Tanz der Walküren

Kapitel 1

Die Meute war heute ungewöhnlich unruhig. Es lag nicht an Victor. Auch nicht an seinem Vortragsthema. Victor wusste aus Erfahrung, dass in solchen Fällen nichts zu machen war. Die Studenten spielten nervös mit ihren Bleistiften und fortwährend knisterte irgendeiner mit Papier. Über dem ganzen Hörsaal lag eine unbestimmte Erwartungshaltung.

Normalerweise traten derartige Phänomene erst kurz vor dem Semester-Ende auf. Victor betrachtete enttäuscht die abwesenden Gesichter der Zuhörer vor sich und setzte seine Vorlesung über „Apokalyptische Phänomene zur Jahrtausendwende“ fort. Seine Stimme wurde von Satz zu Satz ungewollt träger und monotoner. Auch er konnte sich der dumpfen Atmosphäre, die in diesem Hörsaal herrschte, nicht gänzlich entziehen.

Victor hatte es finanziell wirklich nicht nötig, an der Uni zu unterrichten und an Tagen wie diesen fragte er sich, warum er es trotzdem nicht lassen konnte. Er nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas, das auf seinem Pult stand. Niemand schien diese kurze Pause zu bemerken. Dann stieß er ein kurzes, heiseres Husten aus und wollte sich noch einmal aufraffen und zusammenreißen. Schließlich war es seine Aufgabe, hier die Spannung zu erzeugen.

„Aus dem Jahre 992 a. d. wird in den Annales Augustani über einen Kampf von 3 Monden und 3 Sonnen über Germaniens Himmel berichtet. Ein gleißendes Licht, das aus dem Himmel im Norden zu kommen schien, erleuchtete die Nacht und …“ Victor brach ab und schaute von seinem Manuskript auf. Unter den Studenten war ein stark störendes Gemurmel entstanden. In der vorletzten Reihe war ein Student aufgestanden und schien gehen zu wollen. Victor kratzte sich genervt an seinen Bartstoppeln. Eine derartige Reaktion fand er übertrieben. So schlecht waren seine Vorträge nun wirklich nicht.

Der junge Mann in Jeans und einem Parker, der mal in den Siebzigern modern gewesen sein mochte, schien es sich nun doch noch einmal anders überlegt zu haben. Alle Blicke ruhten auf ihm.

Mit unsicheren Schritten kam er die Stufen hinunter zum Lesepult. Das leichte Schwanken konnte bedeuten, dass er irgendwelche Drogen zu sich genommen hatte. Der Student hob den Finger, als ob er sich wie in der Schule, zu Wort melden wollte. Er ließ Victor nicht aus den Augen. Jeden Moment konnte er den Mund öffnen und einen fürchterlich unqualifizierten Kommentar von sich geben. Studenten taten das hin und wieder.

Vielleicht zehn Meter vor Victor verdrehte der junge Mann die Augen, knickte in den Kniekehlen ein und sank mit einem tiefen Seufzer zu Boden. Eine neue Form der Bekundung seines Desinteresses? Oder die Nachwirkung eines nächtlichen Drogenexzesses in einer der Techno-Diskotheken?

„Ruhe!“ rief Victor energisch, aber einige Studenten waren aufgesprungen und wollten sich nicht wieder beruhigen. Nur ein einziger von ihnen war auf den am Boden liegenden zugegangen und stand nun unschlüssig vor ihm. Wenigstens zeigte er die Absicht, seinem Kommilitonen helfen zu wollen.

Victor legte gelassen das Skript weg. Nur keine Hektik, die steckte bestenfalls an. Victor sah nach dem gefallenen Studenten. Er berührte seine Schulter und drehte ihn vorsichtig herum. Kein Zweifel, der junge Mann hatte das Bewusstsein verloren.

„Einen Arzt, schnell!“ rief Victor und brachte den Studenten mit geübten Griffen in eine stabile Seitenlage. Der Mann amtete noch. Aber sein Atmen war sehr flach.

Victor zog den Stuhl von seinem Pult heran und legte die Beine des Studenten hoch. Das sollte ihn eigentlich nach kurzer Zeit zurückbringen. Keine Reaktion. Seine Pupillen waren klein wie Stecknadelköpfe und seine Stirn war mit kaltem Schweiß überzogen.

