Salino & die Furien

Kapitel 6

Die Wunde hatte aufgehört zu bluten. Ein Streifschuss, weiter nichts. Dennoch musste Frederik die Zähne zusammen beißen, als er die festgeklebte Mullauflage wechselte. Das war weit schmerzhafter, als die Kaltwachsstreifen runter zu reißen mit denen er seine Bein- und Brustbehaarung entfernte.

Seine Frau hasste behaarte Männer. Anfangs hatte er das für einen Witz gehalten, doch dann hatte er bald gemerkt, dass es ihr damit reichlich ernst war. Inzwischen fand er selbst es sogar angenehm, keine Haare mehr auf der Brust zu haben. Die reißende Bewegung lag ihm eigentlich längst im Blut. Er riss und schrie. Kleinere Stellen waren sofort wieder aufgegangen.

Frederik war froh, dass er allein war und genoss, es alle erdenklichen Klagelaute von sich geben zu können. Ein wenig Desinfektionsspray. „Brennt nicht“, stand darauf. Wahrscheinlich meinte der Hersteller damit, dass es nicht leicht entflammbar sei.

Die Sprühflasche zischte bei jedem Druck auf den Pumpknopf. Mit etwas Verzögerung zischte auch Frederik und zwar durch die zusammengebissenen Zähne. Wenn seine Frau ihn jetzt so sähe, würde sie ihn eine Memme schelten und ihm noch Salz in die Wunde streuen. Diese Frau zu heiraten, war der letzte gut gemeinte Rat, den er von seiner Mutter angenommen hatte. Danach kamen die Ratschläge nämlich nur noch von seiner Frau.

Eigentlich hätte es ihm klar sein müssen, worauf er sich da einließ. Seine Mutter und Charlotte hatten nicht nur die gleiche Vorliebe für Doggen, nein, sie waren auch noch entfernt verwandt. Eigentlich war Charlotte eine Cousine zweiten Grades von ihm. Sollte sie doch mit ihren Tölen glücklich werden. Für ihn führte kein Weg zurück zu dieser Frau.

*

Geschafft. Frederik betrachtete die Wunde. Den Rest seines Lebens würde er eine hässliche, breite Narbe auf dem Oberarm tragen. Aber das beunruhigte ihn nicht weiter. In seiner derzeitigen Situation konnte der Rest seines Lebens ein ziemlich kurzes Abenteuer sein. Vorsichtig zog Frederik das Hemd über den frisch angelegten Verband. Wenn es zum Showdown mit Webermann kam, wäre er reichlich gehandicapt. Er überlegte, ob noch ausreichend Zeit bliebe, sich eine Waffe zu besorgen. Ein Blick auf die Uhr. Keine Zeit mehr. Webermann war um 12 Uhr im Euston Plaza mit Engelbrecht verabredet. Der würde Augen machen, wer ihn stattdessen dort erwartete.

Frederik nahm sich ein Taxi. Von seiner Absteige in der Nähe des Waterloo Bahnhofs kämpfte sich der Chauffeur durch das Gewimmel der Autos. Über den Trafalgar Square, vorbei an der Nationalgalerie und am British Museum. Normalerweise hätte Frederik den Sehenswürdigkeiten nicht viel Beachtung geschenkt. Aber heute war das anders. Er war nicht das erste Mal in London, aber vielleicht das letzte Mal. Deshalb drückte er seine Nase fast ungebührlich an den Seitenfenstern des Taxis platt. Der Fahrer begann mechanisch die Sehenswürdigkeiten am Rande der Strecke zu benennen und zu kommentieren. Wahrscheinlich hielt er seinen Fahrgast für einen Touristen, der das erste Mal London bereiste und hoffte auf ein erhöhtes Trinkgeld. Auf der Höhe des British Telecom Towers verstummte der Mann endlich. Frederik hatte seine Erklärungen bislang einfach ignoriert. Das war vielleicht unhöflich, aber effektvoll. Der Mann konnte schließlich nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass Frederik ausreichend Englisch sprach.

Trinkgeld gab Frederik aber trotzdem reichlich, als der Fahrer ihn vor dem Euston absetzte. Kurz nach zwölf. Die Lobby war elegant aber einfallslos. Frederik orientierte sich kurz an den farbigen Wegweisern und vermied jeden Blickkontakt mit dem Hotelpersonal. Keinesfalls wollte er angesprochen werden. Womöglich könnte ihn später jemand identifizieren, wenn man Webermanns Leiche entdeckt hatte. ‚The Terrace’ links. Frederik betrat einen mit Pflanzen vollgestopften Raum. Eher ein Gewölbe. Die Glasdecke schwebte von gusseisernen Säulen getragen luftige 12 Meter über den Köpfen der Gäste. Es war gar nicht so leicht, hier jemanden zu finden.

Große, an Palmen erinnernde Büsche versperrten die Sicht und bildeten eine Art Separee um jeden Tisch. Frederik ging an der Glasvitrine vorbei, hinter der der Küchenchef unaufdringlich die Köstlichkeiten des Tages feilbot. Es ließ sich nicht vermeiden, dass Frederik die Schüsselpastete mit Blätterteighaube entdeckte. Er hatte allerdings Wichtigeres zu tun, als sehnsuchtsvoll seiner Leibspeise nach zu starren.

Webermann saß weit hinten an einem der wenigen Fenster, die einen Blick nach draußen zuließen. Er war in die FAZ vertieft und vor ihm stand unbeachtet ein Glas Rotwein.

Unbemerkt hatte Frederik sich an seinen Tisch gesetzt. Was sollte er jetzt sagen? „Hallo, ich bin’s?“ Webermann las unbeirrt weiter. Erst wenn er die Seite umblätterte, würde er bemerken, dass noch jemand an seinem Tisch saß. Frederik nahm einen Schluck von dem Wein.

„Merlot?!“ stellte er fragend fest.

