Salino & die Furien

Kapitel 3

Nicht ganz legal war reichlich untertrieben. Der Wagen fuhr an einem gut gesicherten Fabrikgelände entlang und Frau Winter hielt offensichtlich Ausschau nach einer guten Möglichkeit, den Stacheldrahtzaun zu überwinden. Salino wurde klar, dass die beiden Frauen in den Firmenkomplex auf der anderen Seite des Zaunes einbrechen wollten. Das war ohne Frage höchst illegal.

„Da!“ sagte Frau Winter.

Marianne steuerte den Jaguar auf den Seitenstreifen und stellte den Motor ab. Salino konnte es kaum fassen, die wollten da tatsächlich einbrechen.

„Hat eigentlich jemand eine Drahtschere mit oder wollen wir über die Rolle Natodraht einfach so hinweg klettern?“ scherzte Salino.

„Ich denke, wir steigen einfach durch das Loch da vorn!“

Frau Winters Stimme hatte da so einen spöttischen Unterton. Hielt die blonde Schönheit, ihn, Salino, für vertrottelt? Aber er musste leider zugeben, dass er das Loch im Zaun bisher nicht bemerkt hatte. Salino war gar nicht wohl bei der Sache. Das Loch war frisch geschnitten worden. Ganz saubere Kanten. Es fiel Salino nicht schwer, die Ecken so hoch zu halten, so dass die beiden Frauen bequem hindurch schlüpfen konnten.

Dieses Loch hatten keine vandalierenden Jugendlichen geschnitten. Das war eine Profiarbeit. Die Frauen schien das überhaupt nicht zu kümmern. Sie traten einfach durch das Gebüsch auf den betonierten Weg, der zu der Lagerhalle führte. Natürlich sahen sie weder den Bewegungsmelder, noch die Kameras.

Salino hätte sie gerne darauf hingewiesen, aber er wollte sich nicht schon wieder lächerlich machen. Bei genauerem Hinsehen stellte er sowieso fest, dass der Bewegungsmelder mit irgendeinem Farbstoff besprüht war und an der Kamera klemmte ein Gegenstand, der die Linse verdeckte. Das war zwar Glück für sie, aber es beruhigte Salino nun überhaupt nicht. Er hatte so etwas im Fernsehen gesehen und war sich nun ganz sicher, dass sie hier im Fahrwasser eines Profis einbrachen. Da schien ihm der Ärger vorprogrammiert.

Und er hatte Recht. Gerade, als sie an der Lagerhalle vorbei zur Rückseite des Hauptgebäudes schlichen, sah er sie. Eine schwarze, kaum erkennbare Gestalt stand unweit des Haupteinganges an einen Baum gelehnt. Salino brauchte nicht mehr als diese Haltung zu sehen, um zu wissen, um wen es sich dabei handelte.

Die Person schien den Parkplatz und den Haupteingang zu beobachten. Deshalb merkte sich wohl gar nicht, dass Salino und die beiden Frauen hinter der kleineren Halle verschwanden. Salino sagte Frau Weppert nichts von der Killerin, die da hinten in der Dunkelheit lauerte. Er hoffte einfach, dass die Frau sie auch weiterhin nicht bemerken würde.

An der Rückseite des Verwaltungsgebäudes gab es keine Möglichkeit einzudringen. Frau Weppert und Frau Winter waren ratlos. Salino lächelte. Wie sich Frauen das auch immer vorstellten. Als wenn man in einen Sicherheitsbereich einfach so rein marschieren könnte. Warum hieß das wohl Sicherheitsbereich? Nur eine Feuertür war auf dieser Seite des Gebäudes. Monika rüttelte daran. Dieser grenzenlose Optimismus! Salino bewunderte das beinahe. Natürlich war die Tür fest verschlossen.

„Was nun?“ fragte Frau Weppert und schaute zur Antwort in zwei ratlose Gesichter.

„Psst“, zischte Monika. „Da pfeift jemand.“

Sie stand immer noch an der Feuertür und lauschte.

„Da kommt jemand!“ stellte sie dann erschreckt fest.