Plötzlich hustete der junge Mann heftig. Victor sprang zurück. Ein kleiner Nebel aus Spucke und Blut überzog den Ärmel seines beigefarbenen Anzugs von Armani. Das war nicht gut. Selbst wenn es von irgendwelchen Drogen kam, hatte es die Lunge erwischt. „Hat jemand einen Arzt geholt?“

Die Studenten waren beim Anblick des blutigen Hustens zum größten Teil zurückgewichen und keiner von ihnen antwortete. Aber von Ferne war bereits eine Sirene zu hören. Hilfe war also unterwegs.

Der Notarzt war nicht viel älter als Victors Studenten. Victor trat beiseite und ließ den Mann seine Arbeit verrichten.

„Total dehydriert!“ stellte der Arzt nüchtern fest und legte sofort eine Infusion mit Kochsalzlösung an. „Fieber hat er auch. Wahrscheinlich eine Infektion.“

„Außerdem hat er Blut gehustet!“ erklärte Victor Jacobi.

Der Arzt sah ihn skeptisch an. Dann öffnete er, mit einem Griff an Nase und Kinn, den Mund seine Patienten warf einen flüchtigen Blick in den Rachenraum. „Scheiße.“

„Was ist?“

„Überall Blut. Sieht verdammt nach einer offenen TB aus.“

Es war jetzt zu spät, sich das Sakko auszuziehen. Victor schaute auf den Arm, wo ihn die Blutspritzer getroffen hatten. Der junge Arzt nickte einem der Rettungssanitäter zu, der daraufhin den Hörsaal verließ.

Die Studenten diskutierten anregt über die möglichen Folgen eine Tuberkuloseinfektion. An die Fortsetzung der Vorlesung war keinesfalls mehr zu denken. Folgerichtig packten einige Studenten ihre Sachen.

Der zweite Rettungssanitäter ging zur Tür und schloss sie. Spätestens jetzt wurde den ersten Zuhörern klar, dass die Sache nicht mehr nur ihren am Boden liegenden Kommilitonen allein betraf.

„Setzen Sie sich doch bitte wieder“, forderte Victor die Leute auf. Eine weitere Sirene war draußen zu hören. Ein Polizeiwagen. Dann noch einer. Und noch einer.

Einige Studenten versuchten, den Sanitäter von der Tür wegzudrängen. Victor griff ein und stellte sich schützend neben den Mann.

„Sie müssen sich untersuchen lassen“, erklärte der Arzt. „Wenn da was ist, gibt’s ein paar Antibiotika und die Sache ist gegessen.“

Der Mann erntete nur Gelächter. An der Tür wurde aus dem Gerangel allmählich ein richtiger Kampf. Victor wurde hart geschubst. Aber nicht mit ihm. Da hatten sie sich gewaltig geschnitten. Victor hatte nun mehr seit acht Jahren Jiu-Jitsu trainiert. Den zweiten Versuch, ihn von der Tür zu vertreiben, beantwortete er mit einem sauber angewendeten Tenagashi Uke. Das ließ den Angriff überraschend ins Leere laufen.

Der Nachteil einer solchen Aktion war, dass sich der Volkszorn dadurch nur vermehrte. Im Hintergrund kreischten einige Studentinnen hysterisch. Dann kamen die ersten Schläge. Der Sanitäter duckte sich unter den Hieben, wich aber nicht von seinem Platz. Es war einfach viel zu eng, um sich mit Hilfe einiger Nage Wazas den notwendigen Respekt zu verschaffen. Ohne diverse blaue Flecken ging es nun nicht mehr ab.

Doch bevor sie die Tür der Übermacht freigeben mussten, kam ihnen die Polizei zu Hilfe. Eine halbe Hundertschaft, so schien es Victor. Doch wahrscheinlich waren es weit weniger.

„Also!“ rief der Arzt und versuchte noch einmal sich Gehör zu verschaffen. „Wir fahren jetzt alle ganz ruhig ins Krankenhaus und stellen fest, woran wir sind. Wenn ich mich geirrt habe, sind Sie alle in ein paar Stunden wieder zu Hause!“

„Und wenn nicht?“ rief jemand von hinten.