Die Zeitung raschelte, als Webermann sie heftig beiseite nahm. Er schaute Frederik mit offenem Mund an. Statt etwas zu sagen, schwirrte sein Blick plötzlich hektisch durch den Raum.

„Keine Sorge, ich bin allein“, bemerkte Frederik gelassen und stellte den Wein wieder ab.

„Ach ja?“ sagte Webermann und fuhr fort sich nervös umzusehen.

„Gilbert ist verhindert!“ behauptete Frederik beiläufig. Er überlegte und fügte dann noch hinzu. „Aber ich glaube, er lässt dir Grüße ausrichten.“

Webermann sah ihn skeptisch an. Er witterte irgendein Unheil, aber was genau er von dieser Situation zu halten hatte, schien er nicht zu wissen. Frederik winkte den Ober heran. Er genoss das immer noch verblüffte Gesicht Webermanns. Es war viel zu selten, dass Frederik das Gefühl hatte eine Situation wirklich unter Kontrolle zu haben. Sollte ihn der Ober ruhig wiedererkennen, wenn er mit Webermann fertig war, wäre ihm sowieso alles andere egal. Frederik bestellte einen Merlot.

„Wie hast du mich gefunden?“ fragte Webermann, der sich in diesem Moment zu fangen schien.

„Gilbert“, antwortete Frederik knapp. „Er konnte den Mund nicht halten. Aber keine Sorge. Jetzt hat er gelernt den Mund zu halten.“

Webermann überlegte mit 10.000 Gigaflops.

„Frederik, ich …“

Frederik winkte sofort jeden Erklärungsversuch ab. Er hatte nicht die weite Reise gemacht, um sich von Webermann einlullen zu lassen.

„Ich dachte, wir wären Partner!“ sagte er scharf.

„Aber das sind wir doch!“

„Ach ja? Und wieso versucht mich dann jemand umzubringen.“

„Ich kann das erklären.“ Webermann hob beinahe beschwörend die Arme. „Ich schwöre dir, das ist nicht meine Schuld.“

„Ach nein?!“ Frederiks Stimme war etwas zu laut und etwas zu hoch.

„Es sind die verdammten Palästinenser, glaub mir doch. Ich … ich selbst bin doch auf der Flucht.“

„Ach ja? Dann haben die wohl ihre Lieferung nicht erhalten, oder wie soll ich das verstehen? Ich habe jedenfalls Mangan und QL geliefert. In ausreichender Menge. Genau wie vereinbart. Und, hast du die Steuerelektronik geliefert?“

Webermann zögerte. „Noch nicht.“

„Noch nicht!“ Frederik schlug gedämpft auf den Tisch, der Merlot zog konzentrische Kreise um ein fiktives Epizentrum. „Was soll das heißen? Warum nicht?“

Webermann druckste herum.

„Warum nicht?“ fragte Frederik nochmals eindringlich.

„Da gaab es noch einen weiteren Kunden“, erklärte Webermann zögernd.

„Einen weiteren Kunden? Was soll das heißen? Habe ich die Chemikalien etwa umsonst geliefert?“
„Sagen wir mal so. Dieser Kunde möchte verhindern, dass die Hamas in den Besitz der Waffen kommt. Sie zahlen mehr als das doppelte, wenn wir die Steuereinheit nicht an die Palästinenser ausliefern.“

Frederik sah Webermann fassungslos an. Der lächelte, als wenn das jetzt alles erklären würde.

„Sag mal Frank, bist eigentlich bescheuert?“

Webermann stutzte.

„Die bringen uns um, du Idiot. Die haben bereits Weppert umgebracht. Was haben wir denn von dem Geld, wenn wir uns den Rest des Lebens verstecken müssen?“

Webermann schien darin wohl kein Problem zu sehen.

„Was heißt verstecken? Meinst du der Mossad lässt uns in Ruhe die Kohle verprassen? Was hast du denn geglaubt was hier läuft?“

Webermann schien sich über Frederiks Naivität ernstlich aufzuregen. „Meinst du der Mossad schaut seelenruhig zu, wie wir die Palästinenser mit Giftgasbomben ausrüsten, die ferngesteuert an jedem Ort der Welt gezündet werden können? Das war doch von vornherein klar! Und von wem würdest du lieber gejagt, von einem Haufen ärmlicher Terroristen oder dem besten Geheimdienst der Welt, hä? Überleg doch mal!“

Frederik fiel es wie Schuppen von den Augen.

„Das war von Anfang an dein Plan! Als ich die Chemikalien geliefert hatte, bist du zu den Israelis gerannt und hast Ihnen davon erzählt.“

Webermann lachte. „Ich habe Ihnen ein Angebot gemacht, dass sie nur schwerlich hätten ablehnen können.“

„Du bist ein Schwein. Du hast uns alle in ein offenes Messer laufen lassen!“

„Unsinn. Ich konnte nicht wissen, dass die Palästinenser so schnell reagieren. Der Plan ist perfekt. Wir kriegen die Kohle und werden vom Mossad beschützt. Und das allerbeste ist, dass wir uns nicht mal Vorwürfe machen müssen, weil die Bomben ja nie eingesetzt werden können. Wir haben nicht mal moralisch was verbrochen!“

Darüber musste Frederik erst mal nachdenken. Er nahm einen Schluck Merlot und überlegte.

„Hör zu!“ sagte Frank eindringlich. „Das ist mehr als genug Kohle für uns beide.“

„Und Gilbert?“

„Ich dachte, Gilbert ist aus dem Rennen.“

Das war er auch. Aber Frederik dachte daran, dass zuvor wohl er selbst aus dem Rennen gewesen war. Frank schien ihm nicht mehr vertrauenswürdig. Er war attraktiv, aber Frederik konnte ihm nicht mehr vertrauen. Es kam ihm aber der Gedanke, dass das Geschäft an sich ein guter Zug sein könnte. Ein Zug, den er vielleicht lieber selber machen sollte. Allein.