Frau Weppert und Monika flohen hinter die Hecke, die den Grünstreifen hinter diesem Gebäude abgrenzte und den Zaun verbarg.

Es sah so aus, als ob Salino wertvolle Zeit mit nachdenken vertrödelte. Die Frauen winkten ihm hektisch zu. Dann reagierte er endlich. Er kauerte sich unter die drei Stufen, die vor dem Notausgang waren und hielt die Luft an. Wenig später wurde die Tür auch schon aufgestoßen. Ein junger Nachtwächter trat laut pfeifend ins Freie. Die Stöpsel in seinem Ohr waren nicht die vom Sprechfunk, sondern von seinem Walkman. Salino konnte deutlich das rhythmische Hämmern der Bässe hören. Allzu ernst nahm der Kerl seinen Job Gott sei Dank nicht. Er ließ die Taschenlampe einmal in die Runde über die Büsche gleiten. Die Frauen hatten dabei noch Glück, dass der Trottel sie nicht zufällig entdeckte. Dann ließ der Nachtwächter die Tür zufallen und stieg die drei Stufen hinab. Salino hatte geistesgegenwärtig, bevor die Tür in Schloss fallen konnte, einen Schuh ausgezogen und über seinem Kopf hinweg in den Türrahmen geschoben.

Der Wächter hatte nichts bemerkt. Trällernd trottete er über den Rasen Richtung Lagerhalle ab. Salino war gespannt, ob er auf die Killerin stoßen würde und wie diese Geschichte wohl ausginge. Aber dafür reichte die Zeit nicht. Das musste er morgen in der Zeitung lesen.

Kaum war der Wächter um die Ecke der Halle, da kamen die beiden Frauen aus ihrem Versteck.

„Das war knapp“, stöhnte Monika.

„Warum bist du nicht zu uns in Deckung gekommen?!“ schimpfte Frau Weppert.

Salino stieg die drei Treppen hinauf und zog die nicht eingerastete Feuertür auf. „Deshalb!“

Monika lachte. Sie zwackte ihn in die Wange, als sie an ihm vorbei ins Innere des Gebäudes ging und sagte: „Schlaues Kerlchen!“

Salino brauchte einige Zeit, um seinen Schuh wieder anzuziehen. Als er die Frauen wieder einholte, standen sie ratlos vor einer elektronisch verriegelten Glastür und starrten in das blinkende, von Computerkram überhäufte Innere.

Salino schaute sich das kurz an und ging zehn Meter zurück. Der Krach war ohrenbetäubend, als das Glas der Tür zerplatzte. Mitten drinnen kreischten zwei Frauen, als wenn sie ihrem kleinen Freund, dem weitverbreitetsten Nager der Welt von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Der Feuerlöscher, den Salino durch die Glasfront geschleudert hatte, trudelte auf dem Fußboden einsam aus und schlug dann mit einem satten „Klong“ gegen den Metallfuß eines der Arbeitstische.

Stille. Wenn diesen Krach niemand gehört hatte, dann war hier auch niemand und der Nachtwächter würde frühestens in einer Stunde wiederkommen, schätzte Salino.

„So geht das natürlich auch“, kommentierte Monika. Sie warteten noch einen Moment, ob sich irgendetwas tat, aber alles blieb still. „Also los.“

Von Computern hatte Salino kaum Ahnung. Alles, was er in der Druckerei damit zu tun gehabt hatte, hatte ihm diese Geräte eigentlich keinen Deut näher gebracht.

Da waren Geräte hinter Glas, die permanent vor sich hin blinkten. Monitore die fortgesetzt Meldungen von sich gaben, die niemand las. Ein Mysterium. Frau Weppert schien es ähnlich zu gehen. Nur Frau Winter fühlte sich hier scheinbar zu Hause. Sie setzte sich an eines der Terminals und gab unverständliches Zeug mit der Tastatur ein.

Salino sah sich um. Kalt war es hier. Er ging zu der Glastür zurück und lauschte. Er lauschte angestrengter. Da draußen war doch was! Er glaubte, leise Schritte zu hören. Auf dem Flur war nichts zu sehen.