Der Arzt schwieg betreten. Das war sicherlich das erste Mal, dass er eine Zwangseinweisung in einer solchen Dimension vornehmen und verantworten musste.

Victor trat an seine Seite und forderte die Studenten auf, die Sache mit Gelassenheit zu nehmen. Sie sollten den Anweisungen der Polizei Folge leisten und Ruhe bewahren. Als erstes wurde der immer noch ohnmächtige Student weggeschafft. Kurz darauf bildeten die Polizisten eine Art Korridor quer über den Campus, bis zum Parkplatz hinter dem Philosophenturm. Dort war ein Sonderfahrzeug der Feuerwehr bereitgestellt. Für die Studenten war das wie ein Spießrutenlauf. Victor schritt mit guten Beispiel voran und hinter ihm die verängstigte Horde seine Studenten.

Die Kommilitonen auf dem Campus starrten nur dumpf zu der Polizeikette herüber. Polizei auf dem Campus hätte eigentlich zu heftigen Reaktionen führen müssen. Dann rief doch noch jemand einige linke Kampfparolen und versuchte, sich ohne viel Ehrgeiz mit den Gesetzeshütern anzulegen.

Natürlich war die Annahme, dass es sich hier um einen Verhaftungskessel aus politischen Gründen handelte, völlig falsch und abwegig. Aber Victor freute sich trotzdem, dass sich nicht alle Neointellektuellen gelangweilt kauend auf den Bänken herum lümmelten, und tatenlos mitansahen, was sich dort vor ihren Augen abspielte.

Nachdem der Pulk den Feuerwehrbus betreten hatte, setzte bei der Menge jene Apathie ein, die man gewöhnlich nach schweren Massenunfällen beobachten konnte. Den meisten war es längst egal, was mit ihnen geschah und nur bei einzelnen regte sich noch ein Funken Widerstand, der sich in ihren Augen widerspiegelte.

Was Victor eigentlich schockierte, war, dass die Menschen nicht aus Vernunft Folge leisteten, sondern, dass die Willenlosigkeit gegenüber der Staatsmacht diesen Fatalismus geboren hatte.

Das einzige Krankenhaus, das in der Lage war, derart viele Patienten auf einmal aufzunehmen, war das Hafenkrankenhaus. Genau genommen ging das auch nur deshalb, weil die Klinik seit zwei Jahren leer stand, und dort nur eine Ambulanz für Notfälle besetzt war.

Die Studenten wurden auf zwei Stationen desselben Korridors verteilt. Schwestern und Pfleger verteilten Bettzeug und entfernten die Plastikbezüge, mit denen die leerstehenden Betten vor dem Verrotten geschützt werden sollten. Eine umfangreiche medizinische Versorgung war hier natürlich nicht möglich. Dafür lag das Krankenhaus aber in der Nähe des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin. Auch von dort hatte man sich eilig zusätzliches Personal ausgeliehen.

Als sich nach zwei Stunden noch immer kein Arzt hatte blicken lassen, wurde Victor allmählich unruhig. Wie lange konnte es schon dauern, ein paar Tb-Bakterien nachzuweisen?

Victor stellte seinen Kaffeebecher ab und betrat den Gang. Die Polizisten, die die ganze Zeit über am Eingang Wache geschoben hatten, waren verschwunden. Hatte man womöglich vergessen ihnen zu sagen, dass der ganze Spuk vorüber war? In einer Bürokratie war alles möglich. Victor ging auf die Milchglastür zu, um zu sehen, was dahinter vor sich ging.

Er rüttelte daran. Abgeschlossen. Victor stutzte.

„Hallo!“ rief er laut, aber von draußen kam keine Antwort.

Was sollte denn das nun wieder?

„Hallo!“ rief Victor nochmals laut.

Auf dem Gang schauten einige verunsicherte Studenten aus den Zimmern, in denen sie einquartiert worden waren. Gerade wollte Victor mit der Faust gegen die Tür hämmern, als ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde.

Ein Arzt mit OP-Haube und Mundschutz zwängte sich durch den offenen Türspalt. Gleich hinter ihm wurde die Tür wieder geschlossen.

