Die gefesselten Pinguine

Die Nacht in der Mühle

Einen wirklichen Plan hatte Petra nicht, aber sie beschloss, vor dem Abendessen noch einmal die Mühle zu besuchen. Vielleicht fand sie dort ja irgendwelche Hinweise, die sie weiterbrachten. Schließlich war sie inzwischen Eigentümerin des Gebäudes und es war von der Polizei freigegeben.

In der untergehenden Sonne wirkte das alte Steingemäuer geradezu romantisch. Sich hier umzubringen wirkte hingegen eher absurd.

Petra öffnete das hölzerne Tor unter dem Giebel, in dem Mathias sich angeblich erhängt hatte und hoffte von hier aus ohne ein Brecheisen ins Büro zu kommen.

„Haa!“ entfuhr ihr ein kleiner Aufschrei.

In der geöffneten Tür stand schemenhaft eine Gestalt.

„Ich vermute sie brauchen das hier!“ behauptete Bruhns und hielt ihr einen Schlüsselbund hin.

„Mann, haben Sie mich erschreckt!“

„Ich dachte mir schon, dass eine wie Sie keine Zeit verlieren wird, deshalb bringe ich Ihnen die Schlüssel lieber selbst vorbei, bevor Sie hier unnötigen Schaden anrichten.“
„Bruhns! Herrgott. Müssen Sie hier immer so herum schleichen?“

Bruhns zog die Schultern hoch. „Vielleicht habe ich ja doch etwas übersehen.“

„Und?“

„Nichts.“ Bruhns fischte sich wieder ein Kaugummi aus der Jackentaschen. „Außerdem wollte ich mich von Ihnen verabschieden. Ich kann meinem Abteilungsleiter meine Anwesenheit hier, durch nichts mehr rechtfertigen und muss zurück nach Hannover!“

„Das ist doch Unsinn. Die Sache stinkt, das wissen Sie genau!“

„Ich habe einen leichten Gestank in der Nase, das ist wahr, aber ich habe keinen einzigen stichhaltigen Ansatzpunkt gefunden, der eine weitere Ermittlung rechtfertigt.“

Petra war enttäuscht. Sie hatte mehr Vertrauen in Bruhns gesetzt.

„Aber!“ grunzte Bruhns und gab Petra seine Visitenkarte. „Geben Sie mir einen einzigen vernünftigen Grund und ich bin in zwei Stunden wieder hier. Rufen Sie mich an. Tag oder Nacht.“

„Das wird schneller sein, als Sie denken“, behauptete Petra zuversichtlich. Sie wußte das Bruhns Recht hatte und das er ein anständiger Kerl war, der sein Bestes gegeben hatte.
Sie gaben sich schweigend die Hand und als Bruhns sich umdrehte und zu seinem Wagen ging, rief Petra ihm noch mal nach: „Danke!“

Traurig sah sie Bruhns nach, der sein Auto an dem keinen Waldweg geparkt hatte, der an der Mühle vorbei, weiter hinauf auf den Berg führte.

*

„Dann mal los!“ seufzte Petra und suchte den Schlüsselbund nach einem Schlüssel ab, der zur Bürotür passen könnte.

Zwei kam in Frage. Es war natürlich der Zweite.

Irgendwie erwartete Petra ein schwergängiges Knatschen, als sie die Tür öffnete. Aber die Scharniere waren gut geölt und die Tür ließ sich leicht aufschieben.

Ordnung, war das halbe Leben, aber nicht ihres Bruders. Sein Schreibtisch quoll über von Papieren, es gab keine Ablagefächer. Aktenordner lagen kreuz und quer in einem kleinen Regal hinter dem Schreibtisch, daneben stand ein Eischrank. Recht neben dem Fenster befand sich ein Waschbecken, das Petras Meinung nach bestenfalls als Viehtränke dienen konnte und links neben dem Eingang stand ein altes Messingrahmenbett auf dem weiß-blau gestreifte Bettwäsche achtlos durcheinander gewürfelt lag.

Mit einem Wort. Das Chaos.

Petra setzte sich an den Schreibtisch und nahm wahllos Papiere und warf einen Blick darauf. Rechnungen, Werbung für Highspeed-Internet Anschlüsse, die es in dieser Pampa wohl frühestens im Jahr 3080 geben würde, Weinproben im Geschenkkarton mit Zufriedenheitsgarantie und unkündbarer Abo-Option, das übliche eben.

