Salino & die Furien

Romanauszug

Kurz nach neun. Etwas zu spät vielleicht. So groß war die Summe nun auch wieder nicht, dass man dafür jemanden spät abends vom Esstisch zurückpfiff. Andererseits ging es ums Prinzip. Webermann war in diesem Fall der Verantwortliche und Walther würde ihn spätestens morgen früh zur Rede stellen.

Er schob die Papiere zu einem kleinen Stapel zusammen. Jetzt wollte er sich noch die Belege des vorigen Monats ansehen. Walther hoffte stark, dass er nicht auch dort fündig wurde. Das ganze konnte sich leicht als umfangreiches Betrugsmanöver entpuppen. Doch das Telefon hielt ihn vorerst von seinem Vorhaben ab.

Seine Frau! Walther fasste sich erschöpft an die Stirn. Marianne klang nicht gerade begeistert, als er sagte, dass er noch einige Zeit im Büro zu tun hätte. Sie wartete mit dem Essen auf ihn. Vermutlich hatte er vergessen, dass heute sein 21. Hochzeitstag war. Und seine Frau dachte nicht daran, ihn davon in Kenntnis zu setzen.

*

Marianne hatte sich nach allen Regeln der Kunst zurecht gemacht und saß bereits seit zwei Stunden vor einem schön gedeckten Tisch, mit einem inzwischen kalten Braten und verloschenen Kerzen. Es war nicht das erste Mal und es würde auch nicht das letzte Mal bleiben, dass sie vergeblich auf ihren Mann wartete.

Seine Firma ging ihm halt über alles. Marianne seufzte und legte enttäuscht den Hörer auf. Sie würde nicht länger warten. Erfahrungswerte. Das hätte nun wirklich keinen Zweck. Sie zog die Brillanten bestückten Ohrclips ab und warf sie achtlos auf den Tisch. Dann stieg sie wutgelähmt die Treppe hinauf, um ihren Ärger in einem entspannenden Kräuterschaumbad zu ertränken.

*

Walther hatte wohl gespürt, dass seine Frau enttäuscht war. Er hatte sich natürlich gefragt, ob sie dafür einen bestimmten Grund hatte. Früher hätte er sich einfach gesagt, dass wieder mal Alarmstufe Rot angesagt war. Doch darüber war sie, soviel er wusste, längst hinweg. Im Moment war Walther einfach zu beschäftigt, viel zu beschäftigt, um daran übermäßig viele Gedanken zu verschwenden. Es blieb ein Abend der verpassten Möglichkeiten.

Vielleicht, wenn er das feine Gehör einer Fledermaus oder einer Katze gehabt hätte, dann hätte er wenigstens eine geringe Chance gehabt, das Einrasten des Schalldämpfers in den Lauf der vernickelten 45er Automatik zu hören. Zumindest aber das Klacken der Pfennigabsätze auf dem frisch gewischten Linoleum-Fußboden unmittelbar vor der Tür zu seinem Büro wäre ihm nicht entgangen. Aber all das hörte er nicht. Er bekam nicht einmal mit, dass seine Bürotür langsam und leise geöffnet wurde.