Salino & die Furien

Kapitel 7

Salino hatte die ganze Zeit über steif auf dem Sessel gesessen. Von wirklicher Entspannung konnte da wohl kaum die Rede sein. Frau von Boeder hatte unterdessen ihre Reisevorbereitungen getroffen. Mathilda trug zwei kleine Taschen zum Wagen.

„Du solltest dich wenigstens noch rasieren“, sagte Frau von Boeder, die sich anscheinend langweilte. „Das sieht verboten aus. Komm mit, Rasierzeug liegt oben.“

Normalerweise hätte Salino darauf hingewiesen, dass das ja wohl seine Sache wäre, ob und wann er sich rasierte. Aber entweder war er zu müde für eine Auseinandersetzung oder er traute sich einfach nicht. Jedenfalls stand er wortlos auf und folgte Frau von Boeder die Treppe hinauf. Der obere Flur war karminrot gestrichen, an den Wänden hingen gemalte Portraits von Doggen, wahrscheinlich die Vorfahren von Wotan und Thor. Für Salino sahen die Viecher alle gleich aus. Zumindest bei der schwachen Beleuchtung durch die nachgemachten, elektrischen Kerzen. Bestimmt waren die gedimmt.

Frau von Boeder öffnete eine Tür. Dahinter befand sich das Badezimmer. Schwarzer Marmor auf dem Fußboden, die Wände im oberen Teil über den Kacheln waren ebenfalls Karminrot, die gleichen Pseudokerzen und die Wandkacheln in einem matten Grauton. Das Bad wirkte kaum weniger düster als der Flur. Die Armaturen der Badewanne und der Waschbecken waren vergoldet. Das wirkte reichlich kitschig. Frau Boeder zeigte auf ein kleines Spiegelschränkchen, ebenfalls reich mit goldenem Kunststoff verziert und öffnete es.

„Hier ist das Rasierzeug“, sagte sie, dann drückte sie einen kleinen Schalter. „Und hier ist mehr Licht.“

Salino öffnete mühsam den Mund und presste ein „Danke“ hervor.

„Ach und noch etwas. Wenn aufs Klo gehst, hinsetzen! Wie du mit dem BD umgehst weißt du ja?!“

Salino nickte zuversichtlich.

„Und keine Haare in den Waschbecken. Und auch nicht im BD, klar.“

Da Salino nicht reagierte, schaute sie ihn noch einmal eindringlich an und entschied, dass er das wohl verstanden hatte. Als er endlich allein war, überlegte Salino, ob er die Tür lieber abschließen sollte. Aber die Tür war nicht verschließbar. Kein Schlüssel, kein Riegel. Irgendwie hatte er das erwartet. Damit schied jeder Gang zur Toilette in diesem Haus für ihn aus. Außer der Möglichkeit, dass Frau von Boeder jederzeit hereinkommen konnte, wenn er gerade vor der Kloschüssel stand, waren da auch noch die Hunde. Und Salino war sich sicher, dass die Viecher jede Tür im Haus öffnen konnten. Sitzen kam schon deshalb überhaupt nicht in Frage.

Als Salino mit dem Rasieren war fertig und peinlich darauf geachtet hatte, dass keine Haare im Waschbecken liegen geblieben waren, machte er sich auf den Weg hinunter. Er überlegte, ob er aus reiner Neugier eine der Türen, die von dem düsteren Flur abgingen öffnen sollte. Seine Neugier war wirklich stark, aber die Ahnung, dass er das, was er hinter einer der Türen fände, ihm gar nicht gefallen würde, hielt ihn dann doch ab.

Frau von Boeder erwartete ihn schon am Fuß der Treppe.

„Komm her“, sagte sie mit dem typischen Tonfall eines Feldwebels. Dann strich sie mit ihrer Hand, die genauso kalt war wie ihre dunkelbraunen Augen, über seine Wange.

„Sehr schön.“

Vielleicht bekam er jetzt einen Frolic-Snack? Oder sie würde ihm anerkennend auf die Rippen klopfen. Nein, sie beließ es dabei. Ein einfaches Lob.

Keine Ahnung, was Wotan und Thor ihm voraushatten. Wahrscheinlich sabberte er nicht genug. Dabei wäre er dazu durchaus in der Lage gewesen. Ein wenig Spucke aus seinen Mundwinkeln laufen zu lassen, war keine echte Herausforderung für ihn. Salino musste bei dem Gedanken lächeln. Frau von Boeder verstand das wohl als ein Zeichen der Zufriedenheit und Dank für ihre positive Verstärkung. Bestimmt lächelten die Hunde auch, wenn sie gelobt wurden.