Das einzige Papier, was etwas mit der Mühle zu tun hatte, war ein Angebot für ein neues Mahlwerk. 28.000 Euro mit Einbau. Festpreisgarantie von Fischer und Söhne aus Hildesheim. Offenbar plante Mathias, die Hütte hier ordentlich zu sanieren. Dann daran geheftet fanden Sie noch zwei weitere Angebote, die Umbaumaßnahmen dieses Gebäudes betrafen.

Petra beschloss mal einen Blick auf das Kernstück der Mühle zu werfen. Den Raum mit dem Mahlwerk.

Der Hauptraum der Mühle war riesig, allerdings durch drei eher niedrigen Deckenebenen beschränkt. Ein Teil der Decken, war heraus gerissen, ebenso wie das alte Mahlwerk. Somit war in dem Raum ein Loch bis hinauf zum Dach entstanden. Mit den Resten der ehemaligen Laufstiege und Bodenkonstruktionen wirkte das wie eine Galerie über drei Etagen. Eigentlich war das ganz schön. Mit ein bisschen Arbeit könnte man da bestimmt etwas draus machen.

Petra setzte sich draußen neben dem Tor auf wackelige Bank. Hier musste eigentlich alles erneuert werden. Sie starrte gedankenverloren auf den roten Glutball, der an der Kante des gegenüberliegenden Hügel aufzuprallen schien.

Es war wirklich schön hier, das musste sie zugeben. Mit einem Schlückchen Rotwein liesse sich der Sonnenuntergang wohl noch besser genießen. Petra machte sich auf die Suche.

Nein, kein Wein. Sie warf einen Blick auf den Eisschrank, obwohl sie wußte, dass ihr Bruder nicht so ein Kulturbanause war, dass er den Rotwein dort aufbewahren würde. Dafür fand sie aber drei Flaschen Jever.

„Auch gut“, dachte sie, wenngleich ihr der Sinn eigentlich nacht etwas Härterem stand.

Kalt war das Bier und sie genoss den ersten noch leicht bitteren Schluck auf ihrer neuen Lieblingsbank, vor dem Haus, als ihr etwas durch den Kopf schoss.

Sie sprang auf und begann nach einem Eingang zum Keller zu suchen. Aber da war keiner. Sie durchsuchte die gesamte Mühle, aber fand einfach nicht das, was sie erwartet hatte.

Den Sonnenuntergang hatte sie knapp verpasst, als sie sich einen weiteren Schluck von dem inzwischen lauwarmen Bier gönnte und die Nummer von Bruhns wählte.

*

„Womit sich ihr Bruder so hat volllaufen lassen? Wie meinen Sie das?“ fragte Bruhns, der es hasste beim Autofahren zu telefonieren.

„Na, ich habe nur drei Flaschen Jever in der Mühle gefunden. Sonst nichts. Auch in den Mülltonnen, keine Spur von harten Getränken. Hinter der Tür zum Büro standen noch zwei leere Flaschen Jever und das war‘s. Wie hat er damit auf über 3 Promille gebracht?“

Es dauerte ein wenig, bis von Bruhns eine Antwort kam.

„Vielleicht hat er die Flasche in den Müll geworfen und der ist zwischenzeitlich geleert worden.“

„Seien Sie nicht albern Bruhns. Mein Bruder leert doch keine Flasche Whiskey und geht dann auf dem Weg sich aufzuhängen noch an der Mülltonne vorbei, um die leere Flasche ordnungsgemäß zu entleeren. Haben Sie das Chaos hier gesehen? Das war mein Bruder!“

Wieder zögerte Bruhns dem zuzustimmen. Durch die Fahrgeräusche klang seine Stimme abgehackt. „Ich werde morgen bei der KTU klären, ob die irgendwelche Flaschen sichergestellt haben.“

„Tun Sie das. Und wenn nicht, dann kommen Sie gleich wieder zurück, ja?“

Diesmal zögerte Bruhns mit der Antwort nicht. „Wenn ich keine Erklärung dafür habe, wie ihr Bruder den Alkohol zu sich genommen hat, bin morgen Mittag wieder da, versprochen!“

Zufrieden mit diesem Ergebnis legte Petra auf, sie genoss den Rest des lauwarmen und des noch gekühlten Bieres auf ihrer neue Terrasse und ging erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder ins Büro, um auf dem Messingbett einen unruhigen Schlaf zu finden.

*

Der Schlaf kam schneller als erwartet. Das Bett war zwar eine Zumutung, aber das Bier half darüber hinweg.

Vermutlich wäre Petra morgens sogar einigermaßen ausgeruht aus den Federn gekommen, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. So was von kalt. Unerträglich kalt.

