Salino & die Furien

Kapitel 2

Frederik schluckte trocken, als er das ausgebrannte Lager sah. Nicht eine Sekunde glaubte er an den Unsinn, den ihm dieser Kommissar auftischen wollte. Radikale Umweltschützer, Blödsinn! Die hätten ihm vielleicht einige Molotows über den Zaun geworfen, aber wer auch immer das hier getan hatte, der hatte ganze Arbeit geleistet. Außerdem wusste Frederik etwas, was die Polizei nicht wusste. Er war sich ziemlich sicher, dass er die Leute kannte, die ihm das hier angetan hatten.

Frederik rümpfte die Nase. Er war bloß froh, dass die Fässer mit Phenol heil geblieben waren. Dass es trotzdem im Umkreis von 5 Kilometern tagelang nach einer Mischung aus Waldmeister und Himbeere riechen würde, war vielleicht gerade noch zu verkraften. Er machte sich auf eine Menge Beschwerden gefasst. Die kamen ja schon bei normalen Produktionsabläufen zu Hauf. Aber bei der Menge, die hier ausgetreten und in den Boden versickert waren, konnte das Tage dauern, bis das Aroma einigermaßen verflogen war. Wahrscheinlich musste sogar die oberste Erdschicht abgetragen werden. Er selbst wohnte schließlich nicht weit vom Unglücksort und wollte selbstverständlich auch nicht jeden Morgen in einer Wolke aus künstlichen Aromen aufwachen.

Der Brand schien allmählich unter Kontrolle zu sein. Frederik wandte sich an den leitenden Beamten.

„Ich muss hinunter in mein Büro. Es gibt noch jede Menge zu erledigen. Sie wissen schon, die Aufräumarbeiten koordinieren und so.“

Kommissar Bruhns winkte ihm zu, ohne dabei das Taschentuch von Mund und Nase zu nehmen.

„Gehen Sie, gehen Sie nur!“ nuschelte er durch den Stoff.

Frederik hatte kein Wort verstanden, aber offenbar war er hier überflüssig.

Die Aufräumarbeiten waren in Wirklichkeit sein geringstes Problem. Aber er musste Walther warnen. Der arme Kerl hatte ja keine Ahnung, was ihm blühte. Es war nicht Frederiks Idee gewesen. Von vornherein nicht, aber das machte nun keinen Unterschied mehr. Er hatte Walther da mit hinein gezogen und zwar ohne dessen Wissen. Da war es nur recht und billig, wenn er ihn wenigstens vor solchen Anschlägen warnte. Sicher, vielleicht musste er Walther mehr erklären als ihm lieb war, aber Frederik war kein Schwein und die Sache geriet allmählich außer Kontrolle.

*

Das waren nicht dieselben Beamten wie vergangene Nacht, stellte Marianne erst einmal fest, als sie die Bibliothek betreten hatte. Drei Herren in billigen Anzügen unterbrachen ihr Gespräch und schauten interessiert, fast argwöhnisch zu ihr herüber. Marianne ignorierte ihre Blicke fürs Erste. Sie hatte nicht geschlafen, sie fühlte sich schlaff und ihre Haut hatte über Nacht offenbar jegliche Spannkraft verloren. Auch das kalte Wasser unter der Dusche hatte nichts geholfen. Und obwohl sie sich umgezogen hatte, fühlte sie sich nicht besonders wohl in ihrer Haut.

„Mertens, BKA, mein Kollege Feierabend und Herr Schlottau“, stellte der Älteste von den Dreien sich vor. Offensichtlich war die örtliche Kripo mit dem Fall wohl doch überfordert.
Schade, dachte Marianne. Der komische Kauz von heute Nacht war ihr eigentlich ganz sympathisch gewesen. Sie erwartete, dass Herr Mertens nun einige Fragen an sie hatte, denn zumindest für die Kripo schien sie ja wohl zum Kreis der Verdächtigen zu gehören. Aber es war Herr Schlottau, der sie unerwartet ansprach.

„Machen wir’s kurz“, sagte Schlottau tonlos. „Wir gehen von politischen Motiven aus. Der Tathergang spricht deutlich für eine professionelle Arbeit. Kopfschuss aus mittlerer Distanz. Wahrscheinlich mit einer 45er.“

Mertens räusperte sich. Das sollte wohl den Kollegen davon abhalten, sich allzu sehr in den Details zu verzetteln. Schlottau quittierte die Unterbrechung mit einem vernichtenden Blick. Offensichtlich waren die Kompetenzen hier anders verteilt, als Marianne zunächst angenommen hatte.

„Also gut“, brummte Schlottau unwillig und zog ein Formular aus der Innentasche seine Jacketts. „Das hier ist ein Durchsuchungsbeschluss. Sowohl für dieses Haus, als auch für die Firma ihres Mannes. Wir sind befugt, alle Unterlagen mitzunehmen, die Rückschlüsse auf die geschäftlichen Aktivitäten ihres Mannes zulassen!“

Schlottau ließ Marianne einen Moment Zeit, darauf zu reagieren. Marianne zuckte nur verständnislos die Achseln.

„Politische Motive? Es ist Ihnen schon bekannt, dass mein Mann ausschließlich Bauteile für Haushaltsgeräte produziert?“ fragte sie zynisch. „Was sollte wohl beim Bau einer Kaffeemaschine oder einer Waschmaschine zu politischen Verwicklungen führen?“

Schlottau ging darauf nicht ein. „Wollen Sie Ihren Anwalt hinzuziehen?“

Marianne schüttelte den Kopf. „Nehmen Sie mit, was Sie brauchen.“ Sie wollte diese Leute einfach nur aus dem Haus haben.

Schlottau zog ein Handy aus der Gürtelschlaufe und wählte eine vorprogrammierte Nummer an.

„Es geht los“, sagte er und legte gleich wieder auf. „Während meine Kollegen Ihre Firma durchsuchen, sehen wir uns hier ein wenig um!?“

Das schien keine wirkliche Frage zu sein. Schlottau wartete auch nicht ab, ob Marianne ihn einlud, zu tun, wonach ihm der Sinn stand, sondern machte sich gleich an die Arbeit. Mertens entschuldigte sich bei Marianne für die Umstände und folgte seinen Kollegen zögernd. Ihm war die Angelegenheit anscheinend eher unangenehm.

„Ihre Firma“, dachte Marianne. Bisher war es immer Walthers Firma gewesen. Aber jetzt schien es plötzlich ihre Firma zu sein. Marianne beschlich ein unheimliches Gefühl. Wenn sie genau darüber nachdachte, musste sie zugeben, dass sie überhaupt keinen Schimmer davon hatte, was ihr Mann da geschäftlich so trieb. Sie hatte sich immer damit zufrieden gegeben, dass er Elektrogeräte herstellte. Das war einfach alles, was sie wusste. Hoffentlich kam da jetzt nichts zu Tage, was Marianne auf gar keinen Fall wissen und woran sie noch weniger beteiligt sein wollte. Das Telefon riss sie aus den Gedanken.

„Weppert?“

„Frau Weppert?“

„Ja.“

„Von Boeder hier. Ich war ein Geschäftsfreund Ihres Mannes.“

Marianne dachte nach. Doch, sie kannte die von Boeders. Sie waren sich auf einigen Bällen begegnet. Zuletzt auf dem ADAC-Ball in Hannover.

„Ich habe eben erst gehört, was Ihrem Mann passiert ist“, fuhr die Stimme gehetzt fort. „Glauben Sie mir, das tut mir unendlich leid. Wirklich. Soweit hätte es nie kommen dürfen!“
„Was?“ fragte Marianne neugierig. Da schien es tatsächlich etwas zu geben, von dem sie nichts wusste?

„Ich muss Sie sofort sprechen. Es ist wirklich dringend. Da sind Informationen, die Sie unbedingt haben müssen.“

„Was für Informationen?“

„Nicht am Telefon.“ Es hörte sich an, als ob der Mann am anderen Ende der Leitung sich umschaute. „Ich habe die Polizei im Hause“, erklärte er flüsternd.
„Ich auch“, gab Marianne trocken zurück. „Und darum möchte ich auch schnellsten wissen, …“

„Kloster Corvey“, unterbrach sie der Anrufer. „In einer Stunde.“

„Wo?“ fragte Marianne zur Sicherheit nach. Aber die Leitung war bereits tot. „Auf Wiederhören“, sagte Marianne trotzig, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte. Sie konnte Unhöflichkeiten absolut nicht ausstehen.