„Wann und wo ist die Übergabe?“

Webermann schaute ihn misstrauisch an. Etwas an Frederiks Ton schien ihm zu missfallen.

„Morgen früh in einem kleinen Dorf in Schottland“, antwortete er vage.

„Wo genau?“ wollte Frederik wissen.

„Sind wir Partner?“ fragte Frank immer noch skeptisch.

„Diesmal will ich genau wissen, worauf ich mich da einlasse.“

„Ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann!“ warf Webermann ein.

„Kann ich dir denn trauen?“

„Schon, aber ich verrate dir nicht, wo die Übergabe stattfindet. Das ist meine Lebensversicherung.“

Frederik überlegte kurz, dann schlug er vor: „Gut, dann gib mir die Steuereinheiten. Ich behalte die Steuereinheiten und du weißt, wo wir hinmüssen, um sie zu verkaufen.“

„Und wenn nicht?“

Frederik zuckte mit den Achseln. Er wusste nun genau, dass er Webermann nicht trauen konnte.

„Dann lasse ich dich jetzt sofort auffliegen. Ich habe nichts zu verlieren. Wusstest du übrigens, dass die Polizei dich sucht, weil sie einen toten Gilbert in deiner Wohnung gefunden haben?“

Das war Webermann eindeutig neu.

„Musste das sein?“

„Ich lasse mich nicht gerne verarschen“, sagte Frederik trocken.

„Schon gut, schon gut“, seufzte Frank. „Du kriegst die Zünder. Hätte nicht gedacht, dass du so weit gehen würdest.“

Frederik antwortete darauf nicht, er fand es besser, seine neu gewonnene Stärke einfach so im Raum schweben zu lassen.

Nachdem sie ausgetrunken und bezahlt hatten, gingen Frederik und Webermann nach oben auf das Zimmer, wo Frank ihm den Koffer mit den Zündern übergab.

*

Körperlich fühlte Salino sich eher gerädert. Mental aber war er ziemlich entspannt. Er hätte das Frühstück ganz sicher auch genießen können, wenn diese dusselige Corinna nicht ewig so ein vielsagendes Grinsen zur Schau getragen hätte. Abgesehen davon begnügte sich Corinna damit nicht, sondern machte fortwährend kaum falsch zu verstehende Andeutungen über die Wohltat nächtlicher Entspannung. Ja, ja, sie hatte so tief und fest geschlafen, wie schon lange nicht mehr. Und sie betonte das tief und fest mehrfach. Kicher, kicher, kicher.

Salino fand das wenig erheiternd. Corinna entwickelte sich gerade zum Alptraum seiner schlaflosen Nächte. Warum seine Tante so gut gelaunt war und sich um Corinnas Anspielungen nicht die Bohne kümmerte, wollte Salino lieber gar nicht genauer ergründen. Dafür warf Frau Weppert ihm einige missmutige Blicke zu. Offensichtlich stießen Corinnas nächtliche Freuden bei ihr auf wenig Verständnis.

Die einzige Person am Tisch, die sich verhielt wie immer, war Frau Winter. Sie sah Klasse aus und benahm sich unaufdringlich. Frau Wepperts Verwandtschaft schien durchweg angeschlagen und Schwager Hannes war noch nicht einmal aufgestanden.

„Alles ausgebucht“, sagte Monika, die noch vor dem Abräumen telefonieren gegangen war. „Das früheste Flugzeug, das zu kriegen war geht übermorgen Vormittag. Ich habe drei Plätze reserviert.“

Frau Weppert nickte, schien aber von der Aussicht nicht gerade begeistert zu sein. „Na gut, dann müssen wir wohl Geduld haben.“

„Soll ich mich nach einem Zug erkundigen? Geht vielleicht schneller, jetzt wo der Tunnel …“

Frau Weppert schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Ich werde mal rüber zu den von Boeders fahren und Frederiks Frau informieren. Salino!“ Frau Wepperts Stimme klang ungewohnt scharf. Offenbar hatte Salino sie unbewusst verärgert. „Du begleitest mich. Hier stellst du doch nur Unsinn an.“

Salino nickte nur. Es war sicherlich nicht klug, jetzt etwas Dummes zu sagen. Und außerdem war er froh, wenn er einiges an Entfernung zwischen sich und Corinna bringen konnte.

*

Auf der Fahrt schwieg Frau Weppert spröde. Von Boeders Haus fand Salino beeindruckend. Viel zu spät realisierte er, dass er sich auf dem Heimatterrain zweier überdimensionaler Doggen befand. Er erinnerte sich erst an Thor und Wotan, als die beiden unmittelbar hinter Frau von Boeder in der Tür erschienen. Frau von Boeder war unangenehm überrascht. Sie empfing wohl nicht gerne unangemeldeten Besuch. Trotzdem ließ sie die beiden eintreten. Im Salon musste Salino sich auf einen ihm zugewiesenen Stuhl setzen und Frau von Boeder ermahnte ihn, bloß nichts anzufassen. Als ob er das vorgehabt hätte! Wenigstens erfuhr Salino nun, worum es ging.

„Wir haben diesen Al Fasah ausfindig gemacht. Er befindet sich im Craigmonie Hotel in Inverness. Das ist in den schottischen Highlands.“

„Danke, ich weiß, wo Inverness liegt“, zickte Frau von Boeder sofort.

Frau Weppert war geknickt. Offenbar war diese Frau die Ausgeburt an Unhöflichkeit.

„Wie dem auch sei. Al Fasah hat sich dort einquartiert und befindet sich nach Aussagen seiner Sekretärin auf Geschäftsreise. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch Ihr Mann dort zu finden ist.“

Die Klingel an der Tür verhinderte, dass Frau von Boeder zu einer weiteren Unhöflichkeit ausholte.

