Salino & die Furien

Kapitel 5

Frederik fror. So kalt war es eigentlich gar nicht. Aber er stand nun seit über einer Stunde still hinter diesem Holunderstrauch am Rande des Rollfeldes und suchte mit dem Fernglas die Umgebung ab. Er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Wenn er sich selber jagen würde, würde er genau hier auf sich warten.

Die Killer der Hamas waren vielleicht etwas naiv, aber nicht unbedingt blöd. Sie mussten wissen, dass er ein Flugzeug und einen Pilotenschein besaß. Wenn er abhauen würde, dann doch wohl am einfachsten mit seiner eigenen Maschine. Eigentlich fand er diese Idee selber nicht gut. Vielleicht sollte er lieber einen Linienflug nehmen oder die Bahn. Sein Flugzeug stand vollgetankt und startbereit vor dem Hangar. Er hatte vor einer Stunde angerufen und die Maschine für einen Geschäftsflug vorbereiten lassen. Nun wartete er darauf, dass der Killer irgendwann seinen Beobachtungsposten verließ und sich an der Maschine zu schaffen machte. Aber es geschah rein gar nichts.

Allmählich wurde er nervös. Endlos Zeit hatte er auch nicht, wenn er Yuissep und Frank noch vor der Geldübergabe erwischen wollte.

Frederik seufzte. Er verließ seinen Beobachtungsposten und näherte sich langsam dem Flugzeug.

Der kleine Flughafen war um diese Zeit beinahe ausgestorben. Nur im Tower und am Lufthansa Terminal brannte noch Licht. Drei kleine Linienflieger unterhielt die Lufthansa hier. Es wurde Zeit für den letzten Flug nach Berlin. Die sechs Fluggäste gingen über das Rollfeld auf den Cityhopper zu. Sie trugen ihr Gepäck selbst. Der Co-Pilot stand an einer der Frachtklappen und nahm den Reisenden die Koffer ab, um sie zu verstauen.

Frederik ging auf sein Flugzeug zu. Einer der Fluggäste hatte sich wohl verspätet. Er rannte über das Rollfeld hinter den einsteigenden Passagieren her. Typisch Frau. Wahrscheinlich hatte sie so lange für ihr Make-up gebraucht. Frederik grinste, er war jetzt fast bei seiner Maschine. Die schusselige Kuh lief auch noch auf das falsche Flugzeug zu. Das da war doch seins. Der Cityhopper stand mit deutlich erkennbarem Kranich-Logo am Leitwerk, dreihundert Meter weiter rechts. So wird sie ihren Flug mit Sicherheit noch verpassen.

Frederik stutzte. Die Frau hatte gar kein Gepäck und schien ihren Irrtum immer noch nicht zu bemerken. Sie war jetzt nur noch knapp hundertfünfzig Meter von ihm entfernt. Und, genau genommen kam sie eigentlich eher auf ihn zu gelaufen, als auf sein Flugzeug. Frederik blieb versteinert stehen.

Auf einmal ging die Frau zum Spurt über. Sie hob den Arm. Eine halbe Schrecksekunde und Frederik wusste, dass das nichts Gutes bedeutete. Er drehte sich um und rannte los. Zurück in die Büsche, so schnell er konnte. Für einen gutgezielten Schuss war sie zu weit weg. Außerdem lief sie. Nichts desto trotz erwischte sie Frederik am linken Arm. Die Kugel schlug durch den Ellenbogen, gerade als er mit dem Arm Schwung holte. Fast hätte ihn der Einschlag herumgerissen. Frederik verstolperte zwei Schritte, musste sich abstützen und … lief weiter.

„Dieses Miststück“, fluchte Frederik, als er sich in die Büsche geschlagen hatte. „Dieses verdammte Miststück!“

Seine Hand griff nach der Stelle, wo er getroffen worden war. Die Hand war voller Blut. Er musste sich den Arm abbinden. Bald. Aber zuerst musste er in Sicherheit. Sein Wagen stand gut fünfhundert Meter weiter an der Böschung.

Hinter ihm hörte er der Zweige brechen. Sie hatte noch nicht aufgegeben. Frederiks Puls erreichte langsam seinen Grenzwert. Alles darüber war auf Dauer ungesund. Aber zu langsames Laufen könnte in diesem Fall ebenso den verfrühten Tod bedeuten. Seine Lunge schmerzte. Noch ein paar Meter und er bekäme Seitenstiche. Der Autoschlüssel war in der linken Hosentasche. Ausgerechnet. Ungeschick fischte Frederik im Laufen mit seiner rechten Hand nach dem Bund. Endlich. Er drückte schon ein paar Meter vor dem Wagen auf den Knopf für die Zentralverriegelung. Alle vier Blinker signalisierten: „Okay!“ Und im gleichen Moment zersplitterte die Heckscheibe.

Frederik drehte sich gehetzt um. Die Killerin hockte auf der Straße und zielte sorgfältig. Er wusste auch auf was. Nicht etwa auf ihn, sondern auf den Tank. Wenn er jetzt in sein Auto springen würde, ginge er bestimmt Sekunden später mit ihm zusammen hoch.

In Bruchteilen von Sekunden berechnete Frederik seine Chancen. Negativ. Aber sein Vorsprung war wieder angewachsen. Die Schützin hatte Zeit verloren, weil sie sich zum Zielen hingehockt hatte. Ohne zu überlegen rannte er an seinem Wagen vorbei. Rannte weiter und weiter und hatte gut daran getan. Er war noch keine fünfzig Meter entfernt, als sein Wagen mit einer gewaltigen Stichflamme explodierte. Allmählich ging ihm die Puste aus. Er sparte die Kraft sich umzudrehen. Er brauchte eine Idee. Jetzt!

Die Idee kam von rechts die Landstraße hinunter getuckert. Ein Bus. Frederik wusste, wo die Haltestelle war. Gleich da vorn hinter der Biegung. Er war dort früher mal ausgestiegen, als er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Flughafen wollte und den falschen Bus erwischt hatte.

Grob schätzte Frederick die Entfernung ab. Das wird ein Kopf an Kopf Rennen, dachte er sich. Für gleichmäßiges Atmen beim Laufen bliebe nun keine Chance mehr. Seitenstiche hin oder her, er schnappte nach so viel Luft wie er konnte. Die Stiche wurden schlimmer, aber er gab nicht nach. Gemeinsam mit dem Bus erreichte er die Biegung. Der Bus zog an ihm vorbei. Jetzt waren es noch zwanzig Meter. Endspurt.

Die letzten Fahrgäste waren bereits ein und ausgestiegen, als Frederik die hintere offene Tür erreichte. Keuchend sprang er auf die Trittstufe und riss sich am Mittelgeländer in den Bus. Gleich hinter der Tür ließ er sich auf einen der Sitze fallen. Er sah, wie ihn der Fahrer im großen Rückspiegel skeptisch musterte. Wahrscheinlich dachte er, dass Frederik keinen Fahrschein hatte.

„Nun fahr schon los!“ brüllte Frederik in Gedanken. Der Fahrer dachte gar nicht daran. Wertvolle Sekunden verstrichen, während der Fahrer überlegte, ob er nach hinten kommen und den Fahrschein des Passagiers überprüfen sollte. Frederik hielt dem Blick des Fahrers eisern stand. Unauffällig versuchte er seinen blutenden Arm dabei zu verbergen. In Gottes Namen faahr!

Das schien zu wirken. Zischend schlossen sich die hydraulisch betriebenen Türen. Ein letzter Blick in den Rückspiegel und … der Bus ruckelte. Sie bewegten sich, Gott sei Dank.

Nun erst wagte Frederik einen Blick aus dem Rückfenster zu werfen. Nein. Noch nicht. Noch nicht. Jetzt. Jetzt erst bog die Killerin um die Biegung. Zu spät, der Fahrer legte bereits den zweiten Gang in. Aber wie es weitergehen sollte, darüber hatte Frederik noch nicht im Geringsten nachgedacht.

Sein Instinkt sagte ihm, dass er einfach hier im Bus sitzen bleiben sollte, um weiter und weiter von der Killerin weg zu kommen. Aber diese Idee hatte keinen Bestand. Schließlich musste die Frau ja irgendwie zum Flughafen gekommen sein. Wahrscheinlich hatte sie also ein Auto. Im Geiste sah Frederik, wie sie sich auf den Rückweg machte. Bestimmt hatte sie eine blendende Kondition. Vier bis fünf Minuten vielleicht. Dann säße sie in ihrem Wagen. Und dann? Dann fuhr sie dem Bus nach. Irgendwann musste Frederik ja aussteigen. Das war doch klar. Umso länger er hier im Bus blieb umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn einholte. Also raus hier. Raus so schnell es ging.

Der Fahrer schaute noch argwöhnischer, als der seltsame Fahrgast schon bei der nächsten Station wieder aus dem Bus sprang. Aber was half das? Wenn er keinen Fahrschein gehabt hätte, und er hatte schließlich keinen, dann war es jetzt für eine Kontrolle eh zu spät. Frederik atmete erleichtert auf. Er entfernte sich schnell von der Straße.

Als die Landstraße endlich außer Sicht war, versorgte seine Wunde. Ein Teil seines Ärmels musste zum Abbinden herhalten.

An diesem ganzen Mist war nur Webermann schuld. Wehe, wenn er den Kerl zwischen die Finger kriegte. Die Sonne würde bald untergehen. Was nun? Sich zu Fuß bis zur nächsten Stadt durchschlagen? Das war ziemlich weit. Diese Landbusse legten von Station zu Station ganz schöne Entfernungen zurück. Trampen, kam es Frederik in den Sinn. Aber nicht auf dieser Straße. Viel zu unsicher. Er sah sich um. 1.000, höchstens 2.000 Meter über das Maisfeld hinweg, war eine kleinere, weniger befahrene Straße. Dort könnte er sein Glück versuchen.

Die knapp 2 Kilometer brachte er ungewohnt gutgelaunt hinter sich. Er hätte laut pfeifen können. Wahrscheinlich hatte die Todesangst so viele Stresshormone freigesetzt, dass er die nächsten zwei Stunden auf rosa Wolken schweben würde.

Die kleinere Landstraße hatte nicht nur weniger Verkehr. Faktisch gesehen ging hier überhaupt nichts. Frederik schaute nach rechts und links. Im Prinzip war es ihm wurscht, in welche Richtung es ging. Hauptsache er kam irgendwo an einem Bahnhof.