„Es wird Zeit.“

Natürlich fuhr Frau von Boeder einen Kombi. Einen ziemlich großen S-Klasse Benz. Womöglich eine Spezialanfertigung. Salino hatte in dieser Größenordnung noch nie einen Kombi gesehen. Rücksitze gab es in dem Wagen nicht. Stattdessen ging die Ladefläche bis kurz hinter die Vordersitze. Eine Ladefläche war das eigentlich auch nicht. Eher eine gut gepolsterte Liegewiese für Hunde. Thor und Wotan lagen brav nebeneinander. Die Ladefläche war durch eine Wand abgetrennt, die oben an der Decke mit einer Art Fangnetz abschloss. Salino lugte neugierig hinüber zu den Hunden. An der Trennwand entdeckte er zwei eingravierte Schriftzüge. „Jumbo-Airbag.“ Die Hunde hatten eigene Airbags? Salino drehte sich zufrieden um und schnallte sich an. Wenigstens würden ihm die tonnenschweren Viecher bei einem Auffahrunfall nicht ins Genick klatschen.

*

Frau Weppert und Monika warteten am Flughafen bereits auf sie. Monika schmiegte sich beim Anblick der Hunde plötzlich dicht an Salino. Offenbar suchte sie Schutz. Das war das erste Mal, dass die Doggen Salino etwas wie Wohlwollen abringen konnten. Vor allem jetzt, wo er das Gefühl hatte, dass Wotan ihm etwas schuldete.

„Der Pilot kommt gleich. Aber wir können schon mal in die Maschine“, erklärte Frau Weppert.

Es war ein kleiner Flughafen. Nur wenige Flugzeuge standen herum und sie mussten selbst über das Rollfeld gehen, um zu ihrer Maschine zu gelangen.

Erst jetzt wurde Salino klar, dass sie gleich fliegen würden. Daran hatte er bislang noch gar keinen Gedanken verschwendet. Er hatte zwar keine explizite Flugangst. Das konnte aber durchaus daher rühren, dass er noch nie geflogen war. Wenigstens war das Flugzeug nicht ganz so klein, wie die anderen, die auf dem Rollfeld herumstanden. Eine Piper Cheyenne III mit elf Sitzen. Gerade genug für vier Personen und zwei Hunde, wenn man ihn fragte.

Im Inneren des Flugzeugs ging es nicht gerade geräumig zu, aber ein kleines chemisches Klo befand sich im Heck. Das war eine Tatsache, die Salino im Moment durchaus zu würdigen wusste.

„Salino!“ Frau Weppert zeigte auf das Cockpit. „Wir haben keinen Co-Piloten. Vielleicht setzt du dich nach vorne, falls etwas ist.“

Falls etwas ist? Was sollte Salino dann tun? Bescheid sagen, wann sie aufschlugen?

„Äh, ich habe überhaupt keine Ahnung vom Fliegen!“

„Nein, ich meine, wenn der Pilot etwas haben will. Zu essen oder zu trinken. Außerdem kannst du ihn etwas unterhalten.“ Der Pilot sollte fliegen und nicht plaudern. Frau von Boeder schien dieser Idee aber zuzustimmen. Gut, dann musste er wenigstens nicht hinten bei den Hunden sitzen. Salino ging nach vorn zum Cockpit.

Verwirrend viele Instrumente und Anzeigen. Schalter und Knöpfe. Es kostete einige Mühe, sich auf den Sitz zu zwängen, ohne etwas zu berühren. Aber als er erst mal saß, fand es faszinierend. Von hier hatte man eine gute Sicht und wenn es so war wie beim Autofahren, wo einem nur hinten schlecht wurde, dann war er hier bestens aufgehoben. Salino starrte auf die Instrumente und versuchte ihre Bedeutung zu ergründen. Er merkte kaum, dass noch jemand an Bord gekommen war. Wahrscheinlich der Pilot. Jemand zwängte sich ächzend auf den anderen Pilotensitz. Das war doch reichlich eng hier.

Nein, es war nicht der Pilot. Es war Tante Franziska.

„Fliegst du auch mit?“ fragte er gutgelaunt.

„Ja“, sagte seine Tante und schnallte sich umständlich an. Na, dann war es wohl Zeit, dass er sich nach hinten verzog. Schade, inzwischen hatte er sich darauf gefreut, hier vorne zu sitzen. Aber seine Tante hatte ja immer gern den besten Platz.

„Also sollst du jetzt vorne sitzen?“ fragte Salino.

Seine Tante sah ihn an, als ob er verblödet wäre. „Natürlich.“

Salino seufzte und wollte sich losschnallen.

„Sag mal, hältst du das für schlau, an den Knöpfen herumzuspielen?“ fragte Salino. „Nachher verstellst du etwas?“ Klar, dass man seine Tante nicht bevormundete, aber Salino fand es gefährlich, hier im Cockpit irgendetwas zu verstellen.