*

Salino fand das Gästezimmer, in dem seine Tante ihn untergebracht hatte, einsame Spitze. Es lag im zweiten Stock. Aus dem Fenster hatte man einen herrlichen Blick auf den Teich, der hinter dem Haus im Garten lag. Ein kleiner Pfad führte durch eine dichte Hecke hinunter an den Steg. Offenbar konnte man in dem Tümpel auch baden.

Das Zimmer hatte zwei Betten. Salino entschied sich für das auf der rechten Seite. Beim Anblick des Schrankes fiel ihm ein, dass er keine Kleidung zum Wechseln dabei hatte. Er drückte seine Zigarette auf der Fensterbank aus und schnippte den erloschenen Stummel hinaus. Salino war hundemüde. Zeit für ein kleines Nickerchen. Das Bett schien frisch bezogen zu sein. Salino zog sich aus und legte seine Sachen ordentlich auf den Stuhl am Fußende des Bettes.

Es wurde zwar nicht geklopft, aber dafür die Tür aufgerissen. Ein Mann mit speckigen Lederflicken auf den Jackett-Ärmeln starrte Salino, der nur in Unterhose da stand, an.

„Ich wollte mich gerade ein wenig hinlegen“, erklärte Salino irritiert.

Ein zweiter Mann tauchte hinter dem ersten im Türrahmen auf. Er schaute kurz rein. „Wer ist das?“

Der Mann mit den Lederflicken zuckte hilflos die Achseln. „Keine Ahnung!“

„Nehmen Sie seine Personalien auf und suchen Sie weiter.“

„Polizei“, schoss es Salino durch den Kopf. Natürlich, sie hatten den toten Lehrer im Wald gefunden. Aber wie waren sie so schnell auf seine Spur gekommen?

„Polizei!“, sagte der Mann energisch und hielt ihm seinen Ausweis hin. „Feierabend!“

„Ich war’s nicht!“ behauptete Salino und spürte die Panik wie eine Faust in seinem Magen.

„Wie bitte?“

Wie konnten die bloß so schnell hier sein?

„Ich möchte meinen Anwalt sprechen“, sagte Salino und fing sich wieder. Nur keine Panik. Immer schön die Nerven bewahren. Schließlich hatte er Rechte.

„Hören Sie“, winkte Feierabend ab. „Ich möchte nur wissen, was Sie hier tun und wer sie sind! Wenn Sie sich also bitte ausweisen würden!“

Salino überlegte, wie er um die Ausweiskontrolle herum käme. Das machte sich nicht gut, wenn Sie feststellten, dass er ohne festen Wohnsitz war.

„Also meine Gäste lassen Sie bitte in Ruhe“, kam ihm eine energische Stimme zu Hilfe. „Das ist der Neffe meiner Haushälterin und der ist hier übers Wochenende zu Besuch. Der hat mit der ganzen Geschichte nun wirklich nichts zu tun.“

Feierabend schaute sich hilfesuchend nach seinem Kollegen um.

„Reicht es nicht, dass Sie mir hier alles auf den Kopf stellen? Müssen Sie auch noch meine Gäste belästigen?“ fragte Frau Weppert nochmals eindringlich.

„Lassen Sie nur, Feierabend“, wies Schlottau den jungen Beamten an. „Helfen Sie uns lieber, das Arbeitszimmer zu suchen.“

„Erdgeschoß, dritte Tür rechts“, informierte Marianne den Beamten und sah Feierabend nach. Dann sah sie Salino ernst an. Der schnappte nach seiner Kleidung und begann, sich schnell wieder anzuziehen. Das schien hier kein Ort zu sein, an dem man tagsüber mal ungestört ein kleines Nickerchen machen konnte.

„Ich könnte Ihre Hilfe brauchen“, sagte Frau Weppert leise.

„Gerne.“

„In einer halben Stunde muss ich mich mit jemandem treffen und da würde ich nur ungern allein hinfahren!“

Es gab keinen Grund, so leise zu sprechen. Die Polizei war ins Untergeschoß abgerückt.

„Soll ich mitfahren?“

„Wäre mir lieber.“

Klang nach einer geheimnisvollen Sache. Offenbar war die Polizei tatsächlich nicht seinetwegen hier. Außerdem hatte Salino eh nichts Besseres vor.

„Mach ich gerne“, bot er zufrieden an.

Es war immer gut, solchen Leuten einen Gefallen voraus zu sein, denn die Wahrscheinlichkeit war groß, dass er Frau Wepperts Hilfe später noch gebrauchen könnte.

Frau Weppert nickte ihm verschwörerisch zu und schloss die Tür hinter sich.

*

Salino hatte unten vor dem Jaguar auf Frau Weppert gewartet. Die Polizei schlich noch immer im Haus herum. Es war Salino keineswegs gelungen herauszufinden, wonach die eigentlich suchten.

Mit schnellen Schritten kam Frau Weppert über den Kies gestürmt. Wie schaffte sie es bloß, mit solchen Absätzen in diesem beweglichen Untergrund nicht einzuknicken?

Ein elektronisches Signal und ein kurzes Aufleuchten der Blinker zeigte an, dass die Zentralverriegelung freigegeben war. Salino stieg ein, noch bevor Frau Weppert den Wagen erreicht hatte. Er fragte nicht einmal, wohin die Reise ging, als sie recht flott vom Hof fuhren.

Weit war es nicht, dann lag Kloster Corvey rechts von ihnen an einem leichten Hang. Marianne fuhr langsamer und suchte nach einem Parkplatz.

Salino stellte keine Fragen. Er folgte Frau Weppert über die asphaltierte Bogenbrücke in den Hof des Konventgebäudes. Frau Weppert schaute sich ungeduldig um. Aber es waren nur wenige Besucher hier. Wenn hier jemand auf sie wartete, dann doch eher in der Abtei, wo er nicht sofort von jedermann zu sehen war. Diesen Gedanken hatte wohl auch Frau Weppert, denn sie steuerte unvermittelt auf das alte Gebäude zu. Salino hatte keine Ahnung, warum er eigentlich hatte mitkommen sollen.

Gleich vor der Abtei stand ein älterer Herr in Knickerbockern aus hellem breiten Cord, mit einer sportlichen Schirmmütze aus Wolle. Frau Weppert schien den Mann zu kennen und ging zielsicher auf ihn zu.

„Herr von Boeder?“

„Die Polizei haben Sie hoffentlich nicht mitgebracht“, fragte Herr von Boeder und ließ Salino nicht aus den Augen.

„Wohl kaum. Das hier ist ein guter Bekannter von mir“, log Marianne. „Also!“

„Tja“, sagte von Boeder und schaute Marianne betrübt an. „Ich weiß kaum, wo ich anfangen soll.“

„Vielleicht sagen Sie mir erst mal, in was für Geschäfte mein Mann da verwickelt war! Die Polizei behauptet, dass seine Ermordung politisch begründet war.“

Bei dem Wort „Ermordung“ zuckte von Boeder deutlich zusammen. „Ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Mann keinerlei Wissen von diesen Dingen hatte.“

„Von welchen Dingen?“

„Das versuche ich Ihnen ja gerade zu erklären“, brummte von Boeder ungeduldig. „Hier, das stammt aus der Fabrik Ihres Mannes.“

Von Boeder gab Marianne einen kleinen Chip. Sie betrachtete das Teil, aber konnte nichts Ungewöhnliches daran feststellen. Soviel sie wusste, hatte ihr Mann tausende dieser kleinen Dinger in seinem Lager. Eines sah aus wie das andere.

„Ja und?“

Von Boeder schien sich am liebsten vor der Antwort drücken zu wollen. Unmittelbar neben ihm flogen ein paar Kieselsteine weg. Sie standen hier keine zehn Meter vom Eingang zur Abtei entfernt. Salino starrte dorthin, wo sich die Kieselsteine bewegt hatten. Er überlegte, wie es wohl dazu gekommen war.