*

Das erste Auto kam von links. Frederik überquerte schnell die Fahrbahn und hob den Daumen. Ein Golf. Eine Frau am Steuer. Erschreckt zog er den Daumen zurück. Die Frau brauste ohne auf ihn zu achten an ihm vorbei. Für eine Sekunde hatte Frederiks Herz ausgesetzt. Nun fing es laut blubbernd wieder an zu schlagen. Das war Wahnsinn. So ein Risiko einzugehen. Wer wusste schon, wer hier so alles unterwegs war. Der Wagen verschwand, ohne seine Fahrt auch nur im Mindesten zu drosseln, hinter der nächsten Hügelkuppe. Aber sie konnte natürlich jederzeit um drehen. Vielleicht wollte sie ihn nur in Sicherheit wägen. Hitchcock war ein Schwein. Er verfluchte den Meister für dieses Szenario. Frederiks Blick suchte automatisch den Himmel ab. Nie wieder würde er sich einen Hitchcock Film ansehen. Erst hatte der Mistkerl ihm das Duschen vermiest und jetzt das Trampen.

Frederik beschloss seiner Angst nachzugeben. Er verließ die Straße und ging neben ihr auf dem Feld Richtung Stadt zurück. Wenn mal wieder ein Wagen vorbeifuhr ging er vorsorglich in Deckung. So schlimm konnte das nicht sein. 10 bis 15 Kilometer vielleicht. Also drei bis vier Stunden. Das war zu schaffen. Glücklicherweise hatte er seine Papiere, Kreditkarten und ausreichend Geld dabei. Mit etwas Glück kam er unterwegs an einem Imbiss oder einer Gaststädte vorbei, von wo aus er sich ein Taxi rufen könnte.

Und er hatte Recht. Eine kleine Waldpension war nur vier Kilometer entfernt. Frederik hatte etwas gegessen und sich dann ein Taxi rufen lassen. Erst hatte er überlegt, ob er jetzt noch einmal versuchen sollte, sein Flugzeug zu besteigen. Das erwartete die Killerin ganz sicher nicht. Andererseits, bislang war sie ihm immer einen Schritt vorausgewesen. Besser nicht.

In Paderborn mietete Frederik sich ein Zimmer und schaffte es gerade noch, sich im Kaufhaus ein paar Sachen und etwas Verbandszeug zu kaufen. Dann zog er sich auf sein Hotelzimmer zurück, kümmerte sich um seine Verwundung und ruhte sich aus. Morgen würde er in aller Frühe den Zug nehmen und wenn alles gut ging, könnte er schon am späten Mittag dem guten Frank Webermann gegenüberstehen. Die Zeit der Abrechnung war nahe.

Am nächsten Morgen um 10 fand die Beerdigung statt. Salino hatte sich bereits in Schale geworfen. Gestern Abend noch hatte er die Befürchtung gehabt, bald eine Livree tragen zu müssen. Franziska hatte ihn gnadenlos mit eingespannt, um die Gäste zu bewirten. Er selbst hatte in der Küche einen kleinen Happen gegessen, aber das war kaum der Rede wert. Nur zwischen dem Hauptgericht und der Nachspeise blieb dafür Platz. Sonst hieß es Gedecke auftragen. Geschirr abräumen. Geschirr in die Spülmaschine, jedenfalls das spülmaschinenfeste. Von dem Gänsebraten und dem Roastbeef blieben gerade mal Schnipsel über und die musste er mit dem Mädchen, das für den Abwasch hinzugekommen war, teilen.

Tante Cecilie und Onkel Ferdi waren die besten Esser. Salino wettete, dass die allein die halben Braten weggemümmelt hatten. Außerdem waren noch Herr Wepperts Bruder Hannes und zwei Cousins von Frau Weppert gekommen. Und natürlich Corinna Seifert.

Salino hatte nicht herausbekommen, wie sie verwandtschaftlich zur Familie Weppert stand. Corinna war eine kleine, verschmitzt vor sich hin grinsende Klavierlehrerin, die Salino bei jeder Gelegenheit aufdringlich zuzwinkerte. Für Corinna gab es außer dem Thema Sternzeichen und ihre Bedeutung für den Alltag nur noch die Musik als universelle Sprache. Vorzugsweise der Liebenden versteht sich. Steinbock, passte angeblich gut zu ihrem Wasserzeichen. Salino war beunruhigt. Als Steinbock war er ansonsten immer gut gefahren. Steinböcke passten eigentlich zu überhaupt nichts und Frauen mit einem Sternzeichenfimmel waren ihm eh ein Gräuel. Vorsorglich hatte Salino seine Zimmertür über Nacht verriegelt. Man wusste ja nie, mit welchen Konjunktionen man rechnen musste, wenn so eine esoterisch hochgetunte Lehrerin ihre drolligen fünf Minuten kriegte.

*

Es war schon ziemlich lange her, dass Salino zum letzten Mal eine Krawatte gebunden hatte. Er versuchte es rechts rum und links rum. Aber irgendwie wollte es einfach nicht. Vielleicht lag es an dem Spiegel, dass er sich immer verhaspelte. Er probierte es ohne Spiegel und war mit dem Ergebnis zufrieden, bis … er wieder in den Spiegel sah. Mit diesem Knoten konnte man jemanden aufhängen, aber elegant sah das beim besten Willen nicht aus. Glücklicherweise klopfte in diesem Moment seine Tante Franziska an seine Tür.

„Kannst du mir mal helfen?“ fragte Salino, kaum dass sie hereingekommen war. Sie nahm ihm die Krawatte ab und band sie ihm mit wenigen geübten Griffen um. Eigentlich hatte Salino erwartet, nun wieder einen Kommentar nach dem Motto, „Kannst du überhaupt mal irgendwas selbständig machen“, zu hören. Aber es kam nichts. Statt dessen legte Franziska etwas um ihre Taille, dass wie zwei von Schnürsenkeln zusammengehaltene Spoiler aussah.

„Schnür mir das mal hinten zu bitte“, sagte Franziska betont freundlich und drehte ihm den Rücken zu.

Salino starrt ratlos auf die lose herunterbaumelnden Schnüre. „Was?“ fragte er.

„Ziehen“, brummte seine Franziska genervt. „Du musst die Schnüre ordentlich stramm ziehen.“

Salino griff nach beiden Enden und zog eher unmotiviert daran herum.

„So doch nicht“, maulte Franziska. „Fang unten an. Und warte bis ich ausgeatmet habe, klar!“ Franziska hielt sich am Türrahmen fest. Sie holte tief Luft, wartete eine Sekunde und stieß sie zischend aus. Hastig zog Salino die untere Schnürreihe fest an.

„Noch fester!“ kommandierte Franziska. Aber das ging nicht. Eher hätte er Franziska von den Beinen gerissen.

„Gott, manchmal bist du aber auch ungeschickt!“ Der Schnürriemen hatte wieder nachgegeben. „Nochmal! Stemm dein Knie an mein Steißbein und dann ziehst du mit aller Kraft, klar? Und verankere die Schnur bloß in der Öse bevor ich wieder Luft hole!“

Salino schüttelte den Kopf. In mancher Hinsicht hatte seine Tante nicht mehr alle beieinander. Er machte es aber so, wie sie gesagt hatte.

„Gut“, sagte sie gepresst, als die erste Reihe verankert war. „Jetzt die nächsten.“

Das waren gut zwanzig Stück bis ganz nach oben. Also immer wieder dieselbe Prozedur. Die fünf oberen Reihen gingen jedoch erheblich leichter und schneller.

„Sehr schön“, seine Tante lächelte zufrieden, als er fertig war. Sie strahlte ihn an und schien auf einen Kommentar von ihm zu warten.

Salino fasste es nicht. Seine Tante war schlicht gesagt zu fett für so etwas. Gut, vorher hatte sie einfach nur ausgesehen wie ein großer, kompakter Schrank. Aber alles, was dieses Schnürmieder nun brachte, war, dass der Hintern noch größer erschien als zuvor. Schlanker sah sie jedenfalls nicht aus. Man hatte eher das Gefühl, dass sie nunmehr auf ihre Beine zur Fortbewegung verzichten und notfalls auf ihren Hinterbacken durch die Gegend rollen konnte. Warum Franziska sich dieser Tortur unterzog, war Salino völlig schleierhaft. Vielleicht hatte sie ein Auge auf einen der Cousins geworfen. Wahrscheinlich auf den mit dem grünen, englischen Sportwagen. Egal, das ging ihn nichts an und es war Zeit, sich mit seiner Tante gut zu stellen.

„Sieht toll aus“, log Salino ohne rot zu werden.

Franziska war glücklich. Sie lächelte selig und verließ mit einem etwas eckigen Gang sein Zimmer.

*

Die Kapelle war überfüllt. Salino musste die knappe Stunde Gottesdienst stehen. Was dort vorne in der ersten Bank mit den Angehörigen vor sich ging, konnte Salino nicht wirklich erkennen. Aber anscheinend hielt Frau Weppert sich tapfer. Der Sarg stand wie eine permanente Bedrohung neben den Pfarrer, der die gesamten Anwesenden, außer mit der üblichen Lobeshymne über den Verstorbenen, mit dem möglichen eigenen Sterben konfrontierte. Wahrscheinlich eine persönliche Bereicherung seines Gefühlslebens. Was der Geistliche sich da vorn zusammenreimte, hatte zumindest auf Salino keinerlei tröstende Wirkung. Er empfand es eher als martialische Erschütterung seines eigenen Seelenfriedens.

Frau Weppert tupfte sich einige Male die Augen mit einem Taschentuch, das Franziska ihr gereicht hatte. Franziska hatte tatsächlich einen Platz in der ersten Reihe. Irgendwie fand Salino das ungerecht. Er stand sich schließlich auch hier hinten die Füße platt. Gleich neben … wie hieß der Kerl noch? Bruhns, genau. Salino schaute die Bankreihen ab. Wahrscheinlich waren hier genauso viel diensttuende Beamte wie Trauergäste.

Haider schob sich auf leisen Sohlen an seinen Chef heran. Offensichtlich bekam ihm die Luft hier drinnen nicht. Sein fahles Gesicht passte nicht so recht zu dem bunten Lichterspiel, das durch die Kirchenfenster, mit all diesen heiligen Figuren und biblischen Szenarien, fiel.

