Tanz der Walküren

Kapitel 11

Eine halbe Stunde lang hatten sie alles in der Umgebung abgesucht. Ohne jeden Erfolg. Die blonde Frau war offenbar entkommen. Das Einzige, was sie entdeckt hatten, waren drei gleichfarbige Ford Fiesta. Offenbar Leihwagen. Sie standen vorne an der Einfahrt zum Parkplatz in einer Reihe. Das hieß, eine Parklücke zwischen den drei Wagen war frei. Beck probierte einen der Schlüssel, den er neben den Pässen in einem der Geldkoffer gefunden hatte. Er passte. Damit lag der Verdacht nahe, dass die flüchtige Frau in einem vierten Fiesta das Weite gesucht hatte.

Victor war sauer. Dass Klinger sich hatte gefangen nehmen lassen, war eine Sache, aber den Datenspeicher der MÜCKE zu löschen, das war unprofessionell. Jetzt konnten sie nicht einmal überprüfen, wo diese Wagen ausgeliehen worden waren und wo sie wieder abgegeben werden sollten. Mit diesen Informationen hätten sie wenigstens einen Anhaltspunkt gehabt, wo sie mit der Suche beginnen sollten.

Es half alles nichts. So sehr die Zeit auch drängte, sie mussten erst einmal zurück zur Basis. Das Team trennte sich. Jensen hatte anscheinend genug von der Fliegerei und fuhr mit Klinger zusammen in der MÜCKE nach Hamburg zurück. Beck und Victor nahmen das Flugzeug. Lothar und Micha begleiteten sie, um sich am Hamburger Flughafen mit einem Last-Minute-Ticket abzusetzen.

Die Verabschiedung von den beiden BND-Männern fiel etwas unterkühlt aus. Victor fand es immer noch falsch, die beiden mit dem Geld ziehen zu lassen. Erst recht, seitdem klar war, dass der Fall noch nicht abgeschlossen war.

Klinger musste den Kleinlaster ziemlich getreten haben, denn er wartete bereits im Hauptquartier auf Victor. Gerade überspielte er die Datenbänke seines Rechners auf die MÜCKE, um sie wieder einsatzbereit zu machen. Victor beschloss, dass es auf eine halbe Stunde wohl nicht ankäme. Er wurde langsam Zeit für eine Dusche. Für solche Fälle hatte er einen kleinen Spind mit Sachen zum Wechseln in dem Loft.

Auch Beck und Jensen machten sich frisch, während Klinger schlecht gelaunt versuchte, den Zeitverlust wieder wett zu machen.

„Also, wir haben Glück“, berichtete Klinger, als Victor sich eine neue Krawatte umband. „Die Wagen waren alle auf Liebesfelds Namen geliehen. Daher haben wir auch das Kennzeichen des vierten und wissen, wo er wieder abgegeben wurde.“

„Er wurde schon wieder abgegeben?“ fragte Victor alarmiert.

„Ja, aber zu unserem Glück ausgerechnet am Hamburger Flughafen. Ich bin schon dabei, die Passagierlisten zu checken .“

„Woher willst du wissen, welchem Namen die Frau benutzt. Sie hat doch jede Menge Pässe dabei“, wollte Jensen wissen und trocknete sich die Haare mit einem Handtuch ab, das sie anschließend wie einen Turban um den Kopf wickelte.

„Die Pässe haben zwar verschiedene Nationalitäten, aber die eingetragenen Namen sind immer die gleichen.“

„Schön und gut, aber jede Frau hat ihren eigenen Namen. Daraus können wir nicht ableiten, wie die verschwundene Frau heißen könnte.“

„Doch Victor. Können wir.“ Klinger reichte ihm die Pässe. „Fällt Ihnen da etwas auf?“

„Ne!“ sagte Victor, nachdem er die Pässe grob studiert hatte.

„Die Namen!“

„Sieglind Naumann, Gerhild Meyer, Waltraut Beckmann“, las Victor die Namen laut vor. „Was soll mir da auffallen?“

„Walküren! Das sind alles Namen von Walküren“, verkündete Klinger stolz.

„Also suchen wir nach einer Frau mit dem Vornamen einer Walküre?“ folgerte Beck interessiert.

„Das grenzt die Sache natürlich ein“, murmelte Victor. „Da bliebe Ortlind, Siegrun, Helmwig, …“

„… und Roßweiße!“ steuerte Jensen munter bei. „Das sind ganz schön viele.“

Klinger schnalzte mit der Zunge. „Nicht doch. Das sind vier Frauen. Eine muss ja wohl die Anführerin sein. Und wie heißt die Anführerin der …?“

„Brunhilde!“ rief Victor erleichtert. „Natürlich, die Frau heißt vermutlich Brunhild.“

„Kein besonders gängiger Name, nicht wahr?“ freute sich Klinger.

„Gut gemacht“, lobte Victor ihn versöhnt.

Der Computer hinter Klinger gab das Brüllen eines ausgewachsenen Löwen von sich.

„Ahh!“ rief Klinger. „Treffer! Es …“ Klinger machte eine bedenklich lange Pause. „Es scheint so, als ob im Winter die meisten Rentner ’gen Süden fliegen. Und vor sechzig Jahren erfreute sich der Name Brunhilde wohl etwas größerer Popularität!“

„Mach es nicht so spannend“, sagte Beck.