Monika war an ihren Bildschirm gefesselt. Nur nicht die Pferde scheu machen, dachte Salino und ließ die beiden Frauen hier zurück. Er schlich den Flur entlang. An der nächsten Ecke meinte er, die Schritte noch deutlicher wahrgenommen zu haben. Es waren nicht eigentlich Schritte. Es klang einfach nicht nach Schuhen. Womöglich die Frau mit der Pistole, die sich auf speziellen Kreppsohlen, an ihre nächsten Opfer heranschlich. Er hockte sich hin. Nichts mehr zu hören. Er zählte innerlich bis drei, dann schaute er vorsichtig um die Ecke.

Dieses Geräusch kannte er. Er hatte es heute schon einmal gehört. Eine Art Schmatzen. Auch diese Lefzen kamen ihm sehr bekannt vor. Zumal er das sabbernde Maul der Dogge genau vor der Nase hatte. Das Mistvieh schien hier hinter der Ecke auf ihn gelauert zu haben. Was hatte ihn bloß geritten, sich hinzuhocken? Genau genommen überragte ihn die Dogge jetzt noch um einen halben Kopf.

Salinos Herz setzte für einen Moment aus. Er wusste ganz genau, dass er puren Angstschweiß verströmte. Hunde fuhren da drauf unheimlich ab. Angstschweiß war für sie ein Pheromon. Salino hatte noch genau vor Augen, wie die Eiswaffel verschwunden war, in diesem Maul, das sich gleich mit einem „Schnapp“ um seinen Kopf schließen würde. Doch die Dogge starrte ihn nur aufmerksam und interessiert an. Jetzt nur keine schnelle Bewegung machen!

„Thor?“ fragte er unsicher. Vielleicht hatte er Glück und der Hund erkannte ihn wieder.

„Wotan!“ antwortete die Stimme, die Salinos Erinnerung nach zu dem Frauchen gehören musste. Salino drehte vorsichtig den Kopf. Richtig da stand sie. Schwarz, lang und ehrfurchtgebietend. Thor an ihrer anderen Seite.

„Was treiben Sie hier auf dem Fußboden meines Flures? Und dann noch außerhalb der Arbeitszeit?“

Salino wusste nicht recht, was er ihr antworten sollte.

„Salino! Wir sind gleich fertig!“ rief Frau Weppert aus dem Computerraum. Wahrscheinlich wunderte sie sich, wo er abgeblieben war. Die schwarze Frau schaute interessiert an Salino vorbei den Flur hinunter.

„Ist da eine Party, von der ich wissen sollte?“ fragte sie eisig.

Salino blieb stumm.

„Ist mein Mann auch da?“

Salino zuckte mit den Schultern. Woher sollte er wissen, wer ihr Mann war?

„Stehen Sie auf und kommen Sie mit!“

Die Frau wartete nicht ab, ob Salino ihrem Befehl Folge leistete. Scheinbar kam sie gar nicht auf die Idee, dass jemand das nicht tun könnte. Salino zögerte einen Augenblick. Schon aus Prinzip. Thor folgte seiner Herrin auf den Fuß. Wotan behielt derweil den Fremden im Auge.

„Schon gut, schon gut“, sagte Salino leise und erhob sich vorsichtig. Wotan folgte ihm in kurzem Abstand. Diese Hunde waren Salino wirklich unheimlich. Sie schienen ausschließlich von den Gedanken ihrer Herrin gelenkt zu werden.

Als Salino mit der schwarzen Frau und ihrer vierbeinigen Leibgarde den Computerraum betrat, war Monika gerade dabei, ein schweres, klobiges Metallteil aus einem der Schränke zu ziehen, was der Computer mit einem kurzen Signal quittierte. Für Salino war nicht klar, ob der Computer daran etwas auszusetzen hatte oder einfach nur erleichtert war.

„Was wird das hier?“ fragte die Herrin der Hunde energisch.

„Ich …“, wollte Monika antworten, merkte dann aber, dass die Frage nicht von Marianne, sondern jemandem anderes gestellt worden war.

„Frau Weppert?“ fragte die schwarze Frau und zeigte zum ersten Mal so etwas wie eine Spur von Irritation.