Seine Tante sah ihn an und grinste breit. „Wenn ich das nicht tue, hebt der Vogel wohl kaum ab.“

„Aber …“, Salino wollte noch etwas Vernünftiges einwenden, aber dann wurde ihm schlagartig klar, wer hier der Pilot war.

„Du kannst fliegen?“ fragte er stattdessen erstaunt.

„Traust du mir das nicht zu?“

„Doch, doch.“ Das zweite ‚doch’ ging in dem Lärm der anspringenden Turboprop-Motoren unter. Bis eben war er nicht sicher gewesen, ob das Fliegen ihm Angst machte oder nicht. Jetzt zog er den Gurt so fest, dass ihm fast die Luft wegblieb. Seine Tante fummelte ungerührt weiter an den Instrumenten herum. Salino musste zugeben, dass das auf Dauer irgendwie sinnvoll aussah. Jetzt bewegte sich auch noch wie von Geisterhand die Lenksäule vor ihm.

„Fass das bloß nicht an!“ rief Franziska ihm zu. Dann hielt sie ihm einen Kopfhörer hin und zeigte ihm, wie er den internen Sprechfunk benutzte. Salino brauchte einige Zeit, bis er das Kehlkopfmikrophon richtig angelegt hatte. Inzwischen hatte Tante Franziska sich die Startfreigabe geholt. Salino atmete tief durch. In seinem Magen ruckelte ein schwerer Backstein. Aber nein, Moment, das war das Flugzeug. Es bewegte sich. Salino bildete sich ein, dass er sein Herz in dem Sprechfunk schneller schlagen hörte. Mit einer Hand griff seine Tante an seinen Kopfhörer und schaltete den internen Funk ab. Sein Herz setzte aus.

Gut, bis jetzt war alles wie beim Autofahren. Nur lauter. Franziska bog ohne zu blinken auf die Startbahn ein. Die breite, asphaltierte Straße sah von hier aus fast unendlich aus. Salino beruhigte sich fürs erste. Dann trat Franziska aufs Gas. Salino entdeckte etwas, was gut der Tacho sein konnte. Er zeigte nach ziemlich kurzer Zeit 280 an. Ein Blick auf die Straße vor ihm offenbarte das Unglück. Dahinten war die Straße zu Ende und Franziska dachte gar nicht daran zu bremsen. Sie beschleunigte noch mehr. Zu spät, viel zu spät zum Bremsen. Sie glitten über das Ende der Straße hinweg. Nein, die Straße war verschwunden. Sie mussten bereits auf dem Acker sein. Salino trat automatisch dorthin, wo er das Bremspedal vermutete. Das Flugzeug schmierte nach rechts ab. Franziska schrie: „Nimm den Fuß vom Pedal!“ Salino gehorchte erschreckt. Und die Maschine fing sich rasch wieder.

„Lass die Füße bloß von dem Seitenruder weg, klar?“

Nichts lieber als das. Salino zog die Füße ganz an seinen Sitz heran und seine Hände verkrampften sich an seinem Sitz. Sie flogen. Es war nichts als Himmel zu sehen. Vorsichtig drehte Salino den Kopf und wagte einen Blick aus dem Seitenfenster. Tatsächlich. Gerade durchbrachen sie ein Wolkenband und der Flughafen verwand im Nebel unter ihnen. Die Zeiger der Instrumente bewegten sich scheinbar geordnet in eine bestimmte Richtung, das war beruhigend. Noch beruhigender wirkte die Gelassenheit, die Franziska ausstrahlte. Offenbar hatte sie alles im Griff.

Aus dem Fenster konnte man nur Wolken sehen. Es war wie in einem Wattebausch. Sicher. Salino war froh nun zu wissen, dass er keine Flugangst hatte. Denn bis Inverness waren es fast drei Stunden Flugzeit. Zu lange für jemanden, der eine Panikattacke hatte.

Während des Fluges war seine Tante nicht gerade gesprächig. Und Salino traute sich auch nicht, aufs Klo zu gehen. Er hatte Angst, dass, wenn er sich aus dem Sitz quetschen würde, er das Flugzeug womöglich dabei zum Absturz brachte. Also blieb er leicht verkrampft dort, wo er war.

