Tanz der Walküren

Kapitel 3

Um 6 Uhr morgens war es noch kühl. Katrins Haut zog sich vor allem an den Beinen und Armen zusammen. Gänsehaut. Sie hatte ja auch kaum etwas auf den Rippen, was sie vor der Kälte zu schützen vermochte.

Die anderen Frauen schienen die feuchte Kälte kaum zu spüren. Sie legten wortlos ihre weißen Gewänder an und machten anschließend ihre Betten in dem gemeinsamen Schlafsaal.

Seit dem Tod von Jo di Mambro, dem göttlichen Kind, hatte ihre kleine Gruppe der Sonnentempler Unterschlupf bei den Brüdern vom Thule-Orden gefunden. Hier waren sie sicher und konnten sich in Ruhe auf ihren Transit zum Sirius vorbereiten. Dort würde es sicherlich niemals so kalt sein.

Katrin schüttelte die einsetzende Steifheit aus ihren Gliedern und zog ihr Gewand über. Dann folgte sie den anderen Frauen zum Speiseraum. Schweigend nahmen die Frauen der Sonnentempler die Schüssel mit Brei von einem Mitglied des Thule-Ordens entgegen.

Auch wenn der Thule-Orden ihnen Unterschlupf gewährte, so waren das doch keine echten Freunde. Genau genommen waren sie sogar Feinde. Der Thule-Orden war von seiner Überzeugung her eher ein Feind der Flamme des göttlichen Lichtes. Auch ihnen gegenüber galt für alle Sonnentempler die Omertà, das Gebot des Schweigens.

Nach der kargen Mahlzeit mussten die Quartiere gereinigt werden.

Katrin war dabei, den Flur zu den Waschräumen zu schrubben. Auf den Knien arbeitete sie sich Zentimeter für Zentimeter vor. Sie sah hinauf zu dem Licht. Aber das war ja nur eine nackte 50 Watt Glühbirne und ein Fenster hatte dieser Flur nicht. Für einen Sonnentempler war es wahre Folter, für Wochen von dem Licht ferngehalten zu werden. Von dem großen Licht, das sie anbeteten und das ihre einzige Hoffnung in dieser zum Untergang verurteilten Welt, war.

Aber es musste wohl sein. Da draußen waren sie nicht sicher. Nur hier in den unterirdischen Katakomben des Thule-Ordens waren sie in der Lage, sich auf den Transit vorzubereiten. Sie nahm die mühsame Arbeit mit dem Feudel wieder auf.

„Katrin!“ flüsterte eine Männerstimme.

Frank Mantell blieb mit den Müllsäcken in der Hand gleich neben ihr stehen. Er stellte die Säcke ab.

„Katrin! Hör zu, wir müssen endlich an den Stab des Lichts kommen“, flüsterte er, während er so tat, als ob er die Tüten nicht mehr tragen konnte und sich langsam die Handinnenflächen massierte.

Katrin nickte. Der Stab war Gott sei Dank hier im Tempel des Thule-Ordens. Er war der Schlüssel zu ihrem Transit. Wenn er damals im Chalet von Granges-sur-Salvan den Behörden in die Hände gefallen wäre, gäbe es für die zurückgebliebenen Templer keinen Weg mehr, den Sirius zu erreichen.

Aber der Großmeister des Thule-Ordens hatte persönlich dafür gesorgt, dass dies nicht geschehen war. Er hatte den Stab rechtzeitig hierher in Sicherheit gebracht.

Frank hob die Säcke wieder an und ging langsam weiter. Hier hatten die Wände Ohren und die Türen Augen. Nichts blieb dem Großmeister des Thule-Ordens verborgen. Überall lauerten seine Spione.

„Heute Nacht!“ flüsterte Frank. „In der großen Halle!“

Dann war Katrin wieder allein mit ihrem Feudel auf dem nicht enden wollenden dunklen Flur.

*

Eine lange und unruhige Nacht lag hinter Victor. Richtigen Schlaf hatte er wohl nicht gefunden. Auch alle anderen Patienten auf der Krankenstation wanderten die halbe Nacht lang über die Flure.

Wer jedoch Schlaf fand, hatte mit seinen Alpträumen zu kämpfen. Immer wieder hörte man aus den Zimmern jemanden im nächtlichen Selbstgespräch oder undefinierbare Stöhnlaute ausstoßen.