„Frau von Boeder!?“

„Was tun sie hier?“ fragte Frau von Boeder.

„Wir … wir leihen uns eine Festplatte von ihrem Mann!“ erklärte Marianne mit einer hilfesuchenden Armbewegung.

„Sieht nicht so aus, als ob mein Mann davon weiß!“ stellte Frau von Boeder seelenruhig, mit einem beiläufigen Blick auf den Feuerlöscher und die herumliegenden Scherben auf dem Fußboden, fest.

„Das ist so …“ wollte Frau Weppert zu einer sicherlich phantastischen Erklärung ansetzen.

„Halt! Erklären Sie mir nichts“, winkte Frau von Boeder ab. „Geschäftliches hat mich noch nie interessiert.“

Salino war enttäuscht, die Erklärung, was sie hier eigentlich trieben, hätte ihn nun wieder brennend interessiert.

„Machen Sie was sie wollen! Ich suche eigentlich nur meinen Mann.“

„Hier ist er nicht!“ behauptete Frau Weppert. „Ich habe mich heute Mittag mit ihm in Corvey getroffen, seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.“

„Sie haben sich mit meinem Mann in Corvey getroffen?“

Die Frage kam scharf. Chön charf. Daran konnte sich Frau Weppert ganz schnell die Finger und mehr verbrennen.

„Geschäftlich“, erklärte sie schnell. „Es ging indirekt um eben diese Festplatte.“

„Das will ich alles gar nicht wissen.“

Frau von Boeder machte eine Handbewegung wie mit einem Wischmob. „Geschäfte!“ schob sie zur Bekräftigung noch verächtlich nach. „Was ich wissen will ist: Wo ist mein Mann? Er ist heute nicht zum Essen erschienen!“

„Vielleicht ist ihm etwas zugestoßen“, vermutete Frau Weppert vorsichtig.

In Anbetracht der Tatsache, in welcher Situation sie Herrn von Boeder das letzte Mal gesehen hatte, schien das keineswegs abwegig.

„Das wäre besser für ihn. Denn außer einem plötzlichen Tod wüsste ich keinerlei Entschuldigung, die sein Nichterscheinen bei Tisch auch nur annähernd rechtfertigen würde.“ Frau von Boeder warf ihren Hunden einen kurzen Blick zu. „Sie kommen doch allein zurecht, ja?“

„Sicher, sicher“, behauptete Frau Weppert schnell. „Keine Frage, wir kommen zurecht.“

„Hmm“, brummte Frau von Boeder. Sie drehte sich ohne weitere Worte zu verlieren um. Thor und Wotan folgten ihr ohne ersichtliches Kommando und verschwanden mit ihrer Herrin in der Tiefe des Flures.

„Ich glaube, ich habe mir in die Hose gemacht“, sagte Monika. Sie war kreideblass und die schwere Festplatte zitterte in ihrer Hand.

Am liebsten hätte Salino laut „Hah!“ geschrien. Jetzt würden sie sich wohl nicht mehr über ihn lustig machen, weil er mal ein Loch im Zaun übersehen hatte. Aber er hielt lieber den Ball flach, bis sie wieder in Sicherheit waren.

„Weg hier!“ sagte Frau Weppert. „Bloß weg!“

„Ich habe eine Scheiß Angst vor Hunden“, erklärte Frau Winter auf dem Weg zur Feuertür.

„Das waren doch Hunde, oder?“ fragte sie verunsichert.

Salino nickt und nahm ihr die schwere Platte ab.

„Der arme von Boeder!“ flüsterte Frau Weppert, als Salino auf ihrer Höhe neben der Lagerhalle war. „Der ist bestimmt tot.“

„Glaube ich nicht!“ sagte Salino.

„Was dann?“

„Keine Ahnung. Aber auf dem Hinweg habe ich diese Killerin aus dem Kloster Corvey gesehen. Sie hat da hinten zwischen den Büschen gelauert. Das hätte sie doch nicht getan, wenn sie ihn schon erwischt hätte.“

Frau Weppert schaute sich erschreckt in die Richtung um, von der Salino gesprochen hatte. Aber die Gestalt, die vorhin noch in den Büschen gehockt hatte, war verschwunden.