„Na, bei etwa 24.000 Passagieren täglich, kann der Name Brunhilde schon mal öfter vorkommen. Also, genau genommen: 19 mal. Aber … 8 können wir Gott sei Dank gleich ausklammern, die sind mit Ehemann unterwegs.“

„Bleiben 11!“ rechnet Victor blitzschnell nach.

„Nicht ganz 5 reisen im Neckermannbomber. Ich glaube kaum, dass unsere Zielperson eine Pauschalreise gebucht hat.“

„Also sechs.“

„Ich drucke mal die Liste aus.“

„Wir müssen zum Flughafen und die Schalter überwachen“, sagte Beck.

*

Lothar war auch nicht gerade glücklich mit ihrem Reiseziel, aber es war die schnellste Möglichkeit, Deutschland zu verlassen. Also hatten sie widerwillig zugegriffen.

„Hast du eigentlich mal darüber nachgedacht, warum niemand im Winter nach Island fliegen will?“


„Hör schon auf! Mir wäre der Flug auf die Bahamas auch lieber gewesen. Palmen, Sonne, weißer Strand und das alles.“

„Du brauchst es mir nicht weiter auszumalen, ich weiß auch so, was du meinst.“

„Da war nun mal nur ein Platz frei. Hätten wir etwa losen sollen?“

Micha zuckte mit den Schultern.

Lothar ignoriert diese enttäuschende Geste einfach. „Und außerdem ist Island nur ein Zwischenstopp. Von dort aus sehen wir zu, wie wir in aller Ruhe in die Südsee kommen, klar?“

„Ja, ja. Aber mitten im Winter in die Arktis …“, maulte Micha.

„Außerdem ist es da gar nicht so kalt. Im Schnitt höchstens 1 bis 2 Grad kälter als hier. Das macht der Golfstrom.“

„Na toll! Und hier wollten wir ja gerade weg.“

Der Direktflug der Icelandair von Hamburg nach Keflavík ging in einer halben Stunde. Es blieb gerade noch Zeit für den Check-in. Von den 150 Plätzen in der 737 war nicht einmal die Hälfte besetzt. Micha und Lothar besetzten eine ganze Dreiersitzreihe und stellten die beiden Koffer zwischen sich ab. Die Koffer ließen sie keine Sekunde aus den Augen. Schließlich befand sich da ihre Rente drin.

Der Start verlief reibungslos und pünktlich. Die etwas über drei Stunden Flug, die vor ihnen lagen, boten ausreichend Gelegenheit, endlich einmal auszuschlafen. Lothar hatte sich auf dem Flughafen einen Einmalrasierer gekauft. Bevor die Stewardess mit den Getränken ankam, wollte er sehen, dass er seine Stoppeln los wurde. Die Toiletten befanden sich im hinteren Teil des Flugzeugs. Er ging an den Sitzreihen entlang zum Heck.

In Reihe 21 stutzte er. Lothar war ein geübter Beobachter. Er warf der Frau keinen zweiten Blick zu. Der wäre ihr womöglich aufgefallen. Aus den Augenwinkeln hatte er den Koffer bemerkt, den die Frau als Handgepäck dabei hatte. Sie war blond, mindestens 2,10 m groß. Bestimmt war sie daran gewöhnt, dass man ihr mehr als einen Blick zuwarf. Aber Lothar hatte sich beherrscht. Er betrat die Toilettenkabine und begann sich zu rasieren. Auf dem Rückweg blieb noch Zeit genug für einen weiteren, ganz unauffälligen Blick.
„Es gibt Ärger“, sagte Lothar, als er sich wieder auf seinen Sitz fallen ließ.

„Was?“ fragte Micha schläfrig. Ihm waren wohl in den paar Minuten schon die Augen zugefallen.

„Acht Reihen hinter uns sitzt eine große, eine auffällig große, blonde Frau. Und sie hat einen Koffer dabei.“ Lothar zeigte auf die Koffer, die zwischen ihnen auf dem Sitz lagen. „Genau so einen Koffer.“

„Nein!“ seufzte Micha. „Ich habe ja gesagt: Karibik!“

„Wir haben gut 2 Stunden, um uns etwas einfallen zu lassen“, sagte Lothar. „Ohne Waffen dürfte es schwierig werden sie daran zu hindern, die Maschine zu verlassen.“
Micha schüttelte den Kopf. „Bist du sicher, dass wir diese Frau wirklich gesehen haben?“ fragte er vorsichtig.

Lothar schnalzte mit der Zunge. „Komm schon. Sei nicht albern!“

„Mist verdammter, so kommen so wir nie in die Karibik“, stöhnte Micha und zog sich die Mütze über die Augen. „Weck mich, wenn dir was eingefallen ist.“

*

Klinger und Jensen überwachten die lange Reihe der Flugschalter gleich neben dem Aufgang der Rolltreppe. Beck war weiter hinten zum Terminal 1 gelaufen, um den Schalter von Croatia Airlines zu inspizieren. Hier sollte eine Brunhilde Koepler abfliegen. Beck hielt Ausschau nach einer auffällig großen, blonden Frau. Er postierte sich so, dass er beim Einchecken einen raschen Blick auf die Gepäckanhänger werfen konnte. Sein Verhalten blieb nicht unbemerkt.