Petra wachte fröstelnd kurz nach Mitternacht auf. Laut war es außerdem. Es knackte ununterbrochen und das Büro war taghell erleuchtet. Allerdings flackerte das Licht.

Petra hatte eine Gänsehaut und ein heftiger Wind pfiff durch alle Mauerritzen. Sie brauchte eine Moment, bis ihr klar wurde: Es brannte!

Sie sprang in ihrer Unterwäsche aus dem Bett und riss die Tür auf. Sie erwartete das die gesamte Mühle in Flammen stand, doch so war es nicht. Das Feuer loderte laut knisternd vielleicht fünfzig Meter von der Mühle entfernt. Dort brannte der trockene Wald.

Es war ein Glück, das die Flammen noch nicht auf das Haus übergriffen hatten. Der Wind stand einfach günstig und trieb das Inferno eher vom Haus weg. Allerdings flogen immer wieder Funken in ihrer Richtung und die Flammen verursachten diesen kalten Wind, der sie geweckt hatte.

Petra rief die Feuerwehr an. Es klingelt siebzehn mal bis jemand abnahm.

„Hier brennt der Wald!“ rief sie ins Telefon.

„Wer ist denn da?“ fragte eine verschlafene Stimme.

„Petra Mosch. Und es brennt hier im Wald, direkt bei der Mühle am Rauschenbach.“

„Haben Sie versucht den Brandherd mit einem nassen Handtuch auszuschlagen?“ fragte die Stimme am Telefon mürrisch.

„Mit einem nassen Handtuch?“ Petra stockte der Atem. Ja, hatten die hier noch alle Tassen im Schrank? „Ich stehe hier mitten in einem Flammenmehr!“ schrie sie in den Hörer, auch um das Stürmen und knacken zu übertönen, das doch auch auf der anderen Seite der Leitung zu hören sein musste.

„Ja, meinen Sie, dass da die Feuerwehr nötig ist?“

„Ob ich meine, das die Feuerwehr ... Mit wem spreche ich denn überhaupt?“

„Walther!“

„Hallo!“

„Walther, wach auf. Hier ist irgendwer für die Feuerwehr!“

„Hallo!“ rief Petra wieder und wieder in das Telefon, aber niemand antwortet ihr.

„Feuerwehr Rauschenbach“, meldete sich dann endlich eine weitere verschlafene Stimme.

„Ja, super! Hier brennt der halbe Wald!“

„Wo denn etwa?“

„Direkt an der Mühle beim Rauschenbach. Kommen Sie jetzt endlich mal?“

Petra betrachtete voller Sorge die vielen Funken, die auf dem Dach der Mühle landeten. Es war nur eine Frage der Zeit bis, ...

„Keine Panik, gute Frau. Wir sind in nullkommanix da!“

„Mühle am Rauschenbach!“ brüllte Petra zur Sicherheit noch einmal, obwohl man die Flammen auch unten im Dorf sehen musste. Das war ja kein Lagerfeuer hier.
Die Leitung war aber bereits unterbrochen und statt einer Antwort ging nun unten im Dorf die Sirene los.

„Na endlich!“ fluchte Petra und rief ihre Schwägerin an.

Mechthild traf noch vor der Feuerwehr ein. In ihren Gummistiefeln und dem geblümten Nachthemd, sah sie etwas absonderlich aus. Aber sie zögerte nicht lang und schnappte sich eine Decke und tränkte sie mit Wasser.

„Hol die Leiter“, rief sie Petra zu.

Eine Minute später, waren die beiden Frauen auf das Dach der Mühle geklettert und schlugen mit nassen Decken auf die glühenden Geschosse ein, die drohten ihren Dachstuhl in Brand zu setzten.

„Haben Glück, wie der Wind steht“, keuchte Mechthild und schlug unablässig mit der schweren Decke um sich.

Unten flackerten endlich die Blaulichter der freiwilligen Feuerwehr auf.

*

Ein grüner Mercedes Benz mit einem Blaulicht auf dem Dach fuhr auf den Hof und ein dicker Mann in Jagdkleiddung quälte sich unglenk aus dem Auto.

Gleich hinter ihm hielt ein betagter Unimog und ein Rüstwagen aus den 70er Jahren. 8 Feuerwehrmänner zogen ihre Uniformen zurecht und bestaunten das Feuer.