*

Inzwischen glaubte Marianne besser zu verstehen, warum ihr Mann so eine Frau wie Moni eingestellt hatte. Sie musste zugeben, dass sie sich in dem Blondchen gewaltig geirrt hatte. Moni schien genau zu wissen, was sie tat. Sie hatte eine Menge Ahnung von Computern, war bildhübsch und das wichtigste, sie war äußerst loyal. Schließlich war sie mit dem Einbruch und der Zurückhaltung von Beweismaterial ein hohes Risiko eingegangen und das, obwohl sie keinen Nutzen daraus ziehen konnte. Nach dem Tode von Walther schien ihre Loyalität einfach auf Marianne übergegangen zu sein, obwohl sie die Frau ihres ehemaligen Chefs ja kaum kannte.

*

Salino war wenig begeistert davon, schon wieder in einem klimatisierten Raum mit all dieser Elektronik zu sitzen. In klimatisierten Räumen war die Luft immer eine Spur zu trocken. Gelangweilt schaute er zu, wie Monika auf den Tasten des Computers von Elektro Weppert einhämmerte. Ob nun hier oder dort, alles sah gleich aus und überall waren die Räume stark unterkühlt. Salino fröstelte leicht.

„Wir müssen jetzt eine ganze Zeitlang warten“, erklärte Moni, „bis die Daten von dem Band auf die Festplatte gespielt worden sind.“

„Wie lange?“ fragte Salino.

„Das kann gut und gerne ein bis zwei Stunden dauern.“

Salino machte es sich auf dem Stuhl bequem. Er zündete sich eine Zigarette an. Da waren zwar etliche Rauchverbotsschilder an der Wand, aber er hatte neben der Kaffeemaschine einen Aschenbecher gefunden. Gott, war er müde! Seit drei Tagen hatte er nur wenig bis gar nicht geschlafen.

Marianne stieß Moni in die Seite und lächelte. Salino hing, den Oberkörper aufgestützt, auf dem Schreibtisch, die Augen geschlossen, die Zigarette halb verglüht im Mundwinkel hängend. Er war eingeschlafen. Marianne nahm ihm vorsichtig die Zigarette aus dem Mund und drückte sie aus. Salino merkte davon nichts mehr.

Die beiden Frauen weckten ihn auch nicht, als der Computer drei Becher Kaffee später mit einer kurzen Melodie bekannt gab, dass der Job erledigt wäre.

„Den Chip?“ forderte Moni.

Marianne legte ihn auf den Tisch.

„Wir suchen jetzt nach der Typenbezeichnung. Dann sollten wir zumindest erfahren, wer diesen Chip bestellt hat und wozu.“

Monika tippte die Zahlen ein. „IC 63B1401“, las sie laut vor und drückte Enter.

„Dauert jetzt wieder eine Stunde?“ vermutete Marianne.

Aber der Computer hatte den Datensatz bereits gefunden.

„Hier“, sagte Monika. „Bestellt von: Webermann höchstpersönlich. Aber kein Projekteintrag.“

„Ist das ungewöhnlich?“ fragte Marianne in der Hoffnung, endlich einen Anhaltspunkt gefunden zu haben.

„Nein, eigentlich nicht. Kann ein neues Projekt sein. Und wenn hier steht, dass Webermann persönlich bestellt hat, heißt das eigentlich nur, dass er diese Baureihe genehmigt hat. Ist ab einem bestimmten Preis üblich. Da finden sich Tausende von Einträgen, obwohl Webermann mit der Chipbestellung nichts zu tun hat.“

„Dann wissen wir immer noch nicht, wer diesen Chip bestellt hat! Der ganze Einbruch war umsonst!“

„Nun mal langsam“, beruhigte Moni Frau Weppert. „Wir suchen jetzt in der Projektdatenbank. Irgendwo muss der Chip ja eingebaut worden sein.“

Leider gab die Projektdatenbank nicht viel her. Also suchte Moni in der Entwicklungsabteilung. Gott sei Dank hatte Walther ihr sein Passwort anvertraut, mit dem sie den gesamten Datenbestand abfragen konnte.

