Salino & die Furien

Kapitel 1

Walther sog schmatzend an dem feuchten Ende des Zigarillos. Vor kurzem war er auf schwarze, wie Lakritzstangen aussehende, Tabakröllchen umgestiegen, um seine Lungen zu entlasten. Leider konnte er sich einfach das tiefe Inhalieren nicht abgewöhnen. Statt mit dem bittersüßlichen Rauch zu gurgeln und ihn zu paffen, sog er ihn tief ein wie eine Zigarette. Der Tabak würde ihn irgendwann umbringen, soviel war gewiss.

Gedankenverloren beäugt er die verstreut herum liegenden Papiere auf der schweren, schwarzen Marmorplatte seines Schreibtisches. Irgendwo mitten in diesem Wust steckte der Fehler. Aber so sehr sich Walther bemühte, er fand ihn einfach nicht. Walther kratzte sich am Kopf und studierte aufmerksam seine Randnotizen. Es war zum Verzweifeln. 75 integrierte Bauteile mit der Kennung 63B1401 waren eingekauft worden. Doch in den Unterlagen gab es nicht den geringsten Hinweis, für welche Baugruppe solche Teile überhaupt benötigt wurden.

Vielleicht hatte sie jemand für seinen Privatgebrauch über die Firma bestellt? Wenn ja, dann war das glatter Betrug. Und es ging hier nicht eben um eine Kleinigkeit. Jeder dieser Chips kostete 290,– Euro. Das machte 21.750,– zuzüglich Mehrwertsteuer.

Walther schüttelte nachdenklich den Kopf. Wenn es sich hierbei nicht um eine riesige Schlamperei handelte, womöglich um einen Bestellfehler, dann hatte ihn jemand aus der Firma betrogen. Er überlegte, ob er Webermann, seinen Prokuristen anrufen und herbitten sollte.

Kurz nach neun. Etwas zu spät vielleicht. So groß war die Summe nun auch wieder nicht, dass man dafür jemanden spät abends vom Esstisch zurückpfiff. Andererseits ging es ums Prinzip. Webermann war in diesem Fall der Verantwortliche und Walther würde ihn spätestens morgen früh zur Rede stellen.

Er schob die Papiere zu einem kleinen Stapel zusammen. Jetzt wollte er sich noch die Belege des vorigen Monats ansehen. Walther hoffte stark, dass er nicht auch dort fündig wurde. Das ganze konnte sich leicht als umfangreiches Betrugsmanöver entpuppen. Doch das Telefon hielt ihn vorerst von seinem Vorhaben ab.

Seine Frau! Walther fasste sich erschöpft an die Stirn. Marianne klang nicht gerade begeistert, als er sagte, dass er noch einige Zeit im Büro zu tun hätte. Sie wartete mit dem Essen auf ihn. Vermutlich hatte er vergessen, dass heute sein 21. Hochzeitstag war. Und seine Frau dachte nicht daran, ihn davon in Kenntnis zu setzen.

*

Marianne hatte sich nach allen Regeln der Kunst zurecht gemacht und saß bereits seit zwei Stunden vor einem schön gedeckten Tisch, mit einem inzwischen kalten Braten und verloschenen Kerzen. Es war nicht das erste Mal und es würde auch nicht das letzte Mal bleiben, dass sie vergeblich auf ihren Mann wartete.

Seine Firma ging ihm halt über alles. Marianne seufzte und legte enttäuscht den Hörer auf. Sie würde nicht länger warten. Erfahrungswerte. Das hätte nun wirklich keinen Zweck. Sie zog die Brillanten bestückten Ohrclips ab und warf sie achtlos auf den Tisch. Dann stieg sie wutgelähmt die Treppe hinauf, um ihren Ärger in einem entspannenden Kräuterschaumbad zu ertränken.

*

Walther hatte wohl gespürt, dass seine Frau enttäuscht war. Er hatte sich natürlich gefragt, ob sie dafür einen bestimmten Grund hatte. Früher hätte er sich einfach gesagt, dass wieder mal Alarmstufe Rot angesagt war. Doch darüber war sie, soviel er wusste, längst hinweg. Im Moment war Walther einfach zu beschäftigt, viel zu beschäftigt, um daran übermäßig viele Gedanken zu verschwenden. Es blieb ein Abend der verpassten Möglichkeiten.

Vielleicht, wenn er das feine Gehör einer Fledermaus oder einer Katze gehabt hätte, dann hätte er wenigstens eine geringe Chance gehabt, das Einrasten des Schalldämpfers in den Lauf der vernickelten 45er Automatik zu hören. Zumindest aber das Klacken der Pfennigabsätze auf dem frisch gewischten Linoleum-Fußboden unmittelbar vor der Tür zu seinem Büro wäre ihm nicht entgangen. Aber all das hörte er nicht. Er bekam nicht einmal mit, dass seine Bürotür langsam und leise geöffnet wurde.

*

Michael fror. Die Nacht war feucht und seine Hose bereits klamm. Er hatte gerade noch genug Geld in der Tasche, um sich in der letzten offenen Kneipe zwei Biere zu leisten. Aber was dann? Was, wenn auch die letzte Kneipe schloss?

Gestern Nacht hatte er in dem Eingang eines Supermarktes übernachtet. Seitdem fühlte er sich völlig verdreckt und die Kälte schien aus seinen Sachen gar nicht mehr rauszugehen. Spätestens morgen musste er darüber nachdenken, wie und wo er sich mal duschen könnte. Die Klamotten mussten auch gewaschen werden. Vielleicht könnte er bei Doris klingeln und nach seinen anderen Sachen fragen.

Womöglich waren sie dort aber auch gar nicht mehr. Die meisten Sachen, die etwas wert waren, hatte er selbst bereits beim Pfandleiher versetzt, um seine Mietrückstände zu bezahlen. Doch nach weiteren drei Monaten Mietschulden hatte Doris ihn aus der Wohngemeinschaft gejagt.

Tolle Freunde. Was konnte er dafür, dass er nach der Lehre keine Stelle gefunden hatte? Alle hatten gesagt: „Mach eine Lehre, dann hast du was in der Hand.“ So ein Schwachsinn. Er hätte damals lieber den Job als Animateur in dem Ferienclub auf Ibiza annehmen sollen. Wenn er dort arbeitslos geworden wäre, würde er heute wenigstens nicht frieren. Aber nein, er musste ja auf all die anderen Schlauberger hören und einen richtigen Beruf ergreifen. Zur Belohnung saß er jetzt auf der Straße, fror und wusste nicht wohin.