Da! Da war es schon wieder passiert. Es hatte ausgesehen, als ob jemand dort einen größeren Stein hingeworfen hatte. Salinos Blick schweifte über das Gelände. An der gegenüberliegenden Seite des Parks stand jemand an einen Baum gelehnt und hielt etwas in der Hand.

„Was ist mit diesem Ding?“ drängte Marianne auf eine Antwort.

Salino brauchte eine weitere Sekunde, um zu verstehen, was vorging. Aber dann schrie er: „In Deckung! Da schießt jemand auf uns.“

Von Boeder sah sich gehetzt um. Marianne schaute Salino verständnislos an. Jetzt war keine Zeit für weitere Erklärungen.

„Da rein!“ Er griff Frau Weppert mit beiden Händen an die Hüfte und schob sie Richtung Eingang zur Abtei. Gott sei Dank sträubte sie sich nicht besonders. Von Boeder folgte den beiden verwirrt mit etwas trägen Schritten. Salino hatte die schwere gusseiserne Klinke noch nicht in der Hand, da war in Kopfhöhe auch schon ein kleines Loch in der schweren Eichendiele. Der Einschlag machte ein Geräusch, als ob jemand mit stählerner Faust angeklopft hätte. Drinnen hallte es wesentlich dünner nach. Keine Frage, man hatte es auf sie abgesehen! Salino riss Frau Weppert in die kühle Dämmerung der Abtei hinein. Eigentlich hatte er vor, nach ihrer Kostümjacke zu greifen, hatte dann aber doch nur den leichtgewebten Stoff ihrer Bluse zu fassen gekriegt.

„Also bitte!“ schimpfte sie empört, als die feine Seide riss.

Von hinten schob sich von Boeder geduckt an ihnen vorbei in Sicherheit.

„Was ist hier eigentlich los?“ wollte Marianne wissen.

„Das sind sie“, zischte Frederik. „Die wollen mich!“

Salino schaute vorsichtig aus dem Türspalt. Die Gestalt hinter den Bäumen war verschwunden.

„Sind sie weg?“

„Ich glaube nicht, dass die so schnell aufgeben“, sagte von Boeder. „Besser, wenn man uns nicht zusammen sieht.“ Er wollte sich nach hinten in den Kreuzgang zurückziehen.
„Nein, Sie bleiben hier! Ich habe noch jede Menge Fragen.“

„Später“, knurrte Frederik. „Jetzt sollten wir erst mal sehen, dass wir hier lebend rauskommen.“ Er wischte Mariannes Hand von seinem Ärmel und lief los.

„Verschwinden Sie!“ rief er noch einmal zurück. „Sehen Sie zu, dass sie hier rauskommen.“

„Er hat recht!“ pflichtete Salino ihm bei. Das Ganze sah wirklich nicht gut aus. Was auch immer hier vorging, man konnte dabei leicht verletzt werden.

„Feigling“, rief Marianne ihm enttäuscht hinterher.

„Kommen Sie! Wir verstecken uns dort hinter den Säulen.“

Frau Weppert zögerte einen Moment, aber dann sah sie ein, dass es keinen Zweck hatte. Frederik von Boeder war weg.

*

Sie waren kaum hinter den ersten rechteckigen Säulen des Westwerkes in Deckung gegangen, da betrat jemand die Abtei. Salino presste sich an den kühlen Sandstein und zeigte mit dem Finger auf den Boden. Langsam ließ er sich hinuntergleiten, bis er fast auf dem Boden saß. Frau Weppert machte es ihm nach. Von hier unten lugte Salino vorsichtig um die Kante der Säule.

Alles was er sah, waren Holzbänke. Und dazwischen ein paar Beine. Metallabsätze schlugen auf tausendjährigem Basalt. Dann sah er die schlanken Waden und Fesseln. Es war noch nicht so lange her, dass er sie nicht sofort wiedererkannte. Als er die locker herunterbaumelnde Waffe mit dem langen Schalldämpfer sah, war er sich sicher.

„Dieser Typ hat Unrecht. Die sind nicht hinter ihm her. Ich glaube, die suchen mich“, flüsterte Salino mit vorgehaltener Hand. Selbst von dem Flüstern entstand ein Nachhall. Der war aber eher wie ein Rauschen. Man konnte wohl kaum heraushören, woher das Geräusch kam. Oder doch? Die Schritte kamen näher.

Frau Weppert sah aus, als ob sie ihn etwas fragen wollte. Salino hielt den Finger auf den Mund. Die Schritte waren verstummt, offenbar lauschte die Frau in der Mitte der Abtei stehend. Dann setzten die Schritte wieder ein.

Vorsichtig krabbelte Salino weiter hinein ins Westwerk hinein. In dem Bogengemäuer waren die Säulen zwar kleiner und rund, aber dafür war es dort viel dunkler. Hinter der nächsten Säule drehte Salino sich um. Marianne war ihm nicht gefolgt. Sie schüttelte nur den Kopf.

Die Killerin war nicht zu sehen, aber Salino war sich sicher, dass sie näher kam. Hektisch winkte er Frau Weppert zu. Sie sollte ihm folgen. Irgendwie mussten sie es schaffen, durch die Säulen an dem Killer vorbei, wieder zur Tür zu gelangen.

Noch einmal winkte er Frau Weppert zu. Die seufzte. Gott sei Dank tonlos. Dann setzte sie sich endlich in Bewegung. Hoffentlich sah die Killerin Frau Weppert nicht. Der Rock schien sie beim Kriechen zu beengen, jedenfalls hob sie ihren Hintern viel zu hoch. Aber sie schaffte es trotzdem, unbemerkt hinter seine Säule zu kommen.

„Sch…“, zischte sie leise. Sie hatte sich beim Kriechgang das Knie aufgescheuert und ihre Strümpfe lösten sich in kleine Kringel auf. Salino lauschte. Der Killer lauschte ebenfalls. Dann hörte er wieder Schritte. Diesmal ein ganzes Stück rechts von ihnen.

Also weiter nach hinten zur nächsten Säule. Frau Weppert folgte ihm widerwillig. Zwei Säulen waren sie weiter gekommen, als Frau Weppert ihm von hinten ins Genick fasste.
„Jetzt ist aber Schluss“, zischte sie ihm ins Ohr. „Hier bleiben wir jetzt.“

Salino wollte etwas einwenden. Aber die Schritte in der Abtei waren schon wieder verstummt. Wahrscheinlich hatte der Killer das Flüstern gehört. Salino und Marianne drängten sich dicht an den Stein. Salino zitterte plötzlich am ganzen Körper. Nur ein kurzes Frösteln war das. Salino hatte genau vor Augen, wie der tote Lehrer über ihm auf seinem Steuerrad gehangen hatte. Er hatte den Namen vergessen. Wie hieß er noch? Olaf. Natürlich Olaf.

Diesmal lauschte die Killerin sehr lange. Am liebsten wäre Salino aufgesprungen und einfach losgelaufen. Aber Frau Weppert mit ihren Hackenschuhen? Was sollte aus ihr werden?

Salinos Puls raste. Frau Weppert hielt ihm ihre Pumps hin. Offenbar hatte sie die Quälgeister ausgezogen. Mit weinrotem Fingernagel zeigte sie in Richtung Eingang der Abtei. Auch sie wollte anscheinend einfach durchbrechen. Salino lächelte amüsiert. Eine blöde Idee. Selbst, wenn er vor einer Minute noch die gleiche gehabt hatte. Schließlich konnte keiner von ihnen so schnell laufen, wie eine Kugel flog.

Auf der anderen Seite der Abtei fiel in diesem Moment laut eine Tür ins Schloss. Das war ihre Rettung. Wahrscheinlich hatte von Boeder einen anderen Ausgang gefunden. Die Metallabsätze hasteten durch die Abtei. Und sie entfernten sich eindeutig von ihnen.

„Jetzt aber“, zischte Frau Weppert und wartete gar nicht erst Salinos Einverständnis ab. Sie lief los in Richtung Ausgang. Salino hatte echte Mühe, ihr zu folgen. Im Ernstfall wäre wahrscheinlich er es gewesen, der sich die erste Kugel eingefangen hätte. Auf dem kurzen Stück Kiesweg schlüpfte Frau Weppert fast im Lauf wieder in ihre Schuhe. Salino sah sich nervös um.