Aber: Nichts.

Dieser Chip, den von Boeder ihr gegeben hatte, war zwar in Walthers Firma gekauft, aber offensichtlich nie für irgendetwas benutzt worden.

„Das ist nun aber komisch“, wunderte sich Moni. „Ich meine, wir haben davon immerhin 75 Stück gekauft und das für 21.750,– Euro. Aber es ist nie einer dieser Chips benutzt worden.“

Das fand auch Marianne höchst seltsam.

„Ich suche einfach noch einmal die gesamte Festplatte durch, nicht in den Datenbanken, sondern als Volltextrecherche.“

Gleich nachdem Moni den Befehl dazu gegeben hatte, tauchte der schon bekannte Datensatz wieder auf. Sonst nichts.

„Nichts“, sagte Moni enttäuscht. Aber am oberen Bildschirmrand, zeigte ein kleines rotierendes Symbol an, dass der Computer noch tätig war. Monis Finger suchte ungeduldig nach der Abbruchtaste. Doch in diesem Moment war der Computer fündig geworden.

„Das ist ein Ding“ behauptete Moni verblüfft.

„Was?“ fragte Marianne neugierig. Sie konnte auf dem Bildschirm nichts Ungewöhnliches entdecken.

„Dieser Chip taucht in von Boeders Datensätzen wieder auf. Ich habe die alten Daten nicht gelöscht, sondern einfach unsere dazu gespielt. Die Platte war groß genug und ich dachte, das spart uns Zeit.“

Dass der Chip in von Boeders Datenbank auftauchte war allerdings nicht zu erwarten, aber was bedeutete das nun?

„Da ist eine Textdatei, wahrscheinlich der Anhang einer Email“, erklärte Monika. „Sehr interessant. Eine lange Liste von Gegenständen und mittendrin ist unser kleiner Chip versteckt.“

„Worum geht es?“

„Keine Ahnung. Projekt „Furie“, mehr steht hier nicht. Dann kommt eine Auflistung. Und das war’s.“

„Suchen Sie nach dem Projekt Furie!“

Monika gab den Begriff in die Suchmaske ein. Kein Erfolg.

„Ich glaube, diese Datei hat jemand vergessen zu löschen. Ich werde sie ausdrucken. Vielleicht kriegen wir anhand der Liste heraus, worum es geht.“

Der Drucker surrte los. Die drei Seiten lagen im Nu in dem Ausgabefach. Monika machte sich noch eine Kopie.

„Ich werde mal schauen, ob ich herausfinde, was das für ein Projekt sein könnte“, sagte sie.

„Aber für heute machen wir Schluss“, behauptete Marianne. Unsanft weckte sie Salino. Es wurde Zeit ins Bett zu gehen, Marianne fühlte sich mehr als ein wenig ausgelaugt. Gewöhnlich brauchte sie acht Stunden Schönheitsschlaf. In den letzten beiden Tagen war es dazu aber bei weitem nicht gekommen.

*

Frederik von Boeder war sich sicher, dem Killer entkommen zu sein. Stundenlang war er kreuz und quer durch das Weserbergland gefahren, weil er sich immer wieder verfolgt gefühlt hatte. Sie waren hinter ihm her. Daran bestand kein Zweifel. Warum nur hatte er sich auf solche Geschäfte eingelassen? Das Geld hatte er doch eigentlich gar nicht gebraucht.

Dieser verdammte Webermann war daran schuld. Der hatte ihn dazu überredet. Und jetzt? Jetzt stand er plötzlich alleine da. Von Webermann weit und breit keine Spur. Was sollte er tun? Kontakt mit Yuissep aufnehmen? Ihn fragen, was schief gegangen war und weshalb er ihm einen Killer auf den Hals gehetzt hatte?

Und wo sollte er hin? Nach Hause konnte er wohl kaum. Dort würden sie ihn schon erwarten. Geschäfte mit der Hamas, was für ein Schwachsinn! Und dann noch illegale Geschäfte. Mit solchen Brüdern hatte man am besten gar nichts zu tun. Noch besser, man kannte solche Typen noch nicht einmal.