„Wenn ich noch einmal das Wort „verblühter Leib“ oder „nutzlose irdische Hülle“ oder sonst einen Mist höre, muss ich kotzen, Chef!“ zischte Haider ungewöhnlich scharf.

Bruhns wollte seinen Kollegen zurechtweisen, aber ein Blick in sein Gesicht sagte ihm, dass Haider durchaus Ernst machen würde. Inzwischen kannte er seinen jungen Kollegen, der nahm immer alles wörtlich. „Gehen Sie bloß raus!“

Salino nutzte die Chance und entfernte sich dezent in Haider Geräuschschatten. Draußen strahlte die Sonne. Keine Spur von verwesten, irdischen Gütern, an die man sich besser nicht klammern sollte, wenn nicht auch noch die Seele ihr jähes Ende finden sollte. Haider sah sich vom Sonnenlicht geblendet um. Er entdeckte die kleine Bank gleich neben dem Eingang zu Kapelle. Salino gesellte sich zu ihm und zündete sich eine Zigarette an.

„Auch eine?“ fragte er Haider, obwohl ihm keineswegs an dessen Gesellschaft gelegen war.

Haider fingerte sich mit zittrigen Fingern eine Marlboro aus der Schachtel. Dann nuschelte er etwas, das entfernt nach „Danke“, klang. Konnte genauso gut „Anker“ gewesen sein. Aber das machte wohl in dieser Situation keinen Sinn.

Salino nickte und gab ihm Feuer. Dem Husten nach zu urteilen, war Haider eigentlich Nichtraucher. Nach dem ersten Husten starrte Haider die Zigarette an, als ob er gar nicht glauben konnte, dass dieser kleine Glimmstängel eine solche Wirkung auf sein Atmungssystem haben konnte. Dann sollte er erst mal warten, welche Wirkung gleich bei seinem Kreislauf einsetzen würde, wenn das Nikotin die ansonsten intakten Blutgefäße mit einem Schlag verengte. Und Bingo. Haider ließ sich ohne Ankündigung wie ein Stein auf die Bank plumpsen. Er atmete tief durch und schaute die Zigarette noch verwirrter an als zuvor. Jetzt entschuldigt er sich gleich und schmeißt die Zigarette weg, vermutete Salino.
Weit gefehlt. Kaum hatte Haider sich ein wenig gefasst, nahm er einen weiteren Zug. Nur noch ein leichter unterdrückter Hustenreiz.

„Ist meine erste Zigarette!“ erklärte Haider.

„Überhaupt?“

„Ja, ich habe bisher noch nie Sinn darin gesehen, diesen Qualm einzuatmen. Ich dachte, der stinkt nur.“

Salino wusste plötzlich, dass er jemanden vor sich hatte, der ein unerweckter Suchtraucher war und es bislang einfach nur noch nicht gewusst hatte. Jedenfalls hatte sich seine Gesichtsfarbe erholt und Haider schien angenehm entspannt das schöne Wetter zu genießen. Salino fühlte sich wie ein Pfadfinder, auch wenn er Haider dabei die nikotinöse Unschuld geraubt hatte.

Das Gebimmel im Glockenturm deutete darauf hin, dass die Messe zu Ende war. Die Türen wurden von zwei Ministranten aufgestoßen, dann folgten der Priester und die Sargträger in ihren Talaren. Salino sah zu, dass er sich unauffällig hinter die Tür schob, um sich später unbemerkt wieder in den Trauerzug einzugliedern. Er war nicht katholisch und es war ihm keineswegs klar gewesen, dass die Trauergemeinde die Kapelle in geordneter Marschformation verließ. Haider hatte sich entschlossen, seinem Beispiel zu folgen. Bevor er sich am Ende dem Zug anschließen konnte, fragte Haider ihn nach einer weiteren Zigarette. Salino hielt ihm lachend eine hin. Dafür hätte er eigentlich von der Zigarettenindustrie eine Prämie verdient. Vielleicht sollte er Philip Morris mal anschreiben.

So ganz klar war Salino nicht, warum hier so viele Bullen aufmarschiert waren. Aber Haider vertraute ihm an, dass Bruhns glaubte, der Täter käme in 98 Prozent der Fälle zur Beerdigung seines Opfers. Einerseits, um sich nochmals zu versichern, dass seine Arbeit von Erfolg gekrönt war. Und andererseits, käme er getrieben von seinem schlechten Gewissen, um dem Opfer wenigstens die letzte Ehre zu erweisen.

„Das da vorne“, erklärte Haider stolz. „Das sind die Kollegen vom BND, Schlottau. Ich sage Ihnen, ein ganz heißer Hund.“

Haider hob verschwörerisch den Finger. „Aber wir sind diesmal dichter dran. Das wird jetzt mal unser Fall. Mein Chef ist zwar manchmal ein bisschen langsam, hier oben meine ich“, flüsterte Haider und zeigte auf seinen Kopf, „aber er ist immer am Ball. Und zur Not bin ich ja auch noch da.“


„Und die da?“ fragte Salino und zeigte auf zwei Herren, die parallel zum Trauerzug in vielleicht fünfzig Metern Entfernung gingen.

„Ach, das sind die Kollegen vom BKA“, sagte Haider verächtlich und winkte ab. „Sesselfurzer!“

Salino hätte gern noch mehr von Haider gehört, aber der Zug hatte angehalten und die Trauergäste begannen, sich im Halbkreis um das offene Grab zu versammeln. Haider und Bruhns stellten sich etwas abseits. Schon begann der Priester wieder mit einer seiner Litaneien. Frau Weppert sah mit ihrem Schleier ausgesprochen attraktiv aus, dachte Salino. Vielleicht sollte er hin und wieder bei Hochzeiten und Todesfällen auflaufen, wenn sich die Frauen so schick zurecht machten. Gerade auch mit dem Schleier, das war schon eine nette Sache. Hochzeiten waren wohl weniger effektiv. Aber hier waren etliche Frauen mit einem Schleier. Schick! Ob unter einem der Schleier die Killerin versteckt war? Blödsinn. Der Bruhns spann doch. Nie wäre der Mörder so blöd, hier am Grab aufzutauchen. Und selbst wenn! Wie wollte Bruhns seinen Killer erkennen?

Aber Salino konnte den Killer identifizieren. Schließlich hatte er sie bereits gesehen. Sie stand in der Pose, die Salino inzwischen im Schlaf hätte zeichnen können, ein paar Grabreihen weiter an einen Baum gelehnt. Das gab’s doch nicht. Sie war tatsächlich da! Da stand sie! Gleich da vorn! Salino schwitzte nicht nur wegen der prallen Mittagssonne und seines schwarzen Anzugs.

Er wusste nicht, was er tun sollte. Seinem neuen Kumpel Haider einen Tipp geben? Aber was sollte er sagen? Woher wusste er, dass die Frau da hinten die Mörderin war? Nein, das war keine Lösung, damit schaufelte er sich lediglich sein eigenes Grab. Bestimmt fänden sie seine Fingerabdrücke oder sonst etwas in Olafs Wagen und dann könnte er sich nicht mehr rausreden. Dann würden sie ihn drankriegen, weil er Olaf kalt gemacht hätte. Seine Unschuld könnte er niemals beweisen, selbst wenn das juristisch gar nicht nötig wäre.

Plötzlich schaltete etwas in Salino auf Heldenmut um. Töricht, aber die einzige Möglichkeit. Er musste die Frau mit der schallgedämpften Waffe dazu bringen, nervös zu werden und zu fliehen, dann würden Bruhns und die anderen Polizisten von selbst auf sie aufmerksam. Wenn die Polizei sie dann festnahm und die Personalien überprüfte, käme dabei schon irgendetwas heraus. Das war zumindest eine Chance.

Salino löste sich aus der Trauertraube und ging langsam auf die Killerin zu. Und wenn sie nun nicht die Nerven verlor, sondern ihn einfach geräuschlos abknallte? Bis die Bullen merkten, woher der Schuss gekommen war, wäre die Frau längst über alle Berge. Salino ging stur weiter, das Risiko musste er einfach eingehen. Wieso eigentlich? Es konnte ihm doch völlig egal sein, wen die Frau dahinten umbrachte, solange sie ihn nur in Ruhe ließ. In Salino arbeitete es heftig, er schwankte bei jedem Schritt nicht nur nach rechts und links, sondern auch zwischen Sinn und Unsinn seines Tuns.

Endlich war Haider auf Salino aufmerksam geworden. Er sprach mit Bruhns. Die Polizisten wurden mit einem Schlag alle unruhig. Salino hatte Glück. Die Killerin wurde nervös, sie zog sich hinter den Baum zurück und wollte sich wohl aus dem Staub machen. Jetzt habe ich sie, dachte Salino und rannte los.

„Er flieht“, schrie jemand aus den Reihen der Polizei. Jetzt waren die Beamten in höchster Alarmbereitschaft und setzten sich in Bewegung. Der Priester hatte aufgehört mit dem Paradies zu drohen und die Trauergemeinde hatte sich von dem Sarg abgewandt und verfolgte das Schauspiel.

„Da ist er. Haltet ihn!“ schrie ein Polizist, den Salino mühelos als Haider identifizierte. Gott, Polizisten waren wirklich begriffsstutzig. Das war doch eine Frau! Sahen die das denn nicht?

Na gut, Salino musste zugeben, dass die Frau längst Deckung in den Büschen gesucht hatte und von den Polizisten kaum noch zu sehen war. Dennoch setzte er große Hoffnungen darin, dass die Polizei den Friedhof schon irgendwie abgeriegelt hatte. Salino hatte nun den Baum erreicht, wo die Killerin noch vor kurzem den Schatten genossen hatte. Da hinten zwischen den zwei Gräbern hindurch führte ein kleiner Trampelpfad durch die Rhododendron-Büsche. Wahrscheinlich war das ein Schleichpfad für lauffaule Besucher zum Parkplatz.

Salino wollte gerade um den Baum herum sprinten und der Frau in das Buschwerk aus glänzenden Blättern und wunderschönen purpurnen Blütenbällen nachsetzen, da prallten zwei schwere Körper gegen ihn. Bevor er noch verstand, worum es überhaupt ging, hatte ihm jemand die Füße weggeschlagen und hockte auf seiner Brust. Was hielten ihn denn diese Trottel auf? Wollten Sie ihn beschützen? Vor herannahenden Kugeln in Deckung bringen? Warum? Er hatte keine Angst und er war so dicht dran an der Killerin.

