Tanz der Walküren

Kapitel 10

Durch den Widerschein der vielen Lagerfeuer wirkten die Felsen beinahe lebendig. Schatten tanzten über den Sandsteinformationen wie über eine Leinwand. Klinger umrundete den kleinen See hinter der Felsgruppe. In der Dunkelheit sah es so aus, als ob er von einer dünnen Eisschicht bedeckt war. Keine Spur von Martina.

Hoffentlich war sie nicht hoch auf die Steine geklettert. Dort führten Stufen hinauf, und selbst bei der schwachen Beleuchtung konnte Klinger die schmale Brücke erkennen, die zwei der eindrucksvollsten Felsen miteinander verband. Klinger suchte nach dem Aufgang.

„Heute kein Zutritt!“ wies ihn eine Stimme an, als er endlich den Zugang zu der Treppe entdeckt hatte.

In dem Halbdunkel erkannte er nur drei Männer in Uniform die sich vor ihm aufgebaut hatten. Die Trachten sahen verdächtig nach Braunhemden aus, aber es konnten auch Polizisten sein. Was wusste Klinger, was die hier im Lippischen so trugen?

„Hören Sie! Ich bin kein Tourist und auch keiner dieser esoterischen Spinner, ich bin auf Suche nach einem …“ Klinger wollte gerade Nazisektenführer sagen. Das hielt er aber zurück.

„Wonach suchen Sie?“ Aus den drei Braunhemden waren schnell fünf geworden und Klinger war sicher, die würden sich so rasend schnell wie Karnickel vermehren, wenn er hier Ärger machte.

„… nach einem Armanenpriester“, wich Klinger schnell aus. Tatsächlich kamen noch drei weitere Braunhemden aus den Büschen gekrochen. Klinger konnte die Uniformen einen kurzen Moment lang erkennen, als ihn einer mit der Taschenlampe zu blenden versuchte. Er hielt sich die Hand vor die Augen.

„Was will die linke Zecke?“ fragte einer von denen, die zuletzt hinzu getreten waren. Offenbar der Anführer.

„Einen Armanenpriester sprechen“, machte sich der mit der Taschenlampe lustig.

„Hey“, rief der Anführer energisch. „Geh zurück zu den anderen Spinnern! Hüpft ein bisschen ums Feuer und macht da euern heidnischen Zirkus. Aber hier habt ihr nichts zu suchen, klar?“

„Schon gut, schon gut“, wiegelte Klinger ab. Das waren zu viele, um sich mit ihnen anzulegen. Wahrscheinlich waren sie sogar bewaffnet. Allein hatte er keine Chance.

„Wird’s bald! Oder muss ich dir Beine machen“, drohte der Anführer und einige seiner Spießgesellen schwangen motiviert ihre Baseballschläger. „Genießt es, solange ihr noch könnt. Wenn wir erst mal am Drücker sind, dann ist wieder Schluss mit diesem ganzen Hexenkram.“

Klinger wich langsam zurück und tauchte in der Dunkelheit der Wiese unter. Er sah hoch zu den Felskuppen.

„Die sind da oben, das spüre ich!“ rief eine Stimme neben ihm.

„Gott sei Dank, Martina. Ich dachte schon, ich finde dich nicht wieder“, sagte Klinger erleichtert.

„Die Treppe scheidet aus“, stellte Martina fest, ohne auf seine Sorgen einzugehen. „Ich habe fast zwanzig Wachen gezählt. Kannst du klettern?“

„Aber nicht da hoch?!“ Die Felsen ragten dreißig und mehr Meter hinauf.

„Nicht auf den ganz hohen. Siehst du den rechts daneben?“
„Das sind auch dreißig Meter.“

„Aber siehst du den schwachen Schimmer dort oben?“

Klinger starrte angestrengt hinauf. Dort war ein Glimmen, wie von einer Zigarette. „Das ist eine Zigarette.“

„Kann schon sein. Aber ich denke mal, dort hocken unsere Thule-Brüder genüsslich im Kreis und bereiten ihre Show vor.“

„Oh nein!“, seufzte Klinger. „Nicht 30 Meter freeclimbing bei Dunkelheit.“

„Stell dich nicht so an!“ maulte Martina und zog ihn mit sich.

Sie fanden eine einigermaßen passable Stelle an dem Ufer des kleinen Sees. Martina zögerte nicht lange und begann mit dem Anstieg.

Klingers Finger suchten nach Halt. Die Verwitterungen in den Steinen hatten zum Teil tiefe Furchen hinterlassen. Für einen erfahrenen Freeclimber ein Klacks. Die ersten zehn Meter machten auch keinerlei Schwierigkeiten. Aber dann wurden Klinger die Hände kalt. Der Stein war auch nicht gerade warm, hatte dafür aber messerscharfe Rillen. Bei diesen Temperaturen wurde die Haut schnell hart und rissig. Bei der geringsten Berührung mit den Felskanten platze sie auf. Klinger fühlte unzählige kleine Abschürfungen und blutige Kratzer an seinen Fingern. Er beschloss, sich zu beeilen, bevor seine Hände so kalt und steif wurden, dass sie womöglich den Halt verloren.

Nach weiteren 8 Metern schob er sich bereits an Martina vorbei. Anscheinend hatte sie ihre Kletterkünste ein wenig überschätzt. Sie atmete keuchend und schien nicht weiter zu kommen.

„Greif hier hinein“, wies Klinger sie flüsternd an und zeigte auf eine Felsspalte eine halbe Armeslänge über ihrem Kopf.

„Scheißkram! Ich kann mich nicht daran festhalten.“

Das war auch nicht ganz leicht. Je höher sie kamen, desto mehr hatte der eisige Wind das Wasser in den Felsrillen gefrieren lassen. Klinger tastete die Spalte ab. Eine hauchdünne Eisschicht war darauf und bot keinen rechten Halt.