„Was ist hier eigentlich los? Sind wir hier auf dem Rummelplatz?“ motzte Frau von Boeder wütend und ging zur Tür.

Hilfesuchend sah Frau Weppert zu Salino hinüber. Offenbar hatte sie ihm schon verziehen, was auch immer er getan haben mochte. Salino lächelte freundlich zurück und hob nur vielsagend, hilflos die Arme.

„Nein, vielen Dank verschwinden Sie …“ ließ Frau von Boeder von der Tür her laut vernehmen. Das schien zunächst nicht ungewöhnlich, sie hatte halt einen rüden Ton am Leib. Aber etwas anderes alarmierte Salino. Er stand auf und machte sich einem spontanen Impuls folgend auf den Weg zur Tür. Frau Weppert folgte ihm verunsichert. Was Salino so irritiert hatte, war das Knurren der Hunde. Die hatten noch nie irgendeinen Laut von sich gegeben. Salino war sicher, dass da etwas nicht in Ordnung sein musste. Und er hatte Recht.

Gerade als er den Flur zur Haustür betrat, sah er, wie drei Männer mit karierten Kopftüchern sich Zutritt verschafft hatten.

Der eine hatte Frau von Boeder am Hals gefasst und wurde in diesem Moment von einem der Hunde angegriffen. Ein zweiter wurde von dem anderen Hund attackiert und der dritte hatte gerade genug Zeit, eine Waffe zu ziehen.

Offensichtlich besaß Frau von Boeder einen Hund zu wenig. Aber da war ja noch Salino. Der arabisch aussehende Mann zielte auf den Kopf des Hundes, der seinen Kameraden in den Arm gebissen hatte. Salino warf sich ohne nachzudenken nach vorn. Er erwischte den Arm mit der Waffe und konnte ihn gerade noch einige Zentimeter wegdrücken, bevor der Kerl abdrückt.

Der Knall machte Salino fast taub. Der Hund jaulte auf. Offenbar war der doch getroffen. Von dem Schwung ging Salino zu Boden. Er hatte noch den Arm des Schützen im Griff. Gleich nach ihm stürzte Thor oder Wotan auf ihn. Das Vieh war mordsschwer. Selbst jetzt noch hoffte Salino, dass das Vieh bloß nicht sabberte. Salino blieb unter dem Gewicht der gestürzten Dogge die Luft weg. Er bekam panische Angst, dass das Vieh jetzt nach ihm schnappen würde, statt nach dem Bösen. Doch die Panik gab ihm die Kraft, die Hand des Gegners festzuhalten und den Lauf der Waffe dadurch auf den Boden zu richten. Er konnte jedoch nicht verhindern, dass der Araber noch zwei Mal abdrückte. Die Kugeln prallten vom Boden ab und pfiffen unkontrolliert durch die Luft. Dann kam Frau Weppert. Sie hatte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf den vorgebeugten Schützen geworfen. Der Mann konnte ihr nicht groß widerstehen und knickte ein. Sekunden später lag er platt gepresst auf dem Boden, die Hand eingeknickt unter seinem Körper, wenn er jetzt abdrückte, würde er sich höchstens selbst verletzen.

Der zweite Araber, der nun von dem am Boden liegenden Hund befreit war, zog ebenfalls eine Pistole. Salino hätte gern etwas unternommen, aber seine Hände waren unter dem ersten Schützen eingeklemmt. Doch der angeschossene Hund hatte sich wieder gefangen. Er regierte rasend schnell. Beim Absprung stieß er sich mit einer Pfote von Salinos Magen und mit der anderen von seinen Weichteilen ab. Salino machte ein unfreiwilliges Klappmesser. Erst als sein Kopf wieder zurückgeschnellt und dabei unsanft auf dem Boden aufgeschlagen war, sah er, dass der Hund die bewaffnete Hand des Arabers erwischt hatte. Irgendetwas knackte, als der Hund mit aller Gewalt zubiss. Offenbar war die Dogge echt wütend. Der Kerl ließ die Pistole fallen und schrie. Seine Hand verschwand fast vollständig im Maul des angreifenden Tieres. Und die Dogge schien keinesfalls zufrieden mit dem Ergebnis. Sie ließ unvermittelt los und schnappte stattdessen nach dem Oberschenkel.

„Schluss jetzt mit diesem Theater“, schrie Frau von Boeder. Es war das erste Mal, dass Salino in ihrer Stimme etwas wie Hektik entdeckte. Das Wort Angst kam ihm in den Sinn, aber es schien ihm besser, nur an Hektik zu denken. Der dritte Angreifer hatte Frau von Boeder losgelassen. Salino sah auch warum. Der Mann fürchtete um seinen Familienschmuck. Desgleichen der andere. Der Biss in den Oberschenkel war wohl nur eine Finte gewesen.

Frau Weppert griff geistesgegenwärtig nach der fallengelassenen Pistole und stand vorsichtig, ächzend auf. Sie hielt die Pistole auf den am Boden liegenden Mann gerichtet.

Der erhob sich langsam. Salino kam als Letzter auf die Beine. Irgendwie stank es ihm, dass es im Moment den Anschein hatte, als hätte er sich übertölpeln lassen. Er war der einzige, der niemanden in Schach hielt. Wütend griff er nach der Pistole. Als der Araber etwas zögerte, schlug Salino ihm ohne Vorwarnung ins Gesicht. Eigentlich war das nicht seine Art. Aber dann hätten sie ihn nicht so eine blöde Figur machen lassen sollen.

Die Hunde hatten wieder zu ihrer alten Gelassenheit zurückgefunden. Das hieß aber wohl nicht, dass ihr Biss auch nur eine Spur lockerer wurde. Die Gesichter der beiden Araber zeigten deutliche Spuren von Schmerzen und ihr Kamerad schien froh zu sein, dass es nur eine Frau mit einer Pistole war, die ihn in Schach hielt.
Frau von Boeder war blass. Das war sie eigentlich sowieso. Aber jetzt war sie irgendwie blasser als gewöhnlich.