Zwei grün uniformierte Grenzschützer hatten ihn bereits im Visier. Beck versuchte, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Aber er wusste aus Erfahrung, dass das mit Sicherheit nicht klappte. Wenn diese Jungs auf etwas heiß waren, dann auf Personen, die sich besonders unauffällig verhielten. Es dauerte nicht lange, bis die beiden auf ihn zukamen und seine Papiere sehen wollten.

Beck erklärte sein Herumlungern an diesem Schalter damit, dass er hier verabredet sei und wohl versetzt worden wäre. Da seine Papiere in Ordnung waren, hatten die Grenzer keine Handhabe gegen ihn. Aber sie würden ihn dennoch im Auge behalten. Auch die Frau am Schalter von Air Croatia behielt ihn im Auge. Der Aufstand, den er mit den beiden Polizisten verursacht hatte, war auch dort nicht unbemerkt geblieben. Im Prinzip war er verbrannt.

„Frau Brunhilde Koepler bitte zur Information, Frau Brunhilde Koepler bitte.“

Beck schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Warum war er nicht auf diese Idee gekommen. Er brauchte seine Brunhilde doch nur ausrufen zu lassen.

Aus der Schlange vor dem Schalter löste sich genervt eine Frau. Sie war weder blond, noch groß. Sie war zierlich und brünett und sie schleppte schwer an ihrem überdimensionierten Gepäck. Offenbar eine Südeuropäerin. Beck folgte ihr bis zum Informationsschalter. Eine Niete und einen Flug, den sie abhaken konnten.

Jensen grinste verächtlich, als sie sah, wie Beck die Frau am Informationsschalter beobachtete. Die Angestellte übergab Frau Koepler einen Briefumschlag mit ihrem Namen drauf. Als Brunhilde Koepler ihn öffnete, war er leer und sie verärgert.

„Gute Idee!“ sagte Beck.

„War ja auch von mir“, freute sich Jensen und hielt 6 weitere Umschläge mit Namen hoch. „Habe ich eben da unten in dem Papierwarengeschäft gekauft.“

„Eine ist uns bereits durch die Lappen gegangen“, brummte Klinger. „Der Flug nach Island ist vor einer viertel Stunde gestartet. Wenn die da an Bord war, können wir hier warten, bis schwarz werden.“

„Vielleicht haben wir eine Möglichkeit, den Flug zurückzuholen“, schlug Beck vor.

„Keine Chance“, sagte Victor ungeduldig. „Bis wir jemanden gefunden haben, der die Verantwortung dafür übernimmt und der uns überhaupt erst einmal Glauben schenkt, ist das Flugzeug längst gelandet.“

„Herr Beck, bitte melden Sie sich am Schalter der Information. Herr Beck, bitte.“

„Wer weiß denn, dass du hier bist?“ fragte Jensen irritiert.

„Niemand“, sagte Beck, aber er hatte da so eine Ahnung. Trotzdem ging er rüber zur Flughafen-Information. Die Frau hatte einen weißen B5 Umschlag für ihn. Vorn stand sein Name drauf. Damit hatte er irgendwie gerechnet. Fröhlich schwenkte er den Umschlag in Luft und grinste. „Sehr witzig Jensen, wirklich komisch!“

Jensen lachte. „Der ist nicht von mir“, behauptete sie dann ernst. „Wirklich nicht, obwohl ich zugeben muss …“

„Ich mach den jetzt auf, Jensen! Und wenn der leer ist, dann …“

Der Umschlag war nicht leer. Darin befand sich eine Art Funkprotokoll. Aufgenommen von Flug FI 208 nach Keflavík. „Die Nachricht ist von Lothar!“ sagte Beck erstaunt. „Die Zielperson ist auf dem Weg nach Keflavík. Sie befindet sich in der gleichen Maschine wie Lothar und Micha.“

„Woher wussten die, dass du hier sein würdest?“ fragte Victor.

„Das haben die vermutet.“

„Klar, wenn die Zielperson bei ihnen im Flugzeug sitzt, liegt der Verdacht nahe, dass wir das rauskriegen und hier am Flughafen auftauchen, um sie abzufangen“, erklärte Klinger. „Deduktive Logik.“

„Können wir die Maschine irgendwie einholen?“

„Moment.“ Lothar hatte seinen Laptop aufgeklappt. „Die fliegen in einer 737 und haben eine halbe Stunde Vorsprung.“

„Das wird knapp“, sagte Beck. „Wenn wir uns beeilen, landen wir vielleicht zehn Minuten nach ihnen.“

„Oooh, nein“, jammerte Jensen. „Ich verlange eine Vielfliegerzulage. Das ist ja nicht normal.“

Niemand kümmerte sich um ihr Gejammer. Es blieb ihnen nicht viel Zeit. Nur gut, dass Beck die Cessna noch gestern Abend hatte auftanken lassen. Irgendwie hatte er so was geahnt.