Keine Spur von der Killerin. Keine Spur von diesem Kerl, mit dem Frau Weppert sich getroffen hatte. Sie beeilten sich, über die Brücke zurück zu ihrem Wagen zu gelangen. Endlich in Sicherheit, dachte Salino, als die Wagentüren ins Schloss gefallen waren. An eine Autobombe verschwendete er keinen Gedanken. Frau Weppert ließ den Motor aufheulen. Keine Explosion. Nichts. Alles war gut. Der Jaguar bog auf die Straße ein und Salino beruhigte sich langsam wieder. Er wagte nicht zu fragen, was da vor sich gegangen war. Frau Weppert würde es ihm sowieso nicht sagen. Also schwieg er die ganze Fahrt über und dachte nach.

„Sagen Sie mal, wieso nennt Ihre Tante Sie eigentlich Salino?“ fragte Frau Weppert, als sie schon fast wieder zu Hause waren.

Salino grinste. Das hatte er beinahe schon wieder vergessen. „Ich habe damit laufen gelernt“, sagte er. „Mit dieser Lakritze, diesen rautenförmigen Dingern.“

„Ach ja?“

„Meine Mutter hat mir immer eins nach dem anderen in einer Reihe auf den Laufstallrand gelegt. Und immer, wenn ich eins haben wollte, musste ich einen Schritt machen, um zum nächsten zu kommen.“

„Warum gerade Salinos?“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich habe ich mich nur dafür bewegt.“

„Dann stört es Sie sicher nicht, wenn ich Sie auch Salino nenne!?“

„Nein, gar nicht.“

„Ach, und erzählen Sie Ihrer Tante besser nichts, von dem, was in der Abtei los war. Die macht sich sonst nur unnötige Sorgen!“

„Nein, nein.“

Salino wäre gar nicht auf die Idee gekommen, davon seiner Tante zu erzählen. Genauso wenig wie von Olaf.

„Und noch was“, sagte Frau Weppert, als der Wagen vor der Garage gehalten und sie den Zündschlüssel abgezogen hatte. „Wieso dachten Sie, der Killer wäre hinter Ihnen her?“
Sie hatte es also nicht überhört. Salino ärgerte sich. Warum hatte er nicht den Mund gehalten? „Ich hatte nur Panik“, versuchte Salino sich rauszureden. „Paranoia!“

„Aha“, sagte Frau Weppert ungläubig. „Sie wissen also nichts weiter von dieser ganzen Geschichte?“

„Ich?“ fragte Salino echauffiert zurück. „Ich weiß ja nicht mal, wie der Kerl hieß, den wir in Corvey getroffen haben.“

Frau Weppert grunzte zufrieden. „Dann lassen wir es auch dabei. Ich kriege Ärger mit Ihrer Tante, wenn ich Sie da mit hineinziehe.“

Mit reinziehen war gut. Salino steckte ja schon mitten drin. Auch wenn er nicht wusste, worin eigentlich.

*

Tante Franziska wartete bereits genervt an der Haustür auf Frau Weppert. „Die Herren von der Polizei …“ begann sie.

„Sind die immer noch da?“ wunderte sich Marianne.

„Nein, nein. Jetzt sind es ganz andere, die Sie sprechen wollen!“

Salino wollte der Polizei aus dem Weg gehen. Aber die beiden Beamten warteten am Fuße der Treppe im Flur. Grußlos schob sich Salino an ihnen vorbei. Der ältere der beiden beäugte ihn misstrauisch und sah ihm nach, als er die Treppe hinaufstieg. Aber niemand hielt ihn auf.

„Tja Frau Weppert“, sagte Bruhns. „Das hat ja nun etwas länger gedauert. Eigentlich wollte ich ja schon am Vormittag bei Ihnen vorbeischauen, aber ein weiterer Mord hat uns leider aufgehalten.“

Also, von Boeder konnte das nicht sein, überlegte Marianne kurz. So schnell schossen die Preußen nicht.

„Hat das etwas mit dem Tod meines Mannes zu tun?“ tastete Marianne sich vorsichtig vor.

„Ich glaube kaum. Es sieht aus, als ob sich eine Prostituierte ihres Freiers entledigt hat. Wenngleich …“, Bruhns machte eine Pause. „Die Waffe könnte dieselbe sein, mit der auch ihr Mann erschossen wurde. Zumindest handelt es sich um das gleiche Kaliber.“

„Vielleicht hatte Ihr Mann ja kurz vorher auch Besuch von der Dame!“ mischte sich Kollege Haider gefühlvoll in die Unterhaltung ein.

„Haider! Bitte!“

Bruhns sah Frau Weppert an, als ob er trotzdem eine Antwort auf diese Vermutung erwartete.

„Könnte es denn sein, dass ihr Mann hin und wieder derlei Kontakte pflegte?“

Frau Weppert schaute Bruhns indigniert an. Das lag an der Art, wie er das Wort ‚pflegte’ ausgesprochen hatte. So, als ob es sich dabei um ein lieb gewonnenes Hobby gehandelt hätte. Andererseits hatte dieser Bruhns anscheinend seine Idee, dass sie ihren Mann umgebracht hatte, vorerst auf Eis gelegt. Oder witterte er jetzt Eifersucht als Motiv?

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Mann solche Frauen kannte. Soviel ich weiß, hat er immer zu Hause gegessen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Bruhns verstand schon.

„Na übers Essen reden wir ja gar nicht“, erklärte Haider belustigt. „Kommissar Bruhns wollte wissen, ob Ihr Mann …“

„Haider!“ Haider schreckte zurück, wie ein Hund an dessen Leine plötzlich heftig gezogen worden war.

Bruhns kaute schon wieder eine dieser weißen Pillen. Wahrscheinlich ein Nierenleiden oder so etwas in der Art vermutete Marianne.

„Und Appetit … hat er sich woanders wohl auch nicht geholt?“

Marianne bedachte ihn mit einem Blick, dass er die Frage innerlich sofort zurückzog.

„Also …“ setzte Bruhns an und versuchte das Thema zu wechseln. „Wie Sie vielleicht wissen, liegt Ihr Fall nicht mehr in meiner Hand. Jedenfalls nicht richtig.“

„Das BKA?“ fragte Marianne.

Bruhns nickte. „Aber der Fall mit diesem Lehrer, der erschossen in seinem Auto gefunden wurde, den bearbeite ich. Vielleicht habe ich Glück und es handelt sich in beiden Fällen um die gleiche Tatwaffe, so dass ich …“

„So dass Sie mich auch weiterhin auf dem Laufenden halten können“, vollendete Marianne den Satz.

Bruhns hatte den freundlichen Rauswurf wohl registriert. Er nickte und verabschiedete sich höflich.

„Eins noch“, sagte Bruhns freundlich auf dem Weg zur Tür. „Die Leiche Ihres Mannes ist bereits so gut wie freigegeben. Sie können also, wenn Sie wollen, die Beerdigung in die Wege leiten.“

„Danke“, sagte Marianne.

Bruhns nickte nochmals und zog Haider, der eine sehr amtliche Mine aufgesetzt hatte, mit sich.

„Polizisten!“ grunzte Franziska, als sie die Tür hinten den beiden Columbos für Arme geschlossen hatte.

„Franziska, die Beerdigung …“

„Ist schon alles in die Wege geleitet. Ich fahre noch heute Nachmittag in den Ort und treffe mich mit Kranz. Wenn Sie noch besondere Wünsche haben …“

„Nein, nein. Das machen Sie schon ganz in meinem Sinne. Da bin ich sicher. Und die Gästeliste?“

„Liegt auf Ihrem Sekretär.“

„Wunderbar. Wenn ich Sie nicht hätte.“

„Beruht ganz auf Gegenseitigkeit“, flachste Franziska.