„Also!“ sagte Frau von Boeder und schlug dem Kerl, der ihr an den Hals gegangen war, erst mal fünf oder sechs schnelle Ohrfeigen von rechts und links. So schnell konnte Salino ehrlich gesagt gar nicht zählen. Salino hob drohend die Waffe, aber keiner der beiden anderen hatte die mindeste Lust, sich da einzumischen.

„Was wollten Sie von meinem Mann?“

Ihre Verhörmethoden waren ausgesprochen erfolgreich. Der Geschlagene wollte unverzüglich antworten. Das hätte er auch sicher getan, wenn Frau von Boeder ihm zwischen zwei Ohrfeigen mal Zeit gelassen hätte. Im Hintergrund war inzwischen Verstärkung eingetroffen. Offenbar das Dienstmädchen von Frau von Boeder. Sie schaute sehr entschlossen über die doppelläufige Schrotflinte, die sie nur mit Mühe halten konnte. Hoffentlich war ihr klar, dass sie mit diesem Kaliber sie alle erwischte, so dicht, wie sie hier im Flur beieinander standen.

„Wir wollten gar nichts von ihrem Mann!“ behauptete der Araber und es klang bereits wie eine weinerlich vorgetragene Entschuldigung.

„Was?“ fragte Frau von Boeder und witterte sofort die Lüge.

„Das stimmt!“ rief der andere Araber, der wohl nicht mehr mit ansehen konnte, wie die Ohrfeigen nur so auf seinen Kameraden niederprasselten. Er befand sich ja auch in der deutlich günstigeren Position. Auf ihn waren nur zwei Pistolen und eine Schrotflinte gerichtet.

„Ach ja? Und warum wollten Sie dann von mir wissen, wo sich mein Mann aufhält?“ Diese Frage schien Salino durchaus berechtigt. Dieser brutalen Logik könnten sich wohl auch die Araber nur mit Mühe entziehen.

„Weil …“, der Araber, der sich fest im Griff des Hundes befand, zögerte. „Wir suchen einen Geschäftsfreund, Yuissep al Fasah, und wir glauben, dass ihr Mann weiß, wo er sich aufhält.“

„Und warum sollte er das wohl wissen?“ fragte Frau von Boeder interessiert.

„Weil er letzten Mittwoch einen Termin mit Ihrem Mann hatte. Und seitdem ist Yuissep verschwunden.“

Diese Erklärung war jetzt aber überaus einleuchtend, fand Salino. Das sollte ausreichen, um Frau von Boeder ein wenig milder zu stimmen.

„Ist das ein Grund in mein Haus einzudringen? Noch dazu bewaffnet! Und auf meine Hunde zu schießen?!“ Da war wieder dieser Anflug von Aufgeregtheit in ihrer Stimme. Allerdings mit einem leicht veränderten Tremolo.

„Sie wollten uns ja unsere höflich gestellten Fragen nicht beantworten. Sie wollten, dass wir verschwinden, bevor wir auch nur …“

Damit hatten sie sicherlich Recht. Frau von Boeder hatte im Umgang mit Gästen durchaus ihre Eigenarten. Aber es war gar nicht klug, das so zu sagen. Das merkte der vorlaute Araber recht schnell. Frau von Boeder hatte zwar recht feingliedrige Finger, ungewöhnlich feingliedrig geradezu, und ihr Punch war sicherlich nicht der härteste auf dieser Welt, aber eine blutige Nase war allemal das Ergebnis.

„Sollten wir nicht die Polizei rufen?“ fragte Salino vorsichtig. Er hatte das Gefühl, dass Frau von Boeder jederzeit eine Dummheit begehen könnte.

„Auf keinen Fall! Erstens hasse ich schlecht rasierte, nach Zigarren stinkende Männer in billigen Anzügen in meinem Haus und zum Zweiten behalte ich mir das Recht einer Bestrafung grundsätzlich selber vor“, sagte sie energisch. Es war sicherlich besser, wenn man ihr jetzt nicht widersprach. „Schließlich ist das hier mein Grund und Boden. Mathilda!“

Mathilda nahm das Gewehr herunter und verschwand im Inneren des Hauses.

„Raus jetzt!“ kommandierte Frau von Boeder. Die Hunde ließen ihre Opfer synchron los. Salino war erleichtert. Er hatte dieser Frau durchaus zugetraut, dass sie die drei umbrachte.

„Nach rechts!“

Die Araber waren eigentlich schon auf dem Weg zu ihrem Wagen. Frau von Boeder pfiff sie zurück. „Nach rechts! Da an die Bank! Ich will nicht, dass ihr meinen schönen Fußboden vollblutet.“

Die drei Araber standen unschlüssig vor der steinernen Bank am Rand des Petunien-Beetes. Die Hunde sprungbereit zu ihren Seiten. Offensichtlich konnten sie nicht fassen, wo sie da rein geraten waren. Salino beruhigte sich erst mal damit, dass wirklich harmlose Geschäftsleute gewöhnlich keine Pistolen trugen. Aber was hier vorging, konnte er weiß Gott nicht gut heißen.

„Wo kommt ihr her?“ fragte Frau von Boeder mit fast freundlicher Stimme.

„Jordanien“, sagte der, der bislang am wenigsten gelitten hatte zuversichtlich.

„Na, dann wisst ihr ja was euch als Strafe erwartet! Die Hemden ausziehen!“ Die drei schauten sich verwirrt an, taten dann aber lieber, was ihnen gesagt wurde. „Salino!“

Salino schreckte mechanisch zusammen. Was hatte er mit alledem zu tun.

„Bind ihnen die Hemden als Augenbinden um!“ Sie nahm Salino die Pistole ab und Salino gab sich alle Mühe, den Arabern die Hemden so um den Kopf zu binden, dass sie nichts mehr sahen. Dann trat Frau von Boeder an den ersten heran. Sie hielt ihm die Waffe an den Kopf und befahl ihm, sich über die Bank vorzubeugen. Auch die anderen beiden sollten sich über die Bank beugen.