„Das war eine dumme Idee“, gab Martina zu, als Klinger sie zu sich herüber gezogen hatte.

„Jetzt da oben!“ Klinger unterstützte sie, indem er ihren Hintern mit einer Hand hoch drückte. Lange würde er das aber auch nicht durchhalten. Seine Hände waren schon fast taub.

Es fehlten vielleicht noch 7 Meter. Klinger sah hinauf zur Felskante. Helle Nachtwolken zogen mit hoher Geschwindigkeit darüber hinweg. Der Wind nahm noch zu. Vor ihnen lag ein nacktes Stück Fels. Keine Spalte, nicht einmal eine Rille, war zu sehen.

„Wir müssen umkehren“, sagte Martina frustriert und vor Kälte zitternd.

„Warte noch!“

„Wozu? Das schaffe ich nie im Leben! Lass uns runtergehen und uns den Weg über die Treppen freischießen.“

„Nein.“

Klinger tastete sich an dem Fels weiter nach rechts vor. Er bewegte sich waagerecht etwa drei Meter und suchte nach einer Stelle, wo es leichter wäre, hinaufzuklettern. Derweil klammerte sich Martina an den Felsen und wartete ungeduldig.

„Lass doch! Wir gehen runter.“

„Nein.“ Klinger hatte etwas gefunden. Seine Hand umschloss eine Art Steigbügel. Er zog sich näher heran. Es war ein Steigbügel! Und da war noch einer. Als Klinger sicheren Halt gefunden hatte, sah er eine ganze Menge von Steigbügeln. Angeordnet wie eine Leiter. Sie waren gleichmäßig verteilt von ganz unten bis nach oben. Sie hätten nur zwei Meter in den See hinein stapfen müssen, dann hätten sie die geheime Leiter gefunden und wären in Nullkommanichts hier oben gewesen. Klinger lachte verzweifelt auf.

„Komm hier rüber. Hier ist es ganz einfach.“

Martina schien der Mut verlassen zu haben. Aber Klinger winkte energisch. Als sie bei ihm angekommen war und die Steigeisen entdeckte, grunzte sie genervt.

„Die konntest du nicht früher finden?“

„Du hast doch die Stelle für den Aufstieg ausgewählt, meine Liebe.“

Kommentarlos kletterte Martina die letzten Stufen hinauf. Vorsichtig lugte sie über die Felskante. Niemand war in der Nähe. Offenbar rechnete Liebesfeld nicht mit unerwartetem Besuch. Martina schob sich auf dem Bauch weiter, bis sie in einer kleinen Mulde geschützt auf dem Felsen lag.

„Wir sind auf dem falschen Felsen“, knurrte Klinger verärgert, als er neben Martina gerobbt war.

„Aber wir haben sie!“

Da war was dran. Vor ihnen auf dem Nachbarfelsen wurde gerade ein kleineres Feuer entzündet. Man konnte Liebesfelds Stimme bis zu ihnen herüber hören.

„Macht euch bereit!“ befahl Liebesfeld lautstark. Mit ihm standen 7 weitere Personen auf dem Felsen. Vier von ihnen schritten auf das Feuer zu und ließen ihre Kutten fallen. Klinger traute seinen Augen nicht. Das waren Frauen. Vier Frauen. Nackt! Bei diesen Temperaturen! Angestrahlt von dem Schein der Flammen. Sie waren groß. Sehr groß. Über zwei Meter bestimmt. Liebesfeld wirkte dagegen wie ein Zwerg. Die vier Frauen stellen sich an dem Feuer in einer Reihe auf. Einer der Männer kümmerte sich um das Brennholz, der andere hielt einen Stab in der Hand. Liebesfeld fummelte an der Spitze des Stabes herum, dann nahm er ihn an sich. Er baute sich vor den vier Frauen auf und begann eine Art Singsang:

„Sowilo! Ein elftes kann ich,
wenn alte Freunde
ins Gefecht ich führen soll;
in die Schilde raun ich,
und ruhmvoll ziehn sie
heil zum Handgemenge,
heil vom Handgemenge,
kehren heil wieder heim.“


Danach stieß er mit der Lanze zu. Die Frau zuckte nur eine Handbreit zurück, als die Spitze sie unterhalb des letzten Rippenbogens in die rechte Seite traf. Tief war der Speer wohl nicht eingedrungen. Aber die Frau blutete aus einer deutlich sichtbaren Wunde.

„Spinnen die? Ich dachte, die wollten eine Ladung mit Viren freisetzen, was tun die denn da? Stechen die sich jetzt gegenseitig ab?“

„Er hat sie ja nur angeritzt“, sagte Martina. „Und wenn du mal genau hinsiehst: Liebesfeld hat da so etwas wie ein Einweckglas, wo er die Speerspitze eingetaucht hat.“

„Du meinst, da sind die Viren drin?“

„Ich denke, es ist eine Blutplasma-Konserve, die mit den Lassa-Viren versetzt wurde.“

Klinger beobachtete, wie Liebesfeld das Ritual an der zweiten Frau vollzog. „Die sind blond“, stellte Klinger fest. „Der will die nicht abstechen, der will auch nicht die Viren hier irgendwo freisetzen.“

„Was meinst du?“

„Wenn er die Viren irgendwo freisetzen würde, selbst auf einem belebten Flughafen, dann könnten wir es immer noch schaffen, die Ausbreitung zu verhindern, indem wir alle potentiell Infizierten isolieren“, überlegte Klinger.

