Die gefesselten Pinguine

Kein Suizid, niemals

„Selbstmord?! Im Leben nicht!” stellte Petra empört fest. „Nicht Mathias, nicht mein Bruder. Nie im Leben.“

Sie nahm die Brille ab, weil einige Tränen auf den Gläsern Flecken hinterlassen würden.

„Mechthild! Ich lege jetzt auf und mache mich auf den Weg. In drei Stunden bin ich spätestens bei dir.”

Es war jetzt nicht so, dass Petra zu ihrem Bruder ein besonders inniges Verhältnis gehabt hätte, aber es war nun mal ihr Bruder. Auch wenn er damals diese Bäuerin geheiratet und aufs Land gezogen war, hatten sie den Kontakt nie ganz verloren.

Petra überlegt nicht lange und wählte die Nummer ihres Abteilungsleiters. Sie hatte weiß Gott genug Urlaub und Überstunden angehäuft, um sich nun ein paar Tage Zeit zu gönnen.

Das sah Herr Strombusch naturgemäß ganz anders, aber Petra ließ sich nur ungern die Butter vom Brot nehmen. Entweder eine Woche Urlaub oder er hätte morgen eine Krankschreibung auf dem Tisch. Vor einer Kündigung hatte Petra keine Angst. Sie liebte ihre Arbeit bei der Versicherung und sie war wirklich gut darin. Sie könnte jederzeit die Firma wechseln, weil gute Ermittler bei der Schadensregulierung immer gesucht wurden.

Das musste dann auch Strombusch einsehen. Und nein, sie würde für sein Entgegenkommen nicht mit ihm essen gehen. Zum hundertsten Male: „Nein.“

Da Petra regelmäßig auf Dienstreise ging, hatte sie ihre Sachen immer halb gepackt. Nur, was man auf so einem Bauernhof tragen könnte, das wusste sie jetzt nicht. Die einzigen Hosen in ihrem Schrank waren ihre Reithosen. Kurzentschlossen schmiss sie sie samt der Stiefel in eine Extratasche und machte sich auf den Weg.

*

Rauschenbach war ein kleines verträumtes Kaff inmitten des Sollings. Hier gab es düstere Wälder, steile Hügel und jede Menge Wildschweine. Eines davon hatte sich gerade in diesem Moment entschieden die Straße zu überqueren. Eine eher unglückliche Entscheidung, denn Petra kam genau dort mit 110 km/h um die Ecke.

Petra war nicht in der Laune zu bremsen. Schon gar nicht, wenn sie dabei riskierte von der Straße abzukommen. Sie hatte genug Wildschäden begutachtet, um zu wissen, dass die Sau weniger Schaden verursachen würde, als die Zwischenlandung im Straßengraben.

„Hau ab!“ schrie sie durch die Windschutzscheibe und hielt das Lenkrad fest in beiden Händen.

Die Sau schien zu ahnen, dass Petra nicht bremsen oder ausweichen würde, denn sie schwang energisch ihre Schinken und sprang im letzten Moment von Fahrbahn. Petra hätte schwören können, das ihr Ringelschwanz einen langen Kratzer an ihrer Seitenwand gezogen hatte, so knapp war das. Aber im Rückspiegel war von der Sau schon nichts mehr zu sehen. Sie war ins Unterholz gesprungen und brauchte wohl, ähnlich wie Petra, ein paar Sekunden, um das ausgeschüttete Adrenalin zu verdauen.

„Rauschenbach, ich komme!“ rief Petra immer noch leicht erregt, als sie mit 80 km/h das Ortsschild passierte. Dabei wurde sie zwar nicht wirklich geblendet, aber gesehen hatte sie den Blitz schon. Eigentlich genauso klar und deutlich, wie die Kelle, die nur hundert Meter weiter rausgehalten wurde und sie zum Anhalten auf der Bushaltestelle zwang.

„Was denn?“ fragte Petra die junge Polizistin mit Pferdeschwanz und dem passenden Gebiss.

„Sie waren zu schnell“, erklärte die Polizistin.

„Ich hab es eilig. Ich muss zu einer Beerdigung!“ verteidigte sich Petra und nahm im gleichen Moment den Widerspruch in diesem Satz wahr.
„Sie hätten lieber langsamer fahren sollen, dann wären sie auch schneller da!“ Das war jetzt auch nicht wirklich widerspruchsfrei. Und es war dieser naturbelassene Frohsinn, den die Beamtin ausstrahlte, der Petra so richtig sauer aufstieß.

„Das glaube ich kaum. Und im Übrigen, sollten Sie Ihre Zeit lieber damit verbringen ihre Schweine vernünftig zu hüten. Grad eben wäre mir so eine Wildsau beinahe vors Auto gelaufen.”