Eine Exekution?! Das ging nun wirklich zu weit. Salino wollte etwas sagen. Auch Frau Weppert schaute sich verunsichert um.

Salino lag es auf der Zunge: „Halt das geht nicht. Lassen Sie das!“ Aber er brachte kein Wort heraus. Frau von Boeder trat einen Schritt zurück.

„Für das Eindringen in mein Haus und die Beleidigung, die ihr mir zugefügt habt. Dreißig Stockhiebe.“ Sie ließ sich von Mathilda, die unbemerkt wieder aufgetaucht war, einen dünnen Bambusstock geben.

Erst war Salino erleichtert, als der Stock auf den Rücken des ersten Arabers klatschte. Doch seine Erleichterung ließ nach, als der das Ergebnis von dreißig Hieben sah. Der Haut am Rücken war an etlichen Stellen aufgeplatzt und was morgen nicht grün und blau sein würde, wäre sicherlich in zehn Tagen noch nicht richtig verheilt.

„Vierzig dafür, dass du mich angefasst hast.“

Dann war der zweite dran. Salino wendete seinen Blick ab. Frau Weppert schien mit dem Hinsehen weniger Probleme zu haben. Einen Moment lang dachte Salino sogar, dass er einen Schimmer von Faszination in ihren Augen gesehen hatte. Aber selbst wenn das stimmte, wollte er das nicht gesehen haben.

Fünfzig Stockhiebe erwarteten den, der bislang am besten weggekommen war. Den Hund zu verletzen war ein sehr, sehr ernster Fehler gewesen. Wie ernst merkte Salino, der nicht hingesehen hatte, erst, als die beiden Männer ihren Kameraden zum Auto schleppten. Flüchtig sah Salino den Blut überströmten Rücken und sah sofort wieder weg. Das musste doch wohl nicht sein! Es zappelte schon wieder in seinem Gaumen. Er wollte etwas sagen, traute sich aber nicht. Frau von Boeder war eine echte Psychopatin.

„Und Lasst euch hier nie wieder sehen!“ rief Frau von Boeder den Männern nach. Aber das war wohl überflüssig. „Jetzt brauche ich einen Schnaps!“

Salino folgte den Frauen ins Wohnzimmer, wo Mathilda einige Schnäpse eingoss. Eigentlich mochte Salino keinen Gin, aber niemand hatte ihn gefragt und er wäre auch nicht in der Lage gewesen, eine Meinung zu äußern. Er hatte sich wieder stumm auf seinen Platz gesetzt und starrte gedankenverloren vor sich hin.

„Bitte kümmern Sie sich um die Hunde, Mathilda!“

Salino sah auf. Die beiden Doggen standen nur wenige Meter von ihm entfernt. Der Schuss war an dem Kopf des Hundes vorbeigegangen, jedenfalls fast. Es hatte sein Ohr erwischt. Wenn sie hochstanden konnte man ein fast kreisrundes Loch sehen, durch das Licht fiel. Es sah ziemlich eigenwillig aus und machte diese Kreatur noch eine Spur unheimlicher. Bluten tat es nicht besonders. Eigentlich wirkte der Hund topfit.

Die Doggen trotteten hinter Mathilda her. Dann geschah etwas Eigenwilliges. Bevor Thor, Salino wusste plötzlich, dass es Thor sein musste, den Raum verließ, sah er sich nochmal um und schaute Salino tief in die Augen. Sein Blick sagte: „Das vergesse ich dir nicht!“ Dann zischte der Kopf wieder nach vorn und Thor trottete aus dem Zimmer.
„Ich werde Ihnen das nicht vergessen“, sagte Frau von Boeder und Salino merkte erst gar nicht, dass er gemeint war, „dass sie Wotan gerettet haben.“

Wotan also, dachte Salino müde. Nun, von jetzt an könnte er die Hunde wenigstens auseinanderhalten. Wotan gleich Loch im Ohr. Salino grinste zufrieden vor sich hin und merkte gar nicht, wie er ohnmächtig vom Sessel rutschte.

*

Das muss der Gin gewesen sein, dachte Salino, als er die Augen wieder aufschlug. Er wusste nicht, wie lange er eingeschlafen war, aber es konnten wirklich nur Sekunden gewesen sein. Fast hätte er hysterisch aufgeschrien. Über ihm war riesig groß das Gesicht von Frau Boeder, die ihm ein paar Ohrfeigen verpasste. Das musste ein Alptraum sein. Aber das war es nicht. Und die Ohrfeigen taten überhaupt nicht weh, sie sollten ihn nur wieder zu Bewusstsein bringen. Sicher bekam er ein oder zwei mehr als nötig gewesen wären. Aber das lag wohl in Frau von Boeders Natur.

„Was ist?“ stammelte er und Frau von Boeder stellte ihre Wiederbelebungsversuche prompt ein.

„Weicheier“, hörte er sie noch zischen, dann tauchte Frau Weppert mit einem Glas Wasser in seinem Gesichtsfeld auf.

„Ich muss eingeschlafen sein!“ sagte Salino und rappelte sich wieder auf. Frau von Boeder gab einen spitzen zynischen Lacher von sich.

„Setz dich wieder. Ist nicht schlimm“, tröstete sie ihn mütterlich. Dafür war er dankbar, aber es machte ihn natürlich erst recht zu einem Weichei.

