Monika Subowski

Romanauszug

„Wenn ich das vielleicht noch einmal sehen könnte?“

„Aber gerne“, sagte Moni und ließ sich von Solinger die Tür aufschließen. Als sie vor ihrem Wagen stand, überlegte sie einen kurzen Moment lang, ob sie sich jetzt nicht lieber absetzen sollte. Aber wenn Herr Solinger unredliche Absichten gehabt hätte, dann hätte er es bereits versucht, als sie beide allein im Laden waren. Außerdem waren sie endlich bis zur Bestellung gekommen. Das war mit Sicherheit der ganz falsche Zeitpunkt, um in den Sack zu hauen.

„Ja, das meine ich“, sagte Solinger, als er die Tür wieder verschlossen hatte.

Moni hatte vorsorglich den ganzen Kleidersack mit in den Laden geschleppt. Wer wusste schon, was der Kerl als nächstes sehen wollte?
„Wenn Sie es mal anziehen könnten?“

„Wie bitte?“

„So kann ich die Kleider nicht richtig einschätzen. Ich habe da kein Auge für. Schließlich bin ich nicht vom Fach.“

Moni zögerte.

„Hier können Sie sich umziehen.“ Solinger hatte den Vorhang der Kabine aufgerissen.

Moni zögerte immer noch. Dann dachte sie ans Geschäft und betrat die Kabine. Hinter dem geschlossenen Vorhang wartete sie zwei Minuten. Sie hatte sich überlegt, dass Herr Solinger vielleicht versuchen könnte, sich plötzlich zu ihr zu gesellen. Womöglich, wenn er glaubte, dass sie gerade halb ausgezogen wäre. Aber nichts geschah.

„Sind Sie soweit?“ fragte er irgendwann ungeduldig.

Moni hatte noch nicht einmal angefangen sich um zuziehen.

„Ja, ja, einen Moment noch!“

Dann zog sie sich hektisch das gelbe Strandkleid an und präsentierte sich darin Herrn Solinger.

Der saß in einem Sessel neben dem Spiegel und bat sie ein wenig in dem Kleid auf und ab zu gehen, damit er sich rundherum einen Eindruck verschaffen könnte. Moni tat ihm widerwillig den Gefallen. Er sollte den Bogen besser nicht überspannen.

Herr Solinger bestellte das Kleid in der üblichen vierfachen Ausfertigung. Dann wollte er nach und nach den gesamten Rest der Kollektion sehen. Moni knurrte innerlich und machte sich an die Arbeit. Sie beeilte sich beim Umziehen und vergaß irgendwann den Vorhang ganz zu schließen. Im Spiegel sah sie auf einmal, wie Solinger durch den Spalt schielte und versuchte sie beim Umkleiden zu beobachten. Rasch zog sie den Vorhang ganz zu.

Von diesem Kleid bestellte Solinger sechs Exemplare. Außerdem stellte Moni fest, dass die Anzahl der Bestellungen mit der Länge, des auf und ab Flanierens vor ihm anstieg. Herr Solinger schien einen übermäßigen Gefallen daran zu finden Frauen beim Umziehen zu beobachten. Probehalber ließ Moni bei dem letzten Kleid den Vorhang mit Absicht ein wenig offen stehen. Und richtig, von dem letzten Kleid ihrer aktuellen Kollektion bestellte Solinger den größten Posten.

Moni fand das irgendwie unseriös auf diese Art und Weise ihrer Kleider, im wahrsten Sinne des Wortes, an den Mann zu bringen. Aber was waren Geschäfte schon anderes als Kaufen und Verkaufen. Und wenn sich Autoreifen mit nackten Frauen besser verkaufen ließen, wer sollte ihr dann einen Vorwurf machen, wenn sie ein bisschen was von sich sehen ließ? Wenn es doch den Umsatz steigerte?

Herr Solinger jedenfalls schien vollauf zufrieden zu sein. Und Monis Bestellbuch war besser gefüllt, als sie zunächst erwartet hatte. Das hatte zwar Zeit gekostet, aber so lief das Geschäftsleben eben, mal so, mal so.

Wenn sie natürlich vorher gewusst hätte, dass Herr Solinger nur Kleider kaufte, die sie ihm persönlich präsentiert hatte, dann hätte sie seinen Termin erstens von vornherein zum Feierabend hin gelegt und sich zweitens die drei Termine sparen können, die sie umsonst gekommen war und sich nur die Geschichten über seine verstorbene Frau angehört hatte.