„Na, keine Lust rein zu gehen?“

Michael sah auf den hell erleuchteten Eingang der Kneipe. Er stand hier schon einige Minuten unschlüssig herum. Dann sah er den Mann an, der ihn angesprochen hatte. Gleichmäßig gestutzter Vollbart, so um die fünfzig, sehr gepflegt, nicht gerade groß, aber er trug eine schwarze Lederweste, die mit diversen silbernen Stickern besetzt war.
„Weiß nicht“, antwortete Michael und zuckte leicht schauernd mit den Achseln.

Der Mann hielt die Tür auf und wollte gerade lächelnd in der Kneipe verschwinden. Doch dann drehte er sich noch einmal um.

„Ist doch viel zu kalt hier draußen. Komm mit rein, ich geb’ dir einen aus.“

„Okay“, sagte Michael, ohne zu zögern. Denn das hieß, sich auf alle Fälle eine Stunde lang kostenlos aufwärmen zu können.

Olaf bestellt ihnen ein Bier und sie setzten sich an den Tresen. Olaf war Lehrer am Ernst Deutsch-Gymnasium. Im Laufe des Abends gab er Michael noch zwei weitere Biere aus, nachdem er herausgefunden hatte, dass Michael arbeitsloser Drucker war und derzeit keine Bleibe hatte.

Früher waren die Lehrer nie nett zu Michael gewesen. Olaf bot ihm sogar an, dass er bei ihm übernachten könne. Eine wahrlich verlockende Aussicht. Ein warmes Bett, eine warme Dusche, und … ein warmer Olaf. Michael hatte bisher die Hand auf seinem Knie nicht so richtig ernstgenommen. Jetzt zögerte er mit einer Antwort. Das war sowieso ein eigenartiger Laden hier. Kaum Frauen. Na ja. Michael fühlte sich ein wenig angetrunken. Er hatte noch nichts gegessen, aber dafür schon drei große Biere getrunken.

„Ich muss mal“, sagte er und schob sich unter Olafs Hand hinweg vom Hocker. Er brauchte ein bisschen Zeit, um sich Olafs Angebot durch den Kopf gehen zu lassen. Vielleicht war er ja zu misstrauisch und Olaf wollte weiter nichts, als ihm ein Nachtquartier anbieten.

Michael starrte auf den Text über dem Pissoir.

„Nur die Harten kommen in den Garten.“

Was sollte das bedeuten? Es war Olaf, der sich am Nachbarpissoir umständlich entblößte. Michael musste nicht hinsehen, um das zu wissen. Man konnte seinen Pimmel beim Pissen auf viele Arten halten. Mit zwei Fingern, mit dreien oder wie auch immer. Aber eines war sicher. Bei einer vollen Blase bedurfte es keinerlei Pumpbewegung mit der Hand, um sich zu erleichtern.

Beiläufig drehte Michael den Kopf. Olaf grinste breit. Michaels Blick wanderte hinunter und wieder hinauf zu Olafs Grinsen. Jetzt war er sicher, dass Olaf ihm mehr als nur eine Möglichkeit der Übernachtung bieten wollte. Michael schaute wieder hinunter zu dem kleinen anschwellenden Olaf. Einen Moment dachte er ernsthaft darüber nach. Er dachte sogar daran, dass er nicht nur ein Nachtquartier, sondern vielleicht auch noch etwas Bargeld mitnehmen könnte. Wirklich schocken tat ihn die Vorstellung in diesem Moment nicht. Aber er mochte dieses siegessichere Grinsen nicht, mit dem Olaf seine Gedanken zu lesen schien. Michael packte ein und ging wieder hinauf an den Tresen. Nur eine Minute später kam Olaf nach.

„Vielen Dank für das Bier“, sagte Michael freundlich. „Aber ich glaube, ich muss jetzt gehen.“

Olaf sah ihn enttäuscht an. „Bist du sicher? Wo willst du denn hin?“

Michael hatte keine Ahnung. Er hatte dieser Frage im Moment noch keinerlei Beachtung geschenkt. Aber nachdem die Frage nun einmal gestellt worden war, wusste er es plötzlich. Er hatte da eine Tante in Höxter. Bis auf seinen Vater, den er bitte nie im Leben wiedersehen wollte, seine einzige Verwandte. Die könnte er ja wenigstens mal für ein paar Tage besuchen. Immer noch besser, als sich von irgendwelchen schwulen Lehrern aushalten zu lassen.

„Zu meiner Tante nach Höxter“, antwortete Michael so prompt, als ob das schon immer sein Plan gewesen wäre.

„Jetzt?“ fragte Olaf und sah ihn verwirrt an. „Es ist fast ein Uhr nachts. Wie willst du denn um diese Uhrzeit nach Höxter kommen? Das sind gut 80 Kilometer.“

Darüber hatte Michael natürlich noch nicht nachgedacht. Die Idee seine Tante zu besuchen, war ihm ja eben erst gekommen.

„Keine Ahnung, wahrscheinlich per Anhalter.“

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst?!“ behauptete Olaf entgeistert.

Doch, das war Michaels Ernst. Entschlossen zog er seine Jacke an, bedankte sich noch einmal bei Olaf und verließ die Kneipe.

*

Draußen war es inzwischen noch kälter und noch feuchter geworden. Es war schon ein gewaltiger Fußmarsch, um auch nur eine der Ausfallstraßen zu erreichen, von der aus er trampen konnte. Michael stand unschlüssig auf der Straße herum. Wahrscheinlich war die Idee tatsächlich nicht besonders gut. Hinter ihm wurde die Tür der Kneipe geöffnet.
„Eine wirklich schwachsinnige Idee“, behauptete Olaf. „Aber wenn du willst, fahre ich dich nach Höxter.“

Michael grinste. Offensichtlich hatte Olaf einen Narren an ihm gefressen. Das musste er wohl ausnutzen. Olaf fuhr einen nagelneuen Rover. Der Wagen war warm und die Sitze bequem und es dauerte nur wenige Minuten, bis sie auf die Bundesstraße nach Höxter einbogen. Michael kämpfte gegen die einsetzende Müdigkeit an. In einer dreiviertel Stunde würde er seiner Tante gegenüberstehen. Die fand es bestimmt nicht amüsant, nachts um 2 aus dem Bett geklingelt zu werden.