Frederik hasste sich dafür, dass er Webermanns Drängen nachgegeben hatte. Aber was hätte er tun sollen? Zum Schluss hatte Webermann ihm ja sogar gedroht. Ihm! Er wollte ihr Verhältnis offenlegen. Mein Gott, wenn seine Frau erfahren hätte, dass er seit drei Jahren eine Beziehung mit einem Mann unterhielt … Frederik schoss ein Gedanke durch den Kopf. Vielleicht hatte seine Frau ja längst davon erfahren und sie war es, die den Killer beauftragt hatte!? Blödsinn, wischte Frederik den Gedanken sogleich wieder beiseite. Erstens machte es dann keinen Sinn, den alten Weppert umzubringen und zweitens hätte seine Frau sich wohl kaum das Vergnügen entgehen lassen, in so einem Fall selbst Hand anzulegen. Letzteres war entschieden das gewichtigere Argument. Also, was war da nur passiert? Was zum Teufel hatte da schiefgehen können?

Das konnte eigentlich nur Webermann wissen. Frederik hatte schon mehrmals versucht, Frank telefonisch zu erreichen, aber niemand war an den Apparat gegangen. Er hatte es auch mit der Handynummer versucht. Der Teilnehmer war vorübergehend nicht erreichbar. Vielleicht hatten sie Frank ja längst erwischt. Womöglich lag er eingegraben in einem Fundament. Ein Betonsarg. Da wäre sein Handy in der Tat nicht erreichbar. Frederik beschloss es zu riskieren, in Franks Wohnung nachzusehen. Einen Schlüssel hatte er ja.

*

Im zweiten Stock brannte Licht. Also war er wohl zu Hause. Frederik stieg die Stufen hoch und lauschte. Dann drehte er den Schlüssel im Schloss. Wer auch immer in dieser Wohnung war, er hatte sein Eintreten nicht bemerkt. Aus dem Schlafzimmer kamen undefinierbare Geräusche. Vorsichtig schob Frederik die Tür weiter auf. Immer bereit, jeden Moment kehrt zu machen und davon zu laufen.

Doch das war nicht nötig. Die Person im Schlafzimmer bemerkte ihn auch jetzt nicht. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und packte hektisch zwei Koffer. Das war nicht Webermann. Aber wohl auch niemand, der ihm gefährlich werden konnte. Der Mann war schmächtig und kam Frederik irgendwie bekannt vor. Als der Kerl sich umdrehte, um etwas aus dem Schrank zu holen und Frederik in dem Türrahmen entdeckte, stieß er einen spitzen, tuntigen Schrei aus.

„Herr Engelbrecht?“ fragte Frederik erstaunt.

„Herr von Boeder! Oh Gott!“ Engelbrecht hielt sich das Hemd, das er gerade in der Hand hielt, vor den Mund.

Engelbrecht war einer der Chemiker, die für Frederik arbeiteten. Natürlich nicht irgendeiner. Er war derjenige, der das Sonderprojekt ‚Furien’ betraute. Der Einzige außer ihm selbst und Webermann, der in die Einzelheiten eingeweiht war.

„Was tun Sie denn hier?“ wollte Frederik von seinem Angestellten wissen.

„Oh Gott, ich ähm … ich …“

„Ja was?“

„Herr Webermann hat mich gebeten, ein paar Sachen für ihn zu holen.“

„Wo ist Webermann?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen!“

„Er schwebt aber in höchster Gefahr, ist Ihnen das eigentlich klar?“

„Deswegen darf ich ja auch niemandem sagen, wo er ist.“

Frederik schaute auf den Koffer. Das waren nicht Franks Sachen, jedenfalls nicht ausschließlich. Frank rasierte sich nass. In dem linken Koffer lag ein Elektrorasierer.

Allmählich dämmerte es Frederik. Es war Frank. Vielleicht hatte er versucht, das Geschäft mit einem anderen Käufer abzuschließen, einem, der mehr zahlte. Oder er selbst hatte den Killer beauftragt, um alle Spuren zu beseitigen. Frank wollte sich mit den 10 Millionen absetzen. Das war Frederik jetzt klar.