„Was hat er dann vor?“

„Ist doch ganz einfach. Er infiziert die vier Frauen. Die tragen die Viren dann in ihrem Körper wie apokalyptische Reiter in die ganze Welt“, erklärte Klinger. „Wo auch immer sie hinkommen, infizieren sie hunderte von Menschen. Bis die dann erkranken, sind die Frauen längst wieder untergetaucht. Und das aller genialste daran ist, dass die Trägerinnen ja nicht erkranken. Also wird sie auch niemand als Träger des Virus identifizieren.“

„Du meinst, die Frauen sind dann so eine Art mobiler Virenwerfer?“

„Exakt. Eine todsichere Methode, die halbe Menschheit auszurotten.“

„Klasse! Und was machen wir jetzt?“

„Die Frauen und das Serum dürfen den Felsen nicht verlassen, soviel ist erst einmal klar.“

Liebesfeld hatte unterdessen seinen Speer erneut in das Serum getunkt und bereitete sich auf die Infizierung der vierten Frau vor. Danach begann er wieder, mit laut erhobener Stimme eine seiner Litaneien vorzutragen.

„Aus dem Meer wird sich eine neue Erde erheben, grün und wunderbar. Fruchtbar wie ein Traum. Mit Feldern, die ungesät Früchte tragen. Mit Fisch und Wild im Überfluss. Niemand soll mehr hungern. Denn siehe! Die Sonne hat eine Tochter geboren. Alles Übel hat ein Ende genommen! Die Erde ist reingewaschen. Ein neues Leben kann beginnen! Asgard ist verschwunden. Die alte Götterburg ist dem Erdboden gleichgemacht.“

Die vier Frauen hoben die Kutten vom Boden auf und zogen sie sich wieder über. Dann nahmen sie eine nach der anderen einen Hartschalenkoffer von Liebesfeld in Empfang.
„Und so gehet hin. Auf dass die Saat des Verderbens in euch keimet und Früchte trägt. Mit euren flammenden Schwertern sollt ihr durch die Lüfte reiten und all unseren Feinden den Kuss des Todes darbringen.“

Martina sah Klinger verunsichert an. „Klinger, wenn wir die aufhalten wollen, wäre jetzt vielleicht der geeignete Zeitpunkt.“

Klinger robbte auf dem Bauch weiter vor, bis er an den Rand des Felsens kam. Zwischen ihrem und dem anderen Felsen war eine Schlucht, vielleicht vier Meter fünfzig breit.
„Okay!“ sagte Klinger und stand auf. Heldentaten waren nicht wirklich seine Sache, aber wenn es nun mal sein musste. Er machte rasch ein paar Schritte zurück, um Anlauf zu nehmen.

Martina verstand schon, was er vorhatte. Das war natürlich Wahnsinn, aber … Sie stand eine Sekunde später neben ihm. „Du weißt, dass das eine ganz und gar beschissene Idee ist, ja?“

Klinger zog den Schlitten seiner treuen 45er zurück und entsicherte sie mit dem Daumen. Martina nahm ihre beiden vernickelten 38er Special Trommelrevolver in die Hände. Wenn der Sprung nicht bis auf den anderen Felsen reichte, blieb eh keine Zeit sich irgendwo festzuklammern, denn dann würden Liebesfelds Bodyguards sie ohne jede Frage fertig machen.

„Bereit?“

Martina nickte.

Die beiden nahmen in der Dunkelheit Anlauf. Der Absprung gelang sauber. In der Luft hatte Klinger den Eindruck, er würde wie ein Adler mit vorgestreckten Klauen aus der totalen Finsternis heraus auf leichte Beute fliegen. Während des Fluges legte er bereits die Waffe an. Martina und er hatten den Vorteil der Überraschung auf ihrer Seite.
Liebesfelds Bodyguards waren wirklich auf Zack. Die erste Kugel pfiff bereits an Klinger vorbei, noch bevor er einen Fuß auf den Felsen aufgesetzt hatte. Klinger hatte sich einen Moment nicht entscheiden können, auf wen er zuerst schießen sollte. Das war verhängnisvoll.

Die Bodyguards hatten solche Probleme nicht. Erst schießen, dann denken. Darauf waren sie trainiert. Sie hätten Klinger in Stücke geschossen, wenn Martina ihnen dazu Zeit gelassen hätte. Sie hatte den Sprung mit einer Hechtrolle nach vorn abgefangen und stand nur noch drei Meter von den blonden Recken entfernt. Die Läufe ihrer beiden 38er zeigten auf deren Köpfe und ihre Zeigefinger zogen die Abzüge fast gleichzeitig durch.

Die beiden Bodyguards schlugen nach hinten über. Klinger schoss ebenfalls. Er traf Liebesfeld zweimal in den Oberkörper. Liebesfeld stöhnte auf und sackte langsam in den Knien ein. Ein weiterer Schuss krachte. Martina hatte auf eine der Frauen geschossen und sie getroffen. Die drei anderen hatten nun ebenfalls ihre Waffen gezogen. Eine von ihnen traf Martina in die Schulter. Eine Waffe flog ihr aus der Hand. Bevor die Frau erneut auf Martina schießen konnte, hatte Klinger sein halbes Magazin in ihr entleert.

Klinger sah in den Lauf einer Walther. Die dritte der blonden Überfrauen hielt sie mit ruhiger Hand auf ihn gerichtet. Die vierte Frau suchte unterdessen ihr Heil in der Flucht. Sie wollte über die Treppen entkommen. Martina machte einen gewaltigen Sprung vor und schlug der Frau, die auf Klinger angelegt hatte, hart ins Gesicht. Ein langgezogener Schrei verhallte in dreißig Metern Tiefe. Gleich darauf hörte man den platschenden Aufprall ihres Körpers irgendwo dort unten. Schon wieder schoss Martina. Sie hatte die fliehende Frau nicht erwischt.