Lothar sah sich unruhig um. Er hoffte, dass Beck seine Nachricht erhalten hatte. Die Jungs waren gut. Sie mussten längst herausgefunden haben, von welchem Flughafen aus die Zielperson das Land verlassen hatte. Trotzdem konnte Lothar sich nicht darauf verlassen, dass sie rechtzeitig in Keflavík eintrafen. Im Ernstfall musste er die Frau allein stoppen.

Gott sei Dank hatte er ja noch seinen BND-Ausweis. Vielleicht konnte er den isländischen Zoll dazu bringen, die Frau ein wenig aufzuhalten. Wenn zum Beispiel der Verdacht bestand, dass sie Drogen transportierte. Bestimmt reichte es schon, wenn die Zöllner das viele Geld in ihrem Koffer entdeckten.

Lothar sah auf seinen Koffer. Auch er hatte jede Menge Geld dabei. Vielleicht war das mit dem Zoll doch keine so gute Idee. Ach, das würde schon irgendwie klappen. Schließlich waren sie zwei gut ausgebildete Kämpfer und ihr Gegner nur eine Frau.

Micha schlief immer noch wie ein Baby. Die Mütze übers Gesicht gezogen. Es wurde Zeit, ihn zu wecken. Lothar stieß ihn an die Schulter. „Micha, wach auf!“ flüsterte er.

Micha wachte nicht auf. Lothar stieß ihn noch zweimal an. Dann zog er ihm die Mütze vom Gesicht. Er stutzte und zog ihm die Mütze schnell wieder über. So ein blau angelaufenes Gesicht, wies auf einen Erstickungstod hin. Unauffällig griff er nach Michas Hand. Kein Puls. Er war eindeutig tot.

Lothar schaute durch die Spalte zwischen den Sitzen nach hinten. Das blonde Monster schaute ihn eindringlich an. Sie wusste Bescheid. Und ihren ersten Gegner hatte sie liquidiert, als Lothar im Cockpit war, um Beck die Nachricht zukommen zu lassen.

Fieberhaft dachte Lothar nach. Wenn der tote Passagier entdeckt würde, gäbe es einen Mords-Aufstand. Niemand würde das Flugzeug verlassen dürfen. Aber auf der anderen Seite wären seine Pläne in Sachen Karibik dann auch ausgeträumt. So oder so, er saß in der Klemme. Er war bereits zu weit gegangen. Niemals könnte er erklären, was er mit dem Geld auf dem Flug nach Island zu suchen hatte. Er spielte mit dem BND-Ausweis in seinen Fingern.

„Sie müssen sich anschnallen“, forderte die Stewardess. „Der Landeanflug kann ein wenig holperig werden.“

„Ja, sicher“, sagte Lothar und legte den Gurt an.

„Bitte weisen Sie auch ihren Nachbarn darauf hin.“

„Mach ich, kein Problem.“

Lothar fummelte den Gurt unter Michas Sitz hervor und schnallte ihn an. Dann überlegte er sich doch anders. Er löste seinen Gurt wieder, zog seinen Ausweis und stand auf, um der Stewardess zu folgen. Was sollte er auf einer karibischen Insel, wenn der Preis sein Seelenheil wäre?

„Ach, Miß …“ rief Lothar. In diesem Moment bockte das Flugzeug wie ein störrischer Esel. Lothar musste sich an beiden Sitzreihen festhalten. Sein Ausweis glitt ihm aus der Hand und rutschte unter die Sitzreihen.

„Bitte Sir, setzten Sie sich wieder auf Ihren Platz und schnallen Sie sich an!“ forderte ihn die Stewardess auf.

„Ich muss Ihnen dringend etwas mitteilen.“

„Später, Sir, bitte setzen sie sich!“ forderte die Stewardess energisch.

„Aber da ist jemand ermordet worden …“

„Bitte Sir. Machen Sie keine Schwierigkeiten.“

Ohne Ausweis würde sie ihn für einen Randalierer halten. Einer von denen, die auf längeren Flügen immer wieder mal Ärger machten. Lothar ließ sich auf die Knie fallen und suchte unter den Sitzen nach dem verdammten Ausweis. Die Stewardess schien nicht weiter mit ihm diskutieren zu wollen. Sie hatten, für solche Fälle ihre Anweisungen. Bei Randale im Flugzeug wurde erst mal Verstärkung geholt.

Bis sie wiederkam, musste Lothar seinen Ausweis gefunden haben. Er kroch in die leere Sitzreihe hinein. Dort hinten sah er ihn. Er streckte die Hand aus und versuchte, ihn mit den Fingern zu erwischen. Plötzlich schlug etwas schwer auf seinen Rücken. Die Monsterfrau! Sie hatte beobachtet, was Lothar vorhatte. Als die Stewardess dann verschwunden war, war sie nach vorn gekommen, um nun auch Lothar zu erledigen.

Ihre Knie drückten Lothar, der zwischen den Sitzreihen festklemmte, zu Boden. Ihr Arm legte sich um seinen Hals und drückte kräftig zu. Es würde nur zwei, drei Minuten dauern, falls sie ihm nicht vorher das Genick brach. Lothar hatte keine Chance. Die Frau war stark wie ein Bär und schwer wie eine Kiste voller Sandsäcke.