„Was ist los?“ fragte Victor.

„Mein Name ist Prof. Fleischmann“, erklärte der Arzt. „Ich bin von nun an für diesen Fall zuständig.“

Victor wusste, wer Fleischmann war. Das war der Chef des Tropeninstitutes. Offensichtlich handelte es sich tatsächlich um eine offene TB.

„Es wird Sie sicher freuen, zu hören, dass Ihr Student keine TB hatte“, sagte Fleischmann. „Weniger erfreulich ist jedoch, dass einige Anzeichen dafür sprechen, dass wir es mit einem Fall von hämorrhagischem Fieber zu tun haben.“

Victors Zunge klebte eine Sekunde lang an seinem Gaumen fest. „Ebola?“ fragte Victor verunsichert und sah im Geiste, wie der Student ihn anhustete und die feuchte Wolke mit tausenden, putzmunterer Viren in sämtliche seiner Körperöffnungen eingedrungen waren.

„Muss nicht. Kann auch Lassa, Hanta oder Marburg sein. Oder vielleicht sogar ein ganz neuer Virus.“

Victor fluchte leise.

„Noch ist nichts abgeklärt, aber Sie haben sicher Verständnis, wenn wir in diesem Falle lieber auf Nummer Sicher gehen. Bereiten Sie ihre Studenten bitte darauf vor, dass von nun an einige Sicherheitsvorkehrungen unumgänglich sind.“

„Selbstverständlich“, sagte Victor tonlos.

Prof. Fleischmann nickte und klopfte gegen die Glastür. Durch den Spalt konnte Victor erkennen, dass draußen nicht mehr dieselben sympathischen Polizisten standen wie vorhin. Jetzt trugen die Männer Schutzanzüge und vollautomatische Waffen.

Victor wurde klar, dass die Situation todernst war. Er rief seine Studenten auf dem Flur zusammen und versuchte, sie so gut es ging auf das vorzubereiten, was nun kommen würde. Aber das konnte er nicht, weil er es selber nicht genau wusste.

Die Türen zur Station wurden aufgestoßen, und ein Trupp bewaffneter Männer in Schutzkleidung kam herein gestürmt. Auch Prof. Fleischmann trug jetzt einen Schutzanzug.
„Sie müssen alle Ihre Kleidung ablegen. Alles, was Sie bei sich tragen, wird unverzüglich verbrannt“, erklärte der Professor. Die Studenten glotzten nur erstarrt und schienen das nicht zu verstehen.

Einer der Polizisten machte recht drastisch deutlich, wie das zu verstehen war: „Ausziehen, los jetzt!“ befahl er quäkend durch seine Luftfilter. Drohend hielt er seine Waffe im Anschlag. Was wollte er tun? Jemanden, der nicht gehorchte, erschießen? Sinnlos. Der Arzt rief ihn prompt zurück.

„Bitte…“, sagte er fast entschuldigend. „Sie müssen alles, was eine nosokomiale Infektion verursachen könnte, abgeben.“

Auch wenn niemand genau zu wissen schien, was eine nosokomiale Infektion war, zeigte dieses Wort Wirkung. Widerwillig begann Victor sich zu entkleiden. Die anderen folgten seinem Beispiel. Als er auch sein Handy weglegen sollte, gelang es ihm wenigstens noch, eine der einprogrammierten Nummern zu drücken. Er konnte nur hoffen, dass zumindest das Signal noch durchkam, bevor sein Handy und alles andere in den Plastiksäcken verbrannt wurde.

*

Gewöhnlich nahm Beck keine Frauen mit nach Hause. Aber gestern Nacht hatte er offensichtlich eine Ausnahme gemacht. Nicht, weil das Blondchen ihm besser gefiel als seine sonstigen Gespielinnen. Nein, er wollte einfach mal wieder gleich nach dem Sex einschlafen. Das war bei professionellen Liebesdienerinnen kaum möglich.