Alles lief gut, bis kurz vor Aberdeen. Dabei war Salino zu diesem Zeitpunkt fast eingeschlafen. Aber ohne jede Vorankündigung brach die Wolkendecke auf. Ganz plötzlich. Salino konnte es erst gar nicht fassen. Unter ihnen war Land. Genau genommen hatte er das Gefühl, dass es näher kam. Offenbar waren sie soweit gesunken, dass sie schon wieder durch die Wolken gestoßen waren. Seine Tante studierte den Navigationscomputer. Sie sah gar nicht hin. Offenbar hatte sie die Kontrolle verloren. Keine Frage, sie stürzten ab. Es war wieder einer dieser Momente, in denen Salino seiner Intuition folgte und alles ganz klar vor sich sah. Wenn er nicht sofort reagierte und die Maschine hoch zog, wären sie alle verloren. Er griff beherzt nach der Lenksäule und zog sie fest sich heran.

„Hey!“ fluchte seine Tante war überrascht.

Die Maschine reagiert prompt und die Nase zeigte wieder in den Himmel. Aber statt ihm zu helfen, schien seine Tante die Maschine nun runter drücken zu wollen.

„Verdammt was tust du? Lass die Lenksäule los!“ schrie sie ihn an. Die Instrumente rotierten.

„Merkst du nicht, dass wir abstürzen“, schrie Salino zurück. Hinten aus der Kabine hörte er die Hunde jaulen. Die haben Angst, dachte Salino belustigt. Ein rotes Blinklicht leuchtete auf und eine mechanische Stimme, quäkte: „Stall, stall, stall.“

„Du überziehst die Kiste, verdammt, Lass endlich los!“

Salino wollte ja loslassen aber er konnte nicht, solange nicht klar war, dass die Maschine wirklich nach oben flog.

Ein Handrücken klatschte ihm ins Gesicht. Seine Tante hatte ihn geschlagen. Er hob die Hände zur Abwehr. Aber es kam nichts mehr. Seine Tante hatte alle Hände voll zu tun, die Maschine wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Piper kam ins Trudeln. Salino sah, wie die Erde kreiselnd auf sie zuraste. Die Hunde jaulten ohrenbetäubend. Oder waren das die Motoren? Salino wollte eingreifen. Die Maschine musste hochgezogen werden.

„Wag es ja nicht!“ schrie Franziska. „Ich schlag dich grün und blau!“ Ihre Stimme überschlug bedrohlich. Die Frau war hysterisch.

Irgendetwas war hier ganz falsch. Jetzt wusste Salino, was es war. Die Erde war am oberen Rand des Fensters. Sie hatte aufgehört sich zu drehen, aber sie gehörte seiner Meinung nach an den unteren Rand des Fensters. Die Erde gehört nach unten, wiederholte er in Gedanken. Unter uns muss sie sein. Dann kapierte er. Sie flogen auf dem Kopf. Im nächsten Moment vollzog die Maschine eine halbe Rolle und die Erde war wieder im oberen Rand des Fensters. Salinos Mageninhalt hatte die Drehung allerdings nicht so schnell nachvollziehen können. Er spürte kleine Bröckchen in seinem Hals. Ein Brechreiz drohte. Schnell schluckte er. Zwei Sekunden später war alles vorbei. Die Maschine flog wieder ruhig über Aberdeen weg.

„Wenn du Scheißkerl hier noch irgendwas anfasst, dann nagele ich dich ganz persönlich ans Kreuz, ist das klar!“

So sauer hatte er seine Tante noch nie erlebt. Salino saß steif da und würgte an dem Mageninhalt, von dem sich immer noch ein Rest in seinem Hals zu befinden schien. Eins war ihm klar. Bis zur Landung in Inverness würde er nicht mehr einen Finger rühren. Sollten sie doch abstürzen.

*

Haider gehörte zu den glücklichen Menschen, die absolut keine Flugangst hatten. Wie auch? Was sich da tonnenschwer in die Lüfte erhob, lag deutlich außerhalb der Reichweite seines Verstandes.

Trans-Jordan-Air? Bruhns fluchte innerlich. Lufthansa, okay. Aber das? Wenn die Kameltreiber da vorn im Cockpit nun kein Englisch konnten und die Anweisungen des Towers oder der Flugsicherheit falsch verstanden? Womöglich wollte einer der Kerle plötzlich Allah sehen und nahm sie alle mit auf die andere Seite. Bruhns machte sich völlig überflüssige Sorgen und er wusste das. Das waren mit Sicherheit gut ausgebildete Piloten. Und sein Anflug von Rassismus ärgerte ihn. Er argumentierte gedanklich mit Notwehr.

Haider war nach zwei Minuten eingeschlafen und wachte erst auf, als sie landeten. Es war der ruhigste Flug, den Bruhns jemals erlebt hatte. Nicht einmal von der Landung hatte er etwas gespürt. Er war gar nicht überzeugt davon, dass sie wirklich wieder festen Boden unter den Füßen hatten, bis die ersten Passagiere aufstanden und ihr Handgepäck aufnahmen. Womöglich waren sie gar nicht in Heathrow. Wenn jetzt gleich die Türe aufgingen, müsste Bruhns feststellen, dass sie noch in Hannover auf dem Rollfeld standen und der Flug aus unerfindlichen Gründen abgebrochen worden war.