*

Die Straßen waren absolut leer. Bald hatten sie mehr als die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht. Vermutlich waren sie die Einzigen, die zu so später Stunde mitten in der Woche unterwegs waren.

Olaf blinkte ordnungsgemäß und bog mitten im Solling, gleich hinter Schießhaus, in einen kleinen Feldweg ein. Wahrscheinlich musste er eine Pinkelpause einlegen. Es war aber wirklich unnötig, sich deshalb mehr als 100 Meter von der Landstraße zu entfernen. Olaf fuhr immer tiefer in den dichten Wald hinein.

„Wo willst du hin?“ fragte Michael übermüdet.

Olaf antwortete nicht, er stoppte kurz und bog rückwärts nach links ein. Offensichtlich wollte er wenden. Wenn er nicht aufpasste, blieben sie hier auf diesem matschigen Wirtschaftsweg stecken. Aber der Rover zog brav seine Spur durch den aufgeweichten Boden. Bis er stehenblieb. Olaf ließ den Motor absterben und schaltete das Licht aus.

„Und was jetzt?“ wollte Michael wissen.

Olaf griff nach einem Päckchen Zigaretten auf dem Armaturenbrett und steckte sich eine an. Dann öffnete er den Reißverschluss seiner Hose.

„Was soll denn das?“

„Willst du von hier aus zu Fuß laufen?“ fragte Olaf mit einem bissigen Unterton.

Michael spürte, wie seine Müdigkeit verflog und heftige Wut in ihm aufstieg. Er blieb stumm im Wagen sitzen.

„Nun mach schon“, forderte Olaf ihn auf.

„Nee.“

Olaf zog den Rauch der Zigarette tief ein und lachte leise. Michael wusste, dass er hier nicht aussteigen würde. Nachts allein im Wald, das war ein Alptraum. Am liebsten hätte er Olaf einfach ein paar in die Fresse gehauen. Aber das brachte ihn von hier auch nicht weg. Langsam griff Olaf nach seiner Hand. Widerwillig ließ Michael sie auf Olafs Schoß ablegen. Dieser kleine Wicht schwoll rasch zu seiner Maximalgröße an, wenngleich das auch nicht viel mehr als eine knappe Handbreit war. Was sollte daran schon so schlimm sein. Lustlos zupfte Michael an Olafs Glied herum. Doch damit war der natürlich überhaupt nicht zufrieden.

Michael ahnte schon, worauf das hinauslief. Er leistete keinen großen Widerstand mehr, als Olaf Michaels Kopf in seinen Schoß drückte. Es war das erste Mal, dass Michael so etwas machte und er fand es wenig erquicklich. Vor allem, dass Olaf seinen Kopf festhielt, während sein weiches Etwas wie eine Zahnbürste durch seinen Mund fegte. Olaf hingegen schien das sehr zu genießen. Er gab während des Rauchens immer wieder halb verschluckte Grunzlaute von sich. Nach kurzer Zeit hatte sich Michael damit abgefunden und setzte alles daran, es möglichst schnell hinter sich zu bringen.

„Was ist das denn?“ fragte Olaf plötzlich. Michael wusste nicht, was er meinte. „Da ist doch jemand!“

Olaf blendete kurz das Fernlicht auf. „Da vergräbt doch jemand was!“ Michael hätte sich das auch gerne angesehen, aber Olaf presste seinen Kopf weiterhin fest in seinen Schoß.

„Was zum Teufel …“ In diesem Moment hatte wohl ein anderer Wagen ebenfalls sein Fernlicht eingeschaltet. Das Innere des Rovers wurde taghell erleuchtet. Olaf hielt sich den Arm mit der Zigarette vor die Augen, um nicht so stark geblendet zu werden.


„Wer ist denn das?“ fragte er und schien ein wenig verunsichert. Michael hörte einen dumpfen Schlag und kleine Bröckchen rieselten auf seinen Kopf hinunter. Olaf wurde offensichtlich von irgendetwas zurückgeschleudert und kippte dann kraftlos nach vorn. Dabei klemmte er Michaels Kopf unglücklich unter dem Lenkrad ein. Aus den Augenwinkeln sah Michael kleine, abgerundete Bröckchen des Sicherheitsglases auf Olafs Hose und ein paar Tropfen Öl.

Nein. Das war Blut. Es tropfte von irgendwo da oben herunter und sammelte sich in einer kleinen Pfütze auf Olafs linkem Bein. Michael hätte jetzt wirklich gerne nachgesehen, was da oben los war. Aber sein Kopf war noch immer eingeklemmt und er bekam kaum noch Luft da unten.

*

So allmählich machte sich Marianne aber doch Sorgen. Immerhin war es jetzt bald 2 Uhr. Sie rief nochmals im Büro an.

Walther nahm nicht ab.

Vielleicht hatte er sich gerade auf den Weg nach Hause gemacht. Dann musste er in spätestens 15 Minuten da sein.

Marianne entschied sich dazu, noch ein wenig abzuwarten. Aber vorsorglich zog sie sich schon mal etwas über. Nachdem weitere zwanzig Minuten vergangen waren beschloss sie, die Strecke bis zur Fabrik abzufahren. Womöglich hatte ihr Mann einen Unfall gehabt.

Marianne nahm den XJS. Mit dem Benz war ja ihr Mann unterwegs. Sie starrte durch die Frontscheibe hinaus in die Dunkelheit. Die Scheinwerfer erleuchteten die Straße und die Gräben auf beiden Seiten des Weges. Nichts.

Sie war schon fast bei der Fabrik, als rechts aus dem Wald ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit heraus auf die Straße schlitterte. Beinahe wäre es Marianne gewesen, die den Unfall gehabt hätte. Der rote Alfa schleuderte ein-, zweimal hin und her und verteilte dabei eine Menge Dreck auf der Straße. Aber kurz bevor er mit Mariannes Wagen zusammenstoßen konnte, fing der andere Fahrer den Wagen ab und verschwand ohne Licht in die Richtung, aus der Marianne gekommen war.