„Hilfe!“ schrie die Frau mit lächerlich wirkender, piepsiger Stimme. „Helfen Sie mir doch.“

Lothar hätte gelacht, wenn ihm in diesem Moment nicht allmählich schwarz vor Augen geworden wäre.

„Kommen Sie da raus!“ rief eine männliche Stimme.

Augenblicklich hatte die Frau den Griff gelöst.

„Ist das üblich, dass man auf ihren Flügen, von Wahnsinnigen angefallen wird?“ fragte die Blondine naiv.

„Sie müssen entschuldigen. Hallo, kommen Sie da raus!“

„Er versucht mich zu beißen!“ behauptete die Frau gespielt hysterisch. Damit hatte sie ja Recht. Lothar hatte wirklich versucht sie zu beißen.

Starke Arme halfen Lothar auf. Sein Ausweis lag immer noch unter dem Sitz. Die Monsterfrau saß unbeteiligt da und wirkte völlig unschuldig. Die Stewardess schien nicht mal bemerkt zu haben, dass sie den Sitzplatz getauscht hatte.

„Das kommt nicht wieder vor!“ versprach die Stewardess.

Der Copilot und ein Steward hielten Lothar an den Armen fest.

„Ihretwegen haben wir den Landeanflug abbrechen müssen!“ erklärte der Copilot. „Das kommt Sie teuer zu stehen!“

Lothar bemühte sich erst mal zu Luft zu kommen. Dann versuchte er den beiden Männern zu erklären, dass die Frau, die er angeblich angegriffen hatte, in Wirklichkeit seinen Partner umgebracht hatte.

„Ja, ja, das können Sie alles der Polizei erklären“, sagte der Steward. „Jetzt kommen Sie erst mal mit auf ihren Platz und beruhigen sich.“

„Hören Sie, ich bin beim BND und diese Frau hier …“

„Ja, ja, ich verstehe schon!“ Der Steward zog Lothar zurück an seinen Platz.

„Sehen Sie!“ rief Lothar, als sie in seiner Sitzreihe angekommen waren. „Dieser Mann ist tot!“ Er riss mit der freien Hand die Mütze von Michas Kopf. Der Steward stutzte. Beim Anblick der Leiche wirkte er plötzlich unsicher und überfordert.

„Wenn Sie mir nicht glauben, dann halten Sie wenigstens auch die Frau fest!“

Der Steward überlegte immer noch. Der Copilot war schon wieder ins Cockpit zurückgeeilt, um den unterbrochenen Landeanflug wieder aufzunehmen.

„Wir landen jetzt. Das müssen wir alles später klären“, entschied der Steward.

„Aber dann ist es zu spät“, behauptete Lothar.

Der Steward sah zu der Sitzreihe hinüber, wo die Frau saß. „Gut, ich behalte Sie beide im Auge. Aber Sie setzen sich auf die andere Seite vom Gang. Und Sie machen keinen Ärger mehr!“

„Versprochen“, sagte Lothar.

Der Steward hielt ihn unablässig an der Schulter fest. Erst, als sie die Sitzreihe mit der angeblich belästigten Frau erreichten, ließ er ihn los. Die Frau war weg.

„Wo ist die hin?“ wunderte sich der Steward.

„Das ist ein Flugzeug. Wirklich verschwinden kann sie ja nicht. Wahrscheinlich ist sie vorne in einer der Toiletten.“

„Dann würde das Signallicht brennen!“ behauptete der Steward und sah sich in den nächstgelegenen Sitzreihen um.

„Nicht, wenn sie nicht abgeschlossen hat.“

Lothar machte sich auf den Weg nach vorn. Der Steward blieb ihm dicht auf den Fersen. Das Klo befand sich unmittelbar hinter dem Cockpit. Lothar und der Steward postierten sich vor der Tür.

„Sie sollten damit rechnen, dass sie uns angreift, wenn wir …“

Die Antwort des Stewards war ein hässliches Knacken seines Genicks. Als Lothar sich nach ihm umdrehte, sah er die blonde Frau hinter dem Steward. Sie hatte sich hinter dem Vorhang zur Kombüse auf die beiden gewartet. Hinter ihr sah man die Beine dreier toter Stewardessen hervorschauen. Dann ließ die Frau den leblosen Steward aus ihren Armen gleiten. Glücklicherweise bockte in diesem Moment das Flugzeug erneut. Die Frau verlor für einen kurzen Moment das Gleichgewicht. Lange genug, um Lothar die Zeit zu geben, sie mit zwei gezielten Schlägen außer Gefecht zu setzen.

Aber die Frau zuckte nur ein wenig zurück. Das war doch nicht normal. Die Wucht der Schläge hätte ausgereicht, um einen kräftigen Mann ins Taumeln zu bringen. Lothar entschied, dass dies ein guter Zeitpunkt wäre zu fliehen.

Die Maschine befand sich bereits mitten im Anflug und Lothar hatte das Gefühl, durch die Passagierkabine bergauf zu laufen. Einige Passagiere verfolgten interessiert, wie der Mann, der an ihren Sitzreihen vorbei nach hinten rannte, von einer übergroßen Blondine verfolgt wurde. Die Frau gab wütende Schreie von sich. Im Allgemeinen hielt sich jeder gern aus Familienstreitigkeiten heraus, aber einer rief dennoch nach der Stewardess. Vergeblich.