„Da stehen überall Schilder für Wildwechsel. Haben Sie die nicht gesehen?“

„Ja doch Herrgott, da ist von springenden Rehen die Rede, aber nicht von 160 Kilo-Schweinen mit Borstenpanzer und vergilbten Hauern.“

„Ich dachte es war eine Sau“, freute sich die Polizistin, die wohl durch Nichts aus der Ruhe zu bringen war. Ganz anders als Petra.

„Es geht ums Prinzip!“ zickte Petra zurück.

„Schön, dass sie das auch so sehen!“

Das war die Einleitung, zum Höhepunkt des Tages einer jungen Beamtin, die sich in den Wäldern des Sollings eigentlich nur zu Tode langweilte.
Die allgemeine Verkehrskontrolle.

Sie zog das ganze Programm durch, inklusive Kontrolle der Motor- und Fahrzeugrahmen-Nummer. Das dauerte und dauerte. Schließlich mussten da eine Menge Ziffern Stück für Stück abgeglichen werden.

Petra knurrte leise in sich hinein. Ihr war klar, dass jedes weitere Wort ihr Leiden jetzt nur noch verlängern würde.

Und dann kam zu der Geldstrafe wegen überhöhter Geschwindigkeit auch noch ein Bußgeld für das abgelaufene Verbandpäckchen hinzu.
„Okay!“ knurrte Petra und unterschrieb, was zu unterschreiben war, nahm den Papierkram an sich und schwor, dass das Bußgeld für das Erste-Hilfe-Päckchen von Strombusch bezahlt werden würde. Das hier war schließlich ein Firmenwagen. Da durfte man wohl von einer ordnungsgemäßen Grundausstattung ausgehen.

*

So früh hatte Mechthild ihre Schwägerin noch gar nicht erwartet. Sie nahm Petra in die Arme schluchzte halblaut: „Mit so etwas hat doch keiner gerechnet. Wirklich nicht.“

Die Umarmung war Petra sichtlich unangenehm. Streng genommen kannte sie ihre Schwägerin kaum. Und so viel Nähe zu anderen Menschen war Petra generell nicht geheuer. Zudem fühlte es sich irgendwie seltsam an, eine Frau zu umarmen, weil ihre Brüste dabei gegeneinander stießen. Und Mechthild trug wohl einen ähnlich steifen Büstenhalter wie sie selbst. Das war eigenwillig hinderlich und führte bei Petra zu der Vorstellung, dass jeden Moment, durch die Reibung erzeugte, kleine blaue Blitz von Brust zu Brust springen müssten.

„Wo ist es denn passiert? Hier?“ fragte Petra und versuchte sich aus der Umarmung zu lösen.

„Nein, nein. Nicht hier!“ schluchzte Mechthild. “Oben bei der Mühle ist es passiert.”

„Bei welcher Mühle?“

„Ach, Mathias hat doch letztes Jahr die alte Wassermühle oben am Hang gekauft. Er wollte sie umbauen zu einer Ölmühle. Wir haben so viele Walnussbäume und daraus wollte er Öl gewinnen, weil sich die Nüsse selbst so schlecht verkaufen lassen.“

„Aha!“

Ihr Bruder hatte schon immer einen leichten Tick gehabt. Lieder hatte er seine spinnerten Ideen auch immer irgendwie umgesetzt. Niemand in der Familie war jemals Landwirt. Doch Mathias wollte, seit er 12 Jahre alt war, Bauer werden und davon war er nicht abzubringen gewesen. Bereits mit 16 war er nach Rauschenbach gezogen und hatte auf allen möglichen Höfen gearbeitet und mit 25 hatte er es geschafft und endlich einen eigenen Hof erworben.

„Und wo ist diese Mühle?“

„Oben am Rauschenbach, schon fast außerhalb des Dorfes.“

„Kannst du mich da hinbringen?“

„Warum?“ fragte Mechthild mit einer leichten Beklemmung in der Stimme.

„Ich würd es mir gern mal ansehen“, antwortete Petra vorsichtig.

Vielleicht war es doch eine zu große Belastung für ihre Schwägerin. Sie selbst aber musste den Ort sehen, an dem sich ihr Bruder sich erhängt haben sollte. Einfach schon, weil sie die Erwartung hatte dort ein Gefühl dafür zu bekommen, ob es wirklich ein Selbstmord war oder nicht.

*

Die Mühle lag ein wenig ab von der Ortschaft. Zu Fuß vom Hof her war sie jedenfalls nicht zu erreichen.

Petra hielt den Wagen an und stierte erwartungsvoll durch die Windschutzscheibe. Aber Erkenntnisse kamen ihr dabei nicht. Wohl aber, als sie ausstieg und ihre Pumps sofort ein wenig in dem moosigen Waldboden versanken. Sie spürte, wie sich ihre Nylons im Schuh mit Wasser vollsaugten und die Kapillarkräfte der seidigen Fasern die Feuchtigkeit und Kälte langsam aber unaufhaltsam ihre Beine hinauf kriechen ließ.