Der XJS kam fast zum Stillstand. Marianne atmete tief durch. Was war das denn? Wer kurvte denn hier nachts ohne Licht durch den Wald? Marianne sah in den Rückspiegel, aber der Wagen war längst hinter der nächsten Biegung verschwunden. Sie hatte sich nicht einmal das Kennzeichen merken können, obwohl der Fahrer unbedingt eine Anzeige verdient hätte.

Langsam kam der Jaguar wieder auf Touren. Mit mäßigem Tempo bog Marianne wenig später auf den Parkplatz des Fabrikgeländes ein. Der Parkplatz war leer. Bis auf den Mercedes. Der stand auf seinem reservierten Platz. Marianne parkte unmittelbar daneben.

Ihr Mann musste noch im Büro sein.

Aber warum ging er nicht ans Telefon?

Womöglich war er über seinen Akten eingeschlafen.

Ein ängstlicher Typ war Marianne nun wirklich nicht. Aber die Stille in dem Fabrikkomplex und die langen, bläulichen Schatten, die das Mondlicht durch die Fenster warf, ließen sie doch ein wenig frösteln.

An der Tür zu Walthers Büro zögerte sie. Wenn die Gerüchte wegen seiner Sekretärin nun doch nicht völlig unbegründet waren, und sie die beiden jetzt in flagranti ertappte? Darauf wäre sie nicht vorbereitet. Sie stimmte sich kurz auf diese Möglichkeit ein und riss dann beherzt die Tür auf.

Nur auf dem Tisch brannte eine kleine Tischleuchte. Ansonsten war es dunkel. Ihr Mann saß in seinem Bürostuhl und man hätte meinen können, dass er schlief. Aber aus dem halb geöffneten Mund kamen aber keine Schnarchlaute und das kleine dunkelblau angelaufene Loch in seiner Stirn ließ viel eher eine andere Vermutung zu.

Und dann waren da noch die Augen. Sie standen weit offen und starrten an die Decke. Marianne war nicht zimperlich. Noch nie gewesen. Sie schrie nicht spitz auf, wie man es von einer Frau erwarten durfte, die ohne Vorwarnung ihren erschossenen Ehemann fand, sondern ging seelenruhig zum Telefon und wählte die Nummer der Polizei.

Nachdem sie die Meldung erstattet hatte, schaute sie wieder nach ihrem Gatten. Vielleicht sollte sie seinen Puls messen?

Unsinn, mit so einem Loch im Kopf hatte man mit Sicherheit keinen Puls mehr. Marianne starrte auf das Loch in der Stirn, das immer größer zu werden schien. Nein, um keinen Preis würde sie ihn anfassen, eher würde sie …

*

Michael stemmte sich mit aller Kraft gegen die Lenksäule. Er zerrte an Olafs Knie herum, bis er endlich freikam. Vorsichtig hob er den Kopf bis an den Rand des Armaturenbrettes. Olafs Hand lag dabei immer noch schlaff auf seinem Hinterkopf. Die Scheibe war gesplittert. Tausend kleine Glasstückchen verhinderten die Aussicht. Vielleicht war das auch ganz gut so.

Olafs Kopf lag auf dem Lenkrad und schaute ihn ziemlich verwirrt an. Aus dem Loch in der Stirn rann ein kleiner Blutbach, der seinen Weg hinunter bis zum Kinn fand und dort irgendwo verschwand. Mehr Blut war nicht zu sehen. Michael schob endlich Olafs Hand beiseite. Draußen blieb alles ruhig. Langsam arbeitete sich Michael bis zu dem Loch in der Scheibe vor. Hier konnte er endlich einen Blick nach draußen werfen. Jemand fluchte laut.

Er sah, wie sich gegen die Scheinwerfer des anderen Wagens deutlich eine Silhouette abhob. Eine Frau stakste offenbar mit hochhackigen Schuhen durch den Schlamm auf den anderen Wagen zu. In der locker herunterhängenden Hand hielt sie eine Waffe mit einem ziemlich langen Lauf.

„Ein Schalldämpfer“, murmelte Michael zu sich selbst.

Hoffentlich hatte er auch wirklich nur gemurmelt. Die Person mit der Waffe hielt einen Moment inne und drehte sich noch einmal um. Sie war jetzt fast bei ihrem Wagen. Noch ein Schritt und sie war hinter den Scheinwerfern verschwunden. Sekunden später erlosch das Licht. Michael sah Sternchen. Er duckte sich und versuchte, sich möglichst schnell an die Dunkelheit zu gewöhnen.

Draußen wurde ein Motor gestartet. Kurz drauf entfernte sich Geräusch. Er wurde wieder still. Unheimlich still.

Michael war allein. Ein Gutes hatte die Sache für ihn. Ein unerfreulicher Höhepunkt im Leben des Lehrers Olaf war ihm somit erspart geblieben. Der Nachteil war jedoch, dass er nun machen konnte, was er wollte. Olaf würde ihn nun nicht mehr nach Höxter bringen. Todsicher nicht.

Er nahm sich eine von Olafs Zigaretten aus der Packung. Eigentlich rauchte er schon seit einem Jahr nicht mehr. Aber diese Zigarette tat ihm jetzt ganz sicher gut.

*

Im Prinzip war die Sache klar. Er war hier allein im Wald und bis zum Morgengrauen würde er mit Sicherheit nicht neben dem toten Olaf im Wagen sitzen bleiben. Michael öffnete die Tür und stieg so leise wie möglich aus. Nichts. Vorsorglich nahm er die restlichen Zigaretten mit. Hier war niemand mehr. Aber so leise, wie es eben noch den Anschein gehabt hatte, war es in dem Wald nicht. Überall knackten Äste, fahles Mondlicht zauberte unendliche Gestalten in die Dunkelheit um ihn herum. Doch die Totenstille in Olafs Wagen erschien ihm mindestens genauso unheimlich.

Beherzt schlug er die Autotür zu. Das war gigantisch laut und verscheuchte mit Sicherheit eine Menge der Gespenster, die hier draußen auf ihn lauerten.

Er war noch keine fünfzig Meter durch den aufgeweichten Boden gestapft, da konnte er den Rover schon kaum noch sehen. Michael riss sich zusammen. Er beschloss, nicht rechts und nicht links zu hören, sondern diesen verdammten Waldweg stur entlang zu marschieren, bis er wieder auf die Landstraße traf.

