Kapitel 40

Letzte Freiheiten

Schwarz stand Frau Bruckner ausgezeichnet. Es gab ihr etwas Elegantes. Vor allem der Hut mit dem kleinen schwarzen Netz vorm Gesicht. Es waren weit mehr Trauergäste erschienen, als Martin erwartet hatte. Irgendwo inmitten all der Unbekannten reihte er sich in den Zug ein. Frau Bruckner sah aus der Ferne aus, als ob sie jeden Moment in Tränen ausbrechen würde und gestützt werden musste. Ein kurzes Lächeln blitzte auf, als Martin ihr vor dem Grab die Hand reichte und sein Beileid aussprach. Doris und Werner schienen völlig unbeteiligt. Sie wirkten nervös und zerfahren, hatten wohl keine Lust, die trauernden Kinder zu mimen. Gleich beim anschließenden Leichenschmaus nutzten sie die Gelegenheit, um sich zu verabschieden. Martin ahnte wo sie so schnell hin mussten. Frau Bruckner hielt sie nicht auf. Martin blieb bis zum Schluss der Trauerfeier. Als die letzten Gäste gegangen waren, brachten er und ein alter Schulfreund von Herrn Bruckner sie zu Fuß nach Hause. Vom Friedhof aus war es nicht sonderlich weit. Der Schulfreund beeilte sich, Frau Bruckner zu stützen. Wohl aber weniger wegen der Trauer, als mehr wegen der zwölf oder vierzehn Aquavit, die sie zum Essen verputzt hatte. Martin trabte bedächtig neben den beiden her. Seine Hoffnung, kurz mit Frau Bruckner unter vier Augen sprechen zu können, schien sich zu zerschlagen. Der alte Knacker ließ sich selbst vor der Tür kaum abwimmeln. Als sie es endlich geschafft hatte, und Martin und der Alte schon auf dem Weg durch den Vorgarten waren, rief sie ihnen plötzlich nach: „Ach Martin, du bist doch so stark, vielleicht könntest du mir gerade noch die schwere Bücherkiste in den Keller tragen. Sie steht hier im Flur nur im Weg.“

Bevor der Alte auch nur die geringste Chance hatte, zu betonen, dass er noch nicht zum alten Eisen gehörte und seine Muskelkraft feil bieten konnte, hatte Martin mit zwei flotten Sätzen die Tür erreicht.

„Aber gerne Frau Bruckner, sofort.“

„Wir sehen uns dann, Albert. Und vielen Dank noch mal.“

„Gott sei Dank!“, rief Martin leise, als im Flur stand.

„Das kannst du laut sagen“, sagte Frau Bruckner und stöhnte erleichtert auf, nachdem sie die Haustür geschlossen hatte.

Martin sah sich nach der Kiste um. Da war keine. Jedenfalls konnte er jetzt mit Frau Bruckner über die Vormundschaft sprechen. „Ich muss übrigens noch dringend mit Ihnen reden, Frau Bruckner“, setzte er vorsichtig an.

„Später“, grunzte Frau Bruckner und stieg die Treppen hoch. „Komm jetzt.“

Martin sah ihr verblüfft hinterher. Sie knöpfte sich schon beim Treppensteigen ihre Kostümjacke auf. Als Martin hinter ihr ins Zimmer kam, lagen Rock und Bluse bereits auf dem Fußboden herum.

„Du hast doch Lust, hoffe ich?“ sagte sie und ließ sich rückwärts auf Bett fallen.

Martin sah zu, dass er aus den Klamotten kam und folgte ihr. Sie war selten so laut und fröhlich gewesen. Nach einer guten halben Stunde saß sie auf seinem Becken und griff nach einigen Weintrauben, die neben dem Bett standen. Sie aß gerne Obst. Frau Bruckner grinste breit und fragte: „Wie gefällt dir das?“

„Gut.“

Sie ließ ihr Becken gemächlich kreisen, aß eine weitere Handvoll Trauben und lachte. Dann nahm sie endlich den Hut ab. Sie beugte sich vor und stopfte Martin eine Traube in den Mund.

„Und jetzt hole ich meinen kleinen Liebling endlich zu mir. Du willst doch schnellstens raus aus diesem Irrenhaus, oder?“

„Was ist mit Doris und Werner?“

„Was soll sein? Wenn es Probleme gibt, lösen wir sie. Darin sind wir doch Weltmeister?“

„Ganz sicher sogar!“ sagte Martin belustigt und genoss die über 200 Pfund Wollust, die ihn gleich darauf unter sich zu begraben schienen.

Ende