Salino & die Furien

Kapitel 9

Als Salino die Augen wieder aufschlug, befand er sich da, wo er seiner Meinung nach im Moment auch hingehörte. Im Krankenhaus. Er war allein in dem Zimmer. Hinter ihm summten und piepten die Instrumente der Intensivmedizin.

Die erste erfreuliche Entdeckung war, dass er keinen Tubus im Hals stecken hatte. Die Vorstellung, eines Tages aufzuwachen und eine dicke Kunststoffröhre in der Kehle zu spüren gehörte zu den Erfahrungen, auf die er in seinem Leben gerne verzichtete. Einige Schläuche und Kabel waren aber schon an seinen Körper montiert. Salino überlegte, ob er es wagen könnte, sich zu bewegen. Ein kleiner Versuch, den Fuß zu bewegen konnte nicht schaden. Es fühlte sich nicht so an, als ob sich irgendetwas bewegte. Womöglich war er querschnittsgelähmt. Er erinnerte sich dunkel, wie ihn etwas am Rücken getroffen hatte. Und die anderen, schoss es ihm durch den Kopf. Hatten die anderen auch überlebt?

Die Tür wurde geöffnet. Jemand betrat das Zimmer mit schlurfenden Schritten. Eine leuchtend weiße Gestalt beugte sich über ihn und ein rundes, etwas pausbäckiges, fröhliches Gesicht fragte ihn auf Englisch. „Na sind wir endlich wach?“

Die Schwester hatte nette Augen. Salino wollte antworten, als er merkte, dass er wohl doch noch schlief und phantasierte. Die Schwester hatte etwas mit seinem Kopfkissen gemacht und direkt vor Salinos Augen sprang ihr Kittel auf. Die obersten beiden Knöpfe waren nicht verschlossen gewesen. Darunter fanden sich ein paar herrliche, prallrunde und feste Brüste. Selbst in England gab es nicht solche Krankenschwestern. Na, wenn das nur ein Traum ist, dachte Salino. Und hob die Hand, um nach den Brüsten zu greifen. Im Traum war das ja kein Problem. Ähnlich wie der Fuß, bewegte sich auch der Arm nicht. Das Wort Tantalus schoss Salino durch den Kopf.

„Hey. Wir wollen mal nicht komisch werden“, rief die Schwester lachend und schob seine Hand da weg. „Scheint Ihnen ja schon viel besser zu gehen.“

Nein, nein, das hatte er nicht gemacht. Höchstens im Traum, dachte Salino. Aber das hier war doch kein Traum.

„Fühlt sich alles noch ein bisschen taub an, nicht? Das liegt an dem Morphium. Sie haben ganz schön Rabatz gemacht, als Sie das erste Mal aufgewacht sind.“

Salino Schloss die Augen. Das konnte nur ein Traum sein.

„Na, doch noch nicht“, hörte er die Schwester sagen.

Salino öffnete die Augen wieder. Die Schwester war noch da. „Was nun? Wach oder nicht?“

„Wach“, sagte Salino krächzend. Sein Hals war trocken. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal was getrunken hatte. „Wasser.“

Die Schwester holte ein Glas Wasser und kam zurück. Sie legte einen Arm um seinen Hals und hob ihn vorsichtig an.

„Nur kleine Schlucke!“ warnte sie und setzte das Glas an seine Lippen. Das Wasser tat gut. Und die Brüste waren echt und näher als je zuvor. Alles hier war echt. Und Salino fühlte sich echt krank.

Als er genug getrunken hatte, ließ die Schwester ihn zurück aufs Kissen gleiten.

„Zeit für Besuch“, sagte sie und verließ das Zimmer.

Das Piepen hinter ihm wurde wieder langsamer. Salino hoffte, dass das nicht sein Herzfrequenzmonitor war. Die Schwester hätte sich sonst wohl ihren Teil gedacht.

Kurz darauf wurde die Tür wieder geöffnet. Frau Weppert beugte sich über sein Bett.

„Na endlich, wir haben uns schon Sorgen gemacht.“

Sie küsste ihn auf jede Wange zweimal und einmal auf die Stirn. Dann tauchte ein weiteres Gesicht auf. Nicht wirklich. Es war eher eine Art Mumie.

„Ich bin’s, Moni“, sagte Monika.

Salino starrte auf die Verbände in ihrem Gesicht.