Natürlich wusste er, dass er damit in Kauf nahm, dass die Frau womöglich heute Morgen noch bei ihm frühstücken wollte. Oder womöglich sonst welche absurden Ansprüche an ihn stellen konnte. Bei so einer konnte er sich nicht mit einem blauen Lappen aus der Affäre ziehen. Unprofessionelle Frauen neigten oft zu Überreaktionen, die sich in einer unpassenden Anhänglichkeit nach dem vollzogenen Akt artikulierten.

Beck schaltete die Kaffeemaschine ein.

„Ouuh.“ Das blonde Gift räkelte sich schläfrig auf seiner Matratze.

„Kaffee?“ fragte Beck freundlich.

Blondi lächelte zufrieden. Wenigstens plapperte sie nicht so viel. Das war wohl der Grund, warum Beck so ein Risiko überhaupt eingegangen war, sie mit in seine Wohnung zu nehmen.

Er hatte nur „Woll’n wir …?“ gesagt. Sie hatte genickt und sich bei ihm unterhakt. Das war okay.

Stumm war sie nicht, das hatte Beck eine viertel Stunde später in seiner Wohnung zu spüren bekommen. Auch wenn ihre Sprache wohl hauptsächlich aus Urlauten zu bestehen schien.

„Milch und Zucker?“ Beck war sicher, dass es soweit kommen würde, dass er ihr den Kaffee ans Bett brachte. Wahrscheinlich rührte sie einmal kurz um, nahm einen Schluck, der zu heiß wäre, und dann käme sie unweigerlich auf das Thema Beziehung, Liebe und Kinder zu sprechen.

Beck ging mit dem Kaffeebecher in der Hand zum Bett. Sie nahm den Becher und trank. Kein Wort.

„Wie heißt du?“, wollte Beck wissen.

Blondi lachte und zeigte auf ihre Brust. Stimmt, da war etwas eintätowiert. „Monika!“

„Habe ich extra machen lassen, damit mir so was nicht dauernd passiert“ erklärte Monika.

„Dauernd?“ fragte Beck alarmiert. „Wie jetzt?“

„Die meisten Freier werden hinterher irgendwie sentimental. Einige fragen plötzlich nach deinem Namen, andere quatschen von Liebe. Vorher fragen sie nur: Wie viel?“

Beck fiel ein Stein vom Herzen. Das war eine Nutte. Na, dann konnte ja nichts schiefgehen. Monika stand auf. Mit einem geübten Handgriff hatte sie sich das ärmellose, blaue Stretchkleid mit dem tiefen Rückenausschnitt übergezogen.

Beck erinnerte sich, dass sie nichts anderes angehabt hatte als dieses Kleid und ihre Stielletostiefel. Keine Unterwäsche. Mit wackelnden Hüften zupfte sie die Stofffalten zurecht und sah eine Sekunde später großartig aus. Bei Beck in der Hose vibrierte es.

Sein Pieper. Er zog ihn heraus und betrachtete das einzeilige Display. Sein Typ wurde verlangt.

„Du musst jetzt …“, sagte Beck und griff hastig nach einem T-Shirt im Kleiderschrank.

„Schon klar“, murmelte Monika und schlüpfte in die Stiefel. „Biste’n Bulle?“ fragte sie, als Beck den Schulterhalfter mit der Pistole umlegte.

„Ne, ne, nur keine Sorge“, beruhigte Beck sie. „Freiwillige Feuerwehr.“

Monika lächelte spitz. „Sicher. Ich dachte eigentlich, die hätten nur Wasser in der Spritze!“

„Nun komm schon.“ Beck schob sie unsanft durch die Tür hinaus auf den Flur und schloss zweimal ab.

„Wir sehen uns“, sagte Beck und dachte nicht im Traum daran. Er ignorierte ihr wissendes Grinsen und eilte am Aufzug vorbei. Die Treppen waren einfach schneller.

*

Jensen und Klinger erwarteten ihn bereits. Er war zu langsam. Sechs Minuten 30 waren seit dem Eingang des Signals vergangen. Selbst die echte freiwillige Feuerwehr war schneller.

„Na, ausgeschlafen?“ machte die Jensen ihn deshalb gleich an.

Beck winkte müde ab. „Was gibt’s?“

„Wenn ich das wüsste, säßen wir hier nicht herum und starrten auf den Monitor!“ grunzte Klinger.