Aber nein, überlegte Bruhns, dann hätten sie sicherlich keinen Imbiss serviert.

Eins musste man diesen Arabern lassen. Fliegen konnten sie. Wahrscheinlich die tausendjährige Erfahrung mit dem einen oder anderen handgewebten Teppich.

Das Taxi zum Hotel war fast teurer als der Flug und der Portier sturer als ein Maulesel. Der Mann wies zu Recht darauf hin, dass der Ausweis, mit dem Bruhns herum gewedelt hatte, nicht einmal lesbar, weil in einer fremden Sprache, war. Gut, das Bild stimmte, aber was auf dem Dokument stand, war dem Portier egal. Recht hatte der Mann.

Also, bei Scotland Yard angerufen und um Amtshilfe gebeten. Das Telefonat musste Bruhns natürlich bezahlen, schließlich konnte er sich nicht als Kriminalbeamter ausweisen. Haider faselte etwas von englischem Humor. Bruhns ignorierte seinen Kollegen einfach., denn es war unübersehbar, dass der Portier Inder war.

Alles wäre viel einfacher gewesen, wenn von Boeder noch Gast in diesem Hotel gewesen wäre. Aber der Herr war abgereist. Der Portier wusste zwar wohin, weil er zufällig ein Gespräch mit angehört hatte, aber diese Information waren seiner Meinung nach vertraulich. Haider hatte vorgeschlagen, dem Mann mit etwas Trinkgeld auf die Sprünge zu helfen. Doch das lehnte Bruhns ab. Nach den Erfahrungen mit dem Taxi ahnte er, dass diese Art Trinkgeld sein Spesenkonto sprengen würde.

Ein Inspektor Nielson tauchte nach etwa anderthalb Stunden auf. Bruhns und Haider hatten sich die Zeit in der Lobby mit einem sündhaft teuren Orangensaft vertrieben. Die Worte „Frisch gepresst“ nahm er Haider wirklich übel. Bruhns würde dafür sorgen, dass kein deutscher Beamter diese Worte im vereinigten Königreich je wieder in den Mund nahm.

Inspektor Nielson erfasste kurz die Situation und verhörte dann knapp und erfolgreich den Portier. Es stellte sich heraus, dass von Boeder nach Inverness abgereist war. Bruhns schwante Böses. Offensichtlich waren die Informationen, über die Schlottau verfügte, wesentlich aktueller. Sie lagen weit zurück und das bei diesem sich anbahnenden Spesenberg. Bruhns sah sich bereits wieder Streife fahren, mit Haider eingepfercht in einen Opel Vectra. 9 Stunden am Tag. Ein Alptraum. Was auch immer es kostete, sie mussten Schlottau zuvor kommen.

Bruhns bedankte sich bei Nielson und rief Haider zu sich. Haider war ungewohnt friedlich. Zuviel Neues gab es hier zu sehen, da blieb wenig Zeit für dumme Bemerkungen. Bruhns schob Haider in ein Taxi.

„Wir müssen nach Schottland“, erklärte er ihm. Doch Haider interessierte sich für alles Mögliche um ihn herum, nur nicht für das, was Bruhns sagte. Er staunte wie ein kleines Kind und Bruhns beneidete ihn zum ersten Mal für seine Naivität. Die Tür des Taxis wurde wieder aufgerissen. Nielson zwängte sich in den Wagen.

„Mein Chef hat gesagt, ich soll mich Ihnen anschließen.“

„Was? Wieso?“

„Erstens, weil Sie hier so oder so keinerlei Befugnis haben und zweitens glaubt er, dass die Sache heiß ist, an der Sie da dran sind.“

„Es geht nur um eine Befragung“, wiegelte Bruhns ab.

„Ich weiß. Aber mein Chef sagte irgendetwas von Internationaler Fahndungskooperation. Wichtig. Das macht was her.“

Diese Worte kamen Bruhns doch vertraut vor. Vielleicht sollte er Nielsons Chef die Telefonnummer von Bloom geben. Dann könnten die sich mal so richtig international austauschen. Sozusagen auf höchster Ebene.

„Keine Sorge wegen Ihres Chefs“, sagte Nielson und quetschte sich zwischen Bruhns und Haider auf den Sitz. „Mein Chef ruft ihren Chef an.“

„Kommunikation auf höchster Ebene“, vermutete Bruhns spontan.

Nielson sah ihn an und Bruhns wusste, dass er einen Leidensgefährten gefunden hatte. Er hoffte nur, dass er Nielsons Partner nie kennenlernen musste. Er ahnte schon, was das für ein Typ sein musste.