„Ich habe damit nichts zu tun!“ verteidigte sich Engelbrecht hysterisch fiepsend und hob abwehrend die Hände.

Und diese kleine Schwuchtel war mit von der Partie. Die und Frank! Die beiden wollten ihn auflaufen lassen. Frederik wurde schwindelig bei dem Gedanken. Er liebte Frank, auch wenn es ihm schwerfiel, weil Frank ja ein Mann war. Frederik war noch lange nicht so weit, sich eingestehen zu können, dass er schwul war. Mit dem Geld wollten sie sich absetzen und irgendwo unter fremder Identität ein ganz neues Leben anfangen. Nur deshalb hatte Frederik sich auf diese Geschichte eingelassen. Nur Frank zu Liebe. Und jetzt wollte der ihn abservieren und mit dieser kleinen Chemikerschlunze durchbrennen.

Das Blut pochte in Frederiks Schläfen. In diesem Moment versuchte Engelbrecht an ihm vorbeizuhuschen und auszubrechen. Frederik hielt ihn mit der Kraft des eifersüchtigen Gatten fest und schleuderte ihn brutal zurück auf das Bett. Engelbrecht kreischte.

„Wo ist Frank?“

Drohend ging Frederik auf seinen ehemaligen Mitarbeiter zu.

Der griff plötzlich hinter sich und warf mit dem Elektrorasierer nach ihm. Frederik bekam das Gerät an die Schulter. Aber es schmerzte nicht einmal. Die Schwuchtel fing an mit allem zu werfen, was in dem Koffer war. Frederik lachte nur. Er wich den fliegenden Kleidungsstücken nicht einmal aus. Dann packte er Engelbrecht, zog ihn hoch und schüttelte ihn kräftig.

„Wo?“ fragte er nur.

Engelbrecht stand die Panik ins Gesicht geschrieben, aber er sagte kein Wort. Er würgte höchstens an etwas, das wohl in seinem Hals zu stecken schien. Frederik musste sich nicht groß überwinden und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.

Engelbrecht wimmerte. Er versuchte sich zu wehren. Aber drei, vier harte Schläge brachten Engelbrecht fast um. Spätestens jetzt wurde klar, warum Engelbrecht Chemiker und nicht Möbelpacker geworden war. Mit Frank hätte Frederik nicht so leichtes Spiel gehabt. Frank war durchtrainiert und stand voll im Saft. Wütend schlug Frederik zu. Wieder und wieder. Engelbrechts Wimmern wurde langsam leiser.

„Lass mich“, sagte er dann. „Ich sag’s dir ja.“

Wie konnte Frank nur so einem Weichei trauen? Es war doch klar, dass Engelbrecht alles ausplaudern würde.

Frederik hatte nur Verachtung für dieses jämmerliche Etwas übrig. Einen Moment später erkannte er den weißen Seidenschal um Engelbrechts Hals. Den hatte er Frank zu ihrem zweiten Jahrestag geschenkt.

Jetzt, wo Frederik nichts mehr zu verlieren hatte und wusste, wo Webermann sich aufhielt, gab es keine Grenzen mehr für ihn. Frederik zog den Schal an beiden Enden zu. Er sah nicht hin, als Engelbrechts Augen langsam hervortraten, seine Haut begann sich blau zu verfärben. Er hörte auch nicht auf, als Engelbrechts Gurgeln aussetzte. Er zog dieEnden des Schals so lange zu, bis er sicher war, dass Engelbrecht tot war. Mord aus Eifersucht endet eben meist im Overkill.

Dann stand Frederik erschöpft und innerlich ausgebrannt auf und machte sich auf die Suche nach Frank. Wenn er ihn erledigt hatte, war es ihm egal, was dann mit ihm geschah. Sein Leben war bereits mit diesem Betrug zu Ende gewesen. Dazu brauchte es keinen Killer mehr und auch keine Frau, die wütend zu Hause mit dem Essen auf ihn wartete.