„Und mit Ihrem Neffen …“

„Der ist morgen in der Früh verschwunden!“

„Nein! Er soll ruhig bleiben … Aber er hat sicher keinen passenden Anzug dabei. Wenn Sie ihm also bitte einen besorgen würden.“

„Aber Madame, der Junge …“

„Ist sehr nett. Nur könnte er halt was Vernünftiges zum Anziehen gebrauchen“, würgte Frau Weppert ihre Haushälterin freundlich ab.


„Hören Sie Franziska. Der Junge kann nichts dafür. Ich möchte, dass Sie ihm einen Anzug kaufen und was er halt so braucht.“

Franziska wollte nicht nachgeben. Es war ihr äußerst unangenehm, dass Salino nun Frau Weppert auf der Tasche lag. Aber das war typisch für ihn. Immer wieder schaffte er es, dass sich andere für ihn verantwortlich fühlten. Das war schon früher immer so gewesen. Irgendwann musste damit mal Schluss sein.

„Keine Diskussion“, sagte Marianne, als sie Franziskas Widerwillen bemerkte. „Der Junge ist mein Gast und bleibt, solange er möchte.“

„Das kann sehr lange sein, wenn man nicht aufpasst“, knurrte Franziska.

„Wir werden sehen“, beendete Frau Weppert diese Diskussion. „Ich habe noch einiges für heute zu tun. Erst einmal muss ich unseren Prokuristen Webermann auftreiben. Ich verstehe gar nicht, wieso der sich noch nicht bei mir gemeldet hat. Irgendwie müssen ja auch die Geschäfte fortgeführt werden!“

*

Salino mochte dieses Zimmer wirklich sehr. Hier hätte er für immer bleiben können. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, fühlte er sich sicher und geborgen. Inzwischen war es Nachmittag und die Sonne fiel schräg in das Zimmer hinein. Das Fenster war fast auf Brusthöhe. Er nahm einen Stuhl und kletterte hinauf. Auf der Fensterbank war es nicht sonderlich bequem. Was sollte er nun tun? Noch einmal versuchen, sich aufs Ohr zu legen? Nein, nach seinen bisherigen Erfahrungen glaubte er kaum, dass man in diesem Haus am helllichten Tage Ruhe fand.

Salino zündete sich eine Zigarette an und zog den Rauch tief ein. Und er hatte Recht. Die Zigarette war erst halb aufgeraucht, da klopfte es wieder an seiner Tür.

Unruhig war dieses Haus. Seine Tante hatte offensichtlich schlechte Laune. Sie forderte ihn auf, mit hinunter in den Ort zum Einkaufen zu fahren. Vielleicht war sie von dem ganzen Durcheinander überfordert, jedenfalls sprach sie während der kurzen Autofahrt kein einziges Wort mit ihm.

Zuerst ging es zum Bestatter Kranz. Seine Tante wollte nicht, dass er mit hinein ging. Er sollte draußen warten. Sie gab ihm 5 Euro für ein Eis!

Frustriert schaute Salino ihr nach. Was war er? Ein Kleinkind? Er sah sich um. Auf der anderen Straßenseite war tatsächlich ein Eiskaffee. Stühle und Tische standen, trotz der nicht gerade freundlichen Temperaturen, einladend auf dem Kopfsteinpflaster. Eigentlich wollte Salino sich doch lieber ein Päckchen Zigaretten holen. Gleich neben dem Bestatter war ein Blumenladen. „Kranz für Kranz von Kranz“ stand dort als Werbeslogan in alter Fraktur angeschlagen. Kleinstadthumor dachte Salino. Dann kam ein Bekleidungsgeschäft, aber weit und breit kein Tabakladen. Es wunderte Salino, dass Bestatter Kranz nicht weitsichtiger war. „Zug um Zug zum Kranz“, wäre vielleicht der richtige Slogan für einen Tabakladen gewesen.

Also doch ein Eis? Salino ging über die Straße. An der gläsernen Vitrine im Inneren der Eisdiele stand eine ganz in schwarz gekleidete Frau und suchte sich ein Eis aus. Sie trug einen großen, schwarzen Hut aus Filz mit runder Krempe, die Haare flossen wie schwarzes Gold bis fast hinab zu ihrer Hüfte und ihre Augen verbarg sie hinter einer ebenfalls stark getönten Brille. Vermutlich eine Kundin von Kranz. Eine wirklich elegante und imposante Erscheinung. Das einzige, was noch imposanter war als ihr Erscheinungsbild, war der Hund, der dicht neben ihr stand und mit ruhigem, aber wachem Blick das Treiben hinter dem Glas verfolgte.

Spontan ließ Salino einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen sich und dem schwarzen Kalb. Eine Dogge erster Güte. Phlegmatisch beeindruckend.

„Pistazie, drei Kugeln“, sagte die Frau in Schwarz.

Salino warf einen flüchtigen Seitenblick auf die Hundebesitzerin. Im gleichen Moment, als Salino den Kopf drehte, drehte ihn auch der Hund und sah ihn mit sorgenvollen Falten und noch schlackernden Lefzen an. Ein unheimlicher Hund. Salino wandte den Kopf schnell wieder ab. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass der Hund sich auch wieder auf die Glasvitrine zu konzentrieren schien. Mit langsamer unauffälliger Bewegung drehte Salino wieder den Kopf. Der Hund tat es ihm gleich. Sogar mit derselben Geschwindigkeit. Offenbar mochte er es nicht besonders, wenn man sein Frauchen anstarrte. Ruckartig drehte Salino den Kopf wieder nach vorn und schnell wieder zurück. Der Hund folgte seiner Bewegung. Der Hund war verrückt! Von dem schnellen Hin und Her hatten sich kleine Sabberflecken auf dem Boden gebildet.

„Wotan!“

Der Hund drehte blitzartig den Kopf. Frauchen hielt ihm die Eistüte hin. Ein Haps, ein schlurfendes Geräusch und drei Kugeln Pistazieneis waren verschwunden. Der Hund schluckte nicht einmal. Irgendwie war das Eis einfach weg. Und im nächsten Moment hatte Wotan ihn auch schon wieder im Visier. Sein Frauchen hielt dem Verkäufer die leere Eiswaffel hin. Der schmiss den Biomüll kommentarlos weg.

„Und jetzt bitte drei Kugeln Schokolade.“

Salino ließ sich von den Blicken des Hundes nicht länger einschüchtern. Sein Blick wich nicht mehr von der Frau in schwarz. Sie hielt die zweite Eistüte in der Hand und jetzt lächelte sie ihn sogar an. Ihr Lächeln ließ ihn irgendwie frieren.

„Tor“, rief sie und warf die Eistüte nach ihm. Wenn er etwas bessere Reflexe gehabt hätte, dann hätte er die Tüte vielleicht gefangen. Und dabei natürlich seine Hand verloren. Thor, nicht Tor. Thor musste Wotans Zwillingsbruder sein. Der hatte unbemerkt hinter Salino Position bezogen und machte sich jetzt durch ein „Schnapp“ und das Zerbersten der Eiswaffel bemerkt.

Vor Schreck verlor Salino fast die Kontrolle über seine Schließmuskeln. So fühlt es sich zumindest an. Er wollte ausweichen, aber da war nur die Eisvitrine. Beinahe hätte er sie zertrümmert, so heftig hatte er seine Arme zurückgezogen. Die Reste der Waffel bröselten zu Boden. Der Hund dachte gar nicht daran, sie aufzulecken. Waffeln waren wohl nicht sein Ding.

Wotan und Thor schauten ihn mitleidig an. Ihr Frauchen lachte herzlich und zahlte. „Nur nicht erschrecken“, sagte sie, als sie an Salino vorbei nach draußen ging. „Die Hunde bewegen sich jetzt.“

Und tatsächlich trotteten in diesem Moment die beiden Riesenviecher auf unerhört leisen Sohlen gemächlich hinter ihrer Herrin her ins Freie.

Salino war der Appetit auf Eis gründlich vergangen.

Im oberen Regal neben der Kasse entdeckte er Zigaretten. „Einen Cappuccino und einmal Marlboro.“ Offenbar kannte der Eisverkäufer das seltsame Gespann. Er grinste breit, als er Salino die Zigaretten reichte. „Den Cappuccino bringe ich gleich.“

Salino nickte und setzte sich raus. Seine Hände zitterten immer noch, als er sich eine ansteckte. Was für ein Tag!