Besonders lange brauchte er für die paar hundert Meter nicht. Er glaubte schon die Straße sehen zu können, da hörte er ein Geräusch in der Dunkelheit, das eindeutig nicht von einem Tier stammte. Michael blieb stehen. Das Geräusch kam schnell näher. Es wurde lauter und plötzlich zerriss ein blauer Lichtblitz die Dunkelheit. Noch einer. Und noch einer. Michael kauerte sich hin. Der ganze Wald schien blau zu blinken.

Dann wusste Michael plötzlich, was los war. Polizei! So schnell? Wie konnte das sein? Michael dachte nicht lange nach. Im Kopf sah er bereits die Schlagzeilen. Stricher bringt Freier auf Waldweg um. Raubmord! Wegen eines Päckchens Zigaretten musste ein Lehrer sterben! Wie oft hatte er so einen Mist schon gelesen?

Michael sprang auf und rannte kopflos hinein ins Gehölz neben dem Feldweg. Äste krachten. Zweige schlugen ihm ins Gesicht. Er stolperte. Fing sich. Stolperte. Fing sich … nicht. Ein abgestorbener Ast bohrte sich in seinen Arm. Das tat weh. Aber Michael nahm keine Rücksicht darauf. Er rappelte sich auf und rannte etwas vorsichtiger immer tiefer in den Wald hinein.

Die Lichter schienen ihm nicht zu folgen. Michael drehte sich um. Sie fuhren mit hoher Geschwindigkeit an ihm vorbei. Ganz offensichtlich waren sie nicht in den Feldweg eingebogen.

Irritiert blieb Michael stehen. Der Feldweg war doch links hinter ihm, oder? Oder nicht? Michael sah, wie die Blaulichter irgendwo in der Dunkelheit verschwanden. Keine Sirene. Kein helles Licht. Sie waren anscheinend vorbeigefahren. Oder?

„Blödmann!“ schimpfte sich Michael selber aus. Er musste zugeben, dass er sich verlaufen hatte. Er konnte nicht einmal mehr sagen, ob der Waldweg hinter ihm oder vor ihm war. Wo war die Landstraße? Wo war hier überhaupt irgendwas? Michael ließ sich fallen. Seine Hose nahm die Feuchtigkeit des Mooses sofort auf. Am liebsten hätte er jetzt laut losgeheult. Was war das bloß alles für ein Scheiß hier?

*

„Die Tür ist verschlossen“, erklärte der Uniformierte.

Kommissar Bruhns knurrte unzufrieden.

„Haider, brechen Sie die Tür auf“, befahl er seinem jungen Kollegen. Haider drehte sich um, nahm drei Schritte Anlauf und verletzte sich an der Schulter. Bruhns schüttelte fassungslos den Kopf. Der Streifenpolizist lachte. Als er Bruhns Blick sah, eilte er ihm zu Hilfe. Drei Sekunden später hatte Bruhns zwei Kollegen mit verletzter Schulter vor sich.
„Das wäre doch gelacht“, grunzte der 110-Kilo-Partner des Streifenbeamten und zeigte seinen schwächer gebauten Kollegen mal wie man das machte. Ein Tritt mit dem schweren Stiefel gegen die Glastür und … Nichts war passiert.

„Also wirklich.“

Bruhns ging gelassen zu seinem Dienst-Audi und öffnete den Kofferraum. Als er mit dem pneumatischen Handbohrer zurückkam, hielt sich der 110-Kilo-Bulle die Schulter und den Kopf. Bruhns drängte sich an seinen Kollegen vorbei, setzte den Bohrer an und schoss das Sicherheitsschloss geradezu aus der Tür. Dann drückte er mit der freien Hand den rechten Flügel locker auf.

Die Streifenbeamten folgten Bruhns und Haider deprimiert in die Fabrik. Sie hatten einen Mord gemeldet bekommen. Das war hier in der Gegend eher eine Seltenheit. Zwei weitere Streifenwagen tauchten auf dem Parkplatz auf. Diese Show wollte sich keiner der Dienst habenden Beamten entgehen lassen. Wahrscheinlich kämen gleich noch die Streifenwagen aus allen umliegenden Kreisstädten. Bruhns seufzte. Er hielt das Ganze sowieso für eine Ente.

Bruhns und seine Kollegen suchten alle Stockwerke und Flure ab, bis sie endlich auf einen Lichtschein stießen. Haider riss die Tür auf. Am Boden fand er tatsächlich eine Leiche. Haider beugte sich über sie und fühlte den Puls.

„Chef, Chef! Sie lebt noch!“ brüllte Haider erregt und sprang auf.

„Sicher Haider!“ grunzte Bruhns und ließ den Lichtkegel der Taschenlampe langsam herüber wandern, bis auch Haider den Kerl hinter dem Schreibtisch mit dem Loch im Kopf entdeckte.

„Aber …“, stotterte Haider. „Ein Doppelmord?!“

„Haider! Das hier ist die Leiche!“

„Und das hier?“

„Wer hat denn wohl den Mord gemeldet?“

„Die Ehefrau.“

„Und wer liegt dort ohnmächtig auf dem Boden?“

„Eine Frau?“

„Eben die Ehefrau. Holen Sie endlich einen Sanitäter“, schnauzte Bruhns seinen offenkundig minderbegabten Kollegen energisch an.

„Wenn Sie da mal nicht vorschnell kombinieren, Chef“, warf Haider ein und trug nebenbei einem der Streifenbeamten auf, nach einem Sanitäter zu suchen.

Bruhns öffnete einen Beutel Maaloxan und schlürfte ihn aus. Inzwischen war er davon überzeugt, dass seine Behörde Typen wie Haider nur einstellte, um sich bei den höheren Dienstgraden die Pensionen zu sparen. Bruhns witterte da schon seit langem eine groß angelegte Verschwörung.

*

Michael hatte beschlossen, nicht zu erfrieren. Nicht hier und nicht heute. Schweren Schrittes hatte er sich auf den Weg gemacht. Er konnte nicht sagen, ob er im Kreis lief oder nicht. Aber er wusste, dass er nicht oder zumindest aber weniger fror, solange er sich bewegte.