„Zugriff erfolgt!“ meldete einer der BKA Leute.

‚Was?’ dachte Salino. ‚Sie haben die Frau schon? Na, dann war ja alles gut.’ Der Bulle, der auf seiner Brust hockte, tastete ihn mit flinken Händen ab.

„Der Kerl ist unbewaffnet!“ verkündete er dann routiniert.

„Moment mal!“ rief Salino. Ihm wurde plötzlich klar, dass da irgendetwas ganz fürchterlich schief gegangen war. „Ich …“ Überleg jetzt gut was du sagst, schoss es Salino durch den Kopf. Also schwieg er besser. Handschellen rasteten ein und Salino wurde von kräftigen Armen hochgezerrt.

„Ich wusste gleich, dass mit dem etwas nicht stimmt!“ behauptete Haider prustend. Auch Bruhns war leicht außer Atem, aber er hatte an der Verfolgungsjagd nicht wirklich teilgenommen. Bruhns schien nicht ganz sicher zu sein, ob das hier alles seine Ordnung hatte. Er betrachtete Salino neugierig und schien zu überlegen.

„Mitnehmen“, befahl einer der BKA-Leute. Offensichtlich der höchste Vorgesetzte.

„Das ist mein Mann, Schlottau!“ mischte sich Bruhns brummend ein. Die Beamten des BKA schien diese Kompetenzrangelei überhaupt nicht zu interessieren. Sie griffen Salino unter die Arme und wollten ihn zum Wagen zerren.

„Moment, Moment!“ rief Salino hektisch. „Ich habe da etwas gesehen …“

Bruhns hielt einen der Beamten am Arm fest.

„Da war jemand!“ behauptete Salino vorsichtig. „Hier hinter den Büschen hat jemand gestanden und die Beerdigung beobachtet.“

„Warum haben Sie das nicht gemeldet?“ wollte Bruhns wissen.

„Das ist doch eine Schutzbehauptung“, warf Schlottau ein. „Nehmt ihn mit!“

„Ich war nicht sicher, ob das was bedeutet. Aber als ich auf den Busch zugegangen bin, ist die Person geflohen.“

„Hat jemand hier eine weitere Person gesehen?“ fragte Bruhns. Alle Beamten schüttelten den Kopf. Was waren das für blinde Nasen?

„Was soll der Unsinn? Abführen!“ Diesmal griffen die Beamten hart zu und schleppten Salino zu ihrem Wagen. Weitere Einwände hatten wohl keinen Sinn. Er saß in der Falle.
Bruhns sah Schlottau und seiner Verhaftung nachdenklich hinterher. Er sah hinüber zu den Büschen. Dann ging er langsam darauf zu. In der frisch aufgeschütteten Erde und den Rhododendren sah er einen Schuhabdruck. Hier konnte tatsächlich jemand gestanden haben. Von den schweren Schuhen seiner Beamten waren diese Abdrücke nicht. Es waren eher grazile Füßchen, die sich in dem weichen Boden tief eingedrückt hatten, so als ob sich jemand hier abgestoßen hätte. Vielleicht um los zu sprinten.

„Ich glaube nicht, dass das unser Mann ist“, brummte Bruhns. Haider lächelte vielsagend. Sein Chef sah den Wald vor lauter Bäumen nicht. Aber das war schon immer sein Problem gewesen.

*

Franziska war sauer. Richtig sauer. Dieser Spinner von Neffe brachte sie von einer unmöglichen Situation in die nächste. Sie hatte zwar nicht mitbekommen, worum es da gegangen war, aber er war es natürlich wieder gewesen, der für Unruhe gesorgt hatte. Ein Tumult ohne Gleichen. Während der Beisetzung! Polizisten waren herumgerannt, hatten geschrien und sich auf ihn geworfen. Schließlich hatten sie ihn sogar in Handschellen abgeführt. Die wenigen Gäste, die nicht wussten, dass es sich bei dem Störenfried um ihren Neffen handelte, hatten das bald herausgekriegt. Und das ganze Getuschel machte Frau Wepperts Trauer eigentlich zur Nebensache.

Franziska war einfach sauer. Sie stopfte eine Gabel mit herrlich frischem Butterkuchen in sich hinein und verfluchte diesen Unrat von Neffen. Sollte er doch in der Hölle schmoren. Sie würde keinen Finger krumm machen, um ihm aus der Scheiße zu helfen.

„Frau Weppert hat mich gebeten, mal zu sehen, was ich für Ihren Neffen tun kann“, flüsterte ihr Monika ins Ohr. Franziska schluckte. Sie hatte nun wirklich besseres zu tun, als …

„Was könnten wir da tun? Ich fürchte der Junge braucht einen Anwalt!“ wiegelte Franziska ab.

„Deswegen hat Frau Weppert ja mich gebeten!“

Franziska schaute Monika groß an. Also, hinter dieser Wasserstofffassade steckte weiß Gott mehr als man in seinen kühnsten Träumen hätte vermuten können.

„Sie sind Anwalt?“ fragte sie erstaunt.

„Mehr oder weniger. Ich praktiziere ja nicht, aber ich habe mein Jurastudium abgeschlossen. Nebenbei, abends!“

„Donnerwetter!“ staunte Franziska unverhohlen.

„Ich dachte, Sie möchten mich vielleicht begleiten.“

„Natürlich. Gerne.“ Franziska ließ ein weiteres Stück Butterkuchen auf ihren Teller gleiten.

„Ich denke, wir sollten Salino nicht länger als unbedingt nötig warten lassen“, bemerkte Monika mit einem Blick auf den Teller.

„Ein bisschen Ruhe kann dem Jungen gar nicht schaden“, behauptete hingegen Franziska. Sie dachte gar nicht daran, jetzt aufzustehen und den schönen Butterkuchen hier vertrocknen zu lassen, um diesen Quälgeist aus dem Gefängnis zu befreien.

Monika lächelte sie an. Zauberhaft. Es bedeutete so viel wie: „Na komm schon, Lass es uns angehen.“ Franziska sah auf den Kuchen. Auch der lächelte irgendwie, aber nicht ganz so verlockend. Sie nahm schnell noch eine Gabel und stand auf.

„Gut, meinetwegen, gehen wir. Aber verdient hat der Kerl das nicht!“

*

Marianne Weppert sah ihrer Haushälterin nach. Was hatte der Junge bloß angestellt? Sie verstand nicht, warum man ihn verhaftet hatte. Doch eigentlich kam ihr dieser Tumult ganz gelegen. So blieb es ihr wenigstens erspart, sich vor all den Leuten mit dem Tod ihres Mannes auseinander zu setzen. Während der Messe hatte sie einige Male sein Gesicht vor Augen gehabt. Auch das kleine Loch in seinem Kopf, aus dem sein Leben herausgeflossen war. Sie schüttelte sich und versuchte, den Gedanken daran möglichst schnell loszuwerden. Sie wusste, dass da noch einige Bilder in ihr schlummerten, die nur auf einen freien Moment warteten, um Kontrolle über ihr Bewusstsein zu übernehmen. Aber das musste nicht jetzt sein. Nicht vor all der Mischpoke.

„Schön, dass Sie gekommen sind“, sagte Marianne, als Charlotte sich neben sie setzte. Sie sah sich nach den Hunden um.

„Die sind im Auto. Ausnahmsweise!“ sagte Frau von Boeder, die den suchenden Blick Mariannes schon verstanden hatte.

Onkel Ferdi, der sich nur eben erkundigt hatte, ob es auch anderen Kuchen als Butterkuchen gäbe, stand wie Falschgeld vor seinem Platz herum. Nach kurzem Zögern entschied er sich dazu, die schwarzhaarige Frau, die seinen Stuhl besetzt hatte, besser nicht anzusprechen. Irgendwie vermutete er, dass sie das nicht gewollt hätte.

„Ich habe die Telefonnummer von diesem Al Fasah“, sagte Charlotte kurz und bündig.

„Und?“

„Ich habe auch gleich dort angerufen. Aber der Teilnehmer war leider nicht erreichbar.“

Frau von Boeder schob unvermittelt den Teller mit dem Kuchenrest, der vor ihr stand beiseite. Offenbar duldete sie keinen Kuchen in ihrer Nähe.

„Ich habe es mehrmals probiert. Eine Handynummer. Von E-Plus, wenn der Sekretär meines Mannes das richtig interpretiert hat.“

„Sonst keine Adresse? Straße oder so was?“

Charlotte schüttelte den Kopf. Langsam und beherrscht, wie alle ihre Gesten. Es lag eine unausgesprochene Drohung in diesem Nein. Eigentlich fühlte man die Drohung schon, wenn Charlotte einen nur anlächelte.

„Wenn Sie mir die Nummer aufschreiben, könnte ich sehen, ob ich mehr herausfinde“, schlug Marianne vorsichtig vor.

Charlotte zog einen vergoldeten Füller aus ihrem Handtäschchen und notierte die Nummer auf einer ihrer Visitenkarten. Mit einem letzten Schwung zog sie eine Linie wie einen Peitschenschlag unter die Nummer.

„Wenn Sie etwas herausfinden, sagen Sie mir Bescheid“, forderte Charlotte und das hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit einer Bitte oder einem Vorschlag. „Ich denke, es wird Zeit, dass ich mich um meinen Mann kümmere!“

Marianne bedankte sich und steckte die Nummer ein. Charlotte stand auf.

„Ich freue mich wirklich, dass Sie Zeit hatten vorbeizuschauen“, sagte Marianne noch einmal höflich.

„Keine Ursache. Ich bin sicher, ich werde mich in Kürze revanchieren können und Sie ebenfalls auf ein Stück Butterkuchen einladen.“

Sie nickte noch einmal unverbindlich und verschwand. Eine wirklich interessante und beeindruckende Person, fand Marianne. Aber wohl niemand, mit dem man ernsthaft Freundschaft schließen konnte.

„Keine Angst Ferdi, sie hat deinen Kuchen nicht angerührt“, sagte Marianne. Aber Onkel Ferdi hatte sich längst zwei weitere Stücke gesichert.

