Die gefesselten Pinguine

Die Plaudertaschen

So viel gab es da gar nicht zu tun. Mechthild erwies sich als nahe am Wasser gebaute Pragmatikerin. Sie hatte längst alles organisiert und sich keineswegs in ihre Trauer zurückgezogen.

Wer jedoch nicht wirklich vorbereitet war, war Petra. Sie hatte in der Eile überhaupt nichts Schwarzes in den Koffer gepackt und nun musste sie sich dringend neu einkleiden. Sehr dringend, weil die Beerdigung schon am Nachmittag war. Mechthild organisierte unterdessen weiter.

*

Das Angebot mit der größten Auswahl an Damenbekleidung hatte Stockmüller, das einzige Bekleidungsgeschäft in Rauschenbach. Es war nicht nur eine Frage des Patriotismus hier zu kaufen, sondern Petra hoffte auch etwas mehr über ihren Bruder zu erfahren.

Und richtig. Die beiden Verkäuferinnen waren geschwätziger, als ein Reisebus voller schwuler Friseure.

„Ich hab’s ja immer gesagt …“, behauptete Frau Stockmüller, während sie Petra vorn die nachtschwarze aber auch fast durchsichtige Bluse zuknöpfte. “Einen beigefarbenen BH können sie darunter aber nicht tragen. Sylvia hol doch mal einen schwarzen Doreen. 95D?”

Petra nickte stumm. Wie beim Friseur mochte sie es nicht sonderlich, wenn sie in die Rolle eines Kindes zurückgedrängt wurde. Sie konnte sich schon seit Jahren selbst anziehen. Aber Frau Stockmüller ließ es keinesfalls zu, dass man ihr schlechten Service nachsagte.

„Was haben Sie schon immer gesagte?“ fragte Petra mit zähneknirschender Geduld nach.

„Wie? Ach so … Das mit der Mühle, das musste ja Unglück bringen!“

Frau Stockmüller hatte ihr die Bluse wieder ausgezogen, den schwarzen Büstenhalter aus der ziemlich zerdrückten Packung gefischt und ihr sorgfältig angelegt. Sie versuchte ihn zu schließen.

„Das wird knapp.“

„Was war denn mit der Mühle?“

„Also kleinere Modelle haben wir nicht da. Das ist schon unsere kleinste Größe. Wir legen uns ja Nichts hin, was wir nicht verkaufen können.“

„95D ist schon gut. Das ist meine Größe“, behauptete Petra genervt.

„Also die Körbchen ja, aber hier im Unterbrustbereich, als da sehe ich ja eher eine 90.“

„Ich werde bei der Beisetzung tief einatmen und die Luft anhalten. Dann geht das schon.“

„Wenn sie meinen. Aber … Sylvia, wie siehst du das?“

Jetzt fummelten schon zwei Frauen an ihren Brüsten herum. Dabei wollte sie doch nur etwas Schwarzes für die Beerdigung kaufen.

„Das reicht jetzt. Ich werde gut essen, vor und bei der Beerdigung, dann passt das schon …. Also, wie war das jetzt mit der Mühle?“

„Mit der Mühle? Ach ja, … Sylvia sieht doch mal nach, ob wir so kleine Hüfthalter überhaupt im Lager haben. Ich glaub es fast nicht.“

Petra platzte gleich der Kragen.

„In Schwarz, ja!“

„Ist klar.“

Petra schaute der Tochter von Frau Stockmüller nach, die sich eine schmale Stiege in den Keller hinabzwängen musste. Schon der Nachwuchs trug hier BH-Größe 100F. Was Frau Stockmüller selbst anging, wollte Petra gar nicht darüber nachdenken. Aber es lag sicherlich irgendwo im hinteren Drittel des Alphabetes. Überhaupt, was gingen sie jetzt die BH-Größen der Dorfprominenz an? Sie musste das Gespräch wieder auf den Punkt …

„Wer sich mit dem Bürgermeister anlegt, das kann ja nur schiefgehen“ kam Frau Stockmüller ihr zuvor. „Der wollte die Mühle damals auch kaufen. Aber der alte Siebert wollte ja partout nicht an ihn verkaufen. Angebote hat er ihm gemacht. Eins besser als das andere. Aber nein. Und als der Mathias dann gekauft hatte, wollte der Bürgermeister natürlich, dass der jetzt an ihn weiter verkaufte.“

„Warum?“ fragte Petra die hellhörig geworden war und es störte sie jetzt nicht weiter, dass die zwei Frauen ununterbrochen an ihrer Unterwäsche herum zupften und dabei wenig zufrieden schnauften. Vielleicht war das ja auch nur ihre natürliche Kurzatmigkeit.

„Weiß man nicht genau …“, mischte sich nun auch Sylvia mit ein. „Ich glaube, der wollte einfach verhindern, dass sich Öko-Matjes hier im Dorf noch weiter ausbreitete.“

„Öko-Matjes?“

„Ja, den Spitznamen hat der Mathias hier schnell weg gehabt. Weil er ja aus Hamburg kam und weil bei ihm alles Öko sein musste. Das hat den anderen hier ganz schön gestunken. Wenn da so ein Fischkopp kommt und meint alles besser machen zu müssen. So, als wenn die anderen Bauern hier nur ungesundes Zeug herstellten.“

„Na, und dann ja noch die Sache mit der Mechthild. Die war ja eigentlich dem Hannes versprochen. Das war schon fest abgemacht. Den Hof hat der alte Kühn schon immer im Kalkül gehabt“ sinnierte Frau Stockmüller.

„Welcher Hannes?“

„Na, dem Kühn sein Sohn! … Vom Bürgermeister!“

„Ach, und der sollte die Mechthild heiraten“, fragte Petra interessiert nach.

„Ja, natürlich. Die Äcker von Mechthilds Hof liegen doch zwischen denen vom Kühn und seinem Hof. Außerdem ist es mit das beste Ackerland hier in der Gegend. Nur sehr wenig Steigung. Das hätte der Kühn sich damals gerne gegriffen. Aber dann tauchte ja der Öko-Matjes ier im Dorf auf“, erzählte Frau Stückmüller, während sie Petra in den Rock half.

„Wo die Liebe hinfällt. Aber mit der Mechthild wäre der Hannes sowieso nicht glücklich geworden“, behauptete Sylvia. „Die hat sich doch nie gefügt, das war schon bei ihrem Vater so. Die hat immer gemacht, was sie wollte.“

Die beiden Frauen richteten sich ächzend auf.

„So!“ stellte Frau Stockmüller zufrieden fest. „Ich glaube so können wir sie auf den Friedhof lassen, was?“

Petra betrachtete sich im Spiegel. Man könnte meinen, sie sei die Witwe. Und man könnte ebenso meinen, dass sie sich gleich in der Kondolenzreihe einen Nachfolger aussuchen wollte. Der Rock war deutlich zu kurz, reichlich eng und die Bluse viel zu transparent. Aber darüber wollte Petra mit den beiden Verkäuferinnen jetzt nicht diskutieren. Sie hatte genug gehört.

Sie ließ die Sachen gleich an, was sie sonst bestenfalls einmal in einem Schuhgeschäft getan hatte, und nahm ihre alten Sachen in der Tüte mit. Dann zahlte sie und machte sich auf den Weg zum Friedhof.