Den Transport nach Inverness übernahm die British Airways. Viel unbürokratischer übrigens als in Deutschland. Nielson zeigte nur seinen Ausweis vor und sie bekamen in der nächsten Maschine drei Standby Plätze, die extra für solche Gelegenheiten freigehalten wurden. Luxus konnte man da natürlich nicht erwarten. Aber es waren die zwei Plätze gleich hinten neben dem Klo. Und Haider musste auf einem klappbaren Notsitz Platz nehmen. Soviel zum Thema Rangordnung, dachte Bruhns zufrieden. Was die British Airways anging, war Bruhns sicher, dass die Verbundenheit britischer Kapitäne mit der See für das sanfte Schaukeln verantwortlich war. Ganz offensichtlich machten die Piloten das mit Absicht. Eine Art Tribut an die Zeiten der königlichen Seemacht. Die Nähe zum Klo machte sich für Bruhns bald bezahlt.

Offensichtlich war die Reisegeschwindigkeit für Haiders Hirn zu hoch. Als sie in Inverness im Taxi saßen, fragte er mit einem verstörten Gesichtsausdruck: „Sind wir immer noch in England?“

Bruhns beschloss auf die Feinheiten nicht weiter einzugehen und bejahte einfach. Das wurde von Nielson mit einem verständnisvollen Lächeln quittiert.

Der erste Weg führte die Beamten zum Örtlichen Polizeirevier. Sie wussten zwar, dass von Boeder sich in Inverness aufhielt, aber sie hatten keinen Anhaltspunkt, wo. Also beschlossen sie, der Sache mit gründlicher Polizeirecherche auf den Grund zu gehen. Meldeverzeichnisse von Hotels und Pensionen mussten durchforscht werden. Irgendeine Spur würden sie dann schon finden.

*

Frederik beäugte Webermann misstrauisch. Den ganzen Flug über hatte er sich bemüht, die Handschellen, mit denen der Koffer an seinem Handgelenk befestigt war unter seiner Jacke zu verbergen. Aber niemand außer ihm schien sich daran zu stören, dass jemand mit einem angeketteten Koffer im Flugzeug saß. Frank hatte nicht gesagt, wie es in Inverness weiter gehen sollte. Also trottete Frederik hinter seinem Ex-Liebhaber her auf den Parkplatz. Frank schien an alles gedacht zu haben. Ein Wagen stand bereit. Wahrscheinlich ein Leihwagen. Als sie durch die Stadt Richtung Norden fuhren, glaubte Frederik, in einem vorbeifahrenden Taxi diesen dusseligen Kollegen von Bruhns gesehen zu haben. Frederik erinnert sich nicht mehr, wie der Mann hieß. Aber das konnte ja auch gar nicht sein. Wie sollte der hierher gelangen und warum sollte er seine Nase am Seitenfenster eines Taxis plattdrücken und Grimassen schneiden? Offensichtlich gingen ihm die Nerven durch. Frederik litt unter Verfolgungswahn. Kein Wunder, schließlich war ihm die Rolle eines polizeilich gesuchten Mörders neu.

Webermann steuerte den Wagen aus der Stadt hinaus. Sie passierten die Brücke über den Firth of Inverness und fuhren weiter nach Norden. In der Nähe von Balblair hielten sie vor einem adretten, restaurierten Cottage. Sie waren am Ziel. Vorerst. Frank schien sich hier auszukennen. Er hatte sogar einen Schlüssel an dem Bund. Frederik las das Namensschild an der Tür. Henry Goldsmith. Henry war Franks zweiter Vorname. Das hatte er ihm mal anvertraut. Webermanns leiblicher Vater war Schotte, daran erinnerte sich Frederik jetzt. Einer der in Deutschland stationierten Briten der Rheinarmee hatte damals ein Verhältnis mit Webermanns Mutter. Aber statt sie irgendwann zu heiraten, hatte der Kerl sich versetzen lassen. Auf die Falklands. Und da hat es ihn später wohl auch erwischt. Soweit erinnerte sich Frederik an die Geschichte.

Draußen ging die Sonne unter. Viel Licht fiel in diese Cottages mit den kleinen Fenstern nicht gerade. Aber es war ein angenehmes Licht. Frank ging sofort daran, Feuer im Kamin zu machen. Es war ein gemütliches kleines Zuhause. Aus dem Fenster nach hinten heraus konnte man über ein kleines Stück Steilküste hinweg das Meer sehen.

„Setz dich doch“, fordert Frank seinen Gast auf. „Möchtest du einen Kaffee oder lieber noch einen Wein?“

„Wein“, sagte Frederik und lauschte auf das Knacken des Holzes im Kamin. Frank verschwand in der Küche. Setzen wollte Frederik sich nicht. Es war wunderschön hier und er konnte seinen Blick einfach nicht von diesem herrlichen Sonnenuntergang losreißen.