*

Zur Feststellung der Personalien konnte die Polizei Salino 24 Stunden festhalten. Sonst lag doch wohl nichts gegen ihn vor. Salino überlegte. Er versuchte es zumindest, aber er konnte sich nicht konzentrieren. Sein Blick wanderte unruhig die kahlen Wände entlang und blieb regelmäßig an der schweren, grauen Metalltür kleben, die ihn daran hinderte, diesen kalten, feuchten und unfreundlichen Ort zu verlassen.

Eine Stunde oder länger saß er jetzt schon auf dieser zerkratzen Holzbank und wartete. An Lektüre hatte es nur eine zerfledderte Bibel mit schief heraushängenden Seiten. Schließlich war das hier ein Gefängnis und keine Bibliothek. Er musste aktiv werden. Vielleicht änderte er wenigstens mal die Stellung. Die Pritsche gegenüber war hart. Er schaute nach, ob dort überhaupt Federn unter der Matratze waren. Negativ. Dafür fand er einige notdürftig zusammengehaltene Seiten eines Pornomagazins. Klasse. Genau danach stand ihm jetzt der Sinn. Er versteckte die Seiten wieder dort, wo er sie gefunden hatte. Vielleicht gab es Gefangene, die damit etwas anfangen konnten. Eine Bibel und ein Pornomagazin. Er starrte an die monoton graue Decke. Das war also der Untersuchungsknast.

Salino überlegte, wie dieses Heft wohl unter die Matratze gekommen war. Ein Gefangener, der es hereingeschmuggelt hatte und nach dem Verhör keine Gelegenheit gefunden hatte, es wieder an sich zu nehmen? Vielleicht hatte er es auch für die anderen da gelassen, als er entlassen wurde? Ein barmherziger Samariter? Wie lange mochte das Heft hier liegen? Womöglich hatten Generationen von Untersuchungshäftlingen ihre Freude daran. Oder war es vielleicht ein Wärter, der das Heft hier regelmäßig deponierte, um die Gefangenen zu motivieren, seiner eigenen voyeuristischen Lust zu dienen? Alles war möglich. Man wusste schließlich nicht, ob und wann man hier beobachtet wurde. Nicht nur durch das Guckloch in der Tür. Es gab heute kleinste Kameras, die sich selbst unter dem Klodeckel unbemerkt positionieren ließen.

Salino sah eine entsprechende Internetseite vor seinem Auge auftauchen. Live Cam: Onanierende Strafgefangene. Oder: Strafgefangene Intim. Live und 24 Stunden. Salino spürte einen leichten Anflug von Paranoia. Skeptisch betrachtete er den Klodeckel. Irgendwann musste er. Ein Moment auf den vielleicht zehntausende Internetuser nur warteten.

Ein entsprechendes Bedürfnis stellte sich auch prompt ein. Nein! Salino versuchte den Gedanken zu unterdrücken. Aber er wuchs förmlich an seinem Widerstand. Was machte das schon, wenn ihm Zehntausende beim Pinkeln zusahen? Bei diesem Gedanken wusste er, dass er bereits verloren hatte. Salino stand auf. Er wollte die Klobrille nicht anfassen, aber er sah sich alles aufmerksam an. Wie kam das rüber? Sahen jetzt Zehntausende einen Typen, der mit blödem Gesicht und verzerrter Optik in eine Toilette starren. Salino beschloss darauf zu … Jetzt, wo er auf die Mitte des Beckens zielte, merkte er plötzlich, dass er gar nicht musste. Das war wohl nur Einbildung gewesen.

Das Schloss der Zellentür wurde lautkrachend geöffnet.

„Zur Vernehmung!“ sagte der Wärter knapp und unfreundlich. Er musste gerade noch gesehen haben, wie Salino seine Hose geschlossen hatte.

„Eh, eh!“ sagte er mit erhobenem Zeigefinger, als Salino an ihm vorbei auf den Flur gehen wollte. „Spülen! Wir wollen doch alles so schön sauber hinterlassen, wie wir es vorgefunden haben!“

Salino starrte den Mann an. Er wollte ihm erklären, dass er gar nichts gemacht hatte. Aber er fürchtete die Frage, was er dann mit offener Hose in der Zelle getrieben hatte. Also drückte er gehorsam den Hebel und spülte. Ohrenbetäubend rauschte das Wasser durch die Porzellanschüssel. Das war so eine Spülung, die keinen Wasserkasten hatte, dafür schoss das Wasser mit viel Lärm und Druck durch die Leitung.

„Geht doch!“ sagte der Wärter zufrieden und ließ Salino auf den Kellerflur treten. Es kam wie es kommen musste. Das Geräusch der Spülung zeigte Wirkung. Jetzt musste Salino wirklich. Als sie den zweiten Stock erreichten, sah Salino ein Hinweisschild auf eine Toilette. Beschämt fragte er en Wärter, ob er hier gerade noch mal aufs Klo könne.

Der schüttelte den Kopf. „Pennälerblase!“ Aber er zeigte sich unerwartet einsichtig und ließ Salino die Toilette aufsuchen. Offenbar war eine Blasenschwäche kurz vor einem Verhör nichts Ungewöhnliches.

„Michael Mertens!“ stellte Schlottau zufrieden fest. Seine Personalien hatten sie wohl bereits festgestellt. Zeit ihn frei zu lassen, dachte Salino. Das Büro, in dem Salino vernommen wurde war offenkundig in den Sechzigern eingerichtet worden und seitdem nur verstaubt, aber niemals renoviert worden. Sogar die Telefone auf den Schreibtischen waren museumsreif. Nur die beiden Computer störten das Bild. Sie gehörten hier einfach nicht her. Wenn sie ihn blenden wollten, hätten sie auf die wenig lichtstarken Schreibtischlampen zurückgreifen müssen. Bei den schweren Metallschirmen war der Lack an einigen Stellen abgesprungen und wo er noch drauf war, wirkte er reichlich stumpf. Das war hier tiefste Provinz.

„Also“, setzte Schlottau an. „Wenn ich das richtig sehe, sind seit Ihrem Eintreffen in Höxter einige Menschen zu Schaden gekommen. Meinen Sie nicht auch, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte?“

„Seit meinem Eintreffen wurden in Höxter auch einige tausend Brötchen gebacken, meinen Sie nicht auch, dass da …“

Schlottau war dicht an ihn herangetreten und zischte ihm feucht ins Gesicht: „Wenn Sie mir komisch kommen, dann komme ich Ihnen auch gleich komisch!“ Anscheinend hatte Schlottau keinen Humor.

Die Tür wurde geöffnet. Schlottau sah gar nicht hin und schrie: „Raus hier!“

„Das ist immer noch mein Büro!“ grunzte Bruhns und schloss die Tür hinter sich.

„Und das hier ist mein Verhör!“

Bruhns hob die Achseln und deutete an, dass ihm das egal war. Er legte eine Akte auf seinen Schreibtisch, nahm sich einen Kaffee und setzte sich an seinen Schreibtisch.

„Herr Kollege, muss ich Sie daran erinnern, wer hier …“

„Nicht nötig“, konterte Bruhns gelassen. „Das steht draußen dran. Das ist mein Büro.“

„Und meine Verhaftung!“

„Kann schon sein. Aber dann nehmen Sie den jungen Mann mit und verhören ihn in ihrem Büro!“

„Das geht wohl kaum, weil …“

„Weil Sie eigentlich gar keine Verhaftung vornehmen dürfen!“ vollendete Bruhns triumphierend. „Und Ihre Freunde vom BKA haben an dem jungen Mann gar kein Interesse geäußert.“

Salino war verwirrt. Schlottau war nicht vom BKA? Was wollte der Kerl von ihm.

„Amtshilfe!“ nörgelte Schlottau knapp.

„Nur zu!“ sagte Bruhns fröhlich. „Fahren Sie fort. Lassen Sie sich durch mich nicht stören.“

Schlottau kochte vor Wut. Dann wendete er sich wieder Salino zu.

„Also! Die Beerdigung. Sie haben angeblich jemanden gesehen, den wir alle nicht gesehen haben, richtig?“

Salino hatte keine Angst mehr vor Schlottau. Seitdem er wusste, dass dieser Bruhns irgendwie auf seiner Seite war.

„Wer sind Sie eigentlich?“ wollte Salino selbstbewusst wissen.

„Ich stelle hier die Fragen. Sie …“

„Das ist Kollege Schlottau, vom BND“, erklärte Bruhns ungerührt. „Er hat einige Fragen an Sie, aber wenn Sie nicht antworten wollen, bitte … Dann wird Herr Schlottau sicherlich keine Schwierigkeiten haben, das BKA um eine Vorladung zu ersuchen.“

So wie Bruhns das sagte, war Salino ziemlich sicher, dass er das so nicht meinte. Er griff die Gelegenheit beim Schopf.

„Nein, ich möchte keine Fragen beantworten.“

„Bitte“, sagte Bruhns gelassen. „Das BKA hat keine Anklage erhoben. Also …“

Schlottau stand unmittelbar vor einem Tobsuchtsanfall. Seine Nasenspitze war kalkweiß und seine Wangen glühten rot.

„Das wird ein Nachspiel haben! Darauf können Sie Gift nehmen!“

Bruhns griff geübt in seine Jackentaschen, ließ eine Magentablette aus dem Röhrchen gleiten und warf sie ein.

„Ich werde mich bei Ihrem Vorgesetzten beschweren!“ polterte Schlottau und schlug die Tür hinter sich zu.

„Kann ich jetzt gehen?“ fragte Salino nach einer angemessenen Pause.

„Grundsätzlich schon“, sagte Bruhns, „aber ich würde mich freuen, wenn Sie mir noch einige Fragen beantworteten.“

Salino war unschlüssig. Aber er schuldete Bruhns etwas. Schließlich hatte der ihm diesen Kläffer vom Hals gehalten. Also nickte er.

„Sehr gut“, freute sich Bruhns entspannt. „Das erspart mir viel Papierkram. Ich hasse diese Formulare. Das geht doch auch alles ohne Vorladung. Also …“

Bruhns lehnte sich entspannt zurück. „Kaffee?“

„Gerne!“

Bruhns zeigte mit dem Daumen hinter sich. „Milch und Zucker stehen gleich rechts daneben.“

Salino stand auf und bediente sich. Die Verhörsituation war sofort vergessen. Salino fühlte sich fast wie zu Hause.

„Diese Person, die sie hinter dem Gebüsch sahen, können Sie mir die irgendwie beschreiben.“

Salino dachte nach. Es konnte kein Fehler sein, zu sagen, dass er eine Frau gesehen hatte.