*

So hatte sich Marianne das allerdings nicht gedacht. Natürlich wusste sie, dass die Polizei alle Akten beschlagnahmt hatte. Woran sie aber nicht gedacht hatte war, dass die Beamten auch alle Computer und sämtliche Datenspeicher hatten mitgehen lassen. Sogar die Schreibmaschinen, weil bei den modernen Geräten eventuell noch der Speicher auslesbar sein könnte.

„Reine Schikane“, behauptete Marianne und schaute zu den vielen untätigen Angestellten auf den Flur. Was sollten die tun, ohne Computer? Nicht einmal die Ausgangsfrachten konnten abgewickelt werden.

„Reine Schikane“, regte sich Marianne nochmals auf.

„Verdunkelungsgefahr“, behauptete Walthers Sekretärin. Marianne warf ihr einen wütenden Blick zu. Wo hatte ihr Mann denn dieses wasserstoffblonde Dummchen aufgetrieben? 1,90 groß, superschlank, langes gelocktes Haar. Wahrscheinlich war ihre Karriere als Modell nur an ihrer Nase gescheitert. Die sah so aus, als ob sie mehrfach gebrochen war. Oder es war einfach nur eine Schönheitsoperation in die Hose gegangen. Egal! Marianne hatte nicht gewusst, dass ihr Mann sich solche Frauen in sein Vorzimmer setzte. Vielleicht war an dem Appetitholen ja doch was dran? Was hieß das schon, dass sie zwanzig Jahre mit Walther verheiratet war. Von möglichen illegalen Geschäften hatte sie ja schließlich auch nichts gewusst.

„Verdacht auf Straftaten nach StgB §129a, hat der Mann vom BKA gesagt“, flötete das Blondchen. Wäre schön, wenn ich jetzt auch noch wüsste, was das ist: 129a, dachte Marianne. Dann wären wir schon ein gutes Stück weiter. Aber das könnte ihr Webermann ja erklären, der war schließlich Jurist.

„Wo ist denn der Webermann?“ fragte Marianne. „Der ist doch wohl bei der Polizei und sorgt dafür, dass wir unsere Computer bald wiederkriegen, hoffe ich.“

„Das glaube ich nicht“, sagte das Blondchen.

„So?“

„Der ist den ganzen Tag über noch nicht aufgetaucht!“

„Was?“

„Das hat mich auch schon gewundert.“

Dieses einfältige Ding. „Dann rufen Sie ihn mal zu Hause an! Schließlich ist das der Tag, an dem wir einen Prokuristen wirklich brauchen!“ schimpfte Marianne verärgert.
„Habe ich schon mehrfach versucht“, erklärte die Sekretärin. „Weder zu Hause, noch im Fitness Club, nicht mal in seinem Tennisclub ist er.“

Marianne war von dieser Nachricht beunruhigt. Webermann war der Einzige, der ihr sagen konnte, was hier vorging. Warum Webermann mitten in der Woche in seinem Tennisclub sein sollte, war Marianne allerdings schleierhaft. „Finden Sie ihn!“

Blondie hob hilflos die Schultern und legte den Lockenkopf schief. „Ich weiß nicht, wo ich noch suchen könnte.“

Marianne seufzte. „129a! Können die einem nicht wenigstens mal Klartext sagen, worum es überhaupt geht!“ nörgelte Marianne mehr mit sich selbst.

„Oh!“ meldete sich Lockenköpfchen. „Bildung einer terroristischen Vereinigung.“

„Was?“

„129a StgB“, behauptet Blondie.

Marianne schaute das Modell irritiert an. Dann kramte sie diesen Chip aus der Tasche. „Können Sie mir auch sagen, was das hier ist?“ fragte sie eher zynisch als neugierig.
„Ein Computerchip!“

Marianne verdrehte die Augen.

„Darf ich mal?“ fragte eine Stimme von hinten.

„Das ist Dr. Petersen. Der Chefingenieur für Kühlsysteme. Eisschränke und so“, stellte Blondie den Mann vor.

Der kurzsichtige Mann mit Hornbrille nahm den Chip und hielt ihn sich dicht vor seine Gläser.

„Steuerchip“, triumphierte er und gab Marianne den Chip zurück.

„Steuerchip für was?“

„Kann ich nicht sagen, gehört auf alle Fälle zu den Chips, mit denen wir Zeitabläufe programmieren. Ist aber keiner der Standardchips, sonst würde ich ihn kennen.“

„Und weiter?“ fragte Marianne ungeduldig. „Wie kriegen wir das raus, wo der Chip herkommt?“

„Der kommt von unserem Chipbroker, das ist sicher. Wichtiger ist die Frage, wofür er verwendet werden sollte“, erklärte Dr. Petersen belustigt. „Aber das kann ich Ihnen erst sagen, wenn ich die Projektlisten einsehen kann.“

„Ja, und?“

„Die sind im Computer!“

„Und die Computer sind bei der Polizei“, demonstrierte Marianne dem kleinen Besserwisser, dass sie nicht vollkommen blöd war.

„Genau!“ freute sich Dr. Petersen. „Deshalb wollte ich jetzt auch Bescheid sagen, dass ich gehe. Bevor die Rechner nicht wieder da sind, macht es wenig Sinn, dass wir hier alle herum sitzen, nicht wahr?“

Ja, das sah Marianne widerwillig ein. Hier gab es nichts mehr zu tun. Für sie nicht und für die Angestellten auch nicht.

„Gut. Sagen Sie den Leuten, dass sie nach Hause gehen können. Bis auf weiteres ist diese Firma geschlossen“, trug Marianne der Sekretärin auf. „Nur der Hausmeister und das Sekretariat bleiben besetzt.“

Blondie nickte und griff zum Telefon.

„Fein, dann bin ich früh auf dem Golfplatz und werde ein wenig an meinem Handicap arbeiten!“ freute sich Dr. Petersen.

Marianne sah ihn spöttisch an, verkniff sich aber, darauf hinzuweisen, dass er sein persönliches Handicap eigentlich bereits auf der Nase trug.

*

Franziska fand Salino in dem Eiscafé. Der Besuch beim Bestatter hatte ihre Laune keineswegs verbessert. Sie brummte nur: „Fertig?“ und schleifte Salino förmlich zum dem örtlichen Herrenausstatter.

Salino hatte nicht damit gerechnet, dass seine Tante ihm etwas zum Anziehen kaufen wollte. Er fühlte sich überrollt, als sie ihm eine beige Breitcordhose vorhielt und zufrieden nickte. Cordhosen waren nicht seine Sache. Eigentlich wollte er sie nicht einmal anprobieren. Aber um seine Tante nicht weiter zu reizen, tat er ihr den Gefallen. Es fiel ihm nicht schwer, Gründe zu finden, die gegen einen Kauf dieser Hose sprachen. Doch bevor er dazu kam sie anzubringen, erklärte Franziska die Hose als gebongt und stürmte zur Abteilung mit den Hemden hinüber. Als Salino endlich wieder in seiner geliebten, aber verschmutzten Jeans steckte, hatte sie ihm bereits zwei Baumwollhemden in Khaki und Tannengrün ausgesucht.

„Vielen Dank“, sagte Salino vorsichtig. „Aber so etwas trage ich gewöhnlich nicht. Das hier wäre eher etwas!“ Er zeigte auf ein schwarzes Ripshirt von Levis.

„Hm“, murrte seine Tante nur und strafte ihn mit einem Blick, der ein Rumpsteak in der Pfanne schockgefroren hätte. „Ich weiß nicht, wie du es wieder geschafft hast, dass Frau Weppert meint, sie müsse sich um dich kümmern, aber ich habe langsam die Nase voll. Du warst schon früher immer so. Jeder fühlt sich für dich verantwortlich, nur du nicht.“

Franziska war laut geworden. Salino sah sich beunruhigt um. Musste das hier sein? So etwas war doch nur peinlich. Der Verkäufer am Regal nebenan schien so konzentriert, die Ware auszuzeichnen, dass es schon auffiel.

„Und glaub ja nicht, dass ich mir das lange mit ansehe, wie du Frau Weppert auf der Tasche liegst. Du verschwindest wieder. Und zwar so schnell es geht!“

„Ich habe doch gar nicht um eine neue Hose gebeten“, versucht Salino sich zu verteidigen.