„Da können wir nix machen!“ war die einhellige Meinung. „Das geht da unten an der Schnellstrasse eh von selber aus.“

„Ich denke Ihr seid die Feuerwehr!“ schrie Petra die Männer an und wischte sich mit dem Unterarm Ruß und Schweiß aus dem Gesicht.

Die Männer starrten Petra an, als ob sie von einem anderen Stern wäre. Dann wurde ihr klar, dass sie nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet war.

„Noch nie eine Frau in Unterwäsche bei der Brandbekämpfung gesehen?“ fauchte Petra.

„Das wäre war für unseren Feuerwehrkalender“, schlug einer der Männer vor.

„Oder als Maskottchen, vor auf dem Wagen!“

Petra kochte vor Wut und war kurz davor handgreiflich zu werden. „Wollt ihr jetzt löschen oder nur spannen?!“

In diesem Moment mischte Förster aus dem Mercedes ein.

„Nehmt die Sägen und schlagt da hinten zum Acker vom Ellerbeck eine Brandschneise ein. Das steht noch Weizen, den müssen wir ja nun nicht verlieren. Und hier vorne nehmt ihr auch die Bäume weg. Wir wollen doch nicht, dass unsere schöne Mühle abbrennt.“

Murrend und zögernd machten sich die Männer ans Werk.

„Mehr können wir nicht tun. Zum Löschen haben wir nicht genug Wasser“, behauptete der Wehrführer.

„Was?“ fauchte Petra. „Da vorn ist ein drei Meter breiter Bachlauf und Sie werden doch wohl ein paar Pumpen dabei haben!“

„Pumpen haben wir schon“, behauptete der Wehrführer, aber keinen Diesel dafür. „Der Kanister mit dem Diesel ist wohl irgendwie verschütt gegangen!“

Petra war fassungslos. Was war das denn für ein Haufen?

„Das wird ein Nachspiel haben!“ drohte Petra dem Förster. „Ich werde mich beim Bürgermeister persönlich beschweren!“

„Nur zu junge Frau, aber jetzt sind wir im Einsatz und müssen Ellerbecks Ernte retten. Sie entschuldigen mich ...“

*

„Was sind das denn für Idioten hier?“ fragte Petra, als sie wieder mit einem neuen nassen Handtuch auf dem Dach gegen die Funken kämpfte.

Allmählich liess der Funkenflug nach. Das Feuer schien sich wirklich tot zu laufen. Allerdings bestand nach wie vor die Gefahr, dass sich der Wind drehte.

Mechthild lachte atemlos auf. „Du bist eine Zugereiste, was erwartest du?“

„Ich erwarte das die Feuerwehr ihre Arbeit macht. Das erwarte ich.“

„Genau wie Mathias, der hat auch immer geglaubt, das sich hier irgendjemand um Recht und Ordnung schert ...“

„Mit mir nicht. Ich werde mich gleich morgen beim Bürgermeister und der Polizei beschweren!“

„Warum warten“, fragte Mechthild sarkastisch. „Der Bürgermeister ist der Kerl da unten in der Tracht und die Polizei kommt da gerade.“

Tatsächlich fuhr inzwischen auch die Polizei auf dem Hof vor.

Die Dienst habende Beamtin war eine gute Freundin von Petra, eine die es sehr genau nahm, wenn es um Verbandspäckchen und Fahrgestellnummern ging.

*

„Wie haben Sie denn den Brand verursacht?“ wollte Petras Lieblingspolizistin auch sogleich von ihr wissen.

„Was habe ich?“

„Vielleicht eine brennende Zigarette? In den Sommermonaten kommt das häufig vor. Diese Städter begreifen nicht wie trocken hier das Unterholz werden kann. Da genügt ein Funke ...!“

„Ich rauche nicht“, fuhr Petra dazwischen. „Und ich habe den Brand auch nicht verursacht, sondern lediglich gemeldet.“

„Ist aber Ihr Grundstück, das gebrannt hat!“

„Ja, dann ist es ja wohl umso unwahrscheinlicher, dass diesen Brand gelegt habe, oder!“

„Ich weiß nicht“, sinnierte die Polizistin. „Versicherungsbetrug oder einfach nur Langeweile? Na, das wird sich schon noch heraus stellen. Bitte melden Sie sich morgen um 10 Uhr zur Aussage auf dem Revier!“

Petra schüttelte den Kopf. Irgendwie kam sie mit diesem Dörflerwahnsinn nicht so richtig klar. Versicherungsbetrug? Sie! Na denn.