Unter ihnen wurden Stimmen laut. Ihr kleines Feuergefecht hier oben war nicht unbemerkt geblieben. Da unten waren noch etwa zwanzig braune Elitenachtwächter der Thule-Truppe. Die bewaffneten Saubermänner machten sich in diesem Moment daran, den Felsen zu stürmen.

„Bleib da“, schrie Martina. „Verschanz dich hier!“ Dann verschwand sie in dem dunklen Felsendurchgang, der zur Treppe führte. Klinger schüttelte den Kopf und lief ihr nach.

Martina sah die vierte blonde Mutantin einige Meter vor sich. Jeden Moment würden die herauf stürmenden Braunhemden ihr Deckung geben. Dann könnte sie sich in Ruhe daran machen, ihr Todeswerk zu vollenden. Martina schoss. Vorbei! Sie hatte noch zwei Kugeln. Sie schoss erneut. Wieder daneben. Martina rannte der Blonden so schnell sie konnte hinterher. Ihr Arm schmerzte bei jeder Stufe, und ewig schlug sie mit dem Ellenbogen gegen die felsige Wand. Vor allem, wenn sie um eine der Ecken bog.

Hinter der nächsten tückischen Ecke blieb ihr genau die Zeit eines Augenaufschlages um eine endgültige Entscheidung zu fällen. Das blonde Gift stand nur einen Meter vor ihr. Aber gleich neben der Frau hatten sich zwei der Braunhemden postiert. Der Läufe waren auf die ankommende Martina gerichtet. Wenn sie mehr Kugeln gehabt hätte, wären die beiden kurzgeschorenen Möchtegernhelden sicherlich Hackfleisch gewesen. Klar, sie hätte sich auch in Deckung werfen oder sich vielleicht sogar im Nahkampf behaupten können. Aber alles das könnte auch ein Fehler sein. Letztlich gab es nur eine todsichere Entscheidung. Wichtig war in diesem Augenblick nur diese eine Kugel, die sich aus ihrem Lauf löste und unaufhaltsam ihren Weg zwischen die Ohren der blonden Frau vor ihr fand. Martina achtete nicht weiter darauf, dass auch die beiden Braunhemden in diesem Moment ihre Abzüge betätigten. Martina konzentrierte sich ausschließlich auf ihren eigenen Schuss. Sie wusste, dass sie die blonde Frau erwischt hatte, auch, wenn sie selbst diesen Moment nicht mehr erlebt hatte.

Klinger hatte die Schüsse gehört und war stehen geblieben.

„Wir haben sie erwischt!“ jubelte eine postpubertäre Knabenstimme.

Klinger wusste sofort, wen der Junge meinte und konnte es kaum fassen. Martina war eine ausgezeichnete Kämpferin. Nie im Leben würde die sich von einem unreifen Bengel mit einem 9mm Pimmelersatz erledigen lassen!

„Na und!“ rief eine etwas ältere Stimme. „Die andere ist auch tot. Wir müssen sehen, dass wir da rauf kommen! Macht schon, los jetzt!“

Klinger hörte die schweren Stiefel auf der Treppe. Er zog sich schleunigst zurück. Oben am Ende der Treppe gab es kein Entkommen mehr. Er verschanzte sich so gut es ging hinter einem Felsvorsprung und brachte seine Waffe in Anschlag.

Es dauerte nicht lange, dann sah er ein erstes Ziel auf dem letzten Absatz der Treppe. Er ging kein Risiko ein und schoss sofort. Jemand schrie im Dunklen. Klinger hoffte, dass es der Kerl mit dem Pimmelersatz war. Aber letztlich war es auch egal. Klinger konnte nicht erkennen, wie viele es waren, aber sie setzten zum Sturm an. Einer kam dabei bis vielleicht 4 Meter an seine Stellung heran, bevor Klinger seinen stiefelgeplagten Schweißfüßen ein Ende bereitete. Das war jetzt schon sein zweites Magazin. Wenn er sich nicht verzählt hatte, blieben ihm noch drei Kugeln. Einen weiteren Ansturm, würde wohl kaum überstehen.

*

„Nette Party“, freute sich Beck. „Hat was von Halloween.“

„Hey!“ rief Jensen, die deutlich selbstsicherer geworden war, seitdem sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. „Piss gefälligst an dein eigenes Auto!“

Ein wuchtiger Kerl mit Stierhörnern auf dem Kopf drehte sich, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen, Jensen zu. Dann lallte er mit schwerer Zunge. „Das iss doch mein Wagen, oder etwa nisch?“

„Wenn du das nicht weißt …“, grunzte Beck. Dann marschierte die Kerntruppe des Omega-Teams hinter Victor her über die Volksfestwiese.

„Wie sollen wir Klinger hier finden?“ fragte Jensen.

„Sein Wagen stand auch nicht auf dem Parkplatz“, bemerkte Beck. „Ist denn sicher, dass er …“

Eine rothaarige Hexe tobte auf einem Besen reitend an ihnen vorbei zu einem der Lagerfeuer. Beck schüttelte den Kopf. „Das ist nichts für Klinger. Hier ist der bestimmt nicht.“

„Wenn er seinen Standort gewechselt hätte, dann hätte er uns doch sicherlich informiert“, behauptete Victor.

„Vielleicht hat sich euer Mann maskiert und unters Volk gemischt!?“ vermutete Lothar.

Beck, Jensen und Victor lachten herzlich.

„Ich wette, der hockt hier irgendwo gemütlich in seinem Wagen. Er hat ihn bestimmt auf einer Anhöhe geparkt. Und von dort aus schneidet er die neuesten Zauberformeln und Trinksprüche mit.“

„Klinger hat immer gern eine Zentralheizung oder zumindest aber eine Standheizung in der Nähe, wenn es ernst wird“, erklärte Jensen.