„Hast du genug Unterwäsche?“ fragte Franziska plötzlich in normalem Tonfall. Salino schwieg irritiert. Seine Tante griff in den Stapel im Regal und zog fünf Unterhosen in seiner Größe heraus.

„Hier“, sie drückte ihm die Schachteln in die Hand. „Solange du bei Frau Weppert im Haus als Gast bist“, erhob Franziska ihre Stimme sogleich wieder, „wirst du dich anständig benehmen und entsprechend kleiden.“

Salino wusste ohne näheres Hinsehen, dass das nicht die Art von Unterwäsche war, die er gewöhnlich trug. Eigentlich machte es doch gar keinen Unterschied, zumindest nicht bei der Unterwäsche, welche er trug. Warum konnte nicht wenigstens die nach seinem Geschmack sein?

„Da rüber! Zu den Anzügen!“

Dieses Hin und Her von normalem Tonfall zum beinahe keifenden Gezeter verwirrte Salino so sehr, dass er außerstande war, seine Argumente bezüglich der Unterwäsche anzubringen.

„Also! Ich will jetzt keine Diskussion um die Sachen hören, die ich dir kaufe, klar!? Wenn du selber zahlst, kannst du von mir aus kaufen, was du willst!“

Salino war sprachlos. Franziska nahm ihm die Sachen vom Arm.

„Wir brauchen einen schwarzen Anzug. Für die Beerdigung. Probier mal den da an.“

Ohne jeden Kommentar nahm Salino den Anzug vom Bügel und probierte ihn an. Doch gerade beim Anzug war Diskutieren scheinbar erlaubt. Salino musste sieben Stück anprobieren, bis Franziska sich für einen entschieden hatte.

Als sie das Bekleidungsgeschäft verließen, fühlte sich Salino vorgeführt. Wie ein trotziger, kleiner Junge trabte er Franziska zum Wagen hinterher. Es war schon ziemlich lange her, dass er sich sagen lassen musste, was er anzog oder kaufte und was nicht.

*

Abendessen gab es um halb acht. Gewöhnlich aß Marianne mit ihrem Mann im Esszimmer und Franziska in der Küche. Doch aufgrund der veränderten Umstände hatte Marianne beschlossen, dass von nun an gemeinsam gegessen wurde.

Die Cordhose war zwar bequem, aber ungewohnt weit und der Stoff fühlte sich irgendwie zu dick an. Ganz anders als seine Jeans. Außerdem passte die Hose Salinos Meinung nach überhaupt nicht zu den Turnschuhen, die er meistens trug.

„Sieht gut aus“, stellte Frau Weppert zufrieden fest. „Andere Schuhe vielleicht noch.“

Salino setzte sich schnell an den reichlich gedeckten Tisch.

„Vielen Dank für den Anzug“, sagte er höflich.

„Na, Sie konnten ja nicht wissen, dass Sie einen brauchen.“

Salino wollte nach dem kalten Hühnchen greifen. Sein Blick kreuzte den von Franziska und er entschied sich doch lieber für ein Brot mit Leberwurst. Seine Tante schien zufrieden.

„Was machen Sie eigentlich beruflich?“

„Ich bin gelernter Drucker“, sagte Salino. Tante Franziska schien durch diese Frage in höchste Alarmbereitschaft versetzt zu sein.

„Und jetzt haben Sie Urlaub?“ fragte Marianne ohne jedes Anzeichen eines besonderen Interesses weiter.

„Ich glaube, wir brauchen noch Tee. Salino, gehst du bitte mal in die Küche und setzt noch ein wenig Wasser auf!“ unterbrach Franziska die Unterhaltung schnell. Salino wollte sofort aufstehen.

„Ach was“, sagte Marianne. „Die Kanne ist ja noch halb voll und ich trinke keinen mehr.“

Franziska überlegte einen Moment, schien dann aber darauf zu setzen, dass Frau Weppert ihre Frage schon wieder vergessen hatte.

„Wie lange haben Sie denn Urlaub?“ nahm Marianne den Faden jedoch unbeirrt wieder auf.

„Ich habe keinen Urlaub“, antwortete Salino wahrheitsgemäß. Die Augen seiner Tante sprühten Feuer. Was auch immer sie gerade im Mund hatte, es war mit Sicherheit innerhalb von Sekunden gegart. Salino ignorierte ihren Blick. Das alles hatte ja wenig Sinn. „Ich bin arbeitslos.“

„Oh“, stellte Marianne erstaunt fest. „Das tut mir leid.“

„Und eine Wohnung habe ich auch nicht“, fügte Salino, ohne von seinem Teller aufzusehen, an.

Frau Weppert ließ ihre Gabel sinken und sah Salino erstaunt an.

„Ach, dann sind Sie hier, weil Sie von Ihrer Tante Hilfe erwarten?“

Franziska nahm ihm die Möglichkeit zu antworten ab.

„Ich habe ihm gesagt, er kann ein oder zwei Tage hier bleiben. Aber dann muss er selber sehen, wie er zurechtkommt.“

„Aber es ist doch Ihr Neffe?!“

„Hier kann er nicht bleiben, das weiß er auch.“

Franziska sah ihn auffordernd an und Salino wollte sie keineswegs noch mehr verärgern.

„Ja, ja“, sagte Salino. „Nur ein oder zwei Tage, dann bin ich weg. Ich finde schon einen neuen Job!“

„Aber …!“

Bevor Frau Weppert die Situation noch durch ihre Freundlichkeit weiter verschlimmern konnte, klingelte es an der Tür. Franziska passte das in diesem Moment überhaupt nicht, aber sie erhob sich unverzüglich und ging öffnen.

„Hm. Ich will mal sehen, ob ich etwas für dich tun kann“, sagte Frau Weppert, als Franziska außer Hörweite war. „Das geht ja nun nicht, dass du auf der Straße sitzt und nicht weißt wohin.“

„Das müssen Sie aber nicht! Ich komme schon zurecht.“

„Keine Widerrede! Deine Tante gehört für mich praktisch zur Familie.“

Es fiel Salino erst jetzt auf, dass Frau Weppert ihn plötzlich duzte. Seitdem sie wusste, dass er arbeits- und obdachlos war schien ihr das Sie wohl unangemessen zu sein.

„Eine Frau Winter möchte Sie sprechen. Sie wartet in der Bibliothek“, sagte Franziska und nahm wieder Platz.

„Ich kenne keine Frau Winter“, stellte Marianne nach kurzem Überlegen fest. „Dann wollen wir die Frau lieber nicht warten lassen.“ Sie erhob sich und ging in die Bibliothek.
„Ich hätte große Lust, dich übers Knie zu legen und deinen kleinen Schnorrerhintern grün und blau zu prügeln“, zischte Franziska wütend, kaum dass sie mit Salino allein war. „Große Lust, wirklich!“

Einen Augenblick lang sah es so aus, als ob sie damit jeden Moment ernst machen wollte.

„Kommst hier reingeschneit und machst es dir einfach bequem wie die Made im Speck!“ regte sie sich immer mehr auf.

Salino fand das ungerecht. Gut, er wollte hier für ein paar Tage unterkriechen, aber sonst hatte er um nichts gebeten. Wenn er nicht arbeitslos wäre, hätte er sie doch auch besuchen können. Was hatte er schon verlangt? Salino stocherte lustlos im Essen herum. Der Appetit war ihm gründlich vergangen.

„Aber das sage ich dir! Darüber sprechen wir noch, darauf kannst du dich verlassen!“ drohte seine Tante und nahm sich das letzte Stück von dem kalten Huhn. „Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“

*

Frau Weppert war erstaunt. Sie hatte keine Ahnung, wer diese Frau Winter sein könnte. Aber dass es sich dabei ausgerechnet um diese blonde Dumpfbacke von Sekretärin handeln könnte, darauf wäre sie im Leben nicht gekommen. So eine hätte Marianne nie im Leben mit einem Namen in Verbindung gebracht.

„Ja bitte …“ sagte Marianne distanziert.