„Eine Frau?“ Bruhns nickte zufrieden. „Haben Sie diese Frau schon einmal gesehen?“

Das war eine tödliche Frage. Salino dachte angestrengt nach und schwieg. Wenn er jetzt zugab, dass er sie schon mal gesehen hatte, dann musste er auch sagen wo.

„Eine Frau auf einer Beerdigung ist nichts Ungewöhnliches. Nicht mal, wenn Sie etwas abseits steht. Könnte zum Beispiel eine Geliebte sein. Warum ist sie Ihnen verdächtig vorgekommen?“

„Ich weiß nicht, vielleicht die Art, wie sie dagestanden hat“, wich Salino aus.

Bruhns war unzufrieden.

„Wissen Sie was? Ich denke, Sie haben diese Frau schon einmal gesehen. Und ich glaube, Sie hängen in dieser Geschichte irgendwie mit drin.“

Salino schwieg. Er brauchte einen Anwalt, der ihm sagen könnte, was nun zu tun sei.

„Sie belasten sich selbst, wenn Sie aussagen stimmt’s?“ bot Bruhns ihm im kameradschaftlichen Tonfall an.

Salino machte eine vorsichtige Geste, die sowohl ja als auch nein bedeuten konnte. Was sollte er tun? Er konnte nichts sagen, ohne Frau Weppert und Monika mit reinzuziehen.

„Hören Sie, ich will Ihnen nichts“, erklärte Bruhns. „Ich suche einen Mörder. Wenn Sie das nicht sind, helfen Sie mir.“

Die Tür wurde vorsichtig aufgeschoben.

„Der Anwalt von Herrn Mertens ist da und möchte sofort mit seinem Mandanten sprechen!“ erklärte Haider durch die halbgeöffnete Tür.

„Soll reinkommen“, seufzte Bruhns frustriert, der seine Chance, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, unerwartet verblassen sah.

Die Tür wurde vollständig geöffnet.

„Monika Winter!“ stellte sich seine Anwältin vor. Salino war überrascht. Nicht nur, dass er einen Anwalt hatte, sondern auch, wer es war.

Bevor Monika zu irgendeinem Schlag gegen Bruhns ausholen konnte, knickte der ein. „Ihr Mandant ist vollkommen freiwillig hier. Er kann jederzeit gehen.“

„Ist das wahr?“ fragte Monika.

Salino nickte.

„Gut, dann gehen wir jetzt!“

Bruhns wollte etwas einwenden. Aber Salino war schneller.

„Kann ich kurz mit meiner Anwältin allein sprechen?“

„Aber sicher!“ freute sich Bruhns, der wieder Morgenluft wittert. Vielleicht bekam er wenigstens noch einen Happen, der ihn in diesem Fall irgendwie weiterbrachte.
Als Bruhns die Tür hinter sich geschlossen hatte, erzählte Salino Monika die Geschichte mit Olaf und wie er da hineingerutscht war. Er wollte die Sache irgendwie ins Reine bringen, bevor er sich noch weiter in ihr verstrickte. Monika hörte sich alles interessiert an. Dann rief sie Bruhns wieder herein.

„Mein Mandant hat ein juristisches Problem“, eröffnete sie dem Kommissar. „Ich allein kann ihm da nicht weiterhelfen. Es möchte einen professionellen Ratschlag von Ihnen.“

Bruhns hörte interessiert zu.

„Wir sind doch kein Auskunftsbüro. Im zweiten Stock ist die kostenlose Rechtsberatung“, erklärte Haider, der mit Bruhns ins Zimmer gekommen war.

Bruhns verdrehte die Augen. „Haider! Bitte suchen Sie mir doch mal die Akte Möhring raus!“

„Die liegt im Archiv. Der Fall ist vor drei Jahren abgeschlossen worden.“

„Mir sind aber gerade gewisse Zweifel gekommen, ob wir damals alles Menschenmögliche in Betracht gezogen haben. Also holen Sie die Akte und bringen Sie auch die Beweisstücke mit!“

Haider hatte schon immer gewusst, dass sein Chef geistig verwirrt war. Und tablettensüchtig. Aber das behielt er kollegial für sich. Möhring hatte Selbstmord begangen, das war so klar wie Kloßbrühe gewesen. Was gab es da jetzt wieder aufzurollen?

„Das ist ’ne Menge Papierkram. Die nächste Stunde sehen wir meinen Kollegen leider nicht wieder“, brummte Bruhns zufrieden. „Bedauerlicherweise müssen wir unser kleines Problem also allein lösen.“

„Gut“, sagte Monika. „Keine Aufnahme?“

„Keine Aufnahme“, bestätigte Bruhns.

„Gut, mein Mandant wird Ihnen jetzt ein völlig fiktives Problem schildern und Sie um einen Rat bitten, wie sich jemand in einer solchen Situation verhalten sollte.“

Bruhns nickte und platzte fast vor Neugier.

„Also ich bin getrampt und …“

„Nein, nein, nein“, unterbrach Monika ihn sofort. „Was mein Mandant sagen wollte ist: Nehmen wir mal an, jemand trampt und …“

„Alles klar“, sagte Salino. „Also. Angenommen jemand trampt und der Fahrer fährt plötzlich von der Hauptstraße herunter und …“

Der Fall war schnell geschildert. Und Bruhns war sichtlich zufrieden.

„Also“, sagte Bruhns, als er sich alles in Ruhe angehört hatte. „Wenn jemand sich vom Tatort entfernt und sich nicht als Zeuge zur Verfügung hält, macht er sich letztlich der Beihilfe strafbar. Dieser Jemand sollte eigentlich aussagen.“

„Aber das bringt auch eine Menge Ärger mit sich“, warf Monika ein. „Zumal er ja gar nichts getan hat.“

„Aber er könnte den Täter identifizieren!“

„Wenn das mal nötig würde, könnte man darüber ja nochmal diskutieren.“

„Wie hätte denn die Person mit der Waffe ausgesehen?“

Salino konnte dazu kaum etwas sagen. Entweder die Frau war zu weit weg oder er hatte sie nur nachts gesehen. Dennoch beschrieb er sie so gut er konnte. Das einzige was er auf dem Friedhof gesehen hatte, war, dass sie rote Haare hatte.

„Ich kann nicht versprechen, dass ich nicht noch mal auf diese Geschichte zurückkomme“, sagte Bruhns.

„Kein Problem“, behauptete Monika. „Aber vergessen Sie nicht, dass wir hier von einem völlig frei erfundenen Fall gesprochen haben. Und im Notfall bliebe uns noch das Recht der Zeugnisverweigerung.“

Das wusste Bruhns nur zu genau. Aber wenigstens hatte er einige Informationen erhalten. Nun hatte er zumindest einen Anhaltspunkt, wonach er suchen musste.

Für Monika war die Angelegenheit damit beendet. Sie hakte Salino unter und zog ihn förmlich aus dem Dienstzimmer.

Haider kam gerade mit den angeforderten Beweisen und Akten aus der Asservatenkammer zurück. Er schloss die Tür hinter den beiden.

„Manche Leute spinnen aber auch. Wollen hier eine kostenlose Rechtsberatung? Hoffentlich haben die Sie nicht allzu sehr gelangweilt, während ich weg war“, tröstete Haider seinen Chef.

„Genau Haider. Manche Leute sind einfach eine Zumutung. Aber das bringt dieser Beruf halt mit sich.“

„Käffchen Chef?“ fragte Haider, um seinen Vorgesetzten bei Laune zu halten.

*

Eigentlich hatte Salino erwartet, dass seine Tante toben würde. Aber das tat sie nicht. Sie war geradezu gut gelaunt, wenn man mal davon absah, dass sie kein Wort mit ihm wechselte. Und das, obwohl sie gerade zweieinhalb Stunden auf einem Polizeirevier herumgesessen hatte, um ihren unfähigen Neffen aus dem Knast zu holen. Das war schon ungewöhnlich. Die gesamte Rückfahrt über plauderte sie mit Monika über Gott und Diäten, während sich Salino auf dem Rücksitz nicht viel anders fühlte, als noch vor etwas über einer Stunde in seiner Zelle.

Als sie endlich auf den Vorplatz von Frau Wepperts Domizil fuhren, war die Beerdigungsfeier bereits in einem Stadium fortschreitenden Vergessens. Frau Weppert hatte groß Auftischen lassen und der Alkohol war in Strömen geflossen. Ein nicht unerheblicher Teil der Trauergäste befand sich bereits jenseits von Gut und Böse. Onkel Ferdi machte sich nicht mehr die Mühe, sein Cognacglas immer wieder nachzufüllen. Er hatte sich längst mit der Flasche in der Hand unmittelbar neben dem Büffet postiert, wo er sporadisch die besten Stücke abgriff. Seine Frau Cecilie versuchte wenigstens, einigermaßen Haltung zu bewahren. Es war aber nicht zu übersehen, dass sie unter ihrem gut gefüllten Teller noch einen weiteren leeren hielt. Offenbar hatte ihr die Zeit gefehlt, den abgegrasten Teller beiseite zu räumen. Die beiden Cousins von Frau Weppert spielten lautstark Skat mit einem Gast den Salino noch nicht kannte.

„Da ist ja unser Liebling wieder!“ kreischte die esoterische Klavierlehrerin und stürzte mit ausgebreiteten Armen auf Salino zu. Salino wollte hinter seiner Tante Deckung suchen, aber die war längst zusammen mit Monika abgetaucht.

„Wir haben uns ja schon Sorgen gemacht!“ trompetete Corinna und schmatzte ihm einige Quarkreste auf die Wange. Salino versuchte, sich unauffällig die Quarkbröckchen mit dem Ärmel abzuwischen.

„Aber so ein Steinbock setzt sich schon durch. Das wusste ich gleich!“ plapperte Corinna unbeirrt weiter. Dann zog sie ihn an seinem Ärmel mit sich, Richtung Flügel im Nebenzimmer. Sie setzte sich und zog ihn mit auf die kleine Klavierbank.