„Hier sollten wir uns niederlassen“, frohlockte Frederik, ohne sich umzudrehen.

„Das werde ich auch“, sagte Webermann, der aus der Küche zurückgekehrt war.

Freudestrahlend drehte Frederik sich um. Es war kein Wein, den Frank aus der Küche mitgebracht hatte. Eher ein Jagdgewehr mit Zielfernrohr.

„Hast du wirklich gedacht, dass ich mit dir teile?“

„Frank was soll das jetzt?“ fragte Frederik mit einem Beben in der Stimme.

„Und da ist noch etwas. Du hättest Gilbert nichts tun sollen!“ fuhr Frank ungerührt fort.

„Nimm das Gewehr runter und sei vernünftig.“

„Ich bin vernünftig“, behauptete Frank. „Du warst unvernünftig. Mit mir hier raus in die Einsamkeit zu fahren. Das war eine riesen Dummheit. Aber nicht deine einzige.“

„Was hast du vor?“ fragte Frederik, weil ihm nichts Sinnvolles einfiel.

„Ich werde dich töten, dir den Koffer abnehmen und deine Leiche im Meer hinterm Haus versenken.“

„Das kannst du nicht machen!“

„O doch. Du glaubst, du kannst im letzten Moment meine Pläne durchkreuzen, aber nicht mit mir.“

„Was für Pläne? Was soll das? Wir wollten das Geld teilen und uns damit eine neue Existenz aufbauen. Das können wir doch immer noch!“

„Ich habe mir bereits eine neue Existenz aufgebaut. Das hier ist mein Cottage. Ich bin von nun an Henry Goldsmith. Und der Mossad hat dafür gesorgt, dass mich hier niemals jemand finden wird. Ich muss ihnen nur noch den Koffer bringen, dann ist alles gut.“

„Und ich?“ jammerte Frederik, der einfach nicht glauben konnte, dass Frank das ernst meinte. „Was ist mit mir? Ich habe doch alles getan, damit wir zusammen kommen können!“

„Du warst schon immer ein Idiot“, grunzte Webermann. „Es gab nur zwei Dinge, die gut an dir waren. Deine glatt rasierten Eier und die Chemikalien, die du mir besorgen konntest. Ansonsten warst du eine echte Niete. Nicht nur im Bett, auch mit deiner dusseligen Kuh von Frau. Ich weiß nicht, was du willst? Wenn ich dich erschieße, tue ich dir genau genommen einen Gefallen!“

Frederik begriff, dass seine Lage ausgesprochen ernst wurde. Er hob den Koffer vor die Brust. Wenn du auf mich schießt, könntest du den Koffer treffen. Wenn die Steuerteile kaputt sind nützen sie dir nichts“, behauptete er verzweifelt und versteckte sich so gut es ging hinter dem nicht gerade großen Alu-Koffer.

Einen Moment schien Frank dieses Argument zu durchdenken und die Stabilität des Koffers im Geiste zu berechnen. Dann lächelte er und ließ die Waffe sinken. Frederik entspannte sich etwas. Im gleichen Moment löste sich der Schuss. Die Kugel durchschlug Frederik Schienenbein. Er schaute Webermann verblüfft an. Der hatte tatsächlich auf ihn geschossen. Der zweite Schuss traf sein anderes Bein. Es zog Frederik die Beine weg. Den Koffer immer noch schützend vor sich haltend ging zu Boden. Frederik konnte es nicht fassen. Er schlug hart mit dem Becken auf. Nein, das war eine weitere Kugel, die dort irgendwo eingeschlagen war. Jetzt erst setzten die Schmerzen ein. Sie wurden rasend schnell stärker. Aber noch war es nicht vorbei. Er musste Webermann zur Vernunft bringen. Das war doch alles Wahnsinn. Er zog den Koffer ein Stück hinunter und schaute über den Metallrand hinweg. Direkt in den Lauf des Gewehres. Dahinter das hämisch grinsende Gesicht Webermanns.

„Du Idiot“, sagte Frank und drückte ab.

*

Die Landung war grauenhaft. Die Leuchtfeuer kamen näher und näher. Der Asphalt wurde größer und breiter. Irgendein Instrument piepte rhythmisch. Salino saß wie versteinert da.

„Reiß dich ja zusammen“, zischte Franziska.

Salino dachte gar nicht daran, sich zu bewegen. Nicht einen Millimeter. Die Lenksäule tanzte vor ihm auf und ab, rechts und links. Aber Franziska brachte die Maschine wirklich heile hinunter. Das war also Fliegen. Vielen Dank! Die Maschine parkte auf einem Platz etwas abseits des eigentlichen Flughafens, der für Geschäftsreisende mit Privatmaschinen und Hobbyflieger reserviert war.