„Ist mehr der Typ Techniker, ja?“

„Genau“, stimmte Beck zu.

In diesem Moment fiel der erste Schuss. Beck schaute sich nervös um. Die Lagerfeuer blendeten ihn. In der Dunkelheit dazwischen konnte man nichts wirklich erkennen. Ein zweiter und ein dritter Schuss fielen. Das hörte sich an, als ob es ziemlich weit weg war.

„Das kommt von da vorn!“ rief Jensen.

Zwischen zwei Schüssen ertönte ein langer Schrei. Jemand musste von einem der Felsen gestürzt sein.

„Die sind da oben“, schrie Beck, um die Rufe der durcheinander laufenden Besucher zu übertönen. Die Leute waren sich nicht einig. Ein paar glaubten Schüsse gehört zu haben, andere stürmten nach vorn, um das vermeintliche Feuerwerk aus der Nähe zu sehen.

„Aus dem Weg!“ Beck drängelte sich durch die schaulustige Menge nach vorn. Jensen, Lothar und Micha waren dicht hinter ihm. Sie alle hatten ihre Waffen gezogen. Wieder fielen in der Höhe über ihnen Schüsse. Beck war jetzt kurz vor der Treppe, die nach oben auf die Felsen führte. Dort hatte sich ein fast undurchdringliches Menschenknäuel gebildet.

„Platz da!“ schnauzte Beck die Leute an.

„Nun mal ganz ruhig, Opa!“ Ein 1,90 Meter Schrank drehte sich um, als Beck ihn angerempelt hatte. Hinter ihm stürmte eine Handvoll Uniformierter die Steinstufen hinauf.
„Opa?“ grunzte Beck und hielt seine Waffe hoch. Die musste der Kerl ja wohl auch in der Dunkelheit erkennen. Der Schrank hatte sich nun vollständig Beck zugewandt und versperrte ihm weiterhin den Weg. Erst jetzt erkannte Beck, dass der Mann eine alte Uniform der Braunhemden trug und seinen Baseballschläger wie ein Gewehr auf ihn richtete.
Rechts von Beck schoss ein Arm vor: Jensens Calico befand sich gleich neben dem Ohr des Braunhemdes.

„Lass das fallen, ja!“

Beck wurde wohl doch alt. Was er für einen Baseballschläger gehalten hatte, war in Wirklichkeit eine Pumpgun. Die Schrotflinte zeigte genau auf seinen Magen. Gleich hinter dem Kerl mit der Pumpgun hatten sich vier weitere Braunhemden aufgebaut, die Beck und seinen Leuten den Weg nach oben versperren wollten. Sie hatten von einer alten P1 bis zur modernen Sig Sauer alles auf Beck gerichtet, was ihnen zur Verfügung stand. Über ihren Köpfen wurde schon wieder geschossen. Beck biss sich auf die Lippen. Zum Verhandeln blieb keine Zeit. Aber bei dem geringsten Fehler würde es ihn auf alle Fälle erwischen, überlegte Beck. Es war ein klassisches Patt.

Lothar hatte sich mit der Waffe im Anschlag neben Beck geschoben. Von hinten drängelte die Masse der Neugierigen, die offenbar gar nicht mitbekamen, was hier vorne vor sich ging. Jensen ließ den Kerl mit Schrotflinte nicht aus den Augen. Offenbar warteten sie darauf, was Beck tun würde. Er befand sich schließlich in der schlechtesten Position und musste das Zeichen zum Angriff geben.

Plötzlich bemerkte Beck, wie Lothar ihm eine Handgranate in die Hand schob. Beck umklammerte den Abzugsbügel. Dann hob er die Granate vor sich in die Luft. Mit der freien Hand entsicherte Lothar die Granate für ihn.

Den Braunhemden wurde die Situation sichtbar unbehaglich. Vor ihnen war die Menschenmenge, hinter ihnen nur der schmale Durchgang zur Felsentreppe. Wenn Beck das Ding fallen ließ, blieb ihnen keine Chance zu entkommen. Das verstanden sogar ihre braunen Erbsengehirne. Sie machten einen zaghaften Schritt zurück.

Beck setzte sofort nach. Er wusste natürlich, dass er die Granate keinesfalls loslassen durfte. Es standen vielleicht 100-150 Menschen um ihn herum. Das hätte ein Blutbad gegeben. Aber das zogen die Braunhemden gar nicht Betracht. Sie wussten ja nicht, dass sie die guten Jungs vor sich hatten. Energisch machte Beck noch einen Schritt vor. Die Braunhemden behielten ihre Waffen auf ihn gerichtet, aber schienen Beck nicht mehr unbedingt daran hindern zu wollen, die Treppe zu betreten. Langsam schoben sich Beck und seine Leute Richtung Treppe vor. Die Braunhemden standen jetzt wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand und zogen sich allmählich auf die Stufen zurück.

„Warum hast du den Splint weggeworfen?“, flüsterte Beck Lothar zu. „Jetzt kann ich das Ding nicht mehr loslassen, verdammt!“

„Keine Angst“, flüstere Lothar zurück. „Das ist keine richtige Granate.“

„Was?“

„Das ist nur eine Blendgranate!“ erklärte Lothar leise. „Ich schlage vor, du zählst bis drei und wirfst sie.“

Lothar gab Micha ein Zeichen und Beck flüsterte Jensen zu, dass es nur eine Blendgranate sei. Dann zählte er bis drei und warf das gute Stück.