Offensichtlich sollte das die amerikanische Nationalhymne sein, die ihre flinken Finger da aus den Tasten kitzelten. Salino war wenig beeindruckt. Er versuchte, sich höflich zu entfernen, aber Corinna hielt ihn fest. Kleine dürre Frauen konnten einen mit unerwarteten Kräften überraschen. Salino sah sich hilfesuchend um. Ihm stand jetzt mehr der Sinn nach einem kleinen Plausch mit Monika. Sie war zwar heute mal dem Anlass entsprechend gekleidet, aber auf die hohen Schaftstiefel mit metallenen Pfennigabsätzen hatte sie auch an einem solchen Tag nicht verzichten können. Endlich hörte Corinna auf zu spielen.

„Ich hätte jetzt gern ein Glas Sekt!“ sagte sie mit einem hochalarmierenden Lächeln.

Salino nahm die Möglichkeit wahr, sich verdrücken, möglichst bevor sie auf die Idee kam ‚As time goes by’ zu spielen. Er war noch nicht ganz bei der Getränkeausgabe, als er die ersten Takte vernahm.

Er bestellte bei der gestressten, aber bemüht freundlichen Bedienung ein Bier. Zeigte sich geduldig, wurde mit einem Extralächeln belohnt und zog sich rasch in die Küche zurück. Hier war mit Corinna wohl kaum zu rechnen.

Frau Weppert stand am Küchentisch und hielt ihrem Schwager ein Taschentuch hin. Der schluchzte leise. Seine glasigen Augen rührten nicht ausschließlich von den Tränen her.

„Wenn du doch mich geheiratet hättest?“ wiederholte er säuselnd dreimal hintereinander.

Wie angewurzelt blieb Salino stehen. Frau Wepperts Blick deutete ihm an, wo die Tür war. Salino seufzte und zog sich unauffällig zurück. Das Klavierspiel war inzwischen verstummt. Er sah weder nach rechts noch links und ging schnurstracks hinaus auf die Terrasse.

Hier draußen war zwar etwas kühl, aber angenehm ruhig. Das hysterische Gegacker und Gekicher der Gäste war nur gedämpft zu vernehmen und die sternenklare Nacht ließ ihn endlich ein wenig zur Ruhe kommen.

„Ist das nicht romantisch!“

Inzwischen hatte Corinna sich inzwischen wohl selbst ein Glas Sekt besorgt. Salino hätte sich in den Arm beißen können. Die Klavierlehrerin hockte auf der kühlen Balustrade aus Bruchsteinen, die die Terrasse umschloss, und genoss die Sterne, die vorbei zogen.

„Prost“, rief sie und hielt ihm ihr Glas hin. Es wäre sicherlich zu unhöflich, in diesem Moment auf dem Absatz kehrt zu machen. Er ging die fünf Schritte auf sie zu und stieß mit ihr an.

„Wird Zeit, dass wir Brüderschaft trinken. Du gehörst ja jetzt fast zur Familie!“ behauptete sie verschmitzt.

Salino war nicht einmal sicher, ob Corinna zur Familie gehörte und wenn, zu welcher Familie? Doch er ergab sich missgelaunt seinem Schicksal. Whatever will be will be.

Sie stießen erneut an. Diesmal über Kreuz. Dem drohenden Kuss auf den Mund entging Salino knapp, indem er den Kopf ruckartig abwendete, weil er sich offensichtlich beim Anstoßen mit Sekt bekleckert hatte. Nun gut, jetzt konnten sie sich duzen. Was machte das schon?

„Komm mit“, sagte sie und zog an seinem Arm.

„Wohin?“ fragte Salino vorsichtig.

„Komm mit!“ wiederholte sie stur und drängend.

„Ich will nicht“, wehrte Salino hilflos ab.

„Sei nicht so ein spröder Steinbock!“

Das genau war es, was er gegen diesen ganzen Sternzeichenkram hatte. Sie wurden immer gegen ihn eingesetzt. Immer auch als Waffe. Corinna zog ihn, obwohl er mit jedem Schritt seinen Unwillen bekundete, die Stufen hinunter, bis sie sich durch die Dunkelheit bis zu dem kleinen See vorgearbeitet hatten. Sie zog ihn weiter mit auf den Holzsteg und ließ sich an dessen Ende zu Boden sinken. Salino stand unschlüssig herum, doch dann setzte er sich ebenfalls.

„Ist das nicht herrlich romantisch?“

So, wie sie ihn dabei anblinzelte, hätte sie die bezaubernde Jeani sein können. Aber das war sie nicht. Und es wäre ihm auch lieber gewesen, wenn er das in diesem Moment gewesen wäre. Dann hätte ein einziges Blinzeln genügt, um diese anstrengende Lehrerin gegen seine liebste Monika auszutauschen. Andererseits, wenn Corinna hätte zaubern können, wer weiß, was … Salino würgte dem Gedanken daran sofort den Saft ab.

„Steinböcke müssen ihre Gefühle immer verbergen“, resümierte sie, als Salino stumm auf das Wasser starrte. „Ich finde es herrlich“, freute sie sich und ließ sich demonstrativ spontan auf den Rücken fallen.

So dunkel war es nicht, dass Salino nicht merkte, wie erwartungsgeballt sie ihn anschaute. Ihre Hand glitt wie unabsichtlich über ihre Hüften, den Bauch und … Na ja, das sollte wohl aufreizend wirken. Glaubte sie ernsthaft, dass er jetzt über sie herfallen würde? Salino zählte leise bis zwanzig. Dann wäre die Anstandsfrist gewahrt, ihm könnte kalt sein und er müsste gehen.

Er kam bis fünfzehn. Sie hatte sich auf die Seite gerollt und ihre Hand auf seinen Oberschenkel gelegt. Fünfzehn reichte notfalls auch. Jetzt war entschieden der richtige Moment zu gehen. Er stand auf.

„Mir ist kalt.“

Corinna seufzte und drehte sich wieder auf den Rücken. Sie schien ihn nicht aufhalten zu wollen. Fast wäre er darauf reingefallen und geblieben. Er ließ nur ungern jemanden, der zu viel getrunken hatte, nachts, allein auf einem hölzernen Steg an einem See zurück. Aber er wollte nun wirklich nach Monika sehen.

Die ersten Gäste waren inzwischen aufgebrochen. Nun war das hier ja auch keine Party, auf der man bis spät in die Nacht tanzen konnte. Wenn man angetrunken und vollgefressen war, dann wurde es auch Zeit zu gehen.

Bei der ausgedünnten Gästeschar sollte sich Monika leicht finden lassen. Aber Irrtum! Auch sie war wohl schon gegangen. Salino war schwer enttäuscht. Auch seine Tante hatte sich längst zurückgezogen. Frau Weppert schien noch in der Küche zu sein und Onkel Ferdi ließ sich gerade eine neue Flasche Cognac geben. Natürlich nur, um seine Trauer zu ertränken. Seine Frau musste ihm helfen, die Flasche zu öffnen. Das Personal des Partyservices begann, einen Teil der Ausstattung zu verpacken. Salino warf einen Blick auf seine Lieblingskellnerin. Gegen ein kleines, erotisches Abenteuer hätte er heute wirklich nichts einzuwenden. Beerdigungen schrieen förmlich nach Fortpflanzung, schließlich wurde einem der entstandene Mangel recht plastisch vor Augen geführt.

Das schien selbst dem Priester nicht anders zu gehen, obwohl dies sein tägliches Brot sein musste. Er war sehr eifrig bemüht der hübschen Bedienung beim Zusammenräumen ihrer Sachen zu helfen. Würde Salino gar nicht wundern, wenn er sich später noch anbot, sie nach Hause zu bringen. Im Moment hatte er gute Karten, dachte Salino, doch der Blick des Mannes der den Braten an dem anderen Büffettisch aufgeschnitten hatte, ließ nichts Gutes ahnen. Das war entweder ihr Vater oder jemand, der aus anderen Gründen gut auf das Mädchen Acht gab.

Salino beschloss, noch in Ruhe das eine oder andere Bierchen zu trinken und sich dann ebenfalls schlafen zu legen. Er hielt sich möglichst weit von dem Skattisch entfernt. Nur für den Fall, dass der dritte Mann unerwartet ausstieg. Und er mied den hinteren Raum mit dem Klavier. Küche und Terrasse kamen ebenfalls nicht in Frage. Was blieb, war der Ohrensessel am Fenster. Dort konnte sich wohl auch niemand neben ihn setzen.

Später sah er noch einmal Corinna, die sich an der Bar eine Flasche Sekt geben ließ und sich damit auf ihr Zimmer zurückzog. Das hatte er also auch hinter sich. Sein letztes Bier öffnete er, als der letzte Gast den Skattisch verlassen hatte. Die Cousins zeigten Tante Cecilie und Onkel Ferdi den Weg zu ihren Zimmern und das Personal belud den Lkw. Endlich Ruhe. Was für ein Tag. Prost!

*

„Nein Hannes! Lass das!“

Das kam aus der Küche. Frau Weppert! Die hatte Salino völlig vergessen. Salino stellte sein Bier auf dem kleinen runden Beistelltisch ab. Sah die wertvollen Holzintarsien, überlegte es sich und stellte die Flasche auf den Boden.

„Hannes!“

Mit schnellen Schritten war Salino an der Tür zur Küche und stieß sie auf.

„Hannes verdammt noch mal!“

Hannes hielt Frau Weppert umklammert und schien ihr etwas ins Ohr flüstern zu wollen. Mit Sicherheit etwas, was Frau Weppert nicht hören wollte. Sie versuchte, sich aus der Umarmung zu befreien. Salino war eine Sekunde später bei ihr und riss Hannes herum. Er holte aus und hatte genug Wut im Bauch, um den aufdringlichen Kerl mit einem Schlag niederzustrecken.

„Halt!“ schrie Marianne. „Ich mach das schon!“ Salino hielt inne. „Hannes, es wird Zeit, dass du ins Bett kommst!“

Hannes sah sie tieftraurig an.

„Du hättest damals mich heiraten sollen“, behauptete er wieder weinerlich.

„Ja, ja, das hatten wir alles schon. Du gehst jetzt ins Bett!“

Frau Weppert hakte ihn unter. Salino nahm vorsorglich die andere Seite und gemeinsam schoben und zogen sie Hannes hinauf zu seinem Zimmer.

„Hilf mir mal!“ forderte Marianne.

Sie zogen Hannes bis auf die Unterwäsche aus. Hannes wehrte sich nicht großartig, trotzdem war das kein einfaches Unterfangen. Hannes konnte anscheinend nur einen einzigen Satz sagen, den dafür jedoch beliebig oft. Die ständige Wiederholung machte zwar auch nicht mehr Sinn, ging einem aber umso mehr auf die Nerven.