Seit die erste Studentin erkrankt war, hatte die ungläubige Verwunderung über ihre Lage nackter Angst Platz gemacht. Von diesem Augenblick an war allen klar gewesen, dass sie da draußen in der richtigen Welt noch etwas Dringendes zu erledigen hatten. Alle ihre Gedanken kreisten nur noch um die Hoffnung, dem in jedem Atemzug lauernden Tod, noch einmal von der Schippe zu springen.

Elisabeth wirkte gefasst. Ihr schien die Situation kaum etwas auszumachen, seit sie sich entschlossen hatte, an der Seite ihres Mannes dem nahenden Tod entgegenzutreten.

Beck und Jensen berieten draußen auf dem Flur, was sie nun tun könnten. Jensen konnte mit dieser Situation am schlechtesten umgehen. Hilflosigkeit war nicht beileibe ihre Sache. Lieber Aug’ in Aug’ mit dem Feind, der tödlichen Kugel entgegenlaufen. Aber das hier? Einfach nur herumsitzen und abzuwarten, ob man vielleicht anfing zu sterben oder nicht? Ne, so hatten sie nicht gewettet!

Victor klopfte ihr behutsam auf die Schulter. Ein bisschen Zuspruch konnte sie jetzt gut gebrauchen. Eine Schwester im Schutzanzug verteilte auf dem Gang Frühstück. Beck wollte los und ihnen allen eine Portion holen. Aber Jensen hielt ihn zurück.

„Lass mich das machen!“ bettelte sie fast. „Und wenn ich dreimal laufen muss, dann sind wenigstens wieder fünf Minuten um.“

Beck zuckte mit den Achseln und kratzte sich gelangweilt am Kinn. Um solche Arbeiten riss er sich nun wirklich nicht.

„Die ist ja lammfromm“, stellte er zufrieden fest. „Hat wohl Angst, unsere Madame.“

„Angst hat sie nicht, sie fühlt sich nur schrecklich hilflos“, erklärte Victor.

In diesem Moment wurde auf der anderen Seite des Flures die Luftschleuse geöffnet. Prof. Fleischmann betrat die Isolationszone. Victor hielt die Luft an. Er stieß Beck an den Ellenbogen und zeigte auf den Arzt. Wenn irgendwo ein Arzt auftauchte, wusste man nie, ob es gute oder schlechte Nachrichten sein würden, die er einem überbrachte. Meistens waren es schlechte. In diesem Fall aber würden es zweifellos gute Nachrichten sein. Das war für Victor so sicher wie das Amen in der Kirche. Denn: Prof. Fleischmann trug keinen Schutzanzug. Die Möglichkeit, dass er sich ebenfalls infiziert hatte, schloss Victor kategorisch aus.

Noch während Prof. Fleischmann Victor die Hand schüttelte und ihn wieder unter den Lebenden begrüßte, begannen im Hintergrund die Pfleger und Polizisten die Plastikvorhänge im Flur zu entfernen.

„Was ist los?“ fragte Victor. „Doch kein hämorrhagisches Fieber?“

„Hämorrhagisches Fieber schon“, erklärte Fleischmann. „Ihr Student ist zwar nicht daran gestorben, aber er wäre es mit ziemlicher Sicherheit. Es handelte sich um eine Infektion mit dem Lassa Virus.“

„Aber?“ Victor hob fragend die Hände.

„Eine ausgesprochen eigenartige Variante des Original Lassa-Stammes. Sozusagen eine kastrierte Version!“ erklärte der Professor sichtlich zufrieden. Denn auf die Auszeichnung, die meisten Patienten im Laufe eines Jahres verloren zu haben, konnte Fleischmann gut verzichten.

„Was?“ fragte Victor den Professor. Er hatte wohl nicht alles, von dem was Fleischmann gesagt hatte, verstanden, weil in diesem Augenblick auf dem Gang der Station ein lauterstarker Jubelsturm los brach. Die Studenten feierten geräuschvoll ihr neugewonnenes Leben und tobten kreischend und johlend über die Gänge.

„Kommen Sie hier hinein, Herr Professor“, forderte Victor ihn auf. Sie zogen sich in das Krankenzimmer zurück und schlossen die Tür.

Elisabeth strahlte ihren Mann überglücklich an und der nahm sich die Zeit, sie zu küssen, bevor er sich daran machte, Fleischmann mit Fragen zu bombardieren.