Der Erfolg war verblüffend. Die harten Jungs warfen sich zu Boden. Der cleverste von ihnen rannte die Treppe hoch, um sich dort in Sicherheit zu bringen. Beck und Jensen stürzten sich sofort auf die am Boden liegenden Gegner. Die Granate explodierte mit einem gleißenden Licht. Das Publikum stieß ein erstauntes „Oaah!“ aus.

Beck und die anderen nutzten die verbleibende Schrecksekunde, um ihre Gegner zu entwaffnen und die Knarren in die Dunkelheit zu schleudern. Lothar und Micha fesselten die Braunhemden paarweise mit Handschellen am Treppengeländer. Die waren erledigt.

Weiter oben war es ruhig geworden. Ein vereinzelter Schuss krachte. Wenn das da oben Klinger war, dann saß er mächtig in der Patsche. Beck verlor keine weitere Sekunde und begann, die Treppe hinauf zu rennen. Hinter der ersten Ecke lag der cleverste der fünf Braunhemden. Er rappelte sich gerade wieder auf. Beck schlug ihm im Vorbeilaufen mit dem Kolben seiner Pistole hart auf den Kopf. Das Bürschchen legte sich gleich wieder hin.

Jensen folgte Beck in dichtem Abstand. Zur Sicherheit verpasste sie dem am Boden liegenden Braunhemd auch noch einen Schlag. Man konnte ja nie wissen.

Zehn Stufen später prallte sie an Becks Rücken ab. Der war einen guten Schritt zurückgesprungen. Ein paar Biegungen weiter hatten sich sechs weitere Braunhemden verschanzt. Aber sie schienen nicht auf einen Angriff aus Becks Richtung vorbereitet zu sein. Sie hatten ihn nicht einmal bemerkt, als er um die Ecke gebogen war. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Ausgang der Felsentreppe viel weiter oben.

„Kommt schon und holt mich!“ rief eine bekannte Stimme von dort.

„Klinger“, zischte Beck und zeigte sechs Finger. Jensen nickte. Sie sprangen um den Felsvorsprung und feuerten ohne Vorwarnung. Die Braunhemden waren so überrascht, dass sie keinerlei Gegenwehr leisteten. Jensen erledigte vier von ihnen, ohne dass einer von ihnen zurück schoss. Beck traf die anderen mit jeweils zwei Kugeln. Er ging grundsätzlich lieber auf Nummer Sicher.

„Was ist los?“ keuchte Lothar, der endlich die Treppen hochgerannt gekommen war. „Saubere Arbeit!“ lobte er Beck und Jensen.

Mit schussbereiten Waffen arbeiteten sie sich vor.

„Die haben aber nicht wir erledigt“, sagte Jensen. Auf den letzten 15 Metern der Felsentreppe lagen noch etwa 14 Leichen. Zwei davon waren Frauen. Als sie endlich oben auf dem Felsen angekommen waren, rief Jensen nach Klinger.

Der kroch auf der anderen Seite hinter einem schmalen Vorsprung vor. „Schön, dass ihr auch noch kommt!“

Klinger sah mitgenommen aus. Er war wohl nicht ernstlich verletzte, aber in seinem Gesicht waren Schrammen und seine Hände sahen ziemlich kaputt aus. Beck schlug ihm anerkennend auf die Schulter. Dass ausgerechnet er die drohende Katastrophe aufgehalten hatte, alle Achtung! Klinger konnte mit dieser Anerkennung nichts anfangen. Eine gute Kollegin und Freundin von ihm war tot und er selbst fühlte sich eher zum Kotzen.

Lothar und Micha hatten unverzüglich damit begonnen, die Leichen zu untersuchen. Micha hatte einen der Koffer geöffnet, die die blonden Riesenfrauen bei sich getragen hatten. Er pfiff schrill durch die Zähne. Der Koffer war voller Geld und Papiere.

„Damit hätten die einen schönen Urlaub machen können!“ stellte Lothar fest. „Und genug Pässe und Visa hatten die auch.“

„Die hätten eine Weltreise machen können!“ rief Jensen, die einen zweiten Koffer geöffnet hatte.

„Jetzt müssen wir nur noch die Viren finden!“

„Hey! Seht zu, dass ihr das Blut nicht berührt! Die Viren sind da nämlich drin!“ rief Klinger dazwischen.

„Wo drin?“

„In dem Blut, Beck. In dem verdammten Blut. Dieser Liebesfeld hat die Frauen mit den Viren infiziert.“

„Und darum die Pässe und das Geld!“ folgerte Jensen messerscharf und trat einen Schritt von der Leiche zurück. „Damit hätten die diese Viren in die ganze Welt getragen.“

„Habt ihr Sie erwischt?“ keuchte Victor, der sich endlich ebenfalls durch die Menge da unten gearbeitet hatte.

„Was halten Sie hiervon?“ fragte Micha und hielt einen kleinen Glaskoben mit einer klaren Flüssigkeit hoch.

„Das ist der Rest von dem Zeug, das Liebesfeld den Frauen injiziert hat!“ sagte Klinger.

„Die Viren?“

„Ja.“

Also, die nehme ich dann wohl an mich.“ Lothar ließ sich von seinem Untergebenen das Gläschen geben.

„Das halte ich für keine gute Idee“, rief Klinger und richtete seine Waffe auf den BND-Mann.

„Beruhige dich Klinger, die sind vom BND. Das sind die guten …“, erklärte Beck.

„Ich weiß“, sagte Klinger. „Und das gefällt mir überhaupt nicht.“

„Er hat recht“, mischte sich Jensen plötzlich ein. „Mir ist auch nicht wohl dabei, wenn der BND in seinem Safe so ein Teufelszeug hat.“

„Moment mal Leute!“ sagte Lothar. „Wir waren doch bislang alle ganz vernünftig. Dieses Zeug ist beim BND in den besten Händen. Darüber sind wir uns doch wohl einig.“

Offenbar waren sie sich da nicht einig. Denn auch Jensen hatte ihre Waffe auf Lothar gerichtet. Beck zögerte noch einen Moment, vielleicht, weil er Lothar eigentlich ganz sympathisch fand, oder, weil er in den letzten Stunden so viel mit ihm gemeinsam durchgemacht hatte. Doch dann zog auch er seine Waffe.