„Also!“ setzte Frau von Boeder an. „Unter den gegebenen Umständen bin ich der Meinung, dass wir zusammen nach Schottland fliegen sollten. Ich möchte keinesfalls, dass noch mehr von diesen unrasierten Schmutzfinken in meinem Haus auftauchen. Diese Sache muss endgültig geklärt werden.“

„Das ist sicherlich richtig“, stimmte Frau Weppert zu. Aber ihr schien es nicht wirklich recht zu sein, dass Frau von Boeder sie auf ihrer Reise nach Schottland begleitete. „Doch vielleicht ist es angebracht, dass wir unsere Kräfte verteilen. Wir wissen ja nicht genau, ob sich ihr Mann in Schottland aufhält.“

„Selbst wenn nicht“, sagte Frau von Boeder. „Dann bleibt immer noch dieser al Fasah und mit dem würde ich mich auch gerne ein paar Takte unterhalten.“

Wie dieses Gespräch aussah, konnte Salino sich nur allzu gut vorstellen.

„Es ist allerdings schwer, einen Flug zu bekommen. Wir haben mit Mühe drei Plätze gekriegt und das erst übermorgen.“

„Das kommt sowieso nicht in Frage“, lehnte Frau von Boeder kategorisch ab. „Die Engländer und ihre panische Angst vor Tollwut. Die lassen meine Hund da mit einem normalen Flug gar nicht rein!“

„Ihre Hunde?“ fragte Frau Weppert erstaunt. „Sie wollen Ihre Hunde mitnehmen?“

„Selbstverständlich! Glauben Sie etwa, ich fahre ohne meine Hunde?“

Das hätte Salino ihr auch sagen können. Natürlich fuhr Frau von Boeder nirgends ohne ihre Hunde hin. Soviel hatte er inzwischen begriffen.

„Ja, dann weiß ich nicht …“

„Mein Mann hat ein eigenes Flugzeug. Ich weiß nur nicht, ob wir so schnell einen Piloten finden!“ erklärte Frau von Boeder schroff.

„Nun vielleicht ist er selbst mit der Maschine unterwegs“, warf Marianne Weppert ein.

„Das hätte er mir gesagt!“ behauptete Frau von Boeder. Sie sah den Blick von Frau Weppert und es wurde ihr schlagartig klar, dass ihr Mann ihr in letzter Zeit wohl nicht alles gesagt hatte. Wutschnaubend ging sie zum Telefon. Sie sprach mit jemandem am Flughafen.

„Die Maschine ist da“, sagte sie triumphierend. „Aber einen Piloten kriegen wir erst morgen Nachmittag.“

Frau Weppert schien plötzlich Gefallen an der Idee zu finden.

„Einen Piloten hätte ich vielleicht. Wenn Sie die Maschine startklar machen lassen, komme ich in einer Stunde mit dem Piloten dorthin.“

Zufrieden nickte Frau von Boeder.

„Gemacht“, sagte sie unerwartet lässig.

Salino beschlich das ungute Gefühl, dass sich dort gerade zwei Frauen miteinander anfreundeten, die das seiner Meinung nach besser nicht tun sollten.

„Du bleibst hier und fährst mit Frau von Boeder zum Flughafen! Das geht doch, oder?“

Frau von Boeder nickte. Salino schüttelte den Kopf.

„Doch, das muss sein. Du bist viel zu geschwächt. Du bleibst jetzt hier und ruhst dich ein wenig aus und dann treffen wir uns alle am Flughafen.“

Salino schüttelte wieder den Kopf. Er wollte nicht, dass Frau von Boeder mitbekam, dass er keinesfalls hier mit ihr, den Hunden und diesem wahrscheinlich stummen Dienstmädchen allein bleiben wollte. Ein Blick aus den Augenwinkeln zu Frau Boeder sagte ihm, dass sie sein Kopfschütteln sehr wohl bemerkt hatte.

„Keine Widerrede“, sagte Frau Weppert und hatte plötzlich einen ziemlich ähnlichen Ton am Leib wie Frau von Boeder. „Das wird jetzt gemacht und Schluss!“

Frau Weppert nickte noch einmal Frau von Boeder zu und verließ das Wohnzimmer. Salino war starr. Am liebsten wäre er ihr einfach nachgelaufen. Aber er war kein Kind mehr und was sollte ihm bei der bösen, bösen Tante von Boeder schon passieren? Sie würde ihn schon nicht fressen, oder?

*

„Sie hatten recht Chef“, trompete Haider lautstark in Bruhns Büro. Der Kommissar sah genervt von der Akte vor sich auf. So sehr er sich auch freute, dass Haider ihm Recht gab, so sehr ärgerte er sich, dass Haider ihn beim Denken unterbrach.

Na ja, man musste für den jungen Kollegen Verständnis haben, dachte Bruhns und klappte den Deckel zu. Wie sollte Haider erkennen, dass er Bruhns gerade nachdachte. Dazu hätte Haider den tieferen Sinn des Wortes Denken begreifen müssen. Bruhns lächelte also freundlich.

„Womit hatte ich recht?“ fragte Bruhns seinen ihm anvertrauten Tunichtgut.

„Er hat die Kreditkarte benutzt!“ rief Haider erregt.

„Wer?“

„Nach wem suchen wir denn die ganze Zeit? Na, dieser von Boeder!“ erklärte Haider neunmalschlau.

Bruhns hätte Haider eine ganze Liste von Personen geben können, nach denen sie derzeit händeringend suchten. Und ganz vorne an stand ein gewisser Webermann. Es wäre ihm wirklich lieber gewesen, wenn der seine Kreditkarte mal benutzt hätte.

„Und?“ fragte Bruhns in einem pädagogisch aufmunternden Tonfall.

„Nun raten Sie mal, wo der ein Hotelzimmer bezahlt hat?“

Bruhns griff zu der Pillendose mit den Maaloxan, dann erst schrie er innerlich: Das war hier doch kein Quiz.

„Ich gebe Ihnen einen Tipp Chef!“ machte Haider fröhlich weiter. Die Grimassen seinen Chefs ignorierte er oder er sah sie gar nicht. „Kondome!“

„Paris?!“ fragte Bruhns erstaunt.