Im Übrigen war es auch gar nicht kalt genug, um zu erfrieren. Es mochten vielleicht zwei Stunden vergangen sein, seitdem die Blaulichter ihn in die Büsche getrieben hatten. Und jetzt endlich sah er wieder Licht. Künstliches, von Menschen erzeugtes Licht.

Offenbar war er wenigstens nicht im Kreis gelaufen. Er stieß auf einen Maschendrahtzaun, ein weiteres Indiz dafür, dass er auf dem richtigen Weg zurück in die Zivilisation war. Der Zaun führte auf das Licht zu. Doch im nächsten Moment verschwand der helle Punkt. Er leuchtete noch einmal kurz rot auf, dann war Michael wieder allein. Egal, Michael folgte einfach dem Zaun. Der musste ja wohl früher oder später zu einer Straße führen. Niemand baute einen Zaun irgendwo in den Wald, ohne dass dort ein Weg hinführte.

Genau genommen führte der Zaun an einer richtig asphaltierten Straße entlang. Wahrscheinlich war das Licht vorhin ein Auto. Erst jetzt merkte Michael, dass gerade mal zwei Meter links von ihm eine gut ausgebaute Strasse war. Kurzentschlossen sprang er über den kleinen Graben und stand auf festem Boden. Er schaute zurück. Gegen das Mondlicht zog der Weg eine gerade Schneise den Hügel hinauf durch den Wald. Eigentlich hätte er schon ein paar hundert Meter auf diesem Weg laufen können, wenn er ihn nur gesehen hätte.

Der Wald war inzwischen sehr viel lichter geworden. Dort hinten schienen sogar die ersten Straßenlaternen zu sein. Ein Ort. Gott sei Dank! Hier musste er an der Stelle sein, wo vorhin ein Auto gestanden hatte. Es war die Zufahrt zu dem umzäunten Gelände. Das Schloss baumelte haltlos von dem Tor hinab. Michael zögerte. Offenbar war hier jemand eingebrochen.

Seine Neugier siegte über seine Vernunft. Er ging ein paar Schritte näher an das Tor heran. Auf dem Gelände hinter dem Zaun konnte man jede Menge aufgestapelter Fässer erkennen. Michael überlegte, ob er das Tor öffnen sollte, um zu sehen, was die Diebe hier gesucht hatten. Seine Hand griff nach dem Tor. Dann überlegte er wieder. Es war ihm nicht ganz klar, was er zuerst wahrgenommen hatte, die Flammen oder den ohrenbetäubenden Knall. Den Gesetzen der Physik nach wohl die Flammen. Das Tor flog wie von selbst auf und die Druckwelle warf Michael wieder zurück über die Straße bis in den Graben auf der anderen Seite.

Verdutzt richtete er sich wieder auf. Ein Flammenmeer erleuchtete alles um ihn herum taghell. Es knisterte und knackte. Weitere kleinere Detonationen folgten. Einige der Fässer, die dort auf dem Gelände gestapelt waren, schossen wie Raketen in den Himmel. Das war nicht gut. Damit wollte er nichts zu tun haben. Michael rappelte sich auf und begann zu laufen. Nicht die Straße entlang, sondern lieber wieder rüber ins Gehölz. Dank des Feuerscheins konnte er diesmal gut sehen, wohin er lief.

Nach einigen Metern stand er unerwartet am Rande eines kleinen Steinbruchs. Feuerwehr und Polizeisirenen ertönten, als er den Steinbruch fast hinunter geklettert war. Unten führte ein marode asphaltierter Wanderweg bis hinab in die nächste Ortschaft und endlich auf eine befahrene Landstraße.

Bei dem ersten vorbeikommenden Wagen hob Michael den Daumen. Es war wohl so gegen vier Uhr, gleich musste es hell werden und alles würde gut.

Als der Wagen anhielt und er die Beifahrertür geöffnet hatte, sah Michael erst einmal nur all das Blut. Er zögerte einzusteigen. Doch die Frau hinter dem Steuer grinste ihn fröhlich an. Was war das bloß für eine Gegend hier? Oder hatte ihm jemand irgendwelche Drogen in sein letztes Bier gekippt? Saß er vielleicht immer noch in der Kneipe? War dort eingenickt und hatte absurde Alpträume?

Genau! Dieser Olaf hatte ihm etwas ins Bier gekippt und war in Wirklichkeit gerade in diesem Moment dabei, ihn bewusstlos in seine Wohnung zu verschleppen. Und dort würde er …

„Steig endlich ein!“ rief ihn die Frau in die Gegenwart zurück.

Michael war doch nicht blöd. Er hatte das ganze Blut an ihrer Kleidung längst gesehen. Er wollte die Tür zuschmeißen und weglaufen. In diesem Moment fiel sein Blick auf die Seitenwand des Kombis. Schweinemeyer, stand dort in großen, weißen Buchstaben und daneben ein glückliches Ferkel. Vermutlich wäre es weniger glücklich, wenn ihm klar gewesen wäre, was sich im inneren des Kombis verbarg. Eine Menge weißer Plastikwannen voller Einzelteile, seiner Spezies.

„Oh, Kerl“, lachte die Frau. „Hast dich erschreckt, was? Ich fahre nur das Fleisch aus, brauchst wirklich keine Angst haben.“

Willenlos glitt Michael auf den Beifahrersitz. Irgendwie glaubte er ihr kein Wort, aber darauf kam es längst nicht mehr an.

„Wohin?“

„Höxter.“

„Kommst aus der Disco, was?“

Michael antwortete nicht. Er sah auf den Tacho. 120. Sie waren gerade an dem Ortsschild Holzminden vorbei gefahren. Irgendetwas würde ihn heute schon noch umbringen. Der Tag hatte das von Anfang an ausgestrahlt.

Womöglich würde ihm diese wahnsinnige Schlachterin ein hässliches Ende bereiten. Wenn nicht mit ihrem Beil, dann läge er irgendwann schwer verletzt inmitten eines Berges von ordnungsgemäß zerlegtem Schweinefleisch mit zerschmetterten Knochen im Straßengraben. Aber wie der Zufall es wollte, fünfzehn Minuten später stieg Michael in Höxter aus dem Wagen. Quicklebendig. Die Schlachterin kicherte labil, als Michael die Tür Schloss.

„Junge, Junge, Typen gabelt man hier nachts auf“, wunderte sie sich. Und hatte den Benz im nächsten Moment schon wieder auf 80 gebracht.