Das war natürlich nur Einbildung. In Wirklichkeit kam die Kälte von der Vorstellung, dass ihr Bruder noch gestern dort oben im Giebel gehangen haben sollte.

„Da an dem Balken mit der Umlenkrolle, dort hat er gehangen.“

Petra ignorierte Mechthilds Schluchzen und schaute zu dem Dachbalken hinauf.

„Er hat sich draußen erhängt?“ fragte sie ungläubig.

Sie hätte nicht sagen können, warum sie in diesem Moment nicht mehr an einen Suizid glaubte, aber sie wusste jetzt einfach, dass ihr Bruder umgebracht worden war. Das war schrecklich, aber es beruhigte sie auch irgendwie.

Sie stapfte durch den nachgiebigen Boden bis zu dem Scheunentor. Sie sah hinauf, aber da gab es nichts zu entdecken.

„Kommen wir da irgendwie rein?“ fragte sie Mechthild.

„Vielleicht durchs Büro.“

Mechthild schien sich wieder gefangen zu haben. Mit ihren breiteren Absätzen fiel es ihr weit weniger schwer, den, mit dicken, runden Steinen versetzten, Weg bis zur Mühle hinauf zu stapfen.

An der Tür des Büros war ein Polizeisiegel angebracht.

„Vielleicht können wir durch das Fenster“, schlug Mechthild vor und zeigte auf eine Sichtöffnung ohne jede erkennbare Dämmfunktion.

Vermutlich war das Fenster über 100 Jahre alt. Es bestand aus einem Metallgerüst mit stumpfen Scheiben, die durch dicke, unförmige Kitwülste gehalten wurden.

„Vielleicht!“ Petra rüttelte an dem Fensterrahmen, aber das Fenster war wohl seit 50 Jahren nicht mehr geöffnet worden.

„Das würde ich lieber lassen!“ ertönte eine kräftige, tiefe Männerstimme, die keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Forderung aufkommen ließ.

Petra und Mechthild drehten sich irritiert um.

„Bruhns. LKA Hannover“, stellte sich der unscheinbar gekleidete Mann vor. „Ich leite hier die Ermittlungen und was sie da …“

„Was für Ermittlungen?“ fuhr Petra dazwischen. Man konnte ihr einen Schreck einjagen, aber einschüchtern konnte man sie nicht.

„Also, das geht ja wohl nur …“

„Ich bin seine Schwester. Also! Was für Ermittlungen? War es doch kein Selbstmord?“

Bruhns vom LKA war bis auf zwei Meter an die Frauen herangekommen und schaute Petra sturr in die Augen.

„Bislang ist das meine bevorzugte Theorie. Solange nichts dagegen spricht, ist alles gut. Wissen Sie, so ein Suizid ist ja weit weniger Papierkram, …“

„Weniger Papierkram?“ Petra mochte diesen Kerl auf Anhieb. Sie hatte häufiger mal mit dem LKA zu tun, meistens bei Brandstiftungen. Dieses Exemplar hier, war einer der ganz abgebrühten Ermittler. „Mein Bruder hat sich nicht umgebracht, das ist doch wohl sonnenklar!“

Bruhns zögerte mit einer Antwort. Er zögerte ein bisschen zu lange und Petra wusste, dass da etwas war, was er nicht erzählte.

„Außer dem Fehlen eines Abschiedsbriefes deutet bislang so ziemlich alles auf einen Suizid hin“, erklärte Bruhns.

„Aber Sie bleiben dran?“ wollte Petra von ihm wissen.

„Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, deshalb können Sie hier auch nicht rein.“

„Wann?“

Bruhns fischte etwas aus seiner Jackentasche und steckte es sich in den Mund. Männer, die Kaugummi kauten, waren eigentlich nicht ihre Sache.

„Wann also?“ hakte sie energisch nach.

„Die Leiche ist bereits freigegeben. Morgen, nach der Beerdigung, werden die Siegel entfernt. Können Sie sich so lange gedulden?“ fragte Bruhns und musterte Petra eindringlich.

Sie machte sich gerade und schob die Brust ein wenig vor.

„Abgemacht, morgen nach der Beerdigung. Und sie machen derweil ihre Arbeit gründlich, ja?!“

Bruhns zuckte leicht zusammen. Seine Miene verfinsterte sich. Er machte seine Arbeit immer gründlich. Zu gründlich. Er nahm sich noch eine Maaloxan und warf sie ein. Das war wieder so ein Fall, der seinen Magen leicht zum Überkochen brachte.

„Komm Mechthild, wir haben noch einiges zu tun, bis zur Beerdigung.“