichts. Dann kam er auf glorreiche Idee, dass der Schütze nicht zu sehen war, weil er sich womöglich gleich unter ihm befinden könnte. Beck robbte an den Rand des Daches und sah an der fünfstöckigen Fensterfront hinab. Genau unter ihm stand eine Balkontür offen. Das war eindeutig ein Gewehrlauf, der da aus dem Türspalt ragte.

Beck seufzte. Es wäre ihm lieber gewesen, der Schütze hätte woanders gesessen, dann hätte er die Treppen nehmen können. Der Balkon war nur vier Meter unter ihm. Er konnte sich einfach darauf fallen lassen. Aber dann landete er natürlich genau vor der Mündung des Killers. Schrecksekunde hin oder her, wenn es ein Profi war, würde er ihn wahrscheinlich erwischen.

Das Dumme an Becks Überlegungen war, dass sie zu nichts führten. Er merkte schon, wie er dabei war sich auf den Absprung vorzubereiten. Genau genommen befand er sich im nächsten Moment bereits ihm Flug.

Gute Landung. Die Waffe im Anschlag zielte er auf den Mann hinter dem Gewehr. Durch das Zielfernrohr konnte der nun nichts mehr erkennen. Da war nur ein unscharfer Schatten von Beck. Und Beck zog seinen Abzug ohne jede Verzögerung durch.

Die Kugel zertrümmerte das Zielfernrohr und blieb stecken. Der Scharfschütze hechtete hinter die Mauer. Beck ging ebenfalls hinter der Mauer in Deckung. Aber das hier war ein Balkon. Seine Mauer war viel kürzer und andere Möglichkeiten an Deckung gab es hier nicht.

„Geben Sie auf!“ forderte Beck tapfer, obwohl er sich eindeutig in der schlechteren Lage befand.

Aus dem Zimmer kam sarkastisches Gelächter als Antwort.

„Mein Partner wird jeden Moment durch die Tür kommen“, bluffte Beck und hätte sich im nächsten Moment dafür selbst in den Allerwertesten treten können.

Der Andere fluchte laut. Er schien Becks Drohung ernst zu nehmen. An sich ein gutes Zeichen. Wäre da nicht dieses verhängnisvolle zarte Klicken gewesen, das Beck nur zu gut kannte. Der Bügel einer Handgranate. Beck zählte mit 21, 22 … da trullerte das Ei auch schon auf den Balkon.

Schwere Stiefelschritte entfernten sich von der Balkontür. Das war nicht die Zeit zum Nachdenken. 23. Beck machte einen Salto rückwärts über die Balkonbrüstung. 24. Das war nur auf den ersten Blick die Lösung. Er befand sich schließlich im fünften Stock. Und bumm! Becks linke Hand kriegte das Gitter des Balkons ein Stockwerk tiefer zu fassen.
Granatsplitter und Mörtel flogen haarscharf an ihm vorbei. Sein Handgelenk knackte unter der Last seines muskulösen Körpers und … gab dann doch nach.

Beck ließ seine Waffe fallen und griff beim nächsten Balkon lieber mit beiden Händen zu. Das saß.

Unter ihm waren noch zwei Balkone, aber er hatte keineswegs vor, sich auf diese Art bis nach ganz unten zu hangeln. Seine Handgelenke würden das mit Sicherheit nicht aushalten.

In diesem Moment betrat der Scharfschütze auch schon unten die Straße. Ein großer, kräftiger, junger Mann mit hellblonden Haaren. Beck sah, wie er in seine Jacke griff.
Hier draußen am Geländer war er völlig wehrlos. Mit affenartiger Geschwindigkeit hangelte er sich über die Brüstung und ließ sich flach zu Boden fallen. Die Kugeln schlugen dicht neben ihm in die Häuserwand. Der Kerl schoss sein ganzes Magazin leer. Beck hatte mitgezählt. Leer. Er sprang auf, sah nach unten, sah wie der Kerl Becks Waffe aufhob und schon wieder anlegte.

Diesmal ließ sich Beck lieber durch die Glastür in das fremde Wohnzimmer hinter sich fallen. Es war schon erstaunlich wie wenig manche Menschen von ihrer Umgebung mitkriegten. Beck landete genau vor den Füßen einer nackten, topschlanken, falschen Blondine, die unter einem Walkman kalanetische Übungen machte.

Die Frau schrie nicht. Sie zuckte nicht mal mit den Wimpern, als einige verirrte Kugeln Teile ihrer Deckenbeleuchtung zerlegten. Sie lächelte nur und machte weiter ihre Übungen. Kalanetische Übungen sollten ja angeblich sehr entspannend wirken. Hier war der Beweis. Beck lächelte freundlich zurück und sah zu, dass er schnellstens ins Treppenhaus kam.

Als er vorsichtig durch die untere Haustür lugte, war der Attentäter bereits verschwunden. Beck suchte die Straße nach oben und unten ab. Vergeblich. Der Kerl war einfach weg.
Einen Augenblick lang war Beck versucht noch einmal bei Miss Kalanetics vorbeizuschauen und sich seine Wunden lecken zu lassen. Doch dann schleppte er sich stattdessen pflichtbewusst zur MÜCKE. Gute Noten würde er für diese Nummer nicht gerade bekommen.