Als Marianne endlich aus ihrer Ohnmacht erwachte, war das Erste, was sie deutlich erkannte, ein Sanitäter, der ein kleines Fläschchen vor ihrer Nase hin und her schwenkte. Was auch immer das war, es stank scheußlich.

„Nehmen Sie das weg!“ brummte sie mit schwerem Schädel.

„Sie kommt wieder zu sich“, rief jemand weiter hinten im Raum. Ein Blitzlicht blendete sie. Sie in diesem Zustand zu fotografieren war nun wirklich kein netter Zug.

„Lassen Sie das Fotografieren!“ befahl Marianne erbost und rappelte sich mühevoll auf. „Sie sollen das Fotografieren lassen!“ wiederholte sie, als erneut ein Blitz aufflammte. Aber niemand schien sich darum zu kümmern. Dann wurde ihr erst klar, wo sie war und was geschehen war. Der Polizist schoss weiterhin unbeteiligt seine Fotos von der Leiche. Ein Anderer von der Kriminaltechnik wanderte mit einem weißen Overall bekleidet um ihren Mann herum und hielt einen Zollstock an diverse Stellen seines saftlosen Körpers.

„Sie sind Frau Weppert?“ fragte ein älterer Beamter mit tiefen Sorgenfalten im Gesicht, der sich aus der Gruppe um den Schreibtisch gelöst hatte.

Marianne nickte.

„Kommissar Bruhns“, erklärte der Mann und hielt ihr seinen Dienstausweis vor die blasse Nase. „Wenn Sie sich wieder fühlen, hätte ich da einige Fragen an Sie.“

Marianne nickte. Allmählich kam sie unsicher auf die Beine und überragte den Kommissar um gut anderthalb Köpfe. Sie strich ihr Kleid glatt und richtete ihre Haare. „Jederzeit.“

„Vielleicht nicht hier“, murmelte Bruhns und sah sich nach der Leiche und den anderen Beamten um. „Besser, wir gehen in ein anderes Büro!“ Bruhns führte Marianne am Ellenbogen hinaus auf den Flur. Dort kam ihnen Haider aufgeregt entgegen gerannt.

„In Holzminden ist eine Bombe hochgegangen!“ rief er seinem Chef schon von weitem zu. „Sollten wir da nicht hin?“

Bruhns stutzte. Soviel kriminelle Energie wie in dieser Nacht gab es in diesem Landkreis sonst das ganze Jahr über nicht. Die Vernehmung von Frau Weppert hatte aber absolute Priorität. Die meisten Kurzschluss-Täter gestanden laut Statistik innerhalb der ersten zwei Stunden nach der Tat. Oder gar nicht. Danach wurde es schwierig, sie zu überführen. Bruhns war unwohl bei dem Gedanken, dass er Haider allein einen Bombenanschlag untersuchen lassen musste.

„Das BKA ist auch schon auf dem Weg“, tönte Haider ausgelassen. „Wir sollten uns wirklich beeilen.“

Bruhns warf einen forschenden Blick auf Marianne. Nein, diese Frau würde nicht gestehen. Die Ohnmacht war mit Sicherheit die einzige Schwäche gewesen, die sie sich für heute leistete. Das wurde Bruhns beim Anblick ihrer Augen intuitiv klar.

„Wir sprechen uns später“, sagte Bruhns knapp. „Bitte fahren Sie nach Hause. Ich werde Sie im Laufe des Tages aufsuchen. Da sind noch einige Fragen offen.“

Marianne nickte und sah dem eigenwilligen Kommissar nach. Er lief so schwerfällig den Gang hinunter, als wenn er Zementsäcke in den ausgebeulten Manteltaschen hätte. Dann ging Marianne zum Telefon im Empfangszimmer ihres Gatten und klingelte ihre Haushälterin aus dem Bett.

*

Das Haus, in dem Michaels Tante wohnte, lag natürlich nicht mitten in der Stadt, sondern ein wenig außerhalb. Zu Fuß war das immerhin über eine Stunde Marsch. Michael war müde, fror und fand seine Idee mit der Tante überhaupt nicht mehr gut.

Am liebsten wäre er einfach umgekehrt. Aber wohin? In einer Bäckerei hatte er einen Kaffee getrunken, sich ein wenig aufgewärmt und sich dann frustriert auf den Weg gemacht.
Zu allem Überfluss ging es auch noch permanent bergauf. Nicht, dass das Weserbergland seinen Namen wirklich zu recht trug, aber die leichte Steigung merkte Michael in seinem angeschlagenen Zustand schon bald in den Beinen. Die wunderschöne Hanglage und den herrlichen Sonnenaufgang über der östlich gelegenen Hügelkette konnte Michael aus verständlichen Gründen nicht wirklich würdigen. Er war einfach nur froh, endlich am Ziel zu sein. Völlig erschöpft schob er das kleine verwitterte Holzgatter, von dem die grüne Farbe absplitterte, auf und schlurfte über den groben Kies hinüber zur Haustür eines ehemaligen Jagdanwesens.

Der Klingelknopf aus Messing aktivierte einen Vierstufen-Gong, bei dem der dritte Ton am tiefsten und lautesten zu sein schien. Man hörte keine Schritte hinter der Tür und daher schrak Michael ein wenig zurück, als sich die Tür plötzlich öffnete. Vor ihm stand eine große, übergewichtige Frau in einer weißen Schürze mit einem Servierhäubchen auf dem Kopf. Seine Tante musste ja ziemlich gut bei Kasse sein, wenn sie sich eigenes Personal leisten konnte.

„Sie wünschen, bitte?“

„Ich möchte zu Frau Bönning!“ sagte Michael und überlegte, ob seine Tante womöglich reich geheiratet hatte und längst einen anderen Namen trug. Denn von Bönning hatte auf der Klingel nichts gestanden.

Die Frau in der Uniform sah ihn neugierig an. Offenbar konnte sie mit dem Namen Bönning nichts anfangen.

„Salino?“ rief sie plötzlich. „Gott, du bist aber groß geworden!“

Salino? Michael hatte diesen Spitznamen schon lange nicht mehr gehört. Aber es stimmte schon, früher hatten ihn alle in der Familie Salino genannt. Früher, als er noch eine Familie gehabt hatte.