„Tut mir leid dass ich störe, aber ich dachte, es sei vielleicht wichtig.“

Was war wichtig? Was konnte schon wichtig sein? Marianne hoffte inständig, dass klein Barbie jetzt nicht mit einem Geständnis herüber kam. Wenn sie tatsächlich ein Verhältnis mit ihrem Mann gehabt hatte, wollte Marianne das jetzt nicht mehr wissen. Und wenn Blondie ihr Gewissen erleichtern wollte, war das mit Sicherheit der unpassende Moment.

„Hier!“ sagte Monika Winter und kramte aus ihrer Tasche eine große schwarze Kartusche.

„Was ist das?“ fragte Marianne. Das rechteckige Ding aus Plastik war groß genug, um darin Fotos aufzubewahren. Womöglich ein Videofilm mit ihr und Walther.

„Ein Streamer Tape!“

„Ein was?“

„Ein Backup! Die Kopie der Daten aus der Firma“, erklärte Monika, die Frau Weppert vom Gesicht ablesen konnte, dass sie ihr nicht folgen konnte.

„Was soll ich damit?“ fragte Marianne. Es war ihr ausgesprochen unangenehm, ausgerecht vor diesem Dummchen ohne einen Funken von Ahnung dazustehen.

„Ich habe immer nach Feierabend eine Kopie der Daten vom Server mitgenommen. Ihr Mann wollte das so. Er hat gesagt, ihm sei wohler, wenn er wüsste, dass noch eine Kopie aller Daten existierte. Irgendwo, Hauptsache nicht in der Firma.“

Marianne verstand die Welt nicht mehr. „Er hat Ihnen seine gesamten Firmenunterlagen anvertraut?“ fragte sie entgeistert.

„Ja“, sagte Monika, so als ob sie Mariannes Verwunderung darüber gar nicht nachvollziehen konnte. „Ich bin schließlich seine persönliche Sekretärin.“

Marianne starrte die schwarze Plastikbox von allen Seiten an und erwartete, dass ihr jeden Augenblick ein Licht aufgehen musste.

„Warum haben Sie das heute Morgen nicht gesagt?“

„Ich wollte nicht, dass sich das rumspricht. Wenn die Polizei davon Wind gekriegt hätte, wäre das Band jetzt wahrscheinlich auch weg.“

Allmählich machte sich Marianne ernsthafte Sorgen. Die Kleine war blond, aber nicht blöd. Und ihr Walther hatte dieser Frau offenbar uneingeschränkt vertraut. Wenn er was mit ihr gehabt hatte, dann sicherlich keine harmlose Affäre. Marianne betrachtete nochmals den Datenträger.

„Wie kriege ich raus, was auf diesem Ding gespeichert ist?“

Es war ihr schon klar, dass sie in diesem Moment ihre völlige technische Unzulänglichkeit preisgab. Aber darauf kam es jetzt nicht mehr an.

„Sie bräuchten einen Computer.“

„Und jemand, der ihn bedienen kann.“

„Sicher, aber das kriege ich hin. Ich habe die Backups ja selber gemacht.“

„Fein, und ein Computer? Woher kriegen wir einen Computer?

Moni schien angestrengt zu überlegen. „Also den Server hat die Polizei ja nicht mitgenommen. Aber alle Platten.“

Marianne wartete, Monika schien zu glauben, dass ihr das irgendetwas sagte.

„Und?“ fragte Marianne dann.

„Wir bräuchten eigentlich nur eine Festplatte!“

Marianne wurde ungeduldig. Wenn sie das richtig verstand, hatten sie doch keine Platte.

„Ich habe da eine Idee“, strahlte Monika.

„Ja.“ Diese Frau machte einfach zu viele Denkpausen zwischen den Sätzen.

„Ist nicht ganz legal. Aber es gibt eine Firma, die genügend redundante Platten in einem ähnlichen System hat wie wir. Das weiß ich von einer Freundin, die da mal gearbeitet hat.“

„Ich verstehe nicht ganz“, sagte Marianne.

„Redundante Platten sind Festplatten, die sich während des Betriebes entfernen lassen, ohne dass das System die Arbeit unterbricht.“

Na gut, Marianne hatte zwar gedacht, dass ihr Blondchen sich nur gestelzt ausdrücken wollte und überflüssige Platten meinte, aber: „Das meinte ich nicht. Ich hatte das so verstanden, dass Sie mir vorgeschlagen haben, wir sollten diese Platten stehlen?“

Monika sah die Frau ihres Chefs, ihres ehemaligen Chefs, mit großen Augen an.

„Ja natürlich, davon spreche ich. Wo sollten wir sonst so eine Festplatte herkriegen?“

Marianne lachte. „Können wir nicht einfach eine kaufen?“

Monika schüttelte den Kopf.

„Wir brauchen 20 Terrabyte. Mindestens. So was kauft man nicht einfach. Das muss man bestellen. Auf Lager hat das niemand. Und dann könnten wir auch gleich warten, bis die Polizei unsere Platten herausrückt.“

Das war natürlich ein Argument. Marianne hatte sich das so gedacht, dass sie morgen in einen Laden gehen und so was einfach kaufen könnten. Sie fing an zu grübeln.
„Wenn Ihnen das zu gefährlich ist“, bot Moni an. „Dann mach ich das im Alleingang, kein Problem.“

Soweit kam es gerade noch. Zu gefährlich? Wollte die Kleine sie etwa herausfordern? Marianne schüttelte den Kopf.

„Das schaffe ich schon.“

„Aber ich muss sie sowieso begleiten. Oder meinen Sie, Sie finden die richtigen Platten und können sie auch ausbauen?“

Nein, das konnte Marianne natürlich nicht. Sie stufte Moni in Gedanken von dumm zu nervtötend auf.

„Also gut, wann soll es losgehen?“

Monika zuckte naiv mit Schultern: „Jetzt!“

*

Salino war gerade mit dem Essen fertig. Aber er traute sich nicht so recht, einfach aufzustehen. Franziska begann unterdessen den Tisch abzuräumen. Vielleicht sollte er ihr dabei helfen. Doch bevor Salino sich dazu aufraffen konnte, ging die Tür wieder auf.

Gleich hinter Frau Weppert betrat ein Traum in Blond das Zimmer. Sie trug hohe Emma Peel Stiefel, an denen sie morgens sicherlich eine halbe Stunde zu schnüren hatte. Dazu einen knallroten Minirock und einen grünen, hautengen Rollkragenpullover aus Polyester. Ihre Brüste stachen wie zwei angespitzte Kaffeefilter vor und hielten ein schweres silbernes Medaillon davon ab, ihren Bauch zu berühren.

Krass, dachte Salino und starrte die Frau mit offenem Mund und betäubten Augen an. Echt krass!

„Franziska! Es kann heute spät werden, aber ich und Frau Winter müssen noch einmal weg.“

Salinos Tante warf einen langen, abschätzenden Blick auf Frau Winter.

„Wir könnten gut noch Hilfe gebrauchen“, sagte Frau Winter. Ihre Stimme war samtig weich und ihre Augen hatten etwas von einer Katze. Sie waren grün. Aber mit ihrer Nase stimmte jedoch etwas nicht, fand Salino.

Frau Weppert schaute zu Salino herüber. „Hättest du nicht Lust auf ein kleines Abenteuer?“

Eigentlich hatte Salino für heute genug Abenteuer erlebt. Aber noch keines mit einer so attraktiven Frau. Salino war noch immer wie betäubt.

„Ja klar“, hörte er sich sagen und hatte dabei sicherlich eine andere Art der Vorstellung von dem Wort „Abenteuer“, als die beiden Frauen vor ihm.

„Ist aber nicht ganz legal!“ sagte Moni.

„Ich bin über 18“, behauptete Salino abwesend.

Frau Winter verstand nicht, worauf er hinaus wollte.

„Wollen wir?“

Die Frauen drehten sich um und verließen das Zimmer.

„Kommst du?“ fragte Frau Weppert aus dem Flur.

Salino kam endlich wieder zu sich und stand auf. Er hatte noch nicht einmal gefragt, worum es überhaupt ging. Aber eigentlich war ihm das auch egal. Wichtig war im Moment nur noch, wer mit von der Partie war.