Lothar schaffte es ganz knapp, sich in eine der hinteren Toiletten zu flüchten. Bevor er die Tür jedoch verriegeln konnte, wurde sie schon wieder aufgerissen. Das war’s. Lothar ließ sich rückwärts auf die Kloschüssel fallen und zog die Beine an. Die blonde Frau stürzte im gleichen Moment auf ihn und versuchte, nach seinem Hals zu greifen. Mit der Kraft beider Beine stieß Lothar sie zurück.

„Hau ab du Monster!“ schrie er panisch. Die Frau flog aus der Kabine und prallte mit dem Rücken hart gegen die Tür auf der gegenüberliegenden Seite. Dann setzte die Maschine auf und die Bremsen griffen. Die Frau wurde von der Kabinenwand weg noch rechts geschleudert. Hektisch sprang Lothar hoch und riss die Kabinentür zu. Er verriegelte sie und atmete heftig zitternd durch. „Geschafft!“

Das Flugzeug rollte aus. Draußen blieb alles still. Lothar würde auf keinen Fall den Fehler machen, jemals wieder diese Kabinentür zu öffnen.

Als die Maschine endlich stand, hörte er, wie die hintere Tür geöffnet wurde. Die Stewardessen waren tot, also musste die blonde Frau die Tür geöffnet haben. Ein lautes Zischen deutete außerdem darauf hin, dass sie wahrscheinlich die Notrutsche betätigt hatte.

„Scheiße!“ schrie Lothar. Dann drehte er wider besseres Wissen die Verriegelung der Klotür um. Widererwartend hatte sie ihn da draußen nicht erwartet. Sie war tatsächlich verschwunden. Lothar lief zum Ausgang. Die Notrutsche hing auf dem Rollfeld. Und unten lief die Zielperson auf den Zaun des Flughafengeländes zu.

„Na gut“, machte sich Lothar selbst Mut und ließ sich auf die Rutsche fallen.

*

Beck hatte wirklich das Letzte aus seinem Vogel herausgeholt. Und sie hatten es tatsächlich geschafft, vor dem Flug FI 208 in Keflavík zu landen. Die Maschine kreiste noch. Und Beck hatte im Funkverkehr mitbekommen, dass es Probleme beim Landeanflug gegeben hatte.

Es war auch wirklich ein turbulenter Landeanflug in Island gewesen. Jensen war noch in der kleinen Toilettenkabine und machte sich frisch. Beck, kontrollierte seine Maschine, während Klinger und Victor Kontakt mit den örtlichen Behörden aufgenommen hatten. Aus seinem Cockpit heraus beobachtete Beck die Landung vom Flug FI 208. Die Maschine setzte sauber auf. Am Ende der Rollbahn musste sie warten, um zwei andere Maschinen passieren zu lassen. Kaum, dass die Maschine stand, wurde die hintere Bordtür geöffnet. Die Notrutsche entfaltete sich und Beck musste nicht lange raten, wer dort herunter gerutscht kam.

„Jensen, verdammt!“ rief er und sprang auf. „Jensen komm ran. Die haut uns übers Rollfeld ab!“

Beck war schon am Ausgang. Jensen kam aus der Kabine und hatte den Mund noch voller Zahnpasta. Sie griff nach ihrer Pistole und folgte Beck. Die Frau war etwa 800 Meter entfernt und lief auf den Zaun des Flughafengeländes zu. Beck spurtete zu dem kleinen Kofferwagen. Jensen spuckte mehrmals die lästige Zahnpasta aus und sprang stolpernd auf die kleine Ladefläche.

Beck überholte eine 737, die gerade rangiert wurde und rauschte mit dem kleinen Elektrokarren unter der Tragfläche durch. Die Treibwerke der 737 machten einen Heidenlärm.
„Da ist Lothar“, schrie Jensen gegen den Lärm an.

Beck hatte ihn bereits gesehen. Er bog scharf nach rechts ab und überquerte die Startbahn. Rechts vor links. Aber für so etwas blieb jetzt keine Zeit, auch wenn von rechts eine A310 auf sie zuhielt. Dass dort 61 Tonnen Gewicht mit über 180 Kilometern pro Stunde auf sie zukamen, wusste Beck. Er trat das Gaspedal des Elektrokarrens weiter durch als es überhaupt möglich war. „Komm schon …“ Aber die kleine Kiste beschleunigte nicht mehr. Sie ruckelte mit konstanter Geschwindigkeit über die Rollbahn.

„Das schaffen wir nicht!“ schrie Jensen und duckte sich hinten auf der Ladefläche. Jensen hatte Recht. Beck schloss die Augen. Der Lärm war höllisch und der Winddruck, als die Maschine nur wenige Meter an ihnen vorbei rauschte, war wie ein schwerer Schlag gegen die Seite. Der kleine Elektrowagen machte einen Satz und blieb dann aber treu in seiner Spur.