Einige Male musste Frau Weppert ein energisches „Nein“ einwerfen, wenn Hannes wieder versuchte sie küssen. Dann lag der Kerl endlich im Bett und war zugedeckt.

„Hat ihn schwer mitgenommen, der Tod seines Bruders“, sagte Frau Weppert auf dem Weg nach unten. „Die waren ein Herz und eine Seele, das kannst du mir glauben.“

Ganz nüchtern war Frau Weppert wohl auch nicht mehr. Salino hoffte nur, dass sie ihre Gefühle noch im Griff hatte. Im Trösten war er nicht besonders gut. Wie gesagt, er war ein Steinbock. Aber seine Sorge war unnötig. Frau Weppert griff sich ein Bier, öffnete es und trank gleich aus der Flasche.

„Da ist mir jetzt nach“, erklärte sie. „Eins trink ich noch, dann ist Schluss.“

Salino hatte in diesem Moment längst beschlossen, dass er mindestens noch eins trinken würde.

„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte Frau Weppert nach einer kurzen Pause. „Solange du noch keinen Job gefunden hast, könntest du für mich arbeiten, wenn du willst.“

Salino war überrascht. „Was soll ich tun? Ich bin Setzer. Von Elektronik habe ich keine Ahnung.“

„Ach Gott, nein. Ich meine Rasenmähen und solche Sachen. Hier am Haus ist jede Menge zu reparieren und zu erledigen. Deine Tante allein kann sich nicht um alles kümmern.“

Salino war nicht sicher, ob er einen Job als Hausmeister suchte.

„Denk drüber nach“, sagte sie und hatte ihr Bier mit einem gewaltigen Schluck geleert. „Du hättest wieder ein Dach über dem Kopf. Deine Tante hätte nichts mehr zu nörgeln. Du verdienst ein paar Euro. Und das Essen ist auch gut.“

„Ja okay“, sagte Salino.

„Überleg es dir. Ich würde mich jedenfalls freuen.“

„Ich mache das!“ Salino wunderte sich, wie leicht ihm diese Entscheidung gefallen war. Aber im Ernst, was gab es in seiner Lage da zu überlegen? So gut wie hier würde er es im Leben nicht wieder haben. Wenn man mal von seiner Tante absah.

„Ja?“ fragte Marianne skeptisch.

„Ja, mache ich sogar gerne“, sagte Salino.

„Nun gut! Aber wie gesagt, du kannst es dir ja überlegen.“

Wenn man einmal von dem Wort Hausmeister absah, gab es da nichts zu überlegen.

„Gute Nacht dann“, sagte Frau Weppert eine Spur zu abrupt und drehte sich auf dem Absatz um. Plötzlich drehte sie sich zurück, beugte sich herunter und küsste Salino auf die Stirn. „Gute Nacht“, sagte sie noch einmal und ging.

Die gute Frau hatte doch mehr getrunken, als man im ersten Moment bemerkte, dachte Salino und lachte. Er nahm sich noch ein Bier mit hinauf in sein Zimmer. Wenn er hier unten blieb, könnte womöglich noch irgendetwas passieren, an dem er lieber keinen Anteil gehabt hätte.

Alles im Haus war still. Trotzdem spürte Salino, dass es voller Gäste war. Die Türen zum Flur schienen irgendwie fester verschlossen zu sein als sonst. Vielleicht bildete er sich das aber auch nur ein, weil er wusste, dass überall hinter den Türen jemand schlief oder irgendwelchen Unsinn machte. Salino öffnete die Tür zu seiner Dachkammer besonders leise. Seine Tante wäre sicher nicht begeistert gewesen, wenn er sie geweckt hätte.

Etwas in seinem Zimmer war anders, als er es verlassen hatte. Auf dem Stuhl lagen irgendwelche Klamotten. Wahrscheinlich hatte seine Tante ihm etwas herausgelegt, das er morgen tragen sollte. Salino seufzte genervt. Sein Seufzen hatte ein Echo. Salino stutzte.

Bislang hatte er ja nur diese schäbige Deckenleuchte in dem Zimmer. Er schaltete sie ein, um zu sehen was los war. Das Licht war grell und Corinna nackt. Sie stöhnte auf und hielt einen Arm vor das Gesicht, weil sie geblendet wurde. In der anderen Hand hielt sie eine Sektflasche fest, die sie wohl zu zwei Dritteln ausgetrunken hatte.

„Mach das Licht aus!“ grunzte sie. Offenbar hatte sie bereits geschlafen. Salino zögerte einen Moment und knipste das Licht wieder aus.

„Was machen Sie hier?“

Corinna antwortete nicht, sondern nahm stattdessen einen hörbaren Schluck aus der Flasche.

„Ihr Zimmer ist unten!“ versuchte es Salino noch einmal. Er wusste, dass es falsch war, jetzt zu argumentieren. Besser wäre es, einfach hinunter zu gehen und das Zimmer zu tauschen. Aber er ahnte, dass sie ihm folgen würde. Und wenn er erst mal in ihrem Zimmer wäre, konnte sie jederzeit Rabatz machen. Wenn dann jemand käme, um zu sehen was los wäre, hätte er ganz schlechte Karten. Dann sähe es nämlich so aus, als ob er versucht hätte, sie zu belästigen. Hier in seinem Zimmer dagegen hatte er den Heimvorteil.
„Soll ich Ihnen zeigen wo Ihr Zimmer ist?“

Als ob sie das nicht wüsste?!

Schließlich hatte sie ihren Koffer dort.

Corinna nuschelte etwas. Es klang unzufrieden und sie nahm lieber noch einen Schluck Sekt. Was sollte er tun? Salino ging zu dem Stuhl hinüber, auf dem ihre Sachen lagen und schob sie einfach hinunter. Dann setzte er sich, öffnete sein Bier, das er mit hoch genommen hatte und steckte sich eine beruhigende Marlboro an. Vielleicht hatte er Glück und sie wäre eingeschlafen, bevor er sein letztes Bier ausgetrunken hatte. Er beschloss, die Situation einfach auszusitzen.

Corinna schien aber nicht ans Schlafen zu denken. Sie schien mit jeder Minute wacher zu werden.

„Soll ich es jetzt vielleicht mit der Flasche hier treiben oder kommst du endlich hier rüber?“

Oha, was waren das denn für böse Worte Jungfer Corinna, dachte Salino und lachte leise.

„Ich glaube es ist wirklich besser, wenn Sie jetzt auf Ihr eigenes Zimmer gehen!“ behauptete Salino. Bei dem schwachen Licht, das in die Kammer fiel konnte Salino schlecht sehen, aber ihre Augen blitzten manchmal hell auf. Nachts sind alle Katzen grau, schoss es Salino in den Kopf. Das waren genau die Sätze, die derlei Unglücke einzuleiten pflegten. Er beschloss, diesen Satz als nicht gedacht zu betrachten.

„Komm schon rüber. Ich tu dir doch nichts!“

Sie hatte wirklich einiges an Sekt getrunken. Man merkte das daran, dass sie alle zwei bis drei Worte eine längere Pause machte, so als ob sie einen Schluckauf unterdrückte.

„Komm schon!“ Es war nur konsequent, dass die Sätze nun kürzer wurden.

„Komm.“

Salino kicherte plötzlich albern. Einen Satz von Adorno hätte er um diese Zeit auch nicht fehlerfrei zustande gebracht. Schon deshalb nicht, weil dafür die Zeit zwischen zwei Gängen zur Toilette nicht ausgereicht hätte. Salino spürte, dass ihm das Bier allmählich auf die Blase drückte. Er ging aufs Klo.

Das Bad hier oben war akzeptabel, nicht so groß wie unten, aber es war okay. Nur es war eben auch völlig von seiner Tante mit Beschlag belegt. Eigentlich war es ja ihr Badezimmer. Überall lagen Klamotten, Schminksachen und Pflegedöschen von ihr herum. Auf der Ablage vor dem Spiegel lag ihr Schmuck, den sie heute getragen hatte.

Als er sich gerade die Hände wusch, stutzte Salino. Das waren nicht nur ihre Sachen. Das Medaillon kannte er. Das hatte Monika getragen. Die konnte das unmöglich hier oben verloren haben. Was hätte sie hier unter dem Dach auch zu suchen gehabt? Ihn? Und vor allem wann?

Salino überlegte, was das jetzt wieder bedeuten konnte. Er wusste natürlich längst, was das bedeutete, aber er überlegte lieber weiter. Die Antwort wollte er eigentlich gar nicht finden. Er war gleich der Meinung gewesen, dass seine Tante ungewöhnlich nett zu Frau Winter war. Aber Monika? Was sollte sie an seiner Tante finden. Das war doch alles Unsinn.

Als Salino das Bad verließ, warf er einen wütenden Blick auf die Tür seiner Tante. Er hatte eine ziemlich genaue und abscheuliche Vorstellung davon, was sich in diesem Moment hinter dieser Tür abspielte.

Trotzig war er noch dabei eine andere Erklärung zu suchen, als er wieder sein Zimmer betrat. Corinna hatte sich nicht in Luft aufgelöst. Er steckte sich noch eine Zigarette an, das sollte seine Denkfähigkeit steigern und er stand gedankenverloren mitten im Raum herum. Unschlüssig. Er merkte aber schon, dass Corinna auf dem Bauch wie eine Schlange aus dem Bett geglitten kam und sich an seiner Hose zu schaffen machte. Sie hatte ihn längst in der Hand. Die Nacht endete für Salino in einem bestenfalls unentschiedenen Ringkampf.

Corinna war für ihren brustlosen, schmächtigen Körper ganz schön kräftig. Und sie war weit unersättlicher als er konditionsstark. Genau genommen wurde es alles in allem anstrengend und wenig entspannend. Er ahnte schon, dass es nicht ohne blaue Flecken abgehen würde. Pausenloses Stakkato war gefordert. Schließlich hatte er schon ihr Klavierspiel bewundern dürfen. Für seinen Geschmack hackte sie eher unrhythmisch auf den Tasten herum, als dass sie melodiengewaltig darüber hinweg glitt. Von ihren unausgefeilten Grundtechniken mal abgesehen, hatte sie dann aber doch ein gewaltiges Repertoire.