Allmählich brannte das Feuer herunter. Die meisten Flammen, waren jetzt weiter hinten, in der Nähe der Bundesstrasse zu sehen. Um ihr Haus herum rauchten verkohlte Baumreste und es sah aus, wie in einem Kriegsgebiet. Funken flogen nicht mehr und Mechthild hatte erschöpft die Decke vor die Mülltonne geschmissen.

„Komm“, sagte sie. „Hier oben kannst du nicht bleiben. Zieh dir was über, dann fahren jetzt erst mal runter auf den Hof und duschen uns diesen Brandgeruch vom Leib.“

Die Mühle selbst hatte zwar nichts abgekriegt, aber der Geruch nach Verbranntem hing überall in der Luft. Hier konnte sie tatsächlich nicht bleiben.

*

Es war wohl gegen halb vier, als Petra und Mechthild auf dem Hof eintrafen. Schlafen, würde Petra heute sicher nicht mehr, dazu war sie viel zu aufgedreht.

Die Ausstattung der Badezimmer auf Mechthilds Hof ließ Petras Meinung nach zu wünschen übrig. Sehr funktional aber auch sehr grün. Trotzdem war Petra froh unter der heißen Dusche zu stehen. Ihre Haut fühlte sich klebrig an und sie roch, als wenn sie drei Tage in einer Studentenkneipe übernachtet hätte.

„Weiß du“, hörte sie Mechthild Stimme undeutlich durch das rauschende Wasser, „ich glaube, den Brand hat jemand gelegt. Jemand, der möchte, dass du hier so schnell wie möglich wieder verschwindest.“

Daran hatte Petra natürlich auch schon gedacht, wenngleich ihre Gedanken in diesem Moment eher um die Frage kreisten, wieso sie eigentlich gemeinsam mit ihrer Schwägerin, die sie ja kaum kannte, das Bad benutzte.

Petra war nicht prüde, aber gemeinsam ein Badezimmer zu benutzen, war jetzt nichts, was sie mit ihren sonstigen Bekannten tat. Sie zögerte, das Wasser abzustellen, weil sie dann die Duschkabine verlassen musste und sich zwangsläufig nackt vor ihrer Schwägerin zeigen musste. Doch das Zögern hatte wenig Sinn, denn Petra wusste ja, dass Mechthild darauf wartete, ebenfalls die Dusche benutzen zu können.

Sie ließ sich noch einmal kälteres Wasser durchs Gesicht laufen, um die Müdigkeit zu vertreiben und stellte das Wasser ab.

„Ich glaube, das ist das Werk des Bürgermeisters. Der will doch die Mühle haben und das Feuer ist ja so gelegt worden, dass die Mühle nicht beschädigt wurde“, überlegte Mechthild.

Petra öffnete die Schiebetür aus Kunststoff und trat vorsichtig auf das Handtuch vor der Duschwanne. Einen Moment dachte sie daran ihre Arme vor der Brust zu kreuzen, doch dann entschied sie sich, dass sie vor ihrer Schwägerin nichts zu verbergen hätte.

Mechthild stand völlig unbekümmert und unbekleidet einen Meter vor ihr und hielt ihr ein großes, geblümtes Badehandtuch hin.

Petra nahm es und begann sich mit offnem Mund abzutrocknen. Fast hätte sie etwas gesagt.

Mechthild hatte eine Figur, die man unter den Kittelkleidern und Schürzen, die sie gewöhnlich trug, so gar nicht wahrnehmen konnte. Ein mächtiger, birnenförmiger Hintern, endete mit sanftem Schwung über die Beckenknochen in einer extrem schmalen Taille. Ihr Bauch wölbte sich spitz nach vorn heraus und ihr relativ schmaler Brustkorb trug die leicht abgeflachten, aber prallen Brüsten, die rechts und links weit herausragten und ihr Kreuz noch schmaler wirken ließ. Ihre Arme und Beine hingegen hätten jeden Jungbodybuilder die Tränen in Augen getrieben.Sie waren muskulös und definiert wie auch ihr Rücken. Mechthilds ganzer Körper bildete eine sehr bauchige und bodenständige Acht. Auch war sie längst nicht so dick, wie die anderen Schönheiten hier im Dorf, aber von Schlank auch weit entfernt. Kräftig wäre wohl der richtige Begriff.

Petra war es aus dem Fitnessstudio gewöhnt, das Frauen sich gegenseitig auf Fehler und Problemzonen musterten. Mechthild aber tat das nicht. Sie stieg unbekümmert in die Duschwanne und gab leichte Seufzer von sich, als das warme Wasser auf ihren Körper einprasselte.