„Was heißt denn nun kastriert?“ wollte er zunächst einmal wissen.

„Er ist nicht so leicht übertragbar wie der Originalstamm. In der Außenwelt ist dieser Virus nicht in der Lage, länger als den Bruchteil einer Sekunde zu überleben. Daher hat es vorerst keine weiteren Infektionen gegeben. Nur der direkte Austausch von Blut hätte zu einer Infektion führen können.“

„Aber das Blut auf meinem Jackett, ich hatte doch …“

„Seien Sie unbesorgt, wir haben jeden eingewiesenen Patienten überprüft. Keiner trug den Virus in sich“, unterbrach in Fleischmann.

„Und meine Studentin …“ warf Victor ein.

„Kein hämorrhagisches Fieber“, erklärte der Arzt. „Sie leidet vielmehr an Bulimie. Daher das Erbrechen.“

„Und das Fieber?“

„Könnte eine psychosomatische Reaktion sein. Wahrscheinlich hatte sie panische Angst, dass man ihre Krankheit hier entdeckt und sie womöglich zwangsernährt. Ich habe einen Kollegen von dem Fall unterrichtet. Er wird sich um das Mädchen kümmern.“

Victor schüttelte ratlos den Kopf. Ein kastrierter Virus? Was es nicht alles gab? Wie sollte sein Student sich damit infiziert haben?

„Wo kommt denn so ein kastrierter Virus her, wenn man sich damit nicht einfach so anstecken kann?“

Professor Fleischmann schien in diesem Fall ebenso ratlos zu sein. „Also, auf natürlichem Wege ist der sicherlich nicht entstanden. Das ist ein regelrechtes Desinger-Virus. Das hat jemand unter hohem Aufwand entwickelt.“

„Ist das schwierig?“

„Wenn er nicht kastriert wäre, bräuchten sie ein Labor mit der Sicherheitsstufe 4 und einen absoluten Weltklasse-Biologen, der darin arbeitet.“

„Das können ja nicht allzu viele sein, oder?“

„Ein gutes Dutzend Leute kenne ich schon, die Ihnen so etwas züchten könnten“, sagte der Arzt.

„Sie eingeschlossen?“

Fleischmann lachte. „Vielleicht. Ich kann es Ihnen gar nicht mal sagen. Dieser Virus ist ja nicht nur kastriert, was an sich schon ein kleines genetisches Meisterwerk ist. Da wurde zusätzlich noch ein riesiger Bereich der DNA verändert.“

„Mit welchem Ziel“, fragte Victor höchst interessiert.

„Das könnte ich Ihnen sagen, wenn es mir gelungen wäre, diesen kleinen bösartigen Gesellen zu züchten. Aber so?! Keine Ahnung. Er hat offenbar, außer seiner tödlichen Funktion, noch eine Eigenart, die wir zur Zeit versuchen zu analysieren.“

Victor dachte nach. Wozu sollte jemand einen Virus züchten, der nur durch direkten Blutaustausch weitergegeben werden konnte?

„Das ist nicht unbedingt gesagt“, unterbrach Fleischmann Victors lauten Gedankengang. „Es könnte sich um einen Prototyp handeln. Eine Variante, mit der man unter niedrigsten Sicherheitsvorkehrungen genetische Experimente macht. Später, wenn der Virus die gewünschten Eigenschaften hat, fügt man die ursprünglichen Gene wieder ein und schwupp, schon hat man wieder eine geladene Waffe.“

„Sie glauben, dass es sich um einen militärischen Versuch handelt?“

„Ich sehe niemanden sonst, der in der Lage wäre und ein Interesse daran hätte, ein so tödliches Instrument zu bauen. Das Problem ist doch, dass man die Waffe nicht stoppen, oder sich selbst davor schützen kann. Eigentlich handelte es sich um eine völlig sinnlose und wirkungslose Waffe. Eben, weil man sie niemals abfeuern kann. Mit derart unnützem Zeug befasst sich eigentlich ausschließlich das Militär.“

Jensen öffnete die Tür und kam mit zwei Tabletts herein.

„Entschuldigung. Ich habe hier etwas zu essen.“ Jensen stellte ein Tablett mit Frühstück vor Elisabeth ab und eines vor Victor.

