Tanz der Walküren

Kapitel 12

Die Polizei hatte die Maschine des Fluges FI 208 auf einem abgelegenen Teil des Rollfeldes abstellen lassen. Alle Passagiere wurden einzeln befragt und durften den Flughafen nicht verlassen. Zwei Passagiere fehlten. Nach Zeugenaussagen sollten sie über die Rollbahn geflohen sein. Außerdem waren es diese beiden Passagiere, die während des Fluges Krawall gemacht hatten. Damit waren die beiden für die Polizei dringend tatverdächtig. Ohne diese Personen würden die Vorfälle, die zu fünf Toten auf Flug FI 208 geführt hatten, wohl niemals aufgeklärt werden. Des Weiteren hatte die Polizei drei Koffer beschlagnahmt, die jeweils eine halbe Million Dollar beinhalteten.

Die isländischen Beamten standen vor einem Rätsel. Aber man war zuversichtlich, die beiden verschwundenen Passagiere früher oder später zu finden. Schließlich war Island eine Insel, wenn auch eine große Insel. Aber so mir nichts dir nichts verschwand hier niemand.

Eine Verbindung mit der Privatmaschine, die unmittelbar vor der 737 gelandet war, stellte die Polizei nicht her. Schließlich hatten die Morde unzweifelhaft in der Luft stattgefunden. Beck hatte daher keinerlei Schwierigkeiten, eine Starterlaubnis zu erhalten. Dass die Cessna mit einem Passagier mehr startete, als sie gekommen war, fiel in dem ganzen Durcheinander niemandem auf.

„Sie müssen sich untersuchen lassen!“ erklärte Victor. „Sie sind mit dem Blut der Infizierten in Berührung gekommen.“

Lothar nickte gelassen. Das war ihm schon klar. Er war froh, dass er diese Geschichte überlebt hatte.

Als sie vier Stunden später wieder in Hamburg gelandet waren, begleiteten Beck und die anderen Lothar ins Tropenkrankenhaus. Professor Fleischmann stellte keine unnötigen Fragen. Er konnte den Männern ansehen, dass sie einiges mitgemacht hatten. Eine Schwester kümmerte sich um die Wunden von Beck und um Jensens angeknackste Rippen.

Während der zwei Stunden, die sie alle gemeinsam auf das Untersuchungsergebnis warteten, schilderte Victor dem Chef des Tropeninstitutes in knappen Worten, welcher Katastrophe sie um Haaresbreite entgangen waren. Fleischmann konnte es kaum glauben. Vor allem, dass Haushofer seinerzeit den Virus aus dem Blut eines seiner Patienten extrahiert hatte, das schien ihm geradezu unfassbar. Anderseits war Haushofer ihm schon damals als ziemlich unsympathischer Zeitgenosse erschienen. Doch so etwas hatte er trotzdem nicht für möglich gehalten.

Prof. Fleischmann wurden von einem Laborassistenten die Befunde der Blutuntersuchung rein gereicht. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass Lothar sich nicht infiziert hatte. Aber auch so kam noch genug Ärger auf diesen tapferen Mann zu.

„Was machen Sie jetzt, wo das Geld weg ist?“ fragte Victor Lothar.

„Nun, ich werde mich wohl zurückmelden und dann einiges erklären müssen.“

„Sie sollten in Erwägung ziehen, die Sache mit dem Koffer nicht überzubewerten … Ich denke, es schadet niemandem, wenn man es so aussehen lässt, als ob Micha allein mit den Koffern abhauen wollte“, sagte Victor nachdenklich. Das widersprach zwar seinen moralischen Grundprinzipien, aber Lothar hatte bei diesem Fall genug Außergewöhnliches geleistete. Damit war in seinen Augen dieser kleine Fehltritt mehr als abgedeckt.

„Ich werde über diese Möglichkeit nachdenken.“

„Was glaubst du, werden die mit dir machen?“ fragte Jensen neugierig.

„Wenn ich Glück habe, schmeißen sie mich raus. Wenn ich Pech habe, gehe ich in den Knast.“

Als Polizist oder BND-Agent im Knast, das war kein Zuckerschlecken. Jensen drückte ihm die Daumen.

„Falls Sie in Kürze arbeitslos werden sollten …“, setzte Victor an. „Einen so guten Mann können wir immer mal gebrauchen.“ Victor reichte ihm seine Visitenkarte. „Melden Sie sich doch einfach mal bei mir, wenn Sie Ihre Dinge geregelt haben.“

Lothar bedankte sich. Dann verabschiedete er sich von Klinger und drückte Beck besonders herzlich die Hand. Nachdem er seinen besten Mann und im Prinzip seine ganze Einsatzgruppe verloren hatte, war Beck ihm schnell ans Herz gewachsen.

„So das war’s“, behauptete Victor. „Die Welt ist gerettet, Weihnachten steht vor der Tür. Wir haben uns wohl alle ein paar freie Tage verdient. Und morgen feiern wir den Erfolg. Punkt 13 Uhr zum Weihnachtsessen, bei mir zu Hause, wenn ich bitten darf.“

Jensen bot sich an, Victor nach Hause zu fahren. Seine Frau wartete sicherlich schon ungeduldig auf ihn. Klinger musste noch die MÜCKE ins Hauptquartier bringen und dort nach dem Rechten sehen, dann würde auch er Feierabend machen. Plötzlich stand Beck allein auf dem Flur des Krankenhauses. Er fühlte sich unendlich einsam, nach dieser intensiv erlebten Woche. Unschlüssig stand er da. Was sollte er jetzt machen?