„Es kam nur das Signal, aber Jacobi ist nicht da?“

„Können wir nicht mit dem Peilsender …?“

„Danke für den Hinweis Beck! Was denkst du wohl, was ich hier treibe?“

Beck beugte sich vor und schaute auf den Monitor. Seit seiner Entführung trug Victor einen winzigen Peilsender. Er war direkt unter die Haut der Brust transplantiert worden. Wenn Victor jemals einen Schrittmacher bräuchte, dann könnten wir den von hier aus fernsteuern, behauptete Klinger.

„Er bewegt sich nicht!“ stellte Beck fest. Der kleine blinkende Punkt auf dem Monitor schien auf der Stelle zu stehen.

„Das wäre auch ein Wunder“, zickte Klinger. „Wenn sich der Punkt auch nur einen halben Zentimeter verschieben würde, hätte Victor halb Europa durchquert. Ich scanne noch.“

„Wo ist …?“ Beck sah Klingers Blick und verzichtete auf die Frage. Dann fiel ihm etwas anderes ein. „Warum rufen wir ihn nicht einfach an?“

„Sein Telefon ist tot“, grunzte Jensen. „Stell nicht laufend so blöde Fragen, sondern hilf mir lieber!“

Jensen hatte den Waffenschrank aufgeschlossen. Beck wurde klar, dass sie offensichtlich eine bedrohliche Situation vor sich hatten.

„Das ist nicht dein Ernst …“ sagte Beck, als er sah, dass Jensen beherzt nach der 9 Millimeter Calico griff. Beck wusste, dass dies Jensens Lieblingswaffe war. Schon, weil das Magazin 100 Schuss fasste. Was Jensen jedoch nicht davon abhielt, noch eine zusätzlich Patrone im Lauf bereitzuhalten. Man konnte nie wissen, ob es nicht der eine Schuss sein würde, der einem mal das Leben rettete.

„Was spricht dagegen?“

„Wir wissen doch noch gar nicht, was los ist!“

„Allzeit bereit!“ verkündete Jensen. Jeder wusste, dass sie früher bei den Pfadfindern war.

Im Prinzip war an Jensens Einstellung was dran, deshalb ließ er sie lieber in Ruhe. Sollte sie doch wieder diese große Handtasche mit sich rumschleppen. Er würde ihr die nicht tragen. Bei ihren Kurven konnte sie die Calico jedenfalls nicht am Körper tragen. Dafür hatte sie ja noch ihre HK USP, die stopfte sie gerade unter ihren Pullover in den Hosenbund.

Beck schüttelte den Kopf. Dass diese Frau nie einen Holster trug! Dann zog er vorsorglich die Glock 18 mit Laser-Pointer aus dem Schrank und legte einen zusätzlichen Yaqui-Holster an.

„Ich hab ihn!“ rief Klinger. „Er ist im Hafen-Krankenhaus, in St. Pauli!“

Jensen und Beck sahen sich an. „Ein Unfall?“ Beck wollte die Glock schon wieder in den Schrank legen.

„Das glaube ich kaum“, sagte Klinger. „Da ist was faul. Das Hafenkrankenhaus ist seit langem geschlossen.“

„Außerdem: Wenn er noch Zeit hatte uns anzupiepen, warum konnte er dann nicht mehr ans Telefon gehen?“

„Da ist was dran“, brummte Beck.

„Wir gehen“, stellte Jensen klar. Klinger blieb an seinen Monitoren und beobachtete weiterhin das Peilsignal.

„Nehmen wir doch meinen Wagen!“ schlug Beck auf dem Parkplatz vor.

„Der ist zu langsam“, sagte Jensen und stieg ohne weitere Worte in ihren postgelben Z3. Beck hätte gerne noch etwas Vernünftiges eingewendet, aber leider hatte Jensen Recht. Becks Alptraum begann, als Jensen mit quietschenden Reifen ausparkte.

„Frauen am Steuer …“, setzte er an, verstummte aber sofort, als Jensen die zweispurige Kreuzung bei Rot überfuhr und nur knapp an einem Sattelschlepper vorbeischrappte.
Na, zur Not hätten sie ja auch darunter herfahren können, beruhigte sich Beck.