„Tut mir leid, Lothar, aber die beiden haben Recht.“

Lothar schien sich sehr unwohl in dieser Rolle zu fühlen. Ganz langsam zog er ebenfalls seine Waffe aus dem Holster. „Es ist doch wohl klar, dass ich die Viren nicht euch überlassen kann.“

„Wir wollen diese Viren auch gar nicht“, erklärte Victor ruhig und mit ganz sachlichem Tonfall. „Uns geht es darum, diese Viren zu vernichten.“

„Tja, also ich weiß nicht …“ Lothar wartete darauf, dass Micha ihm Feuerschutz gab und endlich seine Pistole zog. Doch Micha schaute ihn nur mitleidig an. „Was ist? Willst du mich nicht unterstützen?“

„Ehrlich gesagt … Lothar … Wenn ich mir meine Haarfarbe so anschaue, wäre es mir auch am liebsten, dieses Mistzeug würde auf Nimmerwiedersehen von diesem Planeten verschwinden!“

Lothar ließ die Waffe in Zeitlupe sinken und staunte. Im Prinzip war er ein ganz vernünftiger Mann und das zeigte er jetzt auch. „Also, was machen wir mit dem Serum?“

„Verbrennen“, antwortete Klinger ohne zu Zögern. „Und die Leichen verbrennen wir gleich mit. Ich will nicht, dass irgend so ein durchgeknallter Pathologe oder sonst wer die Viren aus Blut herausholt und die dann wieder kultiviert!“

„Das klingt einleuchtend“, bestätigte Victor. „Mir ist diese Vorstellung auch nicht geheuer. Verbrennen scheint mir die einzige Möglichkeit. Beck!“

Beck steckte die Pistole weg und machte sich auf dem Weg zum Parkplatz, um einen Kanister Benzin zu holen. Lothar schüttelte müde den Kopf. „Was soll ich denn meinen Vorgesetzten erzählen. Ich habe ein geliehenes Schnellboot in Malta liegen lassen, die Hälfte meiner Männer verloren und einen diplomatischen Eklat mit den Maltesern und Italienern heraufbeschworen. Das alles wegen eines Virus, der nur schwarzhaarige Menschen dahinrafft. Wenn ich das nicht belegen kann, schiebe ich die nächsten zwanzig Jahre Innendienst. Ganz unten im Archiv!“

„Sie sind doch ein fähiger Mann, Lothar!“ sagte Victor. „Leute, wie Sie werden immer gebraucht. Wenn nicht beim BND, dann finden Sie schon was, da bin ich ganz sicher. Aber hier geht es nicht einzig um Ihre Karriere. Die muss mal hinten anstehen. Wir sprechen hier von einer Bedrohung, die acht Zehntel der Menschheit das Leben kosten kann. Da werden Ihre persönlichen Probleme irgendwie relativ, finden Sie nicht?“

Das fand Lothar auch. „Okay“, willigte er resigniert ein. „Dann müssen wir nur noch klären, was wir mit diesen Koffern machen.“

„Was meinen Sie?“ fragte Victor irritiert.

„Stimmt, das mit den Koffern ist eine interessante Frage!“ fand nun auch Micha.

„Ich sehe die Sache so. Beim BND ist unsere Karriere vorbei. Dass wir die Viren vernichten müssen, sehe ich ein, aber …“

„Es entspricht nicht unserer Tradition und Denkweise, dass wir für unsere Dienste an der Menschheit Geld nehmen!“ sagte Victor beleidigt.

Lothar lachte laut. „Sie haben gut reden. Sie haben ja auch genug Kröten.“

„Victor!“ setzte Klinger vorsichtig an. „Ich denke, wir müssen nicht alles Geld für die Polizei hier liegen lassen. Die beiden geben schließlich einen Pensionsanspruch auf …“

„Schon gut, schon gut“, winkte Victor ab. „Die Pässe bleiben aber hier.“

„Einverstanden“, sagte Lothar. Er öffnete vorsichtig das Glasgefäß und warf es in das Lagerfeuer. Irgendwie hatte er wohl eine Stichflamme oder einen besonders farbigen Rauch erwartet. Aber es zischte nur leise, als die Flüssigkeit in die Flammen kam, und die Sache war erledigt.

Als Beck mit dem Kanister in der Hand wieder den Felsen betrat, waren die beiden BND’ler gerade dabei, ihre Koffer zu überprüfen und die Pässe heraus zu nehmen.

„Was soll das?“ fragte Beck.

„Ach, weißt du Beck. Es gibt noch ’ne Menge kleiner Südseeinseln, wo man mit einem Koffer voller Geld ein gern gesehener Gast ist. Hier dürften wir momentan weniger willkommen sein.“

Beck verstand das schon. Er sah Victor fragend an. Solche Dinge duldete er gewöhnlich nicht. Aber Victor schien sich damit abgefunden zu haben. Schließlich hatten die beiden ihnen mehrfach aus der Patsche geholfen. „Dann viel Glück!“

„Können wir brauchen“, sagte Micha.

Jensen und Klinger hatten die Leichen der drei blonden Frauen näher ans Feuer gezogen und die Leiche von Liebesfeld und seiner Leibwächter ebenfalls. Dann überschüttete Beck sie mit Benzin.