„Ich wusste ja, dass ich Sie hier wiederfinden würde.“

Beck drehte sich um.

„Fräulein Wolf“, rief Beck entsetzt.

„Sie waren so plötzlich verschwunden, als die Quarantäne aufgehoben wurde. Aber ich war sicher, sie würden hier irgendwann wieder auftauchen.“

Die Reporterin mit den feuerroten Haaren hatte anscheinend seit Tagen das Krankenhaus beobachtet. „Sie schulden mir noch den Ausgang der Geschichte. Das mit dem Studenten, den sie in der U-Bahn erschossen haben. Erinnern Sie sich?“

Beck erinnerte sich daran, aber das war ja schon so lange her.

„Da war doch mehr dran als nur eine harmlose Grippe oder eine Tuberkulose-Epidemie? Wie wär’s, ich spendiere ein gutes Abendessen und sie erzählen mir, was sie so die letzten Tage getrieben haben?“

Beck spürte einen heftigen Anfall von Heißhunger. Ein gutes Essen wäre jetzt genau das Richtige. Danach heiß duschen und dann … Beck sah sich Fräulein Wolf von oben bis unten an.

„Das mit dem Essen geht klar. Aber mit der Story, das können Sie knicken“, sagte Beck ihr ganz ehrlich.

Fräulein Wolf musterte ihn. Sie schien zu wissen, dass er das ernst meinte. Dann sagte sie: „Okay, schließlich ist Heiligabend und ich habe eh nichts besseres vor.“

Sie hatten ein türkisches Restaurant im Schanzenviertel ausgewählt. Die hatten auch Heiligabend offen. Nach der Anstrengung war Beck der Rotwein schnell zu Kopf gestiegen. Aber nicht so sehr wie Fräulein Wolf. Die hatte mehr als drei halbe Liter allein geleert. Sie war langsam aber sicher immer dichter an ihn herangerückt und nuschelte fortwährend irgendetwas vom Fest der Liebe.

Beck war unsicher. Er wollte nicht schon wieder eine Frau in seine Wohnung lassen. Das häufte sich in letzter Zeit. Wenn er nicht aufpasste, wurde die Ausnahme irgendwann zur Regel. Fräulein Wolf wurde auf einmal sehr konkret, was sie sich gerade heute unter einem Fest der Liebe vorstellte. Und was sie da unter dem Tisch festhielt, als ob es der Steuerknüppel einer Aircobra wäre, war nun wirklich kein Argument, sie von der Bettkante zu schubsen. Sie rief nach dem Ober und zahlte.

Beck hatte sich schon damit abgefunden, dass es seine Wohnung sein würde. Schließlich wohnte er hier gleich um die Ecke. Beck musste Fräulein Wolf im Treppenhaus unter die Arme greifen. Vor seiner Tür auf dem Treppenabsatz saß … Beck erinnerte sich, sie hieß Monika. Monika stand auf. Sie trug rote 12cm Heels und eine ebenfalls knallrote Lackcoursage. Ihr Mantel war offen.

„Hey!“ sagte sie Kaugummi kauend.

„Hey!“ gab Beck ratlos zurück.

„Keine Angst, ich will dir nicht auf den Wecker gehen“, sagte Monika. Das beruhigte Beck fürs erste. „Es ist nur … weil doch Heiligabend ist, und … na ich dachte, du wärst vielleicht nicht gern allein.“ Sie sah Beck erwartungsvoll an.

„Der ist nicht allein“, lallte Fräulein Wolf.

„Das sehe ich auch“, zickte Monika sofort zurück.

„Na also, dann verschwinde Schätzchen!“

Monika reagierte nicht. Sie wartete darauf, was Beck dazu sagen würde. Dem war es eigentlich ganz recht, dass Monika da war. Vielleicht kam er so um eine Geschichte mit Fräulein Wolf, die er morgen früh bereuen würde, drum herum. „Wenn du dich allein fühlst, dann komm ruhig mit rein“, sagte er und schloss die Wohnungstür auf.

„Nein, nein, nein“, nuschelte Fräulein Wolf und winkte mit der Hand ab. „Heute gehört der mir.“

Monika kümmerte sich nicht um die Wolf. Sie folgte den beiden in die Wohnung. Beck setzte Fräulein Wolf auf dem Bett ab. Monika schwenkte eine Flasche Jack Daniels, die sie aus ihrer Manteltasche gezogen hatte. Beck nickte.

„Ich muss jetzt aber erst mal heiß duschen.“

Als Beck nach einer viertel Stunde wieder aus der Dusche kam, hatte er nur ein Handtuch umgebunden. Die Frauen saßen auf dem Bett und säuselten etwas, das nach „Stille Nacht …“, klang. Beck musste lachen. Irgendwo hatten sie Kerzen gefunden, die ohne Halter auf dem Tisch klebten und ihnen ihr flackerndes Licht spendeten. Beck nahm ein Glas und schenkte sich ein.

„Prost!“ rief er.

„Prost!“ riefen die beiden Frauen fast im Chor.

Dann brach Fräulein Wolf heulend in Monikas Armen zusammen. Die würde sich ganz bestimmt auch nicht mehr lange mit dem Flennen zurückhalten. Schließlich war heute Heiligabend. Als Beck sich zu ihnen auf das Bett setzte schaute er unauffällig in die Kiste mit den Präservativen, unter dem Nachttisch. Er war auf alles vorbereitet und legte sich entspannt zurück.

Ende