„Du weißt ja, die Nase. War ja zertrümmert. Sie haben mir das Nasenbein rausgenommen. Der Arzt sagt, wenn alles verheilt ist, ist die Nase so biegsam, dass da nie wieder was passiert.“

„Und wie sieht das dann aus, so ohne Nasenbein?“ krächzte Salino.

„Normal! Hat der Arzt gesagt.“

„Der Arzt?“

„Sieht bestimmt nicht schlimmer aus als vorher“, tröstete Monika sich selbst.

„Und die anderen?“ fragte Salino

„Alles wohl auf“, begann Frau Weppert zu erzählen.

„Dieser Schlottau arbeitete in Wirklichkeit für den Mossad. Und al Fasah war Schlottaus Strohmann. Er sollte das Geschäft über die Bühne bringen. Es sollte so aussehen, als ob die Hamas die Bomben gekauft hätte. Aber dann hat Webermann versucht, mit den Israelis direkt zu verhandeln. Daraufhin war Schlottaus Plan hinüber. Niemand sollte jemals herausfinden, dass in Wirklichkeit der Mossad die Bomben gekauft hatte. Also hat Schlottau die rothaarige Frau beauftragt, alle Spuren zu beseitigen. Mein Mann hatte einfach Pech, weil er von alledem nichts wusste. Aber die Israelis dachten, dass er der Hauptverantwortliche und Partner von Webermann war. Und dieser Lehrer im Wald hätte die Rothaarige besser nicht dabei beobachten sollen, wie sie den Sprengsatz für von Boeders Fabrik aus dem Versteck holte. Bleibt für mich eigentlich nur noch die Frage, was dieser Lehrer dort im Wald überhaupt zu suchen hatte?“

„Und Frau von Boeder?“ fragte Salino, der darauf nicht eingehen wollte und den Ausführungen auch nur mühsam folgen konnte.

„Ihren Mann haben sie zwei Tage später aus dem Meer gefischt. Webermann hatte ihn umgebracht und hinter seinem Haus versenkt.“

„Die Polizei?“

„Bruhns und Haider? Die sind befördert worden. Jetzt arbeiten die beim BKA, wegen ihrer großen internationalen Fahndungserfolge. Ach und du bist fein raus. Wegen des Lehrers brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Da Schlottau alles gestanden hat, braucht Bruhns keinen Zeugen mehr. Ich soll dir von ihm ausrichten, wenn du überhaupt etwas gesehen hast, solltest du die Sache einfach vergessen. Ich weiß nicht genau, was er damit meinte?“

Monika wusste es schon, aber sie schwieg.

„Und wie geht es dir?“ fragte Frau Weppert ihn sorgenvoll. Salino erinnerte sich, dass er diesen Ausdruck in ihrem Gesicht schon mal gesehen hatte.

„Ich weiß nicht genau“, murmelte er. Wirklich weh tat ihm eigentlich nichts. Aber wie gesagt, das war wohl das Morphium.

„Das wird schon wieder“, tröstete ihn Monika.

„Die Kugeln mussten sie rausholen, aber sie haben nichts Lebenswichtiges getroffen. Die eine war ein glatter Durchschuss. Das Schulterblatt hat einen Sprung, zwei Rippen sind gebrochen und innen drin hast du ein paar Nähte, aber ansonsten bist du kerngesund.“

Salino guckte Frau Weppert an, als ob sie nicht ganz dicht wäre. Sie lachte.

„Immerhin hast du mir das Leben gerettet. So was geht nicht ohne Blessuren ab“, scherzte sie.

Und wenn sich in ihren Augen nicht ein Ozean von Mitgefühl widergespiegelt hätte, hätte Salino sicherlich wenig Verständnis für diese Art von Humor gehabt. Obwohl er nicht viel spürte, soviel wusste er doch. Es ging ihm gelinde gesagt scheiße.

„Hör zu“, sagte Frau Weppert und wurde plötzlich ernst. „Ich bleibe hier, bis es dir besser geht. Und sobald du transportfähig bist, nehme ich dich mit nach Hause.“

„Nach Hause?“

„Ja natürlich. Da kannst du dich dann erst mal richtig erholen.“

Allein das Wort Zuhause klang in Salino mit einem verhaltenen Echo nach. Er merkte nicht, dass sich seine Augen wieder geschlossen hatten und er vor Erschöpfung wieder eingeschlafen war. Alles woran er noch dachte, war, dass er nach Hause fahren würde. Bald.