„Wie kriegen wir die Hunde hier unbemerkt hinaus?“ fragte Frau von Boeder.

„Monika und ich gehen rüber zum Flughafen und besorgen einen Leihwagen. Vielleicht können wir damit bis hierher kommen, um das Gepäck abzuholen“, schlug Frau Weppert vor. Das schien Salino kein größeres Problem zu sein. Das hier war kein Internationaler Großflughafen. Das hier war eher ein Hobbyflugfeld. Die hatten kaum einen Zaun um das Gelände. Außerdem war es fast dunkel und niemand würde die gut getarnten Vierbeiner vom Tower aus sehen können.

Einige Minuten später kamen Monika und Marianne mit gleich zwei Wagen zurück. „Die hatten keinen Kombi, deshalb haben wir gleich zwei Wagen genommen.“ Das war auch gut so. Sollte sich Frau von Boeder doch mit ihren Tölen in einen eigenen Wagen quetschen.

Inverness war eher eine kleine Stadt. Insgesamt erinnert es eher an ein Collegecampus. Neubauten gab es kaum. Der Stadtkern war uralt und wunderschön Alle 100 Meter stieß man auf die Überreste mittelalterlicher Bausubstanz. Die Market Hall Arcade sah aus wie ein Rathaus, voller modern ausgestatteter Geschäfte. Am Rande der Stadt lag ein beindruckendes Schloss, auf einer leichten Anhöhe von Wasser umgeben. Und dann war dort noch die Saint Andrews Cathedral. Die Türme waren nicht im Krieg verlustig gegangen, sondern den Bauherren war seinerzeit einfach das Geld ausgegangen. Das Beeindruckendste war aber, dass sie hier nur einen Fußmarsch weit vom legendären Loch Ness entfernt waren. Monika schien ein wandelndes Lexikon zu sein.

Gut, dass momentan keine Saison war. Sie fanden relativ leicht Unterkunft im Felstead Guest House. Es lag direkt am River Ness mit einer Allee davor. Salino mochte das Haus auf Anhieb. Es war zweigeschossig aus rötlichem Felsstein, mit einem runden Erker zur Straßenseite hin. Er hoffte auf ein Zimmer im Erker. Salino liebte Erker.

Die Zimmer waren nicht wirklich modern eingerichtet. Es gab zwar Satteliten-Fernsehen, aber ansonsten war es eher plüschig, irgendwie britisch. Vor allem der karierte Teppich in dem Erkerzimmer stieß bei Salino auf wenig Gegenliebe. Alle anderen Zimmer waren mit neutralem grauen Velours ausgestattet. Die Aufteilung der Zimmer stellte ein weiteres Problem da. Einzelzimmer waren aus. Frau von Boeder schnappte sich daraufhin das Erkerzimmer mit dem karierten Fußboden. Ein Familienzimmer mit einem Doppelbett und einem Einzelbett. Diskussionsbedarf bestand an dieser Entscheidung ihrer Meinung nach nicht. Monika und Franziska nahmen den angrenzenden Raum mit dem Doppelbett. Irgendwie wunderte Salino das nicht wirklich. Also blieb für ihn und Frau Weppert nur noch das andere Familienzimmer. Das einzige mit Blick auf den Garten, anstatt auf den Fluss. Kein karierter Fußboden, aber Überdecken deren Blümchenmuster sich auf der Tapete exakt wiederholte. Wenn man schielte, wusste man nicht, wo das Bett anfing und die Wand aufhörte.

Vernünftigerweise waren alle Teilnehmer des Expeditionscorps genauso hungrig wie Salino. Das Esszimmer wirkte beengt, aber gemütlich. Ein großer Kamin mit Holzverkleidung war da, aber er funktionierte nicht. Dafür wiederholte sich das Blümchenmuster. Diesmal auf dem Porzellan. Das Essen darauf war englisch, aber es machte satt. Nach dem Essen machten sich Frau Weppert und Monika auf, um sich im Craigmonie Hotel nach diesem al Fasah zu erkundigen.

Frau von Boeder ging ein wenig mit den Hunden spazieren. Salino zog sich auf sein Zimmer zurück und schaute fern. Er war reichlich müde und schon fast eingeschlafen, als Frau Weppert unverrichteter Dinge zurückkehrte. Al Fasah war nicht da. Sie mussten es morgen früh noch einmal versuchen. Gott sei Dank! Weitere Aktionen wären Salino jetzt auch zu viel geworden. Frau Weppert verschwand im Bad und als sie wiederkam, war Salino bereits endgültig eingeschlafen.