„Geschafft!“

„Idiot!“ schrie Jensen zurück. „Fast hätte ich mir in die Hose gemacht.“

Auf der Wiese, die vor ihnen lag, war der Elektrowagen nicht zu gebrauchen. Viel zu kleine Räder und zu geringe Bodenfreiheit. Beck sprang ab, als er die Karre festgefahren hatte. Am Zaun holten sie Lothar ein. Der war richtig froh, die beiden zu sehen. Brunhilde war bereits auf der anderen Seite des Zaunes. Sie hatte sich auf die Straße gestellt und einen Wagen angehalten.

Bevor der Fahrer fragen konnte, was los sei, hatte sie die Tür aufgerissen und den Mann mit einem Arm aus dem Wagen gezerrt. Beck brauchte am längsten, um über den Zaun zu klettern. Selbstsicher richtete Jensen ihre Waffe auf den nächsten Wagen der vorbeikam und versuchte ihn zu stoppen. Aber als die Fahrerin die Pistole sah trat sie unerwartet aufs Gas. Fast hätte sie Jensen überfahren.

„Spinner!“ fluchte Jensen dem Wagen nach. Der nächste Fahrer war vernünftiger und hielt an. Beck nutzte die Gelegenheit und sprang selbst hinter das Steuer des roten Corollas. Der blaue Chrysler, in dem Brunhilde saß, bog mit quietschenden Reifen auf die Ausfallstraße nach Reykjavík ab.

Beck machte sich an die Verfolgung. Auf den einsamen Straßen durch die grün bewachsene, hügelige Landschaft war nicht viel Verkehr. Man konnte weit voraus sehen und es war unmöglich, dass Brunhilde sie abschüttelte. Nach zwanzig Kilometern bog der Chrysler nach rechts auf eine Schotterpiste ab. Beck war jetzt dicht genug herangefahren, dass Jensen mit der Waffe aus dem Fenster auf den Wagen schießen konnte.

„Halt die Kiste doch einmal ruhig.“

„Du hast gut reden“, verteidigte sich Beck. Auf dem Schotter und bei dieser Geschwindigkeit schlingerte der Wagen von einem Randstreifen zum anderen. Beck hatte Mühe, dass er nicht von der Fahrbahn abkam. Jensen feuerte einige Male.

„Das hat keinen Zweck“, sagte sie frustriert und schloss das Seitenfenster wieder.

„Wo ist eigentlich Micha?“ fragte Beck. Lothar hatte die Fahrt über nicht viel gesprochen.

„Den hat’s erwischt“, sagte Lothar knapp. Er hatte offensichtlich keine Lust, darauf näher einzugehen. „Pass auf, der Fluss!“ rief er stattdessen.

Beck hatte ihn längst gesehen und trat auf die Bremse. Der kleine Fluss verlief quer über die Straße. Das war wohl der Grund, warum der Isländer an sich gerne Geländewagen fuhr. Der Chrysler jedenfalls war mitten im Wasser steckengeblieben. Brunhilde war aus dem Seitenfenster geklettert und bewegte sich durch das Wasser auf das andere Ufer zu.
„Wir haben sie“, freute sich Jensen.

Nicht ganz. Mit dem Corolla kamen sie auch nicht durch die Furt. Beck stoppte den Wagen. Auf der anderen Seite lief Brunhilde auf den Hügel zu, der ihr Deckung geben konnte.
„Ist sie bewaffnet?“ fragte Jensen.

Lothar schüttelte den Kopf. „Die ist selbst Waffe genug. Geh bloß nicht zu dicht ran!“

Jensen lachte und zeigte auf ihr Calico. „Ich habe keine Angst.“

Beck folgte den beiden durch den Fluss. Brunhilde war bereits dabei, den Hügel hochzuklettern. Jensen zielte und schoss, während sie noch durch das Flussbett watete. Zwei Kugeln gingen vorbei. Aber die dritte, da war sie sicher, hatte getroffen. Brunhilde knickte ein. Doch dann rappelte sie sich wieder hoch und kletterte weiter.

„Wenn ich du wäre, würde ich aufgeben!“ schrie Jensen ihr nach. Dann machte sie sich ebenfalls daran, den Hügel hochzuklettern.

„Jensen, warte auf uns“, rief Beck. Man durfte seinen Gegner niemals unterschätzen. Das konnte ein tödlicher Fehler sein. Jensen hörte nicht auf ihn. Sie stürmte wie eine Besessene den Hügel hinauf.

Als Jensen oben auf der Kuppe des Hügels angekommen war, stutzte sie. Der Hügel entpuppte sich als Krater eines kleinen Vulkans. Gleich hinter der Kuppe ging es kreisförmig fast senkrecht hinab. Brunhilde war auf den ersten Blick nirgends zu sehen. Vielleicht war sie abgestürzt? Jensen ging näher an den Kraterrand heran. Dort unten glühte es orange. Der Vulkan war wohl nicht völlig erloschen. Heiße Luft schlug Jensen entgegen. Und eine Hand griff mit metallischer Härte nach ihrem Fußgelenk. Jensen verlor das Gleichgewicht. Sie ließ die Waffe fallen und krallte sich in der Grassode am Rand des Kraters fest. Etwas zog sie hinunter. Sie konnte sich kaum halten.