„Für mich nicht …?“ fragte Beck.

„Bin ich hier Mutter Jensen? Du bist ein ausgewachsener Mann und kannst dich ja wohl selbst ernähren!“

„Oh, Madame ist wieder gut drauf …“ Beck grinste.

„Dann ist es doch sehr wahrscheinlich, dass es irgendwo noch mehr von diesen Viren gibt?“ murmelte Victor und vergaß vorerst seinen Hunger. „Und die könnten natürlich über die Atemwege ansteckend sein?“

„Möglich schon“, sagte Prof. Fleischmann. „Aber ich hoffe wirklich, dass ich die nie zu Gesicht bekomme.“

„Sie informieren mich aber, falls Sie die unbekannte genetische Information entschlüsselt haben?“

„Sie haben ja reichlich Vertrauen in meine Künste“, freute sich Fleischmann. „Aber ohne die Hilfe von Prof. Haushofer wird das ein Rätselraten ohne absehbares Ende. Haushofer ist meines Wissens nach der einzige, der Ebola-, Lassa- und Marburg-Erreger so gut wie seine eigene Westentasche kennt.“

„Warum bitten Sie ihn dann nicht um Hilfe?“

„Habe ich ja. Aber er weilt nicht mehr in Hamburg und meine Sekretärin ist noch dabei, seinen derzeitigen Aufenthaltsort zu ermitteln.“

„Gut!“ sagte Victor und biss in das belegte Brötchen, das seine Frau ihm fürsorglich geschmiert hatte. „Aber Sie halten mich trotzdem auf dem Laufenden!“

Fleischmann versprach’s und verließ Victors Zimmer, um nach der Studentin zu sehen. Die wollte er nicht einfach so ziehen lassen. Bulimie war nicht sein Fachgebiet, aber dennoch eine ernste Sache.

„Wollen wir noch länger hier rumhängen?“ maulte Jensen ungeduldig.

Eigentlich gab es keinen Grund mehr, auch nur eine Minute länger hier zu bleiben. Jensen war mit diesem Krankenhaus fertig. Ein für alle Mal. Wenn möglich sogar mit allen Krankenhäusern dieser Welt.

„Wir treffen uns im Hauptquartier in, … sagen wir mal in zwei …“ Victor warf einen Blick auf seine Frau. „Besser in vier Stunden. Zur Lagebesprechung.“

Jensen nickte. „Los Beck, ich nehme dich mit!“

„Danke, ich nehme lieber die U-Bahn, das ist sicherer“, winkte Beck ab.

„Wie du willst. Ich muss jetzt jedenfalls endlich mal duschen, und …“

„… und was?“

„Meine Waffe reinigen.“

*

Katrin horchte angespannt. Im gesamten Schlafsaal wurde die Luft gleichmäßig durch viele Kehlen aus- und eingesogen. Alle schliefen. Leise schlug Katrin die dünne Bettdecke zurück und legte ihr Gewand an. Die Sandalen ließ sie lieber stehen. Katrin wollte sich möglichst geräuschlos bewegen, auch wenn der steinerne Fußboden viel zu kalt für ihre bloßen Füße war.

Hinter der Tür des Schlafsaals lag der lange Gang. Nachts war er unbeleuchtet. Franz würde an der Kreuzung zum zweiten Hauptweg auf sie warten.

Der Schlafsaal der Männer lag sehr viel weiter südlich. Die schwere Holztür quietschte in den Scharnieren. Katrin hielt inne und lauschte wieder. Keiner war davon aufgewacht. Sie zwängte sich quer durch den schmalen Spalt. Die Tür noch weiter zu öffnen konnte sie nicht riskieren. Mit der rechten Hand versuchte sie die Tür vorsichtig wieder zuzuziehen. Vergeblich! Sie klemmte.

Katrin ließ die Klinke los und versuchte an der Tür selbst zu ziehen. So hatte sie mehr Kraft. Dennoch bewegte sich diese verdammte Tür keinen Millimeter.

Ein spitzer erstickter Schrei entfuhr ihr, als eine fremde Hand sich auf ihre Hand legte.

„Wo willst du hin?“ fragte Martina flüsternd. Selbst so leise gesprochen, hörte sich die Frage nach einem polizeilichen Verhör an. Katrin überlegte, ob sie nicht aufs Klo musste. Der kalte Fußboden und der Gedanke an die Toilette sorgten dafür, dass sie nun tatsächlich dringend musste.