„Wer wirft das erste Streichholz?“ fragte Beck zynisch, als er sich zu den anderen an die Treppe gesellte.

Offenbar wollte keiner so recht.

„Ich bin nicht ohne Schuld“, redete Lothar sich raus und zeigte auf seinen Koffer.

„Vielleicht sollten Sie gerade deshalb diese Aufgabe übernehmen“, fuhr Victor ihn an.

Lothar schaute betreten und nahm Beck die Streichholzschachtel aus der Hand. Seine Hände zitterten leicht, als er den Phosphorkopf über die Reibefläche zog. Das Zündholz flammte nicht auf. Dafür aber die mit Benzin übergossenen Leichen. Sie hatten sich durch die Nähe zum Feuer selbst entzündet. Vielleicht ein Funke oder aufsteigende Dämpfe. Das war ja eigentlich auch egal.

Unten am Fuß der Felsen johlte die Menge. Das war ein Feuer nach ihrem Geschmack. Vielleicht hätten die da unten nicht so gejubelt, wenn sie das gerochen hätten, was Beck und den anderen in diesem Moment in die Nase stieg. Verbranntes Fleisch.

Angewidert wandten sich alle ab und stiegen die Treppe hinunter. „Wir sollten hier verschwinden. Ich möchte ein Zusammentreffen mit der Polizei, wenn möglich, vermeiden“, sagte Victor.

„Ach du dicke Scheiße“, stöhnte Klinger auf. „Wir haben eine vergessen!“

„Was?“

„Was redest du da?

„Martina hat eine von diesen blonden Riesenfrauen vom Felsen geschmissen. Die muss auf der Rückseite bei dem kleinen See liegen. Die habe ich völlig vergessen.“

„Ist noch Benzin in dem Kanister, oder müssen wir die jetzt die ganze Felsentreppe hochtragen?“ grunzte Jensen genervt.

„Wir haben noch einen Kanister in der MÜCKE. Der hier war aus dem Mietwagen“, sagte Beck und schüttelte den leeren Plastikbehälter.

„Wir sollten uns beeilen“, sagte Lothar. „Es dauert zwar ewig, bis hier in der Pampa die Polizei auftaucht. Aber wenn einer von diesen Verrückten sie gerufen hat, dann kommen die auch gleich mit mehreren Mannschaftswagen angerückt. Vor allem zur Sonnenwendfeier.“

So schnell es ging, arbeiteten sie sich durch die Menge der Schaulustigen und umrundeten die Felsformation, um auf die Rückseite zu gelangen.

„Ich hole den Kanister“, rief Klinger, weil er als einziger wusste, wo der Wagen stand.

„Und bring um Gottes Willen ein paar Taschenlampen mit!“

In dieser Dunkelheit war nichts zu machen. Beck und Lothar waren tapfer bis zu den Knien ins eisige Wasser gestapft. Dass die Frau hier irgendwo runter gekommen war, schien ihnen am wahrscheinlichsten. Die dünne Eisschicht, die das Wasser bedeckte, war dort, wo Beck und Lothar das Ufer verlassen hatten, eingebrochen.

„Hier“, keuchte Klinger atemlos und reichte den beiden zwei Maglites.

Beck ließ den Strahl der Lampe über den See gleiten. Nichts! Beck ließ den Strahl noch einmal zurückgleiten und stoppte. „Das kann nicht wahr sein!“

„Was denn?“ Lothars Strahl folgte dem von Beck. Dort wo sie sich trafen, sahen sie die schlechte Nachricht. Eigentlich sollte da eine Leiche im Wasser treiben, tat sie aber nicht. Zumindest der wasserdichte Koffer hätte dort schwimmen müssen, Klinger war sicher, dass sie ihn bei sich hatte, als Martina die Frau gestoßen hatte. Stattdessen sahen sie nur ein großes Loch im Eis. Die Frau musste an dieser Stelle aufgeschlagen sein. Das war das gute Zeichen, aber dann kam das Problem. Becks Lichtstrahl fuhr eine Art Fahrrinne ab, die direkt zum Ufer führt. Weder Beck noch Lothar hatten sich so weit ins Wasser getraut.

„Das kann nicht sein!“ behauptete Lothar. Sie stapften zu der Stelle, an der die Fahrrinne auf das Ufer traf. „Sie hat eindeutig überlebt.“

„Und sie ist abgehauen!“ vervollständigte Beck die Katastrophennachricht.

„Dann rennt die jetzt in der Welt herum und steckt womöglich Tausende mit diesem verdammten Virus an!“ schrie Jensen wütend. „Klinger, verdammt noch mal, wie kannst du …“

„So einfach ist das nicht“, beruhigte Victor sie. „Der Virus hat eine Inkubationszeit von mindestens 48 Stunden. Vorher ist er nur bei direktem Blutaustausch gefährlich. Aber dann …“

„48 Stunden!“ murmelte Klinger. „Dann sollten wir uns verdammt noch mal beeilen.“

„Das wäre nicht nötig, wenn Klinger …“

„Hör auf!“ schrie Beck seine Kollegin an. „Das war nicht Klingers Schuld. Wer kann schon ahnen, dass diese Mutation einen Sturz aus 30 Metern Höhe überlebt?“
Jensen knurrte mürrisch. „Ich hätte mich in jedem Fall davon überzeugt, dass …“

„Was steht ihr hier eigentlich rum?“ fragte Victor irritiert. „Glaubt ihr, die ist bereits in Hong Kong? Verdammt, bewegt euch und sucht die Gegend ab. Weit kann die doch wohl nicht sein!“

Beck schaute seinen Chef erstaunt an. So einen Ton war er von Victor nicht gewöhnt. Aber der Mann hatte ja Recht. Sie verloren kostbare Zeit. Und der Countdown lief bereits.