„Halt dich fest“, schrie Beck, der in diesem Augenblick den Hügel raufgeklettert kam. „Halt dich bloß fest!“

Vier Hände griffen nach Jensens Armen und rissen an ihr. An ihren Beinen hing Brunhilde, die sich unterhalb des Kraterrands versteckt hatte. Beck und Lothar versuchten, sie mit vereinten Kräften wieder hochzuziehen. Mit ihr leider auch Brunhilde. Die ließ unerwartet los. Die beiden Männer taumelten zu Boden.

Beck war noch nicht wieder auf den Beinen, da hatte ihm Brunhilde bereits einen Tritt verpasst, der ihn den halben Hügel hinunter rollen ließ. Jensen bemühte sich an ihre Waffe zu kommen. Aber Brunhilde sprang sie an wie ein übergewichtiger Panther und brach ihr dabei mindestens zwei Rippen. Lothar kam ihr zu Hilfe. Er schlug dem blonden Monster einen Stein auf den Hinterkopf. Brunhilde taumelte und glitt nach rechts von Jensen ab. Dummerweise landete sie mit dem Rücken genau auf der Waffe. Jensen keuchte, rappelte sich auf und wollte Brunhilde noch den K.O. verpassen. Die Frau hatte zwar ein blutüberströmtes Gesicht und auch die weiße Bluse hatte sich am ganzen Oberkörper rot verfärbt, aber sie war noch nicht am Ende. Noch lange nicht. Brunhilde wich dem Schlag aus, rollte sich halb zur Seite und schlug gleich darauf selber hart zu.

Atemlos kam Beck wieder über den Rand geklettert. Er zog seine Waffe und richtete sie auf Brunhilde. Ihre Reaktion war blitzschnell. Noch im Liegen trat sie ihm die Pistole aus der Hand. Lothar warf sich todesmutig auf sie. Er versuchte ihren Hals zu erwischen. Sollte sie doch sterben wie sein Partner. Er hatte sie fest im Griff. Jetzt musste er nur durchhalten. Zwei kurze Schläge auf die Nieren nahmen ihm beinahe eher die Luft als seinem Opfer. Aber er ließ nicht los.

Brunhilde wollte sich unter ihm weg drehen. Fast wäre ihr das auch gelungen. Aber jetzt kam Jensen endlich an ihre Pistole. Sie feuerte sofort. Ein Tritt von Brunhilde warf sie zurück. Brunhilde schaffte es sogar noch einmal aufzustehen, obwohl Lothar an ihrem Hals hing und nicht eine Sekunde locker ließ.

„Lass sie los!“ rief Jensen und hatte die Pistole auf die beiden gerichtet.

„Niemals“, schrie Lothar. Brunhilde schien sich um Lothar nicht mehr zu kümmern. Sie stampfte schleppenden Schrittes auf Jensen zu.

Jensen wartete nicht, bis sie nah genug herangekommen war, sondern schoss sofort. Drei Kugeln schlugen in Brunhildes Brust ein und brachten sie erst einmal zum Stillstand. Aber am Ende war sie immer noch nicht. Jensen zögerte, erneut zu schießen. Die Frau musste doch jeden Moment wie ein gefällter Baum umkippen. Sie röchelte bereits pfeifend und ihre Gesichtsfarbe veränderte sich zunehmend ins Ungesunde.

Aber sie fiel einfach nicht. Sie stand nur da und schaute Jensen böse funkelnd an. Beck hatte sich wieder aufgerappelt. Er nahm zwei Schritte Anlauf und schubste Brunhilde mit aller Kraft über den Kraterrand. Genau in diesem Moment ließ Lothar sie los. Dennoch wurde er mit ihr in die Tiefe gerissen. Beck ging sofort zum Kraterrand und eine Sekunde später war auch Jensen neben ihm. Sie schauten hinunter. Es ging paar hundert Meter steil hinab. Sechs oder sieben Meter unter ihnen hielt Lothar sich an einem schmalen Vorsprung fest. Brunhilde hatte ihre Arme um sein Becken geschlungen.

„Das gibt es doch nicht …“, staunte Beck. „… die lebt ja immer noch.“

Lothar sah verzweifelt zu ihnen hinauf und streckte eine Hand aus. Beck überlegte, wie er ihm da hoch helfen konnte. Aber Jensen hatte verstanden, was Lothar eigentlich wollte. Sie zielte genau und ließ ihre Calico fallen. Lothar fing sie mit einer Hand geschickt auf. Dann drehte er sich ein wenig zur Seite und hielt Brunhilde die Waffe fast an den Kopf. Diesmal ging er auf Nummer Sicher. Er hörte nicht auf, zu feuern. Auch nicht, als Brunhilde ihn längst losgelassen hatte und den Hang hinab rutschte. Sie kullerte über eine kleine Kante und stürzte dann endgültig ab. Selbst da schoss Lothar ihr noch unbeirrt hinterher.

Weit unten schlug sie auf. Eine kleine Dampffontäne spritzte hoch. Im Zentrum des Kraters war das Gestein noch immer so heiß, dass alles Organische, was mit ihm in Berührung kam, automatisch kurzgegart wurde.

„Halt durch, wir holen dich da raus.“ Beck rannte den Abhang runter. In einem der Wagen sollte sich doch wohl ein Abschleppseil finden.