„Ich komme mit“, sagte Martina und schob sich ebenfalls durch den Türspalt. Es quietschte nochmals alarmierend, als sie die Tür dafür noch einige Zentimeter weiter aufschieben musste.

Martina war gefährlich. Sie gehörte zu den Mitgliedern der Sonnentempler, die früher gegnerische Organisationen ausspioniert hatten. Es hieß, sie habe sich sogar bei Opus Dei eingeschlichen und dort 2 Jahre lang unerkannt Informationen gesammelt. Außerdem munkelte man sie sei an dem Diebstahl des Stabes des Lichtes beteiligt gewesen, der sich seinerzeit im Besitz von Opus Dei befand.

Martina wartete vor der Kabinentür, bis Katrin sich erleichtert hatte. Warum war sie mitgekommen, wenn sie selbst nicht musste? Wahrscheinlich ahnte sie etwas und wollte Katrin überwachen. Es war nur die Frage in wessen Auftrag.

„Und nun?“ fragte sie, als Katrin gespült und die Tür wieder geöffnet hatte.

„Ich geh wieder ins Bett“, flüsterte Katrin.

„Ach was. Du solltest keine Geheimnisse vor mir haben, Schwester!“

„Ich habe keine Geheimnisse.“

„Wollen wir wetten?“ Nein, das wollte Katrin nicht. Sie versuchte, an Martina vorbei den Raum zu verlassen, aber die hielt sie am Arm fest.

„Es ist besser, du sagst mir, was du vorhattest“, sagte Martina und ihr Griff war hart wie eine Eisenklammer an ihrem Handgelenk. Aber Katrin schwieg. Martina zog sie unerwartet heftig am Handgelenk zurück in die Toilettenkabine. Mit dem Fuß kickte sie die Tür zu und die andere Hand war sekundenschnell an ihrem Hals. Nasenspitze an Nasenspitze standen sie sich gegenüber. Martina war um einiges größer und kräftiger als sie. Katrin verzichtete vernünftigerweise auf jede Gegenwehr.

„Ich habe genug Möglichkeiten, es aus dir herauszuholen. Das kannst du mir glauben. Aber ich will, dass du mir vertraust.“

Martinas Augen funkelten sie in der Dunkelheit wie zwei Jadesterne an. „Du bist doch meine Glaubensschwester, oder etwa nicht?“

Katrin nickte mit dem Kopf.

„Also …!“

Katrins Blase meldete sich schon wieder. Diesmal wohl vor Angst. „Ich muss noch mal.“

„Sag mir erst, was du vorhattest!“

„Wir … ich wollte den Stab des Lichts holen“, sagte sie nach kurzem Zögern und knickte etwas in den Beinen ein, um den Druck zu vermindern.

Martina ließ sie los, und Katrin stürzte auf die Kloschüssel.

„Wer ist ,wir‘?“

„Franz Mantell und ich“, sagte Katrin erleichtert und entspannte sich.

„Nur ihr beide? Sonst niemand?“

Katrin schüttelte den Kopf.

Martina schien einen Moment zu überlegen.

„Wie wolltet ihr mit dem Stab von hier fliehen?“

„Fliehen? Wir wollten nicht fliehen. Mit dem Stab wollten wir zum Sirius“, erklärte Katrin und griff nach dem Klopapier.

Martina schüttelte den Kopf. Sie schien mit diesem Plan nicht ganz einverstanden. „Wir brauchen den Stab, um allen Sonnentemplern den Transit zu ermöglichen. Deshalb müssen wir alle gemeinsam fliehen und die anderen Templer zusammensuchen. Erst dann kann der Transit beginnen.“

Damit war Katrin natürlich einverstanden. Sie hatte keineswegs vor, die Gruppe zu hintergehen. Nur das Warten hatte sie satt. Das Leben in dem Tempel des Thule-Ordens war auch nicht gerade ein Zuckerschlecken. Sie stand auf und wollte sich sofort auf den Weg machen.

„Verdammt kalter Fußboden“, nörgelte Martina. „Die könnten hier auch mal eine Fußbodenheizung einbauen. Warte noch …“ Offenbar traute Martina ihr nicht. Sie hielt Katrin am Handgelenk fest und setzte sich.