„Ähm, ja“, stotterte Michael verunsichert. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihn auch heute noch jemand so nennen würde. Außerdem hatte er seine Tante zwar als große Person in Erinnerung, aber eigentlich eher schlank. Diese Frau, die gerade einen Schritt auf ihn zu gemacht hatte und ihn kräftig, zu kräftig, wenn es nach ihm ginge, an sich drückte, war dick geworden. Eigentlich fast schon fett.

Aber das musste Tante Franziska sein. Niemand sonst würde ihn heute noch Salino nennen. Salino erwiderte die Umarmung halbherzig und wartete, bis Franziska ihn wieder frei gab.

„Was machst du denn hier?“ fragte Franziska und schien sich richtig zu freuen. „Dich habe ich ja schon ewig nicht mehr zu sehen gekriegt!“

„Tja, das ist so eine Sache“, zögerte Salino mit der Tür ins Haus zu fallen. „Kann ich reinkommen?“ fragte er, als seine Tante unschlüssig in der offenen Tür stehen geblieben war.
„Ja sicher“, sagte Franziska. Sie führte ihn durch den Flur und bog noch vor dem Wohnzimmer links in die Küche ab. „Setz dich. Ich habe gerade Kaffee gekocht. Du trinkst doch schon Kaffee, oder?“

„Ja danke.“

Salino wartete, bis seine Tante ihm eine Tasse, Milch und Zucker bereitgestellt hatte. Dann wollte er doch nicht weiter drum herum reden und beschloss, die Sache gleich auf den Punkt zu bringen.

„Ich bin arbeitslos und total abgebrannt“, eröffnete er die Unterhaltung. Damit war das Unangenehmste wohl auf dem Tisch.

Franziska sah ihn sprachlos an. Offensichtlich hatte sie mit so etwas überhaupt nicht gerechnet.

„Ein Dach über dem Kopf habe ich auch nicht!“ fügte Salino zögernd hinzu und rührte den Zucker um. Er war wohl völlig übermüdet. Erst, als er nicht wusste, was er mit dem gebrauchten Löffel anstellen sollte, fiel ihm auf, dass er sonst nie Zucker in den Kaffee tat.

Franziska starrte ihn immer noch entgeistert an. Jetzt wäre eigentlich der Punkt gewesen, an dem sie hätte sagen sollen: „Armer Junge, mach dir keine Sorgen, bis du was findest, kannst du erst mal hier unterkriechen.“ Aber das tat sie nicht.

Salino befiel eine dunkle Vorahnung.

„Tja ich dachte, ich könnte für eine Zeitlang hier unterkriechen, nur solange bis, …“

„Ausgeschlossen“, rief Franziska. „Völlig ausgeschlossen. Das geht nicht.“ Sie schüttelte energisch den Kopf.

Mit einer so schroffen Ablehnung hatte Salino nun doch nicht gerechnet.

„Du siehst doch, wie die Sache liegt“, fuhr Franziska nach einer kurzen Pause fort. „Ich arbeite hier als Haushälterin und habe nur ein kleines Zimmer unter dem Dach. Da kann ich dich beim besten Willen nicht unterbringen. Und auch wenn, müsste ich erst Frau Weppert fragen und die hat im Moment ganz andere Sorgen.“

Salino hatte nicht gewusst, dass seine Tante hier arbeitete. Solange er denken konnte hieß es nur, dass sie in Höxter wohnte. Sein Vater hatte früher immer gesagt: „Ach, die weiß doch gar nicht, was Sorgen sind!“ Also hatte Salino natürlich gedacht, seine Tante sei reich, denn das einzige, worum sein Vater sich damals sorgte, war Geld.

„Nun schau mich nicht so an“, knurrte Franziska. Salino hatte gar nicht gemerkt, dass er sie mit offenem Mund angestarrt hatte. „Ich würde dir ja wirklich gerne helfen, aber es geht nicht!“

„Was geht nicht?“ fragte eine schneidende Stimme scharf.

„Frau Weppert!“

Salino drehte sich um. In der Tür stand eine brünette, für ihr fortgeschrittenes Alter recht gut aussehende Frau. Ihre Haltung verriet, dass sie nicht lange auf eine Antwort warten würde. Ihre Kleidung war ein wenig hausbacken, aber strahlte auch eine gewisse Eleganz aus, wie es Kleidung einer gewissen Preisklasse eigen war. Jedenfalls, sofern man nicht völlig geschmacklos einkaufen ging. Das hier war eindeutig die Herrin des Hauses.

„Sind Sie von der Polizei?“ fragte Marianne den jungen Mann am Tisch direkt. Vermutlich hatte ihr dieser magenkranke Kommissar einen Aufpasser vorbei geschickt.
„Polizei?!“ fragte Salino und es klang wohl mehr nach einer Feststellung, als nach einer Frage.

„Hab ich mir doch gedacht! Und was geht jetzt nicht?“ wandte sich Marianne an ihre Haushälterin.

„Nein, nein!“ Franziska wischte mit der Hand durch die Luft. „Das ist ein Missverständnis, Madame. Das ist mein Neffe, … Salino … Er wollte mich für ein paar Tage besuchen und ich sagte ihm gerade, dass das derzeit nicht möglich ist.“

Frau Weppert warf einen flüchtigen Blick auf Salino, dann auf Franziska. „Machen Sie ihm eines der Gästezimmer fertig, natürlich kann er bleiben.“

Seine Tante schien sich gar nicht zu freuen.

„Aber die … die Beerdigung und all das … Doch nicht jetzt in diesem Durcheinander!“

„Unsinn! Wir haben in Kürze sowieso das Haus voller Gäste. Vielleicht kann Ihnen der junge Mann da etwas zur Hand gehen.“

Für Frau Weppert schien der Fall damit erledigt zu sein. Sie drehte sich auf den Absätzen um.

„Ach, ich erwarte gleich die Herren von der Polizei. Führen Sie sie bitte in die Bibliothek. Sie sollen dort warten, ich muss mich erst mal frisch machen.“

„Ja, Madame.“

Franziska drehte sich ihrem Neffen zu. „Na schön, du bleibst über Nacht und morgen verschwindest du wieder. Hier geht es im Moment wirklich drunter und drüber. Haben wir uns verstanden?“

Salino nickte. Zumindest heute Nacht würde er in einem richtigen Bett schlafen können.