„Falsch, Chef!“ Haider lachte wiehernd auf. Was war daran so komisch? „Einen Versuch haben sie noch.“

Aber nicht mit mir, dachte Bruhns. Er stand seelenruhig auf. Er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite.

„Denken Sie doch mal nach, Chef! Konndooomé!“

Bruhns hatte bereits nachgedacht, er machte noch den letzten Schritt auf Haider zu und … riss dem überraschten Untergebenen die Mappe aus der Hand. „Her damit und Schluss mit den Spielchen!“

Haider schaute seinen Chef verwirrt an. Kein Wunder, dass der Mann Probleme mit dem Magen hatte. Der Mensch hatte einfach keinen Humor.

„London!“ staunte Bruhns.

„Ja genau. London, gefühlsecht, verstehen Sie Chef?“ Haider kicherte sofort wieder frohgemut drauf los. „Verstehen Sie Che…“

Bruhns hatte drohend den Zeigefinger gehoben und sein Magen bebte vulkangleich. Er musste sich jetzt entscheiden. Haider auf die Schnauze hauen. Losschreien, bis man ihn in eine Zwangsjacke steckte oder einfach nur heulen. Nach Heulen war ihm eigentlich am meisten zumute.

Auch wenn Haider nie viel mitbekam, aber dieser Zeigefinger, den Bruhns da drohend hochhielt und sein knallroter Kopf ließen ihn auf wundersame Weise verstummen. Bruhns beruhigte sich. Er klappte den Deckel auf und las. Das Zimmer war für zwei Nächte gebucht. Also bis morgen früh. Wenn sie am Abend den Flieger nahmen, würden sie von Boeder vielleicht noch zu fassen kriegen.

Glücklicherweise war die Behörde geizig, nein sparsam. Wenn er einen Eilantrag stellte, bekäme er sicher nur einen Flug, dann könnte er mindestens 24 Stunden ohne Haider agieren. Bruhns lebte auf. Allein diese Tatsache konnte ausschlaggebend sein. Womöglich wäre der Fall dann gelöst. Genau. Eigentlich kam er in diesem Fall ja nur nicht weiter, weil Haider ihn keine zehn Minuten zum Nachdenken ließ.

Bruhns klappte hochmotiviert den Deckel zu.

„Auf nach London!“ rief er gut gelaunt und machte sich sogleich auf den Weg, um einen Reiseantrag bei seinem Vorgesetzten einzureichen.

*

Dr. Bloom war ein verständiger Mann. Bruhns hatte ihm die Lage geschildert und Bloom reagierte sofort. Eine Reisegenehmigung ins Ausland kam hier in Höxter nicht häufig vor. Umso wichtiger war es ihm, seinen besten Mann zu unterstützen. Seine Abteilung würde von nun an international operieren, wie Dr. Bloom sich ausdrückte. Mit so viel Enthusiasmus hatte Bruhns gar nicht gerechnet. Egal, Hauptsache er kam hier für einige Zeit raus.

„Ergebnisse! Aber ich erwarte Ergebnisse!“ betonte Dr. Bloom und griff zum Hörer. Hoffentlich überschätzte Bloom nicht die Möglichkeiten, da jetzt international zu operieren, dachte Bruhns. Aber er wollte den Mann keinesfalls verunsichern. Schlimmstenfalls gäbe es hinterher eine Rüge.

„Ja genau! Sie haben richtig verstanden. Zwei Flugtickets nach London, sofort. … Was heißt, wenn noch Flüge frei sind. Notfalls alarmieren sie die Flugbereitschaft, der Luftwaffe! … Wie bitte? Sie behindern eine internationale Polizeioperation! … Was heißt hier, woher ich anrufe? Aus Höxter, natürlich! … Was gibt es denn da zu lachen! Geben Sie mir doch bitte mal ihre Dienstnummer, ja!“

Bruhns wurde bei dem Gespräch etwas mulmig, aber Bloom nickte ihm aufmunternd zu. Er hielt die Sprechmuschel zu und flüsterte: „Das wollen wir doch erst mal sehen.“ Dann verlangte er den nächsten Vorgesetzten. Das Gespräch dauerte noch einige Zeit und Dr. Bloom lehnte sich für Bruhns Geschmack tödlich weit aus dem Fenster. Im übertragenen Sinne natürlich.

„Geschafft“, sagte Dr. Bloom erleichtert. „Zwei Flüge nach London, heute Abend. Genehmigt.“

„Zwei Flüge“, fragte Bruhns vorsichtig.

„Natürlich! Denken Sie, ich lasse Sie alleine fliegen? Nehmen Sie Haider mit, zur Unterstützung. Der soll ruhig mal ein bisschen internationale Fahndungsluft schnuppern. Das tut dem jungen Kollegen gut.“

Bruhns war sprachlos. Nicht vor Dankbarkeit, wie Dr. Bloom hoffentlich vermutete. Er bedankte sich tonlos.

„Ach und noch etwas“, hielt Dr. Bloom ihn zurück. „Dieser Schlottau vom BND ist ebenfalls in England. Er verfolgt in der gleichen Angelegenheit eine Spur in Schottland.“

Schottland ist nicht England, dachte Bruhns und überlegte, was sein Chef ihm damit sagen wollte.

„Ich hoffe“, fuhr Bloom nach einer kurzen Pause fort, „dass wir diesen Provinzlern aus Pullach diesmal einen guten Schritt voraus sind und Ihre Informationen besser sind als deren.“

Das hoffte Bruhns auch, sonst war es mit seiner Karriere Essig. Er machte sich auf die Suche nach Haider. Einen Moment dachte er sogar daran, Haider die Geschichte einfach zu verschweigen. Aber dann kam ihm in den Sinn, dass es genug Ärger geben würde, wenn er mit leeren Händen zurückkäme. Da wäre es schon ganz praktische, eine zweite Schulter zu haben, der man die Last der Verantwortung mit aufbürden konnte.